Archiv der Kategorie: Sachbuch

Stone, Richard – Mammut – Rückkehr der Giganten?

Pelzige Elefanten stapfen durch sibirisches Schnee und Eis, während sich in Nordägypten erschöpfte Bürger des Feierabends am Anblick der Pyramiden erfreuen – das ist keine Science-Fiction, sondern Realität: Das Mammut ist tatsächlich erst vor 3.700 Jahren ausgestorben.

Ist es das wirklich? Diese Frage wird uns in diesem spannenden Buch gleich mehrfach gestellt. Autor Richard Stone stellt die Rüsseltiere des Pleistozäns als Zeitzeugen, aber auch als Mysterium der Gegenwart vor: Eine bizarre Laune der Natur führt dazu, dass Mammuts in ewigem Eis und Permafrost ihrer seit jeher kalten Heimat fast komplett erhalten blieben. Wir müssen sie anders als die Dinosaurier nicht aus zusammengepuzzelten Knochen mühsam rekonstruieren (oder digital neu erschaffen), sondern können sie uns anschauen, sie berühren und erforschen. (Sogar ihr Fleisch haben wahrlich wagemutige Forscher probiert – sie überlebten es, konnten das Experiment aber niemals weiterempfehlen.)

So kennt die Wissenschaft das Mammut beinahe genauso gut wie den Afrikanischen oder Indischen Elefanten der Gegenwart. Stone lässt es in allgemein verständlicher Sachbuch-Sprache in seiner eiszeitlichen Umwelt wieder durch Europa, Asien und Nordamerika ziehen, von Urmenschen gejadt werden (oder war es eher umgekehrt?) und allerlei zeitgenössischen Unbilden trotzen.

Im Mittelpunkt des Beschriebenen steht dann die Frage, wieso ein so perfekt an seine Umwelt angepasstes und keineswegs „primitives“ Tier aussterben konnte. War es der schon damals böse Mensch (eine lieb gewonnene Theorie weltverbesserischer Naturapostel), ein Supervirus, eine Klimaveränderung (noch kälter oder zu warm stehen zur Auswahl) oder gar von allem ein bisschen? Jede Theorie hat ihre Anhänger.

Weiterhin rankt sich Stones Mammutbuch um die spannende Frage, ob es gelingen könnte, die Pelzrüssler zurück ins Leben zu rufen. Das erinnert sehr an die „Jurassic Park“-Filme Hollywoods, denn auch hier soll „Cloning“ das Zauberwort sein: Jede Zelle enthält die kompletten Informationen, die ein neues Lebewesen für seine Entstehung braucht. Also suchen wir einfach ein gut gefrostetes Mammut, entnehmen ihm eine intakte Zelle, pflanzen sie einer (bei Gelingen zweifellos erstaunten) Elefantenkuh ein – und zwei Jahre später (so lange dauert es bis zur Geburt) steht ein langmähniger Jumbo vor der versammelten Weltpresse!

So dachte sich das jedenfalls der Genetiker Kazufumi Goto, der mit mehr Geld als Verstand ausgestattet durch Sibirien reiste, um einen geeigneten Spender-Kandidaten zu finden. Aber wie heißt ein Mammutsucher-Sprichwort so schön: „Du kannst kein Mammut finden – es muss dich finden.“ Hohn und Spott und ein ausgetrockneter Fetzen Rhinozeroshaut waren daher der einzige Lohn für den Pionier.

Mehr Glück war dem Franzosen Bernard Buigues beschieden. Sicher wird sich so manche/r noch an die Bilder erinnern, die damals durch die Medien gingen: Unter einem Hubschrauber hängt ein gewaltiger Eisklotz, aus dem vorne theatralisch zwei geschwungene Stoßzähne ragen.

Dass diese mit Eisenklammern nachträglich befestigt wurden, um dem Sponsor „Discovery Channel“ einprägsamere Bilder zu bescheren, wurde damals nicht so deutlich angesprochen wie Stone dies nun nachholt. Er selbst war mehr als einmal in Sibirien und hatte auch die Buigues-Expedition besucht. (In dem Klotz steckten außer viel Frostmatsch übrigens nur ein paar Knochen.)

Also gilt es weiter zu hoffen, zu forschen und zu klonen. Gern hätte Stone sein Buch mit dem Knalleffekt einer bevorstehenden Auferstehung ausklingen lassen; er muss sich mit spannenden Fakten und spinnenden Träumern zufrieden geben.

Falls die Vorstellung des Buches im Rahmen dieser Besprechung dem Leser etwas sprunghaft vorkommt, so liegt dies durchaus in der Absicht des Rezensenten. Auch Stone mäandert durch sein Thema, springt von (trotz der düsteren Umgebung farbenfrohen) Impressionen diverser Reisen durch den Wilden Osten der zerfallenen Sowjetunion zur Entdeckungsgeschichte berühmter Mammut-Kadaver, weiht uns in die Geheimnisse des Klonens ein, lässt dann die Welt der Eiszeit neu erstehen, erzählt von weiteren Reisen, weiß noch etwas übers Klonen … Es fehlt ein wenig der rote Faden, was indes wenig ausmacht. Das unsterbliche Mammut erledigt seinen Teil; von seiner Wiederkehr als Ei(s)spuk mag man gern weiterlesen.

Richard Stone hatte in der Tat gewisse Schwierigkeiten mit der Niederschrift dieses Werkes. Sein ausführliches Nachwort deutet dies nicht nur an. Mit einjähriger Verspätung legte er es schließlich vor. Strukturell hat es weiterhin deutliche Schwächen. Inhaltlich könnte man ihm höchstens eine gewisse Leichtgläubigkeit vorwerfen. Aber das würde den Kern der eigentlichen Kritik verfehlen: Stone ist in Sachen Mammut Mulder & Scully in Personalunion: Er will glauben, aber er kann es nicht. Die harten Fakten kollidieren immer wieder mit seinem Traum, das Mammut dereinst wieder durch die Eissteppe schlüren zu sehen. Der Traum obsiegt, aber es klingt hohl, wenn Stone seinen Glauben an den zukünftigen Sieg der Genetik über den Artentod bekräftigt.

Kein Wunder, denn Stone selbst hat die Karten offen auf den Tisch gelegt: Es ist faktisch unmöglich, ein Mammut zu klonen. Es funktioniert ja nicht einmal bei einem lebenden Säugetier mit blutfrischen Zellen. Wer erinnert sich nicht an Klonschaf „Dolly“, Überlebende einer langen Reihe gruselig fehlgeschlagener Experimente. (Hat jemand „Alien 4“ mit den eingedosten Ripley-Klonen gesehen?) Kaum sechs Jahre nach ihrer Geburt begann Dolly auseinander zu fallen und musste eingeschläfert werden.

Es ist also ein langer Weg bis zur Rückkehr des Mammuts. „Pleistocene Park“ wird noch geraume Zeit leer stehen. Aber „Mammut“ ist auch die Geschichte sympathischer und exzentrischer Visionäre, die unsere Welt so dringend braucht, damit sie nicht den Sparschweinen und Spielverderbern in die Hände fällt.

Richard Stone ist ein mehrfach preisgekrönter Wissenschafts-Journalist, der für Magazine und Zeitungen wie „Discover“, „Washington Post“, „Moscow Times“ und zahlreiche andere Publikationen geschrieben hat. Er hat an der Cornell University und dank eines Stipendiums in Russland studiert.

Ballard, Robert D. / Archbold, Rick – Versenkt im Pazifik – Schiffsfriedhof Guadalcanal

Ein Schauplatz erbitterter Kämpfe zu Lande, zu Wasser und in der Luft, sind die Pazifik-Insel Guadalcanal und der darauf befindliche Flughafen „Henderson Field“ von Japan und Amerika während des WK II heiß umkämpft, doch in der Konsequenz ziemlich unwichtig gewesen – Als eine tragische Ironie des Krieges lieferten diese taktisch eigentlich unsinnigen Kämpfe den größten bekannten Schiffsfriedhof, der dem Meeresgrund dort auch den treffenden Namen „Eisen-Sund“ einbrachte, weil unzählige Wracks sich dicht an dicht in der Tiefe quasi aneinander reihen. Die dort abgehaltenen Seeschlachten standen seit jeher im Schatten der Land- und Luftkämpfe, die dieses idyllische Eiland immer wieder heimsuchten.

Bekannt geworden ist Guadalcanal daher auch eher durch Serien wie „Pazifik-Geschwader 214 – Die schwarzen Schafe“ oder neuerlich mit dem Anti-Kriegs-Streifen „Der schmale Grat“. Dass sich dort ganze Kriegsschiff-Flotten unerbittlich beharkt haben, ist dagegen zumindest hierzulande fast in Vergessenheit geraten. Robert D. Ballard hat sich 1993 wieder einmal mit seinem beispiellosen Tiefsee-Equipment aufgemacht, um den dort liegenden stummen Zeugen des Wahnsinns einen Besuch abzustatten … Ganze 13 gespenstische Wracks wurden von seinem Team gefunden und erforscht, was der vorliegende Bildband „Versenkt im Pazifik – Schiffsfriedhof Guadalcanal“ eindrucksvoll illustriert.

_Historischer Hintergrund_
Die Schlachten um die Salomonen-Insel Guadalcanal im süd-östlichsten Ende des von Japan kontrollierten Pazifiks fanden über mehr als drei Monate hinweg statt (August – November 1941). Primär war dabei die Kontrolle des auf der Insel befindlichen „Henderson Airfield“, den man als Ausgangsbasis für den gesamten südlichen Raum gut nutzen konnte. Sowohl die Japaner als auch die Amerikaner sahen in der unscheinbaren Insel den Schlüssel zur Nierderringung des Gegners, da beide davon ausgingen, dass eine jeweilige Invasion nicht durch den Zentral-Pazifik, sondern über die bewohnten Inselgruppen erfolgen müsse. Wenn man so will, ein kriegerisches Island-Hopping, das sich in der Nachlese der Geschichte aber als falsch erwies, da die wirklich elementaren Gefechte beispielsweise genau dort erfolgten, wo keiner der beiden Kontrahenten (aufgrund der bescheidenen Versorgungslage) sich mit dem anderen duellieren wollte.

Waren die Gefechte bei Midway und Truk noch zeitlich auf wenige Stunden oder Tage ziemlich begrenzte Einzelgefechte zwischen Marineverbänden, die den Krieg letztendlich entscheiden sollten, handelte es sich beim Konflikt um die Salomonen-Insel laut einem Zeitzeugen eher um eine „blutige Kaschemmen-Prügelei“, bei der keine Seite trotz sämtlicher aufgebotener Truppengattungen (nicht nur Schiffe, sondern auch Flugzeuge, Panzer und Infanterie) wirklich einen Sieg erringen konnte. Dementsprechend häufig wechselte Guadalcanal dann auch immer wieder den „Besitzer“. Trafen Flottenverbände mal auf keine maritimen Gegner oder gegnerischen Frachter, feuerten die Schlachtschiffe auch gern auf Landziele und unterstützten somit ihre Bodentruppen mit der Schiffs-Artillerie oder deckten mit ihren FLAK-Kanonen den Luftraum ab, während man wieder mal versuchte, die Insel einzunehmen und/oder zu verteidigen.

Der Schiffsfriedhof von Guadalcanal ist die direkte Konsequenz dieses Hin und Hers und verdeutlicht wie kaum ein zweiter Ort die Sinnlosigkeit, einen völlig unwichtigen Flecken Erde mit allerhand Menschen und Technik zu umkämpfen, nur um anschließend festzustellen, dass die wirklich entscheidenden Schlachten ganz woanders geschlagen werden. So war das Gerangel um Guadalcanal, gemessen am taktischen Nutzen, reine Verschwendung von Mensch und Material auf beiden Seiten, dem nicht wenige Schiffe, Flugzeuge, Panzer und Fußtruppen zum Opfer fielen. „Gewonnen“ haben diesen Konflikt die Amerikaner; nach der Versenkung des japanischen Superschlachtschiffes |Kirishima| war der Widerstandswille der japanischen Invasionsflotte ziemlich gebrochen und es begann nunmehr die Zeit der Bodentruppen, versprengte und verschanzte Nester des Gegners auszuheben … Bei den erlittenen Verlusten der Amerikaner kann man aber wahrlich nicht von einem „Sieg“ reden.

_Die Mitwirkenden_
Dr. Robert D(uane) Ballard ist Meeresgeologe an der |Woods Hole Oceanographic Institiution|, Mitglied der |National Geographic Society| und seit seiner Entdeckung der |Titanic| schon eine Berühmtheit unter den Tiefseeforschern, wenn auch nicht überall wohl gelitten. Sein zweiter Geniestreich war das Auffinden des deutschen Schlachtschiffes |Bismarck| und dessen Erforschung. Ballard steht in dem Ruf, viel Wert auf Publicity zu legen – einige seiner Wissenschaftskollegen mögen ihn dafür nicht sonderlich. Auf der anderen Seite ist eine solche Expedition mit einem immensen Kostenaufwand verbunden, also was Wunder, wenn er seine Funde entsprechend vermarktet und die Werbetrommel für die US Navy rührt, auf Basis deren Technik er seine Forschungen durchführt. Man kann über ihn denken, was man will – er ist und bleibt der Shooting-Star unter den heutigen Unterwasser-Archäologen, der mit seinem System schon so manches verschollene Wrack aufspüren konnte.

Rick Archbold, ein angesehener Historiker, dessen berühmtestes eigenes Werk „Hindenburg“ ist, eine minutiös geschriebene Recherche über die Tragödie des deutschen, gleichnamigen Luftschiff-Stolzes LZ119, welches in den 30er Jahren bei Lake Hurst verunglückte. Auch in diesem Band sorgt Archbold wieder dafür, dass sich Ballard ganz auf die Schilderung der eigentlichen Suche in den Tiefen des Pazifiks beschränken kann, den historischen Part setzt er gewohnt neutral in Text- und Bildform um, was sich allerdings auf alle Waffengattungen und die politischen Hintergründe bezieht und nicht nur auf die Seeschlachten (diese nehmen aber den größten Teil ein). Dabei kommen auch wieder unzählige Geschichten zusammen, die das Ausmaß der Sinnlosigkeit der Zerstörung rund um Guadalcanal verdeutlichen und illustrieren.

Ken Marshall ist der Illustrator, der auch schon einen ganzen Bildband mit Titanic-Motiven herausbrachte – Ich kenne niemanden, der gerade diese Art bedrückender Wrackbilder so plastisch per Airbrush und Pinsel darstellen kann. Auch er ist seit dem Titanic-Band für Ballard in jedem seiner Bücher für die Illustration der Wracks zuständig und hat auch hier (wieder einmal) das Titelbild erschaffen, wobei er bei „Versenkt im Pazifik“ einen Teil des Wracks des australischen Kreuzers |Quincy| zusammen mit dem Tauchboot „Sea Cliff“ verwendet hat. Sehr düster und bedrohlich, ein Bild, das mir wieder mal eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

_Das Buch_
Ballards dritte große Expedition zu gesunkenen Schiffen führte ihn also 1992 nach Guadalcanal; diesmal bedient er sich wieder seiner gerühmten „Rasenmäher“-Such-Technik, wobei er mittels GPRS seine Position ständig auf den Meter genau feststellen kann und dabei einen Sonarschlitten im Schlepp knapp über dem Meeresboden hinter sich herzieht. Dieser liefert Bilder und Sonarreliefs der Umgebung in die Leitzentrale des Forschungsschiffes. Ballard wird nie müde, den Lesern dieses Suchmuster unter die Nase zu reiben, allerdings sind die Wracks im Suchgebiet diesmal so dicht gedrängt und auch der „Eisen-Sund“ längst nicht so tief wie die Fundstellen der Titanic und der Bismarck, daher ist ein Auffinden irgendwelcher Wracks diesmal wahrlich nicht das Problem. Die Exkursion bleibt Wunder-Oh-Wunder weitgehend von den sonst Ballard-üblichen Pannen verschont.

Auch hier, wie bei der Titanic, greift Ballard nicht nur zu seinen ferngesteuerten Video-Augen, sondern begibt sich selbst in seinem tiefseefesten Minitauchboot „Sea Cliff“ (dem Nachfolger seines legendären „Alvin“) zu einigen der interessanteren Wracks hinunter – das hat den Vorteil, dass er dort sein ferngesteuertes Tauchboot „Scorpio“ zusätzlich in Winkel schicken kann, die sonst nicht bildtechnisch zu erfassen oder für das bemannte Boot zu gefährlich sind. Dementsprechend detailliert kann dann auch hernach Ken Marshall seine Arbeit aufnehmen und die einzelnen Schiffe sehr stimmungsvoll und genau darstellen. Glücklicherweise finden sich in diesem Bildband wieder die ausklappbaren Seiten, welche die perfekten Illustrationen auf ein dreifaches Panorama ausbreiten – meist sind noch markante Fakten darauf verzeichnet, die in der Bild-Legende erklärt werden, d.h. hier wird auf besonders interessante Fundstellen hingewiesen.

Rick Archbold ist für die Aufbereitung der geschichtlichen Hintergründe zuständig. So besteht das Buch zwar aus einem großen Teil Wrackbildern und den Tauchgängen, die Hintergründe werden aber dennoch ausführlich von ihm dargestellt. Zu beinahe jedem Wrack gibt Archbold Augenzeugenberichte oder andere Quellen betreffend des Schicksals zum Besten. Er beschränkt sich aber nicht nur auf die Seeschlachten selbst, sondern liefert gleichzeitig noch interessante Nebeninformationen; sei es der Kampf an Land oder in der Luft, wenn’s geht sogar mit genauem Datum und Uhrzeit, damit man sich vom zeitlichen Zusammenhang der Ereignisse ein gutes Bild machen kann. Archbold heroisiert keine Seite und verhält sich bei seinen Recherchen sehr neutral, Ballard setzt dagegen manchmal etwas mehr auf Showmanship und Pathos, weswegen er wohl auch wieder Überlebende der Schlachten an Bord seines Forschungsschiffs eingeladen hat.

_Fazit_
Reich an verschiedenen Schiffen und die Sinnlosigkeit dieses Krieges durch die gut präsentierten geschichtlichen Hintergründe verdeutlichend, kann man dieses Buch als eines der besten Ballards bezeichnen, vor allem durch das Fehlen größerer Pannen und deren sonst so melodramatische Beschreibung, konzentriert sich „Versenkt im Pazifik“ auf die Geschichte der einzelnen Wracks. Der Leser bleibt diesmal von ausladenen Erklärungen, wie, wo und warum man genau |so| nach versunkenen Schiffen sucht (und nicht anders) verschont, die sonst Ballards Werke schmücken. Das zeigt, dass Ballards Bücher am besten sind, wenn der notorische Selbstdarsteller mal ein wenig zurücksteht und sich sein Co-Team hauptsächlich um den Inhalt kümmert.

Archbold liefert erneut einen akkuraten historischen Hintergrund ohne Pathos und sehr neutral, während der einfach geniale Ken Marshall wieder einmal seine Klasse beweist, die Unterwasserszenen bildlich darzustellen. Einen besseren Illustrator für die Unterwasser-Stilleben wird man heutzutage kaum finden. Daher kann mein Urteil sowohl für den mittlerweile schwer erhältlichen |out of print|-Bildband als auch das immer wieder neu aufgelegte Taschenbuch (wobei der großformatige Bildband mir wesentlich lieber ist) auf „absolut lesenswert“ lauten.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Lost Ships of Guadalcanal“
Erscheinungsjahr: 1993 Madison Press, New York
Deutsche Ausgabe: 1993 Ullstein
Übersetzung: Uwe D. Minge
ISBN: 3-550-06384-4 (HC)
ISBN: 3-548-24695-2 (TB)
Illustrationen: Ken Marshall
Ausführungen: HC (OOP) und TB; 228 bzw. 232 Seiten
zahlreiche S/W- und (ausklappbare) Farbbilder

Sarah Murgatroyd – Im Land der grünen Ameisen

Im August 1860 bricht in Melbourne eine große Expedition auf, die den Kontinent Australien durchqueren und die Nordküste erreichen soll. Die Reise durch 5000 Kilometer unwirtliches, kaum besiedeltes, feindseliges Land endet in einer Katastrophe, die acht Menschen das Leben kostet und sich in einen nationalen Skandal verwandelt … – Kritische Neubewertung einer historischen ‚Großtat‘, die das zeitgenössische Denken berücksichtigt, die Wahrheit hinter verklärenden Worten sucht und zu einem eher bestürzenden Resultat kommt: gut recherchiertes, spannend geschriebenes und mit trockenem Witz belebtes Sachbuch.
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Lene Gammelgaard – Die letzte Herausforderung

Seit der Lektüre von Jon Krakauers Buch „In eisige Höhen“ übt das Thema Mount Everest und insbesondere die Katastrophe vom Mai 1996, bei der mehrere Menschen während eines Unwetters in Gipfelnähe erfroren sind, eine gewisse Faszination auf mich aus. Inzwischen sind bereits einige Bücher zu diesem Thema von weiteren Bergsteigern erschienen, die die Katastrophe ebenfalls miterlebt haben. Die bekanntesten dürften neben der Veröffentlichung von Krakauer die Berichte von Anatoli Boukreev, Beck Weathers und auch von Lene Gammelgaard sein.

Auf zum Gipfel

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Müller, Ulrich / Panagl, Oswald (Hrsg.) – Ring und Gral

Eine respektable Entscheidung, Beiträge, die Autoren von 1988 bis 2001 für die Programmbücher der Bayreuther Festspiele verfassten, in einem einzigen Band zusammenzufassen. Schwerpunkt bildet dabei Richard Wagners Arbeit an den Themenkomplexen Nibelungen-Sage und Gralswelt. Die Beiträge sind nicht populär gedacht, sondern durchaus wissenschaftlich. Immerhin handelte es sich bei den Erstveröffentlichungen auch schon um keine gewöhnlichen Programmhefte, sondern um Festspielbücher. Unüblich an solchen Festspielprogrammen ist eigentlich, wenn die Texte nicht assoziativ oder von vornherein auf die Inszenierung selbst abgestimmt sind, sondern wie in diesen Fällen tatsächlich eine unabhängige Rezeption des Stoffes an sich darstellen.

Vorab dargestellt sind die alten mittelalterlichen Quellen im Original mit der Prosaübersetzung und zwar in den Teilen, auf die Wagner in seinen Musikdramen Bezug nimmt: Textstellen aus dem Nibelungenlied, der Edda, der Snorra Edda, Thidrek-Saga und der Völsungen-Saga mit den unterschiedlichen Namensformen bzw. Personen im Nibelungen, im Altnordischen und bei Wagner.

So entfernt uns Wagner auch sein mag, ist doch zu bedenken, dass ohne ihn viele hervorragende Stoffe des europäischen Mittelalters nur noch einem kleinen Kreis von Kennern bekannt wären. Vor allem für die Geschichte von Siegfried und den Nibelungen und Parzival und dem Gral hat er mit seinem Werk mehr bewirkt als Generationen von Philologen, und er steht daher im Bereich dessen, was die moderne Wissenschaft als „schöpferische Rezeption des Mittelalters“ bezeichnet, ganz vorne an. Natürlich hat er in seinen Werken viel verändert. Im „Ring“ konzentriert er sich als Thema ganz auf Brunhild und Siegfried, übernahm dabei alles aus dem Altnordischen, was zu finden war und ließ den zweiten Teil um Etzel und Kriemhilds Rache ganz weg. Im Gegensatz zu seinen anderen mittelalterlichen Musikdramen hat er den „Ring“ aber am allerwenigsten verändert. Es bleiben auch bei ihm die Gegensätze zwischen Eros und Machtpolitik, zwischen dem unruhigen zerstörerischen Prinzip des Männlichen und dem bewahrenden Prinzip des Weiblichen. Aber da das Nibelungenlied als mittelalterliches Nationalepos der Deutschen gilt, geriet er bekannterweise wegen des rein germanischen Stoffes in den Sog der nationalen, schließlich nationalsozialistischen und chauvinistischen Interpretation und Ideologie. Wagners „Ring“ wurde zum Indikator der späteren deutschen Geistes- und Ideologiegeschichte, wenn auch sehr oberflächlich und paradox interpretiert.

Musik war schon immer bedeutsam für mittelhochdeutsche Texte. Die strophischen Texte sind singbar, aber leider sind Melodien des Nibelungenliedes und der Edda-Lieder nicht überliefert. Man hat versucht, das zu rekonstruieren, und der Hildebrand-Ton scheint einer Lösung formal am nächsten zu kommen. Im späteren Mittelalter wurde die Strophenform dieses Tones auch für eine Bearbeitung des Nibelungenliedes (so genannte „Fassung k“) sowie das Lied vom Hürnen Seyfried verwendet. Der Sänger Eberhard Kummer aus Österreich singt heute das gesamte Lied in dieser Weise in 31 Stunden. Gerade durch den musikalischen Vortrag erhalten viele stilistische Eigenarten des Nibelungenliedes erst einen einsichtigen Sinn, der der Literaturwissenschaft verborgen bleibt.

Wenig bekannt ist ein anderer Ort, wo heute noch in ununterbrochener Tradition seit dem späten Mittelalter die Geschichte von Siegfried und den Burgundern gesungen wird. Auf der Färöer-Insel im Atlantik wird innerhalb dreier Stunden in den Nibelungen-Balladen (Regin Smidhur, Brinhild, Högni) die gesamte Geschichte von Jung-Siegfried bis zum blutigen Ende am Hunnenhof erzählt.
Wagner dürfte dies sicher eher nicht bekannt gewesen sein, aber eine Ähnlichkeit ist schon erstaunlich, denn auch er hatte ja den alten hermetischen Stab-Reim wiederentdeckt und angewandt, den er als Instrument der semantischen Verdeutlichung sehr schätzte. Dabei griff er auch auf alte archaische urtümliche Wortbedeutungen zurück, die seine Kritiker als Neuschöpfungen hielten und ihm Missbrauch der deutschen Sprache vorwarfen.

Sehr aufschlussreich werden innerhalb des Buches tief gehendere Vergleiche zwischen den eingangs erwähnten Quellen zu spezifischen Handlungspassagen gezogen, wie dem Tod Siegfrieds, dem Vergessenstrank, mit dem Siegfried Brunhild vergaß (in der Nibelungensage nicht enthalten), und dem Streit der Königinnen. Dieser Streit kommt im „Ring“ nicht vor, dafür hat Wagner ihn in den zweiten Akt seines „Lohengrin“ integriert. Diese Textvergleiche zeigen auf, dass die mittelalterliche Stofftradition verschiedene Begründungen für die Geschehnisse bietet, die teilweise miteinander verbunden sind, sich aber teilweise ausschließen. Darüber hinaus finden im Zusammenhang dieser Gegenüberstellungen auch die im 19. und 20. Jahrhundert entstandenen Nachdichtungen Beachtung, wie die „Nibelungen“ von Friedrich Hebbel, das nach langer Nichtbeachtung ab Anfang der 80er Jahre fürs Theater wieder interessant und wichtig wurde; oder auch Henrik Ibsens „Nordische Heerfahrt“ (1858).

Interdisziplinär wird auch etwas über den Tellerrand geblickt und in einem größeren Kontext werden – neben dem zur gleichen Zeit entstandenen mittelalterlichen Rolandslied – die vergleichbaren Götter- und Helden aus der indogermanischen Frühzeit, bei den Griechen, Römern, Indern und Kelten und die Mythen des russischen Sprachraums noch hinzugezogen. Damit verlieren sich die Autoren aber nicht in der Vergangenheit, sondern kehren mit Betrachtungen über die Darstellung der zeitgenössischen Kunst, die bis hin zu den Nibelungenbildern von Johannes Heinrich Füssli geht, entstanden zwischen 1798 – 1820, in die Gegenwart zurück. In einem ähnlich gegliederten Schlussteil widmet sich das Buch noch einer umfangreichen Betrachtung des Gralsmythos.

[Richard Wagner]http://de.wikipedia.org/wiki/Richard__Wagner
[Nibelungenlied]http://de.wikipedia.org/wiki/Nibelungenlied
[Der Ring des Nibelungen]http://de.wikipedia.org/wiki/Der__Ring__des__Nibelungen
[Richard-Wagner-Festspiele]http://de.wikipedia.org/wiki/Richard-Wagner-Festspiele

David Quammen – Die zwei Hörner des Rhinozeros

Anderthalb Jahrzehnte stellte David Quammen stellvertretend für wache Zeitgenossen Fragen zum Verhältnis des Menschen zur Natur, um sie im Magazin „Outside“ zu beantworten. 25 dieser Kolumnentexte liegen hier vor. Quammen hinterfragt scheinbar feststehende oder „unwichtige“ Fakten, zeigt erstaunliche Querverweise auf und stellt die herauspräparierten Erkenntnisse zu einem neuen Gesamtbild zusammen. Dabei schweift der Autor unbekümmert aus & ab und schwelgt in Anekdoten. Nicht immer geht die Rechnung auf, aber insgesamt liest und lernt man mit großem Vergnügen.
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Hans J. Nissen, Peter Heine – Von Mesopotamien zum Irak

Der alte Name des Irak war Mesopotamien und dieses gilt als Wiege der Menschheit, weil dort schon lange vor der sumerischen und babylonischen Kultur eine Zivilisation bestand. In dieser kurzen, aber sehr prägnanten Zeitreise führen die beiden Autoren durch die gesamte kulturelle, religiöse und politische Geschichte dieses Landes, das von sehr vielen wechselseitigen Völkern belebt und regiert worden war.

Alle Errungenschaften unserer gegenwärtigen Kultur haben dort ihre Wurzeln, bereits 3000 Jahre vor Christus war das ganze Wissen der damaligen Welt in schriftlicher Form niedergelegt. Die ursprünglichen Götter wie Enki, Enlin, Innana oder Marduk setzen noch heutzutage mit ihren Geschichten die Gefühle der Menschen in Bewegung, als hätten sie nichts von ihrer Kraft verloren. Sogar um die Zeit von Christi Geburt waren die irakischen Städte noch die Metropolen der damaligen Welt. Dort befand sich auch die größte Bibliothek der Welt, in der die ganze Weisheit der damaligen Zeit zusammengetragen war, verkörpert in der Omen-, das heißt Voraussageliteratur, in Texten der Astronomie und Astrologie, der Medizin, in Vorschriften für Rituale und Beschwörungen und vor allem in den großen literarischen Werken.

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Erbe, Günter – Dandys – Virtuosen der Lebenskunst

Günter Erbe, Dozent für Kultur- und Literatursoziologie an der FU Berlin und der Universität Zielona Gora in Polen, legt mit „Dandys – Virtuosen der Lebenskunst“ die erste umfassende kultur- und sozialgeschichtliche Darstellung des Dandytums im europäischen Maßstab vor. Erbe bedient sich hierbei aus einem reichhaltigen Fundus – als Quelle seiner Untersuchungen dienen ihm u. a. Memoiren, Briefe, Tagebücher von Zeitzeugen, Biographien, Traktate, Artikel der Modepublizistik, Karikaturen sowie die so genannte „schöne“ Literatur“.

Dieses breite Spektrum dürfte bereits andeuten, weshalb eine vergleichbare Untersuchung bisher nicht realisiert wurde: Das Dandytum ist ein äußerst vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen, welches einen fließenden Übergang zwischen Ideal und praktischer Verwirklichung, zwischen Fiktion und Realität aufweist. Erbes Darstellung kann in diesem Kontext als Genealogie des Dandytums betrachtet werden. Indem wir rückwirkend das erstmalige Auftauchen und den anschließenden Werdegang des Typus „Dandy“ nachvollziehen, können wir nach und nach einen Eindruck davon gewinnen, was einen Dandy generell ausmacht, und was für mögliche Ausformungen dieses Typus es bisher gegeben hat. Ich werde daher kurz skizzieren, was sich der geneigte Leser überhaupt unter dem Begriff des Dandytums vorzustellen hat:

Das Dandytum – als Kunst der ästhetischen Selbstinszenierung – ist der Vorbote einer neuen sozialen Mobilität, welche die Grenze zwischen viktorianischer Aristokratie und dem reichen Bürgertum des modernem Liberalismus verwischen lässt. Jeder Dandy ist einem permanenten Spannungsverhältnis zwischen seinen individualistischen Bestrebungen einerseits und den Rollenerwartungen der mondänen Gesellschaft andererseits ausgesetzt. Er will die bestehenden Verhältnisse nicht umstürzen, sondern sich innerhalb der bestehenden Vorstellungen von Schicklichkeit Originalität verschaffen, um die modisch-kulturelle Entwicklung indirekt voranzutreiben. Die Vervollkommnung des bereits Bestehenden hat dabei absoluten Vorrang vor modischer Neuschöpfung. Gezielte Provokationen dieser „Modehelden“ finden immer innerhalb eines bestimmten Rahmens statt, welcher durch den jeweils amtierenden |arbiter elegantarium| („Schiedsrichter der Eleganz“) vorgegeben wird. Die wirkliche, „moderne“ Provokation zeigt sich primär im Habitus des einzelnen Dandys, nicht in seiner Kleidung.

George Brummel (1778 – 1840) – in vielerlei Hinsicht der erste Dandy – war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein aus einfachen Verhältnissen stammender Vater brachte es zu einigem Wohlstand und schickte George auf die Eliteschule Eton sowie anschließend das Oriel-College in Oxford. Bereits dort suchte Brummel den Kontakt zu gesellschaftlich höher gestellten Studenten, und während seines anschließenden Militärdienstes im Zehnten Husarenregiment machte er die Bekanntschaft des Prinzen von Wales. Als er 1799 eine Erbschaft von 30.000 Pfund antrat, verfügte er über alle wichtigen Ressourcen für einen gesellschaftlichen Aufstieg zum |arbiter elegantarium|: Die richtigen Kontakte, ein ausreichendes Startkapital, um sorgenfrei leben zu können, und – vielleicht das Entscheidendste – ein untrügliches Gespür für modische Eleganz und geistreiche Konversation. Auf dem Höhepunkt seiner Macht (1798 – 1816) kam keine exklusive Party ohne ihn aus – Brummel war selbst zum Statussymbol avanciert.

Das Dandytum, wie es durch Brummel konstituiert wurde (der Begriff setzte sich allerdings erst ab ca. 1815 durch), ist eine Synthese aus der Ästhetik des modebewussten „Beaus“ und den traditionellen Rollenvorstellungen des britischen Adels von Anstand und kultiviertem Benehmen. Brummel übernahm die damals verbindliche Kleidungsnorm des „Gentleman“ – lange Beinkleider, Frack, Weste, gestärkte Krawatte und Zylinderhut – und ergänzte sie durch gewitztes und schlagfertiges Auftreten. Er war in der Literatur und den schönen Künsten bewandert, übte sich im Zeichnen und in der Poesie und war ein Kenner seltener Antiquitäten.

Letztlich wurde Brummel zum Verhängnis, dass sich der soziale Status eines Dandys nicht an seinem realen Vermögen, sondern an seiner Kreditwürdigkeit misst. Sein kostspieliger Lebensstil und seine Wettleidenschaft führten ihn in den finanziellen Bankrott (ein Schicksal, das er mit vielen Dandys teilte), so dass er 1816 aus London nach Frankreich fliehen musste. Dort ließ er sich von den ihm verbliebenen Gönnern aushalten. Er lebte jedoch weiterhin über seine Verhältnisse, bis er im Alter von 62 Jahren völlig verarmt und geistig verwirrt aus dem Leben schied. Sein wohl inszenierter Abgang aus der Londoner High Society war jedoch rechtzeitig erfolgt, so dass sein Ruhm über seinen Tod hinaus andauern sollte.

Die Souveränität des Dandys, wie sie durch Brummel definiert wurde, äußert sich primär in der Verschwendung materieller Ressourcen und einer demonstrativen Zurschaustellung der persönlichen Distanziertheit. Es handelt sich hier mithin um eine soziale Rolle, die niemals zur Gänze verinnerlicht werden kann.

Der Aufstieg der Dandykultur geht einher mit dem Aufstieg der britischen Herrenklubs, welche aus den Kaffeehäusern des 17. Jahrhunderts hervorgegangen waren. Diese exklusiven Klubs waren zugleich eine Schnittstelle zwischen Adel und Bürgertum, so dass hier ein Übergang zwischen den sozialen Hierarchien entstand. Der Bewegungsraum der meisten Dandys beschränkte sich dementsprechend im Wesentlichen auf einzelne Klubs, Opernhäuser und bestimmte Geschäfte. Die gelangweilte britische High Society nahm das Phänomen des Dandytums dankbar auf und entwickelte auch die modische Raffinesse weiter. Die Nachfolger Brummels provozierten nun auch in modischer Hinsicht; sein Kriterium der Schlichtheit war fortan nicht mehr verbindlich.

Erbe konzentriert sich im Laufe seiner Untersuchungen primär auf bestimmte Individuen, welche als entscheidende Charaktere des britischen Dandytums hervorgehoben werden können: Lord Byron, Benjamin Disraeli, Thomas Carlyle, Alfred d`Orsay, Oscar Wilde, Max Beerbohm und Aubrey Beardsley. Zusätzlich untersucht er die Entwicklung des Dandytums innerhalb der französischen Kultur, nebst Persönlichkeiten wie Barbey d`Aurevilly, Charles Baudelaire, Robert de Montesqiou und Boni de Castellane. Das Spektrum der kulturellen Zusammenhänge reicht dabei von Verschwendung bis zur Askese, von satanischer Literatur bis zum Katholizismus, von sexueller Abstinenz bis zur mehr oder weniger offenen Homosexualität. Eine gesonderte Wiedergabe dieser Sachverhalte würde hier den thematischen Rahmen sprengen.

Das britische Dandytum breitete sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern Europas aus. Erbe beschränkt sich hier auf eine Darstellung des französischen Dandytums – eigentlich schade, denn auch im deutschsprachigen Raum hätte es sicherlich viel Interessantes zu Entdecken gegeben. Analog zu den britischen Klubs etablierte sich in Paris eine neue Salonkultur, in welcher die französischen Dandys verkehren konnten. Insbesondere die nach der französischen Revolution weitgehend entmachteten jungen Adeligen fanden hier eine willkommene Möglichkeit der Ablenkung und Zerstreuung. Exklusive Herrenklubs waren jedoch auch hier bald im Entstehen begriffen. Eine interessante Entwicklung ist insbesondere bei Dandys wie Charles Baudelaire zu vermerken, welche finanziell zu einem bescheidenen Lebensstil gezwungen waren und als Ausgleich das Ideal des Dandytums literarisch überhöhten, indem sie es mit asketischen Motiven verbanden.

Erbe schließt seine Betrachtungen mit einem Ausblick auf die Zukunft des Dandytums im Zeitalter der Massenkultur. Was ist von der Eleganz des Dandys geblieben? Wer widmet sein Leben noch ausschließlich dem Vergnügen und der stilistischen Vervollkommnung? An Menschen, die prinzipiell über ein entsprechendes Budget verfügen, mangelt es nicht. Sicher: Das Bild eines Menschen, welcher den Großteil seiner Lebensspanne für sein modisches Image aufwendet, mag aus heutiger Sicht reichlich absurd erscheinen. Es steckt jedoch mehr dahinter. In unserer hektischen Zeit, in welcher Markenfetischismus und wirtschaftszentriertes Denken dominieren, ist der Dandy im Großen und Ganzen schlichtweg in Vergessenheit geraten.

Eleganz ist eine Frage der individuellen Präferenzen geworden, und doch scheint es, dass es nur mehr Wiederholungen des bereits Bestehenden gibt. Wo alles möglich ist, geschieht oftmals gar nichts – auch die Mode hat sich dem kulturellen Egalitarismus untergeordnet. Es gibt für potenzielle Dandys einfach kein Terrain, keine vollen Entfaltungsmöglichkeiten mehr.

Tatsächlich scheint sich jedoch der kulturelle Anspruch des Dandytums zumindest symbolisch erhalten zu haben. Der französische Modemacher Christian Lacroix etwa hat kürzlich ein neues Design für den „Striding Man“, das berühmte Markenzeiche des Whisky-Herstellers Johnnie Walker, entworfen. Lacroix:

„Der Dandy ist nicht nur ein Synonym für Raffinesse und Extravaganz. Er steht über der Mode und formt seinen eigenen Stil.“

In diesem Sinne kann auch der heutige Individualist von der Extravaganz des Dandytums profitieren. Er kann sich Anregungen für seine persönliche Definition von Stil und Eleganz verschaffen, ohne sich in der (modischen) Beliebigkeit der heutigen Massenkultur zu verlieren. Und er kann neue persönliche Ausdrucksformen für sich selbst in Literatur, Kunst und Mode entdecken.

Fazit: Erbes Untersuchungen genügen den Standards wissenschaftlicher Forschung, lassen aber auch erkennen, dass der Autor von der Thematik selbst begeistert ist. Das einzige, was mir persönlich noch gefehlt hat, ist eine konkrete bildliche Darstellung der einzelnen Modestile in den verschiedenen Epochen des Dandytums. Wer sich umfassend über Grundlagen und Geschichte des Dandytums informieren möchte, kommt an diesem Buch jedoch nicht vorbei. Der Geist der Exklusivität, welcher jederzeit in „Dandys – Virtuosen der Lebenskunst“ präsent ist, offenbart eine positive Reduktion, welche die Lektüre dieses Buches zu einem außergewöhnlichen Genuss werden lässt.

Andreas C. Knigge – Alles über Comics

Mit einer Mischung aus Rückblick und Comic-Biografie setzt „Alles über Comics“ ein: Autor Knigge erzählt unter dem Kapiteltitel „Vom heiteren Fridolin zum kleinen Arschloch. Reise durch ein Comic-Biotop“ von seinem persönlichen Werdegang im deutschen Comicland nach 1945, das von sekundärliterarischer Ignoranz einerseits und hysterischen Treibjagden auf „Schmutz & Schund“ andererseits geprägt wurde, bis sich einige wackere Pioniere daran machten, das Dunkel zu lichten, das über Vergangenheit und Gegenwart des geliebten und gehassten Mediums lastete.

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Carr, J. Revell – 13 Millionen Tonnen, 2500 Schiffe, 50000 Leben

Im August des Jahres 1940 erzwingt die deutsche Kriegsmaschine auf dem europäischen Kontinent erschreckende Fortschritte. Niemand kann die Nazis offenbar aufhalten. Auch auf den Meeren versuchen sie die Oberhand zu bekommen. Vor allem die Nachschubtransporte zwischen den noch neutralen USA und dem hartnäckigen Kriegsgegner Großbritannien sind ihnen ein Dorn im Auge. Deshalb haben deutsche Kreuzer und U-Boote die Anweisung, britische Frachter mit ihrer Ladung zu versenken.

Das Trampschiff „Anglo-Saxon“, 130 Meter lang, ist im Nordatlantik unterwegs, als ein gefährlicher Gegner seinen Kurs kreuzt. Hellmuth von Ruckteschell, der ehrgeizige Kommandant des Hilfskreuzers „Widder“, hat schon im I. Weltkrieg Feindschiffe gejagt und ist Marinesoldat bis ins Mark. Er hat den Auftrag, die Frachtschiffe des Gegners zu stoppen, und den verfolgt er unerbittlich. Ohne 41 ahnungslosen Seeleuten eine Warnung zukommen zu lassen, schießt die „Widder“ die fast wehrlose „Anglo-Saxon“ und ihre Besatzung zusammen.

Von Ruckteschell gestattet sich kein Erbarmen. Nur sieben zum Teil schwer verletzte Briten entkommen in einem angeschlagenen Beiboot dem Gemetzel. Ohne Lebensmittel und Wasser treiben sie zehn Wochen hilflos im Nordatlantik. Grauenvolle Szenen spielen sich an Bord ab. Der Tod hält reiche Beute. Als die Jolle endlich entdeckt wird, stehen die Retter erschüttert vor zwei Männern, welche die Entbehrungen fast wahnsinnig werden ließ.

Damit ist die Geschichte der „Anglo-Saxon“ nicht zu Ende. Roy Widdicombe und Robert Tapscott, die beiden Überlebenden, werden zu Schlüsselfiguren eines Prozesses, der nach dem II. Weltkrieg geführt wird. Angeklagt wird Hellmuth von Ruckteschell. Ist er ein Kriegsverbrecher, oder hat er einfach nur seine „Pflicht“ erfüllt? Gerechtigkeit ist ein Geschäft, das von jenen betrieben wird, die selbst nie betroffen sind. Ein Happy-End gibt es ohnehin nicht – die „Helden“ der „Anglo-Saxon“ nehmen ein trauriges Ende. Zurück bleiben zerstörte Familien, für welche die Ereignisse von 1940 noch heute Auswirkungen haben …

Ein namenloses Grauen in den Griff bekommen, indem man es auf Einzelschicksale reduziert: Das ist ein probates Mittel, bedient sich jemand seiner, der sein Handwerk versteht. Der Marinehistoriker J. Revell Carr gehört ganz sicher in diesen Kreis. Seit 1945 sind unzählige Bücher erschienen, die sich mit dem II. Weltkrieg im Atlantik beschäftigen. Das Geschehen an sich ist denkbar leicht verständlich: Nazideutschland versuchte die Nachschublinien zwischen den USA und Großbritannien zu kappen.

Was das im Detail bedeutete, gerät im großen Zusammenhang leicht außer Sicht: Vor allem in den ersten Kriegsjahren attackierten gut ausgebildete deutsche Soldaten mit schwer bewaffneten Schiffen und U-Booten über und unter Wasser simple Handelsschiffe, auf denen zivile Seeleute fuhren, die sich kaum oder überhaupt nicht wehren konnten. Entschlossen, sich von Hitlers Truppen nicht in die Knie zwingen zu lassen, harrten sie an Bord ihrer dünnhäutigen Frachter aus, die ihnen vom Feind unweigerlich „unter dem Hintern weggeschossen“ wurden, wie ein zeitgenössischer Spruch es drastisch verdeutlicht.

Wenn sie Glück hatten, gerieten die Handelsschiffer an einen Gegner, der ihnen die Flucht in die Rettungsboote ermöglichte, bevor er das Feuer eröffnete. Hatten sie Pech, trafen sie Männer wie Hellmuth von Ruckteschell, der seine persönliche, aber beileibe nicht untypische Auffassung von Pflicht und Kriegführung besaß.

Wobei dieser von Ruckteschell keinesfalls der gerade von den Briten gern verteufelte „typische“ Deutsche der Nazi-Ära ist. Bemerkenswert wertneutral bemüht sich Verfasser Carr, die Biografie dieses Mannes zu rekonstruieren. Er fördert Erstaunliches zu Tage – die schwer verständliche Geschichte eines Mannes von hoher Intelligenz, der künstlerisch hoch begabt ist, zwischen den Kriegen als Handwerker arbeitet, überaus gläubig ist – und sehr wahrscheinlich psychisch krank durch den Stress, dem er auf See während des I. Weltkriegs ausgesetzt war.

Das leitet über zur düsteren Seite des Hellmuth von Ruckteschell, der seine inneren Sorgen und Ängste hinter einer Maske cholerischer Unnahbarkeit zu verstecken suchte, mehr als einmal hilflose Kriegsgefangene ermorden ließ und auf See eine völlig andere Persönlichkeit zu entwickeln schien. Diese Ambivalenz und die daraus entstehende Unberechenbarkeit macht von Ruckteschell zur eigentlichen Zentralfigur dieses Buches, wie Verfasser Carr selbst rasch erkannt hat.

Die Männer der „Anglo-Saxon“ sind dagegen längst nicht so „interessant“. Man begreift sie als die „brave sailors“, die tapferen Seeleute des Originaltitels. Als Gruppe bewundert man sie, die im vollen Wissen um die ständige Gefahr den zivilen Dienst für ihr Land leisten. Man ist entsetzt über die unsäglichen Leiden, denen die Männer ausgesetzt sind. Aber obwohl Carr sich bemüht, jedem Mann an Bord der Jolle ein Gesicht zu geben, bleiben die Überlebenden Menschen von nebenan, die man vergisst, sobald sie nicht mehr im Brennpunkt einer an sich faszinierenden Geschichte stehen. So ist es erneut Hellmuth von Ruckteschell, dessen Schicksal den Leser fesselt, als er vor Gericht steht: Wie im Film ist es halt auch im Leben der Bösewicht, der die Aufmerksamkeit des Publikums erregt.

„13 Millionen Tonnen, 2500 Schiffe, 50000 Leben“ – der deutsche Titel, welcher die alliierten Verluste an Fracht, Schiffen und Menschenleben im Verlauf des II. Weltkriegs beschreibt, soll offenbar Leser abschrecken statt sie zu locken … – ist unterm Strich ein musterhaftes Sachbuch. Minuziös hat Verfasser Carr die letzte Fahrt der „Anglo Saxon“ recherchiert. Er bleibt auch nach der Rettung der letzten Überlebenden „dran“. Die „Nachgeschichte“ bildet hier keinen knappen Epilog („Was machen sie heute …“), sondern ist untrennbar mit dem Geschehen von 1940 verbunden.

Überzeugend legt Carr dar, wie der Untergang der „Anglo-Saxon“ die Leben vieler Menschen auf Jahrzehnte prägte. Damit sind durchaus nicht nur die unmittelbar Beteiligten gemeint. Ob auf der britischen oder auf der deutschen Seite: Die Seeleute hatten Familien und Freunde, die sich mit dem Verlust geliebter Menschen oder mit der Tatsache vertraut machen mussten, einen Kriegsverbrecher und Mörder zum Ehegatten, Sohn, Bruder etc. zu haben.

Am Beispiel des Seemanns Robert Tapscott rekonstruiert Carr die psychischen Folgeschäden eines einschneidenden krisenhaften Erlebnisses. Dieser Mann, der bitter entschlossen entsetzliche körperliche Qualen erlitten und überlebt hatte, brachte sich zwanzig Jahre später um, weil er den seelischen Stress nie verkraften konnte. Er überlebte von Ruckteschell, dem die eigenen Kriegserlebnisse seine Gesundheit geraubt hatten, nur um wenige Jahre.

So wird aus einer Episode des Seekriegs ein Panorama, das sich nicht auf Aufzählung von Schlachten, Schiffen & Verlusten beschränkt, sondern dem Krieg Gesichter gibt. Noch einmal sei die Objektivität betont, mit welcher sich der Verfasser seinem Thema nähert. „All Brave Sailors“ nennt er sein Buch im Original. Er spielt damit nicht primär auf die unglücklichen Männer in der „Anglo-Saxon“-Jolle an, sondern erinnert an alle mutigen Seeleute, die trotz aller Gefahr und Furcht freiwillig ihrem Job nachgingen.

Dass einem die beschriebenen Schicksale so nahe gehen, liegt an J. Revell Carrs Talent, sie uns literarisch nahe zu bringen. In der deutschen Übersetzung ist der Verfasser verständlicherweise auf seinen Übersetzer angewiesen, der diese Qualität zu wahren versuchen muss. Mit Peter Torberg hat der Marebuchverlag erfreulicherweise einen Mann gefunden, der sein Handwerk vorzüglich beherrscht. Das ist – vor allem im Roman, aber auch im Sachbuch – heute leider keine Selbstverständlichkeit und sei deshalb an dieser Stelle eigens herausgestellt.

J. Revell Carr (geboren 1939 in Pennsylvania) lernte das Meer als Leutnant in der US-Navy kennen. Im Zivilleben wurde er Historiker mit dem Spezialgebiet Marine. Hier entwickelte er sich zu einem der weltweit wichtigsten Vertreter dieses Fachbereichs. Sein Wissen brachte ihn auf die Leiterstelle des größten Marinemuseums der Welt. Mehr als zwei Jahrzehnte leitete Carr das „Mystic Seaport“ in Connecticut. Heute lebt er als „Privatgelehrter“ und Autor in Maine.

Lyon Sprague de Camp – H. P. Lovecraft. Eine Biographie

De Camp Lovecraft Cover 2012 kleinLovecraft als Figur der Projektion

Er ist heute so etwas wie ein Popstar der Phantastik, der ob seiner Vorliebe für Adjektive von der Kritik viel geschmähte, für seine stimmungsvolle Verschmelzung von Horror und Science Fiction gerühmte Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), der den qualligen ET-Götzen Cthulhu und seine nicht minder bösen Kumpane auf die Menschheit losließ.

Vor allem weist Lovecraft auf, was ihn von einem simplen Schreiberling & Schreibtischtäter zur Kultfigur erhebt: ein bizarres, unglückliches Privatleben, das denen, die es nicht führen, sondern nur darüber lesen müssen, unterhaltsam dünken kann und viel Raum für angenehme Schauder lässt. Lovecraft gilt als „Einsiedler von Providence“, der geradezu kamikazehaft am schnöden Alltag scheiterte und sich ganz in eine Fantasiewelt zurückzog, die ihm die Möglichkeit bot, sich eine Existenz als vornehm verarmter Gentleman im Stil des 18. Jahrhunderts vorzugaukeln. Lyon Sprague de Camp – H. P. Lovecraft. Eine Biographie weiterlesen

Tom Standage – Die Akte Neptun. Die abenteuerliche Geschichte der Entdeckung des 8. Planeten

Die Suche nach dem profitablen Gral

Am 13. März 1781 entdeckt der Musiklehrer (!) und Hobby-Astronom Friedrich Wilhelm Herschel in seinem selbst gebauten Teleskop am nächtlichen Sternenhimmel über England ein mysteriöses Objekt, das er zunächst als Kometen identifiziert. Wenig später stellt sich heraus, dass ihm ein neuer Planet vor die (selbst geschliffene) Linse geraten ist: Uranus, die Nummer 7 im heimischen Sonnensystem, ist entdeckt.

Ruhm und Ehre prasseln auf Herschel nieder, dazu kommt ein schönes Gehalt, das ihm sein König, selbst ein Anhänger der Himmelskunde, zahlt. Herschel steigt zum Hofastronomen auf und macht sein Hobby zum Beruf. Kein Wunder, dass der wissenschaftliche Nachwuchs Europas neidvoll auf ihn blickt – und auf eine Idee kommt: Wo sich sieben Planeten drehen, gibt es weiter draußen im All womöglich noch mehr! Tom Standage – Die Akte Neptun. Die abenteuerliche Geschichte der Entdeckung des 8. Planeten weiterlesen

Eric Larson – Der Teufel von Chicago

Im Chicago der 1890er Jahre verwirklicht der Architekt Daniel H. Burnham eine Weltausstellung, deren Glanz und Größe jedes bekannte Maß sprengt. Gleichzeitig wird der ‚Arzt‘ H. H. Holmes als einer der ersten und schlimmsten Serienmörder aktiv … – Mit immensem Rechercheaufwand und in wunderbarer Sprache lässt Eric Larson das späte 19. Jahrhundert auferstehen. Sein Werk kann ohne Einschränkungen empfohlen werden; dies ist ein „Geschichtsbuch“, das auch den Laien nicht abschrecken, sondern fesseln wird!
Eric Larson – Der Teufel von Chicago weiterlesen

Richard Ellis – Riesenkraken der Tiefsee

Feuerrote Fremdlinge der Tiefsee

Die Aliens sind tatsächlich unter uns! Zehn Arme und zwei Herzen haben sie, aber weder Bug noch Heck; Ammoniak fließt durch ihre Adern, und sie ändern ihre Farbe mit einer Meisterschaft, die jeden Predator vor Neid erblassen ließe. Man muss allerdings wissen, wo man nach ihnen Ausschau zu halten hat. Kontraproduktiv ist es, den Blick ausschließlich zum Himmel zu erheben, denn nicht „Watch the Skies!“ lautet hier die Devise, sondern „The Kraken Wakes“, wie es der britische Science- Fiction-Autor John Wyndham schon 1953 besser wusste.

Tief unter der Oberfläche der Weltmeere verbirgt es sich, das (wahrscheinlich) einzige echte Seeungeheuer, ein Wesen, wie es fremdartiger und seltsamer kaum sein könnte, das letzte und wohl größte Tier, das sich dem Menschen bisher entziehen konnte und dadurch sein Fahndungsinteresse umso heftiger anstachelt: Architeuthis dux, der Riesenkalmar der Tiefsee, wahrlich der Herrscher seines vielarmigen Stammes. Dort, wohin wir gern unliebsame Zeitgenossen zu wünschen pflegen, weil hier die Sonne nie scheint, lebt und jagt er (oder vielleicht treibt er auch wie ein alter Socken schlapp im Wasser), rauft mit gefräßigen Pottwalen (oder lässt sich ohne Gegenwehr fressen), vertilgt schnelle Fische und lahme Artgenossen (oder umgekehrt), ist schlau wie ein Fuchs (oder dumm wie eine Auster), so groß wie ein Eisenbahnwaggon (oder doch nur wie ein Wohnwagen) und bevölkert die Meere dieser Welt so zahlreich wie landwärts die Karnickel (oder ist so selten wie ein Sechser im Lotto). Richard Ellis – Riesenkraken der Tiefsee weiterlesen

Nichols, Peter – Allein auf hoher See. Abenteuer einer Weltumseglung

Sinnlos selbst gesetzte Hürden

Warum steigt der Mensch auf hohe Berge? Wieso taucht er in tiefe Meere? Aus welchem Grund durchquert er Wüsten auf Stelzen und trägt dabei mit den Zähnen einen Kanaldeckel aus Gusseisen? In der Regel einfach deshalb, weil es vor ihm (oder ihr) noch niemand getan hat! Unter uns tagarbeitenden und in der Freizeitgestaltung vergleichsweise fantasiearmen Zeitgenossen gibt es seit jeher Exoten, die es dazu drängt, eine ungewöhnliche Note in ihr Leben zu bringen. Nach Sinn und Logik darf man da nicht fragen, sondern muss das Phänomen als solches mit Interesse und Neugier zu Kenntnis nehmen. Man ist ja nicht zur Nachahmung verpflichtet.

In diese seltsame Welt eigentümlicher Individualisten, die sich heute gern selbst zu „Extrem-Sportlern“ adeln, entführt uns der Journalist und Segler Peter Nichols. Er hat eine bizarre Fußnote der Sporthistorie ausgegraben und erweckt dahinter eine fesselnde Geschichte zu neuem Leben. Die Chronik des „Golden Globe Race“ von 1968/69 wird von solchem Irrwitz geprägt, dass wir sie als Film mit Unglauben und Spott quittieren würden. Aber die Geschichte ist wahr, und als Sachbuch mit Thriller-Qualitäten glauben wir sie ihrem Verfasser, denn Nichols ist ein fabelhafter Schriftsteller. Nichols, Peter – Allein auf hoher See. Abenteuer einer Weltumseglung weiterlesen

Hans Bankl – Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin

„Geschichten aus der Gerichtsmedizin“ lautet der Untertitel dieses Werkes; er muss ihm vom hilflos zwangsverpflichteten Lektor verliehen worden sein, um dem krausen Durcheinander wenigstens notdürftig ein Motto überzustülpen. Ansonsten gibt es nämlich keinerlei roten Faden, obwohl das Ganze halbwegs verheißungsvoll startet – mit einem Rückblick auf die Geschichte der Gerichtsmedizin und ihren langen Weg zwischen Skalpell und Hightech.

Aber dann springt uns plötzlich ein Kapitel mit der Überschrift „Nichts ist interessanter als ein toter Promi“ an, wir befinden uns in der Gegenwart und werden mit absolut oberflächlichen Regenbogenpresse-„Informationen“ über Fleddereien halb vergessener Leichen wie Elvis Presley gelangweilt.

Hans Bankl – Im Rücken steckt das Messer. Geschichten aus der Gerichtsmedizin weiterlesen

Volker Knopf/Stefan Martens – Görings Reich. Selbstinszenierungen in Carinhall

Hermann Göring, in der Nazi-Hierarchie direkt hinter Adolf Hitler stehend, ließ 1933 ein Jagdhaus errichten, das er zu einem Privatschloss ausbaute und mit geraubter Beutekunst vollstopfte. Carinhalls Mythos als Hort märchenhafter Schätze und geheimer Nazi-Bunker wurde durch die Zerstörung 1945 vollendet. Die Realität wurde für dieses Buch akribisch recherchiert und vorbildlich ausgebreitet. Carinshalls Geschichte wird sie mit der Biografie Hermann Görings verklammert. Hinter dem Nazi-Monument treten Größenwahns und brutaler Menschenverachtung zutage. Zahlreiche selten oder nie gezeigte Fotos, Pläne und Karten runden das informative und spannende Werk ab.
Volker Knopf/Stefan Martens – Görings Reich. Selbstinszenierungen in Carinhall weiterlesen

Simon Winchester – Der Mann, der die Wörter liebte

winchester-mann-cover-2000-kleinJedes Wort der englischen Sprache soll ermittelt, erforscht und erläutert werden: Das „Oxford English Dictionary“ benötigt bis zur Vollendung sieben Jahrzehnte. Unter den Mitarbeitern ist ein wahnsinniger Mörder, dem die Forscherarbeit Halt und Trost bietet … – Autor Winchester findet für sein Thema – die eigentlich wenig spannende Geschichte des genannten Wörterbuchs – den idealen Einstieg über die Biografie von W. C. Minor: Ein Geisteskranker leistet Großes im Rahmen eines wahnwitzigen Projekts. Das Ergebnis ist ein Sachbuch mit Thriller-Qualitäten.
Simon Winchester – Der Mann, der die Wörter liebte weiterlesen

de Camp, Lyon Sprague – H. P. Lovecraft – Eine Biographie

Was lange währt, wird gut? Auf die ungekürzte Ausgabe der Lovecraft-Biographie mussten die deutschen Leser über 27 Jahre warten; 1975 schon hatte Lyon Sprague de Camp sie verfasst. Dem Wissbegierigen blieb nur, sich mit „Der Einsiedler von Providence – Lovecrafts ungewöhnliches Leben“ zu begnügen, einer Sammlung von Essays und Erinnerungen, die 1992 bei |Suhrkamp| erschien; und irgendwann, laut Boris Koch in „Mephisto 22“, erschien auch eine stark gekürzte Taschenbuchausgabe der Biographie. Nun aber liegt uns das vollständige Werk vor, ein 640-Seiten-Monument ohne Bilder (dafür mit vielen Fußnoten).

Eigentlich, so der Autor im Vorwort, wollte August Derleth dieses Buch schreiben – doch er starb, bevor er es in Angriff nehmen konnte. Also machte sich LSdC, der schon Artikel über Lovecraft und dessen Kollegen veröffentlicht hatte, an diese Aufgabe. Das erscheint einem legitimiert, da Sprague de Camp seit Jahren die |Conan|-Serie Robert E. Howards weiterschreibt, zum Teil nach dessen Entwürfen; Howard aber war ein enger Brieffreund Lovecrafts und zählte mit diesem und Clark Ashton Smith zu den „drei Musketieren des |Weird Tales|“, des Pulp-Magazins, ohne das wir vieles nicht hätten, wohl auch Lovecraft nicht. Kurios ist aber, dass de Camp bei intensiven genealogischen Nachforschungen tatsächlich auf seine entfernte Verwandtschaft mit HPL stieß (etwa so, wie Bilbo mit Pippin verwandt ist, glaube ich).

Doch kann man dem Autor auch zustimmen, wenn er meint, für diese Aufgabe vielleicht sogar besser geeignet zu sein: „Wo Derleth Lovecraft fast bis zur Vergötterung bewunderte, hatte ich das Gefühl, mich dem Thema objektiver nähern zu können.“ Richtig? Jedenfalls erweist sich de Camps Blick als ebenso anerkennend wie kritisch. Er würdigt sehr wohl Lovecrafts Leistungen als Erfinder guter Geschichten, als Schöpfer des |Cthulhu|-Mythos oder als Inspirator anderer; er sieht aber auch seine Schwächen auf literarischem Gebiet, allen voran die berüchtigte „Adjektivitis“. Der Leser findet im Buch kurze Inhaltsangaben zu den meisten Geschichten (ohne dass immer der Schluss verraten wird) und eine Bewertung der Texte, die oft herausfordert. Auch mit dem Schöpfer der Texte geht Sprague de Camp ins Gericht, er lässt weder Lovecrafts Unwillen (und Unfähigkeit?) aus, sich in der Erwerbswelt durchzusetzen, noch seine rassistischen Tiraden (die mitunter Hitler oder Goebbels alle Unehre machen). Andererseits betont er aber auch HPLs persönliche Konzilianz und Großzügigkeit sowie seine enorme autodidaktische Bildung und Vielseitigkeit. Er geht den Wurzeln in Kindheit und Erziehung nach, die einen Menschen von 25 sich als „alt“ und „Großvater“ bezeichnen ließen, und er verzweifelt beinahe über Lovecrafts „Talent“, sich nicht zu vermarkten. (Hier kann übrigens der angehende oder es sein wollende Schriftsteller einiges aus der Erfahrung des Profis mitnehmen, der sich seinen Rang – und sein Auskommen! – hart erkämpfen musste; man multipliziere die Schwierigkeiten aber, denn man lebt in Deutschland.)

Vieles wird präzise aufgelistet; wir erfahren ganze Tagesabläufe, Reiserouten, Einnahmen-Ausgaben-Bilanzen und dergleichen mehr. Es entsteht das Bild eines „Gentleman“, der nach dem Ideal des vermögenden vielseitigen Dilettanten lebte, ohne aber Vermögen zu haben; der sich (zu) lange an einer auf immer entschwundenen Vergangenheit und ihren Traditionen wie Vorurteilen orientierte; der nicht bereit war, von seinen Überzeugungen abzurücken. Hier trifft Sprague de Camp gut den Ton zwischen Unverständnis und Anerkennung; weder bejaht er vehement Lovecrafts hartnäckigen Widerstand gegen den Kommerz, noch lehnt er ihn rigoros ab. Ebenso steht es mit der Beurteilung des exzessiven Briefschreibers und Amateurjournalisten HPL; die enorme Leistung wird anerkannt, aber immer wieder kommentiert mit einem „Hätte er in dieser Zeit lieber Geschichten geschrieben …!“

So ist diese Biographie ein sehr persönliches Buch, das sich (so weit möglich) um Objektivität bemüht. Es macht Lovecraft und viele Personen seiner Umgebung lebendig, zeigt Zeitumstände, Widrigkeiten und Erfolge, ist farbig und engagiert verfasst, liest sich von Anfang bis Ende flüssig, lässt keine Langeweile aufkommen. Sein einziger Makel: sein Alter; in fast dreißig Jahren, sollte man meinen, hat die Forschung sich weiterbewegt, so dass Zeit für eine neue Betrachtung wäre. Hat sie noch niemand geschrieben? Wenn doch, wäre eine weitere Veröffentlichung wünschenswert. Aber vielleicht hat es noch keiner gewagt, sich mit Lyon Sprague de Camps Buch zu messen; das wäre alles andere als ein leichtes Geschäft.

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Klaas, Peter – Vogelspinnen

Bevor man mit der Aufnahme von irgendwelchen Hausgenossen beginnt, sollte man sich gut informieren. Da ist das Wälzen eines oder mehrerer Sachbücher natürlich immer empfehlenswert. Gerade für Vogelspinnen gilt das besonders, denn über kaum ein anderes Tier kursieren so viele Schauermärchen, Halbwahrheiten und blanker Unfug. Doch auch wer Vorurteile oder Ängste abbauen und seine eventuell vorhandenen Bildungslücken über die faszinierenden Achtbeiner zu schließen gedenkt, kommt um Literatur nicht herum. Das Problem: Obwohl Vogelspinnen schon recht lange bekannt sind und die ersten Arten im Ausklang des 19. Jahrhunderts ausführlicher erforscht und beschrieben wurden, ist dieser Wissenschaftszweig, was die korrekte Katalogisierung und Genealogie angeht, noch recht jung und befindet sich auch heute noch im konstanten Fluss. Seit 1989 versucht Peter Klaas ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.

Selbst unter Züchtern und Betreibern von Zoogeschäften herrscht immer noch teilweise Uneinigkeit, was die korrekte Haltung und Pflege von Spinnen generell angeht, von selteneren Arten mal ganz zu schweigen. Jeder hat da – wie so oft – seine Meinungen und Ansichten. Es werden immer noch bislang unbekannte Vogelspinnen entdeckt. Zudem ändert sich die Rassenzuordnung und die Einsortierung vermeintlich unlängst bekannt geglaubter Arten weiterhin, da sich die bisherigen (nicht nur aber hauptsächlich) partiell als falsch herausstellten. Damit hat sich Klaas nicht nur Freunde in der Szene gemacht, einige werfen ihm Regelungswut und Profilierungssucht vor. Inwieweit solche oft recht unsachlich geäußerten Vorwürfe gerechtfertigt sind, vermag ich nicht zu beurteilen – da schwingt aber sicher eine gute Portion Neid mit.

_Der Autor_
Peter Klaas ist Leiter des Insektariums des Kölner Zoos und beschäftigt sich seit Jahren ausführlich mit den Vertretern der Gattung Theraphosinae, den Vogelspinnen. Er pflegt und züchtet sie auch privat und bereist immer wieder die Herkunftsländer, um die Tiere in ihrem natürlichen Habitat zu beobachten. Ihm gelingen dabei einige sehr beachtenswerte Entdeckungen. 1989 erscheint sein viel beachtetes Erstlingswerk „Vogelspinnen im Terrarium“, wo er einige der bis dato herrschenden Falschinformationen ausräumt und somit auch gleichzeitig den Grundstein für die private Spinnenhaltung hierzulande legt. Er gilt als Pionier auf dem Gebiet. Vor dieser Zeit ist die Pflege von Vogelspinnen außerhalb von Zoos allenfalls ein Thema für exzentrische Sonderlinge – wenn überhaupt. Klaas ist immer mal wieder zu Gast auf Symposien und Conventions, wo er Vorträge über Spinnen und ihre Lebensräume hält, welche er des Öfteren bereist.

_Das Buch_
Beide bislang erschienen Bücher gelten als Standardwerke der Thematik und sind im |Eugen Ulmer|-Verlag als A4-Hardcover mit Hochglanzseiten erschienen. Sein derzeit neuestes Werk beschäftigt sich zu Beginn mit Körperbau, Herkunft, Pflege und Zucht von Vogelspinnen im Allgemeinen. Dieser Part richtet sich vornehmlich an Einsteiger in die Materie, bietet aber auch dem vorgebildeten Leser hier und da ein paar interessante Fakten und Kniffe. Der Schreibstil ist nicht wissenschaftlich hoch gestelzt, gut verständlich, kommt aber insgesamt recht trocken rüber. Sicherlich kein Buch, das man aus lauter Vergnügen mal liest, sondern eher zur Hand nimmt, wenn man etwas nachschlagen will – wirkliches Interesse ist also zwingend Grundvoraussetzung, Vorkenntnisse hingegen nicht. Nach der Lektüre dieses Teils weiß man schon prinzipiell alles, was man so wissen sollte, wenn man sich mit den Tieren beschäftigen oder sie gar pflegen/züchten möchte.

In der zweiten Hälfte stellt Klaas einige ausgesuchte Arten im Detail vor, die in seinem Erstling von 1989 entweder noch fast unbekannt oder zuvor inkorrekt bezeichnet/einsortiert waren. Hier werden die Tipps und Informationen zu den Arten schon etwas spezieller, oft finden sich auch schöne Fotos – zum Teil – aus freier Wildbahn daneben, wodurch man sich dann auch ein Bild von dem entsprechenden Tier machen kann. Die Betonung liegt hier eindeutig auf „einige“, denn so besonders üppig fällt der Arten-Teil, was die darin besprochenen Spinnen angeht, nicht gerade aus. Auch sind längst nicht alle Arten einer Rasse verzeichnet, sondern nur ausgewählte. Informationen zur Haltung und eventuell – falls überhaupt angegeben – Eignung für Anfänger oder über den Charakter finden sich nicht tabellarisch, sondern müssen aus dem Volltext entnommen werden. Das finde ich persönlich etwas unpraktisch und hätte in Form eines (kleinen) Steckbriefs für jedes Tier für mehr Übersicht auch (und gerade) unter interessierten Anfängern gesorgt.

Apropos Übersicht: Da Klaas (und Schmidt) für eine Vielzahl von Umbenennungen in letzter Zeit verantwortlich sind, ist es aber lobenswert, dass die alten Synonyme und Handelsbezeichnungen bei den aufgeführten Arten ebenfalls genannt werden, ansonsten würde heilloses Durcheinander zwischen alter und neuer Ordnung entstehen, denn vielerorts (hauptsächlich im Ausland, doch auch hierzulande) werden häufig noch die alten Bezeichnungen verwendet. Verwirrend genug, dass mehrmals bei einigen Arten auf Klaas‘ erstes Buch verwiesen wird, wo zum Teil noch die alten Namen verwendet werden. Die alphabetische Sortierung von A(scanthoscurria) bis X(enestis) ist in Ordnung – jedenfalls solange man weiß, wie die gesuchte Spinne wissenschaftlich heißt. Wem nur der Handelsname bekannt ist, der hat ein kleines Problem mit dem Finden. Es ist dafür aber sehr hilfreich, dass neben dem Namen auch die Herleitung des selbigen – meist aus dem Lateinischen oder Griechischen entlehnt – aufgeschlüsselt wird. So wird schon mal klar, warum eine Spinne mit ihrem wissenschaftlichen Namen eben genau so heißt.

Nun erhebt das Buch auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ist keine Pflegeanleitung jeder existenten Vogelspinnenart, doch ist man (vor allem als Newbie) für einen einigermaßen breiten Überblick beinahe gezwungen, sich auch noch das erste Buch zuzulegen, was – man ahnt es – ebenfalls knapp 40 Euro kostet, bei nahezu identischem Umfang. Mein Vorschlag wäre, beide Bücher zu kombinieren, vernünftig zu lektorieren und dann als erschwinglichen Taschenbuch-Ratgeber herauszugeben. Dass so etwas geht und dabei auch mehr Übersichtlichkeit durchaus machbar ist, beweist der bei |Mergus| erscheinende, mehrbändige „Aquarien-Atlas“, bei ähnlich gelagerter Thematik. Auch hier befinden sich nicht alle Fischarten in einem Band (geht bei diesem Umfang auch gar nicht), doch sieht hier zum Beispiel – anhand eines Steckbriefs – auch der Neuling schon auf einen Blick die wichtigsten Informationen.

Schon kurz nach der Ersterscheinung 2003 ging das aktuelle Buch in die zweite, komplett überarbeite Auflage. Dennoch ist der Ausgabe ein ganzes DIN-A4-Blatt mit Errata beigelegt, die man zunächst – trotz der Überarbeitung – erst nach Drucklegung entdeckt hat. Hierbei handelt es sich großteils um falsche Bilder/Bildlegenden und kleinere Macken im Text. Leider hat der Lektor auch mit dem Einleger immer noch nicht alle Missgriffe ausgemerzt (oder gar neue produziert?): Es befinden sich weiterhin eine ganze Reihe Rechtschreibfehler darin, die ziemlich augenfällig und vollkommen unnötig sind. Kein Ruhmesblatt für die „komplett überarbeitete Ausgabe“ eines relativ anspruchsvollen Sachbuchs, das mit den wenigen Seiten und einem Preis von 39.90 Euro immerhin ordentlich teuer ist.

_Das Fazit_
Die Aufmachung des Buches ist recht gelungen, die Bebilderung sehr schön, doch muss man als Erstes dem Verlag Schludrigkeit nachsagen, denn in einer überarbeiteten Ausgabe gleich eine ganze lose Seite mit Korrekturen beizulegen und dann immer noch nicht alle Fehler beseitigt zu haben, ist definitiv schlampig. Preislich inakzeptabel ist es sowieso. Vom Inhaltlichen her gibt’s auch ein bisschen was zu bekritteln, was nicht in der Sachlichkeit der Informationen liegt, sondern in der leicht drögen und unübersichtlichen Präsentation in zweispaltigem Volltextformat, ein paar mehr und aussagekräftigere Eckdaten in Tabellenform zu jeder Rasse wären durchaus wünschenswert gewesen. Das, was drin steht, ist aber kompetent dargestellt und hat Hand und Fuß. Das gilt sowohl für den allgemeinen Teil als auch für die beschriebenen Arten, allerdings fehlen eine Menge bei Terrarianern beliebter und bekannter Spinnen schlichtweg. Conclusio: Leider nur bedingt empfehlenswert.