Genzmer, Felix – Edda, Die

Es hieße wohl Eulen nach Athen – oder unserem Thema angepasst: Raben nach Asgard – tragen, wenn man betonte, dass die „Edda“ das wichtigste Zeugnis für die germanische Religion darstellt. Sie ist sozusagen die große alte, weise Frau, die uns etwas über die Religion auch unserer Vorfahren erzählt. Denn obwohl der Hauptteil dieser Lieder über germanische Götter und Helden, der sogenannte „Codex Regius“, erst im 13. Jahrhundert auf der Insel Thule im hohen Norden, also Island, aufgezeichnet wurde, überliefert er uns doch Vorstellungen, die über die Fläche eines Gebiet verbreitet waren, das Skandinavien, das heutige Deutschland und Britannien einschloß. Odin und Thor kennt man im südgermanischen Raum als Wotan und Donar. Die Heldenlieder des „Nibelungen-Zyklus“ in der „Edda“ sind von heutigen deutschen Gebieten nach Island gewandert – Siegfried heißt hier Sigurd und Hagen Högni. Zugleich gibt die „Edda“ damit die älteste erhaltene Version der Nibelungensage wieder.

Selbst wer sich als Leser dieser Seite noch nicht mit den altgermanischen Mythen und Sagen in der „Edda“ auseinandergesetzt hat, dem werden die Geschichten vielleicht bekannt vorkommen. Viele Musikgruppen aus dem Bereich des Metal, Gothic, Neofolk oder Dark Ambient beschäftigen sich ja mit den alten Göttern, Sagenhelden oder Runen. Auf der zweiten CD der Viking-Metaller FALKENBACH beispielsweise findet sich das Instrumental „Baldurs Tod“ – jener strahlende Gott Baldur ist gemeint, der durch die List Lokis ums Leben kommt und ins Totenreich zur Göttin Hel fährt. Sein Tod stellt ein unheilvolles Omen dar, das auf den Ragnarök verweist, den Untergang der Götter.

Tragisch und voll dunklen Zwielichts erscheint die Religion der Germanen in dem berühmten Lied „Volüspa“ („Der Seherin Gesicht“). Doch diese Tragik ist kämpferisch und das genaue Gegenteil einer Opferhaltung. Die Götter wissen um ihren Untergang und trotzdem ergeben sie sich kein einziges Mal der Resignation. Ihre Verantwortung und ihre Sorge um die Welt bestimmen ihr ganzes Handeln. Der Höchste des Göttergeschlechts der Asen, Odin, murmelt bis zuletzt mit dem zukunftskundigen Haupt Mimirs, um für die Endschlacht bereit zu sein. In dieser Schlacht kämpfen die Einherjer, die gefallenen Krieger, Seite an Seite mit den Göttern gegen die dämonischen Mächte, den Gott Loki, seine von ihm gezeugten Ungeheuer und die Riesen. Auch wenn Odin, Thor und Frey fallen, so taucht doch eine neue Welt auf, in der Baldur aus dem Reich der Hel zurückkehrt und über die die Söhne der Asen herrschen werden.

Diese aktive Haltung gegenüber dem Schicksal, das von den Nornen als den überpersönlichen Mächten gewebt wird, findet sich in den Heldensagen wieder. Die germanische Heldensage erzählt von der Konfrontation einer starken Persönlichkeit mit dem eigenen Tod. Der Germane nimmt dieses Schicksal nicht nur an – nein, er macht es auch noch ganz zu seinem eigenen Willen. Die menschliche Freiheit bewährt sich für den Germanen erst in der Haltung, die er dem Tod gegenüber einnimmt. Högni lacht, während die Hunnen ihm das Herz aus der Brust schneiden. Hamdir und Sörli rächen den Tod ihrer Schwester Schwanhild an dem König Jörmunrek. Aufgereizt durch die eigene Mutter gehen sie mit vollem Bewußtsein in den Tod. Kurz bevor Hamdir mit vielen klaffenden Wunden zu Boden sinkt, sagt er: „Gut haben wir gekämpft: / Wir stehn auf Gotenleichen, / aufrecht, ob schwertmüden, / wie Aare im Gezweig; / Heldenruhm gewannen wir, / sterben wir heut oder morgen: / niemand sieht den Abend, / wenn die Norne sprach.“ (S. 221) Diese Stelle soll gleichzeitig als Beispiel für die kraftvolle Schönheit der Übersetzung Felix Genzmers dienen.

Felix Genzmer gilt zu Recht als der beste Edda-Übersetzer. Von der Erstveröffentlichung 1912 (der Heldenliedteil) bis zu seinem Tode 1959 hat Genzmer an seiner Übersetzung gearbeitet, um dem Original noch ein Stück näher zu kommen und noch besser die Stimmung der altnordischen Lieder zu rekonstruieren. Er stand allerdings unter dem Einfluss der in den Zwanzigerjahren führenden Schule des bekannten Germanisten/Nordisten Andreas Heusler, die unter dem Postulat arbeitete, dass man aus der teils ungeordneten Überlieferung das Original zurückgewinnen könne. So kommt es, dass Genzmer einige Gesätze anders als in der Vorlage anordnet und manches als unpassend Empfundene wegließ. In seinen späteren Überarbeitungen nahm er viele dieser gestrichenen Stellen wieder auf. Die Aufzählung der Zwergennamen in der „Volüspa“ erscheint allerdings nicht in Genzmers Übersetzung, weil sie wahrscheinlich ein späterer Einschub in das Gedicht ist. Wer einen Vergleich haben will, sollte sich die preiswerte Simrock-Übersetzung aus dem |Phaidon|-Verlag besorgen, welche auch einen Teil der sogenannten „Jüngeren Edda“ des Snorri Sturluson enthält.

Die Übertragung von Genzmer darf als die sprachlich schönste bezeichnet werden. Sie nähert sich in Ton und Duktus dem Original am weitesten an. Genzmer versucht möglichst häufig den Stabreim wiederzugeben, der in der Regel auf vier Hebungen innerhalb von zwei Kurzzeilen (eine Kurzzeile im oberen Beispiel immer bis zum / ) beruht und bei dem die Betonung auf dem Anlaut liegt: Eine beeindruckende altertümliche Reimform, die vor allem beim lauten Lesen zu ihrer vollen Wirkung kommt. Und laut vorlesen sollte man diese Lieder – immerhin waren sie ursprünglich zum mündlichen Vortrag in der geselligen Runde z. B. beim Opferfest oder in der Königshalle gedacht.

Wie kam es nun, dass diese mündlichen Lieder in christlicher Zeit in Island auf Pergament niedergeschrieben wurden? Wir haben auf Island die typische „Inselsituation“. Fernab der großen Umwälzungen in Europa, fernab der eigentlichen Missionszentren konnte sich hier die alte Überlieferung halten. Eine Donar-Eiche wurde in Island glücklicherweise nie gefällt. Zwar führten die Isländer im Jahre 1000 durch eigenen Thingbeschluss, aber unter militärischem Druck des norwegischen Königs Olaf Tryggvason die christliche Religion ein, doch die nicht-öffentliche Verehrung der alten Götter war erlaubt; es bildeten sich heidnisch-christliche Synkretismen und das altgermanische Ethos blieb noch weit bis ins 12. Jahrhundert lebendig. Die isländischen Geistlichen waren so eng mit ihrem Volk verbunden, dass sie die heidnischen Sagen und Lieder mit viel Liebe aufgezeichnet haben.

Diese Edda-Ausgabe enthält neben dem „Codex Regius“ noch einige andere Lieder aus den Island-Sagas (eine sehr altertümliche Form besitzt das „Hunnenschlachtlied“). Jedem der kostbaren Sprachdenkmäler ist ein kleiner Einführungstext vorangestellt. Erwähnt sollte noch werden, dass die Edda neben den Götter- und Heldensagen auch Sittengedichte, Spruchweisheiten und Mitteilungen über die Runen enthält. Hier erfährt man, woher die Runen stammen (reginkunnum – „götterenstammt“) und zu welchen Zwecken sie verwendet wurden. Leider fehlt in der vorliegenden Ausgabe das „Bjarkilied“, welches uns nur in einer lateinischen Umschreibung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus erhalten ist. Genzmer rekonstruierte aus dieser Umschreibung ein Stabreimlied. Das „Bjarkilied“ stellt eine Hymne auf die germanische Gefolgschaftstreue dar. Unerfindlich bleibt, warum es in der Gesamtausgabe keinen Platz gefunden hat.

Die Edda-Übersetzung von Felix Genzmer sei allen ans Herz gelegt, die sich nicht als „menschliche Eintagsfliegen“ betrachten, sondern mit Goethe der Meinung sind, dass das Leben dessen nicht lebenswert ist, der „nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben“.

Dunne, Dominick – Zeit des Fegefeuers

|Originaltitel: A Season in Purgatory|

Anfang der Siebzigerjahre lernt der weitgehend mittellose Harrison Burns auf der katholischen Eliteschule Milford den charismatischen Constant Bradley kennen, der einer reichen Unternehmerfamilie entstammt. Zwischen den ungleichen Jungen entsteht eine tiefe Freundschaft und Burns verbringt zunehmend mehr Zeit mit Constant und dessen Familie. Auf deren Landsitz Scarborough lernt er im Laufe der Zeit auch die Schattenseiten und Uneigenheiten des herrischen und skrupellosen Vaters sowie der Schwestern und Brüder von Constant kennen. Gerald Bradley findet als neureicher Emporkömmling trotz aller finanziellen Zuwendungen und Spenden keine Achtung in der alteingesessenen, feinen Ostküsten-Gesellschaft, wozu auch die Gerüchte über seine mehr als zwielichtigen Partner aus New Yorker Mafiakreisen und dubiose Geschäftspraktiken beitragen. Seine Frau Grace setzt alles daran, in der kirchlichen Gesellschaft zu Ehren zu kommen und lebt in einem Dauerzustand religiöser Verblendung, während Gerald seine Söhne mit allen Mitteln in hohe politische Ämter manövrieren will.

Als besonders aussichtsreich gilt der gut aussehende Constant mit seinem einnehmenden Wesen und der Fähigkeit, Menschen zu blenden und zu manipulieren. Aber die dunklen Seiten von Constant sind noch weit bedrohlicher, im Alkoholrausch erschlägt dieser nach einem Tanztreffen der örtlichen Debütantinnen die junge Winnifred Utley, die zwar seiner Einladung zu einem nächtlichen Treffen im Wald gefolgt ist, dann aber seinen sexuellen Wünschen offenbar nicht geneigt war. Der hochmoralische Burns hilft ihm zwar zunächst bei der Beseitigung der Spuren, leidet danach aber unter enormen Gewissensbissen. Gerald Bradley besticht den Jungen mit der Zahlung seines Studiums sowie einem einjährigen Aufenthalt in Europa, worauf sich Burns und Constant dann endgültig aus den Augen verlieren.

17 Jahre später ist Burns ein gefeierter Schriftsteller und Constant auf dem Weg in das amerikanische Repräsentantenhaus. Der alternde Gerald Bradley will Burns, der bereits früher einmal eine Rede für Constant geschrieben hat, zu einem Buch über Familie, Moral und andere Grundwerte überreden, das unter Constants Namen erscheinen und ihm den Weg in die große Politik ebnen soll. Wider besseres Wissen lässt sich Burns zu einem Familientreffen auf dem mittlerweile nach Southampton verlegten Landsitz überreden, bei dem sein lange gehegter Groll gegen seine eigene Mittäterschaft und die Machenschaften der Bradleys endlich ausbricht und sich die Situation dramatisch zuspitzt. Burns teilt sich schließlich den Behörden mit und es kommt zum Prozess gegen Constant, in dessen Verlauf jeder seine ganz persönliche Abrechnung präsentiert bekommt.

„Zeit des Fegefeuers“ ist kein Kriminalroman. Statt um die Aufklärung einer Straftat geht es um Schuld und Sühne, Ehre und Gewissen, moralische Grundwerte des Einzelnen und der Gesellschaft. Dies entwickelt sich langsam und subtil, und über einige Passagen hinweg ist der Unterschied zu einer der typischen, überladenen Familiensagen nicht mehr allzu groß. Die Vielzahl der Personen und deren familiäre Zusammenhänge werden allesamt sehr ausführlich dargestellt, obwohl der Anteil einiger Protagonisten an der eigentlichen Geschichte eher nichtig ist. Bis auf die fast lächerlich anmutende Szene von Burns Kampf mit dem „Hausmafioso“ der Bradleys ist die Geschichte jedoch schlüssig und nachvollziehbar und überzeugt durch eine besondere Atmosphäre und Spannung.

Dominick Dunne schreibt seit 1980 einen Erfolgsroman nach dem anderen, ein Großteil davon wurde verfilmt. Seine Werke gelten zumeist als kritische Beobachtungen der amerikanischen Gesellschaft und werden in den USA zuweilen mit denen Truman Capotes verglichen.

Anthony, Patricia – Gottes Feuer

Um eins gleich mal vorwegzunehmen: Auch wenn „Gottes Feuer“ bei der ‚Science Fiction & Fantasy‘-Reihe von Heyne erschienen ist, so handelt es dabei doch eher um einen historischen Roman, in den die Autorin geschickt einige SF-Elemente einfließen lässt.
Patricia Anthony, 1947 in den USA geboren, schrieb bereits „Kalte Verbündete“ und „Bruder Termite“. Sie ist vielseitig begabt, kann reiten und schießen, unterrichtete Englisch in Brasilien und seit 1991 lehrt sie Kreatives Schreiben an der Southern Methodist University in Dallas, Texas. Dort lebt sie heute auch.

Wenn Außerirdische im 17. Jahrhundert in Portugal abstürzen, stellt sich die Frage, sind es Engel, Dämonen, Menschen aus Borneo oder doch nur seltsame Tiere, die die Spanier per Katapulten ‚rübergeschossen haben?
Pater Manoel Pessoa ist Jesuit und Inquisitor. Im Auftrag des Heiligen Offizium reist er das Jahr über in seinem Gerichtsbezirk umher und hält nach Häresien Ausschau. In dem Dorf Quintas erfährt er bei einer Beichte, dass angeblich Engel mehreren Frauen beiwohnen, wobei ein Mädchen von ihnen sogar geschwängert worden sei. Ein anderes Mädchen berichtet ihm, es hätte die Jungfrau Maria gesehen und von ihr einen Auftrag bekommen, den sie aber niemandem sagen dürfe. Mehrere Bewohner des Dorfes erzählen von leuchtenden Kreuzen am Himmel, die sie nachts beobachtet hätten, und auf einem Feld befindet sich ein Kornkreis – gedeutet als die Spuren des Rades vom Propheten Ezechiel.
Pessoa, der mit einem doch sehr rationalen Verstand ausgestattet ist, hält diese Berichte zunächst für religiöse Wunschträume. Um eine von ihm verhasste Untersuchung und Meldung beim Offizium zu vermeiden und um seine Schäfchen zu retten, beschwört er die Bewohner, von ihren Aussagen abzulassen, ja er fordert sie sogar auf, zu fliehen, um einer Verurteilung zu entkommen.
Doch ein fallender Stern, der „Engel“ auf die Erde bringt, macht seine Bemühungen zunichte. Selbst der Dorfpater und Pessoas Freund Luis Soares sinkt vor den seltsamen Wesen auf die Knie und glaubt an ein Wunder.

Der geistig zurückgebliebene König Afonso, der auf seiner Gegen-Windmühlen-kämpfen-wie-Don-Quijote-Reise den Stern beobachtete, findet in der abgestürzten Kapsel Gott, der mit Farben zu ihm spricht und ihn in seiner, von der Inquisition als ketzerisch angesehenen Meinung bestärkt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Mit seinem verkümmerten Verstand scheint er der einzige zu sein, der die Wahrheit erkennt, doch sein Bruder Pedro befindet sich schon auf dem Weg zur Thronbesteigung.
Als der Generalinquisitor Monsignor Gomes in Quintas eintrifft, werden Pessoas Hoffnungen vollends zerschlagen. Ohnmächtig muss er mit ansehen, wie die fremden Wesen und die Bewohner des Dorfes ins Gefängnis geworfen werden und ein Tribunal zusammengestellt wird, bei dem er natürlich selbst Mitglied ist. Ein Autodafé (port.: Ketzerverbrennung) wird vorbereitet, und unter den Verurteilten befindet sich die jüdische Kräuterfrau Berenice Pinheiro, die schon einmal gestorben war und dank eines Engels, der sie immer noch besucht, wieder ins Leben zurückkehrte – die Frau, die er liebt.

Patricia Anthony muss auf Kirchenmänner nicht gut zu sprechen sein. Mit bissigem Humor beschreibt sie die Laster ihrer Charaktere: Der eine kann das Essen, der zweite das Huren, der dritte von kleinen Jungs nicht lassen – für den Leser ist es allerdings ein Genuss, diesen Ausschweifungen zu folgen. Ein ständig furzender Generalinquisitor und sich häufig an ungezieme Stellen fassender König geben oft Anlass zum Schmunzeln, und mit prägnanten weiblichen Charakteren wie z.B. der Kräuterfrau wird’s niemals langweilig.
Locker (sehr locker), mit einer teilweisen drastischen Ausdrucksweise und dauerhaftem Augenzwinkern erzählt Anthony, wie das Chaos ausbricht, wenn die Inquisition Außerirdischen gegenübersteht. Ich für meinen Teil habe Hunger nach mehr bekommen, aber ich habe ja auch keine Magenleiden wie Monsignor Gomes.
Fazit: Ein überaus unterhaltsamer Roman, den ich eigentlich jedem empfehlen kann, der an Geschichte oder Science Fiction interessiert ist, oder der einfach mal ein etwas anderes Buch zur Hand nehmen möchte.

Grazyna Fosar & Franz Bludorf – Vernetzte Intelligenz – Die Natur geht online

Ein Wissenschaftlerpaar, das inzwischen schon berechtigte Bestseller-Garantie liefert, versucht sich in „Vernetzte Intelligenz – Die Natur geht online“ erfolgreich und überzeugend an der Formulierung einer äußerst wagemutigen und revolutionären Theorie, die Gravitation, Genetik und Gruppenbewusstsein miteinander verbindet. Dabei wendet sich das Werk in seiner klaren, leicht verständlichen Formulierung an ein breites Publikum, so dass der grenzwissenschaftlich interessierte Laie nicht fürchten muss, von Fachvokabular und schwer zugänglichen Theoriegebäuden erschlagen zu werden.

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Rawn, Melanie – Drachenprinz: Das Gesicht im Feuer

Von wem sich Melanie Rawn für ihre dreibändige „Drachenprinz“-Saga (bei uns wie meistens in sechs Teilen erschienen) inspirieren ließ, liegt auf der Hand: Frank Herberts „Wüstenplanet“ musste herhalten, um eine ähnlich aufgebaute Geschichte ins Fantasy-Genre zu übertragen. Allerdings ist dieses Halbplagiat in meinen Augen ausgezeichnet gelungen und darf als Hommage an den Meister sowie als Geschenk für die Fantasy-Gemeinde verstanden werden. Letztlich stibitzen so viele Autoren bei Tolkien oder Büchern wie „Conan“, die Teil des kulturellen Erbes geworden sind, dass sich die Grenze zu kreativer Eigenleistung kaum noch ziehen lässt. Und Fans von Marion Zimmer Bradley oder Anne McCaffrey dürfen ebenso neugierig aufhorchen wie Leser der „Drachenbeinthron“-Bände oder des Zyklus’ „Das Rad der Zeit“.

Mir liegen die Ausgaben von 1992/93 vor, die bei Goldmann erschienen. Inzwischen ist der Zyklus zur Verlagsgruppe Blanvalet gewechselt und wird dort seit 2000 aufgelegt – leider auch mit neuen Titelbildern (bis auf eines), obwohl mir die alten mehr zusagten (ein absoluter Augenschmaus) und besser auf die Charaktere zugeschnitten waren. Das Original erschien in den USA zwischen 1988 und 1990 und war damals wegweisend für das aufstrebende Genre. Die obigen Daten beziehen sich auf den ersten Band der Reihe in neuer Auflage.

Der junge Wüstenprinz Rohan hat sich nach der Thronbesteigung zum Ziel gesetzt, seinem Land Frieden und Harmonie zu bringen und das Land, insbesondere die letzten Drachen, zu bewahren. Die Lichtläuferin (Lichtmagierin) Sioned steht ihm dabei mit Liebe und Weitsicht zur Seite und alles scheint glücklich zu verlaufen, doch dunkle Wolken ziehen auf: Ein Thronfolgekrieg, Machtränke, Intrigen und finstere Ziele kreuzen ihre hehren Pläne. Es zeigt sich, dass Lichtläufer und Drachen dabei eine zentrale Rolle zu spielen haben und es eine unentdeckte Verbindung zwischen ihnen, dem Land und dem Wüstenreich gibt …

Das romantisch durchwirkte Epos von insgesamt etwa 2.200 Seiten besticht durch emotionale Dichte, eine detailgetreu ausgestaltete Welt, lebendige Charaktere und eine spannende Entwicklung, die von Machtkämpfen und allerlei Verwicklungen voran getragen wird. Ich bin fasziniert und voller Hingabe in die Welt und Erzählung von Melanie Rawn versunken und zähle es zu dem Besten, was der Sektor des Phantastischen an Zyklen hervorgebracht hat, auch wenn sich inzwischen so manch etabliertes Klischee finden lässt.

Jedem Band der mir vorliegenden Ausgaben ist eine Karte der Erzählwelt vorangestellt; ein Glossar mit Personennamen sowie Bezeichnungen spezieller Eigenheiten, Volksgruppen etc. hielte ich angesichts der Dichte der Romanwelt für sinnvoll, kann aber nicht sagen, ob dies in der Neuauflage inzwischen aufgeholt worden ist.

Die Bände im Einzelnen:

• Das Gesicht im Feuer
• Die Braut des Lichts
• Das Band der Sterne
• Der Schatten des Bruders
• Die Flammen des Himmels
• Der Brand der Wüste

Homepage der Autorin: http://www.melanierawn.com/

Daley, Robert – Aufruhr in Harlem

|Originaltitel: Tainted Evidence|

Der amerikanische Autor Robert Daley war lange Zeit Polizist des N.Y.P.D. und hat sich mittlerweile als Verfasser von Dutzenden Polizeiromanen in den USA einen Namen gemacht.

Die Detectives Dan Muldoon und Mike Barone sind im 32. Revier in New York tätig, das sich von der 127. bis zur 157. Straße erstreckt und in dem etwa 100.000 Menschen, vornehmlich Schwarze, leben. Große Erfolge haben beide nicht vorzuweisen, ihr Alltag besteht zumeist aus der Verfolgung von Kleinkriminellen und nächtlichen Streifen durch Harlem.

Als Muldoon von einem Spitzel Hinweise auf das Versteck von Lionel Epps erhält, einem Drogendealer, der in einem anderen Bezirk bereits wegen Mordes vor Gericht stand, organisiert er hastig und ohne entsprechende Kompetenzen ein Überfallkommando. Der Zugriff auf den schwer bewaffneten Epps endet in einem Fiasko, bei dem mehrere Beamte schwer verletzt werden, der Gesuchte jedoch verhaftet werden kann.

Der Fall wird der stellvertretenden Staatsanwältin Karen Henning übertragen, die in kürzester Zeit in üble politische Intrigen und Machenschaften um die Wiederwahl des Bezirksstaatsanwalts verstrickt wird und vor der Entscheidung steht, den Fall auf politisch opportune Weise zu verfolgen oder ihrer beruflichen Ethik zu folgen. Epps wird von dem schillernden Anwalt Justin McCarthy vertreten, der keine Gelegenheit auslässt, mit übelster Polemik und Lügen öffentlich den Rassenhass der weißen Polizisten gegen die schwarzen Ghettobewohner Harlems anzuprangern und diesen dadurch noch zu schüren. Die Entscheidung der Geschworenen führt letztlich zu Krawallen in Harlem.

Der reißerische (deutsche) Titel hält nicht, was er verspricht. Der „Aufruhr in Harlem“ nimmt einen nur geringen Teil des Buchs ein und ist ohne Leidenschaft oder Spannung geschildert. Vielmehr handelt es sich um eine wenig aufsehenerregende Mischung aus Cop- und Justizthriller, die sich zwar angenehm liest und einige interessant geschilderte Einblicke in das schwarze Harlem der frühen Neunzigerjahre bietet, aber in Stil wie Story nur Mittelmaß darstellt. Dazu bedienen die, durchaus lebendig geschilderten Protagonisten aus Polizei- und Politikkreisen jedes nur erdenkliche Klischee.

Soyener, Johannes K. – Mondfeld, Wolfram zu – Meister des siebten Siegels, Der

„Der Meister des siebten Siegels“ ist ein gewaltiges Historien-Epos geworden, das im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts spielt und sich räumlich zwischen deutschsprachigen Landen, Venedig, England und Polen bewegt. Im Zentrum der Handlung steht der Geschützgießer Adam Dreyling, der von seinem Oheim die „sieben Siegel“ der Waffenkunst erlernte und mit seinem Wissen dabei ist, das Interesse der großen Flottennationen auf sich zu ziehen, denn für allerlei Konflikte werden dringend technisch überlegene und zuverlässige Geschützrohre benötigt. Hauptort der Handlung ist England in Krisenzeiten und dabei fällt der Schlacht gegen die spanische Armada 1588 eine ebenso zentrale Bedeutung zu wie Adam Dreyling selbst, ohne den alles ziemlich anders verlaufen sein dürfte. Seine Odyssey durch Europa, von Herrscherhaus zu Herrscherhaus, die dabei auftretenden Intrigen, Gefahren und politischen Plänkeleien sind gar abenteuerlich zu lesen und vor allem außerordentlich authentisch und detailgetreu geraten.

So wird auf den Reisen ausführlich über Einzelheiten von Bergbaukunst, Gießerkunst und Schiffsbau berichtet und ein wahrhaft lebendiges Bild der alten Zeit entworfen. Hierbei kommt Johannes K. Soyener natürlich zugute, dass er auf diesen Gebieten ein Spezialist ist und als deutsche Fachkraft gilt. Nachteilig daran ist, dass technisch und im Detail weniger interessierte Leser auf Dauer etwas überfordert werden, während sie auf den Fortlauf der eigentlichen Handlung warten, die wirklich spannend ist und in ihrer liebevollen Gestaltung jeden historisch Interessierten begeistern wird. Praktisch eine optimale Synthese aus Fachbuch und Abenteuerroman, ohne dass man fürchten muss, ständig Fiktion von Wirklichkeit trennen zu müssen, denn der Wahrheitsgehalt des Romans überwiegt deutlich. Sorge dafür tragen auch die zahlreichen Fachkräfte, die beratend in historischen und technischen Fragen zur Seite standen. Die Sorgfalt lässt sich bereits an der jahrelangen Vorbereitung zu diesem Roman ermessen, die nichts dem Zufall überließ. Da die Handlungsträger männlich sind, es inhaltlich zumeist um technische Themen und Schlachten geht und eine romantische Komponente, die eine Identifizierung mit den Hauptpersonen erleichtert, nahezu ausbleibt, wird dieses opulente Werk von über 1.100 Seiten die weiblichen Leser wohl weniger ansprechen, wie sich aus Leserreaktionen im Netz auch ersehen lässt.
Abwechslung wird aber durch geschickte Zeit-, Perspektiven- und Erzählstilwechsel eingebracht, wobei der größte Teil der Handlung von Adams Tagebucherzählungen bestimmt wird.

Ich für meinen Teil kann nur dazu einladen, in die abenteuerliche Geschichte von Adam Dreyling einzutauchen und dabei Persönlichkeiten wie den Fuggern, Habsburgern oder Tudors, Sir Walter Raleigh, John Hawkins, Sir Francis Drake, Shakespeare, Maria Steward oder Philipp II. in lebendiger Darstellung zu begegnen.

Homepage des Autors: http://www.soyener.de

Allen, Robert – große IQ-Trainingsbuch, Das

Die schicken – und in ihren Erkenntnissen eigentlich überhaupt nicht neuen – Statistiken der PISA-Studien sind vielleicht ihrem Aussagegehalt nach von zweifelhaftem Nutzwert, aber eines zumindest haben sie auf jeden Fall an positiver Entwicklung eingebracht: geradezu einen Massenansturm auf alles, was mit Bildung und Denksport zu tun hat, bevorzugt in Quiz-Form. Wissen.de ist als Europas größtes Bildungsportal natürlich auf dieses Zugpferd mit aufgesprungen und hat das 1995 von Robert Allen und MENSA herausgegebene Werk „MENSA presents the ultimate mental challenge“ unter dem etwas blassen Titel „Das große IQ-Trainingsbuch“ aufgelegt.

Der Originaltitel trifft es dabei besser, denn auf den weit über 300 großformatigen Seiten dieses hart gebundenen Schwergewichtes wird nicht nur mengenmäßig viel geboten, sondern auch qualitativ und dies im Anspruch nicht gerade zurückhaltend gewählt. Damit zeigt sich schon der erste Knackpunkt, der die Güte des Inhaltes in meinen Augen allerdings nicht schmälert, sondern umso interessanter macht: Das Buch ist nur eingeschränkt als Trainingsbuch für Anfänger geeignet, setzt eher bereits einige Erfahrung im Umgang mit derlei Denksportknobeleien voraus und lässt es bereits auf Seite 1 von Level 1 ordentlich knacken. Der Schwierigkeitsgrad ist zwar recht variabel und zudem sinnigerweise in drei Schwierigkeitsebenen aufgeschlüsselt, aber seichte Minirätsel, die man in zehn Sekunden durchschaut hat, wird man hier kaum finden. Um wirklich in diesen Bereich einzusteigen und mit Testaufgaben verschiedenen Typs warm zu werden, eignet sich eher ein in der Erwartung zurückhaltender aufgebautes Buch wie z.B. jenes zum „RTL IQ-Test“ (kein Wunder, dass bei solchen Schmunzelaufgaben nach der Sendung jeder Zweite in Deutschland freudig erregt nackt durch die Straßen tanzte und verkündete, sein IQ läge über 120).

Wie auch immer – da sich hartnäckig das Gerücht hält, selbst Metaller und anderweitig gitarrenbegeistertes Volk könnten zusammenhängende Gedankengänge nachvollziehen, sogar selbst konstruieren und hätten zudem Freude an Hirnakrobatik, soll mich nichts davon abhalten, euch das „IQ-Trainingsbuch“ noch etwas näher vorzustellen.

Die Aufgaben sind ziemlich abwechslungsreich gestaltet und sprechen die verschiedensten Denkbereiche an. Dabei gibt es neben Aufgaben, wie sie auch in Bewerbungs- oder IQ-Tests üblich sind, viele, die sich an Knobelbegeisterte wenden – und in Zeit- und Logikaufwand entsprechend anspruchsvoll gehalten sind und den Wert gegenüber anderen Veröffentlichungen dieser Form anheben. Wie schon erwähnt, werden diese Hauptaufgaben in drei „Levels“ unterteilt, wobei jedem Level ausführliche Lösungen mit Begründung folgen sowie etwas leerer Raum für persönliche Notizen im Buch.
Zwei besondere Passagen sind zwischen den Levels zu finden: Zum einen das Spiel „Gargantua“, zum andren ein Block von Labyrinthen. Bei „Gargantua“ handelt es sich um einen Zentralrechner, der samt seinem Erfinder durch einen elektrischen Schlag außer Kontrolle geraten ist und nun wieder in den Griff bekommen werden soll. Dazu muss man sich durch ein vom Erfinder angelegtes Sicherheitssystem hangeln, das aus komplizierten Denkaufgaben besteht, wobei jede erreichte Lösung zur Gesamtlösung und der nächsten Hürde beiträgt. Dieses knackige Spiel dürfte so manchen Knoten in die Hirnwindungen jener schrauben, die sich daran wagen, den Code zu knacken. Die erwähnten Labyrinthe sind ebenfalls recht abwechslungsreich gestaltet und bieten auch für Erfahrene noch genug Anreiz.
Wer damit immer noch nicht ausgelastet ist, darf sich zusätzlich zum Ende des Buches einem Test zur Allgemeinbildung und einem IQ-Test samt Auswertung widmen – und gleich antesten, ob das Durcharbeiten dieses ausgesprochen empfehlenswerten Wälzers seinem IQ tatsächlich durch Training auf die Sprünge geholfen hat.

Eine einschränkende Bemerkung noch zum Schluss: An einigen wenigen Stellen hat sich der Druckteufel eingeschlichen (bzw. der Lektor gepennt) und beim Testknobeln fiel uns bislang eine durch Druckfehler nicht mehr lösbare Aufgabe auf (was ein vergessenes Haar an einem Strichmännchengesicht so alles ausmachen kann). Etwas mehr Sorgfalt wäre hier geboten gewesen. Ansonsten ist das „IQ-Trainingsbuch“ eine absolut solide Sache geworden, die zu einem sehr fairen Preis ordentlich etwas zu bieten hat und für lange, lange Zeit jede Menge Knobelspaß bereitet.

Lawhead, Stephen – Sohn des Kreuzfahrers, Der (The Celtic Crusades)

1899, Schottland: Ein Mitglied eines religiösen Geheimbundes wird einer Aufgabe unterzogen, in deren Verlauf er die Entstehungsgeschichte des Ordens entdecken kann:

Im Jahre 1096 n. Chr. ruft Papst Urban II. alle Gläubigen auf, ins Heilige Land zu ziehen und Jerusalem vom Joch der Ungläubigen zu befreien.
Ranulf, der Herr zu Hrafnbú in Dyrness auf den Orkney-Inseln, und zwei seiner Söhne folgen dem Ruf.

Der jüngste Sohn Murdo und seine Mutter Niamh bleiben zurück, um das Anwesen in deren Abwesenheit zu verwalten. Während die beiden das Osterfest bei Freunden verbringen, wird Hrafnbú von einem Edelmann besetzt, der danach ebenfalls das Kreuz nimmt und das Anwesen unter den Schutz der Kirche stellt.

Ein Gang zum Abt bringt schnell ans Tageslicht, dass die habgierigen Kirchenmänner die Besetzung der Grundstücke initiiert haben, um so in deren Besitz zu gelangen. Unfähig etwas dagegen zu tun, beschließt Murdo seinem Vater nachzureisen, damit dieser Hrafnbú aus den Klauen der Kirche rettet.

Er findet Platz auf dem Schiff eines Nordmannes, der König Magnus von Norwegen hinterher segelt, um ebenfalls an der Befreiung von Jerusalem teilzunehmen. An Bord befinden sich drei Mönche, und trotz seiner Feindschaft gegenüber Kirchenmännern ist Murdo von ihnen und ihrer Einstellung zum Leben und zu Gott fasziniert. Gespannt lauscht er ihren Erzählungen über ihre Heimat und über das Heilige Licht und den Wahren Weg.

Parallel dazu müssen die Pilger auf ihrem Weg nach Jerusalem verschiedene Hürden nehmen. So verlangt Alexios Komnenos, Kaiser der gesamten Christenheit, von den Edelmännern bei ihrer Ankunft in Konstantinopel ein Treuegelöbnis und die Anerkennung seines Besitzanspruches zurückeroberter Städte.

Überall lauern Hinterhalte der Ungläubigen; Hungersnöte, die Pest und die unerträgliche Hitze begleiten die Pilger auf ihrer dreijährigen Reise. Als Murdo in Jerusalem eintrifft, ist die Stadt bereits befreit – und zerstört. Blutströme ergießen sich durch die Straßen der Stadt und sinnloses, brutales Morden ist der Hauptzeitvertreib der Pilger. In all dem Gewirr begibt sich Murdo auf die Suche nach seinem Vater.

So spannend das Buch auch begann, so sehr musste ich mich zusammennehmen, um es überhaupt zu Ende zu lesen. Immer wieder ein Gähnen unterdrückend quälte ich mich durch die umfangreiche, langatmige Schilderung des Kreuzzugs, während ich mich ständig fragte, ob der Autor zwangsverpflichtet war, 716 Seiten abzuliefern … Auch der ständige Wechsel zwischen den Zeiten (zwischendurch finden wir uns gelegentlich im Jahre 1899 wieder), Schauplätzen und Personen hat nur die Verwirrung des Lesers zur Folge, aber keine zusätzliche Spannung wie es vermutlich beabsichtigt war.

Dem größten Teil der handelnden Personen fehlt es an der nötigen Ausstrahlung, um eine gewisse Neugier auf deren Tun und Lassen entwickeln zu können. Die Beschreibung der Schauplätze ist einfach glanzlos, und überhaupt ist der Schreibstil ermüdend. Seitenlanges Warten auf den Fortgang der Story brachte mich dann endgültig zur traurigen Erkenntnis, dass ich tatsächlich einen Fehlkauf getätigt hatte und bei meiner Wunschliste hätte bleiben sollen. Doch vielleicht können ja eingefleischte Mittelalter-Fans mit besonderer Affinität zu den Kreuzzügen diesem Roman einiges abringen, was mir versagt geblieben ist.

Hinweis: „Der Sohn des Kreuzfahrers“ ist die Taschenbuchausgabe des gebundenen „Das Kreuz und die Lanze“, nicht die Fortsetzung davon! Deren Titel lautet „Der Gast des Kalifen“, und das Buch ist bereits im Handel erhältlich.

Stephen Lawhead wurde 1950 in den USA geboren und studierte Kunst und Englisch am Kearney State College. Er machte seinen Magister in Theologie nach zwei Jahren am Northern Baptist Theological Seminary. Lawhead lebt heute mit seiner Familie in Oxford. Sein erstes Werk „In der Halle des Drachenkönigs“ eröffnete die Drachenkönig-Triologie, gefolgt von vielen weiteren Romanen, wie z. B. der Empyrion-Duologie, der Pentragon-Saga sowie „Das Lied von Albion“ (3 Bände).

http://www.bastei-luebbe.de

Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.) – Lexikon der Zauberwelten

Wissen.de, das größte europäische Netzportal für lexikalisches Wissen und Bildung (zur Bertelsmanngruppe gehörend), hat eine Reihe eigener Bücher herausgebracht, bei denen es sich um Lexika oder Denksport-Bände handelt und die durch ihre Darstellungsform ebenso wie die Webseite gerade für die jüngere Leserschaft sehr reizvoll sind. „Lexikon der Zauberwelten – Gandalf & Co.“ widmet sich dem Bereich der Phantasie und Mythologie in einer modernen, optisch wie inhaltlich sehr ansprechenden Form und bereichert Buchsammlung wie Rundumbildung jedes Liebhabers von Fantasy, Science-Fiction oder Mythen.

Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.) – Lexikon der Zauberwelten weiterlesen

Case, John F. – erste der sieben Siegel, Das

Stellt Euch vor, es gäbe eine Sekte, die die Erde von der Überbevölkerung und allen Sündern befreien möchte – und zwar mit Hilfe eines Influenzavirus‘, das Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Namen „Die spanische Dame“ zahlreiche Opfer fand und nun durch Manipulation zur perfekten Vernichtungswaffe gezüchtet wurde.
In John F. Cases „Das erste der sieben Siegel“ wird diese Vision grausige Wirklichkeit.

In New York wird ein Ehepaar ermordet. In Nordkorea wird ein kleines Dorf mit Bomben ausgelöscht. Ein Bewohner, dem die Flucht in die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea gelingt, berichtet, dass im Dorf vor der Auslöschung die „spanische Dame“ ausgebrochen sei. Das Virus galt bis dahin als ausgestorben und auch in den Forschungslabors als nicht vorrätig.

Dr. Kicklighter und seine Schülerin Annie Adair bekommen daraufhin ihren bereits abgelehnt gewesenen Finanzierungsantrag für ein Forschungsprojekt bewilligt. Sie wollen in Norwegen Leichen von Bergarbeitern ausgraben, die seit ihrem Tod 1918 im Dauerfrost begraben und höchstwahrscheinlich an dem besagten Virus gestorben sind.
Doch als sie dort ankommen, sind die Gräber bereits leer.

Der Journalist Frank Daly – der eigentlich über die Ausgrabung berichten sollte, aber den Eisbrecher verpaßt hatte – wittert durch die Verschwiegenheit der beiden Wissenschaftler nach deren Rückkehr und der Anwesenheit des CIA eine heiße Story und beginnt nachzuforschen, wo die Leichen geblieben sind.
Diese wurden unter amerikanischen Namen eingeführt, und ein Name davon ist Leonard Bergmann, der Sohn des ermordeten Ehepaares und Mitglied beim „Tempel des Lichts“.
Daly nimmt die Sekte genauer unter die Lupe, währenddessen deren Mitglieder eine schwächere Version des Virus in verschiedenen Städten auf die beste Verteilungsmöglichkeit und die Ansteckungsrate testen.

Adair bricht schließlich ihr Schweigen und hilft dem Reporter.
Als seine Recherchen den grausigen Plan langsam aufdecken und er sich ans FBI wendet, gerät er in Lebensgefahr. Zuerst wird er überfallen, und als er dennoch weitermacht, wird er unter starke Drogen gesetzt – die letzte Warnung des Tempels.
Kurz darauf wird Adair von Sektenmitgliedern gekidnappt.
Daly, der noch angeschlagen zur Annies Rettung eilt, gerät ebenfalls in Gefangenschaft und lernt auf diese Weise Solange, den Anführer der Sekte kennen. Solange hält sich für den ersten der vier Apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes und ist bereit, alle zu vernichten, die nicht seinem Tempel angehören.

„Das erste der sieben Siegel“ ist ein brilliant geschriebener Thriller, der es mir unmöglich machte, ihn aus der Hand zu legen. Wie wir an geklonten Babys und Massensuiziden bei Sekten sehen können, ist das Thema nicht weit hergeholt, und gerade der Gedanke, dass es wirklich passieren könnte, macht das Buch noch spannender.
Allerdings muss sich der Leser auf den ersten Seiten durch zahlreiche Institutionen und deren Abkürzungen durchwühlen, was ich persönlich recht anstrengend fand. Doch wenn man das überstanden hat, bietet Case Lesevergnügen pur.
Kurzum: „Das erste der sieben Siegel“ kann ich nur wärmstens empfehlen!

Zum Autor muss gesagt werden, dass John F. Case (1942 geboren) ein Pseudonym ist für einen preisgekrönten Enthüllungsjournalisten und Gründer einer Firma, die sich auf internationale Recherchen für Anwaltskanzleien und Gewerkschaften spezialisiert hat. Er lebt mit seiner Frau in Afton, Virginia, und schrieb bereits „Der Schatten des Herrn“. Aktuell im Buchhandel erhältlich ist sein neuer Thriller „Gefälschtes Gedächtnis“.

Wild, Hermann – vergessene Energie, Die

Der schweizerische Physiker Dr. Hermann Wild, Jahrgang 1930, gehört zu jenem noch kleinen, doch zunehmend wachsenden Kreis wissenschaftlicher Pioniere, vornehmlich Ingenieure und praxisorientierte Physiker, die sich in den letzten Jahren daran gemacht haben, energetische Anomalien zu untersuchen und alternative Energiemodelle aufzubauen, die in der Lage sind, diese Anomalien und von der Wissenschaft bislang abgewiesenen energetischen Quellen besser verstehen und erkennen zu können. Dieser Themenkreis gehört in das Umfeld der so gern belächelten Suche nach der „Freien Energie“, deren Ansätze bislang entweder mit Resonanzeffekten oder noch nicht näher untersuchten Feldquellen wie Trägheits- und Vakuumfeldern arbeiten. In seinem Buch „Die vergessene Energie“ widmet sich Wild zudem einem besonders schwierigen Problem: Der Kopplung von physischer und psychischer Energie. Schwierig deshalb, weil die Physik bislang als Wissenschaft von der „unbelebten“ Materie verstanden wird und beobachterunabhängig ohne jeden psychischen Einfluss auskommen „muss“.

Das Buch beginnt mit Betrachtungen einer interessanten alternativen Welt- und Dimensionsvorstellung – in den Wissenschaften in dieser Form hinreichend bekannt, aber der Allgemeinheit weniger vertraut – und formt im Vorfeld eine neue, erweiternde Bereichseinteilung physikalischer Wissenschaft, die aus bislang unerklärbaren Kenntnissen heraus notwendig geworden ist und interdisziplinärer arbeiten muss – eine Entwicklung, die erfreulicherweise im Wissenschaftsbetrieb allmählich Fuß fasst und sich zunehmend ausformt.
Auf der Suche nach Beschreibungsmöglichkeiten und Eigenschaften der ihn interessierenden Energiebetrachtungen begibt sich Wild zunächst in die Antike und berichtet von Überlieferungen und baulichen Errungenschaften alter Völker, vornehmlich der Hopi-Indianer, Ägypter und Inder, wobei er sich sowohl auf noch existierende Bauten als auch auf Mythenbeschreibungen und im Volkstum erhaltene Ansichten bezieht, um nach Ähnlichkeiten und Überschneidungen zu suchen.
Sodann begibt er sich in die Neuzeit und beschreibt die erstaunlichen und bislang unerklärbaren Versuche und Maschinen von Keely, Moray, Wilhelm Reich und Peschka, die entweder noch immer nachweisbar sind oder zumindest durch alte Aufzeichnungen und vertrauenswürdige Zeitzeugenberichte bestätigt werden können. Dabei zeigen sich Parallelen zu den vorherigen Betrachtungen, insbesondere die Art der Energieumwandlung und als zentrales Element eine offenbare psychische Komponente, die auch die Ursache für die Nichterklärbarkeit durch die Wissenschaft sein dürfte, da in diesem Bereich keine Nachweis- und Messmöglichkeit besteht und sie somit außerhalb „physikalischer Realität“ liegt. Da Resonanzkopplung eine wesentliche Rolle zu spielen scheint, wundert es mich etwas, dass von den Erfindungen und Ansichten des erstaunlichsten und wesentlich unterbewerteten praktischen Physikers der Neuzeit, Nikolas Tesla, nichts erwähnt wird; vielleicht fällt hier allerdings die psychische Komponente in den Hintergrund und wäre somit für das Kernthema nicht weiter Gewinn bringend.
Es folgt eine Darstellung der bislang postulierten Erdstrahlungen, scheinbar verschiedener Art, aber durchaus miteinander verflochten. Dabei begibt sich Wild auch in den Bereich der Radäesthesie, also der Grenzwissenschaft vom Rutengehen oder Auspendeln zur Auffindung und Wahrnehmung von Energie- und Strahlungsfeldern.
Nach der Untersuchung technischer Eigentümlichkeiten und besonderer Strahlungsformen, die mit diesen durchaus in Verbindung gebracht werden können, wendet der Autor sich einer Kernthese seiner Darstellung zu: Der Einbeziehung der Psyche in die Wechselwirkung mit diesen Energiefeldern. Ein Bereich dessen befasst sich mit der PSI-Forschung, hier im Wesentlichen der Tele- oder Psychokinese, also der materiellen Beeinflussung durch psychische Kräfte, womit sich eine weitere Verbindung in der Geist-Körper-Interaktion ergibt. Einige der hier erwähnten Fälle waren mir bislang auch aus themenverwandten Publikationen nicht vertraut, so dass sich auch für den interessierten und vorgebildeten Laien Neues entdecken lassen dürfte.
Vor der eigentlichen Synthese der Untersuchungen bringt Wild verschiedene Feldtheorien ins Spiel, unter anderem die von Sheldrake postulierten morphologischen oder morphogenetischen Felder, die sich wiederum mit Jungs Archetypen- und Synchronizitätstheorie verbinden ließen, womit man einen weiteren Brückenschlag zur psychischen Komponente aufbauen könnte; leider wird diese Verbindung in Wilds Buch nicht betrachtet.

In einer abschließenden Synthese-Betrachtung und Themenzusammenführung werden die Strahlungs- und Feldtypen noch einmal unter neuem Blickwinkel besehen und formuliert, Vergleiche gezogen und insbesondere die psychisch-physischen Zusammenhänge anhand von Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten analysiert. Zu einer in sich geschlossenen, erklärenden Theorie des hypothetischen neuen Feldes, das hier herausgearbeitet werden soll, kommt es letztlich nicht, aber die wesentlichen Ansätze sind gelungen und bieten Raum für weitere Forschung in diesem Bereich – so der Enthusiasmus solch engagierter und alternativ orientierter Wissenschaftler nicht wie so oft auf verschiedenen Bahnen durch das Etablissement ausgebremst wird. Es wären allerdings mehr fundierte empirische Daten notwendig; Wild verlässt sich in einigen Betrachtungen gelegentlich zu sehr auf „Hörensagen“ und Überliefertes, was natürlich durchaus fehlerträchtig ist und bei der Suche nach Überschneidungen und einer Reduktion des Problems durch Fehlerdaten die Synthese erschwert. Es gibt in diesem Bereich einfach zu wenig Forschungswillen und -Gelder, Aufzeichnungen und Daten; und dass hierfür ein gänzlich anderer Stil von Wissenschaftlichkeit aufgebaut werden muss, führt Dr. Wild ja selbst in seinem Buch aus.

Der Schreibstil ist im übrigen allgemein verständlich gehalten, bis auf einige Passagen, die sich auf genauere Messdaten beziehen und nicht sonderlich gut zu lesen, aber an einigen Stellen leider notwendig sind. Ansonsten verzichtet Wild größtenteils auf allzu fachspezifisches Vokabular; der Überblickscharakter vieler Passagen erfordert hingegen durchaus etwas Vorbildung.
Ergänzt wird der Band durch zahl- und hilfreiche Abbildungen und Tabellen (in denen oft wesentliche Stichworte für einen Überblick vergleichend gesammelt werden) sowie ein Stichwortregister.

Grobeinteilung aus dem Inhaltsverzeichnis:

• Einleitung
• Die andere Wirklichkeit
• Energien im Altertum
• … und in der jüngsten Vergangenheit
• Strahlungen der Erde
• Die Psyche als Empfänger von Strahlung
• Die Psyche löst Kräfte aus
• Informationsfelder
• Die Suche nach einer Synthese
• Verzeichnis der Abbildungen
• Stichwortverzeichnis

Erhältlich über den [Ancient-Mail-Verlag]http://www.ancientmail.de

Patterson, James – Wiege des Bösen, Die

„Die Wiege des Bösen“ ist bereits nach „Wenn die Mäuse Katzen jagen“ das zweite Buch, das ich von James Patterson in die Hand genommen habe. Patterson, 1949 geboren, lebt heute mit seiner Familie in Palm Beach City, Florida. Er ist Autor mehrerer Psychothriller, die mittlerweile in 27 Sprachen übersetzt wurden und weltweit eine Gesamtauflage von über 25 Millionen Exemplaren erreichten.
Für sein Erstlingswerk „Die Toten aber wissen gar nichts“ erhielt er 1976, also im zarten Alter von 27 Jahren, den begehrten Edgar Allan Poe Award.

Doch schauen wir nun mal ins Innere der „Wiege des Bösen“.

In Boston und Los Angeles wütet das Polio-Virus, die Kinderlähmung, in einer stärkeren Variante als jemals zuvor. Die Krankenhäuser sind überfüllt, und Kinder stecken sich trotz Schutzimpfung in rasender Geschwindigkeit an und sterben. Die Ärzte stehen der Seuche machtlos gegenüber.

Kathleen Beavier ist gerade mal 16 Jahre alt, schwanger und nach eigener Aussage Jungfrau. Jeden sexuellen Kontakt zu einem Jungen streitet sie ab.
Nach einem gescheiterten Abtreibungsversuch, da ihre Ärztin erhängt wurde, und einem ebenfalls missglückten Selbstmordversuch, leiten ihre Eltern ärztliche Untersuchungen ein, die die unglaubliche Tatsache bestätigen. Kathleen ist Jungfrau und schwanger. Ihre Eltern verständigen daraufhin die Kirche.

Der Bostoner Kardinal John Rooney engagiert, trotz eines offiziellen Ermittlers direkt aus Rom, die ehemalige Nonne Anne Fitzgerald, die ihren Magister in Psychologie gemacht und mehrere Jahre für die Bostoner Polizei gearbeitet hatte, um die Ursache der Epidemien herauszufinden und den Fall der Beavier zu untersuchen.

Fitzgerald, freundet sich zwar mit Kathleen an, steht deren Unschuld aber skeptisch gegenüber. Trotzdem sie Zeuge ärztlicher Untersuchungen wird, glaubt sie nicht an das Wunder der Geburt des Erlösers. Nach und nach gewinnt sie das Vertrauen des Mädchens und findet heraus, dass Kathleen sich in der Zeugungsnacht mit einem Jungen getroffen hat, sie sich jedoch nicht erinnern kann, was da passiert ist. Auch die Befragung des Jungen führt zu keinen Erkenntnissen, jedoch stirbt dieser kurz danach bei einem Autounfall. Zufall?
Die Psychologin glaubt es nicht. Selber noch Jungfrau und wegen ihrer Liebe zu dem Pastor Justin O’Carroll an ihrem Glauben zweifelnd, wehrt sie sich gegen den Gedanken an jungfräulicher Befruchtung.
Als O’Carroll in Boston auftaucht, geraten ihr Glauben und ihre Gefühlswelt erneut ins Wanken.

In der Zwischenzeit reist der römische Ermittler Nicholas Rosetti nach Maam Cross, einem kleinen Dorf in Irland. Während der Fall Kathleen Beavier in ganz Amerika durch die Presse geht – und dort einen wahren Auflauf von neuen Gläubigern produziert -, kennt keiner die 14-jährige Colleen Deirdre Calahar.
Sie ist die zweite schwangere Jungfrau.
Nur der Papst und Rosetti kennen das Geheimnis der beiden Mädchen, denn vor über achtzig Jahren wurde prophezeit, dass eine der zwei Jungfrauen den Erlöser zu Welt bringen würde, der die Seuchen und Krankheiten besiegen soll, und die andere das Kind Satans. Er soll herausfinden, welche wen gebären wird und das Böse dann vernichten.
Doch Rosetti wird von Stimmen geplagt, Stimmen der Legionen, die ihn immer mehr schwächen und ins Dunkle hinabziehen…

„Die Wiege des Bösen“ reicht meiner Meinung nach nicht an die Spannung von „Wenn die Mäuse Katzen jagen“ heran, ist aber als leichte Unterhaltung zum Abspannen durchaus zu empfehlen. Die Charaktere bleiben sich durchgängig treu, und deren Gedanken und Gefühle sind verständlich. Immer wieder mit mysteriösen Ereignissen glänzend, ist die Story in sich schlüssig und flüssig geschrieben.

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2389
[„Honeymoon“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3919
[„Ave Maria“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2398
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1683
[„Mauer des Schweigens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1394
[„Stunde der Rache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1149
[„Vor aller Augen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1087
[„Tagebuch für Nikolas“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=854
[„Sonne, Mord und Sterne“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=537
[„Rosenrot Mausetot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429
[„Die Wiege des Bösen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=47
[„Der 1. Mord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1361
[„Die 2. Chance“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1362
[„Der 3. Grad“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1370
[„4th of July“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1565
[„Die 5. Plage“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3915

Conroy, Pat – Herren der Insel, Die

Erzählt wird die Geschichte einer Familie, die von Liebe und Hass, von Zärtlichkeit und Gewalt zerstört und zusammengehalten wird. Als die Dichterin Savannah Wingo nach einem erneuten Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik von der Therapeutin Susan Lowenstein behandelt wird, macht diese sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer berühmten Patientin und holt deren Zwillingsbruder Tom nach New York. Tom Wingo übernimmt die Aufgabe, die er seit jeher unfreiwillig inne hat – er ist das Gedächtnis von Savannah. Mit Widerwillen und in Erinnerung an Schweigegelöbnisse seiner Mutter gegenüber, beginnt er die Lebens- und Leidensgeschichte der Wingokinder zu erzählen.

Aufwachsend auf Melrose Island, einer kleinen Insel vor South Carolina, lernen sie das Handwerk des Krabbenfischens von ihrem Vater Henry Wingo, einem einfachen, zur Gewalttätigkeit neigenden Mann, und den Sinn für die Natur von ihrer Mutter Lila, einer ehrgeizig aufstrebenden Frau. Zwischen den Eltern tobt ein immerwährender, mal schwacher, mal heftiger Krieg. Luke, Savannah und Tom entwickeln jeder für sich unterschiedliche Verhaltensmuster, um die nicht vorhersehbaren elterlichen Schlachten, in die sie mit hineingezogen werden, zu verarbeiten. Der Älteste, Luke, ist der Tatkräftige unter den Dreien. Er lenkt die Gewalttätigkeit des Vaters auf sich, um seine Geschwister zu schützen, er greift zum Gewehr, um gegen ihn zu kämpfen, während Tom die Leichtigkeit des Vergessens anstrebt, unterstützt von den Worten seiner Mutter, die alle Kinder zum Schweigen verdammt. Sein Ziel ist es, ein normaler Durchschnittsbürger zu werden, was ihm leider nicht gut gelingt. Savannah hingegen driftet in bedrohliche Wahnvorstellungen ab, hat massive Gedächtnislücken und verwandelt mit Toms Hilfe die traumatischen Erlebnisse in poetische Verse, die sie zwar zu einer erfolgreichen Dichterin machen, aber ihre zerbrochene Seele nicht heilen können, so dass sie in kurzer Zeit mehrere, immer ernster werdende Selbstmordversuche unternimmt. Über allem schwebt das Wort „Callenwolde“, das der Schlüssel zu Savannahs Heilung zu sein scheint, dessen Geschichte jedoch in Tom fest eingeschlossen ist.

Aber auch in der Gegenwart sieht es nicht besser aus: Henry Wingo, unfähig seiner Frau das zu geben, was sie will, zerbricht an der Scheidung, während Lila ihren Aufstieg in die gehobenere Schicht nach langer Planung geschafft hat. Luke wurde als Amokläufer bei polizeilicher Gegenwehr erschossen. Toms Frau hat einen Liebhaber und will sich von ihm trennen, er selbst ist arbeitslos und unzufrieden mit sich. Zynisch und verbittert kämpft er gegen sich selbst, gegen seine eigene Familie und auch gegen die Therapeutin. Savannah liegt im lebensbedrohlichen Zustand in der Klinik und ist wieder einmal auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen. Selbst die Therapeutin Susan Lowenstein hat private Probleme, die sie nicht bewältigen kann.

Nach und nach dringt Dr. Lowenstein in die Schreckensgeschichte der Wingos ein, macht sich an die schwere Aufgabe, das Siegel der Verschwiegenheit zu durchbrechen und die Heilung mittlerweile nicht nur von Savannah in Angriff zu nehmen, sondern auch von Tom und nicht zuletzt von sich selbst.

Pat Conroy, aus South Carolina stammend und zur Zeit in Rom lebend, schuf ein Buch, das herzzerreißender und denkanregender kaum sein kann. Lebhaft erzählt er in einem ständigen Wechsel von wunderschönen, verträumten und kalten, selbstzerstörerischen Bildern die Geschichte einer psychoanalytischen Selbstfindung, die den Leser unwillkürlich dazu bringt, auch mal in sich selbst hineinzuhorchen, um vielleicht eine schnelle Analyse seiner eigenen Lebenssituation zu vollziehen.

Erfolgreich verfilmt wurde das Buch unter dem Titel „Der Herr der Gezeiten“ von und mit Barbra Streisand, die die Therapeutin Susan Lowenstein spielt, mit Nick Nolte an ihrer Seite als Tom Wingo.

_Leseprobe:_

|“Ich wünschte, es gäbe keine Geschichte, über die hier zu berichten wäre. Lange Zeit habe ich so getan, als hätte meine Kindheit nicht stattgefunden. Ich hielt sie tief in meiner Brust verschlossen. Nein, ich konnte sie nicht herauslassen, ich folgte dem fragwürdigen Beispiel meiner Mutter. Gedächtnis ist auch eine Sache des Willens, und ich entschied mich gegen mein Gedächtnis. Da ich die Liebe zu meiner Mutter und meinem Vater brauchte, trotz all ihrer menschlichen Schwächen und Gebrechen, konnte ich es mir nicht leisten, sie unverblümt auf die schweren Vergehen anzusprechen, die sie an uns Kindern begangen hatten. Ich konnte sie nicht verantwortlich machen oder ihnen die Schuld an schweren Fehlern geben, die sie nicht hatten verhindern können. Sie hatten ihre eigene Geschichte, eine Geschichte, an die ich mich nur mit Zärtlichkeit und Schmerz zugleich erinnere und die mich all ihre Vergehen an den eigenen Kindern verzeihen ließ. In Familien gibt es kein Verbrechen, das nicht vergeben werden könnte.

Nach Savannahs zweiten Selbstmordversuch besuchte ich sie in New York in einer psychiatrischen Klinik. Ich beugte mich zu ihr hinab, um sie in europäischer Manier auf beide Wangen zu küssen. Nachdem ich tief in ihre erschöpften Augen geblickt hatte, stellte ich ihr eine Reihe von Fragen – wie stets, wenn wir uns nach langer Trennung wiedersahen.

‚Wie war dein Familienleben, Savannah?‘ erkundigte ich mich im Tonfall eines Interviewers.

‚Hiroshima‘, flüsterte sie.

‚Und wie war dein Leben, seit du den sicheren, warmen Schoß deiner fürsorglichen, einträchtigen Familie verlassen hast?‘

‚Nagasaki‘, antwortete sie mit einem bitteren Lächeln um den Mund.“|

Robert A. Heinlein – Fremder in einer fremden Welt

Dieser Roman erschien 1961 das erste Mal in den USA und löste eine Welle verschiedenster Reaktionen aus – die ganze Palette von emphatischer Zustimmung bis hin zu empörter Ablehnung. „Stranger in a strange world“ war einer der programmatischen Romane der Sechzigerjahre. Vor allem die Hippie-Bewegung las Heinleins Worte mit Begeisterung und Charles Manson fühlte sich durch den Roman inspiriert.
Dabei gilt Heinlein allgemein als „Rechter“, als eine Mischung aus Aristokrat, Militarist, Anarchist und typisch amerikanischer Selfmade-Man-Attitüde. Irgendwie scheint es da kein Wunder, dass ein Kater im Roman Friedrich Wilhelm Nietzsche heißt.

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Bemmann, Klaus – Religion der Germanen, Die

Dem Phaidon-Verlag verdanken wir einige Bücher zum Thema Germanentum, insbesondere die Herausgabe von Quellentexten in deutscher Übersetzung (so die Simrock-Übersetzungen der „Edda“ und des „Nibelungenliedes“) und die Wiederveröffentlichung von Autoren des 19. Jahrhunderts, unter denen der bekannteste wohl Felix Dahn ist. Hier nun liegt ein neueres Werk vor. Es handelt sich um eine leicht verständlich geschriebene Einführung in die Religion unserer Vorfahren von Dr. Klaus Bemmann. Mit einem reichen und hervorragend ausgewählten Bildteil versehen, hat das Buch alle Chancen, zu einem Standardwerk für alle an den Germanen Interessierten zu werden. Bei der liebevollen Herangehensweise an seinen Gegenstand dürfte Bemmann zudem noch sämtliche Neuheiden und Anhänger der „Naturreligionen“ für seine Darstellung begeistern. Trotzdem hinterlässt das Werk einen zwiespältigen Eindruck.

Bemmann ist es hoch anzurechnen, dass er in erfrischend klarer Weise die Kontinuiität zwischen den Germanen und den Deutschen erläutert – das Frankenreich fasste in seinem östlichen Teil die germanischen Stämme der Burgunder, Alemannen, Thüringer, Bayern, Langobarden, Friesen und Sachsen zusammen, während es in seinem westlichen Teil die romanische Bevölkerung beherbergte. Im östlichen Teil wurde althochdeutsch gesprochen, im westlichen Teil „welsch“, d.h. altfranzösisch. Aus dem östlichen Teil ist nun aber Deutschland entstanden – wir sind also die direkten Nachfahren der Germanen. Der erste König dieses Ostreiches Ludwig wurde denn auch von den zeitgenössischen Chronisten als „Rex Germanorum“, König der Germanen, bezeichnet. Diese einfachen Tatsachen folgerichtig darzustellen, ist leider nicht die übliche Gepflogenheit in der modernen Germanenliteratur.

Ebenso deutlich verkündigt Bemmann mit einem Zitat das Programm seiner Herangehensweise an die Quellen über die germanische Religion: „Kritisch sein ist das Wesen der Wissenschaft, aber Hyperkritik ist eine Krankheit. Die Beweispflicht geht immer zu Lasten desjenigen, der die Quellen als unzuverlässig ansieht.“ Im Folgenden finden sich dann eine Darstellung der germanischen Sitten und Bräuche, der germanischen Götter, des Kultes und schließlich einige von Bemmann nacherzählte Göttersagen. Wie der Untertitel des Buches schon erahnen lässt, liegt der Schwerpunkt dabei auf den Südgermanen, wobei selbstverständlich die nordischen Quellen allesamt auch einbezogen werden.

So weit, so gut… Leider muss man ein großes Aber anfügen: Bemmann zeichnet letztlich ein verzerrtes Bild der germanischen Religion. Einmal hält er sich nicht an die von ihm postulierte Behandlung der Quellen. Ohne Angabe von Gründen bezeichnet er den „Fulltrui“-Glauben als Späterscheinung; am Anfang wären alle Götter gleich verehrt worden. Fulltrui ist der göttliche Treufreund – wie die isländischen Sagas schildern, verehrten Einzelne immer wieder einen Gott ganz besonders (z.B. Odin, Thor oder Frey), sie konnten aber auch in Feindschaft zu einem Gott stehen. Es handelt sich um eine der wichtigsten Charakteristika der germanischen Religion. Im Weiteren wird klar, warum Bemmann den „Fulltrui“-Glauben so herunterspielt. Seiner Meinung nach brachten die Germanen ihre Opfer in Demut den Göttern dar, die allmächtig und allein frei in ihren Entscheidungen waren, die der Mensch eben akzeptieren musste. Das ist Christentum, aber keine germanische Religion. Es ist einfach falsch. Sicherlich spielt die Ehrfurcht, der „heilige Schauer“ auch hier eine große Rolle – der von Tacitus geschilderte Fesselhain der Semnonen wird von Bemmann zu Recht in diesem Zusammenhang erwähnt. Doch der Germane blieb frei in seinen Entscheidungen gegenüber seinem Gott, auch wenn er die Orakelsprüche der Götter befolgte – es war seine Wahl. Dem Schicksal gegenüber galt diese Haltung in genau der gleichen Weise. Der Germane nahm das meist tragische Schicksal an und macht es ganz bewusst zu seinem Willen. Aber von dem für das Germanische so wichtigen Schicksalsglauben hören wir fast nichts in Bemmanns Buch, obwohl die hervorragende Abhandlung dazu von Dr. Walter Gehl in der Bibliographie auftaucht. Ein Buch über germanische Religion ohne den germanischen Schicksalsglauben? Selbst die Götter sind dem Schicksal unterworfen und genau wie die Menschen der Heldensage meistern sie es.

In dem Buch finden sich viele Stellen, an denen man mit Bemmann streiten will: so bezeichnet er die Germanen als „leidenschaftliche Demokraten“, was nach dem heutigen Begriff von Demokratie so nicht stimmt. Die Germanen liebten die Freiheit, waren aber von der Ungleichheit des Menschen überzeugt. Auf dem Thing galt die Meinung des einen möglicherweise fast nichts, die eines anderen sehr viel. Witzigerweise bringt Bemmann selbst mit seinem Kapitel über das Leben und Denken der Germanen den Gegenbeweis. Wahrscheinlich möchte er mit solchen Aussagen das Germanentum salonfähig machen, nachdem es lange Zeit mit dem NS assoziiert wurde.

Was bleibt, ist ein Buch, das spannend geschrieben ist und viele wertvolle Kenntnisse bringt, aber letztlich nur unvollständig und bisweilen auch verzerrt über die Religion unserer Ahnen informiert. Man sollte dieses Buch gelesen haben, aber gleichzeitig auch andere Darstellungen. Bemmanns Buch beweist, dass gerade über solche heiß umstrittenen Themen wie das Germanentum nur die Kenntnis vieler Standpunkte zu einem vollständigen Bild führen kann.

King, Stephen – Duddits – Dreamcatcher

Stephen King ist ein Phänomen – zum Autor und seiner Bedeutung für die moderne Belletristik muss an dieser Stelle wohl kaum noch ein Wort verloren werden. Phänomenal allerdings finde ich – neben seinen eindrucksvollen, packenden Werken an sich – seine schriftstellerische Entwicklung und die stilistische Experimentierfreudigkeit, die er gerade im letzten Jahrzehnt an den Tag legte. So versucht er sich auch gern in Bereichen, die jenseits dessen liegen, was ihn zum „King of Horror“ machte und verliert sich dadurch nicht in allmählich langweilender inhaltlicher wie formaler Beliebigkeit, so wie dies leider beispielsweise beim deutschen „Pendant“ Wolfgang Hohlbein zu bemängeln ist.

Doch nun zu „Duddits“. Ein zunächst irritierender Titel – zumal die deutsche Übersetzung des Originaltitels „Dreamcatcher“ eigentlich auch niemandem weh getan hätte –, wenn man nicht weiß, dass dies der Spitzname des zentralen Charakters in Kings Meisterwerk aus dem Jahre 2001 ist. Duddits ist ein vom Down-Syndrom benachteiligter Sonderling, so aufgeweckt wie ein Knäckebrot, aber äußerst liebenswert und menschlich. Im Großteil des Buches scheint er eher eine Nebenrolle zu spielen, entwickelt sich aber alsbald zum Zentrum der Geschichte und eines Geflechtes, das durch den die Handlung tragenden Freundeskreis gebildet wird. Diese Freunde sind – als Erwachsene: Der ziemlich abgerissene, vor sich hinvegetierende Biber; Pete, der Autoverkäufer mit einer hellsichtigen Begabung, deren Herkunft und Bedeutung sich im späteren Verlauf noch erklären wird; Henry, seines Zeichens Psychoanalytiker mit einer ähnlichen mentalen Fähigkeit, die ihm nicht immer nur nützlich in seinem Beruf ist; und schließlich ist da noch Jonesy, ein Geschichtsprofessor, mit dem es das Schicksal gar nicht gut zu meinen scheint. Und auch er teilt die jeweils etwas verschieden ausgeprägten speziellen Geistesgaben seiner Kindheitsfreunde. Als Erwachsene bleibt ihnen von ihren gemeinsam verbrachten Jahren und Verbundenheit nur noch ein alljährlicher, geradezu ritueller Jagd-Ausflug in die Berge, der sich diesmal als höchst schicksalsträchtig erweisen soll. Der Kontakt zu Duddits ist mit dem Älterwerden abgerissen, aber auch dies hat seine Gründe, die erst im späteren Verlauf klar werden sollen. Und als Duddits wieder ins Blickfeld des Geschehens rückt, erwachen längst vergessene Erinnerungen und Fähigkeiten bei den Freunden, die Vergangenheit fließt mit der Gegenwart zusammen und Freunde, ebenso wie einzelne, scheinbar unwichtige Details im Erzählverlauf bilden wieder eine Einheit. Im Zentrum des Traumfänger-Netzes sitzt – ein passiver Spielball der Mächte und dennoch der Schlüssel zu allem – der von der Restwelt bemitleidete und belächelte Duddits.

Über den weiteren Verlauf der Geschichte will ich nicht zu viele Worte verlieren, sondern nur als Stichwortgeber anreißen, dass der Trip in die Wälder nach der Begegnung mit dem seltsamen Jäger McCarthy, einer eigentümlichen Infektion und der Quarantäne des gesamten Landstriches durch das Militär – die Charakterzeichnung des Befehlshabers allein ist eine wahre Wonne und Genuss – zu einer stürmischen, atemberaubenden Achterbahnfahrt mutiert, die nicht nur für die Freunde alles verändern wird.

Wie von King gewohnt, widmet sich der Prolog – der auf ein paar neugierig machende und Themen weisende Nachrichtenauszüge von 1947 bis 2000 folgt – der Formgebung der Hauptfiguren; für King ist dieser einführende Part allerdings ungewöhnlich kurz geraten, denn sofort mit Teil 1 des eigentlichen Buches geht es direkt in die Vollen und der Spannungs- und Handlungsbogen setzt ohne weitere Vorwarnung ein, packt den zu diesem Zeitpunkt bereits reichlich neugierig gewordenen Leser und schleift ihn förmlich durch ein Nerven zerfetzendes Abenteuer, das eine Mischung aus Akte-X-Material, Science-Fiction, Actionfilm, Psychothriller und Horror ist, wobei Elemente einfließen, die King bereits bei Werken wie „The Stand“, „Tommyknockers“ und „The Green Mile“ einsetzte, die hier aber zu ganz neuen Höhen aufgefahren, erweitert und perfektioniert werden und keineswegs zu einer unnötigen Wiederaufwärmungskur geraten.

Besonderen Applaus hat sich King für die plastische Charakterformung der tragenden Figuren verdient; die psychologische Komponente des Romans ist erstaunlich und erschreckend zugleich. Der Spannungsbogen sowohl der Handlung als auch der stückweisen Informationsfreigabe reißt keinen Augenblick ab, verliert sich nie in nutzlosen Beschreibungen und selbstverliebter Schriftstellerei – obwohl das schreiberische Niveau des Romans in King-typischem Wälzerformat hoch angelegt ist – und weiß zu überraschen, zu packen und zu begeistern. Es fällt schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen, wenn die Geschichte den Leser einmal in sich aufgesogen hat; man sollte sich also auf schlaflos durchlesene Nächte einstellen und Beruhigungsmittel für die Nerven bereit halten – denn die wird man dringend benötigen. Das ungewöhnlicherweise gänzlich von Hand vorgeschriebene und vielleicht gerade deshalb so ungekünstelt-authentisch und schriftstellerisch überzeugende „Duddits – Dreamcatcher“ kann es als potenzieller Genre-Klassiker in jedem Fall mit dem Format von „Es“ aufnehmen und ist ein Meilenstein in Kings Schaffenswerk geworden.

Homepage des Autors: http://www.stephenking.com

Grace, Celia L. – Heilerin von Canterbury sucht das Auge Gottes, Die

_Historischer Kriminalroman_

Ein neuer Fall für Kathryn Swinbrooke, die Ärztin und Apothekerin aus Canterbury. Die Detektivin im Nebenberuf erhält diesmal gemeinsam mit ihrem Freund Column den Auftrag, einen kostbaren Saphir – das Auge Gottes genannt – wiederzufinden, der in den Wirren des Rosenkrieges verloren gegangen ist. Die Angelegenheit wird kompliziert, als sich erweist, dass Columns Leben in Gefahr ist, weil Feinde aus seiner Heimat – die schon lange seine Ermordung geplant haben – ihrem Ziel nun bedenklich nahe gekommen zu sein scheinen.

Spannung ist also bis zur letzten Seite garantiert. Die Story ist – wie schon bei Kathryns erstem Fall – in Bezug auf die historischen Details gut recherchiert. Besonders der Konflikt zwischen den Ärzten der Stadt und der Apothekerin und Ärztin Kathryn spiegelt die Situation des Umbruchs in den heilenden Berufen wider. Eine (ent)spannende Lektüre!

Rezension von _Barbara Stühlmeyer_ aus Karfunkel Nr. 18, Seite 58
Abdruck auf dieser Seite (powermetal.de) mit freundlicher Genehmigung des _Karfunkel-Verlages_

[Karfunkel – Zeitschrift für erlebbare Geschichte]http://www.karfunkel.de

Elisabeth Gössmann – Hildegard von Bingen – Versuche einer Annäherung

Elisabeth Gössmann gehört zu den ganz Großen in der Hildegard-Forschung. Mit unermüdlicher und nüchterner Leidenschaft arbeitet sie seit Jahrzehnten mit ihren theologisch-philosophischen Werken. Wir verdanken ihrer Arbeit wesentliche Erkenntnisse in Bezug auf Hildegards Selbstbild und ihre höchst eigenständigen theologischen Ansätze. Gössmann hat, um nur ein Beispiel zu nennen, die double voice theory auf ihre Werke angewandt und so herausgearbeitet, dass Hildegard, wenn sie beispielsweise frauenfeindliche Thesen in ihren Werken nennt, diesen keineswegs zustimmt, sondern sie gleichsam kontrapunktisch bearbeitet und in der Gegenstimme ihre eigene Theologie zu Wort kommen läßt.

Elisabeth Gössmann – Hildegard von Bingen – Versuche einer Annäherung weiterlesen

Cowell, Stephanie – Ballade des Falken, Die

Was für ein Mensch war eigentlich William Shakespeare? Wie hat er gelebt? Wie sah er aus? Was tat er, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, einen seiner zahlreichen Knüller der Weltliteratur zu schreiben, die noch heute unzählige Schüler im Englischunterricht je nach Einstellung in Schrecken oder Begeisterung versetzen?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die „Ballade des Falken“ ist keine Shakespeare-Biographie. Eigentlich geht es auch gar nicht so sehr um den berühmten Dichter, sondern um den Heranwachsenden Nicholas Cooke, den natürlich niemand kennt. Wie könnte man auch, denn Nicholas ist eine fiktive Person.

Die ersten Jahre seines Lebens verbringt Nicholas Tomkins – so heißt er eigentlich – in Canterbury, wo er als Fünfjähriger mit ansehen muss, wie sein Vater als Dieb hingerichtet wird. Seine Mutter sinkt in die Prostitution ab. Nick selber ist äußerst wissbegierig und träumt von einem Theologiestudium. Dieses wird ihm jedoch verwehrt, sodass ihm nichts anderes übrig bleibt, als bei einem unsympathischen Stellmacher in die Lehre zu gehen. Lange arbeitet Nick allerdings nicht bei ihm, denn bei einem Streit verletzt er seinen Meister so schwer, dass er glaubt, er habe ihn getötet. Daraufhin flüchtet der Junge aus der Stadt. Seine Mutter ist bei der Geburt eines Kindes gestorben.

Nicholas verschlägt es nach London. Dort findet er schließlich Zugang zu Schauspieler- und Dichterkreisen. Mit Kit Morley (Christopher Marlowe) geht er eine stürmische Beziehung ein. Der von ihm hochverehrte Dichter wird jedoch ermordet. Nicks ausgesprochenes Talent für das Theater bleibt nicht unverborgen, und so geht der Junge bei dem Schauspieler John Heminges in die Lehre. Über John lernt Nick Shagspere (Shakespeare) kennen und schätzen, der seine innere Zerrissenheit und Einsamkeit versteht und ihn liebevoll „mein Falke“ – daher der Titel des Romans – nennt.

Der rastlose Nick findet keine Ruhe. Sein teilweise extrem egozentrisches Handeln erweckt beim Leser bisweilen alles andere als Sympathie. Zwar verabscheute Nick seinerzeit die Tätigkeit seiner Mutter, was ihn aber nicht davon abhält, sich nun immer wieder mit Prostituierten einzulassen. John Heminges, in dessen Haus Nick lebt, ist ihm sehr wohlgesonnen und ständig bereit, Nick sein nicht immer vorbildliches Verhalten zu verzeihen. Der Junge selber hat ein eher gespaltenes Verhältnis zu Heminges. Dessen Frau bringt er jedoch ganz andere Gefühle entgegen. Die Beziehung scheitert aber am Pflichtgefühl von Rebecca Heminges.

Um am Krieg in Irland teilnehmen zu können, lässt Nick die Schauspieltruppe im Stich. Das verzeiht ihm John jedoch nach Nicks Rückkehr und gibt ihm sogar seine Tochter Susan zur Frau. Die Ehe geht aber dank Nicks unbeständigem Wesen in die Brüche. Mit John versöhnt sich Nick erst viel später wieder, als er seinen Kindheitstraum erfüllen kann, Priester wird und so seinen inneren Frieden findet.

Der in der Ich-Perspektive geschriebene Roman gibt einen ausführlichen Einblick in das England der Renaissance. Vor dem Hintergrund der politischen Auseinandersetzungen erhält der Leser Zugang zu der Welt des Theaters jener Zeit, insbesondere dem bekannten Globe Theatre. Die Personen, die Nick umgeben, sind fast alle historisch. Hier ist der dem Roman beigefügte Anhang positiv hervorzuheben, in dem diese Personen und die sozialen Umstände, die sie umgaben, kurz charakterisiert werden.

Der Roman ist gut zu lesen, bisweilen allerdings ein wenig zähflüssig. Rückblickende historische Gegebenheiten und Umstände wirken manchmal etwas steif und gekünstelt. Im Ganzen zeichnet sich die Erzählweise aber durch eine lebendige und anschauliche Sprache aus.
Das Ende ist für einen modernen Roman ein wenig ungewöhnlich und erinnert eher an eine mittelalterliche Erzählung, was den Reiz dieses Werkes eigentlich erhöht, es sei denn, man erwartet den „Standardschluß“, demzufolge der Held und seine Geliebte sich glücklich in die Arme sinken. Schön, dass es nicht immer so ausgehen muss.

Rezension von _Sabina Schult_ aus Karfunkel Nr. 18, Seite 58
Abdruck auf dieser Seite (powermetal.de) mit freundlicher Genehmigung des _Karfunkel-Verlages_

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