Schlagwort-Archive: Bastei Lübbe

[NEWS] Ellen Jacobi – Rentner sind besser als ihr Ruf

Henriette von Aschberg ist fassungslos: Ihr Adoptivbruder Konstantin setzt alles daran, das Hochhaus zu entmieten, das ihnen je zur Hälfte gehört. Er will es abreißen, auf dem Grundstück lukrative Eigenheime errichten lassen und sich damit eine goldene Nase verdienen. Für die Altmieter empfindet er nichts als Verachtung, Henriette dagegen bedeuten sie alles. Zusammen mit ihren Freunden schmiedet die alte Dame einen Plan, um das Haus und die langjährige Gemeinschaft zu retten. Wie gut, dass sie in der Eifel noch ein altes Jagdschloss besitzt, in das sie und ihre Freunde sich einstweilen zurückziehen können … (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 348 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Kjell Ola Dahl – Die Frau aus Oslo

Oslo, 1942. Die Stadt ist von den Nazis besetzt. Esther kämpft im Widerstand – bis sie verraten wird. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht nach Schweden. Ihre Familie jedoch wird deportiert. In Stockholm trifft Esther den Widerstandskämpfer Gerhard Falkum, der ebenfalls aus Oslo geflohen ist. Er steht unter Mordverdacht an seiner Frau. Ein Verdacht, der nie ausgeräumt wurde und Esther Jahrzehnte später noch beschäftigt. Denn zurück in Oslo will sie herausfinden, was damals passiert ist … (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 432 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Terri-Lynne DeFino – Und am Ende das Meer

Im idyllisch gelegenen Seniorenheim Bar Harbor Home wohnt eine illustre Schar Künstler und Literaten. Auch die junge Cecibel hat dort nach einem Schicksalsschlag als Angestellte eine Heimat gefunden. Mit der Ankunft des todkranken Autors Alfonso Carducci fasst sie neuen Lebensmut und will ihrem Lieblingsautor die verbleibende Zeit möglichst angenehm gestalten. Doch auch sie hat Alfonsos Herz berührt, und heimlich setzt er mit letzter Kraft alles daran, Cecibels Glück auf die Sprünge zu helfen.
(Verlagsinfo)


Broschiert: 416 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] M. C. Beaton – Hamish Macbeth hat ein Date mit dem Tod

Constable Hamish Macbeth schwebt mit der schönen Priscilla auf Wolke sieben. Aber als in deren Tommel Castle Hotel acht hoffnungsfrohe Mitglieder eines Single Clubs einchecken, kehrt für die beiden wieder die Realität ein. Am eigentlich romantisch geplanten Wochenende läuft alles schief, was schief laufen kann. Der tragische Höhepunkt: Eine Frau wird tot aufgefunden. In ihrem Mund: ein Apfel. Hamish steht vor einem großen Rätsel. Fest steht nur: Auf jeden Fall ein Sündenfall … (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 224 Seiten
Bastei Lübbe

Dan Brown – Sakrileg

Religiöse Schnitzeljagd

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Warnung: Keinesfalls vor einer Prüfung oder ähnlich wichtigen Ereignissen anfangen – man kann das Buch kaum aus der Hand legen!

Der Autor

Dan Brown war genau wie Stephen King zuerst Englischlehrer, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. „Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen“, meint die Verlagsinformation. „Diese Kombination ist es auch, die den weltweiten Erfolg des Autors begründet. ‚Illuminati‘, der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Brown, gelangte innerhalb kürzester Zeit auf Platz 2 der Bestsellerliste.“ Auf welche, wird nicht verraten. Vielleicht weiß Ford Prefect mehr. „Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.“ Na, das klingt doch direkt nach einer Co-AUTORIN!

Jeder darf nun online ein Sakrileg begehen: Mehr Infos sowie ein „Sakrileg“-Online-Spiel gibt’s auf der deutschen Homepage http://www.dan-brown.de

Handlung

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University, weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnische Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunière liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis. Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei, am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Sie kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei, schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb mussten der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunière hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer nun wem welches Geheimnis wo, wann und wie abjagt, darum drehen sich die restlichen 450 Seiten. Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört.

Mein Eindruck

Ich habe diesen spannenden und sehr leicht zu lesenden Roman in nur wenigen Tagen ausgelesen. Sehr einfach zu lesen ist das Buch deshalb, weil die doch recht vielschichtige geschichtliche Materie, um die es geht, stets fein säuberlich erklärt wird. Was der Symbolologe Langdon nicht versteht, erklärt ihm die Codespezialistin Sophie Neveu. Und umgekehrt.

Als beide zu einem Spezialisten fahren, den Langdon kennt, kommen noch tiefe historische Dimensionen hinzu. Wenn alle drei nicht mehr mit ihren Entschlüsselungsversuchen weiterkommen, gibt es ja immer noch Spezialbibliotheken, auch solche auf dem modernsten technischen Stand.

Und wenn selbst das nicht mehr hilft, um die Rätselsprüche, die Jacques Saunière hinterlassen hat, aufzuklären, muss die gute alte Eingebung und Intuition herhalten. Denn nicht jeder Freund, der sich als solcher ausgibt, stellt sich am Ende auch als solcher heraus. Und wenn man in die Mündung einer Pistole schaut, bringt das die kleinen grauen Zellen ungemein auf Trab.

Die Akteure

Auch die Charakterisierung der drei oder vier Hauptfiguren ist recht schlicht gestrickt. Langdon ist unser ganz normal naiver Harvardprofessor mit einer Phobie vor engen Räumen – Fahrstühlen beispielsweise. Sophie lernen wir am besten kennen, denn ihre Familiengeschichte und ihre Ausbildung stellen sie an eine ganz besondere Position innerhalb des Themas, das ich bislang noch nicht verraten habe und auch nicht werde.

Schließlich sind da noch die Schurken: Der körperlich außergewöhnliche Mörder des Museumsdirektors, ein Albino, ist ein williges Werkzeug zweier Meister. Der eine davon ist der Opus-Dei-Bischof, doch der andere ist lediglich als „der Lehrer“ bekannt. Um die Spannung aufrechtzuerhalten, bleibt dessen wahre Identität lange Zeit im Dunkeln, nur um dann umso stärker zu schockieren. Das ist sauber ausgetüftelt.

Good old Europe

Ohne nun das zentrale Thema zu verraten, kann man doch sagen, dass einem amerikanischen Leser der alte Kontinent Europa wie das reinste Kuriositätenkabinett dargeboten wird. Dies erfolgt in Form einer Schnitzeljagd: ein gelöstes Rätsel führt zum nächsten und so weiter, immer tiefer in die Vergangenheit: von der Kreuzigung über die Kreuzzüge und Tempelritter bin hin zu modernen Geheimbünden.

Der Autor macht den Leser selbst zum Codeknacker, Symbolkundler, Rätsellöser – kurzum: zum Geheimdienstler à la NSA oder CIA. Wir sind dann alle kleine oder große Spykids, genauso wie es die Großmeister der Bruderschaft stets waren. Leonardo da Vinci, auch ein Spykid, verschlüsselte seine Botschaften, wie es schon die alten Juden zu Jesu Zeiten taten. Und der Museumsdirektor des Louvre, in da Vincis Nachfolge, baute die codegeschützten Nachrichtenbehälter da Vincis nach.

Donald Rumsfelds spitzes Wort gegen „das alte Europa“, auf das die europäische Intelligentsia so hochmütig selbstbewusst reagierte – hier, in Dan Browns Roman, nimmt es für jeden Amerikaner Gestalt an. Und wenn wundert’s da noch, dass es am Schluss der Ami Langdon ist, dem doch noch die Lösung des Rätsels in den Schoß fällt. Wenigstens erweist er der Offenbarung seine Reverenz. Na, das ist doch schon mal was.

Unterm Strich

Als hätte ihm seine werte Gattin, die Kunsthistorikerin, die geistige Feder geführt, liefert Dan Brown zwar wieder mal einen routinierten Mystery-Thriller ab. Doch dieser spielt mit so vielen geschickt verpackten Hinweisen aus der Kunstgeschichte, dass sich der Leser nicht wie in einem Seminar vorkommt, so wie bei einer sehr anschaulichen Führung durch die Museen und Bibliotheken Europas. Dass dabei noch Mörder, Geheimbünde und die Polizei sowieso hinter den Helden herjagen, tut der Spannung gut, die bis fast zum Schluss aufrechterhalten bleibt. Übrigens finde ich die Übersetzung mit den zahllosen Übersetzungen aus Latein, Englisch, Französisch, Hebräisch usw. sehr gelungen.

In jedem Fall lautet das Motto dieser literarischen Schnitzeljagd „Einer wird Millionär“. Und dreimal dürfen wir raten, wer das wohl sein wird.

Michael Matzer © 2004ff
www.luebbe.de

Eschbach, Andreas – Exponentialdrift

Der Autor

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Klonen) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Cyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt nahe Stuttgart.

Hintergrund

Das Buch beinhaltet ein umfangreiches „Making-of“ und erzählt, wie es zustande kam.
Frank Schirrmacher, der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), bat Eschbach um eine Serie in Form eines Fortsetzungsroman, wie ihn Charles Dickens anno 1837 schrieb. Die Folgen sollten wöchentlich in der Sonntagsausgabe erscheinen. Diese Form ist insofern einzigartig, als weder Stephen King noch W. Hohlbein so etwas machten, als sie ihre Romane in sechs Folgen – je eine pro Monat – schrieben, noch die Autoren jener in Fortsetzungen abgedruckten Romane. Denn deren Bücher lagen bereits fix und fertig vor, bevor sie aufgeteilt wurden.
Eschbach schildert seine Schwierigkeiten mit dieser Form und wie er sie bewältigte. Er betrachtet diesen Roman daher als Experiment

Handlung

Auf der Pflegestation einer deutschen Klinik erwacht ein Mann, der seit vier Jahren im Wachkoma gelegen hat. Die Welt und seine Frau Evelyn kennen ihn als Bernhard Abel, Programmierer. Doch die Welt um ihn herum kommt dem Mann seltsam verändert vor. In seinem Bewusstsein vermischen sich Erinnerungen Abels mit denen eines anderen Wesens. In ihm reden Stimmen durcheinander, die er zum Teil nicht versteht – so etwa das seltsame Wort „Exponentialdrift“. Und mit sich selbst, seiner angeblichen Abel-Identität, kann er sich am wenigsten identifizieren.

Evelyn Abel, die mittlerweile einen Liebhaber namens Wolfgang Lentz hat, möchte Bernhard, als sie ihn besucht, eigentlich nur ihm die Scheidung bitten. Sie hat allen Besitzstand wegen Abels Pflegekosten verloren und lebt in einer mickrigen Innenstadtwohnung. Doch als sie ihm gegenübersteht, nimmt er sie in die Arme und ist ein neuer Mensch. Allerdings ist sie überrascht, als er ihr gesteht, dass er denkt, er sei ein Außerirdischer, den es in den Körper eines Erdenmenschen verschlagen hat. Ist das eine Wahnvorstellung ähnlich der des Mathematikers Nash, dem Helden in dem Film „A Beautiful Mind“?

Dr. Röber jedenfalls, der Neurologe, der Abel behandelt, ist fasziniert. Bis er von einem Mann besucht wird, der sich auffallend für Abel interessiert und den Röber vor Jahren einmal gesehen hat: ein Armin Pallens – ebenfalls ein Patient, der aus dem Wachkoma erwachte, vor elf Jahren. Und elf Jahre davor gab es noch einen Fall. Röber kommt einer Verschwörung auf die Spur: Sind die Außerirdischen bereits unter uns?

Bernhard Abel ebenfalls. Denn er und Wolfgang Lentz, Evelyns neuer Freund, sind ehemalige Kollegen in einer Softwarefirma, die Steuerungsprogramme für Radioteleskope in aller Welt liefert. Und Lentz ist einer von vier Freunden, die der Erde mit Hilfe dieser Radioteleskope eine ganz besondere Überraschung bereiten wollen. Mit einer guten Absicht. Natürlich.

Mein Eindruck

Die rund 200 Seiten des Romans sind binnen weniger Stunden verschlungen, so spannend ist die sich herausschälende Story um zwei konkurrierende Verschwörungen. Dass jedem Kapitel ein paar aktuelle Nachrichtenmeldungen aus den Jahren 2001 und 2002 vorangestellt sind, spart weiteren Lesestoff ein. Es waren ja turbulente Zeiten, mit dem 11. September, Afghanistankrieg und so weiter.

Auch die 42 Folgen selbst bieten einiges an Rätseln, und Cliffhanger-Schlüsse zwingen praktisch zum Weiterblättern. Zwischendurch verschwinden Figuren und andere tauchen ganz unvermittelt auf, aber dies liegt in der Natur der Form des aktuell ausgerichteten Fortsetzungsromans begründet – siehe das Making-of. Von einem idealen Roman kann man hier jedenfalls nicht sprechen: Es ist und bleibt ein Experiment.

Zwischendurch fielen Eschbach ein paar witzige Szenen und Glanzlichter ein, so etwa die reichlich abgehoben wirkenden Science-Fiction-Fans in Dortmund oder der verzweifelnde Programmierer, dem Sonderzeichen in Passwörtern offenbar eine unvorstellbare Entweihung des Hacker-Kodexes sind.

Der Begriff „Exponentialdrift“ ist eine Erfindung Eschbachs, das gibt er zu. Es hat absichtliche Anklänge an die Wegenersche Kontinentaldrift der Landschollen, also etwas Unaufhaltsames und Unbeeinflussbares. Übertragen wird diese Eigenschaft auf die Ausbreitung des Menschen über das gesamte Universum. Laut Berechnung, die im Making-of-Teil grafisch dargestellt ist, würde die Menschheit, angefangen ab 2010, bis zum Jahr 3225 die gesamte heimische Milchstraße besiedeln und bis 4395 das gesamte bekannte Universum mit seinen 100 Mrd. Galaxien. Dieses Wachstum ist also exponentiell.

Nun ist natürlich die Frage berechtigt, ob diese Expansion dem Rest des Universums gefallen würde. Angesichts der Tatsache, dass der Mensch auf der Erde schon hunderttausende von Tier- und Pflanzenarten ausgerottet hat, wohl eher nicht. Entsprechend seiner Natur wird er mit dem Rest des Universums ebenso verfahren. Die Konsequenzen, die sich daraus für die Außerirdischen ergeben, sind ebenso offensichtlich wie zwingend. (Mehr darf ich hier nicht verraten, sonst ist die Pointe weg.)

Unterm Strich

Dies ist, obwohl ein Experiment, ein idealer Unterhaltungsroman für gebildete Leser – „dahinter steckt ein kluger Kopf“ könnte auf dem Buchdeckel stehen. Der Autor greift in seiner Story aktuelle, wenn nicht sogar jeweils tagesaktuelle Ereignisse auf (Fußball-WM) und versteht diese nutzbringend einzubauen.

Das Buch ist in wenigen Stunden gelesen. Dennoch kann man etwas nach Hause nehmen: Die Erkenntnis, wie eigenartig die Spezies Mensch auf ihrem Raumschiff Erde ist, welches mit 1600 km/h zum Sternbild Herkules rast. Und dass diese Eigenart dem Rest des Universums ganz schön Angst einjagen könnte. Herrje, sie jagt sogar uns selbst Angst ein, wie die grausigen Nachrichtenschnipsel belegen (11. September, Flugzeugunglücke, Chemieskandale, Asteroiden-Beinahetreffer usw.).

All dies führt hoffentlich dazu, dass der Leser die Vorgänge auf dieser Welt von einer höheren Warte aus betrachtet und entsprechend nachdenkt. Er kann sich ja trotzdem vom Buch unterhalten lassen. Es sind diese zwei Aspekte, die Schirrmacher veranlassten, Eschbach mit dem Romanprojekt für die Sonntagsausgabe der FAZ zu betrauen.

Homepage des Autors: http://www.andreaseschbach.de/

Michael Matzer (c) 2003ff

[NEWS] Mark Roberts – Totentage (Eve Clay 3)

Vor zehn Jahren hielt der Serienkiller Justin Truman Liverpool in Atem. Er folterte und ermordete Männer, die eines gemeinsam hatten: Sie waren polizeibekannte Pädophile. Truman wurde zwar gefasst, konnte aber bald fliehen und untertauchen. Bis heute existieren Websites, auf denen Fans ihn als Rächer der missbrauchten Kinder feiern. Als erneut Morde an Pädophilen begangen werden, muss sich DCI Eve Clay der Frage stellen, wer diesmal Selbstjustiz übt: Truman – oder etwa einer seiner Fans?
(Verlagsinfo)


Taschenbuch: 384 Seiten
Bastei Lübbe

Leo Born – Blutige Gnade

Ein Journalist wird brutal gefoltert und ermordert, kurz bevor er die Story seines Lebens veröffentlichen kann. Nur kurze Zeit später wird eine Frau in ihrem eigenen Haus ermordet. Ein misslungener Einbruch? Oder warum wurde nichts gestohlen?

Die Mordfälle geben Mara Billinsky Rätsel auf, und zwar genau zu einem Zeitpunkt, als ihre erste große Liebe wieder in ihr Leben tritt und dort anknüpfen möchte, wo die beiden einst auseinander gegangen sind. Maras Gefühle spielen verrückt – soll sie ihren Gefühlen nachgeben?

In der Mordserie, die bald munter weitergeht, tritt sie auf der Stelle und kann den entscheidenden Hinweis nicht finden. Was steckt hinter der Folter? Welche Story wollte der Journalist aufdecken?

Leo Born – Blutige Gnade weiterlesen

[NEWS] Tony Parsons – Die ohne Schuld sind: Detective Max Wolfes sechster Fall

Die allseits beliebte Jessica wird eines Abends direkt vor ihrer Wohnung entführt. Schnell stellt sich heraus, dass sie das falsche Opfer ist. Anscheinend sollte ihre Mitbewohnerin, die Geliebte eines Drogenbosses, entführt werden. Max Wolfe und sein Team machen sich mit Hochdruck daran, Jessica zu finden. Max ahnt nicht, welche Abgründe tatsächlich hinter dem Fall lauern. Und als Max und seine kleine Tochter Scout zufällig die Spur der Verbrecher kreuzen, befinden sich plötzlich beide im Fadenkreuz von Kriminellen, die vor nichts zurückschrecken … (Verlagsinfo)


Broschiert: 336 Seiten
Bastei Lübbe

Robson, Justina – Mappa Mundi

Anstrengende Rebellion gegen Gedankenkontrolle

Totale Gedankenkontrolle – ein (Alb-)Traum, mindestens so alt wie George Orwells [„1984“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1373 aus dem Jahr 1948. Doch die künftige Nanotechnologie in Verbindung mit Gentechnik wird es Regierungen erlauben, Steuerungsbefehle an Menschen zu verbreiten, die als unscheinbare Grippeviren übertragen werden. „Mit einem hatschi! wirst du ein anderer Mensch“, könnte man sagen.

Doch was kann man gegen diese Forschung unternehmen und wie kann der Erfolg erreicht werden? Die englische Wissenschaftlerin Natalie Armstrong macht es vor. Dass in ihrem Kampf auch Opfer nötig sind, ist unausweichlich. Dass die Welt eine völlig andere wird, sowieso …

Die Autorin
Justina Robson veröffentlichte diesen ihren zweiten Roman bereits 2001. Das Buch wurde nach Angaben des Verlags für den „Arthur C. Clarke Award“ als bester Science-Fiction-Roman des Jahres nominiert, erhielt ihn aber nicht. Und das wohl zu Recht.

Handlung

FBI-Sonderermittler Jude Westhorpe wird von seiner indianischen Halbschwester White Horse mit der Nachricht überrascht, ihr Haus im Cheyenne-Reservat sei niedergebrannt worden: ein Anschlag ihrer verrückten Nachbarin. Als sei es noch nicht merkwürdig genug, dass im verschlafenen Dörfchen Deer Ridge in Montana Mordanschläge verübt werden, erzählt White Horse zudem, dass sie ein merkwürdiges Gerät am Rande ihres Grundstück gefunden habe: Ob er sich das Teil wohl mal ansehen könne?

Bei seinen weiteren Nachforschungen stößt Jude auf ein supergeheimes, aber höchst illegales Experiment, das eine Regierungsbehörde, möglicherweise das Pentagon, in Montana ausführen ließ: Gedankenkontrolle. Dabei scheint etwas schief gegangen zu sein.

Doch wer forscht an Gedankenkontrolle? Jude findet heraus, dass ein ganzes weltumspannendes Netz von geheimen Labors daran forscht, wie man den menschlichen Geist chargiert und sein Verhalten beeinflusst. Das höchste Ergebnis dieser Forschungsbemühungen wird „Mappa Mundi“ genannt: eine Karte der Welt. Es wurde auch schon die erste Software zur Abbildung und Steuerung von Geistesvorgängen wie etwa Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung entwickelt: Mappaware. Leider gibt es schon den ersten „Quick&Dirty“-Programmcode, der es erlaubt, den damit Behandelten paranoid schizophren werden zu lassen – ein Hinweis auf das Geschehen in Deer Ridge?

Im nordenglischen York lernt Jude mit List und Glück die Wissenschaftlerin Natalie Armstrong, die weltbeste Mappaware-Forscherin, kennen und verliebt sich in die zunächst spröde Schönheit. Doch in seinem Hotelzimmer erlebt Jude merkwürdige Geisteszustände, die ihn unsicher werden lassen, ob er wacht oder träumt. Am nächsten Tag, an den er sich erinnert, liegt ein Aktenordner neben ihm: ein geheimes Dossier von den Teilnehmern an der Mappa-Forschung, darunter einige Kriminelle, vor allem ein Russe namens Michail Guskow. Auch Natalie, der er das Dossier im Vertrauen zeigt, ist geschockt: Die Akte weist Spuren ihrer weit zurückliegenden geistigen Krise auf.

Es sieht ganz danach aus, als würde das Paar von unbekannten Hintermännern manipuliert. Doch zu welchem Zweck? Unterdessen bemüht sich Judes FBI-Kollegin Mary Delaney, die zur gleichen Zeit einen hohen Rang im Nationalen Sicherheitskomitee der USA innehat, die potenziell verheerenden Folgen des militärischen „Feldversuchs“ in Deer Ridge einzudämmen. Wenn die anderen Nationen (die ja auch an Mappa Mundi forschen) herausfinden, dass etwas schiefgelaufen ist, werden sie über die USA herfallen und mit dem Finger auf die Verantwortlichen zeigen. Das wäre das Ende der Mappa-Forschung in den USA. Und dazu darf es nicht kommen.

Also lässt sich Mary Delaney breitschlagen, mit der Mappa-Forschung in Isolation und Untergrund zu gehen – zusammen mit Michail Guskow, der seine ganz eigenen Pläne mit Mary und Mappa hat. Zu ihrem Zankapfel wird Natalie Armstrong, als deren Experiment an einem Patienten in einer Katastrophe endet: Der Patient verschwindet vor den Augen der Beobachter, und Natalie selbst wird mit einem Virus namens Selfware infiziert. Schlagartig wird sie zur wichtigsten Person der Welt.

Nun beginnen einige sehr seltsame Vorgänge. Patient X ist nämlich in einen neuen Zustand verschwunden, zu dem ihn die Selfware von Mappa Mundi befähigt hat. Als Natalie sich mit ihm verbündet, erhält sie langsam wieder Oberwasser und kann Jude helfen. Für Mary Delaney aber wird die Zeit knapp.

Mein Eindruck

Ein Thriller nach altem Muster

Nachdem die wichtigsten Akteure jeweils in kurzen Szenen charakterisiert worden sind, beginnt die im Grunde wie ein Thriller aufgebaute Handlung. FBI-Agent Westhorpe will wissen, was mit seinem Volk in Montana passiert ist; Natalie Armstrong sucht neue Wege, mit Hilfe von Mappa-Technologie ihren hirngeschädigten Patienten zu helfen.

Doch das, was sie tun und lassen, geschieht ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einem engmaschigen Netz aus oftmals entgegengesetzten Interessen. Judes Schwester White Horse von den Cheyenne erhält eine Schlüsselrolle in der Auseinandersetzung zwischen Regierungsbehörden (Mary Delaney & Co.) und der konservativen Opposition. Natalies Schicksal kann über die Zukunft der gesamten Mappa-Forschung und somit über die geistige Freiheit des Menschen entscheiden. Zwischendrin entwickelt sich zwischen Jude und Natalie eine Liebesromanze.

Ein Wissenschaftsroman

Nun handelt es sich aber hierbei um einen Science-Fiction-Roman, in dem die Wissenschaften der Neurologie und der Kognitionsforschung eine zentrale Rolle einnehmen. So sehr also auch die menschlichen Begegnungen einen hohen Stellenwert innehaben, um die Handlung voranzubringen, so sehr wird dieses Tempo wieder von Kapiteln gebremst, in denen wissenschaftlicher Jargon das Verständnis erschwert – besonders dann, wenn die superintelligente Natalie doziert. Zum Glück kommen diese Abschnitte nur selten vor, aber sie sind anstrengend. Und außerdem vermitteln sie dem Leser den Eindruck, seine Geistesgaben reichten nicht aus, um das, was er liest, zu kapieren. Kein sonderlich angenehmes Gefühl, um es vorsichtig auszudrücken. [Schallendes Gelächter vom Lektor, das sofort in ein unterdrücktes Husten übergeht …]

Kein US-Roman

Wir haben es hier aber nicht mit einem Roman eines amerikanischen Autors zu tun, der von amerikanischen Lektoren für amerikanische Leser zurechtgestutzt wurde. In einem kurzen Satz dankt die Autorin zwei Redakteuren, ansonsten aber zwei Seiten lang den Informationslieferanten. Daher liegt das sprachliche wie kognitive Niveau dieses Romans nicht auf dem eines 13-jährigen Kindes, sondern auf dem von Erwachsenen. Da kann man schon ein paar anspruchsvolle Schilderungen sowie eine differenzierte Weltsicht erwarten.

Eine vielschichtige (komplizierte?) Welt

Außerdem befinden wir uns hier nicht mehr in der Welt von Heinlein oder Niven, sondern in der nahen Zukunft. Will heißen, dass sich verschiedenartigste Interessengruppen um den wissenschaftlichen Durchbruch, den Mappa Mundi darstellen könnte, reißen und zanken. Die Autorin schildert also verantwortungsvolle Wissenschaftler, die unter der Fuchtel von Militär und Regierungsbehörden tätig zu sein versuchen – nicht immer mit Erfolg. Und in ihren Reihen befinden sich mitunter Verräter.

Exemplarisch dafür steht der Kreis von Forscher, den Mary Delaney um Michail Guskow geschart und in eine abgeschottete Anlage in Virginia verbannt hat. Hier sollen die gewünschten Ergebnisse erbracht werden. Doch Guskow ist ein gewitzter Bursche, der Natalie, als sie hier eintrifft, beeindruckt. Leider weiß er nicht, was er mit Mappa Mundi anstellen soll: Er weiß nur, dass er ein Utopia, eine „perfekte Welt“ mit „perfekten Menschen“ schaffen könnte. Die entsprechenden Botschaften lassen sich mittels Viren in Blitzeseile über die ganze Welt verbreiten.

Die Frage ist also letzten Endes wieder einmal: Wir alle wissen, welche Art von Botschaften eine Regierung und insbesondere das Verteidigungsministerium verbreiten würde. Doch wenn wir nicht wollen, dass Menschen zu willfährigen Befehlsempfängern und braven Konsumenten degradiert werden, welches ist dann die positive Gegenvision? Die selbstzerstörerischen Aggressoren, die wir zur Zeit antreffen, wohl kaum. Nein, Natalie hat ihre Mappaware auf zwei Botschaften programmiert, die unterhalb der Gedankenebene Einfluss ausüben: „Keine Angst“ und „Vorteilhafter Kompromiss bevorzugt“.

Aber das reicht noch nicht, um gegen die aggressive Mappaware des Pentagon bestehen zu können. Ein weiterer Faktor ist notwendig: Erst die Freiheit der Information für alle bedeutet geistige Freiheit. Und die ist in der gegenwärtigen Informationshierarchie nicht zu erlangen. Zuvor muss das gesamte System transzendiert werden, damit alle frei sein können. Doch wie ist diese Transzendenz zu erreichen?

Unterm Strich

Was zunächst wie ein Agententhriller beginnt, wächst sich schon bald zu einem Wissenschaftsthriller à la Michael Crichton aus, allerdings um Lichtjahre anspruchsvoller, als Crichton je gewesen ist. Schließlich erscheint ein Utopia am Horizont, und die Frage stellt sich, wie man es trotz der Regierung erreichen kann. Am Ende, im ironisch so genannten „Update“, ist die Welt vollständig gewandelt, genau wie in den besten Romanen der Science-Fiction, etwa in „Der Wüstenplanet“.

Spannend mag „Mappa Mundi“ ja sein, stellenweise sogar bewegend, aber das Buch hat eine durchgehende dramaturgische Schwäche: Die Autorin versorgt den Leser nicht richtig mit spannenden Höhepunkten. Natürlich sterben wichtige Figuren auf manchmal dramatische Weise, aber deren Ende scheint irgendwie zufällig so eingetreten zu sein – als habe eine finstere, unaufhaltsame Macht kurz mal ausgeholt und sie beiseite gewischt, weil sie im Weg waren. Dem Leser schwant davor schon, dass etwas Übles im Anzug ist, aber will er es wirklich wissen?

Ich habe nur weitergelesen, weil ich schon zu weit war und wissen wollte, wie die Story ausgeht. Leider ist auch die Wandlung der Welt schließlich so unspektakulär wie das Alltagsleben selbst, obwohl die Wirkung und Bedeutung größer als die der Hiroshima-Bombe ist: ein, zwei Grippewellen, wieder einmal.

Die Autorin muss offenbar – wie einige ihrer Landsleute, die Science-Fiction schreiben – noch lernen, dass es nicht genügt, einfallsreiche und engagierte Science-Fiction spannend zu schreiben, sondern man muss diese Story auch entsprechend verpacken. Verpackung als Teil des Marketings ist heute mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, wenn nicht noch wichtiger. Ich hoffe, dass Justina Robson ihre Lektion bis zum nächsten Buch gelernt hat.

Die Übersetzung

Dietmar Schmidt hat schon die schwierigsten Bücher übersetzt und ist für Lübbe sehr fleißig. Auch in „Mappa Mundi“ macht er einen recht guten Job, jedenfalls meistens. Leider ist dies ein sehr langer Roman – eng gesetzt wohl so um die 500-600 Seiten lang. (Die 700 Seiten kommen daher, dass die Schrifttype ziemlich groß ist.) Und so ist es wohl zu erklären, dass ihm gegen Schluss immer mehr Druckfehler unterliefen. Das führte dazu, dass im Text nicht nur einzelne Buchstaben, sondern sogar ganze Wörter fehlen. Die muss der Leser selbst sinnvoll ergänzen.

Ein Beispiel für einen Druckfehler, der aber auch aus der Rechtschreibkorrektur stammen könnte – wer kann das schon sagen? Aus „antiklimaktisch“ wird „antiklimatisch“ (ca. S. 670). Das erste Wort drückt das Gegenteil einer Klimax (= Höhepunkt) aus, das zweite scheint etwas mit dem Klima zu tun haben, aber was nur? Nun ja, schon das Wort „antiklimaktisch“ hätte man ersetzen sollen. Ebenso wie das Wort „Vakzin“, bei dem es sich lediglich um ein Synonym für „Impfstoff“ handelt. Auch „Deliverance“, den Mappaware-Kampfstoff, hätte man übersetzen können, etwa als „Erlösung“.

Keine Übersicht

Ein zweites Manko, für das Schmidt aber nichts kann, ist das umfangreiche Personal, für das es keine Übersicht gibt. Drittens tauchen ständig neue Begriffe wie Mappaware, Selfware, NervePath, MUV und Deliverance auf, für die es kein Glossar gibt. Natürlich werden sie im Text erklärt und sinnvoll eingeführt, aber wer erinnert sich nach zwei, drei Tagen Lesepause noch an ihre genaue Bedeutung? Das bedeutet, dass man das Buch in einem Stück durchlesen muss, und das ist sicher nicht leicht. Ich jedenfalls habe mehrere Wochen gebraucht.

Originaltitel: Mappa mundi, 2001
718 Seiten
Aus dem Englischen übersetzt von Dietmar Schmidt
http://www.bastei-luebbe.de
Homepage der Autorin: http://www.justinarobson.co.uk/

Michael Matzer (c) 2003ff

Vance, Jack – Weltraum-Monopol, Das

_Abenteuerliches SF-Fliegengewicht_

Die Erde kennt das Geheimnis des interstellaren Antriebs nicht. Als sich herausstellt, dass das Universum voller reicher Welten ist, macht dies die Heimat der Menschen tatsächlich zu einem Hinterwäldlerplaneten. Paddy Blackthorn will das ändern. Er bricht auf, den Shauls das Geheimnis des überlichtschnellen Fluges zu stehlen – und löst damit die größte Menschenjagd aus, die die Galaxis je erlebt hat … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Handlung_

Paddy Blackthorn ist gerade bei der Lieblingsbeschäftigung eines Iren: Er will einen Schatz heben, einen gut versteckten Raumantrieb, der auf der Erde so viel Reichtum einbringen würde, dass sich Paddy zur Ruhe setzen könnte. Denn die Erde ist vom interstellaren Raumflug abgeschnitten. Dieses Monopol besitzen die fünf Rassen, die von einem einst ausgewanderten Menschen namens Langtry abstammen. Und selbstverständlich lassen sie sich dieses Monopol gut bezahlen. Kein Wunder, dass sie gegenüber den unterprivilegierten Erdlingen ein wenig hochnäsig eingestellt sind.

Im Handumdrehen ist der arme Paddy zum Tode verurteilt. Doch in letzter Sekunde rettet ihm sein unglaubliches Sprachtalent das Leben: Er darf übersetzen, und zwar bei keinem geringeren Ereignis als der Ratsversammlung der fünf „Söhne des Langtry“. Denn die fünf Rassen haben sich im Lauf der Zeit nicht nur biologisch und kulturell auseinander entwickelt, sondern natürlich auch sprachlich, so dass sie einander nicht mehr ohne Weiteres verstehen.

Der Mohr tut seine Schuldigkeit und danach ist ihm klar, dass man ihn nicht mehr braucht und zu eliminieren gedenkt. Doch er benutzt den Antigravitationsapparat, um sowohl alle fünf Söhne Langtrys als auch seine Wachen zu töten. Er nimmt den „Söhnen“ jeweils das goldene Armband ab, auf dem sich angeblich die Daten für den Raumantrieb befinden sollen. Doch als Paddy wieder sicher an Bord eines Raumbootes ist, stellt er zu seiner Enttäuschung fest, dass die vier Pergamente und der ulkig geformte Schlüssel nicht das Geheimnis an sich darstellen, sondern nur fünf raffiniert verschlüsselte Hinweise.

Als nächstes lernt er die hübsche Agentin Fay Bullins kennen. Sie arbeitet für die Erd-Agentur (für wen sonst) und möchte natürlich ebenso gerne wie Paddy das Geheimnis des Raumantriebs für die Erde beschaffen. Daher bietet sie ihm ihre Hilfe an. Und da Paddy jetzt im gesamten Universum gejagt wird und der Weg zur Erde durch eine Blockade versperrt ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit ihr die Schnitzeljagd zu den fünf Fundorten der Teilstücke des Raumantriebbauplans aufzunehmen.

Sie schliddern von einem Abenteuer ins nächste, kommen sich dabei aber unverhofft menschlich näher und näher …

_Mein Eindruck_

Der Roman lässt sich locker in wenigen Stunden lesen. Das liegt sowohl an der großen Schrift, die auch auf 150 normale Seiten gepasst hätte, als auch an den zahlreichen – durchaus willkommenen – Illustrationen von Johann Peterka. Es ist ganz einfach wenig Text. Nichts ist von Vances berühmten Planetenbeschreibungen zu finden, von den detaillierten und ironischen Darstellungen kultureller Eigenheiten. Lediglich Andeutungen finden sich, und dann auch nur in recht abfälligem Gebrauch. Von Objektivität keine Spur.

Dennoch kann man sich zumindest über eine spannende und actionreiche Handlung freuen, die mit einem Paukenschlag endet. Aber diese Dramaturgie gab es damals schon im Dutzend billiger, in Form der sogenannten Ace Space Adventures, die später sogar im Doppelpack auf den Markt geworfen wurden: die berüchtigten Ace Doubles, an denen die Autoren nur einen Hungerlohn verdienten (auch der hoch gerühmte Philip Dick musste sich dazu herablassen). Die Klischees werden von einer hauptsächlich in Dialogform vorangebrachten Handlung getragen, die übergangslos von Schauplatz zu Schauplatz springt, dass einem fast schwindlig wird.

Neben der Action hat der Autor noch eine menschliche Komödie eingeflochten, die sich zunehmend als die übliche Romanze zwischen Männlein und Weiblein entpuppt, nur dass sie einander anfangs eben nicht grün sind. Bis Paddy seine Fay eines Abends verführerisch tanzen sieht. Und sobald er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, kann sie ihn nicht mehr im Stich lassen. Gut so, denn sonst wäre der Roman noch viel früher zu Ende.

|Die deutsche Ausgabe|

Angeblich handelt es sich bei der Bastei-Lübbe-Ausgabe nach eigenen Angaben um eine „komplette, originalgetreue Fassung“. Ich will gar nicht wissen, wie die unvollständige Fassung aussah! Denn die vorliegende Version sieht verdächtig genauso aus. Die Übergänge von einem Schauplatz zum nächsten kommen völlig unvermittelt – manchmal nur mit einem einzigen Satz angedeutet, und zack! ist man auf einer anderen Welt.

Die Übersetzung ist von ebenso niedriger Qualität wie der Druck und das Lektorat. Es treten viele Druckfehler auf, hin und wieder fehlt ein Wort oder das Subjekt eines Satzes passt grammatikalisch nicht zum Verb usw. Es vergeht kaum eine Seite ohne irgendeinen Bug. Da vergeht einem die Lust am Lesen wirklich. Einziger Lichtblick sind die schönen Illustrationen Johann Peterkas, welche die Dynamik einer Szene ausgezeichnet darzustellen wissen.

_Unterm Strich_

„The Five Gold Bands“ – der O-Titel ist durch den Inhalt völlig gerechtfertigt – ist ein literarisches Fliegengewicht, das selbst die akribisch dokumentierende „Encyclopedia of Science Fiction“ keiner Erwähnung für würdig befunden hat. Denn Jack Vance ist in der SF durchaus von Gewicht, nicht nur wegen des Umfangs seines Werks, sondern auch wegen seines prägenden Einflusses auf zwei wichtige Topoi: die Sterbende Erde und das Planetenabenteuer (planetary romance). Zu Letzterem zeigt der vorliegende Roman embryonale Ansätze, bleibt aber sonst den Pulp-Magazin-Konventionen der Vierziger verhaftet.

Man muss also dieses Buch nicht kennen, nicht einmal als Vance-Sammler. Und die deutsche Ausgabe ist in keiner Weise ein Beitrag zu einer endgültigen Gesamtausgabe des Vance’schen Werkes. Dafür ist die Übersetzung zu schlecht und der Text zu mängelbehaftet.

Wer wirklich einen Vance-Roman aus dem Jahr 1950 lesen möchte, der greife zu „Die sterbende Erde“: Magie, Charme, Schwerenöter, Romanze, Melancholie und eine wunderbare Ironie gehen hier eine stilprägende Verbindung ein, die so wichtige Autoren wie Michael Moorcock (Elric usw.) stark beeinflusste. Das Lesen macht auch heute noch Spaß.

_Der Autor_

Jack Holbrook Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Hervorstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen Edgar verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der Dämonenprinz-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Details eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher Hard SF, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist. Leider verstand er es in seinen Werken bis in die Achtzigerjahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß nicht, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwo her. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“, im 3. Band „Jheral Tinzy“ und „Viole Falushe“ bzw. „Vogel Filschner“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang –, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science-Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

|Weitere Jack-Vance-Besprechungen auf Buchwurm.info:|
[Grüne Magie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
[Durdane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=740
[Freibeuter des Alls]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1369
[Der Palast der Liebe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2181 (Die Dämonenprinzen #3)

|Originaltitel: The five gold bands, 1950
Aus dem US-Englischen von Edda Petri
Illustrationen von Johann Peterka|

[NEWS] Jean-Christophe Grangé – Die Fesseln des Bösen

In einem Pariser Nachtclub werden zwei junge Tänzerinnen tot aufgefunden. Commandant Stéphane Corso findet heraus, dass sie mit einem mysteriösen älteren Maler liiert waren. Dieser Sobiesky ist erfolgreich, arrogant und ohne jede Moral. Er scheint der perfekte Täter zu sein, doch er hat stichfeste Alibis für beide Morde. Je weiter Corso sich in den Fall vertieft, desto stärker drohen ihn Sobieskys unheilvolle Geheimnisse in den Abgrund zu reißen …
(Verlagsinfo)


Broschiert: 608 Seiten
Bastei Lübbe

Ken Follett – Die Nadel

Anno 1944: Ein deutscher Spion in der Liebesfalle

April 1944. Vor der schottischen Küste wartet ein deutsches U-Boot auf einen Spion. Man nennt ihn „Die Nadel“. Er hat bereits vier Mal getötet. Zwischen ihm und seinem Erfolg steht nur noch Lucy Rose, eine junge Engländerin. Doch wie soll eine einsame Frau, hin- und hergerissen zwischen Pflicht und lange verdrängter Leidenschaft, einem Mann widerstehen, der zu allem bereit ist, um sein Ziel zu erreichen? (korrigierte Verlagsinfo)
Ken Follett – Die Nadel weiterlesen

[NEWS] Tina Frennstedt – Das verschwundene Mädchen (Cold Case 1)

Er lauert Frauen in den frühen Morgenstunden auf. Er überfällt sie in ihren Wohnungen. Er tötet sie – und verschwindet. Als an einem Tatort Spuren auftauchen, die auf einen alten Vermisstenfall hinweisen, übernimmt Tess Hjalmarsson, Expertin für COLD CASES, die Ermittlungen. Hängt das spurlose Verschwinden der damals 19-jährigen Annika, deren Fall nie gelöst wurde, tatsächlich mit den aktuellen Serienmorden zusammen? Tess ermittelt unter Hochdruck. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt. Denn eines ist sicher: Der Serienmörder wird wieder zuschlagen …
(Verlagsinfo)


Broschiert: 448 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Julia Hofelich – Nebeljagd (Linn Geller 2)

In einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb wird die betagte Ines Schneider ermordet. Hauptverdächtiger: ihr Pflegesohn Jo Haug. Jo ist vorbestraft, außerdem geistern seit Jahren Gerüchte durchs Dorf, dass Haug auch seine vor 15 Jahren verschwundene Jugendfreundin Vanessa skrupellos und qualvoll getötet haben soll. Für die Dorfgemeinschaft steht fest: Nur er kann der Täter sein. Jos Verteidigerin Linn Geller hält jedoch nichts von solchen Vorurteilen und recherchiert unabhängig von der örtlichen Polizei. Ihre Ermittlungen rütteln an gefährlichen Geheimnissen, die die eingeschworene Dorfgemeinschaft lieber auf ewig in Schweigen gehüllt hätte … (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 400 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Dominic Nolan – Der finstere Tag

Sie wacht auf in einem leeren Raum, neben sich eine Tote. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Sie kann sich an nichts erinnern.
Detective Abigail Boone war tagelang verschwunden, als sie schwer verletzt und ohne Gedächtnis aufgegriffen wird. Sohn und Ehemann sind ihr fremd. Abigail sieht nur einen Ausweg aus ihrer schrecklichen Situation: ihren letzten Fall neu aufzurollen. Doch dieser Weg führte sie schon einmal in tödliche Gefahr – und diesmal weiß sie nicht, wer Freund oder Feind ist … (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 448 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Ethan Cross – Die Stimme des Zorns

In seinem ersten Fall als Sonderermittler des FBI trifft Ackerman auf einen Täter, der seinesgleichen sucht: Das sogenannte „Alien“ hinterlässt sezierte Leichen in Kornkreisen und hat gerade eine Expertin für Außerirdische entführt. Ackermann gibt alles, um das Alien zu fangen, bevor auch dieses Opfer tot in einem Kornkreis endet. Aber das ist leichter gesagt, als getan. Hat Ackerman endlich einen würdigen Gegner gefunden? (Verlagsinfo)


Taschenbuch: 400 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Genevieve Cogman – Das tödliche Wort: Roman (Die Bibliothekare, Band 5)

Irene Winters ist Agentin der unsichtbaren Bibliothek, die jenseits von Raum und Zeit als Tor zwischen den Welten existiert. Seit undenklichen Zeiten werden diese Welten von einer erbitterten Feindschaft zwischen Drachen und Elfen erschüttert. Doch nun kommen beide Parteien im Paris des Fin de Siècle zusammen, um unter Führung der Bibliothek einen Friedensvertrag auszuhandeln. Es sieht nach einem Durchbruch aus, bis ein wichtiger Verhandlungsführer der Drachen ermordet wird. Der Täter muss schnellstens gefunden werden! Eine Abordnung – unter ihnen die Agentin Irene Winters – soll den Mörder aufspüren. (Verlagsinfo)


Broschiert: 512 Seiten
Bastei Lübbe

[NEWS] Mark de Jager – Bluthimmel

In Stratus‘ Seele brennt ein Verlangen, mächtig wie eine Feuersbrunst. Er muss denjenigen finden, der sein Leben zerstört hat. Stratus ist ein Drache, durch die Hand eines dunklen Magiers gefangen im Körper eines Menschen. Doch mit der Erinnerung an sein altes Leben kehren langsam auch seine Magie und seine alte Gestalt zurück. Und Stratus will Rache. Blutig und unerbittlich metzelt er sich durch Horden von Untoten zu seinem Erzfeind und kämpft dabei nicht nur für seine eigene Gerechtigkeit … (Verlagsinfo)


Broschiert: 576 Seiten
Bastei Lübbe

Vance, Jack – Durdane (Trilogie)

Dies ist wohl die bekannteste und schönste Planetenabenteuer-Trilogie von Vance. „Der Mann ohne Gesicht“ eröffnet die |Durdane|-Trilogie, die weiters aus den Bänden „Der Kampf um Durdane“ und „Die Asutra“ besteht und hier in einem illustrierten Band zusammengefasst ist.

_Die Romane_

|Der Mann ohne Gesicht| (Band 1)

Mur, der Sohn einer Klosterdirne auf dem Planeten Durdane, weigert sich, Mönch zu werden. Er nennt sich fortan Gastel Etzwane, nach einem Entdecker und einem Musikanten. Als ihn seine Klosterbrüder brutal zusammenschlagen und in einer Klosterzelle einsperren, flieht er. Er will den Mann ohne Gesicht, den Herrscher des Kontinents Shant auf der Welt Durdane, von dem ihm seine versklavte Mutter erzählt hat, finden, um endlich für sie beide Gerechtigkeit zu erlangen.

Doch bald muss er zu seinem Verdruss erkennen, dass die Macht ganz anders verteilt ist. Schließlich kann er nicht mehr anders als zu rebellieren. Denn der Mann ohne Gesicht scheint eine Art Komitee und Geheimbund zu sein, der in der Hauptstadt seinen Sitz hat. Diese Agenten können jeden Bürger töten, indem sie einen Impuls an seinen Halsreif senden, der eine kleine Explosivladung enthält.

In der Hauptstadt lernt Gastel einen geheimnisvollen Mann kennen, der von einer anderen Welt stammt. Dieser bringt ihm bei, wie man die Halsreife und deren Sendeeinrichtungen manipuliert und unschädlich macht. Schon bald kommt Gastel einer riesigen Verschwörung auf die Spur, die verhindert, dass sich die Durdaner gegen die Invasion der barbarischen Rogushkoi wehren.

|Der Kampf um Durdane| (Band 2)

Nun zwingt Gastel den Anome von Shant dazu, Maßnahmen gegen die Rogushkoi zu ergreifen, die Gastels Mutter auf dem Gewissen haben. Da sich der Anome jedoch weigert, gegen die Invasoren vorzugehen, setzt Gastel ihn kurzerhand ab und baut seine eigene Truppe von Vertrauten auf. Sie besteht aus Jerd Finnerack, den er aus einem Straflager holt, einem intelligenten Richter namens Miliambre Octagon und dem berühmtesten aller Musiker, Gastels Vater Dystar.

Zusammen mit dem früheren Polizeichef Aun Sharah gelingt es diesem Quartett, einige wichtige Prozesse in Gang zu setzen, etwa die Entwicklung moderner Waffen und eines Militärwesens. Weit wichtiger ist jedoch die Freisetzung von Bürgern, die gegen die Rogushkoi kämpfen können – ihnen wird der tödliche Halsreif abgenommen.

Zunächst stoßen die Rogushkoi noch weiter vor und überrennen die Milizen, doch erste Erfolge und listige Aktionen der neuen „tapferen freien Männer Shants“ bringen Siege. Shant entwickelt eine Luftwaffe, die unter Jerd Finnerack große Erfolge erzielt und die Invasoren hinter den großen Salzsumpf zurücktreibt.

Um dem Verdacht nachzugehen, das benachbarte Reich Palasedra habe die Rogushkoi auf Shant gehetzt, besuchen Etzwane, Miliambre und Finnerack das Kaiserreich. Dort trifft Gastel seinen alten Bekannten, den irdischen Historiker Ifness, wieder.

Zusammen machen sie eine furchtbare Entdeckung: In einer Schlucht werden die Offiziere der Rogushkoi an Bord eines fremden Raumschiffs genommen, doch plötzlich stürmt auch Finnerack los. Etzwane überwältigt ihn. Was trieb seinen Freund zu dieser Tat? Bei der Obduktion stellt sich heraus, daß Jerd von einem Parasiten befallen war, einem insektoiden Asutra, einem Alien. Diese Wesen hatten die Rogushkoi geschaffen und dazu getrieben, Shant zu überfallen. Sie infizierten auch Finnerack. Die Palasedraner sind unschuldig.

Als letzte Tat errichtet Gastel eine neue semidemokratische Regierungsform (ein Senat und ein Kantonsrat schaffen die Gesetze) ein, zieht sich aber schließlich aus der Politik zurück.

|Die Asutra| (Band 3)

In Gesprächen mit Ifness und aufgrund eigener Nachforschungen entdeckt der mittlerweile müßige Gastel Etzwane, dass noch mehr Rogushkoi auf Durdane existieren – auf dem wüstenhaften Kontinent Caraz. Zusammen mit dem Erdenmenschen begibt er sich dorthin.

In dem Weiler Shagfe und der umliegenden Wüstenregion stoßen die beiden auf Spuren einer Asutrainvasion, die jedoch von anderen Aliens vernichtend zerschlagen wurde. Dennoch schicken die Asutra weiterhin Sklavenjägerschiffe. Während Gastel mit Stammeskriegern eines dieser Schiffe betritt, begibt sich Ifness zur Erde.

Gastels Mannen übernehmen das Schiff, können aber den Kurs nicht beeinflussen. Sie landen auf der ungastlichen Welt Kahein und werden als Sklaven gefangen gehalten. Gastel entdeckt, dass hier die Asutra mittlerweile von den Zweibeinern namens Ka instrumentalisiert wurden, die die parasitären Asutra zu spezialisierten Zwecken einsetzen.

Eines Tages müssen Gastel und alle anderen Sklaven in den Krieg gegen die Feinde der Ka-Asutra ziehen. Am Schauplatz der Schlacht rebellieren sie jedoch, dabei zusehend wie die Asutra-Raumschiffe von anderen Schiffen zerstört werden – die möglicherweise von der Erde stammen. Gastel und seine Rebellen befreien das Sklavenlager und kehren in einem gekaperten Ka-Raumschiff nach Durdane zurück, in die Freiheit.

Zurückgekehrt in Shants Hauptstadt, erfährt Gastel von dem mürrischen Ifness mehr über die Hintergründe der Ka und Asutra. Gastel widmet sich, enttäuscht von Ifness‘ strikter Nichteinmischung, wieder der Musik.

_Fazit_

Wie in „Emphyrio“ (1969) und „Die blaue Welt“ (1966) schildert Vance den Werdegang eines Heranwachsenden, der sich einer statischen Klassengesellschaft gegenübersieht. Nachdem er mit ihr in Konflikt geraten ist, wird er zur Rebellion getrieben. Stets ist die erfundene Welt besonders sorgfältig ausgedacht und gezeichnet.

In „Der Mann ohne Gesicht“ kommt noch das Element der Satire auf religiöse Institutionen hinzu. Allein schon die Existenz einer Klosterdirne, Murs Mutter, ist ein Affront gegen aktuelle Dogmen. Aber der Rebell muss es erst einmal besser machen als der apathische Anome – dass das nicht so einfach ist, zeigt sich im Mittelband. Die Aufklärung der Alieninvasion wird im Schlussband geschildert, wiederum mit Gastel als Rebell.

Alle drei Bände sind farbig und unterhaltsam geschrieben, voller origineller Einfälle, verblüffender Logik und erinnerungswürdiger Charaktere.

Doch das täuscht nicht über die Einfachheit der Handlung und der Motivation mancher Aktionen hinweg. Die Psychologie spielt hier nur eine Nebenrolle. Man könnte solche Romane heute nur noch dem untersten Niveau zuordnen, wären nicht die wunderbaren Schilderungen der fremden Welt und ihrer Kulturen.

_Der Autor_

So wie hier hat Jack Vance zahlreiche weitere Trilogien und Zyklen geschaffen, die allesamt mit großer Liebe zum Detail geschaffene Vertreter des romantischen Abenteuer-Thrillers sind. Häufig wird die Handlung nach dem Vorbild eines Agententhrillers aufgebaut, so etwa in der |Dämonenprinz|-Serie.

Er gilt als wichtigster Vertreter der |Planetary Romance|, also für Abenteuer, die auf einem ganzen Planeten spielen, wobei der Planet sicherlich eine Hauptrolle spielt. Die |Cadwal|-Chroniken („Araminta Station“ usw.) etwa spielen auf Cadwal, einem Naturschutzgebiet von Planetengröße.

Jack Vance wurde 1916 in San Francisco geboren und wuchs im idyllischen San Joaquin Valley auf. Das prägte seine Liebe für das Land, die selbst in abgewandelten Polizeithrillern wie der „Dämonenprinz“-Serie immer wieder aufscheint.

Vance studierte Bergbau, Physik und schließlich Journalismus. Im 2. Weltkrieg war er Matrose bei der Handelsmarine und befuhr den Pazifik. Er wurde auf zwei Schiffen Opfer von Torpedoangriffen. Ansonsten weiß man wenig über ihn: Er lebt in Oakland, liebt alten Jazz, spielt Banjo und bereist unermüdlich die Welt.

Seine Karriere begann 1945 mit der Story „The World Thinker“ in dem Magazin „Thrilling Wonder Stories“. Bis 1955 schrieb er abenteuerliche Science-Fiction, die bereits durch farbig geschilderte Schauplätze und spannende Handlungsbögen auffiel. Es war das Goldene Zeitalter der Magazin-Science-Fiction. 1950 wurde sein erstes und berühmtestes Buch publiziert, der Episodenroman „The Dying Earth“. Die Episoden spielen in einer fernen Zukunft, in der die Wissenschaft durch Magie abgelöst wurde. Dadurch spannt sich die Handlung zwischen reiner Science-Fiction und einer Spielart der Fantasy, die nicht ganz von der Logik aufzulösen ist. Herausstechende Stilmerkmale sind bereits die Ironie in Sprache, Handlungsverlauf und Figurenbeschreibung, aber auch schon der Detailreichtum darin. In der Science-Fiction wurde Vance selbst zu einem „world thinker“, der exotische Kulturen mit ulkigen Bräuchen und Sitten erfand, so etwa in der wunderbaren Novelle „Die Mondmotte“ (Musik als eine Form der Kommunikation).

Vance schrieb ab 1957 etwa ein Dutzend Kriminalromane, darunter auch unter dem bekannten Pseudonym Ellery Queen. Er bekam sogar für einen Roman, „The Man in the Cage“, einen |Edgar| verliehen. Dieser kriminalistische Einschlag findet sich in mehreren von Vances Hauptfiguren wieder, darunter bei den galaktischen Spürhunden Magnus Ridolph, Miro Hetzel und Kirth Gersen. Gersen ist der Held der |Dämonenprinz|-Serie, der Rache an fünf grausamen Sternkönig-Aliens nimmt.

Vances Stärke ist sein Prosastil. Er baut in wenigen beschreibenden Detail eine Atmosphäre, eine Stimmung auf, die er dann immer wieder mit wenigen Schlüsselwörtern aufrufen kann. Insofern ist Vance, fernab von jeglicher |Hard SF|, der farbigste und barockeste Autor im Genre, dessen charakteristische Sprache in jedem beliebigen Absatz erkennbar ist.

Leider verstand er es in seinen Werken bis in die 80er Jahre nicht, eine Geschichte durch eine Konstruktion zu stützen, die wenigstens eine kompletten Roman getragen hätte: Er schrieb meistens Episodenromane oder Fix-up-Novels. In ähnlicher Weise ließ auch sein Interesse an Fortsetzungen nach, so dass spätere Romane in einer Serie in der Regel schwächer ausfielen als der Anfangsband.

Vance hat die Kunst der Namensgebung zu wahrer Meisterschaft getrieben: Seine Namen sind phantasievoll und haben stets den richtigen Klang. Ich weiß, woher er seine Einfälle nimmt: aus dem Mittelalter, aus exotischen Kulturen der Erde oder sonstwoher. Im 1. Band der Dämonenprinz-Serie sind dies beispielsweise die Namen „Attel Malagate“, „Lugo Teehalt“ und „Hildemar Dasce“.

Da Vance aber kein einziges Buch geschrieben hat, das ihn durch seine Thematik weltberühmt gemacht hätte – so wie es George Orwell mit „1984“ gelang -, ist er immer ein Geheimtipp, ja ein Kultautor der Science Fiction-Szene geblieben. Das bedeutet nicht, dass Vance unkritisch oder unaktuell gewesen sei: Er griff Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Social Engineering und Ökologie auf, um nur ein paar zu nennen.

Siehe auch: [„Grüne Magie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=696
|The Jack Vance Archive|: http://www.jackvance.com