Bernard Cornwell – Die Galgenfrist

Im Jahre 1817 beauftragt der englische Innenminister einen ehemaligen Offizier, ein wegen Mordes verhängtes Todesurteil zu überprüfen. Zum Unwillen der Justiz entdeckt dieser, dass die Beweise gefälscht wurden und der angebliche Täter unschuldig ist … – Gelungener Historienkrimi, der sich geschickt der zeitgenössischen Rechtsprechung bedient. Das alte London und seine pittoresken Bewohner nehmen vor dem Leser Gestalt an, ohne um der Unterhaltung willen in historische Zerrbilder verwandelt zu werden: ein durchweg empfehlenswertes Lektürevergnügen.
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Grisham, John – Schuld, Die

Ein junger Pflichtverteidiger wird von einem geheimnisvollen Fremden dazu verführt, die juristische Drecksarbeit für einen Pharmakonzern zu erledigen. Zu spät erkennt Clay Carter, in welcher Klemme er nach nur wenigen Monaten steckt. – Grisham zeigt auf, wie verführbar junge, unterbezahlte Anwälte sind und wie das dreckige, aber völlig legale Geschäft mit den Sammelklagen in den USA funktioniert.

_Der Autor_

Der studierte Jurist John Grisham, geboren 1955, ist nach Angaben des Heyne-Verlags der „meistgelesene Autor weltweit“. Zahlreiche seine Romane dienten als Vorlage zu Spielfilmen, darunter „Der Klient“, „Die Firma“, „Die Akte“ und „Die Jury“ sowie „Der Regenmacher“. Grisham war Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Mississippi und führte lange Jahre eine eigene Anwaltskanzlei, bis er sich Mitte der Achtzigerjahre ganz dem Schreiben widmete. Grisham lebt mit seiner Familie in Virginia und Mississippi.

_Der Sprecher _

Charles Brauer ist am bekanntesten als Kommissar Brockmüller an der Seite von Manfred Krug im „Tatort“. Er gehört zu den beliebtesten Hörbuchsprechern und hat für Heyne bereits „Der Verrat“, „Das Testament“, „Der Richter“ und „Die Bruderschaft“ von John Grisham gelesen.

_Handlung_

Der junge Rechtsanwalt Clay Carter träumt von einer lukrativen Stelle in einer der großen Kanzleien. Leider fristet er vorerst sein Dasein als Pflichtverteidiger des Office of Public Defense (OPD). Da er gerade zufällig als Einziger vom OPD im Gerichtssal anwesend ist, bekommt er den merkwürdigen Fall des Tequila Watson aufs Auge gedrückt.

Tequila, gerade mal 20 Jahre jung, hat mitten auf der Straße scheinbar wahllos einen Mord begangen. Mitten in Washington, D.C., schoss er einen jungen Drogendealer nieder: Ramón Pumfrey. In Clays Verhören gibt der junge Tequila an, er habe einfach nur jemanden töten wollen, egal wen. Das wird ja immer seltsamer, denkt sich Clay.

Seine Nachforschungen im Umfeld ergeben: Watson war bis vor einem halbem Jahr noch Crack-Junkie, bevor er in eine Entzugsanstalt eingewiesen wurde. Im „Deliverance Camp“ herrschten militärische Zucht und Ordnung. Nach 90 Tagen war Tequila clean gewesen, erzählt der Anstaltsleiter, ein massiger Farbiger namens Talmage X. Nach 100 Tagen hatte Tequila erstmals Freigang gehabt. Am 115. Tag hatte er Ramón Pumfrey erschossen, aber keiner wusste, wieso, am allerwenigsten der Mörder selbst. Er war vorher Gewalt stets aus dem Weg gegangen.

Clay Carter hatte schon mal leichtere Fälle. Er verdient gerade mal 36.000 Dollar im Jahr (also nicht mal 3.000 Euro im Monat). {Oh mein Goth, wie schröckelich. Anm. d. Lektors.} Da kann man sich schon überlegen, sich nach etwas Lukrativerem umzusehen. Und Clay bekommt sein Chance. Ein gewisser Max Pace bietet ihm in einem Luxushotelzimmer die Chance seines Lebens an. Pace behauptet, für einen Pharmakonzern zu agieren, der ungenannt bleiben wolle.

Der Konzern habe ein Suchtheilmittel erprobt, nicht nur in drei Städten außerhalb der USA, sondern auch in Washington, D.C. – weil es hier ja viele Farbige gebe. Testlabors seien die Entzugskliniken gewesen, solche wie Deliverance Camp. Tequila Watson sei nur einer von etwa hundert Probanden gewesen. Leider habe sich gezeigt, dass das Medikament bei etwa acht Prozent der Testpersonen schwere Nebenwirkungen hervorrufe: zum Beispiel Mordlust.

Inzwischen seien zwar alle mit „Tarvan“ versorgten Kliniken weltweit geschlossen, doch sollten die Familien der Opfer entschädigt werden, um spätere Schadensersatzforderungen abzuwehren, falls die Sache doch einmal ruchbar werden sollte. Und hier kommt endlich Clay ins Spiel: Er soll die Entschädigungsverfahren mit außergerichtlichen Vergleichen zu einem glücklichen Ende bringen.

Als sich Clay hierbei bewährt, betraut Max Pace ihn mit einem Sammelklagenfall, gegen den sich die 50 Millionen Dollar des Tarvan-Falles wie Peanuts ausnehmen. Er, Clay, werde allein daran über 100 Millionen Dollar verdienen. Clay bleibt die Spucke weg.

Dieser Fall könnte Clay Carters Karriere zerstören, doch sollte er Erfolg haben, wäre er am Ende des Verfahrens nicht nur ein reicher Mann, sondern auch ein bekannter und berüchtigter Opferanwalt. Doch warum hat man ausgerechnet ihm diesen Fall angeboten? Wer ist der geheimnisvolle Fremde mit dem verlockenden Angebot?

Und tatsächlich: Schon etwa 15 Monate später steht das FBI bei Clay Carters kräftig gewachsener eigener Anwaltskanzlei auf der Matte.

_Mein Eindruck_

Grisham lässt seinen Helden noch zwei weitere Fälle mit Sammelklagen anpacken, aber das sind dann schon die heikleren Sachen – sie werden Clays Untergang herbeiführen. Der eigentliche Grund: Clays sinn- und grenzenlose Geldgier, seine Geltungssucht gegenüber den ebenso gierigen Anwaltskollegen.

_Und der Haifisch, der hat Zähne_

Das überhand genommene Sammelklagengeschäft (beispielsweise gegen die Bayer AG) ist ein einziger Haifischteich, und die Gelackmeierten sind nicht etwa die Beklagten, sondern die Kläger: die Geschädigten, die eh schon unter gesundheitlichen und sonstigen Schäden zu leiden haben. Aber da die Anwälte astronomische Honoraranteile verlangen, werden die Opfer ebenso wie die Beklagten um vernünftige Kompromisse und Vergleiche gebracht. Der Einzige, der bei diesem Scheißspiel gewinnt, so Grisham, ist der Anwalt.

Vorerst zumindest. Denn anhand des Falles von Clay Carter exerziert Grisham durch, wie dieser Schuss nach hinten losgehen kann. Anwälte wie Carter (und der uns aus „Der Richter“ vertraute Patton French aus Biloxi) lassen sich durch eine freie Presse, aber auch durch noch schärfere Fische im Haifischteich der Anwälte bekämpfen und zu Fall bringen. Und wenn sie dann auch noch so dumm sind, an der Börse Insidergeschäfte zu tätigen, schaltet eben bald die Börsenaufsicht das FBI ein.

_Auch der Haifisch ist nur ein Mensch_

Doch Clay Carter ist keineswegs nur der Haifisch, der den Hals nicht voll bekommen kann. Er ist ja selbst ein Opfer: Er ließ sich von dem Betrüger Max Pace vor dessen Karren und den der Konzerne spannen und muss dafür schließlich büßen (wie in jedem anständigen Krimi). Indirekt zeigt also Grisham, wie sich ahnungslose junge und unterbezahlte Anwälte zu Werkzeugen in den Intrigen der großen Konzerne machen lassen.

Clay Carter überlebt lediglich dank seiner Freunde aus dem OPD. Er hatte sie als erste in seine Kanzlei geholt und ihnen freiwillig (!) einen Bonus von je 10 Millionen gezahlt. So etwas vergisst man ihm nicht, und so üben sie eben auch Solidarität, als es ihm wieder dreckig geht: Er liegt mit gebrochenen Knochen im Hospital. (Und ich habe den starken Verdacht, dass im Hörbuch eine komplette Liebesgeschichte gestrichen worden ist. Das trüge noch stärker zu Clays menschlicher Seite bei.)

_Der Sprecher _

Der Sprecher, Charles Brauer, macht seine Sache wie stets ausgezeichnet. Er spricht pointiert und deutlich akzentuiert, besonders wenn er höchst unterschiedliche Figuren zu charakterisieren hat. Ich kann mir keinen besseren Sprecher für die Grisham-Bücher vorstellen.

_Unterm Strich_

„Die Schuld“ hat eine überschaubare Handlung, die im Grunde aus vier bis fünf Komplexen besteht: Clays Fällen. Sie werden linear hintereinander abgehandelt, und es gibt kaum Rückblenden. Das klingt nicht sonderlich spannend, und psychologische Spannung kommt auch nur in den Gesprächen mit Max Pace und dem FBI auf.

Worauf es Grisham in erster Linie ankam, ist seine Absicht, uns zu zeigen: „Nun schaut euch mal an, wie diese Schweinerei vonstatten geht.“ Die „Schweinerei“ ist vor allem das Geschäft mit den riesigen Sammelklagen, bei denen mehrere spezialisierte Staranwälte Tausende von Mandanten sammeln und in einen Topf werfen, selbst wenn die das gar nicht wollen. Doch diese Masse erzeugt Druck auf den Beklagten. Und Zweck der Übung ist nicht etwa ein Prozess, sondern ein außergerichtlicher Vergleich, bei dem die Anwälte bis zu einem Drittel der Entschädigungssumme einsacken. Da kann es durchaus um Milliarden Dollar gehen. Ganz legal. Aber auch moralisch gerechtfertigt?

Genauso gut könnten wir also einem Paar Einbrecher bei seiner kriminellen Arbeit zusehen, so aufregend ist Grishams Story: Das ist informativ, lehrreich (für Nachwuchsjuristen?), engagiert, teilweise spannend, aber wenig bewegend. Wer mehr von der Story haben will, sollte das Buch lesen. Das ist dann wenigstens ungekürzt.

Umfang: 381 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Gibson, William – Neuromancer

William Gibson ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der letzten zwanzig Jahre. Er hat, wie kein anderer SF-Autor, in kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Sein Erstlingswerk „Neuromancer“ wurde mit dem |Nebula Award|, dem |Hugo Award|, dem |Locus Award| und dem |Philip K. Dick Memorial|-Preis ausgezeichnet.

William Gibson entführt seine Leser in eine Welt immanenter, teils futuristischer Technik, die sich aber von ihrem sozialen und politischen Gefüge her kaum von unserer wirklichen Welt unterscheidet – multinationale Megakonzerne beherrschen die Wirtschaft und die Politik; die Ballungsräume haben sich zu immer größeren, geschwürartigen Gebilden entwickelt, bis sie irgendwann zusammengewachsen sind; ein sehr großer Teil der Bevölkerung lebt in den Randgebieten des Sprawl – in den Slums – und kämpft ums Überleben. Einige von ihnen haben sich die Technik zu Nutze gemacht und verdienen ihr Geld mit Datendiebstahl und Industriespionage.

|“Cyberpunks nennen sich die Computerfreaks mit implantierter Elektronik im Schädel, allesamt verrückt und süchtig nach irren Abenteuern jenseits der Realität. Die Direktschaltung von Gehirn und Computer verheißt Allgegenwart und nie dagewesene Sensationen. Eine neue Welt tut sich auf, intensiv wie ein elektrischer Schock.“| (Bruce Sterling)

Case war ein solcher Cyberpunk. Mit 22 Jahren war er einer der besten Deckjockeys im Sprawl – ein |Cowboy|, wie er es nannte. Er war ein Dieb, der für die großen, reicheren Diebe arbeitete. Seine Auftraggeber beschafften ihm die Software, die er benötigte, um in die riesigen Industrie-Komplexe mit ihren geheimen Forschungslaboratorien einzubrechen und dort all jene Daten zu stehlen, an denen sie interessiert waren.
Dann machte er den klassischen Fehler. Case behielt etwas von dem zurück, was ihm nicht gehörte. Er wollte das große Geld machen – und zwar schnell. Sie kamen ihm auf die Schliche, fanden ihn und bestraften ihn auf eine Art, die für Case schlimmer war als der Tod. |“Sie schädigten sein Nervensystem mit einem russischen Mykotoxin aus Kriegszeiten. In einem Hotel von Memphis ans Bett gefesselt, halluzinierte er dreißig Stunden lang. Mikron für Mikron brannte sein Talent aus. Der Schaden war gering, unauffällig, aber äußerst wirksam.“ (S. 14/15)| Seit dieser Nacht war der Cyberspace nur noch eine Erinnerung, ein Traum. Die Ärzte in den schwarzen Kliniken hatten seine Verstümmelung bestaunt, doch sie konnten ihn nicht heilen.
Darauf folgte der soziale und gesellschaftliche Abstieg. Er begann Drogen zu nehmen, Speed und Alkohol, und steigerte sich in eine akute Suizidgefahr hinein. Case stand mit einem Mal am Rande der Gesellschaft und agierte hart an der Grenze zur Unterwelt. Er war nur ein kleiner Gauner unter vielen.
|Heute| ist Case 24 Jahre alt. Er ist ein Punk, der orientierungslos einen Leitfaden durch sein Leben sucht. Case versucht den Eindruck zu erwecken, er habe mit seinem |früheren| Leben abgeschlossen, doch Drogen und mehr oder weniger unmotivierter Sex vermögen ihm nicht zu geben, was er außerhalb des Cyberspace entbehren muss.. |“(…) Der Körper war nur Fleisch. Case wurde ein Gefangener des Fleisches.“ (S. 15)|
Er ist einer der unzähligen Straßendealer in Ninsei, den Slums von Chiba City. Er schläft in den billigsten Absteigen und schlägt sich mit illegalen Geschäften für das organisierte Verbrechen und manchmal auch mit Mord durchs Leben. Die neuen Yen, die ihm seine Deals einbringen, investiert er direkt in den nächsten Auftrag und in Drogen.
Eines Abends tritt Molly in sein Leben. Molly ist eine kybernetisch aufgewertete Straßenkämpferin mit implantierten Linsen und Nagelmessern. Ihr Job ist es, Case zu ihrem Auftraggeber Armitage zu bringen – nur um zu reden, wie sie ihm versichert. Armitage unterbreitet ihm einen interessanten Deal. Er will Case’s Nervenschäden in einer illegalen Klinik heilen lassen, wenn dieser dafür einen Auftrag im Cyberspace übernimmt. Anfänglich zögert Case, da er zu oft enttäuscht wurde. Sein altes Leben wieder zum Greifen nah, willigt er dann aber doch ein, da er der Verlockung, endlich wieder den Cyberspace betreten zu können, nicht widerstehen kann …

William Gibson wurde am 17. März 1948 in Convay, South Carolina (USA), geboren. Nachdem 1966 seine Mutter starb, verließ er im Alter von 19 Jahren die USA und zog, um sich der Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen, nach Toronto (Kanada). Seit 1971 wohnt er in Vancouver, British Columbia (Kanada).
Auf der |University of British Columbia| begann William Gibson zu schreiben. 1977 verkaufte er, zu Beginn der Punkbewegung, seine Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“ (später im Heyne-Verlag veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“) an die wenig verbreitete Zeitschrift UnEarth.

Er begründete den Begriff |Cyberspace| und beschrieb die |Virtuelle Realität| (VR) und das |Internet|, bevor die meisten Menschen deren Existenz auch nur erahnten.

Der Cyberspace ähnelt im Großen und Ganzen unserem heutigen Internet. Während man, um das Internet zu benutzen, vor einem Bildschirm sitzt und seine Daten via Tastatur und Maus eingibt, |’steckt’| der User in Gibsons Vorstellung jedoch nur noch |’ein’|, worauf sein Geist in den Cyberspace eintaucht und dort agiert. Die Visualisierung basiert auf der Technologie der virtuellen Realität, die auf eine abstrakte Art und Weise an die reale Welt angelehnt ist.
Der Cyberspace wird z.B. genutzt, um Geschäftsprozesse von jedem Ort auf der Welt für die berechtigten Benutzer zugänglich zu machen. Aus den Mauern der realen Industriekomplexe und Banken werden im Cyberspace unsichtbare Mauern aus EIS (Elektronisches Invasionsabwehr-System). Auch hier gibt es, wie in der Realität, technische Möglichkeiten, diese Abwehrmechanismen zu umgehen. Genau wie in der realen Welt, treiben auch im Cyberspace Gauner, Diebe und Industriespione ihr Unwesen. Ihre Werkzeuge sind nur nicht mehr Dietrich und Schneidbrenner, sondern eigens zum Durchbrechen der Mauern aus EIS geschriebene Computerviren.
In Gibsons Vorstellung kann ein Deckjockey im Cyberspace auch sterben. Die Idee, welche dahintersteht, ist, dass, wenn der Geist im Cyberspace angegriffen und |getötet| wird, eine Rückkopplung erfolgt, die das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes grillt. Es besteht also ein gravierender Unterschied zwischen unseren heutigen Computerspielen, z.B. in Virtual-Reality-Cafés, und Gibsons Cyberspace. Wenn ein Deckjockey im Cyberspace einen schwerwiegenden Fehler begeht, dann wird kein virtuelles Leben abgezogen und es gibt auch keinen Schriftzug |Game Over|, der in roter Schrift im Blickfeld aufblinkt, der Deckjockey stirbt einfach – sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt.

Als Hommage an Gibsons „Neuromancer“ entstand das Pen&Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“, welches in der düsteren Welt von „Neuromancer“ spielt.

William Gibson gilt auch als Begründer einer neuen literarischen Strömung in der Science-Fiction, dem |Cyberpunk| oder – in Anlehnung an „Neuromancer“ – der |Neuromantik|.

Der Titel „Neuromancer“ ist ein Wortspiel zu |Necromancer| (dt.: Nekromant), was soviel wie Geisterbeschwörer bedeutet, und |neuro|, also Nervensystem. Case, der Protagonist der Geschichte, ist ein zeitgenössischer, in naher Zukunft angesiedelter Zauberer. Seine Hexerei besteht darin, das menschliche Nervensystem mit dem elektronischen neuronalen Netzwerk der Computerwelt zu |interfacen| und diese zu manipulieren bzw. von ihr manipuliert zu werden. Dieser Gedanke folgt analog dem wechselwirkenden Eintritt eines Schamanen in traditionelle mystische Bereiche (die Geisterwelt) mittels Drogen und/oder Trance.

Das Genre ist geprägt vom Lebensgefühl der Punkkultur, die sich in einer modernen, von Elektronik geprägten Welt wiederfindet. Im Mittelpunkt steht ein Computernetzwerk ähnlich unserem Internet, der Cyberspace oder auch die Matrix, welches dem Menschen mittels Interfaces ein völlig neues Terrain eröffnet.

William Gibson verbindet in seinen Romanen zwei Strömungen der Science-Fiction, die |Hard SF| und die |New Wave| der siebziger Jahre. Seine wissenschaftlich-technische Extrapolation entstammt der Hard SF, während seine stilistische Ausführung New Wave pur ist, das heißt, er schreibt gesellschaftskritisch mit einem romantischen Impuls und er bedient sich des in der New Wave verwendeten Archetypus der Protagonisten.

Die Hard SF zeichnet sich durch einen logischen Positivismus, traditionelle moralische Werte und ein wissenschaftliches Weltbild aus. Streng wissenschaftlich orientiert, werden in simpler, transparenter Erzählkunst die Geschichten gestählter Könnertypen und gefühlloser Technikmenschen dem Leser nahe gebracht. Die Archetypen dieser Stilrichtung sind beispielsweise Computerhacker oder Weltraumkommandanten, die meist aus mittelständischen oder aristokratischen Gesellschaftsschichten stammen.
Aus der Sicht der Hard-SF-Autoren vertreten die Autoren des New Wave eine nihilistische, gegen Wirtschaft und Technik gerichtete Einstellung.

Die New Wave hingegen begründet sich auf ein |gesundes| Volksempfinden, welches sich in der Rebellion gegen Establishment und Krieg manifestiert. Sie steht für sexuelle Befreiung und einen kulturellen Pluralismus, aus dem sich ein charakterologischer Realismus ergibt, der sich auch in den Archetypen, wie z. B. Hippies oder Punks widerspiegelt. Stilistische Experimente, wie z. B. Slang oder mehrere Erzählstränge und ein starker romantischer Impuls, der sich in der Einbeziehung und Beschreibung des Banden- und Straßenmilieus offen zeigt, runden das Bild der New Wave ab.
Die New-Wave-Autoren werfen den Autoren der Hard SF vor, sie seien naiv, da sie zu glauben scheinen, ein Aufschwung in Wirtschaft und Technik müsse eo ipso zur Verbesserung der menschlichen Bedingungen beitragen.

Die Merkmale dieser beiden Strömungen galten lange Zeit als unvereinbar. Doch Gibsons Werke scheinen genau den Nerv der Zeit zu treffen. Er vereinigt in seinen Romanen eine komplexe Synthese der Popkultur mit High-Tech und einem fortgeschrittenen Schreibstil. Seine Werke beheimaten dichte und bizarre Storys, eine kantige und düstere Leidenschaft und intensive Detailfreude. Hervorzuheben sind dabei neben der Neuromancer-Trilogie, welche durch „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ komplettiert wird, die |Sprawl-Serie|, zu der die Kurzgeschichten „Johnny Mnemonic“, „New Rose Hotel“ und das fabelhafte „Burning Chrome“ gehören. Die Charaktere sind ein Sammelsurium aus Verlierern, Gangstern, Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Irren, mit denen man sich durchaus zu identifizieren vermag. Gibson schreibt von |normalen| Menschen, die sich in unserer technisierten Welt zurecht finden müssen und nicht von den unfehlbaren |Super|-Helden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, wie es die Hard SF bevorzugt.

Im Vorwort von „Cyberspace“ schreibt Bruce Sterling über Gibsons Erzählungen:
|“(…) In seiner Welt ist die Wissenschaft kein Wunderbrunnen schrulliger Genies, sondern eine allgegenwärtige, alles durchdringende, greifbare Kraft.
Die Geschichten zeichnen ein Bild der modernen Misere, das ein jeder auf den ersten Blick erkennt. Gibsons Extrapolationen führen uns mit überspitzter Klarheit den verborgenen Teil eines Eisbergs sozialen Wandels vor. Dieser Eisberg treibt mit finsterer Majestät durchs späte zwanzigste Jahrhundert, aber seine Proportionen sind gewaltig und düster.“|

Gibsons Schreibstil, die kantige und düstere Leidenschaft seiner Geschichten, spiegelt sich in der Passage auf der ersten Seite des Buches wider. Er nutzt nicht nur in der wörtlichen Rede, sondern auch bei seinem Erzählstil eine Syntax, die dem Straßenslang sehr nahe kommt. Hier zeigt sich der Impuls des New Wave, der in Gibsons Geschichten eine große Rolle spielt.
|Case schloss die Augen.
Fand den geriffelten EIN-Schalter.
Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosphene aus den Grenzen des Raumes auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information.
Bitte, betete er, jetzt …
Eine graue Scheibe, Himmelsfarbe von Chiba.
Jetzt …
Die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zur hellgrauen Sphäre. Weitete sich.
Und floß, entfaltete sich für ihn. Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit entfernt sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn.
Und irgendwo er, lachend, in einer weiß getünchten Dachkammer, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht mit Freudentränen überströmt.
in Liebe für Deb,
die es möglich gemacht hat|

Mir liegen noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung auf der Seele.

Zum Einen wirkt es ein wenig befremdlich, wenn man anstelle des weit verbreiteten Begriffes |Cyberspace| immer wieder |Kyberspace| lesen muss. Noch schlimmer kann man ein englisches Wort wohl kaum verunstalten – das erste Teilwort auf Deutsch und das zweite weiterhin auf Englisch. Nun gut, diese Übersetzung ist in der Mitte der achtziger Jahre entstanden und so mag man es dem guten Reinhard Heinz nachsehen, aber ehrlich gesagt, habe ich mich da im gesamten Buch nicht dran gewöhnen können.
Dieser Hirnverdreher ist zwar in der neuen Auflage behoben, dafür ist aber der gesamte Sprachstil |geglättet| worden. Meiner Meinung nach verliert der Roman dadurch viel an Atmosphäre. Da „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ nicht mehr einzeln erhältlich sind, wird sich der geneigte Leser ein Bild davon machen können, wenn er die neue Fassung mit der alten vergleicht. Ich empfehle wirklich, den ersten Roman in der älteren Übersetzung zu lesen.
Leider tritt das gleiche Phänomen auch bei der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“ auf und auch hier verlieren die Geschichten an Atmosphäre.

Alles in allem ist dieses Buch in jedem Falle ein Leckerbissen für alle „Cyberpunk“- und „Shadowrun“-Rollenspieler, aber auch alle Nicht-Rollenspieler, die sich an diesem Genre erfreuen, werden ihre helle Freude daran haben.

|Siehe ergänzend dazu Michael Matzers [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=521 zum Hörspiel.|

Follett, Ken – Mitternachtsfalken

War in „Die Leopardin“ Frankreich der Schauplatz der Ereignisse, so ist es diesmal das von Nazis besetzte Dänemark des Jahres 1941, in dem sich das Schicksal so mancher Agentin und manches Agenten erfüllt. Und ein unscheinbarer Oberschüler beginnt eine kriegswichtige Rolle zu spielen.

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein aktueller Roman „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Die Sprecher_

Anja Moll studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin/Rostock. Sie machte sich auf den verschiedensten Theaterbühnen, als Sprecherin beim Rundfunk sowie als Synchronsprecherin einen Namen. Sie verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Franziska Pigulla.

Philipp Schepmann erhielt nach seiner Schauspielausbildung zahlreiche Theaterengagements, ist seit vielen Jahren Sprecher in Rundfunk und Fernsehen und blickt auf viele Hörbuchproduktionen wie etwa „Der König von Narnia“ (Brendow, Moers) zurück. Die Wandlungsfähigkeit seiner Stimme erinnert an Rufus Beck.

_Handlung_

In Europa tobt im Jahr 1941 der Zweite Weltkrieg. In England, das von deutschen Bomberangriffen heimgesucht wird, fragt sich Hermia Mount, eine Agentin im Innenministerium, woher die hohen Verluste der britischen Bomberstaffeln rühren, wenn sie die deutsche oder dänische Küsten anfliegen. Haben die Deutschen vielleicht eine ähnliche Radartechnik wie die Briten entwickelt, obwohl die Auslandsagenten das Gegenteil behaupten?

Hermia Mount ist als Tochter eines Diplomaten in Skandinavien aufgewachsen. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Sprachkenntnisse wurde ihr die Leitung der Auslandsgruppe Dänemark im Nachrichtendienst übertragen. Ihr Verlobter lebt im deutschbesetzten Königreich Dänemark: ein junger Pilot namens Arne Olufsen aus Jütland.

Aber Hermias Position in dem von Männern dominierten Geheimdienst ist keineswegs einfach. Als sie von dem Bruder eines britischen Piloten, Digby Hoare, erfährt, dass die deutschen Funksprüche eine Informationsquelle namens „Freya“ erwähnen, nimmt keiner ihren Hinweis ernst, das heißt: keiner außer Winston Churchill, dem Premierminister. Digby Hoare und Hermia sollen herausfinden, was „Freya“ ist. Doch Arne Olufsen lebt in Dänemark und alle Nachrichten an ihn oder von ihm werden von der deutschen Zensur durchgesehen. Hermia fliegt ins neutrale Schweden, in der Hoffnung, ihn treffen zu können: ein konspiratives Treffen, das für beide den Tod bedeuten kann.

Etwa zur gleichen Zeit, im Frühjahr 1941, stößt Arnes Bruder Harald, ein 18-jähriger Oberschüler, nahe seinem dänischen Elternhaus auf dem deutschen Militärgelände, an dessen Errichtung er selbst mitgearbeitet hat, auf ein neues unbekanntes Gerät: Es ist „Freya“, die neuartige, dreiteilige Radarantenne, mit der die deutsche Luftabwehr die anfliegenden Bomber der Briten frühzeitig entdeckt und den Gegenangriff koordinieren und lenken kann. Das weiß Harald natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Erst als er seinen Bruder Arne besucht, um Flugstunden zu nehmen, nimmt ihn Arnes Kollege Poul Kirke beiseite, um ihn über diese Radarstation auszufragen. Harald fertigt eine Positionskarte und eine Gerätezeichnung an. Er verfügt über großes technisches Verständnis. Doch Kirke gehört der Widerstandsgruppe der „Mitternachtsfalken“ an, die Hermia Mount in Dänemark aufgebaut hat. Kirke versteckt das Papier in seinen Bürounterlagen auf dem Fliegerhorst.

Doch leider hat die Pastorenfamilie Olufsen einen Feind, der sie befehdet: die Familie Flemming, die auf der gleichen jütischen Insel wohnt und wesentlich besser gestellt ist. Und Peter Flemming ist gar nicht gut auf Arne und Harald Olufsen zu sprechen. Eigentlich arbeitet er ja für die Verkehrspolizei in Kopenhagen, doch er wurde kürzlich von dem Nazi-General Braun und dem dänischen Polizeichef Juel der Sicherheitsabteilung zugewiesen.

Es dauert nicht lange und mehrere Hinweise führen ihn auf die Spur von Poul Kirke. Bevor er diesen festnehmen kann, riecht Kirke, was er vorhat und will im Flugzeug abhauen. Kaltblütig schießt Flemming den Flüchtigen mitsamt Flieger ab, so dass er brennend in den Boden donnert. Als Flemming kurz darauf in Kirkes Büro auf die Zeichnung der Radarstation stößt, fällt sein Verdacht auch auf Arne Olufsen, Kirkes Kollegen. Und über Arne führt Flemmings Weg, auf dem er eine blutige Spur von Leichen zurücklässt, zu Hermia Mount…

Werden die Briten jemals die Informationen über „Freya“ erhalten, um Hitler stoppen zu können, der gerade Russland überfallen hat?

_Mein Eindruck_

Dieser kurze Handlungsabriss kann lediglich andeuten, wieviel Action, menschliches Heldentum und spannende Agentenunternehmungen noch in diesem Buch stecken. Ich habe nur das erste Drittel skizzieren können. Die dreisträngige Handlung konzentriert sich besonders auf drei Paare: Hermia und Arne, Harald und dessen Freundin Karen Duchwitz sowie Peter Flemming und dessen „Kollegin“ Tilde Jespersen. Um jedes dieser Paare ist ein Kreis von Nebenfiguren angeordnet. So tauchen unter anderem die jeweiligen Familienmitglieder, aber auch Winston Churchill und – nur im Buch! – der König von Dänemark auf.

In einem fein gesponnenen Geflecht von Aktion und Gegenaktion, Spionage und Abwehr, Wiedersehen und Wiederverlieren bewegen sich die Figuren auf einen furiosen Höhepunkt auf dem Schloss derer von Duchwitz zu. Nicht jeder erreicht lebend diesen Handlungspunkt. Doch wenn Harald Olufsen es schaffen sollte, den alten klapprigen Doppeldecker der Familie Duchwitz flottzukriegen, dann haben er und Karen eine winzige Chance, die Freya-Informationen nach England zu Churchill zu schaffen. Leider sind ihnen die Nazis und Peter Flemming dicht auf den Fersen. Und falls sie den Start schaffen sollten, gibt es immer noch die deutsche Flak und Luftwaffe…

Mit „Mitternachtsfalken“ ist Follett wieder ein Volltreffer gelungen, der an seine großen Erfolge wie „Die Nadel“, „Nacht über den Wassern“ sowie „Die Leopardin“ erinnert. Die Zeit der Mittelalterschmöker à la „Säulen der Erde“ ist wohl endgültig vorbei, denn die Mode der „Name der Rose“-Kopien ist längst passé.

_Unterschiede zum Buch_

Es gibt einige gravierende Unterschiede zwischen dem Buch und der gekürzten Hörbuchfassung. Ich konnte zum Glück vergleichen. Wie bereits gesagt, taucht im Hörbuch der König von Dänemark nicht auf. Sein Auftritt im Theater von Kopenhagen, um sich nach der im Ballett gestürzten Karen Duchwitz zu erkundigen, trägt auch wirklich nichts zur zentralen Handlung bei, die zur diesem Zeitpunkt unter enormem zeitlichem Druck steht. Also flog der König raus – sorry, Majestät, aber wir haben’s eilig!

Follett geizt wirklich nicht mit erotischen Szenen. Wie schon in „Die Kinder von Eden“ schreckt er keineswegs vor der Erwähnung von Brüsten, Busen, Schenkeln und sogar heißen Liebesszenen zurück. Freunde solch deftigen Stoffes sollten beim Buch bleiben, denn im Hörbuch ist davon kaum noch etwas übriggeblieben. Ich dachte schon, es sei auf FSK 12 heruntergekürzt worden, da verblüffte mich eine Liebesszene zwischen Hermia und Arne, bei der es wirklich zur Sache geht.

Ansonsten ist wie so oft festzustellen, dass die Geschichte des Hörbuchs viel stärker auf die zentrale Handlung um Harald, Hermia und Flemming konzentriert ist als das Buch. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Ausdruck tiefer inniger Gefühle unmöglich oder unplausibel wirkt. Wenn der Pastor trotz seines christlichen Glaubens das erste Mal in seinem Leben lügt, um seinen einzigen überlebenden Sohn vor den Deutschen zu retten, so geht dies wirklich zu Herzen und wirkt nicht nebensächlich oder aufgesetzt.

_Die Sprecher_

Anne Moll spricht die Passagen von Hermia und Peter Flemming, Schepmann die Passagen, in denen Harald Olufsen und Karen Duchwitz im Mittelpunkt stehen. Beide Sprecher machen ihre Arbeit hervorragend. Besonders zeigt sich dies in der korrekten Aussprache der dänischen Eigennamen. So wird aus „Hansen“ ein gesprochenes „hensen“, aus „Peter“ ein „peddar“ und aus „Amalienborg“ ein „amalienbor“ (sic!). Lediglich die Städtenamen bleiben eingedeutscht, so etwa Kopenhagen (statt „Kobnhavn“). Interessant wirkt auch die Änderung der Tonhöhe, wenn der jeweilige Sprecher einer Figur des jeweils anderen Geschlechts die Stimme leihen muss. Da klingt Anna Moll beim Sprechen von Pastor Olufsen durchaus mal wie ein alter Preuße – da kommt die Stimme „aus dem Keller“.

_Unterm Strich_

Wie schon „Die Nadel“ und „Die Leopardin“ ist „Mitternachtsfalken“, der Name einer dänischen Widerstandsorganisation, ein spannendes Agenten- und Kriegsabenteuer, das jeden Leser, der etwas für diese Zeit übrig hat, mitreißen wird. Ich habe versucht, nach drei CDs eine Pause einzulegen, musste aber feststellen, dass eine Pause unmöglich war: Die Story ist viel zu spannend dafür. Man will einfach wissen, wie sie ausgeht. Ein deutliches Zeichen, dass dies ein gut geschriebenes Buch ist – hier stimmen auch die kleinen, scheinbar unwichtigen Details, die aber die Glaubwürdigkeit der Story perfekt machen. Und einige der geschilderten Ereignisse haben sich laut Autor wirklich zugetragen. So wird hier beispielsweise eine Erklärung für die englischen „Bomberströme“ geliefert: Sie hängen eng mit „Freya“, dem deutschen Radar, zusammen.

Das Hörbuch ist noch spannender als das Buch selbst, weil es mehr Wert auf den Fortgang der zentralen Handlung legt. Die Sprecher sind kompetent, besonders in der Aussprache dänischer Eigennamen. Ein Vergleich mit der Schreibweise im Buch führt zu einigen Überraschungen.

Umfang: 390 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Stephen Baxter – Evolution

Über mehr als eine halbe Milliarde Jahre spannt sich der Bogen dieses Romans, der den langen Weg der Menschwerdung beschreibt, um schließlich mit dem Ende der Menschheit und sogar allen Lebens zu schließen; in seinen ersten beiden Dritteln ein Quasi-Sachbuch mit erzählerischen Elementen, das mit dem Sprung in die nahe und besonders in die ferne Zukunft den Charakter einer Vision gewinnt. Ob 1000 Seiten erforderlich sind, eine im Grunde aus Episoden montierte Geschichte zu erzählen, ist ein diskussionswürdiger Punkt. Zwar nicht „das große Meisterwerk der Science Fiction“ (Klappentext), aber definitiv ein lesenswertes Buch! Stephen Baxter – Evolution weiterlesen

Follett, Ken – zweite Gedächtnis, Das

In den Pioniertagen der amerikanischen Weltraumfahrt sucht ein Raketenwissenschaftler sein verlorenes Gedächtnis. Welche seiner Kenntnisse war so wichtig, dass man ihm die Vergangenheit raubte, um ihn zum Schweigen zu bringen?

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein aktueller Roman ist 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Der Sprecher _

Der Synchronsprecher Frank Glaubrecht ist die deutsche Stimme von so bekannten Schauspielern wie Al Pacino, Richard Gere oder Jeremy Irons.
Er liest eine gekürzte Romanfassung mit seiner bekannten markanten Stimme. Den Kürzungen fielen die technischen Beschreibungen der Rakete zum Opfer, doch um diese ist es wahrlich nicht schade. Sie würden den Fluss der Handlung erheblich hemmen.

_Handlung_

Ende Januar 1958 am Cape Canaveral: Die Amerikaner möchten endlich ihre erste Sonde in die Erdumlaufbahn schießen. Sie sind stinkesauer, dass ihnen die Russen mit Sputnik und Sputnik 2 (mit einem Hund an Bord) zuvorgekommen sind. Nachdem ihre erste Satellitenrakete kurz nach dem Start explodiert ist, hängt nun alles von „Explorer“ ab. Wenn dieser erneute Versuch wie schon die vorigen scheitert, dann wird die Eroberung des Weltraums eine Sache der verhassten Kommunisten aus Russland sein. Allein schon die Vorstellung macht Eisenhower krank.

Denn wenn die Sowjetunion die besseren Wissenschaftler zu haben scheint, dann ist wohl auch ihr konkurrierendes Gesellschaftssystem dem des kapitalistischen Westens vorzuziehen – das zumindest dürften sich die Staaten der 3. Welt denken. Schon ist Ägypten 1956 unter Oberst Nasser zum Feind übergelaufen, und in Indochina haben die Franzosen 1954 eine schwere Niederlage gegen das künftige Nordvietnam hinnehmen müssen (daraus entsteht der Vietnamkrieg). Dieser Raketenstart muss also klappen – die Augen der Welt sind auf Cape Canaveral gerichtet.

Im Washingtoner Bahnhof der Union Station kommt der Raketenwissenschaftler Dr. Claude Lucas, genannt „Luke“, zu sich – und kann sich zu seinem Schrecken an nichts aus seiner Biografie erinnern: Er weiß nicht, wer er ist, ob er verheiratet ist, wo sein Zuhause ist.

In seinen Pennerklamotten fällt es ihm schwer, sich das Vertrauen der Passanten zu erwerben, um etwas über sich herauszufinden. Nur ein Kumpel, der sich Pete nennt, hilft ihm ein wenig weiter. Er ahnt nicht, dass „Pete“ für die CIA arbeitet.

Erst bei einer Armenspeisung in einer Kirche merkt Luke, wie gebildet er ist: Er löst ein Kreuzworträtsel im Handumdrehen. Wenig später merkt er, dass er von mehreren Männern beschattet wird. ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel folgt, in dem Luke merkt, dass er über die Ausbildung eines Polizisten, wenn nicht sogar eines Agenten verfügt. Er entkommt seinen Beschattern und sucht in der Hauptstadt Hinweise auf sich selbst. Er findet heraus, dass sein Gedächtnis partiell gelöscht wurde – offensichtlich mit voller Absicht.

17 Jahre zuvor, im Dezember 1941, am Harvard College in Boston, Neuengland. Luke lernt an der Uni die rothaarige Schönheit Elspeth kennen und mag sie einigermaßen. Doch dieses Gefühl ist nichts im Vergleich zu der Leidenschaft, die die temperamentvolle Billie Josephson in ihm auslöst. Eigentlich ist sie ja die Freundin von Anthony Carroll, doch der wurde mit ihr gesehen. So streng sind die Sitten bei der Geschlechtertrennung anno 1941, dass Anthony der Verweis von der Uni droht.

Wenn Luke sich nicht geopfert hätte, um Billie zu Verwandten zu fahren, wäre auch sie in die Bredouille gekommen. So aber geht alles noch glimpflich ab: Luke, der Ehrenmann zwischen zwei Frauen. In der Folge verliebt sich Luke in Billie, allerdings auf Kosten seiner gesellschaftlichen Anerkennung: Als Jüdin wird Billie eine Karriere in den USA verwehrt. Um seinerseits einem Uni-Verweis zu entgehen, meldet sich Luke sofort freiwillig zur Armee, um gegen die Japaner zu kämpfen, die gerade Pearl Harbour überfallen haben.

Während die Haupthandlung fortschreitet und Luke immer mehr von seinem Leben entdeckt, erfolgen mehrere Rückblenden, die die Weiterentwicklung der Hauptfiguren von 1941 über 1943 bis 1954 zeigen: Luke, Elspeth, Anthony, Billie und Billies Ex-Mann Bern Rothstein. Am Tag nach Pearl Harbor meldet sich Luke, wie gesagt, zur Armee. Auch drei der anderen treten den Streitkräften bei, allerdings im Geheimdienst. Einzige Ausnahme ist Bern, der zunächst als regulärer Soldat kämpft und danach als Journalist arbeitet. Als Drehbuchautor in Hollywood setzt ihn Senator McCarthy auf die Schwarze Liste. Bern muss sich als Kinderbuchautor durchschlagen.

Auf seiner Selbstentdeckungstour durch Washington, Alabama und Florida begegnet Luke sämtlichen Freunden von früher, doch allmählich geht ihm auf, dass unter ihnen ein Verräter sein muss, der den Start der „Explorer“ verhindern will. Und dieser Doppelagent hat wohl auch sein biografisches Gedächtnis gelöscht. Aber wo steht denn geschrieben, dass es nur einen Verräter geben muss?

_Mein Eindruck_

„Das zweite Gedächtnis“ ist ein kunstvoll konstruierter Unterhaltungsroman: ein spannender Agententhriller, der die psychologische und berufliche Entwicklung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration nachzeichnet.

Ich kann mir das Hörbuch sehr gut als historischen Thriller à la „Das Haus in der Carroll Street“ vorstellen, in dem aufgedeckt wird, wie deutsche Wissenschaftler das Raketenprogramm der Amerikaner erst ermöglichten – jedoch auf Kosten der unterdrückten Sühne für ihre Verbrechen. Auch in Folletts Roman tauchen eine Reihe von Wissenschaftlern mit deutschen Namen (v.a. in Huntsville/Alabama) auf, aber mehr noch amerikanische Ingenieure und CIA-Angehörige.

Alle Figuren in Folletts Roman haben in ihrem Leben Fehler gemacht, die meisten sogar einen oder mehrere Menschen getötet: beim US-Geheimdienst, in der französischen Résistance, an der Front. Es sind Erwachsene mit einer belasteten Vergangenheit und entsprechend vielen Selbstzweifeln. Die einzigen, die nicht in einem Netz von Lügen leben, scheinen Luke – und dessen Gedächtnis wird gelöscht – und Bern zu sein, dessen Karriere von der CIA zerstört wurde und der sich nun als Kinderbuchautor durchschlägt.

Doch auch Luke muss erfahren, dass er mehrmals hintergangen wurde: zuerst von der geliebten Billie (die sein Kind abtreiben ließ), dann auch noch von seiner Ehefrau (die sich sterilisieren ließ) und sogar von seinem vermeintlichen besten Freund, Anthony Caroll, der bei der CIA arbeitet.

Obwohl ich das Hörbuch sehr schnell angehört habe, so vermisste ich doch hin und wieder eine tiefergehende Betrachtung von Situationen und Personen, auch eingehendere Beschreibungen des Umfelds und der Zeit – das wird weitgehend als bekannt vorausgesetzt. Gut möglich, dass dann aber so Riesenwerke wie „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon oder Neal Stephensons „Cryptonomicon“ entstanden wäre. Auch in diesen zwei Romanen wird der Zweite Weltkrieg als entscheidende Generationerfahrung geschildert.

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht legt eine sehr dynamische Lesung hin. Seine tiefe Stimme vermittelt den Ernst der Lage, in der sich nicht nur Luke, sondern das gesamte US-Raketenprogramm befinden. Die Zeit drängt: Die ganze Handlung passiert binnen 48 Stunden und geschlafen wird nur ein paar wenige Stündchen. Die Stimme des Sprechers kommt aber nicht nur den Männern zugute, die fast allesamt Agenten oder Militärs sind, sondern auch den Frauen: Elspeth ist ebenfalls Agentin und spielt im gleichen Spiel wie die Männer mit. Nur Billie, die Neurologieforscherin, fällt ein klein wenig aus dem Rahmen, aber auch sie hat an der Klinik einen harten Kampf auszufechten und steht Luke zur Seite.

Die Fehler, die auch sehr guten deutschen Sprechern unterlaufen können, halten sich bei Glaubrecht sehr in Grenzen. Er spricht beispielsweise das englische Wort „strategic“ falsch aus, mit einem „e:“ statt einem langen „i:“ in der Mitte.

_Unterm Strich_

„Das zweite Gedächtnis“ ist in der gekürzten Hörbuch-Fassung noch spannender als in der Buchform. Natürlich bleibt die Haupthandlung (es gibt noch einen kurzen Epilog) auch hier bis zur allerletzten Sekunde extrem spannend. Aber der Handlungsverlauf selbst wird noch klarer herausgearbeitet, so dass man ihm mühelos folgen kann. Selbst wenn die Schilderung einer Verfolgungsjagd in einem Hotel etwas räumliches Vorstellungsvermögen verlangt, so bleibt dies einer der wenigen anstrengenden Momente beim Zuhören. (Wer’s nicht sofort kapiert, kann ja zurück-„spulen“.) Ansonsten kann man sich zurücklehnen, angespannt vorbeugen oder was auch immer – nur: Weghören, das geht leider gar nicht.

In seiner ruhigen, sehr kompetent lesenden Art hat Frank Glaubrecht den Text jederzeit im Griff. Mit 99,99 Prozent aller englischen Wörter – und der deutschen sowieso – hat er keinerlei Problem. Der Rest ist vernachlässigbar und fällt nur sehr geübten Englischsprechern auf.

_Der günstige Preis_ (ist nicht selbstverständlich)

Das Hörbuch „Das zweite Gedächtnis“ ist eines der ersten, das vom Verlag zu einem herabgesetzten Preis von rund 15 Euro angeboten wurde und nun sogar für lediglich 12 Euro erhältlich ist. Üblich sind leider immer noch Preise zwischen 22 und 30 Euro für Mehrfach-CD-Hörbücher. Aber je beliebter Hörbücher selbst werden und je mehr Menschen das Prinzip ihrer Ästhetik verstehen und belohnen, desto mehr Exemplare werden gekauft, was wiederum das Senken der Preise erlaubt.

Tolkien-Hörbücher wie „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ sind nun schon ab 15 bis 20 Euro zu bekommen (neu, wohlgemerkt). Der Hörverlag gibt die Verkaufserfolge und hohen Stückzahlen an den Verbraucher weiter. Dieses Beispiel sollte Schule machen, etwa bei Ullstein und Bertelsmann.

Umfang: 348 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Bionda, Alisha (Hg.) / Borlik, Michael (Hg.) – Wellensang

Mit der Anthologie „Wellensang“ haben Alisha Bionda und Michael Borlik eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammengetragen, die „nicht im Einheitsbrei der Masse untergehen sollte“.

Die Anthologie umfasst achtzehn Geschichten mit einem breit gefächerten Spektrum in der Thematik, es reicht von alten Kulturen über Märchen und Futuristisches bis zu typischen Fantasy-Motiven wie Zwergen und Drachen.
So erzählt „Das Lied der Krähe“ von einer geraubten und zur Ehe gezwungenen keltischen Fürstentochter, die grausame Rache an ihrem Entführer nimmt, die „Welt zwischen den Zeilen“ von einem Mädchen, das einen Weg aus seiner kalten und technisierten Welt sucht, „Wenn die Eiswölfe singen“ vom Kampf einer unvollständig ausgebildeten Hexe gegen die Eroberer ihrer Heimat, und „Dämonenbrut“ von einem Drachen, dessen Brut sich vom Angstschweiß der Menschen ernährt.
Einige Geschichten verknüpfen unsere alltägliche Welt mit einer Fantasiewelt, wie zum Beispiel „Mohnblumenkönigin“, andere spielen ganz in unserer, wie „Haus ohne Schlüssel“, oder ganz in einer Fantasy-Welt, wie „Heimkehr nach Kalipay“. Manche lassen uns schmunzeln, wie „La Belle et la Bête“, oder gruseln, wie „Zwischen 9 und 9“.

Zu den Schmunzel-Geschichten gehört „Die Tränen des blauen Gottes“. Zwei Gauner versuchen den Coup ihres Lebens: Sie wollen den Tempel des blauen Gottes berauben. Gläubige bringen dem Gott kostbare Opfer dar, Gold und Silberschmuck, mit Perlen und Juwelen verziert, um dafür mit seinen Tränen beschenkt zu werden, faustgroßen blauen Edelsteinen. Der kleinere der beiden Gauner hat ausgekundschaftet, dass diese Edelsteine keine echten Tränen sind, sondern von den Priestern durch die löchrigen Augenhöhlen der Götterstatue hindurchgereicht werden. Tatsächlich gelingt es den beiden, sich Edelsteine aus dem Tempel zu beschaffen….
Die Geschichte ist leicht und amüsant erzählt, trotz der Erzählkürze sind die beiden Gauner gut getroffen, auch wenn das Duo „klein und schlau“ gemeinsam mit „groß und eher langsam“ nicht ganz neu ist. Leider geht die eigentliche Ironie der Erzählung etwas verloren, weil das Ende zu früh absehbar ist, deshalb gehört diese Geschichte auch nicht zu den besten des Buches.

„Zolineks Geschichte“ ist eigentlich Erikas Geschichte, aber Zolinek ist derjenige, der sie erzählt. Zolinek ist ein Zwerg, der mit seiner Frau, einer Koboldin, als Kräuterverkäufer durchs Land zieht. Die beiden fanden Erika im Wald und päppelten das arme Wesen wieder auf. Erika fängt an, ihnen zu vertrauen, und erzählt ihnen, dass der für seine Grausamkeit berüchtigte Graf Sulak ihre ganze Familie ermorden ließ. Jetzt ist er hinter Erika her. Erika aber will nicht davonlaufen, sondern sich rächen, und macht sich auf die Suche nach jemandem, der ihr den Weg zu einem besonderen Berg zeigen kann. Dort wohnt ein Geist, den sie um Hilfe bitten will. Doch die Suche zieht sich in die Länge, und die Häscher kommen näher….
Was diese Erzählung auszeichnet, ist weniger die Handlung an sich als die liebevolle Erzählweise, in der die Geschichte vorgetragen wird. Zolinek erzählt mal drollig, mal ernst, und man kann beinahe die Kummerfalten auf seiner Stirn sehen, wenn er zum Ende kommt. Der Zwerg wird durch seine Worte richtig lebendig, was unter anderem daran liegt, dass er ebenso viel von sich und seiner Frau wie von Erika erzählt. Dieser Teil der Geschichte ist der interessantere, denn im Gegensatz zu der Handlung um Erika, die im Grunde nicht viel hergibt, sind die Beschreibungen des kuriosen Paares und seines Planwagens samt Mitbewohner einfallsreich und gelungen.

Zu meinen eindeutigen Favoriten gehört „Das Orakel“. Die junge Priesterin der Pinks, vogelähnlicher Wesen, sucht in jeder Vollmondnacht die Höhle ihres Gottes auf. In diesen Nächten öffnet sich die Tür zum Orakel, das vorhersagt, was in dieser Nacht geschehen wird. Denn in den Vollmondnächten passieren seit mehreren Mondzyklen jedes Mal irgendwelche Katastrophen…
Edgar Halverfeld wird seit mehreren Monaten von Albträumen geplagt, immer in den Vollmondnächten, und die ganze Nacht hindurch immer wieder. Alle Versuche wachzubleiben, sind gescheitert, schlag Zwölf schläft er ein und träumt jedesmal von entsetzlichen Katastrophen….
Hier lebt die ganze Geschichte voll von den beiden parallelen Handlungen, wobei der Teil um Edgar der kleinere ist. Die fremde Welt der Pinks ist nur knapp skizziert, gerade ausreichend, damit der Leser versteht, worum es geht, und doch fließen hier und da ein paar im Grunde völlig nebensächliche Details ein, mit der frappierenden Wirkung, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ganz genau zu wissen. Tatsächliche Antworten erhält man aber kaum. Nur eine kurze Erklärung wird geliefert, warum die Welt der Pinks und die Edgars auf einmal durch eine Tür miteinander verbunden sind. Andere Fragen wie die nach dem Grund für Edgars Albträume und Ahnliches bleiben unbeantwortet. Die Geschichte erhält dadurch etwas Rätselhaftes. Gute Idee gut umgesetzt.

„Von Zähnen, Sternen und Feen“ hat zunächst überhaupt nichts Fantastisches an sich. Jeff verschluckt sich beim Frühstück an einem ausgebissenen Zahn. Sein letzter Milchzahn. Aber die Bemerkung seines Vaters über die Zahnfee bringt ein Fass zum überlaufen und es gibt Zoff. Was das Fass gefüllt hat, erfährt man allmählich, während Jeff die Schule schwänzt. Als er endlich abends im Bett liegt, erlebt er eine Überraschung.
Jeff hat offenbar nicht unbedingt das beste Zuhause, aber im Großen und Ganzen klingt das alles eigentlich ziemlich banal und alltäglich. Wenn da nicht das seltsame Verhalten von Jeffs Mutter wäre. Jeff grübelt darüber nach, ob sie wirklich trinkt, wie ein Klassenkamerad behauptet hat. Richtig gruselig wird es erst, als die Zahnfee auftaucht, und der Leser grübelt hinterher über etwas ganz Anderes nach: „War sie’s oder war sie’s nicht?“

Auch die Hauptfigur in „Die gläserne Stadt“ ist ein amerikanischer Durchschnittsjunge, und er läuft vor etwas davon, stürzt aber im Nebel und landet an einem unbekannten Ort. Er befindet sich an einem stillen, dunklen Fluss, und jenseits schimmert Licht. Dann taucht eine Gestalt auf, die eine Maske trägt. Sie ist gekommen, um Martin etwas zu zeigen, etwas jenseits des Flusses…
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit mit einer Traumsequenz, ist aber nicht wirr und auch nicht beängstigend. Sie spiegelt eine Art Suche wieder, ein Verarbeiten von Verlust, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch hier bleiben Fragen offen, zum Beispiel, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Maskierten handelt, aber die Botschaft ist eindeutig tröstlich.

Eine wirklich traurige Geschichte dagegen ist ein weiterer meiner Favoriten: „Heimkehr nach Kalipay“. Kalipay ist ein wunderbarer Ort, fast ein Paradies. Doch die Jungen werden mit zwölf Jahren aus Kalipay fortgeschickt, um in einer wüsten Ödnis nach seltenen Steinen zu graben. Für die Steine erhalten sie Punkte, und nur mit genügend Punkten dürfen sie nach Hause zurückkehren. Siebenundzwanzig Jahre schuftet Gashiah schon, und ist trotzdem noch unendlich weit vom Ziel entfernt. Nur weil er bereit ist, sich in tödliche Gefahr zu begeben, kann er schließlich seine Heimat wieder betreten. Doch das Paradies währt nur kurz…
Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Gashiah am Ende zufrieden ist so wie es ist, und das trotz all der Jahre des Schuftens und der Sehnsucht. Dieses Akzeptieren ohne jede Bitterkeit verleiht der Geschichte einen Hauch wehmütiger Melancholie und ihrem Helden innere Größe.

Auch wenn die angesprochenen Erzählungen nur ein Drittel des Buches ausmachen, dürfte die Vielfalt und Besonderheit der Sammlung deutlich geworden sein, und man darf den Herausgebern bescheinigen, dass sich diese Anthologie in der Tat von der Masse abhebt: Keine Abenteuerfahrten, kein Held, der als einziger die Welt retten kann, keine Schlachten, keine großen Zauberer. Alle Geschichten zeichnen sich durch ein begrenztes Umfeld aus, das sich mehr oder weniger stark auf die Hauptperson konzentriert. Es sind kleine Welten, die hier dargestellt sind, und kleine Geschehnisse, auch wenn sie große Folgen nach sich ziehen.
Der Grund dafür liegt sicher auch in der Erzählform der Kurzgeschichte. Im Vordergrund steht das Geschehen an sich, Landschaftsbeschreibungen oder detaillierte Charakterdarstellungen fehlen. Für epische Breite ist kein Platz. Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, sie neigen zur Unvollständigkeit, fangen mittendrin an und hören auch mehr oder weniger mittendrin auf. Im Gegensatz zum Roman, wo man ungeklärte Fragen als Manko empfindet, gehört dies hier durchaus dazu. Eine Kurzgeschichte macht sich nicht die Mühe zu erklären, sondern verlangt, dass der Leser selbst nach einer Erklärung sucht, Lücken ausfüllt, sich vielleicht ein eigenes Ende oder eine eigene Vorgeschichte ersinnt.
Das unterscheidet diese Anthologie auch von anderen wie zum Beispiel der Diebeswelt, die Robert Asprin ins Leben rief. Dort wurde eine gemeinsame Welt erschaffen, in der die Geschichten aller Autoren spielen, und die Geschichten wurden mehrfach fortgesetzt, wodurch die Diebeswelt schon wieder epische Ausmaße annimmt. In „Wellensang“ steht jede Geschichte und jede Welt für sich allein, und es gibt auch zu keiner eine Fortsetzung, sodass der Charakter der Kurzgeschichte erhalten geblieben ist. Dadurch kann man das Buch nicht einfach von vorne nach hinten durchlesen. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Geschichten Pausen einzulegen und das Gelesene nachwirken zu lassen.

Ich fand die Sammlung äußerst bemerkenswert. Im Allgemeinen liegen mir Kurzgeschichten nicht so sehr, ich ziehe Geschichten, die sich über längere Zeit entwickeln, den Anthologien vor. Diese war jedoch eine angenehme Abwechslung, sowohl in sich selbst als auch im Vergleich zu anderen Werken. Auch wenn ich vereinzelt Assoziationen zu bekannten Werken hatte, wie in „Das Lied der Krähe“ und „Zwischen 9 und 9“, ist der Großteil der Geschichten erfrischend unverbraucht und außergewöhnlich.
Bemerkenswert finde ich aber nicht nur die Geschichten, sondern auch die Illustrationen jeweils am Beginn der einzelnen Geschichten. Mal romantisch, mal als Karrikatur, geben sie wesentliche Teile der Geschichte wieder und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild der Anthologie ein. Sehr gelungen.
Ebenfalls lobend erwähnen möchte ich das ausgezeichnete Lektorat des Buches, was leider immer weniger selbstverständlich wird.

„Wellensang“ trägt den Untertitel „Fantasy-Welten“.
Zu meiner Schulzeit unterschied man noch zwischen Fantastischer Literatur und Fantasy, wobei Fantasy als trivial galt und deshalb das Schmuddelkind war, das man bestenfalls nachsichtig belächelte. Literatur dagegen war, grob vereinfacht gesagt, interpretierbar.
„Wellensang“ zeigt, dass diese strenge Grenze offenbar durchlässig geworden ist. Viele der darin enthaltenen Geschichten zeigen deutliche Spuren fantastischer Literatur. Im Gegenzug hat der Begriff „Fantasy“ seinen abwertenden Beigeschmack verloren.
Stephanie Bense hat sich im letzten Kapitel des Buches die Mühe gemacht und versucht, den Bergen von Genres und Subgenres ein gewisses Maß an Ordnung und Erklärung zu geben. Es ist ihr gut gelungen, ich gestehe aber, dass es für mich persönlich nicht so wichtig ist, zu welchem Genre oder Subgenre eine Geschichte gehört. Wichtig ist, dass das Thema mich anspricht und die Geschichte gut erzählt ist. Von „Wellensang“ kann ich das fast ausnahmslos behaupten. Die Erzählungen kommen aus vielen verschiedenen Ecken, sodass für jede Vorliebe etwas Passendes dabei sein dürfte, und sie sind flüssig und gut erzählt. Was man jedoch vergeblich sucht, ist Action. Auch wer es gern monumental mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

Sowohl Alisha Bionda als auch Michael Borlik haben bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und auch bei diversen Anthologien mitgewirkt. Von Alisha Bionda ist der Fantasyroman „Regenbogen-Welt“ in Vorbereitung. Michael Borlik schreibt außerdem an seinem zweiten Roman. Zu beiden sowie auch zu den Autoren der einzelnen Geschichten und dem Illustrator findet man im Anhang des Buches eine Art Ministeckbrief.

http://www.alisha-bionda.de
http://www.borlik.de

Sardou, Romain – dreizehnte Dorf, Das

Im Januar des Jahres 1284 verschlägt es den jungen Priester Henno Gui nach Südfrankreich und dort in das Dörflein Domines. Es gehört zur winzigen und völlig unbedeutenden Diözese Draguan, die außerhalb dieses abgelegenen Landstrichs kaum jemand kennt. Beschaulich geht es hier normalerweise zu, doch in diesen Tagen herrscht große Aufregung: Kurz vor Guis Ankunft wurde der alte Bischof Haquin von einem Unbekannten brutal ermordet.

Die abergläubischen Dorfbewohner sehen sofort einen Zusammenhang mit unheimlichen Vorkommnissen im Vorjahr. Da hatte der Fluss Montayon die Leichenteile eines Herzogs und seiner beiden Söhne angespült. Sie hatten sich im dichten Wald verirrt und waren dort ihren Mördern in die Arme gelaufen. Haquin hatte damals flussaufwärts Nachforschungen anstellen lassen. Dabei war zwar nicht der Täter, aber etwas viel Seltsameres entdeckt worden: Heurteloup, das unbekannte dreizehnte Dorf der Diözese, tief verborgen in Wald und Sümpfen, seit 1233 ohne jeden Kontakt zur Außenwelt.

Menschen ohne geistige Führung (und Kontrolle)? Das kann die Kirche nicht dulden! Haquin wollte Gui als „Missionar“ nach Heurteloup schicken. Dieser übernimmt den Auftrag und macht sich mit seinem Schüler Floris de Meung und dem Riesen Mardi-Gras auf in die feindliche Wildnis …

Derweil bringt Haquins Vikar Chuquet die Leiche seines ermordeten Herrn nach Paris. Er nutzt die Gelegenheit, um eigene Nachforschungen anzustellen. Haquin war ein Mann scheinbar ohne Vergangenheit, aber von großem Wissen, der keineswegs in ein Nest wie Domines gehörte. Tatsächlich kommt Chuquet in Paris eigentümlichen Vertuschungen auf die Spur. Offenbar war Haquin in eine alte Verschwörung des „Konvents von Armaggedon“ verwickelt, die mächtige Kirchenmänner aus ganz Europa einschließt und ihr Zentrum womöglich am Hofe des Papstes in Rom hat. Aus Chuquets Suche nach der Wahrheit wird bald eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber unerbittlichen Feinden …

In Rom bittet der Ritter Enguerran du Grand-Celier, Held diverser Kreuzzüge, im Papst- Palast, dem Lateran, Artemidore, den Kanzler Martins IV., demütig um das Leben seines Sohnes. Aymard hatte seinen Adelsstand ausgenutzt, um mit verderbten Freunden den „Orden der Frommen Brüder“ zu gründen. Dieser diente als Kulisse für einen Kreis blasphemischer Teufelsanbeter, die zudem hohe Stiftungsgeldsummen veruntreuten. Eigentlich müsste Aymard vor Gericht gestellt werden, aber sogar der Papst fürchtet den Skandal. So wird Aymard der geheimen Gemeinschaft von Albert le Grand überstellt und dort zu einem robotergleichen Gotteskrieger dressiert, der für den Konvent in Heurteloup diverse Drecksarbeiten erledigen soll …

Wüste Verschwörungen in ferner Vergangenheit, die ihren Weg niemals in die Geschichtsbücher gefunden haben, sind eindeutig „in“, wie der Blick auf die Bestsellerlisten zeigt. Das gilt besonders, wenn das geheimnisvolle Geschehen sich auf den Vatikan konzentriert: Die katholische Kirche, der älteste Konzern der Welt, ist nicht für seine Offenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte bekannt. Dafür gibt es gute Gründe, haben sich doch die Päpste im angeblichen Namen des Herrn seit jeher diverser und recht monumentaler Verbrechen schuldig gemacht, die dann mehr schlecht als recht, aber unter Einsatz von Gewalt und Drohungen vertuscht werden sollten.

Wo man nichts Genaues weiß, lässt sich herrlich spekulieren. Zwei Jahrtausende Geschichte bieten mehr als genug Nischen dafür, zumal die Kirche immer noch Züge einer Geheimgesellschaft aufweist. Im Mittelalter war sie sogar eine reale politische Macht, die durchaus Interesse an der Weltherrschaft zeigte – selbstverständlich wiederum nur im Dienst der göttlichen Sache …

Im 13. Jahrhundert wogt der Kampf zwischen Kirche und Welt mächtig hin und her. Auch innerhalb der Kirche gibt es reichlich Ränke und Intrigen. Die zunehmende Verweltlichung, die Korruption lässt konservative Kleriker an der Kirche zweifeln. Immer wieder spalten sich Gruppen ab, die teils misstrauisch beobachtet, wie die Bettelorden, teils als „Ketzer“ verfolgt werden, wenn sie sich nicht Rom unterwerfen wollen. Ihre Zahl ist so groß geworden, dass der Stuhl des Papstes durchaus wackelt. Deshalb ist die „offizielle“ Kirche nervös und schlägt hart zu, wo sie ihre Privilegien in Gefahr sieht.

Eine verheißungsvolle Kulisse für einen historischen Roman; sie wird nicht zum ersten Mal genutzt. Weil ihm die Realität als Schablone nicht ausreichend erscheint, greift Autor Romain Sardou außerdem auf Elemente des Mystery- und Horrorthrillers zurück. „Akte X“ selig ist Kinderkram gegen die x-fach verwuselte Story vom Komplott um die Macht auf dem europäischen Kontinent.

Kinderkram ist leider auch die Lösung, die sich der Verfasser für seinen vielen Haupt- und Nebenplots einfallen ließ. Sie sollen an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden, aber eine Warnung sei gestattet: Die sorgfältig aufgebaute und kunstvoll geschürte Spannung fällt im Finale zusammen und wird sogar von Enttäuschung abgelöst. S o dämlich waren auch die Menschen des Mittelalters nicht, wie Sardou es ihnen hier unterstellt!

Nicht die Unwahrscheinlichkeit des Geschehens irritiert dabei – dies ist schließlich ein Unterhaltungsroman, kein Sachbuch. Es genügt, wenn die historischen Fakten nicht gar zu sehr vernachlässigt werden, was man dem Verfasser nicht vorwerfen kann: Er hat seine Geschichte geschickt in diverse Lücken platziert oder bedient sich interpretationsfähiger Episoden der Vergangenheit. Nein, es ist die schiere Unlogik, mit der sich der Handlungsknoten schürzen soll. Alle Stränge, die bisher weitgehend selbstständig liefen, sollen sich in Heurteloup treffen, doch das will einfach nicht klappen. Da verwundert es überhaupt nicht, dass am Ende ein gigantisches Gemetzel steht, das praktisch keine Hauptfigur mehr überleben lässt. Sardou fand wohl keine andere Möglichkeit mehr, seine Geschichte zum Abschluss zu bringen.

Bis sich die Ernüchterung einstellt, bietet „Das dreizehnte Dorf“ freilich die angestrebte Unterhaltung. Der nüchterne Stil, die kurzen Sätze fördern den Eindruck, eine reale historische Episode zu verfolgen. Die zeitgenössischen Impressionen aus Paris oder Rom fallen auffällig zurückhaltend aus; der Verfasser ergeht sich nicht in Details, sondern ordnet den Orte stets seiner Handlung unter, zeigt sogar die großen Städte der Vergangenheit aus der Sicht seiner gehetzten, an Wichtigeres denkenden Figuren.

Sucht man für „Das dreizehnte Dorf“ nach einer Schublade (oder einem Vorbild?), könnte man die Geschichte übrigens mit dem (ebenfalls französischen) Erfolg „Le pacte des loups“ (dt. „Der Pakt der Wölfe“) vergleichen; die winterkalte Stimmung, die Atmosphäre des Unheimlichen prägt vor allem den gleichnamigen Film.

Groß ist die Zahl der Figuren, die Sardou Abenteuer erleben lässt. Es verwirrt zunächst, dass sich diese höchstens zufällig über den Weg laufen, aber ansonsten isoliert agieren. Der ständige Wechsel der Schauplätze ist Stilmittel, er ist zudem wichtig, denn Aktion muss vor allem im zweiten und dritten Teil Tiefe und erzählerische Dimension ersetzen.

Im Zentrum des Geschehens stehen „gute“ und „böse“ Kirchenmänner. Die Fronten sind klar, sie wurden vor allem in der Gegenwart gesteckt: „Gut“ sind Männer wie Henno Gui oder Chuquet, die sich den alten Idealen der Kirche und den Menschen verpflichtet fühlen. Auf der Gegenseite stehen die Mitglieder des „Konvents“, die vor allem die Macht lieben und zu allen Schandtaten bereit sind, um der Sache der Kirche, wie sie diese interpretieren, und natürlich dem eigenen Vorteil zu dienen.

Leider fällt Sardou wenig Neues ein. Er zeichnet uns Pfaffenbilder, die wir schon kennen. Höchstens Chuquet macht einen Wandel durch, entwickelt sich vom kritiklosen Jasager zum Kämpfer für das Recht. Der Papst ist dieses Mal nicht der Böse, sondern eher der Dumme. Den Rest der Welt vermittelt uns der Verfasser als Spielball der Kirche. Dass dem in der Realität längst nicht so war und sich die Könige, Herzöge oder Grafen ihrer Haut schon zu wehren wussten, deutet er zwar an, negiert es freilich um der Story willen. Er müsste sonst beispielsweise auf den schwachsinnigen Einfall verzichten, sich den Konvent die Heerstraße nach Heurteloup quasi erkaufen zu lassen.

Die Bewohner des „dreizehnten Dorfes“ stellen nach dem Willen Sardous Ratten in einem Versuchslabor dar. Als solche mimen sie als moderne Wilde die üblichen Bewohner einer vergessenen Welt. Sie können niemals Profil gewinnen, bleiben exotische Statisten, deren Schicksal kalt lässt. Der Verfasser muss zu viele Bälle gleichzeitig jonglieren. Nur selten bleibt ihm die Zeit, konturstarke Protagonisten für sein Spiel zu schnitzen.

Er verzettelt sich gern, manchmal witzig (Bischof Haquin blättert im „Necronomicon“, dem fiktiven Buch des absoluten Bösen, das Phantastik-Klassiker H. P. Lovecraft erfand), dann verwirrend (Elfen treten als Gaststars auf), manchmal sogar ärgerlich (Irgendwo in Asien hat der „Konvent“ – wahrscheinlich durch Vermittlung Quentin Tarantinos – einen weisen Chinamann angeheuert, der die geheime Kunst der fernöstlichen Gehirnwäsche beherrscht). „Das dreizehnte Dorf“ ist ein wenig zu sichtbar auf den Effekt hin inszeniert.

Es bleibt ein historischer Roman, der mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde (s. u.), die er so nicht verdient – ein interessanter Bucherstling, der stark beginnt, aber im wichtigen Schlussteil arge Schwächen an den Tag legt, lesenwert, aber auch enttäuschend: ein Retorten-Bestseller halt.

Romain Sardou (geb. 1974) trägt einen wahrlich großen Namen: Sein Vater ist der Chansonier Michel Sardou, was sicherlich recht praktisch war, als es darum ging, für das Manuskript von „Das dreizehnte Dorf“ einen Verlag zu finden und das fertige Werk zu vermarkten.

Für seinen Erstling konnte Sardou jr. auf einschlägige Erfahrungen im modernen Unterhaltungsgewerbe zurückgreifen. Er arbeitete in der (Kinder-)Filmindustrie von Hollywood, wo er offenkundig lernte, ein öffentlichkeitswirksames Garn zu spinnen. Der „Traum vom großen historischen Roman“ (so pompös der Klappentext) trieb ihn zurück nach Paris.

„Groß“ ist „Das dreizehnte Dorf“ tatsächlich geworden – zwar nicht ob seiner literarischen Qualitäten, aber als Produkt: Gleich in zwölf Ländern wurde es mit viel Mediendonner auf den Buchmarkt gebracht und entwickelte sich offenbar planmäßig zum Verkaufsschlager. Über weitere Sardou-Stücke („Le roman du temps“ ist Epos Nr. 2) werden wir sicherlich bereits im Vorfeld ausgiebig informiert …

Barth, Claudia – Über alles in der Welt – Esoterik und Leitkultur

Wir kennen solche kritischen Bücher, wo alles Esoterische als tendenziell faschistisch diffamiert wird, und winken meist müde bis stark verärgert ab. Dieses Buch bildet keine Ausnahme und dennoch ist es anders als die einschlägig bekannten diffamierenden Texte.

Die junge Autorin greift in keinem Satz aggressiv unter der Gürtellinie an, sondern rezipiert im Detail, was man vorfindet, wenn man gut recherchiert. Und sie hat hervorragend recherchiert. {Der Lektor wackelt mit dem Koppe ein Naja, sacht aber nüschte.} Natürlich muss ihrer Grundannahme widersprochen werden, dass Esoterik grundsätzlich entpolitisiere und deswegen kein soziales Engagement mehr beinhalten könne, und natürlich auch, dass alles was an monotheistischer Religionskritik geäußert wird – vor allem jüdisch-christlicher Prägung – deswegen schon faschistisch infiziert sei. Sicher gibt es solche Bezüge – die man aber nicht so überzogen thematisieren und gleichsetzen muss mit menschenverachtenden Ideologien -, die jeder Esoteriker kennen und nicht einfach die Augen verschließen sollte. Claudia Barth liefert dafür die historischen Fakten und Zusammenhänge auf eine durchaus neue und interessante Art, die lesenswert erscheint. Sie steht in der Tradition der antifaschistischen Linken und untersucht Esoterik deswegen auf spezifisch deutsche Ausprägungen. Die Fakten aus der Zeit vor und während des 3. Reiches sollte man einfach kennen und im zweiten Teil vergleicht sie die damaligen Strömungen mit denen unserer heutigen Zeit.

Sie unterliegt dabei auch sehr merkwürdigen Annahmen, indem sie angesehene Wissenschaftler wie Fritjof Capra oder Rupert Sheldrake zu Sozialdarwinisten macht oder sogar einmal mehr das „Zentrum einer experimentellen Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) bei Berlin zu einer „braun“ gefärbten Sekte abstempelt. Letztere Befürchtungen wären ganz einfach auszuräumen, wenn man diese sogenannte Sekte einfach mal besuchen würde und sich anschaut, was da real passiert, anstatt nur in Anschuldigungen nachzulesen.

Einige Kritiken erscheinen zutreffend: Zum Beispiel die Kritik an der hierarchischen Form und dem Geschichtsbild der „systemischen Familientherapie“, wie sie Bert Hellinger betreibt. Auch die Entmystifizierung von Tibet und seinem Buddhismus erscheint notwendig. Nicht, um den tibetischen Buddhismus zu diskreditieren, aber der Mythos eines friedlichen Volkes ist geschichtlich gesehen einfach unrichtig. Solche Fakten sollte man kennen, wenn man ernsthaft mitreden möchte.

Obwohl die Autorin also zu den Gegnern von Esoterik zählt und überall Faschismus wittert, bleibt das Buch spannend, informativ und kann empfohlen werden, da es sich nicht auf dem gewohnt platten Feindbild-Niveau des „Wir vernichten euch und schlagen euch die Fresse ein“ bewegt. {Nachtrag des Lektors: Ja, an die Sorte AntiFas kann ich mich noch vom letzten WGT erinnern, auf dem ich war. Die hatten sich ihre Meinung geBILDet und radikal wie gehabt „nachgeschlagen“, allerdings nicht in Büchern.}

|Ursprünglich erschienen im Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 02/2004|

Webb, Don – Uncle Setnakt`s Essential Guide To The Left Hand Path

Der profanen Öffentlichkeit ist der in Austin/Texas lebende Don Webb primär als Science-Fiction-Autor bekannt. Um einen kleinen Überblick seines schriftstellerischen Schaffens zu geben, seien hier exemplarisch „Spell for the Fullfillment of Desire“ (1996), „The Double. An Investigation“ (1998), „Essential Saltes. An Experiment“ (1999) und „Endless Honeymoon“ (2001) genannt. In deutscher Sprache ist von Don Webb bislang nur das seit geraumer Zeit vergriffene „Märchenland ist abgebrannt. Profane Mythen aus Milwaukee“ erschienen.
Weniger bekannt ist sein Status in der okkulten Welt als Vordenker des Setianismus – er bekleidete lange Zeit das Amt des High Priest im „Temple of Set“, bis er am 9.9.2002 von Zeena Schreck abgelöst wurde (inzwischen hat ToS-Gründer Michael Aquino das Amt wieder übernommen).

Setianismus ist eine religiöse Strömung des „Pfades zur Linken Hand“ bzw. „Left Hand Path“ (LHP) und versteht sich somit als strikte Abgrenzung zu den sog. „Weltreligionen“, welche eine Unterordnung oder sogar Auslöschung des menschlichen Individuums zugunsten eines metaphysischen Prinzips (Gott, Nirwana usw.) fordern. Die begriffliche Unterscheidung von linkshändigen und rechtshändigen Pfaden stammt ursprünglich aus dem Hindu-Tantra. Die linke Seite wird in Indien sowohl mit gesellschaftlichen Tabus als auch der dynamischen Energie des Shakti assoziiert. LHP steht im Gegensatz zum stärker verbreiteten „Right Hand Path“ (RHP) für die Bejahung der weltlichen Existenz und der Vergöttlichung des individuellen Ichs. Da die linke Hand ein interkulturell verständliches Symbol sein kann, ist der LHP gut als Universalbegriff geeignet, um westliche Strömungen wie etwa Saturngnosis oder eben Setianismus unter einer gemeinsamen Kategorie einzuordnen.

Im Zentrum des setianischen Interesses stehen persönliche Autonomie und willentliche Selbsterschaffung. Das mythologische Ideal dieses Prinzips ist der ägyptische Wüstengott Seth, welcher seine Geburt selbst einleitete und gegen kulturelle („städtische“) Normen opponiert, aber auch diejenigen Menschen, welche durch die Wüste reisen, beschützt. Seine Hauptkontrahenten sind die Dämonenschlange Apophis (das ungebändigte Chaos) und Osiris, der „sterbende Gott“ (mythologische Parallelen zwischen Osiris und Jesus Christus sind unverkennbar), welcher die Stasis repräsentiert. Ob Seth dabei als tatsächliche Entität oder als archetypisches Prinzip interpretiert wird, ist aus setianischer Sicht nebensächlich. Seth, der auch als „Fürst der Finsternis“ oder „Feind der Götter“ bezeichnet wird, sucht nicht nach Anbetung, sondern nach Individuen, die von „seiner Art“ sind. Der Logos Aionos von Seth ist „Xeper“, ein altägyptisches Verb, welches übersetzt in etwa „ich bin geworden“ bedeutet und rückwirkend die persönlichen Fortschritte eines Setianers bezeichnet. Dies nur als Erläuterung zu dem religiösen Umfeld, aus welchem Don Webb stammt (wer sich für diese Thematik interessiert, kann sich unter http://www.xeper.org näher informieren).

„Uncle Setnakt`s Essential Guide To The Left Hand Path“ ist jedoch mitnichten ein rein setianisches Buch. Don Webb gibt in dieser Abhandlung vielmehr – wie der Titel schon andeutet – einen Einblick in die allgemeine Praxis des (westlichen) Pfades zur Linken Hand. „Praxis“ ist hier der maßgebliche Begriff – das Buch soll weder umfassend über die kulturellen Hintergründe des LHP informieren, noch den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Diesen beiden Kriterien hat bereits Don Webbs Kollege Stephen Flowers in seiner theoretischen Abhandlung „Lords of the Left Hand Path“ erfüllt. Der „Essential Guide“ hingegen hat für den geneigten Leser nur dann einen echten Wert, wenn er nach der Lektüre die Ärmel hochkrempelt und die vorgestellten Praktiken konsequent realisiert. LHP ist keine Religion für die „schlecht weggekommenen“, sondern ein Pfad für Individualisten, die bereit sind, für ihr persönliches Glück hart zu arbeiten – dies macht Don Webb unmissverständlich klar.

Dennoch kommt auch der Humor nicht zu kurz, denn LHP soll in erster Linie Lebensfreude bereiten. „Uncle Setnakt“ ist ein Pseudonym, unter welchem Don Webb einst eine humoristische Kolumne namens „Uncle Setnakt says“ schrieb, da er es leid war, die Prinzipien des LHP ausschließlich in wissenschaftlicher (und somit häufig auch ziemlich trockener) Manier zu verdeutlichen. Im „Essential Guide“ setzt „Onkel“ Webb diese Tradition fort.

Das Buch gliedert sich in vier Hauptteile. Der erste Teil, „The Nature and Goals of the Left Hand Path“, liefert die theoretische Basis für die nachfolgenden Kapitel. Don Webb erläutert hier, was Initiation im Sinne des LHP ist und wie sie funktioniert. Er diskutiert u.a. das Prinzip individueller Souveränität, die Position des Ichs im Kosmos, die Psychologie der Initiation sowie ihre „Tugenden“ und „Laster“, das Wesen der Magie und eine inhaltliche Abgrenzung zum Pfad zur Rechten Hand (RHP).
Der zweite Teil, „Practise“, vermittelt einen Katalog von LHP-konformen Aktivitäten und persönlichen Charaktereigenschaften, welche die Initiation eines LHP-Adepten begünstigen oder sogar erst ermöglichen. Wer bereits auf diesem Pfade unterwegs ist, wird garantiert erkennen, dass er bereits einige der genannten Dinge in sein Leben integriert hat.

Der dritte Teil, „The Grand Initiation“, nimmt rund 40 Seiten ein. Es handelt sich dabei um eine Art Einweihungsritus, welchen Don Webb persönlich entwickelt hat. Er ist nicht obligatorisch, aber wer eine größere Herausforderung sucht, und Gefallen an Webbs Ritualen gefunden hat, wird hier sicherlich etwas für sich herausziehen können. Zusätzlich kann der Leser hier etwas über das Konzept von Xeper erfahren. Die „Grand Initiation“ richtet sich allerdings an Fortgeschrittene, weshalb es mir etwas unklar ist, weshalb Don Webb sie nicht als letztes Kapitel oder Anhang verwendet hat.
Der vierte und letzte Teil, „Resources“, vermittelt dem Leser ein paar nützliche Werkzeuge für seine persönliche Initiation.

„Onkel Setnakts Handorakel“ ist dabei noch eher als Gimmick zu sehen, denn der Initiand kann hiermit Lösungsansätze für seine Probleme erwürfeln. Wer dem mit einem ironischen Augenzwinkern begegnen kann, wird jedoch durchaus mit ein paar konstruktiven Ideen beglückt werden. Ferner vermittelt Don Webb ein paar wirklich gute Lesetipps und erklärt exemplarisch anhand einer kurzen Geschichte, wie der Weg einer oder eines Initiierten verlaufen kann. Ein paar FAQ zum LHP können Neuligen dabei helfen, ihre eigene Position präziser zu bestimmen. Fortgeschrittene werden schließlich in der Lage sein, eine für sie selbst passendere Literatur- oder FAQ-Liste zu erstellen – und somit die Komplexität des LHP erweitern.

Abschließend gibt Don Webb einen kurzen Einblick in die Lehren des Temple of Set. Er will damit jedoch keinesfalls missionieren, sondern ein gutes Beispiel für eine renommierte LHP-Institution geben. Man kann den LHP nur für sich selbst beschreiten, aber ab einem gewissen Punkt benötigt jeder Initiand eine professionelle Schulung durch andere, wenn er oder sie nicht stagnieren will.

Es scheint mir evident zu sein, dass ein solches Buch polarisieren muss – jeder muss selbst herausfinden, ob er oder sie dem LHP etwas abgewinnen kann. Don Webbs „Uncle Setnakt`s Essential Guide To The Left Hand Path“ ist neben Frank Lerchs „Nightworks“ jedenfalls definitiv das beste praxisorientierte Buch über den Pfad zur Linken Hand, welches mir bislang untergekommen ist. Wie Stephen Flowers treffend in seiner Einleitung bemerkt:

„[Don Webb] reiht nicht einfach nur Wörter aneinander, um seinen Lesern Vergnügen zu bereiten und sie zu unterhalten – obgleich er dieses auch tut – er bietet dir mit diesem Führer das größte Abenteuer an, welches das Leben zu bieten hat.“

Das Buch kommt als Paperback, kostet 16 $ und kann bestellt werden unter:

http://www.runegild.org/runaraven1.html

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Brown, Dan – Sakrileg

Robert Langdon is back – drei Jahre lang hat Autor Dan Brown nach seinem Bestseller „Illuminati“ nun herumgeeiert, um der mit den Füßen scharrenden Leserschaft so etwas wie einen zweiten Teil aufs Auge zu schrauben und zu schreiben. Die deutsche Leserschar musste sogar bis zum 19. Februar 2004 warten, bis die Übersetzung erschien – womit wir wieder einmal bei einem leidigen Thema wären: Warum werden für die deutschen Ausgaben immer solch vollkommen birnige Titel verhunzt, anstatt den aussagekräftigen Originaltitel korrekt mit „Der Da-Vinci-Code“ zu übersetzen? Aber nööö, offenbar haben nichts sagende Buchtitel, die mit dem Inhalt nicht im Zusammenhang stehen, grade Hochkonjunktur. Der 600 Seiten starke Hardcover-Wälzer ist also recht druckfrisch auf dem Markt und sucht seine Käufer, die bereit sind 19,90 Euronen dafür hinzublättern und ich bin sicher, die wird er auch ganz bestimmt finden, denn die Fangemeinde Browns ist nicht gerade klein – zu Recht. Doch schauen wir mal, was der Nachleger zu bieten hat, die stehen ja meist im Schatten ihres Prequels.

_Auf der Flucht – Zur Story_
Nach dem Showdown im Vatikan (siehe „Illuminati“) ist nun ein knappes Jahr vergangen und Harvard-Symbolologe Robert Langdon ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Derzeit gibt er in Paris einige Vorlesungen über religiöse Symbolik, wobei er auf einem Weg auch gleich mit einer Koryphäe zum Essen verabredet ist, mit dem er über das Manuskript seines geplanten Buches schwatzen will. Das neue Buch enthält einige Thesen, die kirchlichen Zündstoff bedeuten, daher möchte er die Meinung von Jacques Saunière – seines Zeichens Leiter der berühmten Pariser Kunstgalerie im Louvre und Experte auf diesem Gebiet – auf dessen Einladung hin einholen. Doch Saunière erscheint nicht – kann er auch nicht, denn er liegt (bereits im Prolog) erschossen im besagten Louvre. Dafür klingelt die französische Mordkommission ihn unsanft aus seinem Hotelbett. Diese hält ihm ein Polaroid der gefundenen Leiche vor die Augen und bittet ihn, sich den Tatort anzuschauen, denn die Verrenkungen, sprich: die Auffindesituation des Körpers ist nicht nur seltsam, sondern wurde vom Opfer auch offensichtlich selbst herbeigeführt und ist nicht dem Täter zuzuschreiben. Die Spuren und Hinweise, die der Sterbende mit letzter Kraft geliefert hat, sind überaus rätselhaft…

…was Langdon jedoch nicht ahnt, ist, dass er insgeheim beim leitenden Beamten als Haupttatverdächtiger gilt, denn der ermordete, umtriebige Kustus des Louvre war nicht nur ein Experte auf dem Gebiet der freimaurerischen Symbolik, sondern auch der Großmeister einer freimaurerischen Loge: Der berühmten „Prieuré de Sion“. Die Hüter des Geheimnisses über die wahre Natur und das derzeitige Versteck des heiligen Grals. Dumm für Langdon, dass der Sterbende, bevor er das Zeitliche segnete, eine ausgeklügelte Spur in die Vergangenheit gelegt hat, die nur Langdon in Zusammenarbeit mit der Enkelin (Sophie – ihres Zeichens ebenfalls Polizistin und zudem passionierte Kryptologin/Codeknackerin) des Opfers lösen kann, der Saunière auf perfide Weise auch eine verschlüsselte Botschaft hat zukommen lassen. Leider missinterpretiert die Pariser Polizei die Fingerzeige, da sie von der verwendeten und stark verschachtelten Symbolik nicht den blassesten Schimmer hat. So kommt es denn, dass die beiden – nach überhasteter Flucht vom Tatort – auf der Schnitzeljagd nach dem heiligen Gral nicht nur den wahren Killer, sondern auch die französische Polizei im Genick sitzen haben…

_Verschwörungstheorie – Kritik_
Das überaus bewährte Strickmuster Browns geht in die Zweite (wenn man „Meteor“ hinzurechnet, sogar in die dritte) Runde. Jedoch ist dies der zweite Roman mit Robert Langdon als Protagonisten, daher muss er sich als Nachleger direkt mit dem ersten Werk messen lassen… und die Messlatte liegt hoch. Wieder ist es das „alte Europa“, wieder ist es ein alter Geheimbund, um den sich alles dreht. Für Browns Geschichten halten stets reale Orte und ebenso reale Begleitumstände her, allerdings liegt es in der dichterischen Freiheit eines Belletristikers, Realität und Fiktion miteinander zu vermengen, im Idealfall springt dabei ein spannender Plot heraus. Das ist ihm hier auch ganz gut gelungen, obschon dem gut informierten Verschwörungstheoretiker vieles sehr bekannt, anderes allerdings hanebüchen und etwas verfälscht vorkommt.

Wie schon bei Illuminati, stehen die Kontrahenten bereits auf den ersten Seiten augenscheinlich fest, da hätten wir in der roten Ecke die Loge der „Prieuré de Sion“, die sich als Hüter und rechtmäßige Erben des heiligen Grals und Nachkommen des biblischen Stammes David sehen. In der blauen Ecke hockt – ob dieser Gotteslästerung hoch motiviert – der Hardliner-Flügel des Katholizismus, „Opus Dei“, die den klerikalen Status Quo liebend gern mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen. Doch kann man bei Brown darauf vertrauen, dass die Loyalitäten und Absichten seiner Figuren im Laufe der Handlung nicht in Stein gemeißelt sind.

Wie gewohnt verquickt er Mystizismus und Symbolik in einem Kriminalroman, der wieder einmal in einem wilden Wettlauf gegen die Mächte der (weltlichen und kirchlichen) Finsternis gipfeln, diesmal jedoch ist sein Protagonist der Gejagte, dabei ist es nicht nur die französische Polizei, vor der sich Langdon in Acht nehmen muss, da er unter akutem Mordverdacht steht. Ein ganzer Tross mehr oder weniger zwielichtiger Gestalten mischt auch noch mit, und deren Motivationen sind bis zuletzt nicht ganz klar. Die intelligent – und in Teilen real nachvollziehbare – gemachte Schnitzeljagd erhält durch den Ständig-auf-der-Flucht-Faktor eine etwas andere Komponente, erscheint jedoch an mancher Stelle etwas durchschaubar, was den groben Handlungsverlauf angeht – richtig interessant sind aber die Lösungswege, die Brown wieder mal gekonnt inszeniert und herleitet.

Doch auch da waren mir einige Sachen ZU offensichtlich, als Beispiel sei hier die ominöse Fibonacci-Folge als Code für ein Bankschließfach genannt, da möchte man den Figuren eine schallende Ohrfeige verpassen, weil sie scheinbar zu blöd sind, solche Zusammenhänge zu erkennen und sich unnötigerweise Seiten schindend die Köpfe heiß rätseln, während der Leser von einem akuten Gähnanfall in den anderen fällt. Glücklicherweise sind solche Hänger in der Geschichte die Ausnahme und auch den Vorwurf des Eigenplagiats wegen einiger Parallelen zu „Illuminati“ muss sich Brown nicht vorwerfen lassen – Die Geschichte ist trotz mancher Ähnlichkeit eigenständig genug, um sich vom Erstlingswerk abzusetzen.

Die Thematik des heiligen Grals und die Zusammenhänge mit der Hochgradfreimaurerei sind alles andere als unumstritten und gerade die Prieuré de Sion ist für manchen Sachbuchautor heutiger Tage alles andere als ein harmloser, sektiererischer Haufen idealistischer Gutmenschen (allenfalls etwas spleenig, was ihre Rituale angeht), sondern immer noch einer der mächtigsten, freimaurerischen – und mithin gefährlichsten, sofern man daran glaubt – existenten Geheimbünde unserer Zeit. Ein verklärt-romantischer Eindruck entsteht jedoch beim Lesen von „Sakrileg“, und das fügt der Mythen- und Legendenbildung ein weiteres (fragwürdiges) Steinchen hinzu.

Dennoch steckt in dem verarbeiteten Material so manches Korn mehr Wahrheit und (anti-)klerikale Weltanschauung der Loge bzw. der erzkatholischen Falken-Sekte von Opus Dei, als dem unbelasteten Leser, der meint ’nur‘ einen Thriller zu konsumieren, bewusst sein dürfte. Auch Opus Dei ist als real existierende Vatikan-Splittergruppe kein unbeschriebenes Ruhmesblatt der Kirchengeschichte und einen aufmerksamen Blick in diverse Publikationen wert. Es lohnt sich also auf jeden Fall, vor oder nach der Lektüre Sekundärliteratur zum Thema Geheimbünde und Vatikan griffbereit zu haben, ohne Vorwissen macht der Roman nämlich nur halb so viel Spaß. Browns unfreiwillige (ist sie das wirklich?) Interpretation des Stoffes ist bärig interessant und nett verpackt.

Dem Kenner der Materie huscht des Öfteren ein wissendes Grinsen übers Gesicht, wenn beispielsweise vom „göttlichen Weiblichen“, sexual-okkulten Riten oder den „Merowingern“ die Rede ist, die Anspielungen selbst bis ins kleinste Detail (auch der Name des Mordopfers Saunière ist tatsächlich historisch und freimaurerisch vorbelastet) sind für gestandene Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen. Bleibt die Frage, ob Brown solch freimaurerisches Gedankengut absichtlich – hübsch verpackt – über das Transportmedium Thriller unters Volk bringen will, weil er der Bruderschaft bzw. ihrer Ideologie nahe steht (Ohne ihm hier etwas unterstellen zu wollen, aber das wäre eine Erklärung, warum die Prieuré de Sion hier relativ gut wegkommt, während die klerikale Seite – schon wieder mal – regelrecht abgewatscht wird) oder ob Sakrileg einfach nur das ist, was es vorgibt zu sein: Ein flotter Roman, der Fakten und Fiktion spannend miteinander verknüpft. Das ist bei Brown ja stets der Clou: Man kann auch vor Ort in der Realität tatsächlich vieles nachprüfen.

_Dr. Kimball-Langdon und der heilige Gral – Fazit_
Das Warten hat sich durchaus gelohnt, mit „Sakrileg“ hält man ein Buch in den Händen, das man so schnell nicht beiseite legt; wenn die rasante Geschichte erst einmal ins Rollen gekommen ist, möchte man trotz kleiner Unpässlichkeiten in der Originalität dann doch wissen, wie es weitergeht und in Erfahrung bringen, welcher Natur der heilige Gral denn nun eigentlich ist und wo er versteckt wird. Gerade Liebhaber von grenzwissenschaftlicher Enthüllungsliteratur finden im Plot eine Menge interessanter freimaurerischer und sakraler Symbolik wieder.

So an den Haaren herbeigezogen ist die Sache nämlich nicht, wie Otto-Normal-Leser vielleicht annehmen mag, der sich mit solchen oft in der Öffentlichkeit als Spinnerei geschmähten Theorien zur alternativen Menschheits- und Kirchengeschichte noch nie beschäftigt hat. Im Roman ist jedenfalls viel mehr zu finden als das profane Auge („Profane“ nennt man in Freimaurerkreisen uns nicht-eingeweihte Normalsterbliche) des unbedarften Lesers sieht. Zumindest beweist die mehr oder weniger versteckte Präsentation von in den Öffentlichkeit wenig bekannten (oder ignorierten) Informationen über die Geheimbündelei und die Gralslegende, dass Brown seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hat. Ganz kommt „Sakrileg“ nach meinem Dafürhalten nicht an „Illuminati“ ran, aber ein guter Thriller ist es allemal.

Follett, Ken – dritte Zwilling, Der

Ein klassischer Thriller um das Thema Klonen von künstlich erzeugten Menschen – spannend und psychologisch halbwegs glaubwürdig erzählt. Allerdings kein Stoff, der sich für Minderjährige unter 16 Jahren eignet.

_Der Autor_

Ken Follett ist der Autor des Wissenschaftsthrillers „Der dritte Zwilling“, der verfilmt wurde, und von „Die Kinder von Eden“, das nicht mehr so gut ankam. „Die Säulen der Erde“ ist neben „Nacht über den Wassern“ sein bekanntester Roman. Seine neuesten übersetzten Werke heißen „Die Leopardin“ und „Mitternachtsfalken“.

_Die Sprecher_

Verlagsinfo: Mareike Carrière ging nach ihrer Schauspielausbildung nach Paris und begann dort 1977 ihre Arbeit für das Kino. Sie drehte u.a. mit Peter Fonda und Liv Ullmann. Popularität erlangte sie durch ihre Rolle als erste deutsche Streifenpolizistin in der TV-Serie „Großstadtrevier“. Zuletzt war die Schauspielerin in „Die Schule am See“ (ARD) zu sehen.

Jörg Schüttauf, Jahrgang 1961, absolvierte die Theaterhochschule zu Leipzig. Für die Titelrolle in Egon Günthers „Lenz“ (nach Büchner) erhielt er 1993 den Adolf-Grimme-Preis. Im Jahr 1995 wurde er mit dem Fernsehspielpreis der Akademie für Darstellende Künste ausgezeichnet. 1996 begeisterte er in der Titelrolle der ARD-Serie „Der Fahnder“. (Info Ende)

_Handlung_

An der Jones Falls Universität wird im Keller während eines Brandes eine junge Studentin, Lisa Hoxton, vergewaltigt. In dem Studienanwärter Steve Logan erkennt sie ihren Vergewaltiger wieder. Doch ihre Vorgesetzte, die Psychologie- und Biochemieprofessorin Jeannie Ferrami, widerspricht dem heftig. Gemäß den psychologischen Untersuchungen, die Ferrami im Rahmen ihres Zwillings-Forschungsprogramms an Logan vorgenommen habe, sei er psychisch nicht in der Lage, jemandem Gewalt anzutun. Logan wird dennoch verhaftet.

Lisa Hoxton ist völlig von den Socken, als sie Ferrami hilft, einen weiteren Probanden des Forschungsprogramms zu befragen: den Häftling Dennis Pinker. Er ist der eineiige Zwilling von Steve Logan. Doch die beiden kennen einander nicht und haben sich nie gesehen. Wie ist so etwas möglich?

Da es ausgeschlossen ist, dass Pinker ausbrach und Lisa vergewaltigte, muss Logan im Knast bleiben. Nun wittert Ferrami Unrat. Es muss in der jeweiligen Geburtsklinik der beiden etwas vorgefallen sein, das nicht in Ordnung war. Es stellt sich heraus, dass beide in Armeekliniken zur Welt kamen, mit denen die Genetico Corporation Geschäfte machte.

Genetico gehört Jeannies Arbeitgeber, Professor Barrington Jones, und seinen Partnern, darunter einem Senator, der Ambitionen auf die Präsidentschaft hat. Sie wollen ihr Unternehmen demnächst an einen deutschen Pharmakonzern verkaufen. Da käme ihnen ein Skandal höchst ungelegen. Sie schalten die Presse ein und verpassen Jeannie einen Maulkorb.

Doch wenn weder Steve noch Dennis Pinker Lisa vergewaltigt haben, wer kommt dann in Frage? Jeannies Entdeckung dessen, was hinter Geneticos Machenschaften steckt, ist ungeheuerlich und könnte sie das Leben kosten.

_Mein Eindruck_

Das Maß, um das der Roman gekürzt worden sein muss – ich habe ihn nicht gelesen -, muss schon recht beträchtlich gewesen sein: Übrig geblieben sind gerade mal die grundlegende Story sowie der eine oder andere intime Augenblick, den Jeannie und Steve genießen können. Jedenfalls bereitet es keine Schwierigkeiten, dem Verlauf der Handlung zu folgen, so einfach ist sie gestrickt.

Das Interessanteste an der Geschichte ist die Frage der Identität. Ähnlich wie in „Being John Malkovich“ haben es die Hauptfiguren zwar immer mit der gleichen körperlichen Ausstattung zu tun, doch das Innenleben ist vollkommen anders. Man könnte fast meinen, der Autor wolle demonstrieren, dass die Gene nicht unser Schicksal sind.

Wohin die Diskrepanz zwischen identischem Äußeren, aber unterschiedlichem Innenleben führt, erweist sich für die Professorin Jeannie Ferrami höchst hautnah, als sie von jenem Vergewaltiger Lisa Hoxtons ebenfalls angefallen wird. Dabei wollte sie sich doch Steve Logan intim nähern. Doch wo Worte sie täuschen können, so ermöglicht doch die Körpersprache eine eindeutigere Identifikation. Der Vergewaltiger ahmt die typische Geste seines Onkels nach, sich mit dem Zeigefinger über die Augenbraue zu fahren.

_Shibboleth_

Auf analoge Weise macht Steve Logan die gleiche Erfahrung, als er zwar wie der Vergewaltiger aussieht, aber nicht in der Lage ist, einen flapsigen Spruch, den die beiden gewohnheitsmäßig austauschen, korrekt zu ergänzen. Aufgeflogen!

Dieses wortbasierte Spiel erinnert an die Gewohnheit früher hebräischer Stämme, ihre Gegner, die sich bei ihnen als Spione einschleichen wollten, zum Aussprechen des Wortes „shibboleth“ zu verleiten. Die Spione konnten dieses Wort nie einwandfrei aussprechen und flogen daher auf. Seitdem ist „shibboleth“ zum geflügelten Wort geworden, das eine Erkennungsparole bezeichnet, bei einem Stamm, aber auch bei jeder Art von In-group oder Clique.

_Wissenschaftsthriller_

Ken Follett griff in diesem Buch ein von Ängsten besetztes Thema auf, das so alt ist wie Mary Shelleys „Frankenstein“, der 1818 erschien: Die künstliche Erschaffung des Menschen, zu dem nun auch noch die Optimierung und beliebige Vervielfältigung kommen. Daher auch die Befruchtung und Geburt in Armeekliniken…

„Der dritte Zwilling“ war 1997 Teil einer Flut von Thrillern, die sich u.a. um das Thema Klonen drehten, angeregt sicher auch vom Klonschaf Dolly (Friede seiner Asche). Auch Arnold Schwarzeneggers Film „The 6th Day“ haut in die gleiche Kerbe. Doch kein Autor hat wahrscheinlich das Thema künstlicher Mensch/Klon tiefgründiger behandelt als Philip K. Dick in „Blade Runner“. Follett kann diesem Vorgänger nicht das Wasser reichen.

_Die Sprecher_

Mareike Carrière, obwohl sicher schon über 45, klingt dennoch zu jung für ihre Rolle der Professorin Jeannie Ferrami. Das erscheint sicherlich merkwürdig. Doch es ist weniger ihre Stimmhöhe, als vielmehr ihre Intonation, die zu diesem Eindruck führt. Im Gegensatz zu souveränen SprecherInnen wie Franziska Pigulla, Joachim Kerzel oder Ulrich Pleitgen klingt ihre Intonation naiv wie die einer Anfängerin, die sich gerade an einen schwierigen Roman wagt, nachdem sie jahrelang „Hanni und Nanni“ gelesen hat. Sie hält ihre Pausen ein und liest nicht zu schnell, aber das ist schon alles, wofür man sie loben kann.

Jörg Schüttauf, der die Männer um den Schurken, Prof. Barrington Jones, spricht, klingt genau richtig. Er moduliert die Stimme, dass sie genau zu dem gewünschten Eindruck passt. Die Stimme als Instrument gehorcht ihm vollkommen. Es ist sehr schade, dass ein so ausgezeichneter Sprecher erstens so wenig Text zu lesen hat und zweitens auch noch die Nebenfiguren zum Leben zu erwecken hat. Dementsprechend bleiben Jones & Co. deutlicher im Gedächtnis als die Gutmenschen Logan und Ferrami. Verdrehte Welt.

_Unterm Strich_

„Der dritte Zwilling“ ist ein geradlinig erzählter Klon-Thriller, der schnörkellos auf ein Happy-End zusteuert. Die Spannung ist durchaus vorhanden und wird weniger durch Action, als vielmehr psychologisch erzeugt (Frage der Identität, s.o.).

Das Hörbuch würde ich erst ab 16 Jahren empfehlen. Der Grund dafür sind zwei oder sogar drei relativ brutale Vergewaltigungsszenen, die man einem unerfahrenen Zuhörer nicht zumuten sollte. Auch eine Reihe von erotischen Szenen zwischen Logan und Ferrami sind wohl eher für Erwachsene gedacht als für Kinder.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Robert Harris – Pompeji

Im Jahre 79 n. Chr. steht der Vulkan Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Warnungen werden ignoriert, Gegenmaßnahmen kommen zu spät; die antike Welt geht zumindest am Golf von Neapel unter … – Mischung aus Historien- und Katastrophenroman, in beiden Bereichen sorgfältig recherchiert, angenehm sachlich und doch stimmungsvoll geschrieben: keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis aber eine spannende, lesenswerte Geschichte.
Robert Harris – Pompeji weiterlesen

Andreas Eschbach – Das Jesus-Video

Hat ein Zeitreisender von Jesu Leben ein Video gedreht? Archäologen finden in Israel die Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommt. Und befindet sich die Kamera mit dem Video ebenfalls in Israel?
Während der Projektleiter, ein Industrieller, vom Vatikan 10 Milliarden Dollar für seinen Fund haben will, kontert die römisch-katholische Kirche mit einem Kommando der Heiligen Inquisition. Steht ein Religionskrieg bevor?

Der Autor

Andreas Eschbach, geboren 1959, schrieb mit „Das Jesus-Video“ einen der erfolgreichsten deutschen Unterhaltungs-Thriller: Er wurde von Pro7 verfilmt und als Hörbuch von Lübbe vertont. Inzwischen hat er neben Science-Fiction auch den spekulativen Wirtschafts-Thriller „Eine Billion Dollar“ und die Jugendbücher „Perfect Copy“ (über Kloning) und „Das Mars-Projekt“ veröffentlicht. Im September 2003 erschien sein neuester Roman „Der letzte seiner Art“, in dem es um einen Kyborgsoldaten im Ruhestand geht. Eschbach lebt in der Bretagne.

Der Sprecher

Matthias Koeberlin, geboren 1974, spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers. Als ausgebildeter Schauspieler weiß er seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Aber er kennt nicht die Aussprache jedes einzelnen ausländischen Namens – wer könnte es ihm verdenken? Daher betont er beispielsweise den Namen des Papst-Agenten Scalfaro falsch: Er sagt Scalfáro statt Scálfaro.

Handlung

Gibt es Zeitreisende – und wenn ja, wo sind sie geblieben? Haben sie was mitgebracht?

Stephen Foxx, Mitglied der New Yorker Explorer’s Society, findet bei archäologischen Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommen soll. Es gibt nur eine Erklärung (oder?): Jemand muss versucht haben, Videos von Jesus Christus zu machen. Der Tote im Grab wäre demnach ein Mann aus der Zukunft, dem es gelungen war, in die Vergangenheit zu reisen. Und irgendwo in Israel wartet eine Kamera samt Videoaufnahmen in einem sicheren Versteck darauf, gefunden zu werden.

Aber möglicherweise ist ja alles nur ein groß angelegter Schwindel. Schließlich hat ein Medienzar, John Kaun, seine Finger im Spiel. Er finanziert die Ausgrabung, und ein dubioser britischer „Wissenschaftler“ leitet die Grabungen. Als John Kaun dem Vatikan die noch nicht einmal gefundenen Videobänder gegen eine astronomische Summe verkaufen will, beginnt ein lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel für Stephen Foxx, das ihn zuletzt an den Rand des Verdurstens in der Wüste Negev führt.

Mein Eindruck

Eschbachs große erzählerischen Vorbilder sind Konsalik und Alistair McLean. Der Leser stößt dementsprechend allenthalben auf Kniffe und effektvolle Strukturen in Eschbachs extrem spannenden Thriller. Auffallend sind die vielen Cliffhanger-Schlüsse an Kapitelenden.

Flache Figuren

Leider sind seine Figuren notgedrungen entsprechend flach, geradezu stromlinienförmig. Sie erfüllen häufig nur dramaturgisch notwendige Funktionen. Nur Stephen Foxx‘ engste Freunde wie Peter Eisenhardt, Judith & Joshua Menes erfahren deutlichere Charakterisierung. Immerhin rettet seine stellenweise auftretende Selbstironie den Erzählton vor dem Abrutschen ins pathetische Drama. Am markantesten gelungen ist wohl der eremitische Vater eines der Ausgrabungshelfer – er gibt den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib der Videokamera, doch schließt er sich selbst vom Geschehen, ja vom Rest der Welt aus.

Bildungsreise durch Israel

Ganz nebenbei vermittelt der Erzähler eine ganze Menge an Bildungswissen und wertvollen Einsichten: nicht nur über das politische Pulverfass Israel – allein schon der PLAN für eine Grabung an der Klagemauer könnte einen Krieg auslösen! -, sondern auch über seine vieltausendjährige Geschichte, auf die sich unter anderem auch unsere abendländische Kultur gründet. Hier agiert der Erzähler mit Tonnen von Material auf leichtfüßige Weise, glänzt stellenweise mit ironischem Witz und originellen Einsichten. Dies macht dieses Hörbuch nicht nur zu einem spannendem Hörerlebnis, sondern zu einem Vergnügen, das nicht so schnell zu wiederholen ist.

Zickzack-Epiloge

In den Epilogen, die der Haupthandlung folgen, verkehrt sich das vermeintlich so traurige Ergebnis der Haupthandlung mehrfach in ihr Gegenteil. Hier stellt der Autor die Frage, ob es so wahnsinnig wichtig ist, ob das Jesus-Video „echt“ ist und dies die „Wahrheit“ für alle Christen sei. Natürlich werden diese absoluten Wertkategorien relativiert. Aber rein aus Spaß an der Freud an diesem Spiel baut sich dann doch so etwas wie eine Zeitschleife auf. Nicht von ungefähr lautet der letzte Satz des Romans „Die Geschichte beginnt.“ Und der Begriff „Geschichte“ hat an dieser Stelle natürlich mehrere Bedeutungen. Selbst wenn wir dieses Buch lesen, sind wir Teil der „Geschichte“.

Originelle Sprache

Immer wieder fällt die abwechslungsreiche und originelle Verwendung der deutschen Sprache auf. So viele passende Begriffe wird man in kaum einer Übersetzung aus dem angelsächsischen Raum finden. Wörter wie „Kugelblitz“, „Glutball“, „herumfuhrwerken“ sind außerhalb der deutschen Sprache – und sogar innerhalb – nur wenig gebräuchlich.

Logischer Fehler

Ein Fehler ist auffallend, eine Fehlkalkulation in der Zeit: Die letzte Szene findet fünfeinhalb Jahre nach der Haupthandlung statt. Dort heißt es, die Videokamera käme in drei Jahren auf den Markt. Als der Zeitreisende auftaucht, sind die fünfeinhalb Jahre vergangen, die Kamera ist bereits seit zweieinhalb Jahren erhältlich. Dennoch wurde sie vom Verkäufer als „das Neueste vom Neuen“ empfohlen. Heute erscheinen zweieinhalb Jahre als eine Ewigkeit für einen Innovationszyklus.

Die musikalische Inszenierung

Diese Romanlesung ist sehr wirkungsvoll. Zum einen trägt ein ausgebildeter Schauspieler sie vor, zum anderen wurde sie mit dem Original-Soundtrack der ProSieben-Verfilmung inszeniert. Das bedeutet, dass jede CD mit einem Intro und einem Extro versehen ist, das den Zuhörer nach Israel versetzt. Das heißt auch, dass entsprechende Stimmen und Musikinstrumente erklingen, die in das jeweilige Milieu passen. Geräusche tauchen kaum auf. Sie würden auch nur stören, denn zwei „Tonspuren“ sind das Maximum, das das menschliche Gehör als erträglich empfindet (Grundkurs Tontechnik). Jede weitere Tonebene muss, wie jeder Spielfilm zeigt, entsprechend zurückgenommen werden.

Die letzte CD weist noch ein weiteres Schmankerl auf: den originalen Abschluss-Song, gesungen von einer Künstlerin. Unter „vocals“ gibt die Hörbuchbeilage „Anna“ an, mehr nicht. Die Musik selbst wurde komponiert, arrangiert, programmiert und aufgenommen von Egon Riedel (www.ego-n.de).

Unterm Strich

Die Hörbuchfassung vereint meines Erachtens das Beste aus beiden Fassungen: Gelesen wird die Buchfassung, aber mit der Musik und der Hauptrolle der ProSieben-Verfilmung. Der Film zeigt eine Variation der Geschichte und legt viel Wert auf Action und Tempo. Wer das Buch mag, kann man über den Film wohl nur den Kopf schütteln.

Deshalb bietet die Hörbuchfassung sozusagen das Original, aber multimedial aufbereitet: eine Rundumerfahrung, die die Längen des Buches hinter sich lässt (Redaktion: S. Scheibler), um zielstrebig zur Sache zu kommen (soweit das bei einer Katz-und-Maus-Jagd überhaupt möglich ist).

Umfang: 410 Minuten auf 6 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Hesemann, Michael – Geheimakte John F. Kennedy

_Quo Vadis – Ein Überblick zum Fall Kennedy_
John Fitzgerald Kennedy dürfte den Meisten wegen seines berühmten Spruches an der Berliner Mauer „Ick bin ain Berlina“ bekannt sein – und natürlich wegen seines gewaltsamen Ablebens, das damals am denkwürdigen 22. November im Jahre 1963 weltweit für Furore sorgte. Der amerikanische Präsident war allseits beliebt – zumindest beim Volk, aber wohl doch nicht in allen Kreisen, bis hoch in die Ämter seiner eigenen Regierung. Das Attentat in Dallas/Texas gilt heute als DER Startschuss für den Vietnam-Krieg, den Kennedy seinerzeit unter keinen Umständen billigen wollte. Seine Liberalität war sein Todesurteil. Michael Hesemann greift die losen Fäden der Geschichte und des Mythos Kennedy noch einmal auf und fügt sie in diesem Buch zusammen.

Nein, Präsident Kennedy hatte wahrlich nicht nur Freunde, sondern auch überaus zahlreiche und mächtige Feinde: Waffenlobby, CIA, Mafia, Exil-Kubaner – um nur die Wichtigsten zu nennen. Vor allem die CIA hatte allen Grund zur Freude über seinen Tod, hatte er doch kurz zuvor ihre Zerschlagung angedroht, was gleichzusetzen mit einer Quasiauflösung des Dienstes gewesen wäre, sprich: erheblichem Machtverlust. Sie waren nicht die Einzigen, die davon profitierten, dass nach den tödlichen Schüssen beinahe im Vorbeigehen und noch am gleichen Tag des Attentats sein Vize Lyndon B. Johnson buchstäblich on-the-fly vereidigt wurde und Kennedys bereits eingeleitete Reformen sofort stoppte. Doch schon die Vorbereitung des Präsidentenbesuchs in Dallas bringt bei genauerer Betrachtung Erstaunliches zu Tage:

Kurz vorher wurde beispielsweise – vollkommen ungewöhnlich – die Fahrtroute der Kolonne gravierend geändert, sodass der offene Wagen des Präsidenten zwangsläufig an der Stelle der tödlichen Schüsse sehr langsam fahren musste. Ein Unding. Die ursprünglich geplante Route hätte ihn erst gar nicht auf den Präsentierteller des Dealey Plaza geführt, doch sein Sicherheitsschef – der dies nach eigenen Angaben niemals zugelassen hätte – wurde kurzerhand an einen anderen Einsatzort abberufen. Der ganze Einsatz des Sicherheitspersonals beim Präsidentenbesuch ist scheinbar ziemlich schief und stümperhaft gelaufen und weist einige Unstimmigkeiten auf, die man nur mit vorsätzlicher Absicht erklären kann. Offiziell fielen bei diesem Hinterhalt drei Schuss und diese allesamt aus den 5. Stock eines Schulbuchlagers hinter der Wagenkolonne des Präsidenten. Zeugen behaupten etwas anderes – sowohl was die Anzahl der Schüsse, als auch die Position der mutmaßlichen Schützen angeht – und auch ein von einem anwesenden Zuschauer aufgenommener Amateurfilm zeigt, dass der tödliche Kopftreffer von vorn kam und nicht von hinten.

Die Geschichte von der „magischen Kugel“, die Kennedy letztendlich getötet haben soll, gehört zu den lächerlichsten Chimären in der Geschichte der Neuzeit – und fast alle haben sie geglaubt. Denn um die vielfältigen Einschüsse und dieser 3-Schuss-Theorie widersprechenden Verletzungen Kennedys und seiner Mitfahrer zu erklären, dichtete man dem Projektil Fähigkeiten an, die der Physik und der Logik Hohn sprechen. Die Autopsie wurde hastig, mehr als mangelhaft durchgeführt und dokumentiert, Teile des Berichts darüber verschwanden oder wurden offensichtlich manipuliert, doch die mit der Klärung beauftragte Kommission nahm offensichtlich keinen Anstoß an solchen ‚Kleinigkeiten‘ wie Plausibilität und Physik. Die Warren-Kommission tat im Gegenteil augenfällig ihr Bestes, sich möglichst schnell auf einen Attentäter zu einigen: Lee Harvey Oswald – der konnte als Leiche ja auch schlecht widersprechen. Bekannterweise wurde Oswald kurz nach dem Attentat von einem angeblichen, irren Fanatiker liquidiert, welcher später unter ebenfalls äußerst mysteriösen Umständen verstarb. Solcherlei ‚ungeklärtes, plötzliches Ableben‘ (böse Zungen mögen es auch ‚Mord‘ nennen) potenzieller Petzen war kein Einzelfall, sondern eher die Regel.

Auch massenhaft der offiziellen Darstellung widersprechende, aber sehr glaubwürdige, unabhängige Zeugenaussagen, welche mehrere Schüsse aus einer ganz anderen Richtung als dem fraglichen Schulbuchlager wahrgenommen haben, wurden ignoriert, oder die betreffenden Zeugen unter Druck gesetzt, diffamiert oder gar peu à peu aus dem Weg geräumt. Summa summarum beläuft sich der Bodycount in diesem Zusammenhang auf 42 am Fall mehr oder weniger beteiligter Menschen (hauptsächlich Augenzeugen), die unter teils kuriosen Arten ihr Leben aushauchten. Zeugen zu beeinflussen oder zu beseitigen, Tatsachen zu verdrehen, Akten verschwinden zu lassen und die gesamte Sache möglichst in Nebel zu hüllen, zieht sich wie ein roter Faden durch den Fall Kennedy. Im Laufe der Zeit wankten die offiziellen Darstellungsversuche vom „alleinigen Einzeltäter“ Lee Harvey Oswald immer mehr und es kamen berechtigte Zweifel auf, dass Oswald überhaupt abgedrückt hatte – seine Verstrickung in diese tief verschachtelte Geschichte ist hinlänglich erwiesen, doch ist er auch der Täter gewesen?

Die Begleitumstände lassen das fragwürdig erscheinen und legen eher den Schluss nahe, dass er ein simples Bauernopfer war. Das Gewehr, dass er zur Tat angeblich verwendet hat, war ein Uralt-Prügel und alles andere als ein Präzisionsgewehr, doch soll er in knapp sieben Sekunden auf dreihundert Meter drei Schuss treffsicher abgefeuert haben. So ein Kunststück bringen selbst Scharfschützen mit besseren Gewehren kaum fertig. Zudem war das Zielfernrohr nachweislich defekt und er als mieser Schütze bekannt. Selbst wenn er es fertig gebracht haben sollte, so bleibt immer noch der bildliche Beweis des Amateurfilmers, dass der tödliche Treffer von vorne in Kennedys Schädel eindrang. Das spricht für noch mindestens einen weiteren Heckenschützen, der die Kolonne von vorn unter Feuer nahm. Wahrscheinlicher ist, dass es sogar eher drei Gunmen waren. Wieder belegen Zeugenaussagen, dass dem tatsächlich so war. Doch all das wurde geflissentlich übersehen.

Der Staatsanwalt von New Orleans – Jim Garrison – war Jahre später der Einzige, der sich getraute, den Fall noch einmal weitreichend und minutiös aufzurollen, weil es himmelschreiende Ungereimtheiten und Anzeichen für eine Verschwörung im großen Stil im Abschlussbericht der Kommission gab. Sein hartnäckiges Engagement war offensichtlich zu weitreichend für einige Gestalten. Er hatte geradewegs in ein Wespennest gestochen. Trotzdem man ihn versuchte, öffentlich zu diffamieren und sogar offen zu bedrohen, brachte er es bis zum Prozess und auf zwei Bücher zum Thema. Mehr als die Öffentlichkeit aufzurütteln, konnte er aber nicht bewirken, der Prozess gegen einige der mutmaßlichen Verschwörer endete aufgrund einer formaljuristischen Spitzfindigkeit mit einem – recht zweifelhaften – Freispruch. Auf diesem Stoff basierend, schuf Oliver Stone 1992 den Film „JFK – Tatort Dallas“ mit Kevin Costner in der Hauptrolle, der kurioserweise schon im Vorfeld durch eine Hetzkampagne niedergemacht wurde, jedoch das Interesse am Mordfall Kennedy in der Öffentlichkeit wieder entfachte.

Garrisons geradezu inquisitorischem Ermittlungseifer damals und auch dem ambitionierten Film Oliver Stones ist es jedoch zu verdanken, dass die amerikanische Regierung heutzutage immerhin – gezwungenermaßen zwar – „die Möglichkeit eines Komplotts“ offiziell einräumt, jedoch weiterhin stur an Oswald als Täter festhält – allen gegenteiligen Indizien, die in all den Jahren auftauchten und zusammengetragen wurden, zum Trotz. Der Mord und die weitreichende Vertuschung der Vorgänge sind längst Legende und alle Sachverhalte bei weitem nicht zufrieden stellend geklärt, nicht zuletzt deswegen, weil aufschlussreiche Akten weiterhin unter fadenscheinigen Vorwänden von offizieller Seite unter Verschluss gehalten werden. Das Mauern geht also auch jetzt, vierzig Jahre nach dem Attentat, munter weiter.

_Qui Bono – Kritik_
Die Konsequenzen des Anschlags ziehen bis zur Jetztzeit ihre Kreise und selbst einige der heute im Amt Sitzenden waren damals schon offensichtlich mehr oder weniger involviert. George Herbert W. Bush Senior beispielsweise. Das jedenfalls recherchiert Hesemann aus Akten aus der aktiven CIA-Zeit des Ex-Präsidenten und Daddys des aktuellen Chefs des Weißen Hauses. Obwohl es mittlerweile ja en vogue ist, auf den Bush-Clan einzuprügeln, nimmt dieses Kapitel nicht viel Platz ein. Bush Senior war wohl nur ein kleines Rad im Getriebe der damaligen Vorgänge – eins von vielen. Als treibende Kraft hinter allem macht Hesemann hauptsächlich die CIA und auch andere Gruppierungen aus, die sich zusammenschlossen, um den bei ihnen so verhassten liberalen Präsidenten über die Klinge springen zu lassen. Genüsslich zerpflückt er die Einzeltäter-Theorie und nimmt CIA, Mafia, Waffenlobby und die Exilkubaner aufs Korn– ja selbst die Freimaurer kriegen ihr Fett weg. Letzteres ist ein recht neuer Aspekt und gar nicht mal so abwegig, muss aber heikle Spekulation bleiben. Dennoch interessant hergeleitet.

Den anderen Aspiranten auf die Täterschaft kann man mit belegbaren Facts schon eher zu Leibe rücken, viel Neues hat Hesemann aber nicht zu bieten – die meisten Erkenntnisse stützen sich auf die Ermittlungsarbeit von Jim Garrison und rekapitulieren sie nur noch einmal zusammenfassend. Zeugenaussagen, Protokolle und der berühmte „Zapruder“-Film (benannt nach Abraham Zapruder, der das Attentat mit seiner Super8-Kamera filmte, dessen Bilder später um die Welt gingen) sind unlängst bekannt, wenn auch vielleicht nicht in unseren Landen. Vieles von dem, was er schreibt, kommt in dieser oder abgewandelter Form auch im oben erwähnten Film von Oliver Stone vor, den Hesemann auch mehr als einmal lobt – da gebe ich ihm Recht, der Film ist um einiges verdaulicher als die Literatur. Nicht dass der Schreibstil etwa langweilig wäre, nein, es ist nur verdammt schwer, die ganzen Namen der Beteiligten keinem Gesicht zuordnen zu können. Es gibt eine Menge Namen und Ämter zu verdauen, quasi ein Who-is-Who aus Wirtschaft, Politik und Geheimdienst dieser Zeit. Oftmals verwirrend für jemanden, der sich noch nie zuvor damit auseinander gesetzt hat und somit, denke ich, recht schwere Kost.

Hesemann verknüpft aber auch die derzeitige Großwetterlage Amerikas mit den damaligen Ereignissen, sind doch viele der Handelnden ehedem zu Amt und Würden gelangt und haben den Lauf der Geschichte in der Folge maßgeblich beeinflusst. Ein vordergründig ziemlich wackeliges Argument, denn jede geschichtliche Begebenheit zieht unweigerlich einen Rattenschwanz an Kausalitäten hinter sich her, inwiefern das steuerbar ist, sei dahingestellt. Erstaunlich jedoch, abgesehen vom Wie, dass die alten Seilschaften (oder deren Zöglinge) zum Teil immer noch an den Fäden ziehen bzw. in Machtpositionen sitzen; Kennedys Beseitigung hat diese Entwicklung auf jeden Fall begünstigt und beschleunigt – wenn nicht gar erst ermöglicht -, insofern muss man ihm beipflichten. Unstrittig ist auch die These des Komplotts, denn eine solche Vertuschungsaktion entspricht nicht der Handschrift eines verblendeten Einzeltäters, sondern erfordert eine Menge Leute und setzt eine komplizierte Planung, Logistik und hohe Machtposition voraus, etwas in diesem groß angelegten Stil durchzuziehen. Die Indizien, die gegen Oswald als Todesschützen sprechen, waren und sind erdrückend. Das dokumentiert Hesemann auch mit zahlreichen Quelltexten, Fotos und Schaubildern, die trotz ihrer Brisanz bemerkenswerterweise frei zugänglich sind und zum Nachdenken anregen.

_Status Quo – Fazit_
Durch die Gnade der späteren Veröffentlichung im Jahre 2003 ist das Buch natürlich um einige Erkenntnisse reicher als ältere Publikationen und illustriert, wie Verschleierungstaktik seit jeher zur amerikanischen Politik gehörte und gehört. Notfalls geht man dabei auch über die Leiche des eigenen Präsidenten. Diese Einsicht ist nicht gerade neu und wird zähneknischend nun auch von offizieller Seite bestätigt – halbwegs jedenfalls. Publikationen wie diese geraten schnell unter Beschuss und der Grat zwischen Phantasterei und wirklicher Enthüllung ist denkbar schmal. Hesemann geht den sicheren Weg und resümiert hauptsächlich den Tathergang und Hintergründe, wie sie allgemein hin schon als erwiesen angesehen werden – basierend auf der Vorarbeit von Jim Garrison – und reichert die ohnehin dichte Indizienkette gegen die Verschwörer mit einigen eigenen Theorien an. Die leitet er gut her, sie entbehren nicht einer gewissen Logik. Letztendliche Gewissheit aber kann man wohl nur erlangen, wenn die derzeit noch unter Verschluss gehaltenen Akten tatsächlich irgendwann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Wenn. So sicher ist das nämlich nicht. Unterm Strich bleiben eine sehr detaillierte Zusammenfassung zum aktuellen Stand der Dinge im Mordfall Kennedy und eine prima Ergänzung/Nachschlagewerk zum Film Oliver Stones.

Follett, Ken – Kinder von Eden, Die

Kann der Mensch ein Erdbeben produzieren? Was recht unwahrscheinlich klingt, geschieht in Kalifornien: Eine Sekte von Späthippies fordert damit den Gouverneur heraus, um den Bau eines Staudamms zu verhindern, der ihr Tal überfluten würde. – Eines von Follets schwächeren Werken, aber stellenweise dennoch spannend und sogar apokalyptisch.

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Sein letzter Roman ist 2003 bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg.

_Die Sprecherin _

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“), hat bereits mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ gesprochen. Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

_Handlung_

Rick Granger, der sich in der Sekte „Priest“ nennt, und seine Geliebte Stella Higgins, genannt „Star“, stehlen einer Bergbaufirma einen sogenannten „seismischen Vibrator“. Mit diesem 18-Tonnen-Gefährt lassen sich künstliche Erdbeben erzeugen, deren Vibrationen von den Erdschichten zu Geo-Sensoren weitergeleitet werden. So lassen sich Vorkommen von Bodenschätzen wie etwa Öl und Gas entdecken. Bei diesem Diebstahl begeht Priest allerdings einen Mord: Der Fahrer des Riesenlasters war misstrauisch geworden.

In Nord-Kalifornien angekommen, versteckt Priest den Laster in der Nähe der Kommune, die einen Weinberg bewirtschaftet und den Ertrag verkauft. Doch das Tal soll einem Staudammprojekt zum Opfer fallen. Um dies zu verhindern, hat eine kleine Gruppe der Kommune dem Gouverneur des Staates ein Ultimatum von vier Wochen gestellt – sonst werde man ein Erdbeben auslösen. Die vier Wochen sind natürlich ergebnislos verstrichen, und so muss Priest zur Tat schreiten.

Natürlich eigent sich nicht jeder beliebige Flecken Erde für die Auslösung eines Bebens. Doch die Seismologin Melanie Kirkus, die sich der Kommune – und Priest als Zweitfrau – angeschlossen hat, hat von ihrem Mann, dem Professor Michael Kirkus, entsprechende Daten gestohlen. Mit deren Hilfe findet sie einen geeigneten Ort in der Nähe der berühmten San-Andreas-Spalte: Das Beben, das der seismische Vibrator auslöst, ist zwar nicht mächtig oder gar verheerend, beunruhigt aber die Anwohner der relativ einsamen Gegend. Das FBI wird aufmerksam. Priest setzt das nächste Ultimatum: noch sieben Tage!

Auftritt Judy Maddox, FBI-Agentin, die zum Opfer des Intrigenspiels ihrer männlichen Kollegen geworden ist. Sie findet sich plötzlich mit einem relativ hoffnungslos aussehenden Fall konfrontiert: Inlands-Terroristen wollen den Gouverneur mit einer völlig schwachsinnigen Drohung erpressen, einem künstlichen Erdbeben. Doch sie wird eines Besseren belehrt: Ihr Sprachforscher sagt ihr, dass die Drohbotschaft ernst zu nehmen sei, und die Meldung aus dem entlegenen Erdbebengebiet sagt ihr, dass die Terroristen ihre Forderung wahr gemacht haben.

Auf eigene Faust setzt sie sich auf die Fährte von Priests Gruppe und stößt beim Experten Michael Kirkus auf interessante Informationen sowie auf den Begriff „seismischer Vibrator“. Schon bald kann sie anhand von Beobachtungen ein Phantombild von Priest anfertigen: „Richard Granger“ war früher in der Unterwelt von San Francisco tätig und ist Analphabet.

Doch auch Granger ist nicht untätig: Er hat sich einen optimalen Ort für das nächste Beben ausgesucht: eine Autobahnbrücke, eine Gasleitung und eine Zugstrecke überschneiden sich an einem geeigneten Ort. Judy hat zwar einen schnellen Helikopter, aber kann sie noch rechtzeitig eintreffen, um den Terroristen von seinem nächsten Anschlag abzuhalten, der wahrscheinlich eine Katastrophe auslöst?

_Mein Eindruck_

Anders als in dem etwas langwierig vorgehenden Roman geht es im Hörbuch sofort zur Sache: Diebstahl, Mord, mehrere Erdbeben, später Sex zu Dritt und Verrat in der Kommune. Ganz offensichtlich ist die Handlung des Audiobooks auf Action und Nervenkitzel getrimmt. Die besten Szenen entfalten sich jedoch in Cinemascope vor dem geistigen Auge des Zuhörers: die markerschütternden Erdbeben, die der seismische Vibrator auslöst.

Es kommt zu mehreren Showdowns, bei denen Judy leider immer wieder den Kürzeren gegenüber dem gewitzeren Priest zieht. Mehrere Helikopter werden daher geschrottet, bevor die wackere FBI-Agentin den Oberschurken in die Finger bekommt und ihm ein Ding verpassen kann – bis zur nächsten Überraschung.

Würde Ken Follet so schreiben wie Dan Simmons in seinem superben Thriller „Darwin’s Blade“, dann wäre dieses Audiobuch ein echter Actionkracher. Doch Follet will mehr: Gesellschaftskritik. Am terroristischen Werk sind ja weder Russen noch Mafia beteiligt, sondern eigentlich idealistische Blumenkinder, die leider von einem Ex-Kriminellen mit enormem Charisma angeführt werden.

Doch auch der „Priest“ – nomen est omen – sieht sich Verrat gegenüber. Denn je brutaler sein Druck auf den Staat und seine Behörden wird, desto stärker werden jene Kräfte in der Gruppe, die den inneren Zerfall beschleunigen: Sie fühlen sich schuldig und können den Gedanken an die Opfer ihrer Anschläge nicht ertragen. Schließlich kann selbst Priest nicht mehr seine getreuste Jüngerin, Melanie Kirkus, bei der Stange halten und muss zu drastischen Maßnahmen greifen.

Dieser psychologische Aspekt kommt also trotz all der Action nicht zu kurz, genauso wenig wie auf der Gegenseite, bei Judy Maddox und ihrem Kreis, der jedoch Oberwasser bekommt. Doch die Gesellschaftskritik Follets, zu der er sich hier hinreißen lässt (wie vielleicht schon in „Die Säulen der Erde“), konzentriert sich auf den Umgang der Staatsgewalt mit den vermeintlichen „Terroristen“ und anderen „Milizen“, die ohne Federlesens vom FBI und Anti-Terror-Einheiten plattgemacht werden, ohne sie je nach ihren Motiven zu fragen. Follet bringt uns allerdings zu der Frage, ob diese Mittel als Antwort auf die Gewaltmittel der Abweichler gerechtfertigt und angemessen sind: Andere Meinungen sind nicht gefragt, Demokratie adieu!

_Die Sprecherin _

Franziska Pigulla kann eine große Bandbreite ihrer stimmlichen Darstellungsmittel einsetzen. Manchmal merkt man durchaus, dass sie über „Berliner Schnauze“ verfügen kann, wenn man sie lässt. Das klingt durch, wenn Priest seine MitstreiterInnen anschnauzt, sie sollten gefälligt vernünftig werden – ganz besonders gegen Schluss.

Aber in den Liebes- und Sexszenen, die es erstaunlicherweise ebenfalls gibt, kann sie ihre samtweiche Seite hervorkehren und mit großer Sanftheit Busen und Schenkel beschreiben. Intensiver wird dieser Aspekt, wenn Melanies Sorge um ihren asthmakranken Sohn Dusty zur Sprache kommt: Dusty kann bei der Sekte, die in den Bergen lebt, einwandfrei atmen, kriegt aber in San Francisco regelmäßig Anfälle – ein weiterer Punkt, an dem Follets Kritik ansetzt, ist die Umweltverschmutzung – Staudämme sind nur eine weitere Eskalation der allgemeinen Umweltzerstörung, die die kalifornische Regierung betreibt. Doch Energiemangel ist dort ein ständiges Problem – nicht erst seit dem großen Blackout 2002.

_Unterm Strich_

Natürlich ist auch dieser Thriller im Grunde ein Katz-und-Maus-Spiel. Doch die Katze (Judy Maddox) hat beileibe nicht alle Trümpfe in der Hand und wird zudem von Chauvis behindert. Und die Mäuse sind ihr die meiste Zeit mehrere Schritte voraus und bewerkstelligen ihre Anschläge. Folglich muss es zu mehreren Showdowns kommen, die selbst in der gekürzten Hörbuchfassung spannend vorbereitet und sogar in apokalyptischen Farben geschildert werden.

Doch die Grundidee, mit technischem Gerät künstliche Erdbeben zu erzeugen und so den Staat zu erpressen, strapaziert die Gutgläubigkeit des Durchschnittslesers doch beträchtlich. Und die Zustände und Vorgänge in der Kommune genügen den meisten Klischees, die man sich über Poona und Sektenführer anlesen kann. Das ist ebenfalls nicht besonders überzeugend. Im Vergleich etwa zu „Nacht über den Wassern“ nimmt der Zuhörer wesentlich weniger Anteil an den Figuren in der Kommune, mit denen wir eigentlich Sympathie fühlen sollen. Dagegen erscheint Judy Maddox als aufrechte Streiterin für das Gesetz wesentlich attraktiver. Zum Lohn ihrer Mühe bekommt sie schließlich den „Jungen“ ab: einen richtigen Professor.

Mein Tipp: Zurücklehnen und die Action genießen, denn die ist das Beste an diesem Hörbuch.

Umfang: 355 Minuten auf 5 CDs

_Michael Matzer_ © 2003ff

Fleischhauer, Wolfram – Buch, in dem die Welt verschwand, Das

Eines Wintertages im Jahre 1780 wird der junge Arzt Nicolai Röschlaub aus Nürnberg vom Kammerherrn Selling in das Schloss des Grafen Alldorf gerufen, der seit längerer Zeit unpässlich ist. Röschlaub findet den Adligen tot, vergiftet – ein Selbstmord, nachdem Alldorf die Qualen einer mysteriösen Krankheit nicht länger ertragen konnte. Vor ihm waren ihr schon sein beiden Kinder und die Gattin zum Opfer gefallen.

Aus einer Tragödie wird ein Skandal, als sich herausstellt, dass Alldorf im großen Stil Immobilienschwindel und Kreditbetrug betrieben und eine ungeheuerliche Geldsumme zusammengetragen hat, die nach seinem Tod verschwunden ist. Offenbar gehörte der Graf einer obskuren Geheimorganisation an, die Übles gegen den Kaiser plante.

Bald ist Röschlaub wieder im Schloss. Der gefürchtete Giancarlo Di Tassi, Justizrat des Reichskammergerichts zu Wetzlar, hat sich des Falls angenommen. Gerade hat man den inzwischen verschwundenen Selling aufgefunden: grausam ermordet und verstümmelt, zu Füßen der Leiche eine bewusstlose Frau, die alles mit ansehen musste. Magdalena Lahner ist für den notorisch misstrauischen Di Tassi sehr verdächtig. Um sie, in die er sich umgehend verliebt, zu schützen, aber auch um seine Karriere in Gang zu bringen, lässt sich Röschlaub als Berater des Justizrates anwerben. Freilich hat er keine Ahnung, dass dieser auch ihn für einen Komplizen des Grafen hält.

Gemeinsam untersuchen Di Tassi und Röschlaub eine Serie seltsamer Postkutschen-Überfälle: Nichts wird geraubt, nur die Kutschen samt Ladung in Brand gesteckt. Es ergibt sich ein Muster: ein gigantisches, auf den Kopf gestelltes Kreuz, das ganz Deutschland erfasst! Aber das ist nur eines der unzähligen Rätsel, vor das sich die Ermittler gestellt sehen. Hinter jedem Mysterium tut sich ein neues Geheimnis auf. Für Röschlaub wird aus Spiel Ernst, als er erkennt, dass auch Di Tassi keineswegs der ist, für den er sich ausgibt. Gemeinsam mit Magdalena flieht er vor dem übermächtigen Feind, um nun selbst der Sache auf den Grund zu gehen – doch wer ist eigentlich Magdalena, die so viel mehr weiß als sie bisher zugab …?

Die gerade skizzierte Handlung gibt nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens wieder. „Das Buch, in dem die Welt verschwand“ weist einen komplexen (und komplizierten) Plot auf, der manchmal hinter diversen Erzählsträngen schwer zu erkennen bleibt. So ist es freilich vom Verfasser geplant: Seine Geschichte dreht sich weniger um die Macht obskurer Geheimbünde, sondern mehr um die Kraft oder die Ohnmacht von Ideen.

Als reine Kriminalstory mit Mystery-Touch funktioniert „Das Buch …“ über drei Viertel seines Umfangs fabelhaft. Selten liest man – zumal in Deutschland – ein Werk, das so geschickt konstruiert und elegant geschrieben wurde. Der Fan des Genres wird nicht vermissen, was er (oder sie) so liebt: Illuminaten, Rosenkreuzler & andere kapuzinierte Munkelmänner, Meuchelmörder, Räuber, Verschwörer, Geheimagenten, Intriganten, eine Maschine zum Sternenstaubsammeln, das alles dargeboten in der Welt des Jahres 1780. Jede Person spielt ein doppeltes, dreifaches Spiel, niemandem kann getraut werden, eine Hitchcocksche Atmosphäre des Misstrauens ist allgegenwärtig.

Es macht Freude diesen Thriller zu lesen, der sich so geschickt einer vergangenen Zeit zu bedienen weiß. Das alte Deutsche Reich in seinen letzten Zügen, ein seltsames Konglomerat aus unzähligen mittelgroßen, kleinen und kleinsten Fürstentümer und Kirchenstaaten, freien Städten und Abteien, in ihrer Gesamtheit notdürftig als „Deutschland“ unter einen Hut gebracht, tatsächlich aber hoffnungslos untereinander konkurrierend, sich verbündend, streitend … Das Leben muss vor allem für den, der viel reiste, ein Albtraum gewesen sein. Fleischhauer lässt seinen Nicolai Röschlaub diese Erfahrung mehr als einmal machen.

Viele Ereignisse knüpfen an diesen seltsamen territorialen Flickenteppich an, können sich nur hier so abspielen. Die oft bizarren Auswirkungen wirken in diesem Umfeld ganz natürlich, zumal Fleischhauer sein Wissen um die Vergangenheit nie aufdringlich doziert, sondern unauffällig in die Geschichte einfließen lässt. Das gilt ebenso für die politischen, religiösen oder wissenschaftlichen Entwicklungen dieser Epoche. Wir erkennen rasch, wieso der Autor sein Garn gerade gegen Ende des 18. Jahrhunderts spielen lässt.

Dies ist die Nahtstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Absolutismus und Aufklärung. Auf der einen Seite symbolisiert das Deutsche Reich noch das Mittelalter mit seiner Adels- und Kirchenherrschaft, seinen Glauben an Geister und Hexen, an die Unwandelbarkeit der Welt. Auf der anderen Seite steht die neue Zeit, deren Repräsentanten sich nicht mehr mit der alten Ordnung abfinden wollen. Die Wissenschaft schreitet voran, politisch weht in Preußen und besonders in Frankreich ein frischer Wind. Die Kirche kann ihre Vormacht nicht mehr halten, die Protestanten sind eine Macht geworden, die sich gegen Rom zur Wehr setzen kann.

Alle Fixpunkte der (deutschen) Existenz sind ins Rollen und Rutschen geraten. Um die Konsequenzen geht es in diesem Roman. Die Vertreter der alten Ordnung kämpfen gegen ihre Angst, dass deren Untergang das Ende der Welt einläuten wird, und natürlich für ihre Privilegien. Dagegen verlangen die Repräsentanten der Moderne den rigorosen Schnitt mit der Vergangenheit, der ihrer Meinung nach der Menschheit den Start in eine glanzvolle Zukunft ermöglichen wird.

„Das Buch, in dem die Welt verschwand“, verfasst vom Philosophen Immanuel Kant, ist Fleischhauers Symbol für den daraus erwachsenen Konflikt. Die Auflösung der unzähligen Geheimnisse wird viele Leser verwirren. Ihre Irritation entsteht aus Unwissen. Kann denn eine Idee eine ganze Welt aus den Angeln heben? Die Angst davor Menschen umbringen? Es fällt schwer nachzuvollziehen, dass dies wirklich geschehen ist. Zwar überspitzt Fleischhauer aus Gründen der Dramatik die reale Historie, doch es ist eine Tatsache, dass schon das Deutschland von 1835 – dem Datum der Rahmenhandlung – keine Ähnlichkeit mehr mit dem Deutschland von 1780 aufweist. Letzteres ist nach Fleischhauer in der Tat in einem Buch verschwunden – eine interessante, ungewöhnliche Interpretation, die nachhaltiger wirkt als das übliche Schlussgemetzel zwischen „Gut“ und „Böse“.

Nicolai Röschlaub, unser „Held“, ist in vielerlei Hinsicht ein reiner Tor. Er ist keineswegs dumm, aber sehr naiv. Mit anderthalb Beinen steht er bereits in der neuen Zeit. Die Ränken in Politik und Gesellschaft sind ihm fremd, für ihn steht die unverfälschte Wahrheit im Vordergrund. Deshalb hat er mit seinen eigenen medizinischen Forschungen kläglich Schiffbruch erlitten – nicht weil er falsch liegt, sondern weil er nicht über das diplomatische Geschick verfügt, diese Wahrheit über die richtigen Kanäle zu verbreiten.

Aber echter Forschergeist lässt sich nie wirklich unterdrücken. Bald spürt Röschlaub neuen Krankheitserregern nach. Dieses Mal bleibt er bis zum bitteren Ende dabei. Das widerstrebt seinem eigentlichen Wesen, aber es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig. Siehe da, in der Krise entwickelt Röschlaub Überlebensqualitäten. Und zuletzt ist er es, der das Geheimnis des Buches nicht nur entdeckt, sondern überlebt und sogar profitiert.

Magdalena scheint zunächst die übliche weibliche Hauptrolle an der Seite von Röschlaub zu spielen. Auch hier durchbricht Fleischhauer das Klischee: Das angebliche Opfer entpuppt sich als religiöse Fanatikerin und gehört auf ihre Art in dasselbe Lager des Feindes wie Di Tassi. Beide wollen sie die alte Ordnung – ihre alte Ordnung – retten, fürchten sich vor einer Zukunft, die sie nicht mehr lenken, in der sie nicht mehr bestimmen können.

Wobei Di Tassi die politische Reaktion repräsentiert. Er spielt viele Rollen, dient aber letztlich dem Kaiser, das heißt dem Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dessen pompöser Titel mit der traurigen Realität kaum noch etwas gemein hat. Fortschritt ist für Di Tassi per se gefährlich und muss aufgehalten werden. Als ihm das nicht mehr gelingt, verschwindet er spurlos aus unserer Geschichte.

Wolfgang Fleischhauer wird am 9.Juni 1961 in Karlsruhe geboren, wo er bis zu seinem Abitur 1974 lebte. Anschließend studierte er Literatur in Deutschland, Spanien, Frankreich und den USA. Dort schrieb er sich in diverse Kurse für kreatives Schreiben ein. Nach langjährigen Recherchen entstand 1996 „Die Purpurlinie“, ein historischer Thriller, der Kritiker und Leser sind gleichermaßen begeisterte.

Mit „Die Frau mit den Regenhänden“ blieb Fleischhauer dem Genre 1999 treu. Er wurde für sein Werk mit dem dritten Platz des Deutschen Krimipreises 2000 (Sparte „National“) ausgezeichnet. Im Sommer 2001 erschien „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“, ein in Südamerika spielende Geschichte um Liebe und Verrat, Macht und Politik.

Fleischhauer lebt in Brüssel und arbeitet als Konferenzdolmetscher bei der EU-Kommission.

Rudolf Kreis – Wer schrieb das Nibelungenlied? Ein Täterprofil

Die gegenwärtige Weltlage lädt förmlich dazu ein, das Nibelungenlied als Beispiel zu nehmen, um aufzuzeigen, welches Ende blutrünstige Rachefeldzüge nehmen können. Die Situation vor 800 Jahren war der heutigen recht ähnlich, es war die Zeit der Kreuzzüge der Christen gegen den Islam und die Juden. Diese Parallele nimmt der Autor Rudolf Kreis zum Anlass, den unbekannten Dichter des Nibelungenliedes zu entchristianisieren und in ihm einen Juden bzw. dem Judentum Nahestehenden zu vermuten. In Worms verfügte die jüdische Bevölkerung damals über die gleichen Rechte wie die eigentlichen Bürger auch. Die rabbinische Gelehrsamkeit strahlte stark auf die christliche Theologie ab. Für das europäische aschkenasische Judentum war Worms das „Jerusalem“ des Westens. Seit dem 9.Jahrhundert kontrollierten die jüdischen Kaufleute von Worms den Fernhandel mit dem Orient bis Indien und China. Neben der Synagoge existierte eine Talmudschule von überregionalem Rang, der den der bis dahin führenden Hochschule von Babylon übertraf.

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Pringle, Heather – Mumien-Kongress, Der. Reise in die Welt des ewigen Todes

„Der Kongress“ ist es, der die Wissenschaftsjounalistin Heather Pringle anfänglich in den Bann zieht. Genauer gesagt ist es der „3. Weltkongress der Mumienforschung“, an dem sie auf der Suche nach Berichtenswertem im fernen chilenischen Arica als Zuhörerin teilnimmt. Aus der ganzen Welt sind kluge Männer und Frauen zusammengekommen, um über künstlich oder zufällig konservierte Leichen und deren Aussagewert für die Wissenschaft zu diskutieren.

Pringle erwartet, an einen unheimlichen Ort voller Sonderlinge zu geraten. Dies bestätigt sich voll und ganz, aber nach kurzer Zeit ist sie den Mumien trotzdem gänzlich verfallen: Ihrer morbiden Faszination kann offenbar niemand widerstehen. Die Mumienforscher entpuppen sich zudem bei aller Verschrobenheit als liebenswürdige, kontaktfreudige Menschen, die gern über ihre Arbeit Auskunft geben.

So beschließt Pringle, sich nach dem Besuch in Arica nicht sogleich anderen Themen zu widmen, sondern sich echten Eintritt in die Welt der Mumien zu verschaffen. Sie beschließt dort damit zu beginnen, wo aus Laiensicht alles begann: im alten Ägypten. „Das Messer des Pathologen“ beschreibt zum einen die Grundlagen der Mumifizierung. Es ist gar nicht so leicht Menschenfleisch wirklich haltbar zu machen. Längst sind die diesbezüglichen Geheimnisse nicht alle gelöst. Eine Gruppe von Forscher studiert den Prozess und sein Objekt am Ergebnis selbst, d. h. an der Mumie. Die wird zu diesem Zweck wie eine x-beliebige Fundleiche auf den Untersuchungstisch gehievt, um anschließend nach allen Regel ärztlicher Kunst auseinandergenommen zu werden. Die Einzelteile werden anschließend à la „CSI“ mit moderner Labortechnik untersucht.

Erstaunliches kommt dabei ans Licht. Mit ein gutes Argument gegen jene, die sich gegen die Störung der Totenruhe aussprechen – Mumien waren schließlich einst Menschen, die viel Zeit & Geld in ihre körperliche Unsterblichkeit investierten -, ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier, sondern der „allgemeine Nutzen“. So ist auch das moderne Ägypten ein von fiesen Wasserparasiten geplagtes Land. Deren Lebenskreislauf ist unerhört kompliziert. Eines steht fest: Eine fest eingeplante Station ist der Mensch. Die unglücklichen „Wirte“ verenden an grausigen Krankheiten, die sich nach wie vor nicht heilen lassen. Es gilt mehr über diese uralten Geißeln der Menschheit zu erfahren – und uralt sind sie wirklich, denn sie lassen sich in Mumien nachweisen und so besser erforschen.

„Drogenbarone“ überschreibt Pringle provokativ das nächste Kapitel. Mumienforscher sind keineswegs ein einig‘ Volk gemeinsam studierender Brüder & Schwestern. Eifersüchtig hüten sie ihre „Claims“, verteidigen ihre Theorien, befehden einander. Einen Aspekt dieses an sich gesunden, die Diskussion in Gang haltenden Verfahrens greift Pringle auf, als sie das Rätsel auffälliger Kokain- und Tabaknachweise in Mumiengewebe beschreibt. Gab es etwa urzeitliche Verbindungen zwischen Altägypten und Südamerika?

Mumien sind das ideale Objekt für „Kriminalgeschichten“. Sie konservieren oft unabsichtlich die Geschichte eines gewaltsamen Todes. Überall auf der Welt werden mumifizierte Männer und Frauen gefunden, die man erdrosselt, denen man den Hals durchgeschnitten oder die man sonstwie zu Tode gebracht hat. Dies übrigens auch im kalten und feuchten, dem Mumienbau ansonsten eher abträglichen Mitteleuropa, wo es die berühmten Moorleichen sind, die das Interesse späterer Generationen finden. Mord oder Menschenopfer, das ist hier die Frage, die sich zwar schwierig, aber doch häufiger als gedacht beantworten lässt.

Das Sprichwort vom Kehren (unangenehmer) Beweise unter den Tisch lässt sich auch auf die doch scheinbar harmlosen, weil von Äonen in einer völlig fremden Urwelt entstandenen Mumien anwenden. Sie können urplötzlich wieder sehr präsent werden, wenn moderne Politik und Religion ins Spiel kommen. Die Volksrepublik China ist ein großes und mächtiges, aber auch empfindliches Land. Kommunistisches Unrecht beim Aufbau einer „neuen, besseren Welt“ haben nicht die Zustimmung des Auslands gefunden. Deshalb achten die Machthaber sehr auf die Wahrung ihrer Ansprüche. Die Realität wird dem nicht selten angepasst. Das gilt auch für die Vergangenheit. So ist man im „offiziellen“ China sehr stolz darauf, deutlich früher und aus eigener Kraft als die viel gerühmten europäischen Länder zur Kulturnation aufgestiegen zu sein. Da ist es peinlich, dass unlängst sehr gut erhaltene Mumien entdeckt wurden, die eine andere Sprache sprechen. Bisher unbekannte „Eindringlinge aus dem Westen“ sind vor vielen tausend Jahren aus Europa nach Asien gekommen und haben dort viele der großen Erfindungen, derer man sich dort heute rühmt, erst eingeführt – ein prekäre Situation, die den Mumienforschern sehr zu schaffen macht, da sie mit Unterstützung unter diesen Umständen kaum zu rechnen haben.

Vor gar nicht so langer Zeit war dies allerdings auch im „freien“ Westen der Welt kaum anders. Pringle erzählt traurige Geschichten von „Wissenschaftlern“, die mit Hilfe der Mumien die geradezu biblische Überlegenheit der weißen „Herrenrasse“ belegen wollten. Wie üblich setzen die Nazis den traurigen Höhe- und Schlusspunkt dieser breiten Sackgasse.

Sie möchten im Wohnzimmer ihren Freunden eine getrocknete Königstochter präsentieren? Vielleicht reicht auch ein Kaminaufsatz aus geschmackvoll arrangierten Kinderköpfen? Oder wie wäre es gegen Unwohlsein und Alterswehwehchen mit einem Tee aus Mumienpulver? Damit lassen sich übrigens auch tolle Bilder malen! Vor kaum einem Jahrhundert war die Erfüllung solcher Wünsche kein Problem; der kultivierte Europäer, der nicht ins schmutzige und heiße Ägypten reisen wollte, konnte sich Mumien sogar bestellen. „Mumienhändler“ traten in vielen Gestalten auf – und sie tun es sogar noch heute, obwohl das Gewerbe gefährlich geworden ist.

So mancher Zeitgenosse schafft es erst nach dem Tod, in den erlauchten Kreis der „Berühmtheiten“ aufgenommen zu werden. „Ötzi“ aus Tirol beweist, dass sogar potthässliche Mumien zu echten Kultstars aufsteigen können. Das gilt noch viel mehr für die berühmten Inkakinder-Mumien aus Südamerika. Eine Laune der Natur ließ sie sich manchmal erschreckend gut erhalten – erschreckend deshalb, weil prompt konkurrierende Gruppen um die Toten zu raufen beginnen. Pringle schildert das (Zwerchfell) erschütternde Gezerre zwischen Entdeckern, Mäzenen, Regierungen, Medien und Moralaposteln im Fall „Juanita“, der vielleicht prominentesten Inkamumie.

Mumien in Europa? Die Moorleichen haben wir schon kennengelernt. Aber es gibt auch echte Mumien – und sogar einen eigenen Begriff für sie: „Die Unvergänglichen“ sind Männer und Frauen, auf die ihre Zeitgenossen auch im Tode einfach nicht verzichten wollten. Also wurden sie konserviert und in ihrer Mitte platziert. Die Katholische Kirche hat sogar einen regelrechten Kult um ihre „Heiligen“ betrieben, die im Leben so fromm waren, dass sie im Tod kein Wurm anzubohren wagte. Pringle weist nach, dass hierbei recht oft kräftig und wenig ehrerbietig nachgeholfen wurde.

Aber das Mittelalter ist vorüber, die Menschen sind über solchen Reliquienkult hinaus? Pringle besucht in Moskau die kleine Gruppe hochqualifizierter Spezialisten, die nach wie vor die berühmteste Mumie der Jetztzeit in Schuss halten. Der Sowjetdiktator Lenin gehört zu den zahlreichen kommunistischen „Despoten“, die quasi als Heiligenersatz im 20. Jahrhundert mit ungeheuerlichem Aufwand konserviert wurden. Josef Stalin, Ho Chi Minh, Kim Il Sung – sie alle erfuhren diese Behandlung, doch nur Lenin hat sie „überlebt“.

Wie kam der Mensch vor Äonen auf den Gedanken, seine Verstorbenen vor dem Verfall zu bewahren? Die ältesten bekannten Mumien der Welt scheinen einen sehr verständlichen Grund zu offenbaren: Schon zweieinhalb Jahrtausende vor den Ägyptern schufen die chilenischen Chinchorro Mumien – sie präparierten so ihre „Kinder“ für die Ewigkeit. So begann womöglich die Mumifizierung: als Versuch untröstlicher Eltern, ihre Lieben auch im Tod bei sich zu behalten.

Und es geht weiter. Mumien sind längst nicht ausgestorben. Sie scheinen an Zahl sogar zuzunehmen. „Selbstkonservierung“ nennt Pringle ihr letztes Kapitel. Sie beschreibt darin die bizarre Praxis überfrommer japanischer Mönche, sich buchstäblich selbst bei lebendigem Leibe zu mumifizieren. Wer die Ewigkeit nicht als Wurmfutter, aber etwas bequemer betreten will, findet heute (bei ausreichend dicker Geldbörse) zahlreiche Alternativen. Pringle besucht bizarre Kühlhäuser, in denen sorgfältig tiefgefrorene Leichen auf eine mögliche Wiederauferstehung in ferner Zukunft warten. Wer es wünscht, kann sich aber auch auf altägyptische Weise, d. h. ganz klassisch mumifizieren und in Leinenbinden einwickeln lassen, womit sich der Kreis wohl geschlossen hätte.

Der Mensch und der Kult um seine Toten … ein unerschöpfliches Thema, das gleichzeitig fasziniert, erschreckt und abstößt. Dafür gibt es kaum ein besseres Symbol als die Mumie. Sie repräsentiert, was nach Auffassung zumindest der Bewohner der westlichen Erdhemisphäre lieber sorgfältig außer Sicht gehalten werden sollte. Aber so denken eben längst nicht alle Menschen, und selbst in Europa oder Nordamerika, wo der Tod heute vom Leben separiert wird, war es vor gar nicht langer Zeit ganz anders.

Leichen gehören zum Alltagsleben. Das kann groteske Formen annehmen, aber auch rührend wirken. Heather Pringle versucht das gesamte Spektrum des Mumienphänomens nachzuzeichnen. Sie hat dabei buchstäblich eine Weltreise unternommen und erstaunliche, erschreckende und – man vergesse nie, dass Leiden & Lachen Verwandte sind – erheiternde Fakten zusammengetragen.

Pringle nähert sich dem komplexen und schwierigen Thema nicht unvoreingenommen. Sie bekennt schon früh, dass sie Probleme mit Bereichen der Forschung hat. Mumien sollten ihrer Meinung nach erhalten werden – nicht als historische „Objekte“, sondern als Hüllen einst lebendiger Menschen, denen es wichtig war, gut konserviert in die Ewigkeit einzugehen. Nun landen sie auf dem Labortisch und werden zum Wohl der Wissenschaft in kleine Stückchen zerhackt.

Dieser Riss klafft sogar zwischen den Mumienforschern selbst. Es gibt heute schonende Untersuchungsmethoden, aber Praktiker schwören weiterhin auf das Pathologenmesser. Sie könnten Recht haben. Darf man sie aufgrund moralischer Vorbehalte stoppen? Oder sind Mumien doch nichts als wissenschaftlich hochinteressantes Aas? Eine schwierige Frage mit vielen Antworten, die längst nicht beantwortet ist.

Nur einmal verliert Pringle ihre Objektivität. „Kinder“, die Geschichte der Chinchorro-Mumien, gerinnt ihr zur rührseligen Gute-Nacht-Geschichte, für die sie vor ihrem geistigen Auge schluchzende Mütter materialisieren lässt, die eine Möglichkeit gefunden haben, ihre Kinder bis über den Tod hinaus lieben. Dass es dafür erforderlich wurde, die lieben Kleinen u. a. zu häuten, scheint Pringle in ihrem urzeit-paradiesischen Traueridyll nicht weiter zu irritieren. Auch fragt sich, was die Chinchorro den lieben langen Tag eigentlich sonst noch getrieben haben außer ihre aufwändigen Mumien zu basteln und auszubessern. Die zeitliche Distanz zur aufgeklärten Jetztzeit schützt Chinchorro offenbar vor solcher Kritik.

Den Pringleschen Schutz verlieren die mumifizierwütigen Mitmenschen, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Die Verfasserin setzt möglicherweise voraus, dass der Mensch mit den Jahren „klüger“ wird und folglich auch den Drang zur unbeschädigten Jenseitsfahrt überwunden haben sollte. Wieso eigentlich? Wir sollten froh darüber sein, dass dies tatsächlich so ist, und die wenigen Abweichler mit Nachsicht betrachten.

In einem hat Pringle freilich absolut Recht: Den Hightech-Mumien von heute wird es in der Zukunft nicht anders ergehen als ihren Vorgängern. Eines Tages wird man sie finden, beileibe nicht neu beleben, sondern wiederum neugierig untersuchen, ausstellen (ausrauben wird nicht mehr lohnen, da keine Beigaben im Kühlsarg liegen) und sich viele Gedanken um sie machen. Aber das ist seit jeher das kalkulierte Risiko bei der Sache gewesen.

„Der Mumienkongress“ ist hier und da zwar ein wenig parteiisch, aber stets sachlich, gut recherchiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Nicht das Thema muss den Leser fesseln, die Verfasserin schafft es selbst. Für den Gruselfreund gibt es eine Strecke mit gar zu detailscharfen Fotos. Sie belegen vor allem eines, was dem Laien vielleicht gar nicht deutlich ist: Unsere Vorfahren waren Realisten. Sie wussten, dass ihnen eine 1:1- Präparierung nicht möglich war. Die Mumifizierung war die beste Alternative. Sie erhielt den Körper, der als Gefäß für den Tag der Wiederauferstehung bereit stand. Dass er dann nicht mehr ansehnlich war, wussten sie und nahmen es in Kauf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Mumienporträts mustert: Sie zeigen eben keine in ewigem Schlaf erstarrte Menschen, sondern grässliche Fratzen. Wieder eine der unzähligen nützlichen Infos, die wir Heather Pringle verdanken.