Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

China Miéville – Die Narbe

Bas-Lag: Faszinierende Welt skurriler Geschöpfe, gigantischer Ausmaße, perverser Experimente, melancholischer Charaktere, wissenschaftlicher Magie … Eine Mixtur mittelalterlicher und frühindustrieller Mechaniken und moderner bis futuristischer Techniken. Da kämpft ein Pirat mit Steinschlosspistolen und Messern, unterstützt von dampfbetriebenen Konstrukten künstlicher Intelligenz, gegen stahlgepanzerte Dampfschiffe ungeheurer Größe; da verstümmeln und modellieren Techniker mit thaumaturgischen Kadabras lebendes Fleisch und Intelligenzen zu neuen Funktionen. Und in dieser widersprüchlichen Welt voller Wunder und Sagen leben Menschen und andere Wesen auf der Suche nach einem mächtigen Mythos …

China Miéville wurde 1972 in England geboren. Nach Abschlüssen in Sozialanthropologie und Wirtschaft unterrichtete Miéville in Ägypten. Während sein für mehrere Awards nominierter erster Roman „King Rat“ noch leer ausging, wurde „Perdido Street Station“ mehrfach ausgezeichnet (unter anderem mit dem Arthur C. Clarke Award und dem Kurd-Laßwitz-Preis). Nach „Perdido Street Station“ ist „The Scar“ (deutsch: „Die Narbe“ & „Leviathan„) sein zweiter Roman aus der phantastischen Welt Bas-Lag.

Bellis Schneewein ist eine meisterhafte Linguistin aus New Crobuzon, der mächtigsten Stadt Bas-Lags. Auf der Flucht vor Schwierigkeiten mit den Behörden, die aus den Geschehnissen rund um „Die Falter“ resultieren, heuert sie auf dem erstbesten Schiff an, das die Gestade New Crobuzons verlässt: Die Terpsichoria.

Da trifft es sie doppelt hart, als das Schiff von einem übergeordneten Befehl zurückbeordert wird. Und trotzdem kann sie sich nicht über die Piratenattacke freuen. Das Schiff wird trotz seiner augenscheinlichen Überlegenheit gekapert und entführt, Zielort ist Armada, die schwimmende Stadt. Ein faszinierendes, uraltes Konstrukt aus Schiffswracks und seetauglichen Schiffen, fest verbunden und über Stege und Straßen begehbar, Wohnort von hunderttausenden von Menschen, Remade, Kaktusleuten, Khepri und anderen Bewohnern der Welt. Hier herrschen andere Gesetze, es gibt keine Sklaven, sogar die Remade (thaumaturgisch veränderte Wesen, in ihrer Heimat bestraft und versklavt) sind anerkannte Bürger.

Einerseits froh, der Heimkehr und damit weiteren Verfolgung entkommen zu sein, hat Bellis andererseits Heimweh und plant die Flucht, zumal den |gepressten| Bewohnern Armadas eindeutig klar gemacht wird, dass sie hier ihr Leben beschließen würden und aus Sicherheitsgründen niemals heimkehren könnten.

Und in den Tiefen des Ozeans wartet ein Wesen, unvorstellbar gigantisch und erschreckender Mythos aller Kulturen. Durch ihre Übersetzertätigkeit erfährt Bellis von einer Planung, die diesen Avanc zu fangen vorsieht, ein unmögliches Unterfangen, möchte man meinen: Unter Armadas Schiffen harren riesige Ketten, ein Glied über hundert Meter lang, ihrer Bestimmung als Zaumzeug für die Kreatur. Aber die größte Bedrohung geht von einer anderen Seite aus. Tödliche Gefahr schwebt über New Crobuzon, und Bellis sucht verzweifelt nach einem Weg zur Warnung, entgegen der strikten und interesselosen Vorschriften Armadas …

Schon der zweite Satz im Abschnitt Inhalt mag abschreckend wirken, scheint er doch die Kenntnis des ersten Bas-Lag-Romans von Miéville vorauszusetzen. Dieser Eindruck täuscht. Es sind keinerlei Kenntnisse über Miévilles bisheriges Werk nötig; jene Erwähnung über die Ereignisse in „Perdido Street Station“ sind für den Roman wenig von Belang und liefern befriedigend die Erklärung für Bellis‘ Flucht. Für Leser der PSS stellen sie ein Gimmick dar, denn man erinnert sich an Einzelheiten, die hier unerwähnt bleiben. Andere, wichtige Details, wie beispielsweise das Remaking, werden bildreich und schnell verständlich eingeführt, ohne jedoch jene zu langweilen, denen sie bekannt sind.

Der Autor bewältigt also die Gratwanderung zwischen Erklärungsbedarf für Neuleser und Geduld der anderen bravourös. Seine anschaulichen Beschreibungen lassen trotz ihrer Detailgenauigkeit unendlichen Platz für eigene Spekulationen und Vorstellungen, so dass die Protagonisten ihr Leben eingehaucht bekommen, ohne dem Leser vollendete Darstellungen vorzuschreiben. Und kann man sich überhaupt alles und jedes vorstellen? Soll man das können? Leben nicht gerade unvorstellbare Dinge wie Kettenglieder in Schiffsgröße von ihrer Unvorstellbarkeit? Die Fremdheit der Welt durch die Verschmelzung primitiven Mittelalters mit phantastischer Wissenschaft, der Thaumaturgie und dampfkesselbetriebener KI?

Auch wenn im ersten Abschnitt die Handlung einfach und langsam erscheint, packt die Spannung den Leser beim Genick, so dass Herz- und Atemfrequenz steigen und der Adrenalinausstoß zu zittriger Erwartung führt. Dass man das Buch nicht mehr weglegen kann/will. Dass vielleicht die Hände feucht werden und man verschmilzt mit den Gedanken und Gefühlen der Charaktere. Die Atmosphäre, gefährlich, spannend, mysteriös und – hm, unbeschreiblich; diese Atmosphäre ist vollkommen.

Und wieder neue, unbekannte, fremdartige Geschöpfe. Wie die Anopheles, deren Name treffend der irdischen Malariamücke entlehnt ist. Ihr Schreckensregime: Das Malariale Matriarchat. Oder die Kustkürass, menschliche Wesen mit stark gerinnendem Blut, die sich durch Schnittwunden stahlharte Schorfpanzer modellieren und durch Schnittwaffen kaum zu töten sind … Diese Welt lebt, sie hat eine wundervolle Gegenwart, eine atmende Vergangenheit und eine ungewisse Zukunft, und man erfährt bruchstückhaft und wie selbstverständlich Einzelheiten, die das Bild vertiefen und strukturieren. Und noch so vieles liegt verschüttet in den weiten Meeren, ist in Vergessenheit geraten und harrt eines Zufalls, um in irgendeiner Form Einfluss auf die Gegenwart zu nehmen.

Da „Die Narbe“ das erste Bruchstück eines für die deutsche Bibliothek gesplitterten Romans ist, gibt es nur ein Teilende – noch nicht durchschaubare Einzelheiten wie die unheimlich mächtigen Wesen aus den Tiefen des Meeres schlagen eine Spannungsbrücke zum nächsten Fragment: „Leviathan“.

Ohne ein endgültiges Fazit ziehen zu können, hat mir der Roman doch sehr gut gefallen. Nur frage ich mich, woher er seine Bezeichnung hat? Auf dem Umschlag steht: Es ist die Suche […] nach einer massiven Wunde in der Welt, einer Quelle unvorstellbarer Macht und Gefahr: der Narbe …
Erwartungsgemäß müsste also diese Narbe ein deutlicher Bestandteil des Romans sein, dem ist aber nicht so. Sie wird nicht einmal als Narbe erwähnt, und insgesamt nur verschlüsselt angedeutet. Hier hätte ich mir einen anderen Namen gewünscht.

„Die Narbe“ ist empfehlenswert für jeden Phantastik-Begeisterten und Freund spannender Geschichten. Und dank seiner Unabhängigkeit von „Perdido Street Station“ tatsächlich für jedermann/jederfrau ohne Vorkenntnisse genießbar!

Douglass, Sara – Tanz der Sterne (Unter dem Weltenbaum 3)

Band 1: [„Die Sternenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=577
Band 2: [„Sternenströmers Lied“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=580

Beim dritten Band des Weltenbaum-Zyklus, „Tanz der Sterne“, lässt die Autorin Sara Douglass es wieder etwas langsamer angehen.

Aschure ist nach dem Kampf am Erdbaum den Ikariern zum Krallenturm, ihrem Wohnsitz im Gebirge, gefolgt, da die Awaren ihr kämpferisches Wesen ablehnten. Sie lässt sich überreden, sich zur Bogenschützin ausbilden zu lassen und gewinnt bei einer Wette einen magischen Bogen, der einst einem Zaubererkönig der Ikarier gehörte, und mit dem seit dessen Tod niemand mehr zu schießen vermochte.
Im Krallenturm trifft sie auch auf Axis, der nach dem Ausfall aus der Feste Gorken seine Truppen verlassen hat, um sich von seinem Vater und seiner Großmutter in die Magie des Sternentanzes einführen zu lassen. Die beiden beobachten seine leichten und raschen Fortschritte allerdings mit sehr gemischten Gefühlen und bald keimt ein schlimmer Verdacht auf.
Axis und Aschure freunden sich an, doch bei der Feier des Frühlingsfestes am Erdbaum kommt es zu verhängnisvollen Verwicklungen. Während Axis zu den Charoniten unter die Erde steigt, um ihr Wissen zu erwerben, versucht Aschure, so weit wie möglich von Axis wegzukommen.

Faraday ist unterdessen ihrem Gemahl in die Hauptstadt Karlon gefolgt. Der König ist binnen kurzem unter äußerst mysteriösen Umständen verstorben und Faraday gezwungen, bei der Krönung Bornhelds zuzusehen. Doch sie ist zu allem entschlossen, um ihre Kräfte zu Gunsten Axis‘ einzusetzen …

Der dritte Band dient wie der erste auch vornehmlich dem Aufbau einer Handlung, deren Höhepunkt sich erst im nächsten Band findet. Eine ungewöhnliche Einteilung, die einfach daher rührt, dass ein im Original dreibändiger Zyklus auf sechs Bände aufgeteilt wurde. Eine ziemlich lästige Angelegenheit für den Leser, der nicht nur mehr Bücher kaufen muss, sondern vor allem auch bei jedem zweiten Band mitten aus dem Geschehen gerissen wird! Dabei zeigt der |Symphony of Ages|-Zyklus („Rhapsody“; E. Haydon) mit seinen 800-1000 Seiten pro Band nur allzu deutlich, dass es auch anders geht!

Die Entwicklung der Personen betrifft in diesem Band vor allem Aschure. Die ungewöhnliche Frau wird mit jeder Andeutung nur immer geheimnisvoller und entwickelt sich immer mehr zu einer Person, die eine wichtige Rolle in der Prophezeiung zu spielen scheint, aber allen umso mehr zum Rätsel wird. Nebenbei entwickelt sie sich zu einer fähigen Kriegerin und gewinnt mehr Selbstvertrauen, nur mit ihrer Beziehung zu Axis kommt sie nicht richtig klar.
Axis wird zwar zu einem äußerst mächtigen Zauberer, seinem Verhalten gegenüber Aschure aber fehlt jegliche Vernunft, zumal es nicht durch Darstellung seiner Gedanken und Gefühlen nachvollziehbar wird, sodass man gelegentlich den Wunsch verspürt, ihn einmal kräftig zu ohrfeigen!
Faraday tritt in diesem Band stark in den Hintergrund, stattdessen wird mehr von Gorgrael erzählt und dem dunklen Mann an seiner Seite, der mindestens so rätselhaft ist wie Aschure, und jede Andeutung zu seiner Person macht ihn ebenso nur noch rätselhafter.
Und auch Jack hat sich irgendwie verändert …
Es ging im dritten Band also nicht nur um ein Rätsel.

Die Handlung hat, wie gesagt, wenig Bewegung, lediglich die Wiedererweckung der Burg Sigholt und das Frühlingsfest bilden leichte Höhepunkte, allerdings nicht so ausgeprägt wie die, die im ersten Band den Spannungsbogen stützten. Der dritte Teil bezieht seine Spannung weitestgehend aus den vielen ungelösten Fragen, die trotz einiger Enthüllungen einfach nicht weniger werden wollen. Der Berg an Fragen und Geheimnissen scheint eher größer zu werden als kleiner und lässt nicht zu, dass man das Buch zur Seite legt.
Gegen Ende des dritten Teils steht wieder der Winter vor der Tür, dazu kommen erneute Rivalitäten zwischen Bornheld und Axis und seine Verstrickung zwischen Faraday und Aschure, was darauf schließen lässt, dass im nächsten Band Kämpfe und Dramatik wieder stärker in den Vordergrund rücken werden. Die Erwähnung der Prophezeiung in Gestalt einer lebenden Person legt die Vermutung über Eröffnung eines neuen Handlungsstrangs nahe.

Sara Douglass versteht sich darauf, ihre Leser jederzeit zu fesseln, ganz gleich, ob es hoch hergeht oder eher leise. Jeder neue Handlungsstrang eröffnet eine Unzahl weiterer Facetten. Einiges kommt bekannt vor, so sind die Awaren und ihre Heiligtümer und Riten eindeutig an die Kelten angelehnt, und auch der Name „Charoniten“ kommt nicht von ungefähr. So mag der Eindruck entstehen, dass die Ideenvielfalt in der Ausgestaltung der Welt nicht besonders ausgeprägt ist, die Gewichtung innerhalb der Erzählung selbst liegt aber ohnehin eher auf den Personen und den Geheimnissen drumherum, zwischen denen sich die Handlung zuspitzt, und da bleibt nichts zu wünschen übrig.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse weitere Romane und Kurzgeschichten.

http://www.saradouglass.com

Ohff, Heinz – König Artus. Eine Sage und ihre Geschichte

Heinz Ohff, Jahrgang 1922, war von 1961 bis 1987 Feuilletonchef beim Berliner „Tagesspiegel“. Im Büchergewerbe ist er bisher vor allem als Biograph hervorgetreten (über Fontane, über Schinkel, Preußens Könige u.a.). Hier nun schrieb er „die Biographie eines Mannes, der wahrscheinlich nie gelebt hat“, wie er gleich zu Beginn gewollt paradox formuliert. Weiter unten heißt es, historisch greifbar sei Artus kaum, und obwohl über seine Zeit mittlerweile vieles bekannt sei, wüssten wir immer noch nicht, ob es ihn jemals gegeben hat.

Warum dann diese Biographie? Aus drei Gründen: Artus ist eine gesamteuropäische Erscheinung; die Literatur über ihn füllt ganze Bibliotheken; und Artus stellt ein „Wunschbild des Abendlandes“ dar. Daher ist die „Traumfigur aus Historie, Sage und Wunschvorstellung […] realer und greifbarer geblieben als die meisten historisch gesicherten Gestalten“. Und somit verdient sie ein Buch, das ihren Spuren, der Wandlung ihres Bildes und dem gesammelten Erzählgut aus eineinhalb Jahrtausenden nachgeht.

Ein Buch, an dem einfach alles stimmt. Zum einen ist es hoch informativ, zum anderen ausgezeichnet lesbar, keine Lektüre nur für Fachleute (obwohl auch die, ausgenommen Puristen, ihren Spaß daran haben werden). Ohff schreibt klar, quicklebendig, humorvoll, und er webt eigene Erlebnisse und Eindrücke in seinen bunten Faktenteppich ein. Auf gut 330 Seiten zeigt er in 28 Kapiteln, was an Artus’ Lebensgeschichte mit einiger Wahrscheinlichkeit als gesicherte Tatsache betrachtet werden kann (leider recht wenig) und was die Dichtung daraus gemacht hat (erfreulicherweise recht viel). Ganz „nebenbei“ lässt er auch noch die Landschaft Cornwalls und ihre Bewohner vor den Augen des Lesers entstehen, erzählt Geistergeschichten und würdigt die bedeutendsten unter den Artus-Dichtern. Auch deutet er gekonnt und mit feiner Ironie die wechselvollen Ausgestaltungen der Sage und die Wandlungen ihrer Gestalten. Niemand wird „fannish“ beweihräuchert – mit liebevoller Sympathie und einigem Augenzwinkern spricht er über Artus und Gawain, Lancelot und Ginevra, Tristan und Isolde so, als seien sie reale Zeitgenossen, uns allen vertraute Bekannte. Auch die Orte – Tintagel, Loe Pool, Stonehenge, Glastonbury – werden bereist, und Abbildungen führen ihre bizarre Schönheit vor Augen. Am Ende des Buches erwarten den Leser ein Register der wichtigsten Personen des Artuskreises, eine Zeittafel der Artus-Geschichte(n) und eine Bibliographie, die zum Nach- und Weiterlesen anregt. Das Ganze erhält man für 8,90 Euro … Nein, ich finde an diesem Buch nichts auszusetzen. Dass die Zeittafel 1982 endet, mit dem Hinweis auf Marion Zimmer Bradleys „Nebel von Avalon“ und Gillian Bradshaws Artus-Trilogie, mag vielleicht nach den fehlenden 22 Jahren fragen lassen (immerhin erschien die Originalausgabe 1993, auch da waren es schon 11 Jahre; man hätte jetzt aktualisieren können). Aber Ohff vermerkt im letzten Satz seines Textes selbst, ein Ende der Neu- und Nachdichtungen um Artus sei nicht abzusehen, und außerdem: Seit „Die Nebel von Avalon“ gab es meines Wissens keinen wirklich großen oder innovativen Artus-Roman mehr. Also doch: Ich finde nichts zu kritisieren an diesem kleinen Juwel für Artus-Interessierte aller Art, vom Deutsch- oder Englischlehrer bis zum Fantasyfan.

_Peter Schünemann_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Douglass, Sara – Sternenströmers Lied (Unter dem Weltenbaum 2)

Band 1: [„Die Sternenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=577

Der zweite Band des Weltenbaum-Zyklus trägt den Titel „Sternenströmers Lied“, wobei ich mich immer noch frage, worauf genau sich dieser Titel wohl bezieht.

Axis ist auf dem Weg über Smyrdon und Sigholt nach Gorken gezogen. Unterwegs ist er auf Spuren seiner Vergangenheit gestoßen, und unter anderem will er jetzt endlich herausfinden, was bei und nach seiner Geburt mit ihm und seiner Mutter geschah. Und er will seinen Vater finden. Doch als er Gorken erreicht, erwartet ihn erst einmal ein Schock.
Faraday hat sich ebenfalls mit Hilfe zweier Hüter der Prophezeiung, Yr und Jack, nach Gorken durchgeschlagen und, obwohl sie Axis liebt, dort ihren Verlobten Bornhelm geheiratet. Ihren Versuchen, die beiden hasserfüllten Rivalen von einem tödlichen Zweikampf abzuhalten, ist allerdings nur mäßig Erfolg beschieden. Bornhelm drängt Axis in alle möglichen gefährlichen Situationen, in der Hoffnung, er möge darin umkommen. Axis jedoch meistert alle Herausforderungen mit Erfolg und erkämpft sich dadurch nicht nur die Unterstützung der übrigen Heerführer der Burg, sondern auch der einfachen Soldaten.
Schließlich kommt es zur entscheidenden Schlacht um Gorken, und Axis wird schwer verwundet …

Zur gleichen Zeit, in der das Heer der Achariten Gorken gegen die geisterhaften Kreaturen, Skälinge genannt, zu verteidigen sucht, wird auch der Wald im Osten angegriffen. Die beiden anderen Völker des Kontinents, die Awaren und die Ikarier, feiern dort die Wintersonnwende. Bei ihnen ist Aschure, eine junge Acharitin, die irgendetwas Besonderes an sich hat. Sie scheint sich dessen nicht bewusst zu sein, doch ist es vor allem ihr zu verdanken, dass es dem obersten Zauberer der Ikarier, Sternenströmer, gelingen konnte, Faraday zu Hilfe zu rufen. Denn Faraday ist die Baumfreundin …

Im zweiten Teil des Zyklus kommt die Geschichte allmählich in Fahrt!

Axis erkennt immer deutlicher, dass er kein einfacher Acharite ist. Seine Musikalität, die immer schon außergewöhnlich war, wird immer stärker. Bereits im ersten Band konnte er Dinge damit bewirken, und im zweiten Band beginnt er bewusster, sie einzusetzen, um das Geheimnis um seine Mutter zu lüften. Je deutlicher seine Abstammung sich abzeichnet, umso eher, wenn auch widerwillig, fängt er an, seine Bestimmung zu akzeptieren.
Auch Faradays Fähigkeiten beginnen zu wachsen. Nachdem sie am Ende des ersten Bandes einen Eid geleistet hat, der Mutter zu dienen, erhält sie als Geschenk eine hölzerne Schale, mit deren Hilfe sie mit der Mutter in Verbindung treten kann. Binnen kürzester Zeit schafft sie es, nicht nur Kraft daraus zu schöpfen, sondern ganz durch das Tor zu treten. Schon bald tritt ihre Fähigkeit, zu schützen und zu heilen, offen zu Tage.
Zusätzlich zu den bekannten Personen werden noch weitere eingeführt, die bisher kaum oder gar nicht auftauchten.
Aschure, die junge Frau, die zwei Awaren das Leben gerettet hat, spielt eine tragende Rolle im Kampf am Erdbaum und wird wohl im nächsten Band noch wichtiger werden. Goldfeder, die im ersten Band nur ganz kurz auftaucht, rückt ebenfalls mehr in den Vordergrund, als sie sich als Axis‘ Mutter Rivkah zu erkennen gibt. Außerdem hat Axis Vater Sternenströmer seinen ersten Auftritt, und in den Gedanken des Hüters Jack taucht erstmals ein weiterer Hüter auf, eine Frau namens Zecherach.

Auch die Handlung wird weiter ausgebaut.
Der Hauptstrang dreht sich größtenteils um die Rivalität zwischen Bornheld und Axis und um die Belagerung Gorkens, die parallel zu dem Angriff auf das Sonnwendfest abläuft. Daneben laufen die feineren Fäden von Axis Suche nach seinen Eltern und von der alarmierenden Entwicklung Timozels, Faradays Ritter.
Neu ist die Erwähnung eines vierten Volkes von Tencendor, wie Achar früher genannt wurde, der Charoniten. Ebenso wie die Suche nach Zecherach bildet dies den Beginn eines neuen Handlungsfadens.

Spätestens an dieser Stelle hat der Zyklus epische Formen angenommen. Bisher ist es der Autorin sehr gut gelungen, alle Handlungsstränge gleichmäßig weiterzuführen und die Klippe der Gleichzeitigkeit der beiden Schlachten, die durch Faraday miteinander verbunden sind, hat sie gut gemeistert.
Das Erzähltempo hat deutlich zugenommen, am Spannungsbogen hat sie kräftig gedreht. Die Bedrohung selbst hat ein wenig von ihrem Schrecken des Unbekannten verloren, trumpft dafür mit schierer Übermacht und ein paar abscheulichen Heerführern auf. Natürlich ist klar, dass Axis überleben muss, denn sonst wäre der Zyklus zu Ende, doch hält einen das Schicksal der Festung Gorken und der übrigen Personen bei der Stange.
Einziger kleiner Hänger ist die Tatsache, dass die Zahl der Völker Tencendors ursprünglich drei lautete, und plötzlich sind es vier. Nicht gravierend, aber eigentlich leicht umgehbar.

Im Großen und Ganzen jedoch ist es der Autorin zweifellos gelungen, den hohen Erwartungen nach dem ersten Band voll gerecht zu werden. Sie hat es geschafft, den Leser mitfiebern zu lassen und ihm gleichzeitig so viele Fragen aufgeworfen, dass er schon aus purer Neugier zum nächsten Band greift. Bleibt am Ende des zweiten Buches eigentlich nur noch die Frage, um welches Rätsel es im nächsten Teil gehen mag. Weiterhin gilt: Man darf gespannt sein!

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse weitere Romane und Kurzgeschichten.

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Douglass, Sara – Sternenbraut, Die (Unter dem Weltenbaum 1)

„Die Sternenbraut“ bildet den Auftakt zu Sara Douglass‘ |Weltenbaum|-Zyklus, einer insgesamt sechs Bände umfassenden Reihe, deren letzter am 30. September herauskommen wird.

Schlechte Nachrichten erreichen Jayme, den Bruderführer und Obersten vom Orden des Seneschalls, der Kirche von Achar. Gestaltlose, grausame Wesen, scheinbar unverwundbar, tauchen immer wieder in den Nordlanden auf und greifen Soldaten des dortigen Außenpostens an. Die Brüder dort vermuten dahinter die |Unaussprechlichen|.
Um mehr darüber zu erfahren, schickt Jayme Axis, den Anführer seiner Truppen, zum Wald der schweigenden Frau, um von den dort lebenden Brüdern so viel wie möglich über die Unaussprechlichen zu erfahren. Danach soll er mit seinen Männern nach Norden reiten, um den Grenzposten zu verstärken. Ein Adliger des Reiches drängt Axis auch noch seine Tochter Faraday auf, die mit dessen verhasstem Halbbruder Bornheld verlobt ist. Axis soll sie nach Arkness geleiten, das auf seinem Weg liegt.
Doch die Reise verläuft keineswegs wie geplant und stürzt die beiden in heillose Verwirrung von Gefühl und Glauben.

Im Grunde gibt es über den ersten Band noch nicht allzu viel zu sagen. Handlung ist noch nicht übermäßig viel vorhanden, am Ende des Buches ist Axis noch nicht mal an der Front angekommen. Salopp formuliert könnte man sagen, der erste Band besteht aus 365 Seiten Einleitung, der Anlage von Charakteren und Handlungssträngen, der Welt, in der die Erzählung spielt, und ihrer Geschichte. Dabei lässt die Autorin sich viel Zeit; ein Charakter nach dem anderen wird langsam aufgebaut und in das Geschehen eingefügt, sodass auch die Beziehungen der Personen untereinander deutlich werden. Der Charakterzeichnung tut das gut, die Hauptfiguren des Buches, Axis und Faraday, erhalten dadurch Tiefe und Echtheit. Der Weltentwurf macht anfangs gelinde Schwierigkeiten, denn auch hier lässt die Autorin es langsam angehen, und man muss sich ein Stück weit einlesen, bis die Sache durchschaubar wird, da manche Begriffe wie zum Beispiel „Seneschall“ eine andere Bedeutung haben als gemeinhin üblich.

Sobald sich jedoch die anfängliche Verwirrung gelegt hat, entwickelt das Buch erste Spannung. Kaum hat der Held sich aufgemacht, die Welt zu retten, tauchen bereits die ersten Stolpersteine auf, und schon bald, genau genommen gleich nachdem man sich in die Welt hineingedacht hat, wird einiges wieder auf den Kopf gestellt. Menschen sind nicht, was sie zu sein scheinen, Wahrheiten entpuppen sich als unwahr, Sichtweisen verschieben sich.
Unterstützt wird dieser leichte Spannungsbogen noch von kurzen Geschehnissen wie dem Eissturm, die nicht nur der Entwicklung der Personen dienen, sondern auch Leben in die Handlung bringen und so über Längen hinweghelfen. Gegen Ende des Buches sind so viele Handlungsstränge und Fallstricke angelegt, so viele Rätsel und Geheimnisse angedeutet, dass das Potenzial für steigende Spannung locker für die folgenden beiden Bände ausreichen dürfte.

Sara Douglass erzählt flüssig und geschickt. Besonders intensiv wird ihre Sprache in dunklen, bedrohlichen Situationen wie Axis‘ Albträumen oder dem Eissturm. Auf übermäßig blutige Details wurde jedoch – abgesehen von Faradays Vision – verzichtet. Bei steigender Bewegung und Zuspitzung der Handlung dürften beide Punkte ein klares Plus für die Spannung bedeuten.

„Die Sternenbraut“ ist ein vielversprechender, wenn auch langer Einstieg, was allerdings bei knapp 2.500 Seiten Gesamtlänge des Zyklus nicht wirklich stört. Trotz gängiger Bausteine wie Bedrohung der Welt durch einen grausamen Zauberer, Prophezeiungen und Feindschaft und Misstrauen zwischen den bedrohten Völkern, wirken die Ideen, soweit sie sich bisher herauskristallisiert haben, eigenständig und machen neugierig auf Details. Die Hauptpersonen sind glaubwürdig, keine statischen Figuren, sondern auf Entwicklung angelegt und frei von Stereotypen.
Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht und ob es der Autorin gelingt, die hohen Erwartungen zu erfüllen, zu denen der Start berechtigt.

Sara Douglass arbeitete zuerst als Krankenschwester, bevor sie ein Studium in historischen Wissenschaften begann. Sie promovierte und arbeitete in den folgenden Jahren als Dozentin für mittelalterliche Geschichte. Das Schreiben fing sie nebenbei an, als Ausgleich zum Stress. Nach dem Erfolg ihres |Weltenbaumzyklus| stieg sie aus ihrem Beruf aus und konzentrierte sich aufs Schreiben und ihren Garten. Sie lebt in einem Cottage in Bendigo/Australien. Außer dem |Weltenbaumzyklus| schrieb sie diverse Romane und Kurzgeschichten.

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Stirling, Steve / Feist, Raymond E. – Dieb von Krondor, Der (Die Legenden von Midkemia 3)

Beim Lesen der Ankündigung von „Jimmy the Hand“/“Der Dieb von Krondor“ empfand ich eine große Vorfreude, war diese Figur doch eines der Highlights in Raymond Feists |Midkemia|-Romanen gewesen. Oft empfand ich Bedauern, wenn Jimmy als gereifte, gesetzestreue Person in späteren Romanen auftauchte, weil ich mich um große Teile seiner ereignisreichen jüngeren Jahre gebracht fühlte. Und nun, „Legends of the Riftwar 3: Jugendabenteuer von Jimmy the Hand“! Die Geschichte beginnt mit der Abreise von Arutha und Prinzessin Anita aus dem von Bas-Tyran beherrschten Krondor. Prima, denke ich, endlich werden die Lücken aufgefüllt, … aber ist es wirklich nötig, jeden Schritt und jeden Gedanken ab jetzt ausführlich zu schildern?

Na ja, dass er ein erfülltes Sexleben in seinem zarten Alter hat, mag ja noch ganz interessant sein, auch die genaue Beschreibung jeder stinkenden Windung des Kanalsystems, … aber wo bleiben die Abenteuer? … ah ja, jetzt befreit er mit Hilfe eines gekauften Zauberpulvers gefangene Diebe aus den tiefsten Kerkern der Zitadelle! … und jetzt wird er aus Krondor verbannt, weil er gegen die Anweisungen des Anführers verstoßen hat – interessant, ein Ortswechsel, damit Feist mehr Freiheiten beim Erzählen der Abenteuer hat. … und jetzt … wo bleiben die Abenteuer?

Um es kurz zu machen, es wird dann schon noch eine abstruse Geschichte um einen Landedelmann geschildert, dessen Frau vor 17 Jahren bei der Geburt ihres Sohnes gestorben ist, und die durch einen Zauberer in einem halbtoten Zustand gehalten werden kann, aber nur, wenn ständig kleine Kinder geschlachtet werden. Jimmy gelingt es, mit Hilfe von zwei halbwüchsigen Mädchen und drei sechs- bis achtjährigen Kindern alle schwer bewaffneten Wachen, den Magier und den Baron zu überwältigen und dem grausamen Spiel ein Ende zu bereiten. Halt, ein Dämonenjäger aus dem Tempel der Todesgöttin ist auch noch dabei, weil nach 17 Jahren der Göttin aufgefallen ist, dass da ganz in der Nähe schwarze Magie gewirkt wird!

Eine Geschichte mit Schwert und Magie, ein Happy-End, Jimmy kehrt nach Krondor zurück und fühlt sich in den Abwassergräben wieder richtig zu Hause. Was will man mehr? Her mit dem nächsten Buch …

Halt, bloß nicht! Man bleibe mir bitte mit so einem Mist zukünftig vom Leib! So viel unnötiges Gelabere habe ich selten gelesen! So wenig Spannung und so wenige Ideen, auf so viele Seiten ausgewälzt, wurden mir noch selten zugemutet! Wenn da nicht „Jimmy the Hand“ draufgestanden hätte, wäre das Buch schon viel früher in die Ecke geflogen!
So aber konnte ich wenigstens noch die einzigen Seiten, die in diesem Buch wirklich von Raymond Feist stammten, im Nachwort lesen: Dass er bei „Legends of the Riftwar“ einen neuen Weg der Zusammenarbeit mit Co-Autoren eingeschlagen hat, indem er mit ihnen die Handlung kurz entworfen hat, und sie danach selbstständig ihre Geschichte hat erzählen lassen, im Gegensatz zu den Büchern mit Jenny Wurts, wo die Kapitel hin und her gegangen sind, bis man nicht mehr unterscheiden konnte, was von wem war.

Tja, Herr Feist, da haben Sie sich mit Steve Stirling aber leider vergriffen. Von dem lese ich bestimmt kein anderes Buch mehr (hat unter diesem Namen ja auch sonst nichts veröffentlicht)! Die beiden anderen Autoren, William Forstchen und Joel Rosenberg, haben nach dem gleichen Rezept tolle Bücher abgeliefert und damit ihre anderen Bücher empfohlen, und die Zusammenarbeit mit Jenny Wurts hat die besten |Midkemia|-Romane von allen hervorgebracht, aber „Der Dieb von Krondor“ ist eine Zumutung!

Mist … und ich hatte mich so gefreut!

_Dr. [Gert Vogel]http://home2.vr-web.de/~gert.vogel/index.htm _

Jeschke, Wolfgang / Mamczak, Sascha (Hrsg.) – Science Fiction Jahr 2003, Das

850 Seiten offeriert das „Das Science Fiction Jahr 2003“, ein wahrhaft dicker Wälzer, zusammengestellt von Wolfgang Jeschke und Sascha Mamczak. Dominiert wird der Band vom alles umspannenden Thema „Religion“, dem sich auf mehr als 250 Seiten gewidmet wird. Aufgrund der Fülle des gebotenen Materials picke ich das heraus, was für mich in erster Linie augenfällig war. Das bedeutet aber keineswegs, dass der übrige Teil des Buches nicht der Rede wert oder schlecht war.

„Möge die Macht mit dir sein!“ betitelt sich das einleitende Essay von Linus Hauser. Quer durch die Science-Fiction-Literatur stapft er, dabei zahlreiche Sidesteps in Technik und Fortschritt machend und Hinweise gebend auf pseudoreligiöse Heilsbringer, die insbesondere ihr Bestes, aber nicht das unsrige im Auge haben. L. Ron Hubbard und „Scientology“ dürfen in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht fehlen, auch wenn ich den Eindruck gewonnen habe, dass es in den vergangenen Jahren etwas stiller um diese äußerst suspekte Gemeinschaft (sehr vorsichtig umschrieben …) geworden ist. Und ob mich das beruhigen mag, bezweifele ich sehr.

Meine Zustimmung erhält natürlich, dass unter dem Aspekt „Technikglaube und Führerglaube“ scheinbar ehrenwerte Herren wie Wernher von Braun, wenn auch in wenigen Worten, aber dem Rahmen doch angemessen, vom Podest gehoben werden, auf dem sie noch zu meiner Jugendzeit unbehelligt thronen durften. In den 70ern dem Konstrukteur der Saturn-Raketen an die Karre fahren – ein Unding, Sakrileg vielleicht sogar, war er doch „Unser Mann fürs All“. Untaten dürfen nicht vergessen werden, und selbst wenn sie nur in knapper Form festgehalten werden, gehören sie gerade zur Thematik „Technikglaube“ und dessen unheilvollen Auswirkungen.

Wie sehr L. Ron Hubbard wenigstens als beispielhafter Epigone einer religiösen Fehlleitung dienen kann, beweist Thomas Körbel im bezeichnenden Artikel „Ich bin der Auserwählte!“ Er setzt sich mit den „schöpferischen Mythologien der Science-Fiction“ auseinander. Sehr gut, dass auch höchst frische Genreentwicklungen wie „Matrix“ Eingang in einen solchen Text finden, denn ein Jahrbuch hat besonders auf die Tagesaktualität nicht nur Rücksicht zu nehmen, sondern muss sie auch in den Kontext einbeziehen.

Robert Hector ist gleich mit zwei längeren Beiträgen (neben seinen Rezensionen) vertreten: „Mad Max, Leibowitz & Co.“ nimmt alternative Endzeit-Visionen ins Visier, zu Anfang recht rüde alles über einen Kamm scherend durch die bloße Aneinanderreihung von Schlagworten wie „nuklearer Holocaust, globale Erwärmung, Terroranschläge …“, verbunden mit der Frage „Was steht der Menschheit bevor?“ Na ja, wenn ich derartig eingestimmt werde, bleibt mir als Leser nur die Kugel. Doch nach dieser populistischen Einleitung beschäftigt sich Herr Hector mit „Maddrax“, „Mad Max“ oder „Leibowitz“, erzählt von eben den dort stattfindenden Katastrophen, um dann den Kreis mit „Zurück in die Wirklichkeit: Globale Katastrophen in naher Zukunft?“ zu schließen.

Ach, hat er diese nicht schon längst aufgelistet, Aids zählt er dazu, geklonte Menschen – viel ärger mag es nicht mehr kommen (wo er doch eine „gewisse Lust am Untergang“ verspüren will)? Doch, es geht noch schlimmer: „Kampf der Kulturen“ (der einseitige Absatz endet mit „Es kocht in dieser Welt – die große Explosion lässt nicht mehr lange auf sich warten“ – das lässt sich nicht von der Hand weisen, doch ob ein paar warnend-mahnende Worte des Autors irgendeine Art von tragender Bedeutung haben werden?), „Biologische Waffen“, „Treibhauseffekt“, „Angriff aus dem All“ … Leider der phrasenhafteste Artikel des gesamten Buches.

Peter M. Gaschler hat sich die Filmszene 2002 & beyond vorgenommen. Oldies wie „Alphaville“ oder „The Andromeda Strain“ stehen dort neben Neufilmen wie „Die Monster AG“ – liest sich alles gut recherchiert. Und keiner wundere sich, wenn ein Film mit Titel „Der Untergang des Römischen Reiches“ aus dem Jahre 1963 Einlass in das Science-Fiction-Jahrbuch erhielt, die Grenzen zwischen den Subgenres Fantasy und Science-Fiction werden im Jahrbuch durchaus fließend gehalten. Meist verschwimmen sie sogar, wie wir in der Rubrik „Computer“ erlesen, wo eindeutige Fantasy-Titel namens „Neverwinter Nights“ oder „The Art of Magic“ die Rollenspiel-Abteilung dominieren.

Doch eigentlich mag ich mich mit dieser Rubrik am wenigsten anfreunden. Woran das liegt? An der Schnelllebigkeit des Spielemarktes. Das besprochene Spiel „Serious Sam 2“ beispielsweise erschien Anfang 2002, heute ist es längst wieder überholt worden von der technischen Entwicklung. Etwas in dieser Art kann nur eine punktuelle Betrachtung sein, ein ausschnittweiser Rückblick, der nicht Fisch noch Fleisch ist. Viel mehr noch, als dies bei Film und Literatur der Fall ist, leben die PC- und Konsolenspiele vom schnellen Umschlag speziell der „Software“. Und deshalb besänftigt mich der Bücherteil ein wenig – mit dem bitteren Beigeschmack, dass ihm nur zwei magere Seiten mehr als dem Spielepart zugebilligt wurden!

Ans Herz gewachsen, sehr übertrieben formuliert, ist mir Hermann Urbanek durch seine unermüdliche Fleißarbeit, die ihren Ausfluss in „Die deutsche SF-Szene 2001/2002“ erhält. Wofür eine Mitgliedschaft im |Science Fiction Club Deutschland| alleine lohnt, bereitet er für das Jahrbuch in kondensierter Form noch einmal auf. Kein Mensch außer ihm mag überprüfen, ob auch nur ein einziger Titel ihm nicht irgendwie unter die Augen gekommen ist (und sei es bloß durch die reine Namensnennung), weswegen ich einfach davon ausgehe, dass die Auflistung so weit wie irgend möglich komplett ist. (Nicht unterschlagen darf ich, dass er gleich noch die amerikanische und die britische Szene mit anhängt, aber da kann er einfach nicht „komplett“ sein, oder doch?) Bei all der Mühe sollte bedacht werden, dass es sich um keine kritische Betrachtung handelt, und so sind Hermann Urbaneks Bemerkungen wie „zu den besonderen Höhepunkten der letzten Monate zählten die MIDGARD-Romane ‚Lechvelian‘ von Ralph Sander …“ zu ignorieren. Für mich sind das beschönigende Verzierungen, die dem Wert der Arbeit letztlich aber keinen Abbruch leisten können.

Nicht eingegangen bin ich auf Beiträge von Brian W. Aldiss (wie immer sehr gut lesbar; diesmal eine Rede anlässlich eines Literaturkongresses), Interviews mit William Gibson oder Marcus Hammerschmitt, Betrachtungen zu Philip K. Dicks Spätwerk (nein, nicht von Uwe Anton). Und vieles mehr.

Das Vorwort zum Jahrbuch 1986 von Wolfgang Jeschke hat leider auch heute noch Bestand: „Ich muss der Tatsache Rechnung tragen, dass nur ein Bruchteil der Science-Fiction-Leser an Hintergrundinformationen, Autoreninterviews und Berichten aus der Szene interessiert ist.“ Heute klingt das so: „Dass sich dieser Markt wandelt, ist unbestritten; dass es insbesondere im Wandel einer kritischen Betrachtung bedarf – sei es im HEYNE SF-Jahr oder anderswo – hoffentlich auch.“ Das Jahrbuch war immer (wie auch sein Vorgänger „Das Science Fiction Magazin“ bei |Heyne|) ein aus Verlegersicht eher unrentables Geschäft, wie Wolfgang Jeschke Mitte der 80er Jahre bereits kundtat. Daran hat sich offenbar, so lässt es sich den Worten entnehmen, nichts geändert.

Das ist sehr bedauerlich, denn eine Gratwanderung zwischen dem kaufmännischen „Es rechnet sich nicht“ und der Notwendigkeit, ein derart fundiertes Sekundärwerk zu publizieren, wird eines Tages ein trauriges Ende nach sich ziehen.

Deshalb: Trotz des hohen Preis, verglichen mit den üblichen Romanwerken, gehört ein Periodikum wie „Das Science Fiction Jahr“ in den Bücherschrank. Die Beiträge sind nicht allesamt widerspruchslos zu goutieren, aber genau das zeichnet ein derartiges Buch aus: Ansätze bieten zum eigenen Nachdenken, Grundlage sein für Diskussionen, sich Beschäftigen mit der Literatur, die man mag, dem phantastischen Film, in den man gerne „abtaucht“.

„Das Science Fiction Jahr 2003“ lege ich jedem Interessierten sehr nahe ans Herz.

_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Asimov, Isaac – Meine Freunde, die Roboter

Isaac Asimov ist heute einer der bekanntesten SF-Autoren überhaupt. Einen großen Teil seines Ruhmes verdankt er sicherlich seinen Robotergeschichten, vor allem jenen, die in den 50er Jahren erschienen und in denen er die drei Robotergesetze formulierte.

Asimov, Professor für Biochemie und Autor vieler populärwissenschaftlicher Bücher, war zweifellos eine herausragende Figur der us-amerikanischen SF der vierziger und fünfziger Jahre, wobei er sich allerdings weniger durch stilistische Brillanz oder eingängige Charakterstudien auszeichnete, sondern durch naturwissenschaftliches Wissen und gute Ideen. Nicht umsonst wandte er sich wie kein zweiter Geschichten zu, in deren Mittelpunkt Roboter standen, ersparte ihm dies doch jedwede Introspektion und Charakterisierung, ein Bereich, den Asimov nicht beherrschte und niemals beherrschen sollte (so bleiben fast rundweg alle Protagonisten Asimovs blass und farblos).

Von Asimovs hervorragenden Ideen profitieren jedoch viele der hier veröffentlichen Kurzgeschichten, die auch heute noch immer gut lesbar sind. Leider suggeriert die vorliegende Ausgabe, dass es sich hier um gesammelte Kurzgeschichten zum Thema Roboter handelt. Dem ist jedoch nicht so, denn die vorliegende Ausgabe ist lediglich die Zusammenfassung dreier Kurzgeschichtensammlungen des Autors, die dereinst bereits als einzelne Taschenbücher im |Heyne|-Verlag (06/3217, 06/3066 und 06/3621 in den Jahren 1966, 1970 und 1976) erschienen waren (wobei „Ich, der Robot“ bereits 1952 in der legendären vierbändigen Reihe des |Rauch|-Verlags erschien, der ersten SF-Reihe überhaupt auf deutschem Boden). Die drei Storysammlungen erschienen 1982 erstmals gesammelt als Band 20 der |Heyne Bibliothek der Science-Fiction-Literatur|.

Lediglich die erste Kurzgeschichtensammlung enthält nur Robotergeschichten, darunter das berühmte „Liar!“, wo ein Roboter die Menschen beschwindelt, um ihnen nicht die ungeschminkte Wahrheit sagen zu müssen und sie damit zu verletzen.

Die folgenden beiden Storysammlungen enthalten nur teilweise Robotergeschichten, wobei deutlich wird, dass Asimov vor allem in den 50er Jahren ein Schriftsteller mit Ideen und Verve war, der seine Leser begeistern und mitziehen konnte. Vor allem die letzte Einheit aus den 70er Jahren zeigt dann jedoch deutlich, dass Asimov nicht mehr auf der Höhe der Zeit war.

Asimov hatte sich in den 60er Jahren eine lange Schaffenspause in der SF gegönnt, die wohl damit zusammenhing, dass ihm die Ideen ausgingen. Zudem bahnte sich Ende der 60er eine literarische Revolution in der SF an. Die |New Wave| kam auf und stellte das Genre mit der Forderung, den |Inner Space| zu erforschen, auf den Kopf. Diese Entwicklung wollte und vor allem konnte Asimov nicht mitmachen, fehlten ihm hierzu doch die literarischen und stilistischen Möglichkeiten. Erst im Jahre 1972, als die |New Wave| abzuebben begann, kehrte Asimov in die SF zurück. Sein Roman „The Gods themselves“ (dt. „Lunatico oder die nächste Welt“) wurde zwar von seinen Fans gefeiert, machte aber deutlich, dass Asimovs beste Tage vorbei waren.

Auch wenn Asimovs Popularität bis heute vor allem unter den Fans ungebrochen ist, so muss doch angemerkt werden, dass unter literarischen Aspekten die Werke des Amerikaners keine Meilensteine sind. Vor allem die späteren Werke sind kaum das Lesen wert, oder zumindest nur für seine Fans. Dies gilt auch für die in diesem Buch veröffentlichten Kurzgeschichten aus den 70er Jahren.

Was bleibt, sind Asimovs ältere Werke, als der Autor noch nicht den Ehrgeiz hatte, alle seine Erzählungen und Romane auf Teufel komm raus miteinander zu verknüpfen, wie er dies später tat. So sind auch Asimovs Geschichten aus den 40er und 50er Jahren heute noch meist sehr lesenswert und bestechen durch ihre Ideen, egal ob sie von Robotern handeln oder nicht.

_Gunther Barnewald_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Bova, Ben – Saturn

|Weltraumhabitate, kryonischer Schönheitsschlaf, fundamentalistische Weltregierungen, Nanotech und bizzarre Kristallringe … Das neue Werk Ben Bovas auf dem Weg durch unser Sonnensystem – nach den Erfolgen „Mars“, „Jupiter“ und „Asteroidenkrieg“ nun der Sprung zum Saturn. Kann diese Reise erfolgreich sein?|

_Der Autor_

Ben Bova wurde 1932 in Philadelphia geboren und ist einer der bekanntesten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. In Philadelphia studierte er Journalismus und wurde Redakteur mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften, die sich dem Raumflug widmeten. In seinen Geschichten vorhersagte er einige technische Entwicklungen, wie solarbetriebene Satelliten oder die Entstehung internationaler Friedenstruppen. Vor allem mit seiner Reihe um die Planeten unseres Sonnensystems feierte er große Erfolge. Er lebt mit seiner Familie in Florida. Er ist emeritierter Präsident der |National Space Society| und ehemaliger Vorsitzender der Vereinigung amerikanischer Science-Fiction- und Fantasy-Autoren. 1996 verlieh ihm die |California Coast University| einen Doktorgrad in Erziehungswissenschaften.

_Inhalt_

Susan Lane ist eine naive junge Frau, die trotz ihres kalendarischen Alters von über vierzig Jahren körperlich und geistig noch in den |tweens| steckt – sie erkrankte auf der Erde an Krebs und wurde von ihrer Schwester injektiv getötet und in flüssigem Wasserstoff gefroren, in der Hoffnung, ihr später helfen zu können. Tatsächlich wird sie geheilt. Nun verfügt sie über ein fotografisches Gedächtnis, aber über keine Erinnerungen aus ihrem ersten Leben.

Das Habitat |Goddard| ist auf dem Weg zum Saturn, vordergründig, um das Saturn-System wissenschaftlich zu erforschen. Im Hintergrund ziehen aber ganz andere Organisationen als das wissenschaftliche Komitee die Fäden: Auf der Erde etablierten sich nach den großen Klimakatastrophen drei neue Regierungsformen, die aus den großen irdischen Religionen hervorgingen und nun uneingeschränkt über die Erde herrschen. |Das Schwert des Islam| im Orient, |Die Jünger Gottes| und |Die neue Moralität| teilen sich den Rest. Die beiden letzteren Organisationen sind die heimlichen Hauptfinanzierer der Saturn-Mission; ihr Interesse daran ist einfach: Fernab von der Erde soll ein ebenfalls fundamentalistisches Regime aufgebaut werden, um die armen Seelen zu retten.

Die Bevölkerung Goddards besteht aus Freidenkern und Säkularisten, die auf der Erde in Ungnade fielen und aus religiösen Gründenverurteilt wurden. Sie sehen ihre Chance in der Mission, unabhängig von irdischer Vormundschaft leben zu können. Nur der Verwaltungsleiter des Habitats, Professor Wilmot, kennt die wirkliche, hinter allem stehende Aufgabe: Es soll ein Laborversuch mit menschlichem Material sein! Doch auch er weiß nicht, welche Bestrebungen die irdischen Geldgeber über eine kleine eingeschleuste Gruppe fanatischer Fundamentalisten verfolgt.

Susan Lane, intelligent, aber blauäugig verliebt in den hinterhältigen Malcolm Eberly, gerät unwillentlich zwischen die Fronten. Und der Mord an Don Diego war der einzige Fehler …

_Kritik_

Don Diego, der väterliche, alte Spanier – einziger Freund bis dato von Susan Lane, die sich Holly nennt. Malcolm Eberly, von der |neuen Moralität| aus dem Gefängnis geholt für den Auftrag, eine religiöse Regierung zu etablieren; er ist herzlos und berechnend. Professor Wilmot, Leiter des Habitats, lässt sich fasziniert die Kontrolle aus den Händen nehmen und beobachtet seine |Laborratten|. Oberst Kananga, brutaler Sicherheitschef des Habitats und darauf aus, die absolute Kontrolle ausüben zu können. Frau Rosenthau, heimlicher Spion der |Moralität| und lenkende Macht im Hintergrund. Und schließlich Holly, die sich von Malcolm einwickeln lässt und nicht bemerkt, dass sie sich zum Werkzeug der Intrige macht.

Was sind das für Charaktere? Bova versteht es, die Ränke und Eigenheiten deutlich zu machen, indem er den Blickwinkel zwischen den Figuren wechselt, so dass man beispielsweise sieht, wie sich Eberly und Wilmot gegenseitig beeinflussen und jeder den anderen verachtet und für dumm hält. Auch die Entwicklung der Wahlkampagne ist gut dargestellt; die Leute im Habitat interessieren sich größtenteils nicht für politische Entwicklungen. Trotzdem wirkt einiges konstruiert. Der Unfall bei der Treibstoffübernahme. Er bringt zufällig eine Hauptperson ins Spiel. Oder der Stuntman Gaeta. Der strahlende Held, vordergründig Macho, aber mit weichem Kern. Klar, dass er die Entscheidung bringt. Die Nanotech-Expertin. Sie konnte nicht von vornherein an Bord sein, da sie auf der Erde – trotz Nobelpreis – geächtet war. Also stieß sie erst bei Ceres dazu.

Einsame Spitze ist aber Holly Lane. Glücklicherweise scheint sie in ihrem ersten Leben diverse Kampfsportarten trainiert zu haben, denn wo es hart auf hart kommt, verliert sie plötzlich ihre Naivität und wird zum Kämpfer. Das ist vor allem darum so auffällig, da sie als Hauptfigur den ganzen Roman begleitet und ihrer Rolle als verliebtes, ausgenutztes Mädchen sehr gerecht wird. Und was wäre passiert, wenn Professor Wilmot nicht sein kleines Laster mit den Sado-Maso-Pornos hätte?

Interessant ist der Aspekt der religiös-fanatischen Weltregierung, die ihre Macht auch auf das Habitat ausweiten möchte. Doch da es dort ohne die kleinen psychologischen Sticheleien durch Eberly gar keine anderen Ambitionen gegeben hätte, wirkt die ganze Entwicklung, die sich eigentlich nur um Eberly’s Probleme, die Führung zu übernehmen, dreht, etwas schal. Er brauchte eine Mehrheit, da sich aber niemand interessierte, musste er Gegenspieler aufbauen. Die dann dankbar waren, den Wahlkampf zu verlieren.

Außerhalb dieser internen Schwierigkeiten versucht der Stuntman, einen spektakulären Flug im Raumanzug durch die Saturn-Ringe zu inszenieren. Und hier kommt über höchstens ein Kapitel ein faszinierender Gedanke ins Spiel, dem Bova wahrlich hätte mehr Aufmerksamkeit schenken sollen: Neben dem bakteriellen Leben auf Titan sind die rätselhaften, da dynamischen Ringe des Saturn anscheinend |Tiefsttemperatur-Lebewesen|!

_Fazit_

Der Roman liest sich schnell, aber bis auf die Idee der Saturn-Lebewesen ist er ebenso unerheblich. Der Schwerpunkt ist unglücklich gewichtet, denn die hervorgehobene Darstellung interessanter Charaktere und menschlicher Schwächen wirkt hier konstruiert. Als leichte Unterhaltung ist der Roman aber allemal geeignet.

Huxley, Aldous – Schöne neue Welt

„Gemeinschaftlichkeit, Einheitlichkeit, Beständigkeit“, so der Wahlspruch in Huxleys schöner neuer Welt. Dahinter verbirgt sich eine Gesellschaft, die, in ein strenges Kastenwesen unterteilt, ihren Lebenssinn im staatlich gesteuerten Konsum findet. Horden von in Khaki gekleideten Delta-Klonen – Bokanowskygruppen – finden ihr Glück beim Zentrifugalbrummball, Alphas amüsieren sich in Fühlkinos oder mit Vibrovakuumapparaten, Betas spielen Hindernisgolf. Alle zusammen werden sie schon pränatal in Brutflaschen auf ihre zukünftige Rolle im Gesellschaftsleben vorbereitet. Das Bokanowskyverfahren kennt als Hauptstütze der Gesellschaft keine Mutter und keinen Vater. Epsilon-minus-Halbkretins erhalten bis zu ihrer „Entkorkung“ Chlor, Ätznatron, Blei und Teer zugesetzt, um ihrer Aufgabe als zukünftige Chemiearbeiter gerecht zu werden und diese Arbeit zudem physiologisch zu lieben. Nach der Entkorkung schließt sich die Normung an. In Schlafschulen werden die einzelnen Klone mit jeweils für ihre Kaste spezifischen Schlafschulweisheiten konditioniert. Die Furcht vor dem Tod wird abgenormt, es gibt keine alten Menschen, keine Bücher, keine Ängste, keine Liebe, keine Krankheiten, keine Armut, weder Religion noch Kunst, nur Spiel und Spaß. Soma, eine synthetische Droge, erstickt jeglichen trotz Normung aufkeimenden Kummer, revolutionäre und damit gesellschaftsschädliche Gefühle und tötet jeden Ansatz individuellen Denkens. Regiert wird diese Gesellschaft von zehn Weltaufsichtsräten. Ihnen obliegen die Zensur, die Reglementierung und Bestrafung bei Abweichungen von der Norm. Der Kollektivismus wird durch extrem modern anmutende Motivationstrainings gepflegt.

Sigmund Marx, ein sowohl physiognomisch als auch psychologisch von der Norm abweichender Feigling, bringt aus einer Reservation den „Wilden“ Michel in seine Welt mit. Natürlich geboren, ohne Normung aufgewachsen, ist Michel ein Exot. Die neue Welt ist ihm unverständlich und je mehr er davon sieht, desto mehr fühlt er sich abgestoßen. Eine unglückliche Liebe bringt sein labiles Wesen an den Rand des Wahnsinns. In einer Diskussion mit dem Weltaufsichtsrat Mustafa Mannesmann muss Michel erkennen, dass seine revolutionären Gedanken nicht nur bei der Herrscherriege, sondern auch in der Bevölkerung auf Unverständnis stoßen müssen, dass seine Kritik an diesem Gesellschaftssystem zwar berechtigt sein mag, aber nichts ändern wird, und dass es für ihn in dieser Gesellschaft keinen Platz geben wird. Da ihm auch der Rückweg in seine alte Welt verwehrt ist, bleibt ihm nur noch der Freitod.

Im Gegensatz zu Orwells „1984“, oft in einem Atemzug mit Huxleys Werk genannt, fühlen sich Huxleys Menschen nicht unterdrückt. Sie sind glücklich mit dem, was sie sind und was sie tun. Die Vorstellung, etwas könne sich daran ändern, bereitet ihnen Unbehagen und deshalb ist Huxleys Welt wesentlich glaubhafter. Orwell bedient sich in der Geschichte, Huxley (1894 – 1963) ist innovativ. Ein totalitäres Regime, wie von Orwell beschrieben, hat, und das lehrt die Geschichte, langfristig keinen Bestand. Huxleys Welt ist dauerhaft, ein stabiles System mit Klonierung und „neo-pawlowscher“ Normung als Basis für Beständigkeit, Einheitlichkeit und Gemeinschaftlichkeit, mit Konsum als Selbstzweck und Soma als staatlich verordnetes, magisches, nachwirkungs- und nebenwirkungsfreies Antidepressivum.
„Schöne neue Welt“, in den Dreißigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts als Utopie begonnen, entwickelt sich mittlerweile zu einer beißenden Gesellschaftssatire, da die Ähnlichkeiten unserer Gegenwart zu Huxleys Welt immer frappanter werden. Huxleys Roman zählt sicher zu den besten SF-Werken, die bisher geschrieben worden sind.

Mehr über A. Huxley bei |wikipedia|: http://de.wikipedia.org/wiki/Aldous__Huxley

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

|Unsere hauseigene Rezension von Michael Matzer findet ihr in aller Ausführlichkeit [an dieser Stelle.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2462 |

Tad Williams – Der Blumenkrieg

Theo ist dreißig Jahre alt, zieht aber immer noch mit seiner Band und deren – noch fast jugendlichen – Mitgliedern durch die Gegend. Seine Freundin Cat erleidet eines Nachts – während Theo auf einer seiner berühmten Proben ist – eine Fehlgeburt und beschließt nach dem Verlust ihres gemeinsamen Kindes, sich von Theo zu trennen. Dieser zieht schweren Herzens zu seiner Mutter – doch er weiß nicht, dass diese an Krebs leidet. Etwa sechs Monate später stirbt sie. Theos Leben befindet sich nun endgültig am Tiefpunkt. Er zieht sich in die Berge zurück und beginnt damit, ein einsames, doch friedliches Leben zu führen. Im Nachlass seines Großonkels Eamonn Dowd findet er eine Art Tagebüchlein. Interessiert beginnt er zu lesen – und was er da liest, wird mehr und mehr zur Beschreibung einer fantastischen Welt. Dennoch behauptet Eamonn Dowd in einem Brief, den er einst an Theos Mutter schickte, alles in dem Buch Beschriebene sei wahr.

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Alastair Reynolds – Die Arche

Das Weltall bietet dem Leben gute Chancen, sich zu entwickeln. Dass sie nicht nur eine statistische Laune der Natur sind, bemerken die Menschen bald, nachdem sie das Sonnensystem verlassen haben. Nur sind all die anderen Zivilisationen ausgestorben.

In der Frühzeit der Galaxis tobte ein gewaltiger Krieg unter den in den interstellaren Raum vorgestoßenen Zivilisationen, der Morgenkrieg, an dessen Ende die Unterdrücker, fast intelligente Maschinenwesen, ihre Aufseherrolle übernahmen. Sie sollten sicherstellen, dass sich intelligentes Leben nicht zu hoch entwickelt – notfalls mit Gewalt.

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Alexander, Lloyd – Taran – Die Prinzessin von Llyr

Dies ist der dritte Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Diesmal dreht sich alles um Prinzessin Eilonwy, Tochter von Angharad aus dem Hause Llyr, einer Sippe von Zauberinnen. Seit dem ersten Abenteuer in „Das Buch der Drei“ wissen wir, dass Eilonwy ein besonderes Spielzeug hat: eine goldene Kugel, die in ihrer Hand leuchten kann. Welche Bewandtnis es damit hat, wird uns in diesem Band nun enthüllt.

Aber warum sollte Eilonwy überhaupt das heimelige Caer Dallben verlassen? Nun ja, sie kann ja nicht ewig eine schwertschwingende Küchenmagd bleiben, sondern muss auch mal mit den Feinheiten der Kultur vertraut gemacht werden, findet Magier Dallben. Taran und Gurgi eskortieren das widerwillig an die Küste ziehende Frauenzimmer. Dort empfängt sie ein Schiff, das von einem tolpatschigen Prinzen namens Rhun kommandiert wird. Eigentlich ignoriert die Besatzung seine Befehle, aber den Prinzen ficht das nicht an. Er hat ein gesundes Selbstvertrauen. Er ist Taran auf Anhieb unsympathisch.

Nach einer stürmischen Überfahrt zur Insel Mona, dem heutigen Anglesey, kommen sie endlich im Schloss Dinas Rhydnant an, wo man sie sogleich neu einkleidet. Auch der Barde Flewdur Fflam ist hier, worüber sich zumindest Taran freut, denn der Sänger ist aus dem Haupthaus wegen schlechten Gesangs verbannt worden.

Der Schumacher stellt sich zu Tarans höchstem Erstaunen als der verkleidete Fürst Gwydion heraus. Er warnt Taran, dass das Leben der Prinzessin in Gefahr sei und seines, Tarans, wohl auch. Der Haushofmeister des Schlosses stehe in Diensten der vertriebenen Zauberin Achren (siehe „Buch der Drei“) und habe sicher üble Pläne.

Tatsächlich beobachten Taran und Gwydion den Haushofmeister Magg beim Geben eines Signals – mitten in der Nacht. Ein Schiff auf hoher See antwortet. Am nächsten Morgen sind Magg und Eilonwy wie vom Erdboden verschluckt, nachdem Taran auf seiner Wache kurz eingenickt war. Die Verfolgungsjagd der Gefährten, die in Begleitung Prinz Rhuns aufbrechen, ist zunächst erfolglos.

Nachdem sie einer Riesenkatze mit dem hübschen Namen Llyan ebenso wie einem Höhlenriesen namens Glew entkommen sind, setzen sie zum verfallenen Stammsitz des Hauses Llyn über. Dort wartet schon die Zauberin Achren auf sie, die Eilonwy in ihrer Gewalt hat. Gelingt es Achren, die Zaubermacht der Llyns in die Hand zu bekommen, würde das den Untergang Prydains bedeuten.

_Mein Eindruck_

Auch diesen 200-Seiten-Roman habe ich in nur wenigen Stunden lesen können, denn die Schrift ist groß, der Bilder sind viele und die Handlung ist flott erzählt. Zunächst erscheint das Buch wie ein Fliegengewicht gegenüber dem düsteren Band „Der schwarze Kessel“. Diesmal haben die Abenteuer mit Llyan und Glew einen grotesk-humorvollen Charakter. Zunächst sieht es nicht so aus, als hätten sie etwas mit der Entführung von Prinzessin Eilonwy zu tun, die dem Buch den Titel gibt.

|Nützliche Umwege|

Doch im Finale erweist sich, dass die bei der Verfolgungsjagd gemachten Erfahrungen und erworbenen Erkenntnisse über die Zaubermacht des Hauses Llyr von zentraler Bedeutung sind. Manchmal muss man eben einen Umweg machen, um zum Ziel zu gelangen. Und Prinz Rhun erweist sich bei dieser Gelegenheit als doch kein so großer Vollidiot, wie Taran zunächst angenommen hatte. Er und Eilonwy sollen heiraten, um über die Insel Mona zu herrschen. Das macht Taran natürlich eifersüchtig, denn er ist selbst der heißeste Verehrer der blonden Schönheit mit dem schnellen Mundwerk. Aber alles renkt sich wieder ein, wenn auch etwas anders als erwartet.

|Noch nützlichere Tiere|

Es ist immer wieder verblüffend, welch bedeutende Rolle Tiere in diesen Romanen haben. Diesmal ist es der Rabe Kaw, den Taran vom Zwerg Gwystyl („Der schwarze Kessel“) geschenkt bekommen hat, der sich als nützlicher Späher und eloquenter Auskunftgeber erweist. Dieser Vogel, der eine tiefe Zuneigung zu Taran gefasst hat, weist alle positiven Eigenschaften auf, die ihm die Legenden der Menschen zuschreiben.

Ganz anders dagegen die Riesenkatze Llyan. Sie ist das Ergebnis eines magischen Experiments, das der Riese Glew, ein echter Amateur in Sachen Wissenschaft, mit seinen Zaubertränken geschaffen hat. Leider fehlte es ihm dabei an Voraussicht, um die Folgen abzusehen. Jedenfalls musste er vor seinem Frankenstein-Geschöpf unter die Erde flüchten. Die Gefährten Tarans haben einen Heidenrespekt vor dem Riesenkater, doch der Zufall kommt ihnen zu Hilfe: Die Mieze reagiert auf Fflams Harfenklänge äußerst positiv und fängt schon bald zu schnurren an wie ein braves Kätzchen – Fflam, der moderne Orpheus. Später zeigt, wie nützlich anhängliche Tiere sein können.

_Unterm Strich_

Dieser dritte Band beginnt wie ein ganz gewöhnlicher Entführungsfall, doch die zahlreichen heiteren und erheiternden Zwischenfälle auf der Jagd nach der Gekidnappten stellen sich als durchaus hilfreich und keineswegs als vergeudete Zeit heraus. Das Finale lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig.

So, nun wissen wir zwar, von welch edler und magischer Abkunft die werte Prinzessin Eilonwy ist, aber Taran ist immer noch der Meinung, dass er ihr als Hilfsschweinehirt nicht das Wasser reichen kann. Das findet Eilonwy allerdings auch. Und deshalb ist es nun allerhöchste Eisenbahn, mehr über Tarans Herkunft herauszufinden. Das passiert im nächsten Band, der den Titel „Der Spiegel von Llunet“ trägt. Hoffentlich finden die beiden bald zueinander.

Reynolds, Alastair – Chasm City

Die Rache treibt Tanner Mirabel, Ex-Soldat und Ex-Leibwächter, über eine Entfernung von 15 Lichtjahren auf der Jagd nach dem Aristokraten Reivich an. Auf |Sky’s Edge|, dem Heimatplaneten Tanners, haben Reivichs Leute seinen Auftraggeber, den Waffenhändler Cahuella und dessen Frau Gitta, in die Tanner heimlich verliebt war, getötet.

Nun verfolgt Tanner den reichen Aristokraten bis zum Planeten |Yellowstone| und dessen schillernder Hauptstadt |Chasm City|. Doch es läuft ganz anders als geplant: Nach dem Auftauen aus dem Kälteschlaf während der Reise von Sky’s Edge leidet Tanner unter einer Reanimationsamnesie. Als ob das nicht genug wäre, hat er sich einen Inkarnationsvirus der Sky-Haussmann-Kultisten eingefangen. Auf seiner rechten Hand trägt Tanner ein Stigma, gleich dem des gekreuzigten Religionsvaters Sky Haussmann – und in seinen Träumen schlüpft Tanner immer wieder in die Rolle Skys.

Auch Chasm City hat ihr goldenes Zeitalter hinter sich. Die Schmelzseuche, eine geheimnisvolle Krankheit, die alle komplizierteren Maschinen befällt und diese in ihrer Struktur vollkommen umorganisiert, hat das Antlitz der Stadt gewandelt. Die Nanotechnologie in den Gebäuden wurde von der Seuche befallen, die Häuser begannen zu wachsen, schnell ihre Form zu verändern, fraktale Verästelungen zu bilden. So entstand der „Baldachin“, in den sich die reichen Bürger zurückgezogen haben – nur nahe dem Boden, im „Mulch“, blieben die Häuser beinahe unverändert.

Viele Menschen sind ebenfalls von der Schmelzseuche betroffen, hatten sie doch mit verschiedenen Implantaten und Nanomaschinen im Blut nahezu Unsterblichkeit erreicht. Jetzt bleiben ihnen wenige Möglichkeiten gegen die Seuche: Flucht in hermetisch abgeschlossene Bereiche, Entfernen aller Nanos und Implantate – oder die Droge „Traumfeuer“, deren regelmäßiger Konsum scheinbare Immunität gegen die Seuche verleiht.

Etliche der nahezu Unsterblichen haben sich nach Entfernung der Implantate ihre Langlebigkeit bewahrt und greifen zu immer ausgefalleneren gefährlichen Spielen, um sich Nervenkitzel zu gönnen.

In diese fremde Welt dringt Tanner ein, wird zu einem Gejagten, findet aber auch Unterstützer. Seine Träume von Sky Haussmann werden immer intensiver, sie kommen jetzt sogar tagsüber – und auch seine anderen Träume verwirren ihn mehr, als dass sie die Ereignisse vor seiner überstürzten Abreise von Sky’s Edge erklären.

Alastair Reynolds kehrt mit seinem zweiten Roman in die Welt seines Erstlings [„Unendlichkeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=503 zurück, schafft aber ein in mancher Hinsicht ganz anderes Buch. War „Unendlichkeit“ eine breit angelegte Space-Opera, so ist „Chasm City“ ein düsterer SF-Thriller, dessen äußere Handlung wesentlich straffer ist. Man muss „Unendlichkeit“ nicht gelesen haben, um den Hintergrund verstehen zu können.

Reynolds vermag es, seine Leser gut zu unterhalten, sein Garn farbenprächtig auszuschmücken. Obschon es immer wieder Passagen gibt, in denen man sich etwas mehr Dynamik im Fortgang der äußeren Handlung wünschen würde, hat alles seinen wichtigen Platz in der aufwendigen Konstruktion. Es gibt einige wirklich beeindruckende Waffen, Action – sogar Außerirdische tauchen auf, und Tanner löst das Geheimnis um den Ursprung des „Traumfeuers“. Die Charaktere, oft recht eigenwillig und nicht unbedingt sympathisch, sind ordentlich herausgearbeitet.

Die Zutaten sind nicht eben neu, von „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ bis „Blade Runner“ bedient sich Reynolds recht ungeniert, es gibt zum Beispiel auch einen dampfmaschinenbetriebenen Zug (schönen Gruß an China Miévilles „Perdido Street Station“); aber irgendwie stört es nicht sonderlich. Die Mischung ist unterhaltsam und interessant. Gegen Ende werden sogar philosophische Fragen wie die, was einen Menschen ausmacht, inwiefern ihn seine Erinnerungen zu dem machen, was er ist, angeschnitten.

Fazit: Eine Menge gutes Lesefutter, das den stolzen Preis wert ist.

_Andreas Hirn_ © 2003
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Britain, Kristen – Spiegel des Mondes (Reiter-Zyklus Band 2)

Der Erstlingsroman [„Grüner Reiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=174 von Kristen Britain war ein Bestseller. Anfang September erschien nun die Fortsetzung des Romans unter dem Titel „Spiegel des Mondes“.

_Karigan G’ladheon_ hat sich letztlich doch dazu „überreden“ lassen, sich den grünen Reitern anzuschließen. Ihre erste Mission führt sie zusammen mit einer ganzen Delegation in den grünen Gürtel. König Zacharias will Kontakt mit den Eletern aufnehmen. Die Delegation wird von Erdriesen angegriffen und beinahe aufgerieben. Aber das ist längst nicht das Schlimmste, was ihnen begegnet!

Zur gleichen Zeit trifft Karigans Freund Alton, ebenfalls ein grüner Reiter, am D’yer-Wall ein, dem magischen Bauwerk, welches das Böse im Schwarzschleierwald, Mornhavon, dort zurückhält. Alton stammt aus dem Geschlecht derer, die den Wall errichteten, und sein magisches Talent des Reiters befähigt ihn dazu, den Wall zu reparieren. Doch bevor er herausfinden kann, was zu tun ist, stürzt er ab …

In Sacor hat König Zacharias nicht nur mit der wachsenden Unruhe seiner Bevölkerung angesichts der Auswirkungen der Magie zu kämpfen, sondern auch mit einem Flüchtlingsproblem aus dem Norden und seinen widerspenstigen Lordstatthaltern, die drohen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen!

Und in den verlassenen Gängen der riesigen Burg trifft sich unterdessen immer wieder heimlich eine Gruppe von Leuten. Sie sind voller Erwartung, denn immer mehr wilde Magie strömt durch die Bresche des Walls nach Sacoridien. Sie hoffen, dass der Wald endlich erwacht, warten auf Anweisungen ihres Herrn. Die Anweisung, die sie schließlich erhalten, lautet: Bringt Galadheon zu mir!

_Die Fortsetzung_ des „Grünen Reiters“ zeigt im Vergleich eine deutliche Verlagerung der Gewichte. Die Nettigkeiten, die im ersten Band noch zum Schmunzeln anregten, wie zum Beispiel die beiden verschrobenen alten Damen im Haus Siebenschlot, kommen hier nicht mehr vor. Dafür tauchen andere Gestalten auf, vornehmlich negative. Die gesamte Stimmung verschiebt sich wesentlich mehr ins Düstere, Bedrohliche. Selbst die Eleter, die im ersten Band noch so sanft und freundlich mit Karigan umgingen, bekommen einen zwiespältigeren Charakter. Shawdell ist plötzlich kein einzelner Abtrünniger mehr …

Gleichzeitig ist die Handlung komplexer geworden. Der erste Band bestand nur aus wenigen Handlungssträngen: Joy, Laren, gelegentlich Alton, und hauptsächlich Karigan. Diesmal sind es zusätzlich zu Karigan noch König Zacharias, Laren, Mara, Alton, Mornhavon, Spurlock, Lil Ambriodhe und, in die eigentliche Handlung eingestreut, noch Tagebucheinträge eines Hadriax el Fex. Die einzelnen Stränge haben eigene Überschriften, an denen man sie erkennt, sodass man der Handlung trotz allem folgen kann. Zusätzlich dazu spielt ein Teil der Handlung in anderen Zeiten, hauptsächlich in der Vergangenheit. Diese Exkurse sind jedoch in die gegenwärtige Handlung eingebettet und bilden keine eigenen Handlungsstränge. Trotzdem sollte man nicht zu müde oder überarbeitet sein, wenn man das Buch liest.

Leser, die den „Herr der Ringe“ kennen, werden sicherlich auch hier gelegentlich leise an ihn erinnert werden, zum Beispiel beim Auftritt von Varadgrim, trotzdem kann man auch von diesem Band sagen, dass seine neuen Ideen erfreulich eigenständig sind. Auch für diese gilt die oben erwähnte Verlagerung hin zum Düsteren. Lorbeerblatt und Steinbeerenblüte finden keine Verwendung mehr, das Hauptaugenmerk liegt, im Hinblick auf die Magie, eher in der Vergangenheit, wo Mornhavon an einer ungeheuerlichen Waffe arbeitet, dem Horn des ersten Grünen Reiters – nicht umsonst heißt der Originaltitel des Buches „First Riders Call“ – und den bisher unbekannten Fähigkeiten der Broschen.

Bereits im ersten Band kamen Geister vor, vorwiegend F’ryan Coblebay, von dem Karigan ihre Ausrüstung hat, diesmal sind sie noch stärker vertreten. Sie bilden ein zusätzliches Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und Lil Ambriodhe, der erste Reiter, hat massiven Anteil am Geschehen.

_Ich finde_ auch den zweiten Band äußerst gelungen. Die Charaktere sind wie bisher gut gezeichnet, auch die neu dazugekommenen sind glaubwürdig und lebendig, das allmähliche Erwachen Mornhavons ist geschickt gemacht. Die Gesamtstimmung ist etwas düsterer als vorher, aber auch wenn ich die Schmunzeleinlagen anfangs etwas vermisste, hat mich das Buch doch bald so sehr gefesselt, dass man darüber hinwegsehen kann. Das Tempo hat, besonders am Schluss, wo mehrere Handlungsstränge am selben Ort aufeinander treffen, etwas gelitten, weil die Gleichzeitigkeit die einzelnen Stränge zwangsläufig an manchen Stellen unterbricht, der Spannung hat das aber keinen Abbruch getan. Die gelegentlichen Ausflüge in die Vergangenheit haben der Erzählung eine eigene Geschichte und damit zusätzliche Tiefe verliehen. Durch das Tagebuch des Hadriax erhält auch Mornhavon eine Vergangenheit, was auch seine Person nachvollziehbarer macht. Vor allem hat die Autorin all die verschiedenen Aspekte gekonnt miteinander verbunden. Der Ablauf ist logisch aufgebaut und frei von holprigen Stellen.

Natürlich hat auch dieser Band keinen endgültigen Schluss. Das Ende ist sogar wesentlich offener als beim ersten Band und eindeutig auf eine Fortsetzung angelegt. Etwas, das sich so gut verkauft, beendet man nicht einfach. In diesem Fall muss ich sagen: Es verkauft sich zu Recht gut! Kristen Britain ist bisher die zweite mir bekannte Autorin, deren Fortsetzung die Klasse des Vorgängers mühelos gehalten hat. Ich bin jetzt schon auf den dritten Band gespannt.

_Kristen Britain_ ist hauptberuflich eigentlich Park-Rangerin, und das nach einem abgeschlossenen Studium in Filmproduktion. Das Schreiben, mit dem sie bereits im Alter von neun Jahren angefangen hat, hat sich letztlich aber nicht unterkriegen lassen. Außer ihren beiden Romanen gibt es noch weitere Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Cartoons.

Homepage der Autorin:
http://www.kristenbritain.com

Bujold, Lois McMaster – Chalions Fluch

Lupe dy Cazaril hat eine bewegte Vergangenheit. Dem ehemaligen Kastellan und treuen Diener des Königreichs Chalion wurde sein Dienst schlecht gedankt: Durch Verrat wurde er als einziger hoher Offizier bei der Übergabe einer Festung an die Roknari nicht ausgelöst. Zwei Jahre als Rudersklave haben aus Cazaril einen gebrochenen Mann gemacht, sein Rücken ist von Peitschenhieben zerfetzt und sein Körper ausgezehrt. Als stinkender Vagabund tritt er vor die Herzoginwitwe von Baocia und bittet um eine Stellung in ihrem Haushalt, falls er in seinem Zustand überhaupt noch von Nutzen sein kann. Niemals hätte er sich jedoch träumen lassen, als Erzieher der Prinzessin Iselle und ihrer Kammerzofe Betriz angestellt zu werden.

Diese lernen von Cazaril nicht nur fremde Sprachen, sondern auch Raffinesse und Weitsicht, während er ein Auge auf die viel jüngere Betriz wirft. Doch alle seine Träume werden zerstört, als seine Schützlinge nach Cardegoss, dem Sitz König Oricos, bestellt werden. Dessen Kanzler dy Jironal und sein jüngerer Bruder haben ihn damals seinen Feinden ausgeliefert und trachten ihm nun erneut nach dem Leben, während sie Prinz Teidez und Prinzessin Iselle umgarnen – bei ersterem durchaus erfolgreich. Als Iselle an den Bruder des Kanzlers, Dondo dy Jironal, verheiratet werden soll, sieht Cazaril keinen anderen Ausweg mehr, als ihn durch einen Todeszauber daran zu hindern. Der Haken ist: Der Todesdämon fordert stets auch den Tod des Beschwörers … doch Cazaril überlebt, dy Jironal stirbt. Keiner der fünf Götter nimmt sich bei der Beerdigung der Seele dy Jironals an – und Cazaril erfährt mehr über den Fluch von Chalion, den er nun als dunkle Aura um alle Angehörigen des Königshauses erkennen kann. Vor dy Jironal hat er Iselle gerettet, doch nun muss er sie und das Königreich von einem göttlichen Fluch befreien …

_Die Autorin_

Lois McMaster Bujold (* 2. November 1949) ist eine erfolgreiche SciFi- und Fantasy-Autorin, die bereits fünfmal mit dem hoch angesehenen |Hugo Award| und einmal mit dem |Nebula Award| ausgezeichnet wurde. Damit übertrifft sie sogar den bisherigen Rekord (vier |Hugos|) von Altmeister Robert A. Heinlein.

Zu ihren bekanntesten Werken gehört die |Barrayar|-Space-Opera mit ihrem Helden Miles Vorkosigan. Doch auch im Fantasy-Bereich hat die Autorin beachtliche Erfolge aufzuweisen. Dem historisch stark an das mittelalterliche Italien angelehnten „Fiamettas Ring“ folgte 2001 „The Curse of Chalion“ / „Chalions Fluch“, der den |Mythopoeic Award| für Erwachsenenliteratur gewann und für den |World Fantasy Award| 2002 nominiert wurde.

Der noch nicht übersetzte Nachfolger „Paladin of Souls“ / „Paladin der Seelen“ gewann übrigens den |Hugo Award| 2004 und stellt somit ihren fünften |Hugo| für einen Roman dar.

_Die etwas andere Fantasywelt der Lois McMaster Bujold_

Komplexe, faszinierende und dennoch stets glaubhafte und stimmige Fantasywelten ufern in der Regel zu umfangreichen Endloszyklen aus – Robert Jordans „Rad der Zeit“ und George R. R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ lassen grüßen.

Wem der Gedanke, in fester Reihenfolge tausende Seiten Lesestoff aufzuarbeiten, um auf eine Fortsetzung stets bis zu über zwei Jahren warten zu müssen, zuwider ist, sollte aufmerken: Chalion stellt zwar eine komplexe Welt dar, aber alle Geschichten der geplanten Reihe sind in sich abgeschlossen und nur lose miteinander verbunden; die Helden wechseln. So wird Königinwitwe Ista im zweiten Band der Chalion-Welt, „Paladin der Seelen“, die Heldin sein und Lupe dy Cazaril ablösen.

Ein sehr viel versprechendes Konzept, das Abwechslung bei einem gleichzeitig hohen Maß an Komplexität und Hintergrund verspricht, jedoch stets Neulesern einen Einstieg ermöglicht, ohne auf etlichen Vorgängerbüchern aufzubauen.

Die Welt von Chalion hat einen starken spanischen Einschlag, wie man an der leicht verfremdeten Namensgebung, so zum Beispiel „dy Cazaril“ statt „y/de Cazaril“, erkennen kann. Die Königsstadt „Cardegoss“ erinnerte mich an einen Mix aus Cartagena und Saragossa. Einige andere Verfremdungen wie das selten gebrauchte „Ser“ für „Sir“ sowie gewisse Elemente der religiösen Konzeption Chalions sind eindeutig von George R. R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ entlehnt, wie das Götterquintett „Vater, Mutter, Sohn, Tochter und Bastard“.

Jedoch betont Lois McMaster Bujold die Rolle des Klerus stärker, sie bedient sich hierzu freigiebig bei den damals tatsächlich existierenden Ritterorden Spaniens für ihre zwei Ritterorden der „Tochter“ und des „Sohnes“. Der theologische Unterbau ihrer Welt ist ausgeprägter, wesentlich detaillierter, Chalions Priestern kommt eine weitaus bedeutendere Rolle zu als ihren eher unbedeutenden Kollegen in der von Kampf und Machtpolitik geprägten Welt Martins.

Magie wird dementsprechend in Chalion durch göttlichen Beistand erbeten, man zaubert nicht selbst, aber der auf Gerechtigkeit und Ausgleich bedachte Gott „Bastard“ ermöglicht so zum Beispiel nahezu jedermann den verpönten und strengstens verbotenen Todeszauber, der sowohl Opfer als auch Beschwörer das Leben kostet.

Am Hofe Chalions hingegen geht es zu wie im historischen Kastilien und Aragón – Bujold hat diese Zeit gründlich studiert, sie vortrefflich in ihre Fantasywelt übernommen und ihre eigenen Konflikte zwischen Kirche und Staat, den diversen Ritterorden und verfeindeten Nationen daraus entwickelt.

_Eine spannende Geschichte mit Happy End_

Gewiss eine faszinierende Welt, aber was taugt der Roman an sich? Man wird nicht entäuscht, die Geschichte ist gut durchdacht, humorvoll und gewandt erzählt. Was sich bei anderen Endlos-Zyklen oft über Bände hinwegzieht wird hier in einem Roman erzählt, keinerlei Längen hat dieses durch und durch kurzweilige und unterhaltsame Buch.

Es wird durchgängig aus der dritten Person erzählt, allerdings dürfen wir des Öfteren die kursiv gedruckten Gedankengänge Cazarils unmittelbar mitverfolgen, aus dessen Warte man die Handlung erlebt.

Lupe dy Cazaril ist ein wenig an Bujolds |Barrayar|-Helden Miles Vorkosigan angelehnt, was mich jedoch nicht gestört hat, zu sympathisch war mir der im Zentrum der Handlung stehende Antiheld, wenn er von körperlichen Schwächen geplagt wird und sich mit ausweglosen Situationen konfrontiert sieht. Humor beweist die Autorin, als sie ihn seinen beiden Damen das Schwimmen beibringen lässt, die sich einen Spaß daraus machen, ihren älteren Lehrer mit ihren Reizen in Verlegenheit zu bringen …

Ein Tierpfleger, der mehr ist als er scheint, und andere interessante Nebenfiguren wie die Königinmutter Ista, die im Gegensatz zu ihren Kindern von den Fluch weiß und deshalb für die Außenwelt in ihrem Verhalten als halb wahnsinnig erscheint, sind nur einige der vielen gelungenen Nebencharaktere.

Der einzige Vorwurf, den man dem „Fluch von Chalion“ machen kann, ist sein etwas altbackener, klassischer Aufbau: Natürlich gibt es ein Happy End für Cazaril und alle anderen, Bösewichte und gute Jungs sind von vorneherein offensichtlich festgelegt und klar zu erkennen.

Dennoch ist das Buch nicht, wie man befürchten könnte, einfältig simpel. So wird Cazaril mit dem älteren dy Jironal ein gewisses Zweckbündnis aus gemeinsamen Interesse eingehen, das anfangs unverständliche, wahnsinnige Gejammer Istas wird sich im Laufe des Buchs als wahr entpuppen, während sie fälschlicherweise von ihrer Umwelt bedauert und für pflegebedürftig gehalten wird.

_Ein echtes Highlight der Fantasy_

Lois McMaster Bujold hat mit „Chalions Fluch“ ein Meisterwerk geschaffen, das auch für die Zukunft der Serie große Hoffungen weckt. Sowohl Freunde episch breiter Fantasyzyklen als auch Freunde historischer Romane sowie Fantasyeinsteiger werden mit diesem Konzept glänzend bedient.

Die Geschichte an und für sich ist zwar hochgradig konventionell, jedoch auf einem so hohen Niveau, das wohl kaum jemand darüber die Nase rümpfen kann – im Gegenteil: Ich wünsche mir noch viel mehr davon! Zumal auch die Übersetzung von erster Güte ist.

Eine gewisse Ironie liegt im deutschen Titelbild: Es ist das der englischen Ausgabe von George R. R. Martins „Lied von Eis und Feuer“, man erkennt deutlich Melisandre und Robb Stark. Zum Glück verwendet |Lübbe| zumindest konsequent auch für den Folgeband „Paladin der Seelen“ ein englisches Eis-und-Feuer-Cover.

Die offizielle Homepage der Autorin:
http://www.dendarii.com/

David Gemmell – Die steinerne Armee (Rigante 1)

Den abenteuerreichen Aufstieg eines jungen Kriegerführers schildert dieser erste Band eines neuen Heroic-Fantasy-Zyklus des einschlägig bekannten britischen Autors David Gemmell. Der Rigante-Zyklus wendet sich wie schon der Drenai-Zyklus an ein junges männliches Publikum, und dieses weiß er hervorragend zu unterhalten.

Inzwischen sind vier Rigante-Romane veröffentlicht. Man darf davon ausgehen, dass weitere folgen. Die deutsche Ausgabe ist sehr schön aufgemacht – mit einem verzierten Hardcover-Einband. Das Sammeln lohnt sich also.

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Ringo, John – Invasion – Der Angriff (Invasion 2)

Die Fortsetzung von „A Hymn before Battle“ fängt zunächst weitaus weniger blutrünstig an, als der erste Teil ([„Der Aufmarsch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=497 ) geendet hatte. Die gesamte erste Hälfte des Buches beschäftigt sich mit den Vorbereitungen auf die Invasion der blutrünstigen „Posleen“, die sich nach zig anderen bewohnten Planeten nun die Erde zum „Abernten“ ausgesucht haben. Im Gegensatz zum Rest der Galaxis sind die Menschen aber nicht als sanftmütiges Schlachtvieh geboren, und diesen Irrtum wollen sie die Angreifer auch spüren lassen! Schlachtpläne werden geschmiedet, Industrien umgepolt, ganze Staaten evakuiert, Millionen von Soldaten ausgebildet und alle übrigen Zivilpersonen im Guerillakrieg geschult.

Was neben viel Konfusion und schlechter Planung nicht ausbleiben kann, ist der Kampf der Politiker hinter den Kulissen. So werden gegen jede Vernunft einige amerikanische Gebiete unter dem Opfer von hunderttausenden Soldaten verteidigt, weil dort historische Stätten des Bürgerkriegs liegen, und deren Verlust Wählerstimmen kosten könnte.

Das gesamte Buch fokussiert sowieso rein auf das Gebiet der USA, der Rest der Welt ist Ringo kaum einer Erwähnung wert. Die Geschichte spielt in der Gegenwart (November 2003 bis Oktober 2004), die beschriebene Waffentechnik ist daher bis auf Ausnahmen weniger SF als blanke Realität. {Anm. d. Lektors: Offenbar wurden hier die Daten in der deutschen Ausgabe nachträglich etwas verschoben, da die Bände bei uns mit etwa drei Jahren Verzögerung veröffentlicht wurden und man den deutschen Leser nicht zu sehr irritieren wollte.}

Bevor es aber zur Landung der Invasoren kommt, werden einige der Hauptpersonen etwas breiter im beruflichen und privaten Umfeld dargestellt. Vor allem Mike O’Neil, den Helden von „A Hymn before Battle“, und seine Familie lernt man etwas näher kennen, als er einen letzten Urlaub an den bereits evakuierten Urlaubsstränden von Florida machen will.

Man erfährt auch andeutungsweise, dass mehrere Gruppen, Menschen und Außerirdische, unter der Oberfläche ihre eigenen Spielchen spielen, und dass wohl in dem ganzen Kriegsszenario noch einige Geheimnisse verborgen sind, die noch gelüftet werden müssen.

Da der Feind sich nicht an den Zeitplan hält und viel zu früh die Invasion der Erde beginnt, werden die amerikanischen Streitkräfte ziemlich unvorbereitet erwischt. Da in einem Amerikaner aber auch immer ein Kämpfer steckt, und zwar oft ein sehr einfallsreicher, müssen die Posleen bald erkennen, dass sie sich einen etwas zu harten Brocken zum Verschlingen ausgesucht haben.

Ringo bemüht sich, dem Leser auch einen Einblick in die Gemüts- und Gedankenwelt der Feinde zu geben, vermenschlicht diese dabei aber zu sehr. Hier passt der entworfene Hintergrund der Schlächterhorden, die bei 70 Planeten keinen nennenswerten Widerstand gespürt haben, nicht ganz zur geschilderten Denkweise, die eher zu erfahrenen Söldnerführern gehört, die ihre Beute z. B. in immer bessere Waffen investieren. Wozu bessere Waffen, wenn eh keiner zurückschießt?

Jedenfalls kommt es jetzt zur Schlacht, besser gesagt zum Schlachten! Ringo lebt seinen Hang zur Massenvernichtung, der auch in den Koproduktionen mit David Weber zu spüren ist, in der zweiten Hälfte des Buches aus. Wenn sich die Leichen so hoch türmen, dass man nicht mehr darüber hinaus schauen kann, werden sie eben von der Artillerie noch einmal durchgehäckselt! Da gibt es reichlich Platz zur Schilderung von Heldenmut und Opferbereitschaft. Sogar der verweichlichte Präsident bekommt kurz vor seinem Tod noch die Gelegenheit, sich als echter Mann zu zeigen!

Reichlich zwiespältig empfand ich die Schilderung der militärischen Führung. Da gibt es zum einen die Generäle, Sesselpfurzer, die laut Ringo meist keine Ahnung von der Wirklichkeit haben und Hunderttausende von Soldaten in den sicheren Tod schicken, weil sie nicht auf die richtigen Profis hören, und dann auf der anderen Seite die echten Helden, die einfach wissen, dass es so, wie sie es planen, richtig ist, und die sich auch nicht scheuen, der Besatzung von drei Panzern, die vor einer Million heranstürmender schwer bewaffneter Feinde fliehen wollen, etwas Rückgrat einzublasen, indem der Kopf eines dieser Feiglinge zwischen den Panzerhandschuhen zerdrückt wird, bis das Gehirn herausplatzt! Ja, da gibt es schon einige heftige Szenen in diesem Buch …

So z. B. auch die Stelle, wo O’Neils achtjährige Tochter einem unwillkommenen Besucher das Gehirn rausbläst, weil der Opa den Gast anscheinend nicht besonders leiden mag. Natürlich hat sie, im Rahmen des Romans, richtig gehandelt, aber bei mir bleibt bei solchen Beschreibungen doch ein starkes Unbehagen zurück. Vermutlich bin ich einfach ein Kind des „alten Europas“.

Das Buch liest sich ansonsten recht flott und spannend, wenn auch viel vom militärischen Jargon einfach an mir vorbei geht, wie auch manche kleine Anspielung, die bei Amerikanern wohl ein Schmunzeln auslösen wird.

Ich habe mir jedenfalls schon die Fortsetzung „When the Devil Dances“ (dt. „Invasion: Der Gegenschlag“, Dezember 2004) bestellt. Will doch wissen, wie das alles weitergeht!

Insgesamt aber nur für wirklich schnell lesende Anhänger militärischer SF geeignet.

_Dr. [Gert Vogel]http://home2.vr-web.de/~gert.vogel/index.htm _

Alexander, Lloyd – Taran – Der schwarze Kessel

Dies ist der zweite Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das magische „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Doch die friedliche Zeit, die auf das Ende seines ersten Abenteuers folgt, hat jäh ein Ende, als sich verschiedene hohe Herrschaften auf dem Gehöft von Dallben und Taran einfinden. Fürst Gwydion hat eine Ratsversammlung einberufen. Der Feldherr von Hochkönig Math fordert die anderen Fürsten auf, auf eine gefährliche Mission ins Reich Annuvin des Todesfürsten Arawn zu ziehen. Solange Arawn mit Hilfe des magischen schwarzen Kessels weiterhin Zombiekrieger erzeugen könne, werde Prydain nicht sicher sein vor seinem Angriff. Und in letzter Zeit sei Arawn dazu übergegangen, nicht nur Tote zu Kesselkriegern zu machen, sondern auch Lebende.

Auf dem Feldzug gerät Taran ständig mit dem hochmütigen Prinzen Ellidyr aneinander, der es wirklich auf den „Schweinejungen“ abgesehen hat. Und auch um den Feldzug ist es nicht gut bestellt, denn als Doli, der Zwerg, der sich unsichtbar machen kann, vom Dunklen Tor, dem Eingang zu Annuvis, zurückkehrt, erzählt er, dass der schwarze Kessel gar nicht dort sei, wo man ihn erwartet habe. Er ist weg!

Doch ein weiterer Zwerg namens Gwystyl beziehungsweise dessen Rabe Kaw wissen, wo der Kessel jetzt ist: in den Marschen von Morva. Und wer wohnt dort? Drei alte Weiber namens Orddur, Orgoch und Orwen, die über Zauberkräfte verfügen. Tarans Gefährten und er selbst entgehen nur dem traurigen Schicksal, gefressen oder als Kröten zertreten zu werden, da Taran erwähnt, dass er in der Obhut des Zauberers Dallben lebt. Die drei Hexen erinnern sich sehr gut an das Knäblein Dallben: Sie haben es selbst aufgezogen.

Zwar entdecken die Gefährten den schwarzen Kessel tatsächlich auf dem Grund und Boden der Hexen, doch das nützt ihnen gar nichts. Sie bekommen ihn nur gegen einen hohen Kaufpreis: Taran muss die Spange des Wissens hergeben, die ihm der Barde Adaon, der Sohn des Oberbarden Taliesin, in Verwahrung gegeben hatte.

Doch das ist noch gar nichts gegen den Preis, den der schwarze Kessel für seine Zerstörung fordert: Ein lebendiger Mensch muss freiwillig in den Kessel springen, dieser werde daraufhin zerbersten. Tatsächlich: Hämmer und Stangen richten gegen das magische Monstrum nichts aus, und so müssen ihn die Gefährten durch die Lande zu Fürst Gwydion schleppen, denn der werde schon Rat wissen.

Allerdings haben sie die Rechnung ohne den Ehrgeiz des Prinzen Ellidyr gemacht.

_Mein Eindruck_

Das Buch lässt sich ohne weiteres in nur fünf Stunden lesen, und doch hat der Leser das Gefühl, eine ausgewachsene, tiefgehende Geschichte erfahren zu haben. Das liegt daran, dass es hier nicht mehr darum geht, Wissen und Gefährten zu erwerben, um schließlich damit den eindeutig erkennbaren Gegner von der Gegenseite zu überwinden.

Diesmal sind die Gegner in den eigenen Reihen zu finden: falscher Ehrgeiz und mehrfacher Verrat vereiteln um ein Haar den Erfolg der Guten, die auf der Seite von Recht und Gesetz stehen; Fürst Arawn tritt überhaupt nicht in Erscheinung, allenfalls seine Häscher, die Kesselkrieger. Und so müssen schon bald die Besten dafür büßen, unter ihnen der kluge, seherisch begabte Adaon. Und obwohl er die nahe Zukunft kennt, überlässt er Taran die Entscheidung, wie man weitermachen will: zurück zu Fürst Gwydion oder doch in die Marschen von Morva?

Dieses Taran-Abenteuer ist sowohl sehr spannend als auch anrührend. Das Fazit, das Gwydion und Taran am Schluss ziehen, ist relativ niederschmetternd: Dies ist also die Welt eines Mannes, eine Welt aus Verrat, Blut, Niedertracht und falschem Ehrgeiz. Kann dies alles sein? Nicht wenn man dem Pfad der Ehre und der Wahrheit und der Liebe folgt.

Doch Liebe hat Taran noch nicht kennengelernt, allenfalls indirekt durch Adaon. Der war nämlich mit Prinzessin Arian Llyn verlobt, und das Unterpfand ihrer Liebe war eben jene Spange, die Taran für den Zauberkessel hergeben musste.

So erwirbt ein Symbol der Liebe ein Werk des Bösen, um dieses der Vernichtung zuführen zu können. Nur ein weiteres Opfer kann die Vernichtung vollbringen. Doch die Wahl des Freiwilligen fällt ganz anders aus als erwartet.

_Unterm Strich_

„Der schwarze Kessel“ ist ein spanenndes Abenteuer, das bereits mehrere unerwartete Wendungen in Tarans Entwicklung enthält und den Helden reifen lässt. Wir wissen immer noch nicht, wer er in Wahrheit ist: ein Findling, aufgezogen von einem anderen Findling, nämlich Dallben. Angesichts der Weisheit und Gerissenheit des Erzählers ist nun mit allem zu rechnen, wenn es in die nächsten drei Abenteuer geht (siehe oben).

Richard Morgan – Das Unsterblichkeitsprogramm

Ein neuer Stern leuchtet am Himmel der Cyberpunk-Literatur: Richard Morgan synthetisiert in seinem Debüt-Roman den guten alten Cyberpunk im Stile William Gibsons mit einer Detektivgeschichte, die aus der Feder Raymond Chandlers stammen könnte, zu einem exzellenten Cyberkrimi. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) wurde mit dem |Phillip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Im 26sten Jahrhundert – die Menschheit hat sich über die Galaxien ausgebreitet und ferne Planeten kolonialisiert – hat die Wissenschaft erreicht, was Religionen nur in Aussicht stellen konnten: |das ewige Leben|.

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