Camilleri, Andrea – Kavalier der späten Stunde, Der

„Commissario Montalbano wundert sich“ lautet der Untertitel dieses Abenteuers des sizilianischen Originals Montalbano. Denn auch in seiner Heimat hofft man auf das schnelle Geld: Aktien, Spekulanten, Börse – hohe Gewinne verspricht Emanuele Gargano, der „Magier der Finanzen“. Doch nicht lange, denn plötzlich ist er verschwunden … Montalbano muss herausfinden, ob Gargano ein gemeiner Dieb – oder ebenfalls ein Opfer ist.

|Der Autor|

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Marinella, Vigàta und die Provinzhauptstadt Montelusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.)

Ein paar Montalbano-Krimis:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine
– Der Dieb der süßen Dinge
– Das kalte Lächeln des Meeres

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Wie alle anderen Camilleri-Hörspiele kommt auch dieses aus dem Hause des Südwestrundfunks (SWR). Die Hörspielbearbeitung erfolgte durch Daniel Grünberg, Regie führte Leonhard Koppelmann, die Musik steuerte Henrik Albrecht bei.

Den Commissario spricht Gerd Wameling, den Fazio Andreas Pietschmann. Auch Montalbanos Freundin Livia ist mit von der Partie, gesprochen von Frauke Poolmann. Als Erzähler fungiert Horst Mendroch. Es gibt noch etwa ein Dutzend weitere Sprechrollen, doch sie alle aufzuzählen, würde nur verwirren.

_Handlung_

Alles passiert schneller, kommt es Salvo Montalbano vor. Sogar der Sommer scheint ohne Pause in einen kalten Winter überzugehen, so eilig haben es die Jahreszeiten.

Diese Eile der modernen Zeiten hat sich offenbar auch Emanuele Gargano zunutze gemacht. Der Finanzmagier hat mit seiner Agentur „König Midas“ in nur sechs Monaten 15 Millionen Euro aus den Taschen der Rentner in der Umgebung von Vigàta gezogen, sie um ihre Lebensersparnisse gebracht. Dabei brauchte er ihnen lediglich vorzugaukeln, sie könnten bei ihm den schnellen Euro verdienen, bei einer astronomischen Rendite von 20 Prozent.

Nun ist der Ehrenmann Gargano seit vier Wochen verschwunden, und am Zahltag ist der Katzenjammer groß. Montalbano wird herbeigerufen, weil einer der Opas die Nerven verloren hat und mit einem Revolver herumfuchtelt. Der Geometer Garzulo will sein Geld zurück oder er schießt Garganos Sekretärin Mariastella Cosentino. Salvo behauptet unverfroten, der Finanzmagier sei bereits festgenommen worden und man werde das entwendete Geld bald zurückgeben. Er lässt sich den Revolver aushändigen. Wenig später rafft den alten Geometer nach seinem Wildwestauftritt ein Herzinfarkt dahin.

Als Montalbano von seinem Assi Fazio hört, dass Dottore Guarnotta die Ermittlungen im Fall Gargano aufgenommen hat, fällt er vor Lachen fast vom Stuhl. Guarnotta war Immobilienschwindlern auf den Leim gegangen, die das Colosseum in eine Luxuswohnanlage verwandeln wollten! Aus dieser Ecke sind wohl keine weltbewegenden Enthüllungen zu erwarten.

Während er mühselig herausbekommt, wie Gargano das anvertraute Geld veruntreut und ins Ausland geschafft hat, erfährt er, dass sogar die Köchin seines Lieblingslokals |Calogero| ihre Ersparnisse verloren hat. „Sie soll gerächt werden!“ versichert er ihrem Mann nach einem göttlichen Mahl.

Doch aus einer unerwarteten Richtung wirft ihm ein alter Widersacher Knüppel zwischen die Beine. Der Questore, also Polizeipräsident, hat einen anonymen (!) Brief erhalten, der Montalbano der Unterschlagung eines Sparbuchs mit dem Guthaben von 250.000 Euro bezichtigt. Das Sparbuch habe er der tunesischen Prostituierten abgenommen, deren Sohn François er außerdem „gestohlen“ habe. Wütend schickt er dem Questore die Bestätigung über die notarielle Hinterlegung des Sparbuchs, unterschrieben mit „Ein Freund“, der obligatorischen Signatur unter allen anonymen Briefen in Sizilien.

Nun ist Montalbano wirklich sauer. Er sehnt sich nach seinem alten Freund aus [„Der Dieb der süßen Dinge“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=316 an den ihn diese Jahre zurückliegende Geschichte erinnert hat. Doch der Baum ist zu seiner Überraschung gefällt und zum Sterben liegengelassen worden. Das bricht Salvo fast das Herz. Diesen Frevel konnte doch nur der Besitzer des geschmacklosen neuen Landhauses begehen, das hier errichtet wurde, oder? Salvo verwüstet das Haus – die beste Actionszene des Romans.

Am nächsten Morgen erfährt er, dass das Haus dem Gargano-Mitarbeiter Giacomo Pellegrino gehört, der ebenfalls seit Wochen verschwunden ist, angeblich auf einer Mission in Deutschland. Doch eine zweite Sekretärin Garganos, Michela Manganaro, berichtet Salvo, dass Pellegrino nur ein mickriges Gehalt gezahlt bekam. „Außerdem hatten die beiden etwas miteinander“, sagt die verführerische Lady, die zu Salvos Verwunderung keinen BH trägt. „Wer?“ fragt er. „Na, Gargano und Pellegrino waren schwul, verdammt!“ zischt sie und stiehlt sich vom Commissario einen Zungenkuss.

Nach diesen in jeder Hinsicht verblüffenden, ähem, Enthüllungen fährt Montalbano schließlich zu einem Verrückten. Der alte Antonino Tommasino ist zwar schon über siebzig und hat schlohweißes Haar, aber offensichtlich verfügt er noch über alle Tassen in seinem Schrank. Er hat Garganos Wagen am Rand der Klippen in der Nähe gesehen. Und es war um eine ungewöhnliche Tageszeit: Mitternacht!

Als Montalbano sich über den Rand der Klippe beugt und hinabschaut, trifft ihn die Erleuchtung wie ein Blitzschlag. Liegt die Lösung des Rätsels um Garganos Verschwinden etwa am Grunde des tiefen blauen Meeres?

_Mein Eindruck_

Die Verbindungen, die Camilleri zwischen moderner Eile und Spekulantentum herstellt, sind alles andere als beruhigend. Es geht nämlich im ganzen Buch um Wahnsinn.

Wahnsinn nimmt, wie der Autor und sein Held wissen, vielerlei Gestalt an. Mal handelt es sich um die landläufige Verrücktheit, wie sie dem alten Tommasino unterstellt wird, wenn er dreiköpfige Meeresungeheuer gesehen haben will. Doch das ist gar nichts gegen den Wahn, der viele Menschen befallen hat, wenn sie auf die Schnelle ihr Geld vermehren wollen, als ob es ums Ausbrüten von goldenen Eiern ginge. Der Autor kritisiert diese Haltung keineswegs direkt, sondern untersucht vielmehr die Gründe, wie so etwas möglich ist.

Moderne Finanzmagier nennt Montalbano (oder sein Assi) „finanzoman“. Sie kennen das Geld in- und auswendig, sogar wie es isst, vögelt und aufs Klo geht. Sie haben aus dem Internet die aktuellen Kurse von allem und jedem heruntergeladen und jonglieren damit ohne Skrupel. In Nullkommanix haben sie auch dem uralten Tommasino seine Ersparnisse abgeluchst. In Deutschland haben auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase selbst alte Omas ihren Sparstrumpf zur Bank getragen, um Infineon- und Telekom-Aktien („Volksaktien“, was für ein Hohn!) zu ergattern. Die traurigste Form des Wahnsinns.

Und genau das macht Montalbano wütend. Der Wahnsinn, der ihn packt, ist quasi eine Art heiliger Zorn, als er angesichts des gefällten „sarazenischen“ Olivenbaumes, dieses Inbegriffs der Traditionen des Landes und seiner langen Vergangenheit, die neumodische Parodie von einem Landhaus kurz und klein schlägt und mit der Graffiti „Arschloch“ verschmiert. Selbst die Gier nach schnellem Sex, der die verführerische Michela packt, als sie den Commissario überrumpelt, ist harmlos gegen den Wahn der modernen Zeit. Salvo kann damit spielend umgehen.

Ein heiliges Grauen überkommt ihn jedoch, als er in das Haus des Mörders eingeladen wird und sich dort umsieht. Ein Grabgeruch liegt in der Luft. Er fühlt sich an eine William-Faulkner-Geschichte erinnert, in der es um übermäßige Liebe geht, die bis zum Realitätsverlust führt. Und dies, so suggeriert der Autor, ist das Paradigma, mit dem sich all diese Phänomene der modernen Zeit beschreiben (wenn auch nicht erklären) lassen: Realitätsverlust. Ein Verdrängen der Tatsachen, ganz besonders dann, wenn sie voller Schrecken sind.

Dies ist das mittlerweile bekannte Phänomen der „Risikogesellschaft“, die sich an die Bedrohung ihres eigenen Untergangs schon so gewöhnt hat, dass sie die Gefahr nicht mehr wahrnehmen |will|. So wie der Frosch, der normalerweise aus dem heißen Wasser springen würde, es nicht tut, wenn das Wasser, in dem er schwimmt, ganz langsam erhitzt wird. Geduldig lässt er sich zu Tode kochen. —

Und Montalbano? Er erlaubt sich bittere Scherze: Er gibt Dottore Guarnotta einen guten Tipp, indem er sich als General Jaruzelski aus Polen ausgibt, und lauscht am „Herzen“ des gefällten Olivenbaums, als sei er ein Kind an der Brust eines Sterbenden. Erst als seine Freundin Livia ihn besucht, lässt er seinen Tränen freien Lauf: „Gott sei Dank!“ Liebe – der süßeste Wahn von allen.

|Das Hörspiel|

Wieder gibt es ein paar Highlights, die von den Sprechern kommen. Da ist gleich am Anfang der wunderbar knorrige Akzent der Figur des Geometers Garzulo, der ich leider keinen Sprecher zuordnen kann. Das Gleiche gilt für den „verrückten“ Antonino Tommasino. Das sind wahrlich Charakterstimmen, wie sie in einem sizilianischen Hörspiel keinesfalls fehlen dürfen. Schon gar nicht, wenn es um Wahnsinn geht.

Wie vernünftig klingen dagegen die Stimmen von Montalbano (wieder einmal Gerd Wameling) und Fazio (Andreas Pietschmann) und Mimi Augello (Max Volkert Martens), der eigentlich heiraten wollte, aber nun nicht darf. Der Frauenentzug werde ihn entweder umbringen oder in den Wahnsinn treiben, meint er launig. Ohne Sex kann offenbar auch Michela nicht leben, denn sie macht sich ohne Umschweife über Salvo her. Mit großem Erfolg.

|Geräusche|

Die Geräusche sind sehr realistisch gestaltet, insbesondere die Autos. Sie quietschen, hupen, dröhnen, in fast jeder zweiten Szene. Dafür erklingt das Klicken einer Schreibmaschine im Kommissariat relativ penetrant in seiner endlosen Wiederholung. Erstaunlich, wie so ein leises Geräusch so stark ablenken kann. Besonders gelungen fand ich die Unterwassergeräusche und das Plätschern der Meereswellen. Hier hat der Toningenieur tief ins Archiv seiner Samples gegriffen.

|Musik|

Wie bei jedem Camilleri-Hörspiel ist die Musik von großer Bedeutung, und allzu oft scheiden sich an dem, was Henrik Albrecht beisteuert, die Geister. Denn die Musik dient hier nicht wie in anderen Hörbüchern nur zur Trennung von Szenen (Punktuation), sondern ist eine integrale Stütze der Szene hinsichtlich der Stimmung, die vermittelt werden soll.

Die Musik wechselt von unterschwelliger Spannung zu actionbetonender Dynamik, von komödiantischer Heiterkeit bis zur sinnlichsten Verführung. Man kann darüber streiten, ob beim Einsatz der romantischen Geigen nicht zu dick aufgetragen wird. Aber angesichts der Ironie zahlreicher Szenen ist das zu verschmerzen, wenn man sie nicht zu ernst nimmt. Insgesamt fand ich die musikalische Untermalung angemessen. Sogar einige sizilianische Weisen meine ich ausgemacht zu haben, wenn ich mich an Coppolas „Pate“-Filme erinnere. Sehr passend.

_Unterm Strich_

Der Autor attackiert das Unwesen des Spekulantentums und der Finanzhaie, die sich in Berlusconis Bella Italia zunehmend ungestraft bedienen dürfen (solange sie nicht dessen Cäsarenimperium in die Quere kommen). Camilleri hängt dieses Brigantentum aber an einem größeren Zusammenhang auf: dem Wahnsinn der modernen Zeit, die sich in Eile, schnellen Gewinn und Realitätsverdrängung flüchtet, um eben die obengenannten Verbrechen sowie die globale Misere zu vergessen – gibt es kein Morgen mehr?

Das Hörspiel arbeitet die wichtigsten Handlungsstränge sauber heraus, ohne die Stimmung zu vernachlässigen, die mit den einzelnen Begegnungen verbunden ist. Die Sprecher beiderlei Geschlechts sind sehr kompetent und mitunter sogar echte Originale mit knorrigem Akzent. Die Geräusche sind durchaus realistisch, manche sogar derart, das man sich in das Ambiente des Handlungsortes versetzt glaubt. (Ich frage mich, wie das erst auf einer DVD mit DD-5.1-Sound klingen würde.) Die Musik von Henrik Albrecht unterstützt die Stimmung der Szenen kompetent, manchmal übertreibt sie es auch ein wenig.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung von Christiane von Bechtolsheim, die mitunter mit sizialianischen Dialektausdrücken zu kämpfen hat, ist einwandfrei. Im Hörspiel sind natürlich die Erklärungen für die Gerichte, an denen sich Salvo gütlich tut, nicht zu sehen – sie stehen stets am Schluss eines Montalbano-Romans. Doch der Hörspielbearbeiter Daniel Grünberg hat versucht, wenigestens minimale Erklärungen einzuflechten. Das ist aber meist nur ein schwacher Ersatz für die lange Erläuterung im Buch.

Von der Übersetzerin stammt wohl auch der deutsche Titel, der das ursprüngliche „Der Geruch der Nacht“ (L’odore della notte) ersetzt. Wenn man den Schluss kennt, nimmt der deutsche Titel eine eigenartig makabre Bedeutung an.

|Umfang: 110 Minuten auf 2 CDs|

Iris Johansen – Das verlorene Gesicht

Johansen Gesicht Cover 2001 kleinDas geschieht:

Eve Duncan ist Spezialistin für computersimulierte Alterungsprozesse im „Nationalen Zentrum für verschwundene und missbrauchte Kinder“ in Arlington, US-Staat Virginia. Ihre Fachkenntnisse ermöglichen es, über einem Totenschädel das verschwundene Gesicht eines Opfers quasi neu erstehen zu lassen. Diese Mischung aus Wissenschaft und Kunst wird von der Justiz und den Polizeibehörden oft in Anspruch genommen. Sie hat sich ohnehin in einen Workaholic verwandelt, nachdem ihre kleine Tochter einem geistesgestörten Kindesmörder zum Opfer fiel.

John Logan ist ein amerikanischer Selfmade-Millionär. Er verdient viel Geld in der Hardware-Branche, nutzt aber sein Vermögen und seinen Einfluss auch, um in der Politik seines Landes mitzumischen. Dabei ist er einem Komplott auf die Spur gekommen, das ganz oben in der US-Hierarchie anzusiedeln ist und die Person des Präsidenten selbst in ein sehr schiefes Licht rückt. Wer regiert die letzte Großmacht dieses Planeten wirklich? Iris Johansen – Das verlorene Gesicht weiterlesen

Rollins, James – Sub Terra

McMurdo Base, eine Forschungsstation der US-Navy, auf Ron Island und unweit des Mount Erebus an der Antarktisküste – oder eigentlich darunter, ganze drei Kilometer sogar. Dort wurde ein gigantisches System unterirdischer Kavernen entdeckt; allein die Haupthöhle weist einen Durchmesser von acht Kilometern auf. Aber es kommt noch toller: Die Spähtrupps der Navy stießen auf Artefakte, die zwar primitiv, aber eindeutig einer intelligenten Zivilisation zuzuordnen sind. Datiert wurden sie auf ein stolzes Alter von 5,2 Mio. Jahre, und nun wird es unheimlich, weil sich der Mensch erst eine Million Jahre später zu entwickeln begann.

Da es in der unterirdischen Düsternis nichts gibt, auf das sich schießen ließe, ist nun der Zeitpunkt gekommen, wissenschaftliche Hilfe von außen anzufordern. Das chronische Misstrauen der Militärs – vielleicht findet sich da unten ja etwas, mit dem sich die vielen Feinde Amerikas noch besser in Schach halten lassen – bringt den Geologen und Vulkanologen Dr. Andrew Blakely ins Spiel. Er arbeitet ohnehin schon unter McMurdo für die Navy – da kann er wohl auch eine Expedition planen und mit anerkannten Fachleuten besetzen.

Professor Ashley Carter, Paläoanthropologin und Archäologin, gräbt gerade in Neumexiko alte Indianersiedlungen aus, als sie der Ruf aus der Antarktis erreicht. Sie sagt zu, bringt aber ihren elfjährigen Sohn Jason mit. Der Australier Benjamin Brust, Ex-Soldat und Höhlenforscher, organisiert den eher Körpereinsatz erfordernden Part der Kletterei; das Team wird komplettiert durch noch einen weiblichen Professor – die Biologin Linda Furstenberg aus Kanada -, Khalid Najmon, Geologe ägyptischer Herkunft, sowie Major Dennis Michaelson und zwei kernige Marines, die offiziell für die Logistik des Unternehmens, aber außerdem für den Schutz der Wissenschaftler zuständig sind. Denn der recht zwielichtige Blakely hat seinen Forschern eine kleine, aber wichtige Tatsache verschwiegen: Sie sind nicht das erste Team, das sich in die Tiefe wagt. Ihre Vorgänger sind allerdings spurlos verschwunden – und mit ihnen immer wieder Soldaten, die sich ein Stück zu weit ins Unbekannte gewagt hatten. Die Menschen sind ganz sicher nicht allein hier |sub terra|, und sie werden keineswegs gastfreundlich empfangen. Als ob dies nicht genug der Gefahr sei, entpuppt sich dann auch noch einer der Forscher als fanatischer Terrorist, der sicherstellen soll, dass sich die verhassten USA nicht auch noch unter der Erdoberfläche breit machen …

Dreimal geraten, liebe Leser, wer das wohl sein könnte aus unserer Runde! Nun ja, einmal wird wohl reichen (dazu unten mehr) – und damit wissen wir schon, wessen Geistes (Findel-)Kind der Roman „Sub Terra“ ist. Der Doktor und das liebe Leservieh … James Rollins alias James Clemens, geboren 1961 in Chicago, Illinois, als James Czajkowski, Doktor der Veterinärmedizin, vulgo Tierarzt, im kalifornischen Sacramento, dazu Reisender und Geschichtenerzähler – ein Lebenslauf, wie ihn die US-Amerikaner lieben, suggeriert er doch Weltläufigkeit und dass in diesem Land jedermann berühmt und reich werden, wenn er (oder sie) sich nur recht eifrig darum bemüht.

Die Qualität dessen, was dabei das Licht der Welt erblickt, ist von sekundärer Bedeutung. In unserem Fall ist das einleuchtend, wenn wir Dr. Czajkowski lauschen, wie er in Erinnerungen schwelgt an die schöne Zeit, als er mit der Linken hustende Dobermänner kurierte und mit der Rechten „Subterranean“, seinen Romanerstling, niederschrieb: drei Seiten an jedem schönen Tag, den der Herr werden ließ, nicht mehr, nicht weniger, bis das Werk getan. (Diese und weitere Informationen zur Person und zum Werk des James Rollins liefert die Website www.jamesrollins.com, die sich allerdings mit demselben Adjektiv wie das schriftstellerische Potenzial ihres Herrn beschreiben lässt: dürftig.)

Diese ungewöhnliche Art der Schriftstellerei bedingt natürlich gewisse Einschränkungen. Um den Tagesdurchschnitt von drei Seiten nicht zu gefährden, gilt es beispielsweise auf jeglichen Ehrgeiz zu verzichten, sein Werk um den Faktor Originalität zu bereichern. Wozu denn auch, steckt doch die Welt des Abenteuerthrillers voller erprobter und bewährter Szenen und Figuren, die förmlich danach schreien, dass sich ein fix und ökonomisch arbeitender Schreiber(ling) ihrer bedient.

Oder wollen wir männlichen Leser etwa behaupten, wir verfolgten nicht gern – in allen Ehren selbstverständlich – die Abenteuer der 2.004ten schönen Frau, die auf den Spuren Lara Crofts die Unterwelt der Antarktis erobert? Wir müssen uns da keine Vorwürfe machen, ist diese Ashley Carter doch nicht nur hübsch, sondern auch schlau und eine gute Mutter obendrein, so dass sie politisch völlig korrekt bewundert werden darf. Sicher, das Treiben ihres Sprösslings – einer Nerven sägenden Heimsuchung, die das Disney-Studio geschickt haben könnte – lässt insgeheim den Wunsch aufkommen, ein gütiges Schicksal – vielleicht in Gestalt eines hungrigen Höhlenbären? – möge ihn möglichst rasch aus dem Geschehen reißen, aber schließlich muss Autor Rollins schon eine zukünftige Verfilmung bedenken, und da ist eine Identifikationsfigur für die eintrittskartenkaufende US-Teenagerschaft unbedingt erforderlich.

Aber keine Sorge: Guter, altmodischer Abenteuer-Machismo manifestiert sich in der Figur des Australiers Benjamin Brust, der eine Art Stalaktite Dundee gibt und noch in lebensbedrohlicher Notlage die Muße findet, die unbemannte Ashley ordentlich zu bebalzen (was sich auch die moderne Frau des 21. Jahrhunderts insgeheim ganz gern gefallen lässt, wie Rollins mit einem Augenzwinkern deutlich macht). In Reserve hält sich Frau Nr. 2, Linda Furstenberg, der aber eher die Rolle der schwarzhaarigen Verderbnis zugedacht wurde, die ein übles Ende nimmt: In dieser Geschichte ist nur Platz für eine Heldin.

Klassisch auch die Schurkenrollen: Mit falschem Lächeln zieht Dr. Blakely – intrigant, egoistisch, ehrgeizig: kein vom Wissensdurst beseelter Forscher, sondern ein Politiker eben – feige hinter den Kulissen die Fäden. Fürs grobe Tücken vor Ort (Belügen & Bedrohen der Helden, Bestehlen & Umbringen der Eingeborenen, Versündigen gegen Mutter Erde etc.) ist Khalid Najmon zuständig, dessen Namen im Ohr des wachsamen Durchschnittsamerikaners verdächtig nach Ausland und Nahem Osten klingt. (Ägypten? Ist das nicht die Hauptstadt des Iran?)

Bleiben noch der stramme Major Michaelson und seine beiden Mannen, harter Kern in stählerner Schale, mutig und dringend erforderlich, um die gar zu sorglosen Wissenschaftler zu ihrem eigenen Besten vor den Gefahren der Finsternis zu schützen. Außerdem gilt es uramerikanische Interessen zu vertreten: Wo kämen wir denn dahin, wenn am Mittelpunkt der Erde ein anderes als das Sternenbanner wehte? Hei, da kommt patriotischer Stolz auf, wenn tapfere Marines den Polar-Morlocks tüchtig in die Ärsche treten! Ach, wenn das mit den Iranern (Libyern, Kubanern u. a. Strolchen) doch auch nur so einfach wäre!

Der Blick auf die Handlung zeigt indes, dass mit den oben beschriebenen Protagonisten genau die richtigen Personen „Sub Terra“ gegangen sind. Was in der Theorie paradox klingt, weiß Autor Rollins wunderbar zu realisieren: Geografisch geht es klaftertief hinab, während die Geschichte durchweg flach bleibt. Hier Jules Vernes wunderbare [„Reise zum Mittelpunkt der Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=325 („Voyage au Centre de la Terre“, 1864) als Vorbild zu nennen, zeugt von einem gut ausgebildeten Selbstbewusstsein – oder kündet vom dreisten Versuch, den zögerlichen Buchladen-Besucher zwecks Kauf des Bandes zu überrumpeln. Parallelen gibt es in der Tat: Auch Vernes Forscher sind Papier gewordene Klischees. Allerdings fand ihre Reise vor fast anderthalb Jahrhunderten statt. Inzwischen hat sich in Sachen Figurenzeichnung und -entwicklung einiges getan – oder eben nicht, wie Rollins hier deutlich macht. Es reicht nicht, sich populärwissenschaftlich auf den aktuellen Stand zu bringen. Natürlich ist es richtig, dass es dieses Mal nicht mehr zum Mittelpunkt der Erde hinab geht, weil wohl heute selbst dem dümmsten Zeitgenossen klar ist, dass dieser einen glühenden, flüssigen und deshalb ziemlich unzugänglichen Kern bildet.

Ein bisschen Realität braucht auch ein Phantastik-Garn wie „Sub Terra“. Auch ein gewisser naiver Charme in Form und Inhalt schadet nicht in einem Genre, dessen Autoren kaum um den Nobelpreis für Literatur zu buhlen pflegen. Doch Rollins übertreibt es bzw. versucht erst gar nicht, Bekanntes wenigstens zu variieren, Das Ergebnis ist spannend dort, wo reine Aktion die Szene bestimmt. Rollins Darstellung einer exotischen Höhlenwelt tief unter der Erde hat ganz sicher ihre Reize. Doch sobald seine Protagonisten auf der Bildfläche erscheinen und womöglich auch noch den Mund aufmachen, ist der Zauber verflogen.

„Sub Terra“ ist ein Debütwerk und muss deshalb mit einer gewissen Nachsicht beurteilt werden. Allerdings lassen Rollins Nachfolgewerke nicht die geringste Tendenz erkennen, die oben beschriebenen Probleme in den Griff zu bekommen. Wie könnte dies auch geschehen, da es doch erklärtes Ziel des Verfassers ist, die lesende Welt mit mindestens einem Abenteuer/Mystery-Thriller und einem Fantasy-Roman – in Deutschland veröffentlicht Rollins als James Clemens die Serie „The Banned and the Banished“ – pro Jahr zu beglücken? Der selbst auferlegte Arbeitsdruck führt denn auch dazu, dass „Excavation“ (1999; dt. „Das Blut des Teufels“), „Deep Fathom“ (2000; dt. „Im Dreieck des Drachen“) und „Amazonia“ (2001, dt. „Operation Amazonas“) unter den bekannten Schwächen leiden.

Da „Sub Terra“ erfreulich preisgünstig erstanden werden kann, ist ein Kauf trotz der beschriebenen Mankos kein Fehler, wenn man einfach nur (irgendwie) und ohne jeden Tiefgang unterhalten werden möchte, was ja manchmal auch ganz angenehm ist.

Pelecanos, George P. – King Suckerman

Am Anfang drei Fragen: Gibt es wirklich einen Film, der „King Suckerman“ heißt? Spielt Sean Combs („P. Diddy“) darin eine Hauptrolle? Was hat dieser Krimi damit zu tun? Antworten kommen bald, zuvor noch einige Basis-Infos:

„King Suckerman“ ist 1997 als sechster Roman des amerikanischen Autors George P. Pelecanos erschienen und wurde 2000 als deutsche Übersetzung bei |Dumont| veröffentlicht (als |Dumont Noir|–Taschenbuch Nr. 16).

_George P. Pelecanos_

Wie der Name schon vermuten lässt, ist er griechischer Herkunft, allerdings in Washington DC geboren (1957) und dort auch aufgewachsen. Er lebt immer noch dort, heute indes mit Frau und drei Kindern in Silver Springs (formal Maryland, aber eigentlich ein Teil von Washington). In seiner Jugend hat er viel Basketball gespielt (mit 16 sogar in der Freizeitmannschaft, die die Stadtmeisterschaft gewann). Nur logisch, dass da fast jedes seiner Bücher auch ein Basketball-Nebenthema hat.
Als Krimi-Autor fühlt er sich (wie so häufig) von Hammet und Chandler angeregt, wichtigste Inspirationen waren ihm zu Beginn seiner Laufbahn allerdings James Crumley und Kem Nunns „Tapping the Source“. Von seinen Kollegen mag er besonders Michael Connelly und Dennis Lehane (beide wirklich sehr zu empfehlen).
Pelecanos ist nicht bloß Krimi-Schreiber. Er hat mal Schuhe verkauft, leitete eine kleine Ladenkette für Unterhaltungselektronik und später auch die Produktionsfirma Circle Films, die u. a. sämtliche der frühen Filme der Coen-Brüder produziert hat – „Blood Simple“, „Raising Arizona“, „Miller’s Crossing“ und „Barton Fink“. Pelecanos war es auch, der John Woo (u. a. „Face/Off“) nach Amerika holte. Heute verdient er sein Geld zu etwa gleichen Teilen mit Krimis und mit Fernsehen. Er veröffentlicht ungefähr ein Buch pro Jahr und ist Produzent der recht erfolgreichen TV-Serie „The Wire“ auf HBO.

_Washington DC, Sommer 1976_

Die 200-Jahr-Feier der USA steht an. Es ist heiß. In den Kinos läuft gerade ein weiterer Blaxploitation-Film los, „King Suckerman“ (fiktiver Titel). Aus dem tiefen Süden kommt ein seltsames Verbrecher-Häuflein nach DC, um einen größeren Drogendeal zu machen: Wilton Cooper, schwarz, ultrahart, Berufsverbrecher, ultraböse. Bobby Roy Clagget, ein unterbelichteter dürrer weißer Bengel, der am liebsten ein richtig harter böser Neger wäre und gerade den Besitzer eines Autokinos abgeknallt hat (weil der ihn so komisch anglotzte). Dazu Ronald und Russell Thomas, zwei schwarze Brüder an der Grenze zwischen massivem Schwachsinn und Tollwut, mordgeübt, mordlustig, mordbereit.

Hier sind sie nun in DC und holen sich Informationen bei einem lokalen Dealer, der sich nebenbei auch noch als Hehler betätigt. Cooper und Clagget treffen ihn, und treffen dabei auch auf zwei andere Gäste, die eher zufällig da sind. Das sind die wesentlichen Helden, beide Ende zwanzig:
Marcus Clay, groß, schwarz, ehemaliger Basketballer, in Vietnam gewesen, jetzt Eigentümer eines Plattenladens („Real Right Records“). Er liebt die Musik von Curtis Mayfield, seine Freundin Elaine, seinen 72er Buick Riviera und immer noch den Basketball. Außerdem kann er hart zuschlagen, aber nur, wenn es sein muss.
Dimitri Karras, sein bester Freund seit Kindertagen, auch groß und Hobby-Basketballer, Grieche (dritte Generation). Karras war mal auf dem College, hat sogar Kurse dort gehalten, doch seit einigen Jahren beschäftigt er sich vorwiegend mit den Frauen und arbeitet nebenher noch ein wenig als kleiner Drogendealer, verkauft Hasch und Tabletten an College-Kids. Nicht dass er deswegen auf der Seite des Bösen stünde.
Heute sind sie beide hier, um wieder mal ein wenig Stoff zu holen, Marcus ist nur dabei, weil sie gemeinsam noch zum Freizeit-Basketball fahren wollen.

Es kommt zum Streit mit Cooper und Claggett. Wenn die beiden mit ihren grenzdebilen Schießfreunden das Drogengeschäft erledigt haben (zusammen mit einer ganzen Rockerbande), dann wollen sie zurückkommen und auch Clay und Karras erledigen. Es wird viel Blut geben. Am Ende einen großen Showdown während des 200-Jahr Feuerwerks. Marcus und Dimitri, gestützt durch die Hilfe einiger alter und neuer Freunde, werden überleben – nicht ohne Verletzungen.

Eine harte Geschichte, dichte Atmosphäre, viel Blut und Gewalt. Einige kleine Nebenplots, die auf andere Bücher Pelecanos‘ verweisen. Tief verwurzelt in der Story die Moral: Freundschaft, Familie und Eigentum sind lebenswichtig und zu schützen, egal was an sittlichen Verfehlungen sonst so anfällt. So gesehen eigentlich recht konservativ, wie so ziemlich jeder gute „hard boiled“-Krimi. Dazu aber auch viel Musik der Zeit, coole Autos und, ganz wesentlich, interessant gebrochene Charaktere. Diese Leute, die Guten vielleicht etwas eher als die Bösen, wirken glaubhaft. Insgesamt liest sich „King Suckerman“ sehr flüssig und schafft es, mich als Leser von Beginn an zu fesseln. Nein, diese Story lässt sich nicht so einfach weglegen (und das Buch hat nicht zu Unrecht einige Preise gewonnen).

_Zum Schreibstil_

„King Suckerman“ bietet |Creative Writing| der Oberklasse (auch wenn Pelecanos das nie ausdrücklich gelernt hat). Schnell, direkt, plastisch, fast schon filmisch. Die filmische Struktur wird immer wieder deutlich, häufig springen den Leser beinahe fertig ausgearbeitete kleine Filmszenen an. Ich denke beim Lesen: Das Ding muss doch schon verfilmt sein, und einen Soundtrack müsste es doch auch geben …

Ganz wichtig für den Genuss dieses Krimis (wie der anderen Pelecanos-Bücher) sind die präzisen und profunden Milieukenntnisse. Ob das die Schilderung der Umgebung ist, der Kleidung, der Musik, der Bewegungen, alles stimmt bis ins Detail. Ganz besonders gilt das für den Dialog. Und hier offenbart die deutsche Übersetzung dann doch erhebliche Schwächen. Ich muss zugeben, diese Schwächen erst richtig gesehen zu haben, nachdem ich mir im Anschluss an „King Suckerman“ andere Bücher von Pelecanos auch mal im Original durchgelesen habe (es gibt ja längst nicht alles von ihm auf Deutsch).
Sämtliche Figuren werden da glasklar durch ihre Sprechweise charakterisiert, nicht bloß die schwarze Ghettosprache wird sauber abgebildet, bis in die letzte Nebenfigur stimmen Akzent und Wortwahl (soweit ich das mit amerikanischen Verwandten und mehrjähriger Ostküsten-Erfahrung beurteilen kann). Hier kommt das Deutsche einfach nicht nach, irgendwelche deutschen Sprachmuster einfügen zu wollen, wäre auch fatal. Auch die immer wieder eingewobenen Songtexte und Basketball-Referenzen verlieren durch die Übersetzung doch deutlich an Energie. Das ist schade, denn die enorme Farbigkeit von Pelecanos‘ Schreibe kommt so insgesamt nur etwas matt herüber. Also, meine Empfehlung (selbst wenn die Englisch-Kenntnisse nicht |so| perfekt sein mögen): Möglichst im Original kaufen. Trotzdem ist die Übersetzung von Bernd Holzrichter solides Handwerk. Und für den Einstieg eignet sich eins der |Dumont|-Bücher durchaus.

_Und was war jetzt mit dem Film?_

April 1998. Sean Combs (da noch „Puff Daddy“) ist auf dem Höhepunkt der Verkaufszahlen seiner Plattenfirma |Bad Boy| angekommen. Aber sein Ego ist zu groß, um sich nur mit einer Rolle als Plattenproduzent und Gelegenheits-Rapper bescheiden zu wollen. Modeschöpfer will er werden, und Filmstar. Die erste „Sean John“-Modelinie lässt er entwerfen – und er sichert sich die Rechte für die Verfilmung von „King Suckerman“. Oliver Stone soll den Regisseur geben. Für sich selber reserviert Puffy die Rolle des Marcus Clay (eigentlich erstaunlich, wo er doch eher kleinwüchsig ist).
Das von Pelecanos gelieferte Skript wird mehrfach umgeschrieben, doch eigentlich liegt es nicht am Skript, dass aus dem Film bis auf weiteres nichts wird: Der Herr Combs ist einfach kein Schauspieler (um es mal zurückhaltend zu sagen). Immerhin hat es mit der Mode funktioniert, die überteuerte „Sean John“-Konfektion läuft seit Jahren außerordentlich gut.
Schade um den Film jedoch. Dieses Buch hätte eine gute Verfilmung nicht bloß verdient – es bietet sich ganz klar dazu an, immer noch.

_Was geschah |nach| „King Suckerman“?_

George Pelecanos hat mittlerweile ein halbes Dutzend weiterer Bücher veröffentlicht. Vom direkten Nachfolger „The Sweet Forever“ liegt bereits eine deutsche Übersetzung vor (als „Eine süße Ewigkeit“ bei |Dumont Noir|). Die wichtigsten Charaktere aus „King Suckerman“ tauchen wieder auf, es ist 1986, Marcus Clay hat mittlerweile vier Plattenläden und Dimitri Karras ist sein BMW-fahrender Geschäftsführer – mit einem deutlichen Kokainproblem. Es gibt allerlei dramatische Verwicklungen mit jugendlichen Drogendealern und korrupten Polizisten, die ich hier nicht weiter verraten will. Stattdessen eine klare Kaufempfehlung.
Auch „Shame the Devil“, Anfang 2000 erschienen, greift auf Clay und Karras zurück, spielt aber wieder zehn Jahre später, 1996 – und ist meines Wissens bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt (dafür aber auf Französisch als „Funky Guns“ erhältlich). Das gilt auch für sein aktuelles Buch, „Hard Revolution“, in dem er Clay und Karras mal alleine lässt. Stattdessen besucht er einen anderen seiner Serienhelden, den schwarzen Privatdetektiv Derek Strange, als jungen Polizisten im Jahre 1968. Bin mal gespannt …

Als Einstieg in die Welt des George P. Pelecanos ist allerdings „King Suckerman“ kaum zu schlagen. Dass er nebenbei noch die auslaufende Blaxploitation-Welle und das schwarze Amerika der Mittsiebziger sauber aufzeichnet, das sind nur Nebenargumente: Hier ist einer der besten amerikanischen Autoren für „hard boiled“–Krimis am Werk – und er schreibt trotz verzeihlicher kleiner Abschweifungen ganz vorzüglich. Dieser Krimi ist spannend, kraftvoll und auf zugängliche Weise echte Literatur.

Also nochmals meine eindringliche Empfehlung: Go get it!

Lem, Stanislaw – Sterntagebücher

„Aus den Erinnerungen Ijon Tichys“ lautet der Untertitel des zweiten Abschnittes des voluminösen Buches, das Lem bereits 1957 begann und bis 1971 fortsetzte. Das bedeutet, dass die Erzählungen nur den letzten Teil des Buches „Sterntagebücher“ bilden. Die Erzählungen Tichys führen nicht zu den Sternen, sondern bleiben in den vertrauten Verhältnissen, die man sich für das Jahr 1971 in Polen ausmalen kann.

Dabei sollte der Hörer berücksichtigen, dass Polen damals von der allmächtigen Kommunistischen Partei regiert wurde, die ihre Anweisungen vom Zentralkomitee und Politbüro in Moskau erhielt. Wenn hier Lem also von immateriellen Dingen wie einer „Seele“ erzählt, so steht dies im krassen Widerspruch zur kommunistischen Doktrin des Materialismus.

Hinweis: Diese Auswahl hat nichts mit den 1968 in den Studios des Berliner Reichstagsufers vertonten Aufnahmen von sieben Reisen Ijon Tichys zu tun.

|Der Autor|

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

Wichtige weitere Bücher Lems:

Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Der futurologische Kongress, 1971 (gehört zum Ijon-Tichy-Zyklus)

|Der Sprecher|

Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover und den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.

|Der Regisseur|

Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.

_Die Erzählungen_

Die Erzählungen I bis IV tragen keine Titel.

**I.: Ijon Tichy scheint ein Gelehrter zu sein, der für alle möglichen verrückten Erfinder die erste Anlaufstelle ist. Aber als Journalist besucht er sie auch in ihren diversen Labors.

So auch den Kybernetiker Professor Corcoran, der laut Gerüchten an Geister glaubt. Wie absonderlich für einen sozialistischen Wissenschaftler! Der Prof führt Tichy in einen Raum mit 17 Truhen. In jeder der Truhen befindet sich ein elektronisches Gehirn, das einer Leibniz’schen Monade entspricht: Es stellt ein menschliches Bewusstsein dar, das aber seine Eindrücke nicht von der realen Außenwelt, sondern von den Speicherbändern empfängt, auf denen menschliche Erlebnisse aller Art aufgezeichnet sind. Für die Monade ist das Band die (virtuelle) Welt und sonst nichts.

Doch unter ihnen gibt es als Probe aufs Exempel einen „Wahnsinnigen“, der tatsächlich glaubt, er sei ein Elektronengehirn in einer Kiste, das seine Sinneseindrücke von einem Band empfange und alle anderen seien nur Illusionen – wie irrsinnig! Doch damit nicht genug, weigert er sich, einen Gott anzuerkennen: Dieser sei nur eine weitere Ebene von Illusionen, die wiederum ein Gott höherer Ordnung erzeuge und so weiter ad infinitum.

**II.: Professor Decantor besucht Tichy: ein Mann, der aus zwei verschienen Hälften zusammengesetzt zu sein scheint, einer ängstlich-romantischen und einer zynisch-nüchternen. Decantor ist vergleichender Ontogenetiker. 48 der 58 Jahre seines Lebens hat er sich einem einzigen Problem gewidmet: der Konstruktion einer Seele. Endlich ist es ihm gelungen, und er zeigt seine neue Errungenschaft: Da liegt sie auf einem weißen Wattebausch, eingeschlossen in einem lilafarbenen Kristall.

Tichy erholt sich von seinem Schreck und fragt neugierig. Ja, lautet die Antwort, diese Seele ist unsterblich und währt ewig, übersteht also auch den Tod der Sonne in 15 Milliarden Jahren. Das scheint Tichy ein trauriges Schicksal für jede Seele zu sein. Doch die Information, dass als Ausgangsmaterial dafür Decantors eigene Frau diente, die dafür sterben musste – um natürlich ewig zu leben! -, erfüllt Tichy mit Abscheu und Angst. Er kennt nur eine konsequente Handlungsweise und überzeugt auch den enttäuschten Decantor davon: Diese Seele muss erlöst werden …

**III.: Vor einem furchtbaren Gewitter Unterschlupf suchend, stößt Tichy auf das Haus des übel beleumundeten Erfinders Prof. Sasul. Mit Drohungen verschafft er sich Eintritt. Sasul, ein buckliger Gnom, zeigt ihm sein Labor und schließt eine Wette ab, dass Tichy ihn nicht anzeigen werde, habe er erst einmal seine neueste Erfindung begutachtet.

Sasul zeigt ihm einen Tank, in dem ein regungsloser Mann wie tot schwimmt. Sasul erzählt, wie er zahllose Tiere und dann sich selbst mittels eines neuartigen Proteins exakt kopieren (klonen) konnte. Doch welcher der beiden ist nun das Original und welcher Sasul die exakte Kopie?

**IV.: Eine weitere Sturmnacht weht einen durchnässten Besucher in Tichys trautes Heim. Es handelt sich um den Physiker Molteris, und er hat einen verpackten Apparat dabei. Molteris ist äußerst schweigsam. Doch seine Erfindung ist beinahe genial: eine Zeitmaschine. Für deren Weiterentwicklung erbittet er Tichys finanzielle Unterstützung, genau wie Decantor.

Was könnte wohl als überzeugendes Testobjekt dafür dienen, dass die Maschine als temporaler Transmitter funktioniert? Ach ja, eine Viertelsjahreszeitschrift über kosmische Medizin. Da diese Ausgabe tags zuvor aufgetaucht war, ist Tichy überzeugt.

Doch wie sieht es mit dem zweiten Betriebsmodus aus, der Maschine als Transportmittel für Menschen? Bei dieser Demonstration kommt es leider zu einem bedauerlichen Unglück. Es beweist, dass alle Autoren, die über Zeitvehikel geschrieben haben, Unrecht hatten: Es ist nicht möglich, durch die Zeit zu reisen und dabei nicht selbst ebenfalls zu altern, so als wäre man in einer Kapsel und könnte außerhalb des Zeitstroms reisen und dann später wieder in ihn zurückkehren. Ergo: Molteris alterte mit derjenigen Zeit, die er durchmaß. Die Folgen könnten recht fatal ausfallen, stellt sich Tichy vor …

|Die Waschmaschinen-Tragödie|

Diese lange Erzählung besteht eigentlich aus zwei bis drei Storys und bildet somit die längste dieses Hörbuchs. – In ihrem immerwährenden Wettlauf um Marktanteile haben die zwei Waschmaschinen-Hersteller Snodgrass und Nudlegg ihre Geräte mit immer mehr Intelligenz ausgestattet, die sie zu einer wachsenden Zahl von Fertigkeiten befähigen. Bald gibt es Maschinen, die eine Ehefrau ersetzen, bald eine, die einen Ehemann ersetzt. Leider wird die Einstein-Ersatzmaschine ein Flop, doch der Waschomat für Junggesellen ist ein absoluter Hit, denn er kommt mit der Figur von Mayne Jansfield oder anderen Sexbomben einher.

Allerdings hat so viel Intelligenz in Maschinen auch ihre Kehrseiten: Waschmaschinen haben sich zu Gangsterbanden zusammengeschlossen und überfallen harmlose Passanten! Daher wird ein Gesetz nach dem anderen erlassen, um der Auswüchse Herr zu werden. Es ist ein Wettlauf wie zwischen Panzerung und Geschoss. Waschmaschinen sehen inzwischen aus wie Menschen, sprechen auch so und bekommen schließlich sogar den Status einer juristischen Person. Das ist ein Wendepunkt, denn nun können Waschmaschinen auch Senatoren sein und Gesetze beeinflussen. Auch das versuchen die Menschen zu verhindern.

Die Krise erreicht diese Entwicklung, als der Bordcomputer eines Raumschiffs einen Staat nur für Roboter ausruft. Auch dieses Problem wird bewältigt. Bis schließlich ein gewisser (nomen est omen!) Kathodius Mattrass auftritt, die Sekte der „Kybernophilen“ gründet und draußen im Krebsnebel ein eigenes Staatswesen für Maschinen errichtet: Es besteht aus einem körperlichen Zusammenschluss einzelner Roboter. Damit hat das State Department (Außenministerium) der Erde ein Problem. Doch wie kann man einen Planeten verhaften? Der gewitzte Anwalt von Mattrass hält ständig neue Gegenargumente bereit.

Eines Tages erhält auch Ijon Tichy Gelegenheit, mit diesem jahrelangen Rechtsstreit näher bekannt zu werden. Man lädt ihn zu einer Anhörung der Anwaltskammer ein. Die vorgebrachten Argumente erstaunen ihn weniger als die Tatsache, dass mit Hilfe eines magnetischen Kompasses einer der Redner nach dem anderen als Roboter entlarvt wird. Nachdem sich Ijon aller Metallgegenstände entledigt hat und als Mensch bestätigt ist, richtet er den Kompass auf den einzigen Übriggebliebenen im Saal: den Vorsitzenden selbst …

Merke: Die Dinge gehen ihren Gang, und von einem Prozess profitieren nur die Anwälte.

|Die Anstalt des Doktor Vliperdius|

Ijon Tichy liest öfters mal Zeitung. Diesmal fällt ihm die Roboter-Gazette „Der menschenfreie Kurier“ in die Hände. Darin steht auch eine Annonce für die Heilanstalt für psychische und Nervenkrankheiten. Wohlgemerkt: Hier sollen Maschinen geheilt werden. Das klingt ja spannend.

Der Direktor, Dr. Vliperdius, hat keine Zeit für ihn, also besucht Ijon den schönen Park. Schon bald wird er für einen der Patienten gehalten. Einer davon spricht ihn an, doch Ijon erkennt ihn nicht. Es ist Prolaps, der einst als seine tüchtige Linotype-Setzmaschine arbeitete. Prolaps glaubt, er stecke im falschen Leib, nämlich in einem aus Blech. Ständig jagt er hinter seinem richtigen, einem menschlichen Leib her. Auch ein harmloser Hypochonder-Roboter findet sich hier.

Wesentlich ernster ist der nächste Fall. Der Robot bedauert Ijon zutiefst ob seines natürlichen Körpers, in dem er festsitze. Seine Maxime: Man muss die Natur abschaffen, den man sieht ja, zu was die Unvollkommenheit der biologischen Evolution geführt hat: Abfall, Schund, Schleim! Der Tobende und um sich Schlagende wird abgeführt. Tichy ist sehr erleichtert. Er fürchtete schon um die Unversehrtheit seines Körpers, wie unvollkommen der auch erscheinen oder sein mag.

Wie angenehm ist doch der nächste Fall. Dieser Sonderling wirft den Schwänen auf dem Teich kleine Drahtstückchen zu. Er ist ein berühmter Philosoph, dieser Professor Urlipan. Er hat die Ontologie des Nichts, die Neantologie, erfunden. Er ist der festen Ansicht, dass alles ein Traum sei, der nie an die Realität heranreichen könne, folglich könne nichts real existieren.

Ijon geht entnervt nach Hause.

_Mein Eindruck_

Zunächst einmal zu den ersten vier Erzählungen. Hier greift der Autor vier beliebte und verbreitete Mythen der Science-Fiction-Literatur auf. Auf die Science-Fiction amerikanischer Herkunft und Machart war Lem nämlich überhaupt nicht gut zu sprechen. Er nahm lediglich zwei Autoren von seinem Bannstrahl aus: Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. (Er liegt hier auf einer Linie mit dem Kritiker Darko Suvin, vgl. dessen „Poetik der Science Fiction“.)

|Liebe SF-Mythen|

Die Mythen, die Lem mit seinen Storys parodiert und so der Kritik aussetzt, sind a) die vollkommene Virtualisierung der Welt bzw. deren Wahrnehmung – bis hin zu modernen Beispielen wie [„Otherland“;]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 dies hat Konsequenzen, die der Kybernetik innewohnen und die viele Autoren einfach ignorieren; b) die Erschaffung einer künstlichen Seele, die über ewiges Leben verfügt – für Tichy kann einer menschlichen Seele kaum etwas Schrecklicheres widerfahren, erlebt sie doch auch den Untergang des Menschen, der Erde und des gesamten Kosmos aufgrund des fortschreitenden Prozesses der Entropie. Totale Einsamkeit wie auch höchstwahrscheinlich Wahnsinn dürften die Folgen sein.

Die dritte Story (c) zeigt auf sehr einfache Weise die Erschaffung eines Klons und ihre Folgen. Die Schwierigkeit besteht nicht nur darin, die Kopie vom Original zu unterscheiden und sie im Sinne des Gesetzes, das für „natürliche Personen“ gemacht wurde, für ihre Handlungen haftbar zu machen. Dazu könnte beispielsweise die Tötung des Originals gehören – wenn man nur wüsste, welches das jetzt ist. Wie in Märchen und Groschenromanen deutet die körperliche Verunstaltung des Übeltäters eine moralisch-seelische Deformation (Perversion?) an.

Die vierte Erzählung (d) stellt der Erfindung des „Zeitvehikels“ ein schlagendes Argument entgegen: Es kann keine Ortsbewegung außerhalb der Zeit geben, folglich muss der „Reisende“ auch mitaltern. Aber als Transmitter für tote Gegenstände scheint die Zeitmaschine zu taugen. Bücher sind schwierig umzubringen.

|Ijon Tichy|

In allen vier Fällen tritt Ijon Tichy als Lems Stellvertreter auf. Er ist der „Mann von der Straße“, nur ein wenig gebildeter und vor allem für Ideen der Wissenschaft aufgeschlossen. Deshalb wird er auch ab und zu von Forschern eingeladen, die sich in der Zeitung abgedruckt sehen wollen. Wenn ihm eine Erfindung nicht gefällt, so flippt er nicht aus, sondern argumentiert auf ruhige und gefasste Art, selbst wenn ihn so manches Phänomen – wie die kristallisierte Seele – mit Grauen erfüllt. Doch meistens führen die Forscher ihre „Errungenschaften“ schon selbst ad absurdum. Wie etwa der unglückliche Zeitreisende.

|Sozialismus|

Auch der Sozialismus sowjetischer Prägung glaubte an den unendlich fortsetzbaren Fortschritt, vor allem auch im Wettlauf mit dem kapitalistischen System, besonders dem der Vereinigten Staaten. Mit „Sputnik“ schienen die Sowjets endlich 1957 die Nase vorn zu haben – in diesem Jahr erschienen die ersten „Sterntagebücher“. Lems Parodien und Münchhausiaden von unzulänglichen Gesellschaftssystemen auf anderen Welten kritisierten und warnten vor einer Selbstüberschätzung dieser von Fortschrittsglauben erfüllten Ingenieure. Diese brachten allzuoft Opfer, die ihnen später Leid taten. Beispielsweise opferten sie ihre körperliche Gesundheit und Unversehrtheit oder die Umwelt – oder gleich ganze Teile der Bevölkerung, etwa durch radioaktive Verseuchung.

|Kapitalismus|

Dass auch das kapitalistische System mit seinen Prinzipien des Wettbewerbs, des ständigen Wachstums und der Weiterentwicklung nicht gegen haarsträubende Auswüchse wie den Waschmaschinenkrieg gefeit ist, zeigt Lems entsprechende parodistische Erzählung.

Wie schon in den parodistischen [„Robotermärchen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=660 kritisiert der Autor durch Überspitzung ad absurdum die möglichen Auswüchse eines Systems. Dass er als Exempel ausgerechnet Waschmaschinen auswählt, zieht die ganze Entwicklung ins Lächerliche. Waschmaschinen haben sich aus der Herrschaft der Hausfrauen und Junggesellen emanzipiert, sobald man ihnen entsprechend viel Intelligenz spendiert hatte. Nun begeben sie sich in jeder Hinsicht in Konkurrenz zum Menschen, doch mehr noch: Sie gründen einen Konkurrenzstaat, quasi nach dem Vorbild gewisser Insekten wie der Ameisen oder Bienen.

Anders als bei gewissen US-Autoren führt dies aber nicht zu einem Krieg, denn die armen Waschmaschinen wollen den Menschen nichts Böses. Vielmehr entspinnt sich ein Rechtsstreit, der für jeden Juristen dieser Erde ein gefundenes Fressen ist – und für den Leser ein Paradebeispiel abstruser Logik. Die Ironie dabei: Diese Juristen bestehen selbst aus Blech und Elektronik. Anstatt ihren freiheitlich gesinnten Brüdern im fernen Krebsnebel zu helfen, ist ihnen das gefüllte Bankkonto näher. Die Übertragung dieses Phänomens auf aktuelle Verhältnisse ist dem Leser überlassen – sie ist nicht allzu schwierig vorzunehmen.

|Divertimento|

Die letzte vorgelesene Erzählung (keineswegs die letzte des Buches) nimmt sich gegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ wie ein heiteres Divertimento aus, eine Komödie der Absurditäten, ein Panoptikum von Seelenkrankheiten – mit dem Unterschied, dass damit lediglich Roboter behaftet sein sollen. Die Philosophie des Nichts hat man aber auch schon unter Menschenwesen beobachten können.

|Der Sprecher|

Michael Schwarzmaier ist ein professionell geschulter Sprecher. Dies ist an seiner präzisen, deutlich die einzelnen Worte hervorhebenden Sprechweise ebenso abzulesen wie an der einfühlsamen Art, die Sätze zu intonieren und mit Pausen zu versehen, um bestimmte Teile hervorzuheben. Er tritt als Vortragender hinter dem Inhalt zurück, so dass die Geschichte ohne Distanzierung auf uns wirken kann.

Durchweg hört man dem Sprecher das offensichtliche Vergnügen an, diese verrückten Münchhausiaden vorzutragen. Das war schon bei den „Robotermärchen“ herauszuhören. Dass dieses Vergnügen aber auch das Ergebnis von harter Sprecharbeit sein kann, lässt sich an der verwickelten „Waschmaschinen-Tragödie“ ablesen. Deren Mittelteil besteht aus einem mitunter recht sinnlos erscheinenden Rechtsstreit zwischen Menschen und Maschinen. Man atmet regelrecht auf, als dieses Kapitel durch die Szene in der Anwaltskammer abgelöst wird, denn diese wird recht anschaulich erzählt. Und sie findet auch zu einem befriedigenden Höhepunkt der Ironie des Absurden, als Tichy den Kompass auf den Richter richtet …

Ansonsten bietet das Hörbuch weder Musik noch Geräusche auf, um Stimmung zu erzeugen. Dies ist sehr viel weniger, als viele moderne Hörbücher vorweisen können.

Das Titelbild ist dem Buch (Seite 79) entnommen und zeigt die „Verlobte eines Roboters“. Recht auffällig sind ihre weiblichen Formen und Attribute, die uns heute recht lächerlich erscheinen mögen.

_Unterm Strich_

Bis auf eine Erzählung machte mir dieses Hörbuch viel Spaß. Die meisten Storys sind kurz und auf die Pointe hin erzählt. Einzige Ausnahme sind eventuell die Wendungen, die in der Zeitmaschinen-Story auftreten. Die Vliperdius-Parodie eines Sanatoriums à la „Der Zauberberg“ hingegen bildet einen heiteren Ausklang der Sammlung.

Ein schwerer Brocken scheint mir hingegen die „Waschmaschinen-Tragödie“ zu sein. Zum Glück hatte ich den Buchtext vorliegen, so dass ich den irrwitzigen Wendungen der langen Story, die über keine Handlung im eigentlichen Sinn verfügt, folgen konnte und alle Namen verstand. Es dürfte für den Ersthörer notwendig sein, diese lange Erzählung, die sich aus zwei bis drei Abschnitten zusammensetzt, mehrmals zu hören, um auch Details wahrzunehmen.

|Für wen sich das Hörbuch eignet|

In erster Linie Freunde der spekulativen und phantastischen Literatur scheinen mir die geeigneten Hörer zu sein, Leute, die auch mit versponnenen Ideen und parodistischen Erzählformen etwas anfangen können. Eingefleischte Science-Fiction-Leser, die amerikanische – und zunehmend auch britische – Einheitskost gewohnt sind, werden hier weniger auf ihre Kosten kommen.

|Umfang: 184 Minuten auf 3 CDs|

Foster, Alan Dean – Aliens – Die Rückkehr

Mit letzter Kraft hat sich Ellen Ripley, Deckoffizier an Bord des Raumfrachters NOSTROMO, des unheimlichen, schier unsterblichen Aliens erwehren können, das sie und ihre Kameraden auf Geheiß der „Gesellschaft“, eines mächtigen Konzernmultis, ahnungslos vom Planeten LV-426 bergen mussten. Mit Jones, der Schiffskatze, treibt sie im Kälteschlaf in der Rettungskapsel der untergegangenen NOSTROMO im All und wartet auf ihre Rettung. (Die Vorgeschichte beschreibt Alan Dean Foster in [„Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=645 .)

Schließlich findet man die Kapsel, doch inzwischen sind 57 Jahre vergangen. Ripley kehrt zur Erde zurück, wo ihre Angehörigen und Freunde längst gestorben sind. Die Schatten der Vergangenheit lassen sie nicht los. Da sind die ständigen Albträume. Schlimmer sind allerdings die Intrigen der „Gesellschaft“, die das so fatal fehlgeschlagene und höchst heikle Projekt LV-426 unbedingt vertuschen will und Ripley zum Sündenbock für den Verlust der NOSTROMO und ihrer Mannschaft stempelt. Ripley findet sich auf einer schwarzen Liste wieder, was es ihr doppelt schwer macht, in einer ihr völlig fremd gewordenen Welt Fuß zu fassen.
Da wendet sich Carter Burke, ein Repräsentant der „Gesellschaft“, an Ripley. Sie muss erfahren, dass die „Gesellschaft“ in den vergangenen Jahrzehnten eine Kolonie auf LV-426 – jetzt „Acheron“ genannt – eingerichtet hat. Riesige Maschinen sollen den unwirtlichen Planeten in eine zweite Erde verwandeln. Im Verborgenen wird gleichzeitig das Wrack untersucht, in dem die Mannschaft der NOSTROMO einst auf das Alien stieß.

Ganz plötzlich ist der Kontakt zur Vorzeige-Kolonie abgebrochen. Hat Ripley womöglich doch die Wahrheit gesagt? Die „Gesellschaft“ geht kein Risiko ein. Sie schickt den Truppentransporter SULACO und eine kleine Gruppe kampferprobter Soldaten nach Acheron, die dort nach dem Rechten sehen sollen. Ripley wird ihnen als Beraterin zur Seite gestellt; ihr bleibt keine Wahl, denn der lange Arm der „Gesellschaft“ wird sonst dafür sorgen, dass sie nirgendwo eine Heimat findet.
Nach der Ankunft findet die Gruppe die Kolonie menschenleer und zerstört vor. Ripley findet die einzige Überlebende: die sechsjährige Newt, die ihnen berichtet, wie Horden von Aliens die Kolonie überfallen und sämtliche Bewohner getötet oder verschleppt haben.

Rasch müssen die Soldaten, die Ripleys Warnungen über die Gefährlichkeit der Aliens bisher keinen Glauben geschenkt haben, die Erfahrung machen, dass ihre Bewaffnung und ihre Ausbildung gegen diesen Feind wenig ausrichten. Ein erster Vorstoß in das Nest der Aliens endet in einem Fiasko; einige Männer, darunter der Kommandant, sterben, das Landefahrzeug wird zerstört. Nun ist die Gruppe auf Acheron gefangen – und in der Nacht werden die Aliens kommen …

Seit etwa 1980 ist der „tie-in-Roman“ – die Nacherzählung eines Kino- oder TV-Films – eine feste Größe im Vermarktungskonzept der Film- und Fernsehindustrie. Das Drehbuch liegt sowieso vor; warum es dann nicht als Grundlage eines Romans noch einmal profitbringend recyceln? Im schlimmsten Fall werden die schon vorhandenen Dialoge und Handlungsvorgaben mit einigen Überleitungen verbunden, und schon kann das Produkt – und mehr ist es dann nicht – auf den Markt geworfen werden.
Unter diesem Aspekt ist es einleuchtend, dass sich eine ganze Reihe von zweit- und drittklassigen Autoren auf das Verfassen von Filmromanen spezialisiert hat. Aber auch Schriftsteller von Rang und Namen verdienen sich gern ein kleines Zubrot, wenn die Karrierekurve einmal einen Knick erfährt.

Alan Dean Foster gehört zu den redlichen Vertretern seiner Zunft. Er begann als „richtiger“ Autor und debütierte 1972 mit dem Roman „The Tar Aiym-Krang“ (dt. „Das Tar Aiym Krang“) dem er bis heute knapp 100 (!) weitere folgen ließ: Foster gilt als schneller, aber versierter und unterhaltsamer Handwerker. Als solcher erregte er schon früh die Aufmerksamkeit der Film- und Fernsehindustrie, der er schon vorher durch seine Arbeit in der PR-Abteilung eines kleinen kalifornischen Studios verbunden war. Zwischen 1974 und 1978 verwandelte er die Drehbücher der STAR TREK-Zeichentrickserie in eine zehnbändige Buchreihe. Anschließend ging es Schlag auf Schlag: Neben den „Alien“-Romanen entstanden Bücher zu Filmen wie „Starman“, „Das Ding aus einer anderen Welt“ oder „Outland – Planet der Verdammten“, aber auch zu Western wie „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ – bis Anfang der 90er Jahre insgesamt etwa 25 Romane.

Der fleißige Autor hatte 1979 bereits den ersten Teil der „Alien“-Saga in Romanform gebracht und dabei sehr gute Arbeit geleistet. Die Fortsetzung sollte ihn vor ungleich größere Probleme stellen. „Aliens – Die Rückkehr“ ist ein James-Cameron-Film. Dieser Regisseur und Drehbuchautor ist bekannt und berühmt für seine fabelhaften Action-Filme (u. a. „Terminator“, „Terminator II“, „Abyss“). Gegen sein enormes Talent, eine spannende Geschichte in packende Bilder zu kleiden, fällt seine Fähigkeit, dieser Geschichte Tiefe zu verleihen, ab. Zumindest der frühe Cameron (mit „Titanic“ hat sich seine inszenatorische Bandbreite stark erweitert) achtete deshalb darauf, dass vor der Kamera immer etwas geschieht. In „Aliens – Die Rückkehr“ gibt es durchaus ruhige Passagen (das gilt besonders für den „Director´s Cut“, der fast eine halbe Stunde länger ist als die Kinofassung), der Film weist dennoch einen völlig anderen Grundton auf als sein Vorgänger.

Zwangsläufig erschwert die Betonung des Körperlichen einem Schriftsteller wie Alan Dean Foster die Arbeit. Er denke sich gern in die Köpfe seiner Figuren, sagte er in einem Interview einmal (nachzulesen in: Jens H. Altmann, „Am Ende passt alles zusammen“. Ein Interview mit Alan Dean Foster, in: Wolfgang Jeschke [Hg.], Das Science Fiction Jahr 1998, Heyne Verlag, Nr. 06/5925, S. 565-574). Dazu lässt ihm das Drehbuch zu „Aliens“ wenig Spielraum. Foster kann in die actionbetonte Story keine längeren Passagen einfügen, die dieser völlig entgegenlaufen. Also muss er sich mit Andeutungen begnügen. (So erfährt man beispielsweise zum ersten Mal etwas über das Privatleben Ellen Ripleys, die hier zudem endlich zu ihrem Vornamen kommt). Trotzdem gelingt ihm wieder ein spannend zu lesender Roman, der gegen den auf seine Art überragenden Film, der sich wie sein Vorgänger sofort zu einem Klassiker des Genres entwickelte, allerdings dieses Mal deutlich abfällt.

Hesemann, Michael – Hitlers Religion

Der frühere „Magazin 2000“-Herausgeber lebt mittlerweile ausschließlich von seinen vielen Sachbüchern, die meist Bestseller-Status haben. In seinem aktuellsten Buch beschäftigt er sich mit den spirituellen und okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Obwohl unter Historikern nach wie vor eher Tabu, gibt es dennoch bereits eine ganze Anzahl solcher Studien. Zunächst erhält man beim Lesen auch den Eindruck, dass sich Hesemanns Werk nicht so sehr von den bisherigen Veröffentlichungen unterscheidet. Auch stellt sich anfangs die Frage, wie seriös seine Untersuchungen zu nehmen sind, da er sich im groben an „Hitlers Tischgesprächen“ von Hermann Rauschning orientiert, deren Wahrheitsgehalt bekannterweise sehr angezweifelt wird. Was er dann allerdings auf dieser Grundlage und zudem an der – wenn auch sehr dezimierten – Bibliothek Hitlers rekonstruiert, ist eine große Leistung, die anders daherkommt als die Versuche seiner Vorgänger. Tatsächlich reiht er sich damit ein in die Reihe der großen wichtigen Hitlerbiografen wie Joachim C. Fest, John Toland und Ian Kershaw und ergänzt auch die profunden Studien Werner Masers oder Guido Knopps. Hesemann kann recht überzeugend darlegen, dass Hitlers Nationalsozialismus durchaus eine ernstzunehmende Religion darstellte und nicht – wie bislang – einfach unter reinen politischen Gesichtspunkten gesehen werden darf. Diese These ist gesellschaftlich ungeheuer provokant, aber die vorliegende Studie ergibt Sinn und erscheint recht überzeugend.

Hitler war zeitlebens Katholik und deswegen werden von Historikern die immer genannten Verflechtungen zum heidnisch-völkischen Germanentum und zu den okkulten Bewegungen als nicht haltbar bezeichnet, da unter der Nazi-Herrschaft diese verboten und verfolgt wurden. Aufgrund seiner umfangreichen Recherchen bietet Hesemann allerdings ein detailliertes Bild all dieser damaligen Strömungen und zeigt auf, welche Wechselwirkungen es zwischen Hitler und anderen Nazi-Größen in der Auseinandersetzung mit Führern dieser Bewegungen tatsächlich gab. Nicht anders als ebenso bei den Kirchen wurden diese zeitweise unterstützt, zeitweise abgelehnt und bekämpft. Das Nazi-Regime war mit ständigem Taktieren verschiedenster Positionen befasst und zeichnete sich vor allem durch die Brutalität aus, mit welcher einstige Bündnispartner ausgemerzt wurden – je nach Situation und scheinbarer Notwendigkeit. In der Einschätzung der Bewegung Hitlers machten auch fast alle völkischen und okkulten Lager einen groben Fehler, indem sie in den Anfängen Hitler unterstützten und tatsächlich einen prophezeiten Messias zu erkennen glaubten. Entgegen der Darstellung der gegenwärtigen Antifaschisten und Linken wird dabei aber auch genauso klar, dass all die völkischen Bewegungen und okkulten Gruppierungen – zusammengefasst unter Lebensreformbewegung – natürlich nicht pauschal als faschistische Wurzel und Wegbereiter betrachtet werden können. Dennoch bewegten sich die Nazis in ihrer Anfangszeit in all diesen Kreisen und Hitler sah sich natürlich als Führer in der Rolle eines Wotanspriesters und benutzte auch seinen Vornamen Adolf entsprechend als „Adewolf“ (der edle Wolf), was sich auch in den Namen seiner Hauptquartiere widerspiegelte (Wolfsschanze, Wolfsschlucht, Wolfsburg). Hitler ersetzte alle christlichen Feiertage mit naturreligiösen Entsprechungen.

Der Leser dieser „esoterischen“ Hitler-Biografie erhält einen sehr umfangreichen Einblick in die Geschichte der relevanten geisteswissenschaftlichen und spirituellen Strömungen des letzten Jahrhunderts und kann aufgrund der Neutralität und Objektivität, die Hesemann wahrt (im Gegensatz zu bisherigen Historikern, welche sich allesamt parteiisch positionierten), auf spannende Weise verfolgen, wie sich vieles, das auch immer noch positiv erscheint, in diese furchtbare, monströse, menschenfeindliche Diktatur entwickeln konnte. Selbst der Antisemitismus war ursprünglich ja nicht mit diesem schrecklichen Ausgang geplant, selbst Hitler schreckte davor zurück, die Brutalität des christlichen Mittelalters und der damals schon vorhandenen Judenfeindlichkeit zu wiederholen. Obwohl er offiziell – trotz Unterschiedlichkeiten – gegenüber den Kirchen immer Christ blieb und der Vatikan ihm dies auch – ebenso zwar mit Misstrauen – im Grunde glaubte, weist Hesemann nach, dass die Nazis die Politik („erst die einen, danach die anderen“) verfolgten und dass nach erfolgreicher Judenvernichtung in gleicher Weise die Vernichtung der Christen geplant war. Das Buch endet mit dem bekannten – in der Welt immer noch beispiellosen – Schrecken der Gaskammern, der letztlich auch zum Zusammenbruch des Nazi-Regimes führte. Ohne diese Bestialität wäre der 2. Weltkrieg vielleicht ganz anders ausgegangen und Deutschland hätte seine Kriege gewinnen können. Aber mit diesem gewaltigen Völkergenozid hatte sich Nazi-Deutschland endgültig isoliert, und keine Macht der Welt stand am Ende noch auf seiner Seite.

Hesemann hat mit dieser Biografie sein bislang wichtigstes und bedeutendstes Werk vorgelegt, mit dem er auf lange Zeit ein Standardwerk geschaffen haben dürfte, dem sicherlich noch intensivere und detailliertere Forschungsarbeiten anderer Autoren folgen werden. Auch in aktueller politischer Hinsicht ergibt es durchaus Sinn, sich mit diesem Buch zu beschäftigen. Denn ähnlich wie der fanatisierte islamische Fundamentalismus einen „Heiligen Krieg“ führt, verfolgten auch die Nazis eine heilsgeschichtliche Mission. Und nicht von ungefähr ist Hitler ein Idol der Radikal-Islamisten.

Ergänzende Literatur zu den okkulten Wurzeln des Dritten Reiches:
[Das schwarze Reich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=179 von E. R. Carmin.

Asher, Neal – Drache von Samarkand, Der

Im Jahr 2432 hat sich die Menschheit über die ganze Galaxis ausgebreitet. Die Regierungsgewalt liegt bei einem riesigen Netzwerk künstlicher Intelligenz, „Earth Central“ genannt. Entfernungen spielen kaum noch eine Rolle, denn mit Hilfe der so genannten „Runcible“-Stationen kann man sich in Sekundenbruchteilen von Planet zu Planet beamen. Runcible-Stationen werden ebenfalls von künstlichen Intelligenzen betrieben und gelten als absolut zuverlässig. Bis auf dem Planeten Samarkand ein Runcible in einem gewaltigen Feuerball vergeht, tausende von Menschen tötet und den terrageformten Planeten in eine lebensfeindliche Wüstenei zurückverwandelt.

Ein Fall für ECS (Earth Central Security). Diese schickt ihren besten Agenten, Ian Cormac, ins Gefecht. Der seit Jahrzehnten mit der KI vernetzte Cormac muss diesen Einsatz ohne Direktlink zu Earth Central bestreiten: Bei seinem letzten Einsatz zeigten sich Schwächen seinerseits, mit „normalen“ Menschen umzugehen. Deshalb musste er die Schwester des Separatisten Arian Pelter töten, die ihn entlarven konnte.

Während Cormac auf Samarkand auf die exotische, außerirdische Lebensform „Drache“ stößt, hetzt Pelter ihm mit dem Söldner Stanton und dem irren Androiden Mr. Crane hinterher …

_Der Autor_

Neal Asher wurde 1961 in Essex geboren. Seine Homepage gibt sich recht zurückhaltend mit persönlichen Daten. Bereits im Alter von 17 Jahren veröffentlichte er mehrere Fantasy-Geschichten, außerdem einige Drehbücher für in Deutschland unbekannte TV-Serien (u. a. „Trines“). „Der Drache von Samarkand“ (Gridlinked) erschien im Jahre 2001 und stellt sein erstes größeres Werk im Bereich der Science-Fiction dar. Im so genannten „Polis“-Universum sind auch die Romane [„Skinner – Der blaue Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=291 und „Das Erbe Dschainas“ angesiedelt, deren Hauptakteure stets ECS-Agenten sind. Cormac hat erst im „Erbe“ seinen nächsten Auftritt, auf „Skinners“ Wasserwelt Spatterjay vertritt ihn Agent Keech.

_Science-Fiction, Agententhriller … oder eine Mogelpackung?_

Ian Cormac ist ein Bond-Verschnitt erster Güte: Ausgestattet mit einem Arsenal exotischer Waffen, z. B. einem Wurfstern mit KI, macht er von seiner Lizenz zum Töten ausgiebig Gebrauch.

Asher zeichnet ein komplexes Universum, mit allem, was die Science-Fiction zu bieten hat: Von der Serie „Stargate“ und Simmons‘ „Hyperion“ inspirierten Teleport-Toren und künstlichen Intelligenzen bis hin zu Golems genannten Androiden. Inklusive eines vermeintlich komplexen Helden, der, nach Jahren von der |Earth-Central|-KI getrennt, nun wohl gewaltigen persönlichen Problemen gegenübersteht, sowie einer absolutig fremdartigen, mysteriösen, ja geradezu gigantischen außerirdischen Lebensform namens „Drache“. An und für sich klingt das alles nicht schlecht, eher vielversprechend. Genauso wie der Klappentext:

|Abwechslungsreich und farbenfroh, für alle Freunde von Peter F. Hamilton.|

Ich möchte dem heftigst widersprechen: Massenweise Ideen anderer Autoren zu übernehmen, garantiert keinen guten Roman. Denn leider ist der Ozean an Ideen, den Asher angezapft hat, bei ihm zwar umfassend, aber so oberflächlich, dass er weniger Tiefgang als eine Pfütze hat.

So ist Ian Cormac von Anfang bis Ende eher unpersönlich, kein starker Heldencharakter oder Antiheld – eher ein Langweiler. Wie der Rest seiner Antagonisten auch. Die angepriesene High-Tech-Waffenspielerei beschränkt sich auf seinen KI-gesteuerten Shuriken. Dann gibt es noch den „Golem“ Mr. Crane, der ein wenig an den „Beißer“ aus diversen James-Bond-Filmen erinnert. Er ist zwar ein Stereotyp, aber er hat mehr Charakter als die lauen Opfer und Nebencharaktere, die blass in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Schleierhaft ist mir die Titelgebung des Romans: Der erwähnte Drache taucht mitten in einer kleinen Privatfehde zwischen dem Separatisten Pelter und Cormac, den dieser seit Jahren erfolgreich bekämpft, auf. Das Schlimme ist: Diese kleine Fehde macht den Hauptteil der Handlung aus!

Und leider … ist sie unglaublich langweilig. Angerissen, aber nie zuende gebracht – das zeichnet alle Handlungsstränge dieses Buches aus. Cormac war lange mit der KI vernetzt – aha, jetzt hat er wohl Probleme ohne diese. Pustekuchen – keinerlei Konflikt. Genauso fallengelassen wie ein wenig Licht ins Dunkel der Motivation des Drachen zu bringen, der wohl ein wenig Grauen ob des Unbekannten in die Handlung bringen sollte. Ansonsten rüsten sich alle Protagonisten gerne genetisch oder technologisch auf. Aber auch hier beschränkt sich Asher auf die rein physischen Resultate, ohne näher ins Detail zu gehen. Die künstlichen Intelligenzen werden auch nicht gerade berauschend in der Art körperloser Stimmen aus dem Off beschrieben, Kontakt per Funk oder Vernetzung in der Regel – wenn Simmons, Asimov und andere Autoren über KIs schreiben, wird wesentlich mehr geboten.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die Übersetzung, die für ein und dieselbe Technik, die „Runcible“ genannten Teleporttore à la Stargate, einen Mix aus Deutsch und Englisch („Runcible“ meets „Zinklöffel“ – wie bitte?) bietet, auch die Namensgebung kann abschrecken. Anglophoner geht es nicht: Arian Pelter, Horace Blegg, Mr. Crane … es fehlt nur der so beliebte und für Engländer anscheinend wohlklingende Name Artemis für einen Mann, dann würde ich schreiend davonrennen. Desweiteren gibt es noch das krude übersetzte „‚Wie es aussieht‘ von Gordon“ …

Was das ist? Zu Beginn jedes Kapitels gibt es eine kleine Einleitung mit Infos zu Geschichte und Technik, eben „Gordon“ oder das „Quittenhandbuch“. An und für sich eine gute Idee, aber meistens ohne Bezug zur aktuellen Handlung und ohne dem vielfältigen Universum ein wenig mehr Tiefe zu verleihen. Ob es am Autor liegt oder am Übersetzer, sei dahingestellt: Sprachlich ist der Roman ein plattes Machwerk. Die Handlung ebenso. Mischen wir den irreführenden Klappentext hinsichtlich der fremdartigen Alien-KI Drache hinzu, haben wir eine literarische Katastrophe: Wer hat den Drachen erbaut, und zu welchem Zweck? Ist er nicht vielmehr ein Lebewesen denn eine KI? Dies wird nie geklärt, anscheinend auch nicht in den zwei folgenden Romanen.

Eine reine Nebenhandlung, die Interesse auf die uninteressante Haupthandlung lenken soll. Wer einen Roman zum Thema KI oder außerirdische Intelligenz erwartet, wird hier ganz klar irregeführt. Dieser Roman ist zu allem Überfluss auf jedem Gebiet, das er anschneidet und fallen lässt, leider nur mäßig bis unterdurchschnittlich.

_Der seichte SciFi-Bruder von James Bond_

Man darf Cormac weder mit James Bond vergleichen, noch anspruchsvolle Science-Fiction erwarten. Andererseits bieten selbst Heftserien wie Perry Rhodan markigere Charaktere, im vorliegenden Buch wird leider nur zwischen blass und stereotyp abgewechselt.

Obwohl es oft blutig zugeht und die Zahl der Todesopfer bemerkenswert hoch ist, die Cormacs Fehde mit Pelter fordert, für einen Actionroman wird zu wenig Finesse geboten. Oberflächliche, unausgegorene Handlungsstränge gibt es dafür zuhauf – die Vergleiche mit Hamilton sind sehr schmeichelhaft, an den |sense of wonder| eines Armageddon-Zyklus oder die Krimis der Mindstar-Reihe kommt dieser Roman bei weitem nicht heran.

Alleine Earth Central, die Regierungs-KI, hätte so viele Möglichkeiten geboten… hätte man daraus nicht zwangsweise etwas machen müssen? Eine KI zum Guten oder Bösen? Fehlanzeige. Gemäß dem scheinbaren Motto des Romans eingeführt und dann sofort wieder fallengelassen worden wie eine heiße Kartoffel.

Neal Asher hätte einen großartigen Mix aus Science-Fiction, Action und Agententhriller schaffen können. Diese Vielfalt hat einen gewissen Reiz. Leider kann der „Drache“ weder einzeln noch in Kombination der Genres das Mittelmaß überbieten.

Homepages des Autors:
http://freespace.virgin.net/n.asher/

Interview mit Markolf Hoffmann

|Vor ein paar Monaten überraschte mich der Berliner Autor Markolf Hoffmann mit seinem Debüt-Roman [„Nebelriss“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=473 Anlässlich der Veröffentlichung seines zweiten Romans „Flammenbucht“ am 28.10.2004 habe ich mich letztes Wochenende nach Berlin aufgemacht, um den jungen Mann einmal persönlich kennen zu lernen.|

_Sven Ollermann:_
Moin Markolf, schön, dass du dir ein bisschen Zeit genommen hast. Stell dich unseren Lesern doch bitte einmal vor.

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin der Autor von „Nebelriss“ und dem Nachfolger „Flammenbucht“. Ich studiere in Berlin Geschichte und Literaturwissenschaften und habe vor einigen Jahren damit begonnen, ernsthaft an meiner Schriftstellerkarriere zu arbeiten. Damals habe ich angefangen, „Nebelriss“ zu schreiben. Auch in Zukunft möchte ich weiter als Schriftsteller arbeiten.

_Sven Ollermann:_
Du hast ja schon in deiner Schulzeit geschrieben und auch Preise bei Literaturwettbewerben gewonnen, unter anderem den ersten Preis beim Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg mit der Geschichte „Haktars Schweigen“. Wie bist du damals zum Schreiben gekommen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe schon als Kind angefangen zu schreiben und meiner Mutter, die mich sehr gefördert und mir die Literatur nahe gebracht hat, erste Bildergeschichten diktiert. Das hat sich dann immer weiter entwickelt. Am Anfang habe ich für mich geschrieben; Kurzgeschichten oder Gedichte, die ich zu Weihnachten an Verwandte geschickt habe. Mit 16 oder 17 habe ich dann ernsthaft darüber nachgedacht, Autor zu werden und das Schreiben professionell zu betreiben. Später habe an einigen Literaturwettbewerben teilgenommen, wo ich dann meine ersten Erfolge mit Kurzgeschichten hatte. Damit war klar, in welche Richtung mein Weg führt.

_Sven Ollermann:_
Wie stehst du zu der literarischen Bildung in der Schule; sollte der Schwerpunkt weiterhin bei den Klassikern liegen – Kafka, Goethe, etc. – oder sollten die Lehrer dazu übergehen, auch neuere Literatur in der Schule zu lesen? Zum Beispiel auch den „Nebelriss“?

_Markolf Hoffmann:_
Es wäre natürlich schön, wenn „Nebelriss“ in den nächsten Jahren in den Oberstufenseminaren gelesen würde. Ich glaube schon, dass Klassiker sehr wichtig sind und für die deutsche Sprache, die Literatur und Kultur einen wichtigen Beitrag leisten; die Frage ist nur, ob die Beschäftigung mit einigen Werken in der Schule nicht vielleicht zu früh erfolgt. Ich bin sehr dafür, auch zeitgenössische Literatur stärker ins Auge zu fassen, gerade um junge Leute an Literatur heranzuführen. Für einige Klassiker muss man als Leser vielleicht noch etwas reifen. Ich kann heute mit Goethe sehr viel mehr anfangen als zu Schulzeiten.

_Sven Ollermann:_
Wie war das bei euch, habt ihr auch zeitgenössische Literatur gelesen oder wie üblich nur die Klassiker?

_Markolf Hoffmann:_
Bei uns wurden eigentlich fast nur Klassiker gelesen. Die einzige Ausnahme, an die ich mich erinnere, war „Schlafes Bruder“, was in meinen Augen allerdings kein sonderlich interessantes Buch ist. Die Lehrer haben einfach zu wenig Ahnung von zeitgenössischer Literatur. Es gibt verschiedene Genres, die man beachten könnte, man sollte da in meinen Augen noch viel tun.

_Sven Ollermann:_
Stichwort Lehrerausbildung. Die Literaturwissenschaften gehören ja neben Germanistik auch zu den Studienfächern eines Deutschlehrers; wie sieht das an der Uni aus, geht es da überwiegend um die ältere Literatur oder werden auch Seminare zur neueren Literatur angeboten?

_Markolf Hoffmann:_
Es gibt Seminare zur neueren Literatur, die werden aber eher stiefmütterlich behandelt. Nur wenige Professoren setzen sich damit auseinander, auch von den Studenten kommt eindeutig zu wenig, obwohl Interesse durchaus vorhanden ist. Es setzt sich also fort: An der Universität wird zu wenig zeitgenössische Literatur behandelt, dementsprechend lernen die angehenden Lehrer zu wenig darüber, und das landet dann letztendlich bei den Schülern.

_Sven Ollermann:_
Du experimentierst sehr gerne mit der deutschen Sprache, das sieht man auch an deinem Roman „Nebelriss“, der literarisch durchaus anspruchsvoll ist. Gibt es irgendeinen Schriftsteller, der dich inspiriert hat, oder wie kommt es dazu, dass du die deutsche Sprache so wichtig nimmst?

_Markolf Hoffmann:_
Ich kann nicht sagen, dass mich ein einzelner Autor besonders beeinflusst hat. Ich selbst lege sehr viel Wert auf Sprache und Stil, wenn ich Literatur lese. Das versuche ich dann auch in meinen Romanen umzusetzen, wobei ich in Zukunft gerne noch mehr experimentieren würde. An sich bin ich ein großer Freund experimenteller Literatur – ob die Werke von Burroughs oder James Joyce oder die Romane des ostdeutschen Autors Reinhard Jirgl. Das sind alles Leute, die mir Mut geben, mich weiter an der Sprache zu versuchen und zu experimentieren. Ich denke, da bin ich auch erst am Anfang. Ich kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen und an die Leser weitergeben.

_Sven Ollermann:_
Dann können wir ja auf deine nächsten Werke gespannt sein. Welches Buch liest du gerade?

_Markolf Hoffmann:_
Zur Zeit lese ich Umberto Ecos „Baudolino“. Ich habe noch nicht viel von Eco gelesen, aber dieser Roman beeindruckt mich sehr und ist wirklich spannend.

_Sven Ollermann:_
Du liest also durchaus auch historische Romane?

_Markolf Hoffmann:_
Ich muss sagen, ich lese bunt gemischt, nicht nur Fantasy, sondern vor allem zeitgenössische Bücher oder Klassiker. Neulich habe ich z. B. voller Begeisterung Flaubert verschlungen. Eigentlich gibt es immer irgendwas, das mich gerade packt, und dann lese ich ziemlich viel von dem betreffenden Autor. Jetzt habe ich sozusagen meine Eco-Phase.

_Sven Ollermann:_
Kommen wir zu deinem neuen Roman. Kannst du ein bisschen was über „Flammenbucht“ erzählen?

_Markolf Hoffmann:_
„Flammenbucht“ ist die Fortsetzung von „Nebelriss“, ich versuche die Geschichte weiterzuspinnen und ihr auch ganz neue Richtungen zu geben. Hm, lass mich mal kurz nachdenken; gar nicht so einfach, wie fasst man einen so komplexen Roman schnell zusammen?

_Sven Ollermann:_
Okay, Baniter wird ja Arphat wieder verlassen und zurück nach Sithar reisen; wie stehen die Chancen für das Bündnis? Seine Rückkehr wird das Gespann sicherlich überraschen, was hat er zu erwarten?

_Markolf Hoffmann:_
Die Ereignisse überschlagen sich. Als Baniter zurückkommt, erwartet ihn ein Haufen neuer Probleme. Er stellt zum Beispiel fest, dass der Kaiser verschwunden ist und sich die Situation im silbernen Kreis weiter zugespitzt hat. Mit Baniters Rückkehr wird in Thax nicht wirklich gerechnet. Gleichzeitig gerät die Lage im Kaiserreich Sithar außer Kontrolle. Der neue Hohepriester Nhordukael sorgt für Überraschungen, als er die Hauptstadt einnimmt und dem Erdboden gleichmacht. Letzten Endes muss sich Baniter zu einem Waffenstillstand mit seinen einstigen Konkurrenten durchringen, und dieses fragile Bündnis wird für einige Spannung sorgen.
Ein weiterer Handlungsstrang, der in eine ganz andere Richtung geht, behandelt die Reise des düsteren Zauberers Rumos in das Silbermeer. Hier werde ich zwei neue, etwas hellere Charaktere einführen, nämlich einen troublinischen Großmerkanten und seinen Leibdiener, die Rumos auf seinem Weg begleiten. Die Geschichte verlagert sich hierbei ins Silbermeer, und somit rücken ganz neue Gegenden des Welt Gharax in den Mittelpunkt.

_Sven Ollermann:_
Eine Sache interessiert mich brennend: Warum musste in deinem Roman ein Plätzchen für Magie eingeräumt werden? Fantasy und Magie sind zwei Elemente, die man gemeinhin gerne zusammenfasst. Schaut man sich aber zum Beispiel die „Gezeitenwelt“ an, so findet man diese fantastische Form von Magie einfach nicht. Hast du dich privat mal mit dem Thema beschäftigt oder ist die Magie eher ein Standard-Klischee?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe am Anfang lange darüber nachgedacht, welche Rolle Magie in dieser Trilogie spielen soll. Ich selbst habe mich während des Studiums aus Interesse mit antiker, vor allem spätantiker und ägyptischer Magie beschäftigt. Mich interessiert dabei vor allem die Schnittstelle zwischen Religion und Magie, dass z. B. die Auseinandersetzung mit Magie in der Antike letzten Endes ein Umgang mit den Göttern war und eine stärkere religiöse Konnotation hatte, als dies heute wahrgenommen wird. Mit diesem Thema wollte ich mich auseinandersetzen. Religion spielt deshalb eine große Rolle im „Nebelriss“ und zwar eine durchaus kritische. Mich interessierte die Frage: Wie erlangen Menschen mit Hilfe von Religion und Magie Macht über andere Menschen? Und wie gehen diese damit um?

_Sven Ollermann:_
Wo wir gerade ins Magische abdriften: Bist du mehr Träumer oder doch eher Realist?

_Markolf Hoffmann:_
Ich denke, ich bin vielleicht eher Realist, wobei ich sehr gerne träume. Um diesen Widerspruch ein wenig aufzuschlüsseln, kann man sagen, dass ich versuche, den Träumen auf den Grund zu gehen und mit ihnen zu arbeiten. Also bin ich vielleicht beides.

_Sven Ollermann:_
Die Welt Gharax mit ihrem durchaus komplexen politischen, religiösen und magischen Gefüge und mit der ‚parallelen Dimension‘ der Goldéi – wie bist du darauf gekommen? Haben dich da politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge in unserer Welt inspiriert oder Bücher anderer Autoren?

_Markolf Hoffmann:_
Die politischen Auseinandersetzungen in der Welt Gharax haben mich sehr interessiert, und ich habe sie bewusst forciert, weshalb die Politik eine große Rolle spielt. ‚Das Zeitalter der Wandlung‘ beschäftigt sich ja mit dem Niedergang, dem Verfall einer Welt und ihrer Strukturen. Diese Umwälzung fordert die Menschen heraus. Wie gehen sie politisch damit um? Da gibt es Menschen, die diese Veränderungen bekämpfen, es gibt andere, die sie willenlos mitgehen und mitgestalten, und wieder andere versuchen sich ihnen anzupassen. Diese drei Wege zeige ich beispielhaft an den drei Hauptcharakteren Nhordukael, Laghanos und Baniter. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: Wie beeinflusst Macht die Menschen, wie deformiert sie die Menschen oder stärkt sie? Und ich habe natürlich auch einige politische Anspielungen in „Nebelriss“ versteckt, zum Beispiel im Rochenland-Konflikt die Auseinandersetzung mit dem Separatismus, der ja ein gewaltiges Problem unserer Zeit ist. Ich finde es reizvoll, Entwicklungen unserer Zeit in der Phantastik zu spiegeln. Dieses Genre eignet sich perfekt dazu.

_Sven Ollermann:_
Die Welt ist vielschichtig und sehr bildhaft. Ich habe häufig das Gefühl gehabt, dass wirklich ein Film vor meinem inneren Auge abläuft. Meinst du, dass deine Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor dir dabei geholfen hat, diese Verbildlichung der Welt zu Wege zu bringen?

_Markolf Hoffmann:_
Ja, definitiv, vor allem in sprachlicher Hinsicht. An vielen Stellen und vor allem bei Beschreibungen stelle ich mir die Szene als Bild oder als Filmszene vor und setze sie dann sprachlich um. Auch bei schnelleren Szenen, zum Beispiel Actionszenen, überlege ich mir die ‚Schnitte‘ schon vorher und fertige ein Mini-Drehbuch im Kopf an, nach dem ich schreibe. Es hilft sehr, die Ideen während des Schreibens zu verbildlichen. Meine Erfahrungen als Drehbuchautor und Regisseur von Kurzfilmen sind, denke ich, ein guter Schlüssel zur Literatur.

_Sven Ollermann:_
Die Charaktere haben durchaus phantastische Namen, Nhordukael, Laghanos, Baniter – wie hast du sie entwickelt? Hast du eine eigene Etymologie für die Welt Gharax entworfen, auf andere Sprachen zurückgegriffen oder sind sie einfach deiner Phantasie entsprungen?

_Markolf Hoffmann:_
Es sind Eigenkreationen. Etymologie wäre etwas zu hoch gegriffen. Ich habe allerdings versucht, die meisten Namen historisch einzubetten, damit sie sich aus der Geschichte des Landes herleiten lassen. Ich fand es jedoch nicht so wichtig, mir eine komplette Etymologie zu überlegen. Die Namen sollten vor allem phantastisch genug klingen, um sie von unserer Welt abzugrenzen.

_Sven Ollermann:_
Stichwort Geschichte der Welt Gharax. Deine Homepage bietet ja eine Menge an Hintergrundinformationen, worüber deine Leser, welche sich damit beschäftigen wollen, sicherlich sehr dankbar sind. Die Homepage bietet aber noch mehr: je eine mehrteilige Vorgeschichte zu deinen beiden Romanen „Nebelriss“ und „Flammenbucht“. Ist das jetzt eher eine Marketing-Strategie oder ein Geschenk an potenzielle Leser und Fans vom „Nebelriss“?

_Markolf Hoffmann:_
Es ist beides. Ich möchte natürlich Leser werben, möchte sie anlocken und ihnen die Chance geben, sich auf das Buch vorzubereiten. Auf der anderen Seite ist es auch ein Geschenk für interessierte Leser, damit sich diese mit der Geschichte von Gharax auseinandersetzen und in die Welt einarbeiten können. Und da ich selbst sehr viel Spaß daran habe, mich mit dieser Welt zu beschäftigen, habe ich auch zum zweiten Teil eine Vorgeschichte entworfen. Diese orientiert sich an Leserwünschen, denn viele Fans von „Nebelriss“ fanden vor allem die Episoden im Königreich Arphat sehr interessant. Deswegen habe ich bewusst die Vorgeschichte zu „Flammenbucht“ in Arphat angesiedelt, um die Hintergründe dieses Reiches näher zu beleuchten. Diese Hintergründe sind für den Roman „Flammenbucht“ nicht wirklich bedeutsam, sie sind vielmehr als Vertiefung gedacht. Es ist außerdem eine schöne Vorbereitung auf „Flammenbucht“. Der Prolog wird nämlich ebenfalls in Arphat spielen, weil dieses Land den Feldzug gegen die Goldéi beginnt.

_Sven Ollermann:_
Hast du die Geschichten parallel zu den Romanen geschrieben oder nachträglich?

_Markolf Hoffmann:_
Nachträglich. Ich habe sie zeitgleich zur Erstellung der Homepage geschrieben. Es ist ein sehr angenehme Abwechslung, weil ich eine solche Vorgeschichte natürlich anders schreibe als einen Roman. Ich arbeite nicht mit parallelen Strängen, und sie ist besteht aus kürzeren Abschnitten.

_Sven Ollermann:_
Dann sei noch erwähnt, dass zweimal pro Woche ein neuer Teil der Vorgeschichte auf der Homepage veröffentlicht wird. Sind es wieder zehn Kapitel?

_Markolf Hoffmann:_
Es werden sieben Kapitel sein.

_Sven Ollermann:_
Reden wir mal über das Cover, da hat sich ja jetzt einiges verändert, wegen des Verlagswechsels. Das alte Cover wirkte düster und bedrohlicher, ich fand, es passte sehr gut zum Roman. Das neue Cover von |Piper| wirkt friedlicher, fast ein wenig klischeehaft. Wie stehst du dazu?

_Markolf Hoffmann:_
Ich kann dazu nur sagen, dass man als Autor leider kein Mitspracherecht hat. Ich habe zwar Vorschläge gemacht, aber der Verlag hat sich für andere Cover entschieden. Ich persönlich hätte mir sowohl bei |Heyne| wie auch bei |Piper| etwas Abstrakteres gewünscht. Ich finde zwar, dass die neuen Cover sehr schön anzusehen sind, aber sie sind ein wenig bieder und spiegeln die Atmosphäre nicht unbedingt wieder. Auf der anderen Seite sind sie recht atmosphärisch, was mir ganz gut gefällt. Dennoch hat mir das Cover von |Heyne| besser gefallen. Ich würde mir wünschen, dass der Verlag noch mehr auf die Autoren hört, weil diese schließlich am besten wissen, welche Gestaltung die Atmosphäre eines Buches wiedergibt.

_Sven Ollermann:_
Eine Sache, die mir bei den Rezensionen auffiel und mir selber auch sehr schwer gefallen ist – die Festung, die auf den Büchern abgebildet ist, liegt die im Rochenland oder sind es die Augen von Talanur?

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin genauso am Rätselraten wie du. Ich würde zu gerne wissen, welche Festung im Buch das Bild darstellen soll. Nun ja, ich denke, man muss ein solches Cover assoziativ verstehen.

_Sven Ollermann:_
Du warst mit „Nebelriss“ auf Lesereise. Ist das mit „Flammenbucht“ auch wieder geplant?

_Markolf Hoffmann:_
Ich werde Lesungen machen. Nicht mehr so stark wie bei „Nebelriss“, weil die Resonanz nicht so groß war, wie ich mir das gewünscht habe, aber es wird Lesungen in Berlin, München und Hamburg geben. Ich würde mich auch freuen, wenn sich noch weitere Termine ergeben. Ich bin einfach mal gespannt, ob Leute oder Institutionen an mich herantreten, damit ich meinen Roman vorstellen kann, weil ich mir auch bei der Ausarbeitung des Lesekonzepts sehr viel Mühe gegeben habe. Ich begleite meine Lesungen ja mit Musik. Ein Freund von mir, der Tonkünstler Michael Carmone, hat ein paar Tonspuren für die Lesungen geschrieben. Ich selbst gebe zudem einige atmosphärische Klavierkompositionen zum Besten. Dieses Konzept geht eigentlich über eine Lesung hinaus. Ich sehe es mehr als Konzert mit literarischen Elementen.

_Sven Ollermann:_
Ein Konzert mit literarischen Elementen – da fällt mir ein, dass heute ja Hörbücher groß im Kommen sind. Könntest du dir vorstellen, dass du „Das Zeitalter der Wandlung“ für eine Hörbuchserie freigibst?

_Markolf Hoffmann:_
Das könnte ich mir sogar sehr gut vorstellen. Falls ein Hörbuchverlag Interesse hätte, soll er sich ruhig bei mir melden. Ich hätte auch große Lust, daran mitzuarbeiten oder vielleicht Regie zu führen. Das ist auch der Grund, weswegen ich mir die Rechte zurückbehalten habe, und falls das Interesse der Leser an einem Hörbuch da ist, werde ich es umsetzen.

_Sven Ollermann:_
Du hast ja – oder besser, du wurdest von Heyne zu Piper gewechselt, weil Heyne die Fantasy-Reihe abtreten musste. Du hast mal in einem Interview gesagt, das Lektorat bei Heyne hätte dir sehr viele Freiheiten gelassen, auch im Bezug auf die sprachlichen Experimente. Wie lief das mit dem Lektorat bei Piper?

_Markolf Hoffmann:_
Ich habe das große Glück, dass die Lektorin, die mich bei Heyne betreut hat, freischaffend arbeitet und ich deswegen mit ihr weiterarbeiten konnte. Daher wird sich auch an den Sprachexperimenten nichts ändern. Es wird im selben Stil weitergehen.

_Sven Ollermann:_
Piper veröffentlicht nicht so viele Bücher wie Heyne – eben auch im Fantasy-Bereich, bislang zumindest. Wie sieht das mit der Vermarktung deines Buches aus? Bist du zufrieden damit? Weißt du überhaupt schon, wie die PR läuft?

_Markolf Hoffmann:_
Das ist natürlich alles erst in der Schwebe. Ich hoffe mal, dass sich Piper besser als Heyne darum kümmert. Ich werde natürlich auch mein Scherflein dazu beitragen, zum Beispiel die Internetwerbung mache ich komplett alleine. Die Homepage habe ich selbst entworfen. Ich würde mir wünschen, dass der Verlag noch etwas mehr tut, zum Beispiel Zeitungsartikel schaltet. Wir werden sehen. Ich hoffe einfach mal, dass sich auch das Erscheinen von „Flammenbucht“ herumspricht.

_Sven Ollermann:_
Wie läuft es mit dem Endspurt deines Studiums? Du hast mir erzählt, dass du scheinfrei bist. Gedenkst du deine Magisterarbeit noch in diesem Jahr fertigzustellen?

_Markolf Hoffmann:_
Ja, die hat sich jetzt natürlich durch die Abgabe des zweiten Buches verschoben. Das nächste Projekt wird für mich der Abschluss meines Studiums sein, also zunächst eine Magisterarbeit zu verfassen.

_Sven Ollermann:_
Haben deine Dozenten mitbekommen, dass du ein Buch veröffentlicht hast? Wenn ja, wie sind sie darauf eingegangen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich hab das nicht herumposaunt. Eigentlich möchte ich Studium und Schriftstellerei bewusst voneinander trennen.

_Sven Ollermann:_
Studium, Kurzfilme, Autor zweier Bücher – wie hast du das bewältigt? Hast du einen straffen Tagesplan oder eher eine freie Zeiteinteilung?

_Markolf Hoffmann:_
Ich bin eher Etappenarbeiter. Vor einem Jahr habe ich mich etwa mit meinem letzten Filmprojekt beschäftigt, eine Horror-Groteske, die auch noch nicht ganz abgeschlossen ist (der Film muss noch geschnitten werden). Dann war natürlich der Roman dran, an dem ich sehr viel gearbeitet habe. Dann gab es wieder Monate, in denen ich mich ausschließlich in mein Studium vertieft habe. Ich versuche, alle Energie auf ein Projekt, das zur Zeit wichtig ist, zu bündeln. Ich liebe die Abwechslung. Ich beschäftige mich auch sehr gerne mit Geisteswissenschaften, also mit der Rezeption von Texten und Theorien. Dann ist natürlich Musik ein großes Interessengebiet von mir, sowohl als Konsument als auch als Komponist.

_Sven Ollermann:_
Wie sieht es mit anderen Hobbys aus, neben deinen kreativen Tätigkeiten? Computer zocken, Kino, Kultur – bleibt dir dafür Zeit?

_Markolf Hoffmann:_
Ich nehme mir einfach die Zeit. Ich habe einen großen Freundeskreis, mit dem ich gerne etwas unternehme. So gehe ich gerne ins Kino und ins Theater. Dass mich das Theater geprägt hat, kann man vielleicht auch an der Dialoglastigkeit meiner Romane erkennen. Computer spiele ich gelegentlich ganz gerne. Früher habe ich auch mal eine Rollenspielphase gehabt, die leider aus Zeitgründen abgeschlossen ist. Außerdem gehe ich gerne schwimmen, und das Nachtleben Berlins bietet ebenfalls diverse Möglichkeiten.

_Sven Ollermann:_
Du hast mal gesagt, dass du nicht so gerne Fantasy liest. Begründet hast du es mit den vielen Klischees und der flachen, oft geglätteten Sprache, sowohl bei Übersetzungen als auch bei deutschen Romanen. Wirst du weiterhin in der Phantastik bleiben oder wechselst du vielleicht das Genre?

_Markolf Hoffmann:_
Ich würde gerne auch in anderen Genres arbeiten, obwohl mich Fantasy sehr interessiert. Ich habe auch schon ein weiteres Manuskript, einen zeitgenössischen Roman, den ich gerade bei einem Verlag unterzubringen versuche. Doch auch im Bereich Fantasy möchte ich weiterarbeiten. In diesem Genre kann man noch sehr viel Neues ausprobieren. Interessanterweise hat die zeitgenössische Literatur sehr viele phantastische Elemente aufgenommen, es gibt sehr viele zeitgenössische Romane mit Horror-Elementen, mit Fantasy- oder Science-Fiction-Elementen, während die Fantasy sehr wenige zeitgenössische Themen aufnimmt. Es würde mich deshalb reizen, in die Fantasy einige Elemente der E-Literatur ‚hineinzuzerren‘ und somit die Mauer von der anderen Seite her aufzubrechen. Von Seiten der E-Literatur ist das schon geschehen, von Seiten der Fantasy eben noch nicht, und ich denke, da stehe ich noch ganz am Anfang. Ich kenne auch einige andere Autoren, die sich an dieser Grenze versuchen.

_Sven Ollermann:_
Könntest du dir vorstellen, „Das Zeitalter der Wandlung“ noch mal aufzugreifen, oder wird es mit der Trilogie abgeschlossen sein? Es geht ja um den Untergang und den Strukturwandel einer Welt, das könnte man natürlich weiterspinnen und später über den Aufbau einer neuen Welt schreiben. Bist du daran interessiert?

_Markolf Hoffmann:_
Eigentlich ist es mein festes Ziel, nach der Trilogie diese Welt beiseite zu legen. Es kann natürlich sein, dass mich in zehn Jahren Gharax noch einmal zu sich ruft, aber eigentlich denke ich, dass die Geschichte abgeschlossen ist – auch mit ihren offenen Enden. Ich erzähle ja nur einen Abschnitt dieser Welt; der Rest sollte besser unerzählt bleiben und offen sein für Interpretationen, für Träume und Visionen. Ich denke, es wäre schade, Gharax totzuschreiben. Auf mich warten andere Themen, andere Welten.

_Sven Ollermann:_
Beispiel Lovecraft. Er hat eine Welt erschaffen und schon zu Lebzeiten, aber überwiegend nach seinem Tod, haben sich viele Autoren darangesetzt und den Mythos weitergeschrieben. Wie stehst du dazu, wenn sich irgendwann ein junger aufstrebender Autor daransetzt und sagt: Ich habe da ein paar tolle Ideen; ich schreibe einen Roman, der in der Welt Gharax spielt. Wäre das okay für dich?

_Markolf Hoffmann:_
Es ist nicht uninteressant, wenn sich Autoren an vorhandenen Konzepten orientieren und etwas Neues aus ihnen herauszuholen … allerdings nur dann, wenn sie es schaffen, sich von ihrem Vorbild zu lösen. Wenn es reines Epigonentum ist, bin ich eher dagegen. Es würde auf das Konzept ankommen, aber wenn wirklich jemand daran Interesse hat und das Ganze von einem neuen Blickwinkel her angeht, könnte das durchaus reizvoll sein.

_Sven Ollermann:_
Berlin – du studierst hier, geboren bist du in Braunschweig, dann hast du einige Jahre im Süden Deutschlands gelebt. War das damals schon ein Traum, nach Berlin zu gehen, oder war es hier nur einfacher, einen Studienplatz zu bekommen? Und wie verhält es sich heute, würdest du wieder woanders hinwollen?

_Markolf Hoffmann:_
Für mich war das schon ein Traum. Alleine schon, weil ich vom Gefühl her ein Großstadtmensch bin. Ich habe mich im Alter von sechzehn in die Stadt London verliebt. Dann war der erste Schritt, nach Berlin zu ziehen, denn ich wollte in Deutschland studieren. Berlin ist sehr faszinierend, ich würde auch jederzeit wieder hierherziehen, wenn ich noch mal anfangen würde. Was kulturelle Möglichkeiten betrifft, ist Berlin schon die Stadt, die am meisten in Deutschland zu bieten hat.

_Sven Ollermann:_
Du warst auf der Frankfurter Buchmesse. Mit deinem neuen Werk?

_Markolf Hoffmann:_
Es hatte es leider noch nicht aus der Druckerei geschafft, deswegen hatte ich es noch nicht in den Händen.

_Sven Ollermann:_
Gab es die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen – zu anderen Autoren, anderen Verlagen?

_Markolf Hoffmann:_
Ich hab vor allem die Leute des neuen Verlags kennen gelernt, die Piper-Besatzung. Das war sehr interessant. Ich hatte auch Gespräche mit anderen Autoren, aber vor allem ging es darum, den Kontakt zum Verlag zu vertiefen.

_Sven Ollermann:_
Wie feierst du Halloween? Als Rollenspieler, als jemand, der sich mit Magie beschäftigt hat, als Fantasy-Autor – bist du ein Mensch, der auf die großen Partys geht oder eher privat feiert?

_Markolf Hoffmann:_
Ich muss gestehen, dass ich keinen persönlichen Bezug zu Halloween habe, aber wenn sich eine Party anbietet, werde ich die sicherlich mitnehmen, denke ich mal.

_Sven Ollermann:_
Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?

_Markolf Hoffmann:_
Vielleicht, dass mich der Austausch mit den Lesern sehr interessiert – Meinungen, Kritik und Anregungen sind immer willkommen. Ich würde mich freuen, wenn sich der eine oder andere meine Homepage anschaut. Wer Fragen hat, kann mir auch gerne eine E-Mail schreiben. Ich finde, es macht ein Buch lebendiger, wenn man sich als Autor mit den Lesern austauschen kann. Und dies ist ja heute dank Internet sehr einfach geworden. Ich hoffe, dass sowohl die Leser als auch ich diese Chance nutzen.

_Sven Ollermann:_
Ich danke dir, Markolf, und freue mich riesig auf „Flammenbucht“ und den dritten Teil.

Also, liebe Leser, wer sich mit „Das Zeitalter der Wandlung“ näher beschäftigen oder sich mit dem Autor auseinandersetzen möchte: Auf http://www.nebelriss.de besteht die Möglichkeit dazu.

Agatha Christie – Das Haus an der Düne

Als direkt unter seinen Augen ein Mordanschlag verübt wird, fühlt sich Meisterdetektiv Hercule Poirot herausgefordert. Mit seinem treuen Gefährten Hastings lädt er sich selbst in das Haus an der Düne ein, welches von einer fidelen Gesellschaft bewohnt wird. Darunter befindet sich ein kaltblütiger Mörder, der sein Glück erneut versuchen wird … – Der Wettlauf mit dem genretypisch gut getarnten Übeltäter ist klassisch spannend, wird aber von den penetranten Possen des eingebildeten Poirot künstlich dramatisiert: ein ‚nur‘ mittelmäßiger Krimi der englischen „Queen of Crime“.
Agatha Christie – Das Haus an der Düne weiterlesen

Camilleri, Andrea – Rache des schönen Geschlechts, Die

„Commissario Montalbano lernt das Fürchten“ heißt dieser Roman im Untertitel. Sowohl der Untertitel als auch der Haupttitel werden mit entsprechenden Erzählungen gerechtfertigt. Im Gegensatz zu so manch anderem Werk auf dem deutschen Buchmarkt passt der Titel diesmal.

Das Buch enthält drei kurze Shortstorys (sorry: doppelt gemoppelt) von wenigen Seiten sowie drei Novellen von einer Länge zwischen 60 und 100 Seiten. Alle Geschichten gehorchen Edgar Allan Poes Forderung nach einer „unity of effect“: Sie erzielen jeweils eine beabsichtige Wirkung und haben eine identifizierbare Aussage. Die Lektüre dürfte also recht zufriedenstellend ausfallen. Ich stellte fest, dass die Novellen spannender sind als die Shortstorys.

|Der Autor|

Andrea Camilleri ist kein Autor, sondern eine Institution: das Gewissen Italiens. Der 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geborene, aber in Rom lebende Camilleri ist Autor von Kriminalromanen und -erzählungen, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur. Er hat dem italienischen Krimi die Tore geöffnet.

Die Hauptfigur in vielen seiner Romane, Commissario Salvo Montalbano, gilt inzwischen als Inbegriff für sizilianische Lebensart, einfallsreiche Aufklärungsmethoden und südländischen Charme und Humor. Er ermittelt in komplett erfundenen, aber „wirklich“ erscheinenden Orten wie Vigàta und Monte Lusa.

Allerdings ist der Commissario nicht der Liebling aller Frauen: Zu oft hindert ihn sein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein daran, dringende Termine mit seiner festen Freundin Livia wahrzunehmen, mit der er seit sechs Jahren liiert ist, die aber in Genua lebt, also aus „dem Norden“ kommt. (Auch Camilleris Frau stammt von dort, aus Mailand.)

Einige Montalbano-Krimis:

– Die Form des Wassers
– Das Spiel des Patriarchen
– Der Hund aus Terrakotta
– Die Stimme der Violine
– Der Kavalier der späten Stunde
– Der Dieb der süßen Dinge
– Die Nacht des einsamen Träumers
– Das kalte Lächeln des Meeres

_Die Erzählungen_

|Fieber| (2001)

Die Grippe geht um in Marinella, und auch Montalbano wird von der Krankheit nicht verschont. Überzeugt, dass ein Thermometer zur Senkung seines Fiebers beitragen werde, steht er also auf und begibt sich zur nächsten geöffneten Apotheke. Dort wird er Zeuge eines blutigen Überfalls, bei dem ein junges Mädchen angeschossen wird. Ein Stadtstreicher entpuppt sich als professioneller Helfer, als es darum geht, der Kleinen zu helfen. Dieses Detail kommt dem Commissario, als er wieder im Bett liegt und schwitzt, seltsam vor …

|Tödlich verwundet|

In Vigàta wurde der Wucherer Piccolo erschossen. Montalbano findet ein verwüstetes Schlafzimmer vor, in dem der Ermordete im Bett liegt. Angeblich hat ihn seine Nichte Grazia, die bei ihm als Dienstmagd lebte, so aufgefunden, nachdem ihn ein Einbrecher getötet hat. In blitzschneller Reaktion habe sie, die mit Pistolen umgehen kann, einen Revolver aus dem Nachttisch geholt und damit den flüchtenden Einbrecher tödlich verwundet. Dieser wird drei Tage später auch tatsächlich verblutet aufgefunden.

Doch wenn der Schütze ein Einbrecher war, wieso ist dann in Piccolos Safe nur noch so wenig Geld? Und warum findet man beim toten Schützen keine Waffe? Und wie kommt es, dass dieser sogenannte Einbrecher dafür bekannt war, eine ehrliche Haut zu sein und geradezu kindliches Gemüt zu haben? Montalbano wird stutzig und stößt schon bald auf eine hilfreiche Spur, die zu einem Unbekannten führt.

|A Hatful of Rain oder: Eine Handvoll Regen| (1999)

Sein Polizeipräsident schickt den Commissario nach Rom, um dort im Ministerium seine, Montalbanos, Verbesserungsvorschläge für die Polizeiarbeit zu unterbreiten. Das ist dem Kommissar überhaupt nicht recht: Er hasst das Fliegen und kann den Norden nicht leiden. Weil seine Reisetasche verlorengeht, muss er in Rom erst einmal Klamotten kaufen und ein teures Zimmer mieten. Der Kleiderladen gehört einem alten Schulkameraden, wie er entdeckt. Diesen Ernesto Lapis hätte er damals in der Schule meiden sollen, denn er hatte ihn zum Schuleschwänzen angestiftet. Doch nicht der Faulenzer ist zum Ganoven geworden, sondern Lapis‘ Sohn. Das entdeckt Montalbano, als er im Gewittersturm seine Kappe verliert und sie neben einem Hut landet. Der bedeutet dessen Besitzer, Antonio Lapis, auffällig viel. Warum, erkennt Montalbano, als er sich mit Lapis um Kappe und Hut prügelt und die Polizisten beide festnehmen. Der Hut steckt voller Drogenpäckchen …

|Das vierte Geheimnis|

Ein albanischer Gastarbeiter ist auf dem Bau vom Gerüst gefallen. Und für solche Lappalien interessiert sich Montalbano? Es wäre ihm sicherlich relativ gleichgültig, würden nicht zwei Ereignisse zusammentreffen: Er hat einen Alptraum, den er als Warnung auffasst, und er erhält einen anonymen Brief. Darin wird genau jener tödliche Arbeitsunfall des Albaners Pashko Puka angekündigt.

Montalbano lässt die Sache nicht auf sich beruhen, sondern schnüffelt weiter. Die Häufung solcher Arbeitsunfälle fällt ihm auf, und alle nur in der Bauindustrie. Waren es vielleicht Morde? Aber zu welchem Zweck? Der Chef der lokalen Carabinieri hilft ihm weiter – er ermittelt hauptamtlich in diesem Fall, bittet aber Montalbano um Mithilfe. Offenbar handelt es sich um eine Kampagne der Mafia gegen ehrliche Bauunternehmer, damit diese an einen bestimmten Konkurrenten verkaufen, der zur Mafia gehört. Doch wer mit diesen Ehrenmännern den Kampf aufnimmt, muss früh aufstehen …

|Montalbano hat Angst|

Bei einem seiner seltenen Besuche im Norden nimmt seine Freundin Livia ihn auf eine Ferienhütte in den Alpen mit. In der Nähe des Montblanc-Massivs ist die Luft zwar klar, aber eisig kalt. Um sich die Beine zu vertreten, begibt sich Salvo schon am frühen Morgen auf einen der Gebirgspfade, um die Gegend zu erkunden. Dabei hört er einen Hilferuf und eilt zur Rettung. Doch die Szene, die er antrifft, erscheint nur auf den ersten Blick normal: Ein Mann hält das Handgelenk einer Frau fest, die über einem Abgrund hängt und nur noch mit den Füßen auf einem schmalen Grat steht. Nicht der Mann, Dalbono, hat um Hilfe gerufen, sondern seine Frau Giulia. Und sie hielt die ganze Zeit die Augen geschlossen. Warum? Erst als Dalbono ihn am nächsten Morgen besucht, versteht Salvo, was wirklich los war: Dalbano wollte seine Frau am Abgrund loswerden, weil er schon seit zwei Jahren eine andere liebte …

|Die Dinge im Dunkeln liegen lassen|

Dies ist die den Titel rechtfertigende Erzählung. – Ein Priester bittet den Commissario ans Sterbebett einer Neunzigjährigen. Die Signora Maria Carmela Spagnolo möchte ihr Gewissen erleichtern. Das kommt dem Kommissar merkwürdig vor; wäre der Priester nicht geeigneter, um …? Aber nein, der beruft sich auf das Beichtgeheimnis.

Und so kommt es, dass Montalbano in einem Mordfall ermittelt, der fast fünfzig Jahre zurückliegt und in dem Signora Spagnolo eine Schlüsselrolle spielte. Sie brachte eine Unschuldige ins Gefängnis, um sich dafür zu rächen, dass diese Signore Spagnolos Geliebte war: Cristina, Maria Carmelas beste Freundin. Jedenfalls nur bis zu einem ganz bestimmten Tag …

_Mein Eindruck_

Es ist immer ein wenig schwierig, eine Sammlung von Erzählungen, wie das vorliegende Buch, auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zurückzuführen. Genauso gut könnte man von einem Fünfgängemenü für einen Gourmet behaupten, dass in praktisch jeder Speise Wasser enthalten sei, und das wohl mit Fug und Recht. So ähnlich verhält es sich mit den Camilleri-Storys.

Jedes Mal ist von einem Verbrechen die Rede, eines gegen die Sitten, gegen Menschen, gegen den Ermittler selbst. Sei’s drum. In den drei kurzen Geschichten und den drei Novellen ist nicht entscheidend, ob und welches Verbrechen aufgedeckt wird. (Sizilianische Verhältnisse sind offensichtlich lebensfeindlich.) Es geht vielmehr um die besonderen Eigenschaften des Ermittlers, der ihre Aufdeckung erst herbeiführt. Und dazu gehören auch seine mitunter unorthodoxen Methoden.

|Ungewöhnliche Methoden|

Könnte man sich einen Stefan Derrick vorstellen, der sich nächtens zu einem altgedienten Einbrecherkönig begibt, um sich in die fachgerechte Anwendung eines Dietrichs bei Überseekoffern einweisen zu lassen? Das nämlich tut Montalbano und begibt sich sodann ins Lager des Altenheims, in dem die Signora Spagnolo verstarb. Er weiß: Am nächsten Tag kommt der Erbe und nimmt sämtliche Habseligkeiten der Verstorbenen mit, mithin also jedes Beweisstück, das eventuell Aufklärung darüber liefern könnte, was vor 50 Jahren wirklich geschah. Des Commissarios eigenwilliger Riecher hat ihn nicht getäuscht: Er ergattert drei verräterische Liebesbriefe – heureka! Da können Stefan und Harry einpacken.

|Assis|

Apropos Stefan und Harry: Montalbano hat einen recht bemerkenswerten Assistenten, sozusagen sein Mädchen für alles. Catarella mag zwar wie zwanzig aussehen, verfügt aber über den Verstand und das kindliche Gemüt eines Siebenjährigen. Und wie der sich freut, als ihm der hochverehrte „Dottori“ Montalbano ein Geheimnis nach dem anderen anvertraut – ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern zusammen. Dabei verschwendet Catarella kaum einen Gedanken daran, dass sich die Ereignisse in „Das vierte Geheimnis“ einem gefährlichen Finale nähern. Es ist lediglich Montalbanos prophetischer Alptraum, der ihn davor warnt, was als nächstes geschieht: eine Schießerei, die für einen der drei Beteiligten tödlich ausgeht.

|Mörderinnen|

Wozu das titelgebende „schöne Geschlecht“ in puncto Verbrechen fähig ist, belegen nicht nur die Apothekerin (und vermeintliche Giftmischerin) Signora Spagnolo, sondern auch die Täterin in „Tödlich verwundet“. Ihr Onkel hat sie den Umgang mit Pistolen und Gewehren gelehrt, behauptet sie. Dieser Schuss kann auch nach hinten losgehen, findet der Commissario.

|Erotik|

In „Das vierte Geheimnis“ kommt nicht nur die kriminalistische, sondern auch die erotische Spannung zu ihrem Recht. Da funkt es ganz gewaltig zwischen Montalbano, beileibe kein Kostverächter, und der attraktiven Tochter des von der Mafia bedrängten Bauunternehmers. Aber da gibt es ja noch Salvos feste Freundin Livia, mit der er in [„Der Dieb der süßen Dinge“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=316 um ein Haar mal Adoptivvater eines Jungen geworden wäre. Mit Livia zofft sich Salvo für sein Leben gern, doch die Nähe zu ihr hat auch ihre Kehrseite. Salvo fürchtet sich, weil kein Übermensch, vor vielen Dingen. Dazu gehören Hunde ebenso wie das Fliegen und jede Art von Höhe.

|Phobien|

Das erweist sich in „Montalbano hat Angst“ als beinahe verhängnisvoll. In den Alpen wird Salvo furchtbar schnell schwindlig, und er verpestet die frische Bergluft mit dem Rauch zahlloser Zigaretten. Diese Akrophobie (Höhenangst) verhindert beinahe die Verhinderung und anschließende Aufklärung eines Verbrechens, das zunächst gar nicht wie eines aussieht. Montalbanos Stadt-Angst könnte man vielleicht Poliphobie (polis + phobos) nennen. Jedenfalls entwickelt sie sich bei seinem Rombesuch in „Hatful of Rain“ (ein Filmtitel) zu voller Blüte. Höchste Zeit, das sizilianische Urgewächs Montalbano in seine angestammte Heimat zurückzuverpflanzen.

_Unterm Strich_

Die sechs Erzählungen zeigen uns den Serienheld von ganz verschiedenen Seiten. Man muss ihn nicht immer sympathisch finden. Aber die Art und Weise, wie er Fälle löst und auf die Widrigkeiten des Lebens reagiert, macht ihn einfach interessant. Der italienische Wallander / van Veeteren? Warum nicht? Es gibt wesentlich schlechtere Vergleiche.

Dick, Philip K. – Ubik

_Was ist UBIK?_

In nicht allzu ferner Zukunft werden immer mehr parapsychisch Begabte in der Menschheit auftauchen. Das Sonnensystem ist besiedelt, man arbeitet an den ersten Fernflügen. Nicht wenige Menschen fühlen sich durch die |Psis| bedroht, beobachtet, in ihrer Privatsphäre geschändet. Telepathen überwachen Geschäftspartner oder Gegner, Präkogs können aus vielen Zukunftsvariationen die wahrscheinlichste ermitteln und damit zum Beispiel bei der Verbrechensbekämpfung helfen.

|UBIK hilft bei allen Problemen|
In dieser Situation verlangen immer mehr Menschen nach Psi-Bekämpfung, und der Unternehmer Glen Runciter macht sich diese Furcht zunutze: Er gründet die Schutzgesellschaft „Runciter Associates“, die bald zur angesehensten und größten Anti-Psi-Organisation avanciert. Seine Mitarbeiter sind Anti-Psis, Inerte, die keine Begabung wie die Psis haben, sondern eine entgegengesetzte Fähigkeit, die sie speziell gegen eine Art von Talent einsetzen können – und dieses je nach Stärke des mentalen Feldes neutralisieren. Die Inerten entwickelten ihre Fähigkeiten aus der bedrohlichen Situation heraus, ihren psibegabten Eltern unterlegen zu sein. Runciter engagierte unter anderem auch eigene Psis, die mit ihren Sinnen Inerte aufspühren, um sie der Firma zu vermitteln. Ein Techniker, Joe Chip, ist Runciters wichtigster Angestellter: Er testet mit elektronischem Equipment die Felder der Inerten oder – vor Beginn eines Anti-Psi-Einsatzes – das zu neutralisierende Gegnerfeld.

|UBIK könnte ein Deospray sein, das im Alltag jeglichen Körpergeruch entfernt|
Chip und Runciter verfügen über einen geheimen Code, mit dem sie sich auf Testergebnissen gegenseitig kundtun, ob jemand einzustellen, gefährlich, ungeeignet oder was auch immer ist. Damit verhindern sie, dass Gegner die Firma infiltrieren, selbst wenn sie Testergebnisse zu fälschen versuchen. Als schließlich offenbar wird, dass die meisten der beobachteten Gegner-Psis spurlos untertauchen, wird man bei Runciter Associates misstrauisch. Chip vermittelt eine neue Mitarbeiterin, deren Talent man nicht genau spezifizieren kann. Sie kann die Wirklichkeit über die Vergangenheit manipulieren und scheint dieses Talent gnadenlos zu ihrem Vorteil auszunutzen, doch Chips geheime Notiz |Gefährlich!| ist ihr entgangen.

|UBIK könnte ein geräuschloser Elektro-Ubik sein, der für jeden erschwinglich in einwandfreiem Zustand zu haben ist|
Der größte Einsatz der Inerten in der Firmengeschichte steht bevor: Elf Inerten wurden angefordert, und Runciter und Chip begleiten die Truppe zum Mond. Ihnen kommt einiges spanisch vor, doch als sich der vorgebliche Kunde in die Luft erhebt, ist es fast schon zu spät: Die Körperbombe explodiert, Runciter wird erschlagen. In einer panischen Flucht versucht sein Nachfolger Chip, den noch nicht ganz toten Toten zu retten und einem Moratorium zu überstellen, wo die noch nicht ganz gehirntoten Toten gefriergelagert werden und in ihrem Halbleben leben; dort können sie auch noch für die letzten Jahre, bis zum völligen Gehirntod, mit ihren Angehörigen kommunizieren.

|UBIK könnten knusprige Ubik-Flocken sein, die den Start in den Tag zu einem wundervollen Ereignis machen|
Die Einlagerung Runciters entpuppt sich als ausgesprochen problematisch, dazu kommen weitere Ungereimtheiten, als die Realität zu zerfließen beginnt: Zigaretten sind alt und vertrocknet, es erscheinen Münzen mit Runciters Konterfei – überhaupt scheint alles zu altern und zu verfallen. Dann kommt es zu mysteriösen Todesfällen unter den elf Inerten. Nacheinander werden sie eingefallen und vertrocknet aufgefunden. Schreckliche Angst, aber auch der Wille zur Wahrheit greifen nach Chip.

_Was ist UBIK?_

Die Kapitel beginnen stets mit einem Werbespot zu Ubik, wobei es wirklich jede Ware als Ubik zu geben scheint. Was die Spots verbindet: Der Hinweis, dass Ubik bei vorschriftsgemäßer Verwendung völlig ungefährlich sei …
Über Chips Erlebnisse und seine seltsamen Charakterzüge (so kann er beispielsweise nicht mit Geld umgehen) wird die zukünftige Welt gezeichnet. Gebrauchsgegenstände wie Kühlschrank oder Toaster, Duschen oder Haustüren müssen, selbst wenn sie im persönlichen Besitz stehen, mit Crediteinheiten bezahlt werden. Ironischerweise kann Chip mehrfach seine Wohnung nicht verlassen, weil er völlig pleite ist. Und als die Realität immer stärker zerfällt, ist er irgendwann angenehm berührt, als Radio, Tür und sogar Auto ohne Bezahlung funktionieren.

Das außergewöhnliche Talent der neuen Mitarbeiterin wird eindrucksvoll vorgestellt, als sie, die siebenzehnjährige Pat, sich vor Chips Augen entkleidet und ihm auf seine Frage erklärt, dass er ihre Testergebnisse zu schlecht dargestellt hat in einer Realität, in der sie sich nicht auszog. Zum Beweis zeigt sie ihm das entsprechende Testergebnis – mit seinem geheimen Symbol für |ungeeignet|.

Ungewöhnlicherweise ist es Chip nach derlei Manipulationen möglich, sich an die erste Variante zu erinnern, was sonst niemand zu können scheint. Dabei verblassen seine Erinnerungen allerdings sehr schnell. Bei dieser ersten Demonstration ihres Talents wird ihm unheimlich, und er markiert ihr hervorragendes Testergebnis mit dem Symbol für |Gefährlich!!| – Pat gegenüber deutet er es als Empfehlung.

Dick zeichnet eine interessante, glaubwürdige Welt und benutzt dabei seine Charaktere und ihre Gedanken als Leinwand. Runciter erscheint den Umstehenden stets als energisch und überlegen, fühlt sich selbst aber schwach und spürt die Schmerzen des voranschreitenden Alters. Dass nach seinem Tod ständig verschlüsselte Nachrichten von ihm an Chip erscheinen, ob im Fernsehen als UBIK-Werbespot oder in einer beliebigen Zigarettenschachtel in einem beliebigen Supermarkt in einer beliebigen Stadt eines beliebigen US-Staates, macht die Geschichte spannend und verwirrend. Wer ist denn nun gestorben, wer steckt in der Kaltpackung, wer lebt ein Halbleben?

Schon bald nach Runciters Tod werden Informationen eingestreut, die sowohl Chip als auch dem Leser vermitteln wollen, Runciter sei am Leben und Chip stattdessen getötet, doch Dick verstrickt den Informationsweg geschickt mit widersprüchlichen Erlebnissen, so dass der Leser mit Chip gemeinsam zweifelt.

_Was UBIK ist_

Genau, das ist die Frage. Was ist dieses ominöse Ubik, das von Anfang an als Werbespot angepriesen wird, in der Handlung aber erst recht spät nach Runciters Tod erscheint, wieder als Werbespot, aber direkt an Chip gerichtet? Runciter selbst erscheint im Spot und ermahnt Chip, nicht zu lange zu zögern, sondern es zu nutzen! Es sei eine Sprayflasche, deren Inhalt die Realität für Chip zu stabilisieren vermöchte. Aber leider altert dieses Ubik gemeinsam mit dem Rest der Realität, so dass Chip einmal ein handgemachtes Fläschchen Ubik-Medizin und einmal eine Ubik-Fettcreme findet, die für ihn nutzlos sind.

Chip trifft schließlich, knapp dem Tod entronnen, auf Runciters Frau Ella, die ihm mit wissenschaftlicher Genauigkeit erläutert, um was es sich bei Ubik handelt. Chip versteht nur „[…] Negativionisator […]“ und verzweifelt, denn negative Ionen gibt es nicht, weiß er. Ionen sind immer negativ, hält er ihr entgegen. |Was| also ist Ubik nun?

Das zu verstehen, muss jeder für sich selbst versuchen. Es ist ein sehr interessantes Phänomen, dass Dick eine Handlung ausbreitet, die, unterbrochen von Ubik-Werbespots, völlig ubiklos auszukommen scheint, und doch läuft alles auf eine Dose Ubik hinaus. Ich kenne nicht allzu viele Romane von Dick, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass „Ubik“ nicht zu Unrecht als bester Roman Dicks gepriesen wird. In der Komplexität und Genauigkeit seiner Welt, und dabei in erstaunlicher Kürze, läuft mindestens eine hervorragende Charakterstudie ab. Sie lässt sich auf einige Aspekte des Romans beziehen, unter anderem natürlich und wohl vorrangig auf die Zukunftsvision, andererseits auf Chips nur zu menschlichen Schwächen.

Der Roman endet mit der Erkenntnis, dass noch lange nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. Ein absolut fesselndes Lesevergnügen, mal wieder mit dem Nicht-aus-der-Hand-legbar-Effekt.

_Philip K. Dick_

… wurde 1928 in Chicago geboren. Er arbeitete in einem Plattenladen in Berkley und schrieb schon sehr früh eine große Anzahl eigener Storys. 1952 wurde er hauptberuflicher Schriftsteller und gilt allgemein als einer der bedeutendsten seiner Zunft in Amerika. Etliche seiner über dreißig Romane zählen heute zu den Klassikern der amerikanischen Literatur, über hundert Erzählungen und Kurzgeschichten erschienen in Anthologien und Magazinen.
Dick starb am 2.3.1982 in Kalifornien an den Folgen eines Schlaganfalls.
Weitere bekannte und wichtige Werke:
„Blade Runner“, „Minority Report“, „Das Orakel vom Berge“, „Zeit aus den Fugen“ u. v. a. Zahlreiche seiner Kurzgeschichten, Novellen und Romane wurden verfilmt.

Offizielle Website: http://www.philipkdick.com.

Arnopp, Jason – The Darkness – The Unofficial Book

So wie Justin mitsamt seinen Bandkollegen vom Buchcover den Leser anschmachtet, denkt man unweigerlich an den berühmten Refrain von ‚I Believe In A Thing Called Love‘: „Touchin´ youuuhuuuuu, touchin´ meeeheee“. Doch halt, bis es dazu kommen sollte, mussten die Jungs, allen voran Justin, um den es sich hier in erster Linie dreht, einiges durchmachen. Auf recht kurzweilige und unterhaltsame Art und Weise legt Jason Arnopp, der vorher 14 Jahre für das berühmt-berüchtigte KERRANG!-Magazin geschrieben hat, den Werdegang von Justin dar. Angefangen von der Schulzeit bis hin zu den unzähligen Bands, in denen er vorher schon gespielt hat, wird alles Stück für Stück beschrieben. Sehr positiv an dem Buch sind die vielen guten Fotos und die leichte Lesbarkeit.

Was auf jeden Fall unverzeihlich ist, ist der Tippfehler (oder auch die Unkenntnis) des Schreibers oder auch Übersetzers beim Namen Bon Scott (AC/DC), der hier als „Ben Scott“ tituliert wird (S. 54). Aber trotz dieses Fauxpas erfährt der/die Leser/in viele Details und kann sich nach der Lektüre auch einen Reim auf das Phänomen DARKNESS machen. Zu den Details gehört z. B., dass IKEA einen sehr hohen Anteil am Entstehen des Debütalbums hatte und dass die Band mit ihrem Musikstil alles andere als offene Türen bei den Labels einrannte. Erwähnenswert sind desweiteren die recht anzüglichen Texte, die in dem Buch erläutert werden, ebenso, was es mit Justins Tattoos so auf sich hat.

Alles in allem ein gutes Buch für alle DARKNESS-Fans und diejenigen, die´s werden wollen. Mit fünfzehn Euro hält es sich – trotz aufwendiger Gestaltung – auch im finanzierbaren Rahmen und kostet in etwa so viel wie ein durchschnittlicher Kinobesuch am Samstagabend.

Dan Simmons – Endymion – Pforten der Zeit

„Sie lesen diese Seiten aus dem falschen Grund …“, so beginnt der Ich-Erzähler die neue Geschichte aus dem Hyperion-Universum. Ich muss zugeben, dass ich tatsächlich erwartet hab, eine direkte Fortsetzung der Hyperion-Saga zu lesen – genau wie der Erzähler mir und jedem Leser vorhält. Es gehe nicht um die Charaktere, die der Erzähler nicht einmal persönlich kennt, sondern nur aus den bekannten Cantos von Martin Silenus, dem Leser der Hyperion-Bände eine vertraute Figur. Trotzdem stellt sich heraus, dass jene Ereignisse ihre Arme bis in diese Jahrhunderte entfernte Zukunft ausstrecken und Wege markieren, denen zu folgen dem Erzähler angeraten ist.

Inhalt

Raul Endymion ist (mal wieder) zum Tode verurteilt. Warum? Und wie kann man mehrfach zum Tode verurteilt werden? Diese Fragen werfen sich schon bei den ersten Sätzen auf und fangen den Leser sofort. Dan Simmons gelingt dieses Spiel mit dem Interesse mit überragender Meisterschaft, wie uns schon die Begegnung mit dem Hegemoniekonsul auf den ersten Seiten von „Hyperion“ deutlich zeigt.

Endymion ist der Ich-Erzähler der Geschichte und geleitet uns durch das ganze Buch. Er sitzt in einer Raumkapsel und wartet auf den Tod durch Blausäure, ausgelöst von einem System, durch das dem unbeteiligten Zuschauer diese Todesstrafe wie ein Experiment nach „Schrödingers Katze“ erscheint. Endymion wartet und schreibt seine Erinnerungen auf.

Bei seiner ersten Todesstrafe auf Hyperion (verurteilt wegen Mordes an einem reichen Sonntagsjäger) wird Endymion auf geheimnisvolle Weise gerettet und trifft in der gleichnamigen Stadt Endymion auf den uralten, durch Poulsen-Behandlungen überlebenden Martin Silenus, Verfasser der Cantos und ehemaliger Shrike-Pilger. Hier erhält er die Aufgabe, das Mädchen Aenea, die Tochter von Brawne Lamia (einer weiteren Pilgerin) vor den Schergen des Pax zu retten, sobald sie die Sphinx verlassen würde. Vor einigen Jahrhunderten verließ Aenea auf gleiche Weise Hyperion, und aus ungenannten Quellen wissen sowohl der Pax als auch Silenus das genaue Datum ihrer Ankunft aus der Zeit.

In den Jahren seit dem Fall der Hegemonie ist die katholische Kirche erstarkt und hat mit Hilfe der Kruziform genannten Auferstehungs-Symbionten die Herrschaft über das ehemalige Weltennetz ergriffen. Der Pax ist die militärische Polizei- und Kontrollinstanz der Kirche.

Aenea, als Tochter eines Cybrids, wird als große Gefahr für die Kirche und den Pax eingeschätzt und soll überwältigt werden. Irgendwie gelingt es Raul Endymion mit Hilfe der alten Hawking-Matte (ein fliegender Teppich), das Mädchen vor dem Zugriff zu erretten – dabei leistet das unheimliche Shrike uneingeladen blutige Unterstützung. Mit dem alten Raumschiff des Konsuls entkommen die beiden von Hyperion und fliehen zu einer Welt, auf der in Zeiten der Hegemonie ein Teil des Tethys floss – ein gigantischer, über Farcaster weltenverbindender Fluss.

Die Farcaster-Portale sind unzerstörbar durch Menschenhand, doch seit dem Fall unbrauchbar. Nur in Begleitung Aeneas gelingt die Passage – womit sich die Frage stellt, ob der kurz vor dem Fall vernichtet geglaubte Techno-Core (eine KI-Zivilisation und Erbauer der Farcaster) tatsächlich nicht mehr existiert.

Durch die Farcaster des alten Verlaufs des Tethys entkommen Aenea und Endymion den Schergen des Pax mehrmals, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, ihr Ziel – die Vernichtung des Pax und der Kruziformen als Joch der Menschheit – zu erreichen. Als plötzlich eine neue Instanz eingreift und Silenus‘ Extraauftrag – „… und finde heraus, was der Core im Schilde führt!“ – eine neue Bedeutung erhält …

Kritik

Bei mir wirkt er: Simmons‘ Erzählstil. Am Anfang rätselhaft, langsam einem Höhepunkt zustrebend und dabei an den richtigen Stellen Informationen einstreuend, mit einer spektakulären Klimax und einem etwas beruhigenden Spannungsabfall auf den letzten zwei Seiten. Es ist einfach unglaublich. Sogar jetzt, wo ich dies schreibe, überschüttet mich mein Körper mit Adrenalin, die Herzfrequenz ist aufgeregt hoch.

Mit dem „Fall von Hyperion“ hätte die Saga ein befriedigendes Ende finden können. Oder doch nicht? In „Endymion“ sprüht Simmons wieder nur so von Ideen, allesamt perfekt zum Kontext der vorher erzählten Geschichte um die Pilger und das Weltengebilde von „Hyperion“ passend. Da ist das Shrike, das seinen Meister findet; die Farcaster, die plötzlich doch funktionieren; Widersprüche, die aufgeklärt werden – und nicht zuletzt Gedankengänge zu der unbekannten Macht, die den „Fall“ perfekt gemacht hat mit der Sperrung des Fatline-Raums. Die Tiger, Löwen und Bären der Metasphäre spielen ebenso eine Rolle wie die Entdeckungen des Keats-Cybrids. Aenea, als Jene Die Lehrt vom Pax gefürchtet, scheint Fähigkeiten zu besitzen, die sie selbst bisher nur erahnen kann. Ob uns diese Fähigkeiten im zweiten Teil die großen Antworten bescheren, die wir – nun auch im Nachhinein bezüglich mancher Hyperion-Aussage – so dringend suchen und erwarten?

Es ist ein fesselndes Gedankenkonstrukt, das Dan Simmons mit diesem gigantischen, großartigen Meisterwerk „Hyperion“ und „Endymion“ entworfen hat. Man merkt jetzt wirklich, dass „Hyperion“ zwar für sich allein stehen kann, aber einige offene Enden tatsächlich noch zu verknüpfen sind, was wahrscheinlich in der Wucht des Hyperion-Endes einfach untergeht. Endymion führt uns zu Wahrheiten, die wir nicht in den abwegigsten Träumen hätten erahnen können.

Fazit

Atemberaubend im Zusammenhang mit der Hyperion-Saga; für sich allein stehend komplex und verwirrend. Neue Ideen knüpfen nahtlos an alte Aspekte an, unverstandene oder offene Fäden aus Hyperion finden ihre überraschende Weiterführung. „Endymion – Pforten der Zeit“ ist absolut empfehlenswert und führt uns wieder einmal Dan Simmons‘ große Meisterschaft vor Augen.

Lem, Stanislaw – Robotermärchen

Wer das Wort „Märchen“ hört, denkt jetzt vielleicht an Rotkäppchen, den bösen Wolf oder an Hänsel und Gretel. Das ist Kinderkram. Denn die vorliegenden Märchen richten sich nicht an Kinder von Menschen, sondern an die neuprogrammierten Sprösslinge von Robotern, klar? Es sind Märchen von Robotern für Roboter, und Menschen kommen darin nur am Rande vor, und das nicht einmal in einer positiven Rolle. Dennoch interessieren sie uns brennend und bereiten uns Vergnügen. Und warum? Weil die hier geschilderten Silbrigen, Eisernen und Kupfernen noch menschlicher sind als Menschen es je sein können. Märchenhaft.

Hinweise zur Bezeichnung: „Bleichlinge, Weiche, Bleiche“ usw. sind Menschen. Alle anderen sind Roboter, also die Silbrigen, Eisernen und Kupfernen, ja, sogar die, die unter Wasser leben, wie König Hydrops und sein Volk. Tja, und dann gibt es noch den Großen Kosmogonischen Konstrukteur. Über den gibt es viele Theorien und wenig Wissen. Deshalb kommt er nur in Märchen vor. Oder dergleichen.

|Der Autor|

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem |Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur| ausgezeichnet und 1987 mit dem |Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation|. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

Wichtige weitere Bücher Lems:

Eden, 1959
Summa technologiae, 1964
Der Unbesiegbare, 1964
Kyberiade; Robotermärchen, 1965
Sterntagebücher, 1959/1971
Der futurologische Kongress, 1971

|Der Sprecher|

Michael Schwarzmaier verzeichnet in seinem Wirken Engagements am Staatstheater Hannover, den Kammerspielen München. Unzählige Film- und Fernsehrollen unter Regisseuren wie August Everding, Peter Beauvais und anderen. Seine Spezialität ist das komödiantische Charakterschauspiel.

|Der Regisseur|

Regie führte Hans Eckardt. 1939 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Sprachwissenschaft, wurde Buchhändler und Schauspieler. Vierzehn Jahre arbeitete er am Theater als Schauspieler, Regisseur und Chefdramaturg. Zahlreiche Lehrverpflichtungen an verschiedenen Hochschulen, auf Rezitationsveranstaltungen und bei Studioproduktionen schlossen sich an. 1982 übernahm Eckardt für zehn Jahre die Leitung der ältesten Hörbücherei in Deutschland, der Deutschen Blindenhörbücherei in Marburg a. d. Lahn. Lehre, Regie, eigene Rezitation und die Förderung von Sprechertalenten in seiner Eigenschaft als Verleger stehen nunmehr im Zentrum seiner Arbeit.

_Die zwölf Märchen_

I) |Drei Elektritter|

Es war einmal ein genialer Konstrukteur, der schuf nicht nur viele geniale Kleinodien an Maschinen, sondern auch ein ganzes Volk, die Kryoniden. Auf deren ruhmreiche Schätze hatten es aber etliche Raubritter abgesehen. Der erste davon war der Messinger, danach kamen der Eiserne und der Quarzer. Diese drei Elektritter abzuwehren, oblag den Feldmarschällen und Obersten der Kryoniden: Boreal, Albucid und Ohroaster. Doch den Quarzer abzuwehren, gelang nur dem Weisen Baryon, der eine raffinierte List einsetzte.

II) |Die Uranohren|

Ein wahrlich traurige Fabel! Einst war es dem großen Konstrukteur gelungen, zusammen mit seinem „Zauberlehrling“ Sonnen und Planeten zu erschaffen, darunter auch den Planeten Aktinurioa, auf dem das Reich der Palatiniden entstand, das von einem bösen Tyrannen namens Archithor beherrscht wurde.

Sonder Zahl waren die Aufstände und Rebellen, die versuchten, sein Joch abzuwerfen. Doch weil die einfachen Bewohner allesamt radioaktiv waren und, um das Zustandekommen einer kritischen Masse samt Kettenreaktion zu vermeiden, ihre Köpfe nicht zusammenstecken konnten, flog jede Vorbereitung eines Aufstands auf.

Der wichtigste Rebell war Pyron, doch den steckte Archithor in seinen tiefsten Kerker, wo er elendiglich verschmachten musste. Davon hörte endlich der Große Kosmogonische Konstrukteur und kam dem unterdrückten Volk zu Hilfe.

III) |Erg Selbsterreg überwindet den Bleichling|

König Schlagenot sammelt Kuriositäten und ist mächtig stolz auf sie. Ständig denkt er über Neuerwerbungen nach. Also ruft er den Elektrowisser Halazon herbei. Der schlägt ihm einen lebenden Antrobus aus dem Zwischensternreich vor, den er für ihn fangen wolle. Gesagt, getan! Der König lässt bereits einen Käfig errichten, in den alsbald der gefangene Antrobus gesteckt wird. Dieser Bleichling, der mit einer edlen Maschine keinerlei Ähnlichkeit aufweist, ist von ekelerregender Widerwärtigkeit.

Doch Prinzessin Elektrina, die ein klein wenig unterbelichtet ist, freundet sich mit ihm an, weil er gar so exotisch ist. Sie will von ihm einen Zahn haben, denn so etwas kennt sie nicht. Doch der Bleichling verlangt von ihr im Tausch ihren goldenen Schlüssel, mit dem sie jeden Morgen aufgezogen wird. Vertrauensselig überreicht sie ihm das lebenswichtige Werkzeug. Doch er betrügt sie, und nach Ablauf ihrer Feder fällt sie um.

Nun ist guter Rat teuer. Denn für den Schlüssel verlangt der Bleichling ein Raumschiff, das ihn zu seiner Heimat bringe. Das bekommt er, doch er nimmt den Schlüssel mit – zur Rache! Wer kann nun die schlafende Prinzessin erwecken? Der König, nicht faul, verkündet, derjenige Ritter, der ihm den Schlüssel beschafft oder den Bleichling, solle die Hand der Prinzessin erhalten und den Thron erben.

Viele Scharlatane folgen Schlagenots Ruf, doch nur einer, der quecksilbrige Erg Selbsterreg, vermag die holde Elektrina zu erwecken, auf geniale Weise.

IV) |Die Schätze des Königs Biskalar|

König Biskalar behauptet stolz, es gebe nichts mehr, dass er nicht schon besäße. Dieser Stolz fordert den Konstrukteur Kreazius heraus. Er lässt sich die Schatzliste geben und eine Prise Sand. Diesen verwandelt er in ein neuartiges Kleinod – und verwandelt es in Sand zurück. Der König ist darob sehr erbost und befielt Kreazius, ihm das Radium-Ei aus seiner tiefsten Schatzkammer zu bringen.

Doch Kreazius verfügt über ein Döschen winziger Assistenten, die ihm nicht nur helfen, zahllose Wächter, sondern auch die raffiniertesten und tödlichsten Schlösser zu überwinden. Wütend deportiert Biskalar den Konstrukteur auf einen Wüstenplaneten, auf dass er von dort zurückfinden möge. Erschreckt stellt Kreazius fest, dass ihm die königlichen Handlanger sein Döschen stibitzt haben. Was nun? Doch erst die dritte Aufgabe stellt Kreazius‘ Fähigkeiten auf eine harte Probe.

V) |Zwei Ungeheuer|

Es waren einmal drei Städte der Argenser, der Silbrigen. Sie wurden von der Dynastie der Energer beherrscht. Noch können sie die Invasion der Siderianer abwehren, doch Schlimmeres wird prophezeit: Dereinst würden zwei Ungeheuer die Argenser vernichten. König Inhiston lässt seine Vielwisser kommen und befielt Maßnahmen. Der Groß-Archidynamikus, der Groß-Kyberneur und der Groß-Abstraktor stecken die Köpfe zusammen.

Gegen das erste Ungeheuer, das den ganzen Planeten verwüstet, bauen die Weisen drei Ritter: den Kupfernen, einen Riesen; den Quickkopf, einen Vielgestaltigen; und etwas, das der Groß-Abstraktor verborgen hält. Und als dessen Zeit gekommen ist, da entpuppt er sich als Antimaterie. Doch weh und ach! Der Ungeheuer entstanden viele auf einem alten Schrottfriedhof, und der Untergang des Energerreiches war nahe.

Da entsann sich der König der prophetischen Inschrift auf seinem Zepter, zerbrach’s und las die leuchtende Schrift an der Wand. Hinter all dem steckte der schlimmste Feind der Maschinen: der Mensch. Da ward König Inhiston sehr traurig und bitter und befahl das Einzige, was zu tun übrig blieb.

VI) |Der weiße Tod|

Der Planet Aragena ist nicht von Städten bedeckt, sondern nach innen, in die Tiefe ausgebaut, wo es vor Edelsteinen und Spiegeln wimmelt. Solcherart versteckt sich das listige Volk der Enteralen vor seinen Feinden. König Metamerius aber besteht aus Milliarden von Gliedern, in deren erstem jeweils der Verstand wohnt. Er stammt von den Aurigonen ab, deren Erzfeinde von jeher die Weichen oder Bleichen gewesen sind. Seit Jahrtausenden wacht Metamerius und schützt sein Volk vor den Verfolgungen der Bleichen, und seine Raumgegend wird gemieden.

Doch eines Tages zerschellt ein Raumschiff vor einem Höhleneingang der Enteralen. Man zerrt das harmlos aussehende Schiff in eine Höhle und öffnet vorsichtig eine Hülle nach der anderen. Das letzte Türschloss muss mit einem Wort geöffnet werden. Eingedenk uralter Legenden erinnert sich Metamerius, dass es „Rache“ lautet.

Das Schiff ist tot und leer, auf dem Boden schwimmt nur eine rote Pfütze, daneben liegen Kleiderfetzen. Doch weh! „Das Rot ist des Weißen Todes Lebenselixier!“ Eilig befielt der umsichtige König die sofortige Zerstörung und Atomisierung des Schiffes. Zu spät! Eine Spore des Weißen Todes ist der Sterilisation entkommen. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf …

VII) |Wie Winzlieb und Gigelanz die Nebelflucht auslösten|

Dieses Märchen liefert eine Erklärung für das, was vor dem Urknall passiert sein könnte. – Im vorigen Universum gab es nämlich zwei kosmogonische Konstrukteure, nicht bloß einen: Winzilieb und Gigelanz. Sie zerstritten sich, weil sie unterschiedlicher Meinung darüber waren, wie ein neues Denkinstrument zu konstruieren sei, mit dem sie die Geheimnisse der Materie erkunden könnten.

Um die Richtigkeit ihrer Meinung unter Beweis zu stellen, konstruieren sie jeweils einen Krieger für sich und schicken diese in einen Zweikampf. Gigelanz erschafft den Kosmobold, doch Winzlieb nur Kleinzeug: einen Rubin. Dieser Winzling verspottet den galaxiengroßen Kosmobold. Der aber sucht den Winzling und dreht sich dabei ständig um die eigene Achse, wodurch die in ihm enthaltenen Galaxien schon bald aus der Mitte nach außen fliehen. Es kommt zum Urknall. Doch darüber, wer den Disput für sich entschieden hat, streiten ihre Schöpfer noch heute.

VIII) |Das Märchen von der Rechenmaschine, die gegen den Drachen kämpfte|

König Poleander, der auf der Kyberei lebt, ist Kybernetiker und Krieger, so dass sein Reich vollkommen geschützt ist. Leider ermangelt es ihm an Gegnern. Daher lässt er künstliche Ziele erschaffen, um sie zu vernichten, auch wenn darob die Untertanen murren. Denn wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Doch so mächtig auch der Gegner ist, stets gelingt es Poleander, ihn zu bezwingen. Schließlich geht er mit seinem Krieg netterweise auf den Mond. Dort konstruiert er eine tüchtige Rechenmaschine, die alles herstellen kann. Doch wegen eines Übermittlungsfehlers bei ihren neuen Befehlen erschafft sie nicht Elektrokrach, sondern einen Elektrodrach.

Schon bald fallen Felsen mit zerstörerischer Wirkung vom Mond auf die Kyberei. Nun ist guter Rat teuer. Der König, dessen Palast bombardiert wird, sucht den Rat einer uralten Strategie-Rechenmaschine, die er schon lange nicht mehr konsultiert hat. Das hätte er lieber bleiben lassen sollen, denn es bedeutet, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

IX) |Die Räte des Königs Hydrops|

Die Wasserwelt Aquatia wird von König Hydrops regiert. Er hat beschlossen, einen Sohn als Erben und Nachfolger erschaffen zu lassen und fragt seine Räte, wie denn dieser Sohn optimal beschaffen sein soll, damit dieser Aquatias würdig sei. Die Räte sind Ammasid, Diopterich, Bricklerich und Philonaut. In der Kammer, in der sie bei ihrem Konklave eingesperrt sind, hebt nun eine Welle von Intrigen gegeneinander an. Denn jeder denkt nur an den eigenen Vorteil. Endlich kommt ein Kompromiss zustande und sie legen die Matrize für die Sohneserschaffung fest.

Der künftige Sohn wird nur kleine Dinge lieben. Um sich aber Liebkind zu machen, lassen sich die Räte verkleinern. Der Rat Diopterich nimmt dazu die Hilfe eines Kesselflickers namens Froton in Anspruch, der sich als Belohnung die Hand von Diopterichs Tochter Aurentina erbittet. Doch er empfängt nur Undank, und damit beginnen für ihn und Diopterich schwere Zeiten, wobei auch Frotons wissbegierige erste Frau eine Rolle spielt.

X) |König Globares und die Weisen|

Auf dem Planeten Eparis herrscht der allwissende König Globares. Er ist es müde, schon alles zu kennen und befiehlt seinen Weisen, ihm bei Strafe des Geköpftwerdens eine wundersame Geschichte zu erzählen. Köpfe rollen, als die beiden ersten Weisen kläglich versagen, den König zu amüsieren. Denn dieser ist sehr spitzfindig und hat immer Recht, selbst wenn er Unrecht hat.

Da tritt der dritte Weise auf und weigert sich rundweg. Der König verlangt, dass er ihn verspotte und lächerlich mache. Der Weise entgegnet, er werde beweisen, dass es etwas gebe, das absolut lächerlich sei und dennoch von niemand verspottet werde: der Kosmos. Und er werde zeigen, dass dieser Kosmos der Beweis sei, wie lächerlich der König sei. (Was ihm auch gelingt, allerdings nur über etliche Umwege.)

XI) |Das Märchen vom König Murdas|

Der junge König Murdas, der gerade den Thron bestiegen hat, ist ängstlich und obendrein ehrsüchtig. Er will sich den Beinamen „der Große“ erwerben. Er lässt alle Prophezeiungen, Omen und Orakel verbieten. Doch in einem alten Wachturm stößt er eines Tages auf eine winzige Pforte, hinter der ein alter Orakelkasten ihm eine Weissagung bereithält. Es ist ein sehr langes Gedicht, das ihn vor bösen Verwandten warnt und ihn zu deren Ermordung auffordert. Schon bald rollen die Köpfe aller seiner Verwandten.

Fast aller: Denn er träumt, ein Onkel namens Zenander sei seiner Verfolgung entgangen. Also lässt er eine riesige Statue von sich herstellen. Diese ist so groß, dass sie die ganze Hauptstadt umfasst und noch einiges Land darüber hinaus. Nun kann Murdas mit Recht sagen: „Der Staat bin ich.“ Doch er hat weiterhin Träume von einer königsfeindlichen Verschwörung. Er beschließt, einen Anti-Traum zu träumen. Es gelingt ihm nur unter Mühen. Kann man träumen, wach zu sein? Allmählich vermag Murdas kaum mehr zwischen Traum und Wachen zu unterscheiden, und ein wahrer Krieg der Träume entbrennt, es gibt sogar Träume n-ter Potenz.

Das kann nicht lange gut gehen, und so ist es dann auch.

XII) |Zifferotikon|

Der genaue Titel dieses Textes lautet: „Aus dem Werk ‚Zifferotikon‘, das ist: Von Irr- oder Abschweifferey, Versteiffung & Thorheit des Hertzens“.

Dies ist das Märchen vom Königssohn Ferrenz und der Prinzessin Kristalla. Ferrenz hat sich in sie verliebt, doch seine Verwirrung ist groß, als ihm sein Vater verrät, dass Kristalla komplett wahnsinnig sei: Sie wolle nur einen Bleichling zum Mann nehmen. Dabei sei doch die ekelerregende Evolution der Bleichlinge bekannt sowie ihre abstoßende Art, sich zu vermehren. Sie programmieren nicht einmal ihre Nachkommen! Leider ist es auch wahr, dass diese Wesen die Maschinen erschufen. Dank sei Urvater Genetophorius, der die Maschinen aus der Knechtschaft in die Freiheit führte!

Was ist zu tun? Ferrenz konsultiert den Weisen Polyphases. Er rät dem Prinzen, sich als Bleichling zu verkleiden und so Kristalla zu täuschen. Doch es ist nicht damit getan, den edlen Körper des Prinzen mit Klitsch und Schleim und Fransen zu bedecken, er muss auch noch Blasen voll Luft und Wasser versteckt transportieren. Ferrenz ist von sich selbst angeekelt. Doch Polyphases überzeugt ihn und gibt ihm noch ein paar richtige Antworten auf zu erwartende Fragen Kristallas auf den Weg. Ferrenz besteht auf seiner Begleitung.

In König Aurenzius‘ Hauptstadt bietet Polyphases, verkleidet als Kaufmann, den neuen Bleichling feil, was sofort die Mägde Kristallas der Prinzessin hinterbringen. Sie lässt Polyphases vorladen. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Sie stellt den Bleichling, der sich selbst „Sabbermümmel“ nennt, auf die Probe. Ob er sie wohl besteht und ihr Mann wird? Lest selbst, ob seine Liebe groß genug ist!

_Mein Eindruck_

Stanislaw Lem hat sich in den hier versammelten „Robotermärchen“ mit drei Themenbereichen befasst.

I) Der unschuldigste und abstrakteste Bereich ist die Entstehung des Kosmos. Dafür bemüht er in seinen Märchen den Großen Kosmogonischen Konstrukteur – da Maschinen keine Vorstellung von abstrakten leiblichen Eltern haben, die sie Gott und Göttin nennen können, kommt ihnen die Vorstellung des Konstrukteurs – oder Programmierers – natürlich vor. Das ist wiederum ironisch, denn sie selbst sind keine Geschöpfe der Natur, noch verfügen sie über eine natürliche Evolution. Also muss ein Konstrukteur den Kosmos und alles, was sich darin feststellen lässt, erschaffen haben.

II) Dieser Mythos wird jedoch durch das zweite Thema als Fiktion und Wunschvorstellung der Robotergenerationen entlarvt. Hier geht es um die Auseinandersetzung mit den Erschaffern der Maschinen und Roboter, bis hin zu deren Exodus und ihrer Emanzipation. Dafür verfolgen ihre menschlichen Schöpfer sie offenbar bis zum Jüngsten Tage, denn wo immer Menschen Roboterwelten heimsuchen, spielt das Wort „Rache“ eine Rolle („Der weiße Tod“, „Zwei Ungeheuer“).

Selbst so harmlos scheinende Märchen wie „Erg Selbsterreg bezwingt den Bleichling“ und „Zifferotikon“ durchzieht die Linie der Konfrontation mit den Menschen auf einer existentiellen Ebene. Nicht nur, dass Menschen so widerwärtige Leiber besitzen, stößt die Roboter ab, sondern noch vielmehr die Boshaftigkeit der Menschen. Selbst in der „Schneewittchen“-Parodie „Erg Selbsterreg …“ ist der Bleichling das Inbild von Lug und Trug. (Das wäre jeder Mensch, den man gefangen genommen hat.) Und für diese Tat der Roboter, die ihn gefangen haben, sinnt er auf Rache.

III) Der dritte, umfangreiche Bereich, der den eigentlich Stoff der Märchen verarbeitet, greift die menschlichen, allzu menschlichen Eigenschaften der Roboter und ihrer diversen eigenartigen Welten und Herrscher auf. Könige mit unermesslichem Reichtum, größtem Wissen und Fürsorglichkeit stehen Tyrannen von arroganter Kühnheit, ängstlicher Paranoia oder schierer Gedankenlosigkeit gegenüber.

Ihre Weisen und Ritter erweisen sich in der Mehrzahl – dem Märchengesetz gehorchend – als in aller Regel unfähig oder Scharlatane. Es ist stets der Letzte der Weisen und Ritter, der obsiegt oder die Aufgabe erfolgreich bewältigt, möge sie noch so perfide gestellt worden sein. Eines der Märchen folgt beispielsweise dem Muster, das die Abenteuer des Herakles vorgegeben haben.

Die Boshaftigkeit des Tyrannen fällt in aller Regel auf ihn zurück. Denn wie heißt es so schön am Ende von „Erg Selbsterreg“? „Und der Schwindel kam nie ans Licht. Daraus seht ihr sogleich, dass ich kein Märchen erzählt habe, sondern die Wahrheit. Denn im Märchen siegt immer die Tugend.“ Man kann sich Lem gut mit einem Augenzwinkern vorstellen, wenn er dies schreibt. Denn fast alle seine Märchen lassen die Tugend siegen.

|Der Märchenbrunnen|

Der Brunnen, aus dem Lem seine Märchenmuster schöpft, sind in der Mehrzahl die bekannten Texte der Gebrüder Grimm und nicht etwa russische Märchen. So kommt etwa kein einziges Mal eine böse Hexe oder Zauberin vor, wie sie etwa die ukrainische Hexe Baba Yagá verkörpert (die sogar im Film verewigt wurde). Auch ein Überheld wie der „Starke Wanja“ fehlt, der als Einziger die Baba Yagá zu bezwingen vermag. Griechische Sagen standen häufig Pate: Die Abenteuer des Herakles und das Trojanische Pferd („Der weiße Tod“) lieferten Stilvorlagen für Lems Kyberiaden.

Vielmehr sind es oftmals Heroen des Geistes, die den Sieg davontragen: Weise, Konstrukteure und dergleichen. Besonders lächerliche Geistesheroen sind jedoch die Konstrukteure Trurl und Klapauzius, die leider in dieser Sammlung fehlen. Diese beiden erfinden sogar einen „Dämon zweiter Ordnung, um Mäuler den Mäuler zu besiegen“. Lem ist der Dünkel der Erfinder nicht unbekannt. Er hat ihn schon in den „Sterntagebüchern“ durch den Kakao gezogen.

Die Räte hingegen sind Opfer persönlicher und fremder Machtinteressen – Inbegriff oder Karikatur von Politikern (vgl. „Die Räte des Königs Hydrops“). Am schlechtesten kommen eigentlichen Prinzessinnen weg: Die arme Elektrina in „Erg Selberreg“ ist leider naiv und ahnungslos, als sie dem durchtriebenen Bleichling ihren goldenen Aufziehschlüssel aushändigt. Und Kristalla in „Zifferotikon“ ist sogar so verblendet, dass sie nur einen Bleichling heiraten will. Kein Wunder, dass sie für wahnsinnig gehalten wird. Ob sie wohl geheilt werden kann? Leset selbst!

|Sprachkunstwerke|

Das Wichtigste an den „Robotermärchen“ ist jedoch die Sprache. Mit ihrem Einfallsreichtum, ihrer Variationsbreite und der Treffsicherheit der Parodie, an Wortwitz und unwahrscheinlichen Gedankenfiguren suchen sie bis heute ihresgleichen. Diese raffiniert ausgesponnenen Lügenmärchen à la Münchhausen vom Kuriosen bis zum Wunderbaren und Traurigen sind eine Lust zu lesen. Es ist den beiden Übersetzern I. Zimmermann-Göllheim und Caesar Rymarowicz zu verdanken, dass sie den Sprachreichtum des Originals in ein angemessenes Deutsch übertragen haben, das uns doch selbst an alte Buchausgaben von Grimm’schen Märchen gemahnt.

Denn mögen auch die Ideen der einzelnen Texte auf Wissenschaft und Psychologie, Politik und Biologie zurückverweisen, so bleibt doch das Fundament, auf dem sie stehen, die Sprache. Wäre das nicht so, so könnten dies keine Märchen mehr sein, sondern man würde sie als trockene Traktate und Pamphlete betrachten, die nur von kurzem Reiz wären. Das Kleid des Märchens verleiht ihnen überzeitliche Dauer und Aussagekraft. Außerdem sind sie fast überall, wo man Märchen liest, zu verstehen – in Zeiten der Globalisierung sicherlich kein Nachteil.

|Der Sprecher|

Der dritte wichtige Beiträger zur Wirkung dieser herrlichen Texte ist der Sprecher. Michael Schwarzmaier hat die Seele der Märchen erfasst, trägt sie absolut ernst und überzeugend vor, um so die Stoßrichtung der Aussage jedes Textes klarzumachen, bis die Aussage ihre Pointe gefunden hat. Dabei hat der Hörer den Eindruck, als ob Schwarzmaier nicht zum ersten Mal Märchen und Fantasien vortrage. Das ist zutreffend: Er hat auch schon „Ijon Tichys Erinnerungen“ aus Lems „Sterntägebüchern“ vorgetragen, und zwar mit ebenso viel Verve und Einfühlungsvermögen für das Tempo und die Intonation von Sätzen. In einem Märchen steigert er das Tempo bis zum Gehtnichtmehr. Normalerweise würde dies grotesk erscheinen, doch der Text ermuntert dazu: Es ist der dramatische Höhepunkt von „König Murdas“, als sich der Vortrag im |prestissimo| seinem Finale nähert. Herrlich.

_Unterm Strich_

Die „Robotermärchen“ sind eine Reihe von Parodien, in denen der Autor weder Zukunftsprobleme noch aktuelles Geschehen der Entstehungszeit (1964/65) aufgreift, sondern vielmehr überzeitlich gültige Themen wie: Ursprung und Entstehung des Kosmos, allzu menschliche Fehler und Schwächen von Herrschern, auf Roboterkulturen übertragen und das künftige Verhältnis von Mensch und – unabhängig gewordener – Maschine, Schöpfer und Schöpfung (vgl. „Frankenstein“).

Dabei rührt das Vergnügen am Lesen der Texte nicht mal so sehr von den konventionellen Erzählmustern oder den mitunter ungewöhnlichen Ideen her, sondern vor allem von der herrlichen Sprache, die wir auch in der Übersetzung genießen dürfen. Der Sprecher Michael Schwarzmaier ist in der Lage gewesen, dieses sinnliche Vergnügen weiterzugeben – mit einem lebendigen Vortrag, der es auch an Sensibilität für Sätze und einzelne Wörter nicht mangeln lässt.

Ich habe das gesprochene Wort mit dem gedruckten in der |Suhrkamp|-Ausgabe von 1978 verglichen und konnte keine Fehler von Bedeutung feststellen. Und ich kann euch sagen, dass es in einem Lem-Text immer ein paar schwere Brocken gibt: Groß-Kyberneur, Abstraktor, Kosmogoniker – das sind noch die leichtesten.

Mein Fazit lautet daher, dass dieses Hörbuch ein lohnender Kauf ist, sofern man auch nur ein winziges Bisschen für Märchen übrig hat. Dass der Preis ein wenig höher ist als etwa bei |Lübbe|-Hörbüchern, liegt vermutlich an der niedrigen Auflage, die der Verlag produzieren konnte. An der Ausstattung lag es wohl nicht, denn die ist recht bescheiden ausgefallen: Es gibt weder Musik noch Geräusche, und auch ein Booklet sucht man im Faltkarton vergeblich.

Wer kann, sollte sich die zusätzlichen Texte in der Buchausgabe sichern, die im Hörbuch weggelassen wurden. Das Buch trägt den Titel „Kyberiade“.

Mickey Spillane – Tod mit Zinsen

Spillane Tod mit Zinsen Cover kleinDas geschieht:

Privatdetektiv Mike Hammer wird alt. Er weiß es, nachdem ihn zwei Bauchschüsse trafen und deutlich mehr Zeit als früher verstreicht, bis er halbwegs auf den Beinen und den nichtswürdigen Strolchen hinterher ist, die ihn so rüde aus dem Weg schaffen wollten. Seinen Beinahe-Mörder, den Mafia-Kronprinzen Azi Ponti, hat Hammer zwar mit seiner alten .45er den Schädel vom Hals geschossen. Azis Bruder, der verrückte Ugo, ist noch sehr lebendig und hat Blutrache geschworen.

Eigentlich wollte Hammer sich in Florida auskurieren. Doch in New York erwischt es seinen alten Armee-Kumpel Marcus Dooley, der als Buchhalter für den Mafia-Paten Lorenzo Ponti – Azis und Ugos Vater – gearbeitet hat. Voller Reue über seinen Absturz ins Verbrechen hatte Dooley dessen größten Coup sabotiert: Lorenzo ließ die Gewinne der Mafia einsammeln. Die stolze Summe von 89 Milliarden Dollar war dabei zusammengekommen, die Lorenzo für schlechte Zeiten bunkern wollte. Mickey Spillane – Tod mit Zinsen weiterlesen

Preston, Douglas / Child, Lincoln – Ritual – Höhle des Schreckens

Medicine Creek, Cry County, ist ein sterbendes Städtchen im US-Staat Kansas. Hier lebt man mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft. Riesige Maisfelder prägen das Bild; sie werden von großen Konzernen betrieben, während immer mehr örtliche Farmer aufgeben müssen.

Deshalb ist auch das eher fragwürdige Angebot einer Universität, ein Versuchsfeld mit genmanipuliertem Mais anzulegen, sehr willkommen, denn Geld und Arbeitsplätze winken. Dass es gute Gründe geben könnte, wieso die im Sold der Pharmaindustrie stehenden Forscher sich in einem möglichst entlegenen Winkel ansiedeln möchten, reden sich die verzweifelten Bürger schön.

Noch ist die Entscheidung für Medicine Creek nicht gefallen. Zwischenfälle sind daher höchst unwillkommen. Sheriff Dent Hazen, der energische, aber etwas denkfaule Sheriff, soll sie gefälligst verhindern oder vertuschen. Doch das gelingt nicht mit dem grausigen Mord, der auch überregional für Aufruhr sorgt: In einem Maisfeld findet man aufgebahrt zwischen toten Krähen die grässlich verstümmelte Leiche einer Frau.

Die mysteriösen, geradezu übernatürlich anmutenden Umstände der Untat locken den mit Spuk und Serienmord vertrauten FBI-Agenten Pendergast nach Medicine Creek. Der eigenwillige Mann schafft sich mit seiner Ankündigung weiterer Morde keine Freunde. Leider behält er Recht. Die nächsten Leichen sehen sogar noch schlimmer aus.

Spuren weisen zurück in die Vergangenheit. 1865 haben wütende Cheyenne-Indianer die berüchtigten Marodeure der „Fünfundvierziger“-Bande bei Medicine Creek überfallen und abgeschlachtet. Kehren sie oder ihre Opfer aus dem Jenseits zurück? Oder landen nachts Außerirdische in den Maisfeldern, um mit den Erdmenschen zu „experimentieren“?

Sheriff Hazen verdächtigt eher Neider, die den Genforschern Medicine Creek verleiden wollen. Er stellt Pendergast kalt und verfolgt lieber Mörder von dieser Welt. Unabhängig voneinander richten der Sheriff und der FBI-Agent ihre Augen auf Kraus‘ Kavernen, ein gewaltiges Höhlensystem, das sich unter der Erde wer weiß wohin erstreckt. Sie behalten beide Recht, was aber unkommentiert bleibt, als unter Tage ein Kampf auf Leben & Tod entbrennt …

Wobei die eigentliche Erklärung dem Rätsel von Medicine Creek wieder einmal nicht gewachsen ist. Sie soll angeblich überraschen, worauf man als Leser freilich lieber nicht wetten sollte, da „Ritual“ zwar jederzeit spannend, aber niemals verblüffend ist.

Die schier endlosen Maisfelder des Mittleren US-Westens haben seit jeher etwas Magisches und Unheimliches an sich. Der nüchterne Betrachter sieht nur öde Pflanzungen, aber der Romantiker fühlt sich verloren und beengt zwischen den übermannshohen, raschelnden, stickig riechenden Stauden, in deren Schutz sich unerfreuliche Besucher unbemerkt anschleichen können. Stephen King siedelte die Menschen opfernden „Kinder des Zorns“ im Mais an, M. Night Shyamalan ließ in „Signs“ die Außerirdischen dort landen, zuletzt sprang Jason Vorhees mit seiner Machete aus dem Mais, um eine Horde haltloser Teenager niederzumetzeln („Freddy vs. Jason“).

Von oben betrachtet, wirken diese Maiswälder wie ein Meer, unter dessen Oberfläche sich allerlei verbergen kann. Preston/Child bedienen sich zusätzlich, aber wenig innovativ der Historie, die in Kansas vergleichsweise unspektakulär ablief. Man blickt allerdings auf die Indianerkriege zurück – keine ruhmreiche Episode, aber eine, die in vielen Köpfen präsent ist und die sich in einen Gruselplot einbauen lässt.

Zur Abwechslung sind es nicht die Indianer, die hingeschlachtet wurden und als rächende Geister zurückkehren. Politisch korrekt hat es einst weiße Strolche erwischt, die ihr wüstes Ende wohl verdient hatten. Ob sie es sind, die Medicine Creek heimsuchen, soll hier nicht verraten werden.

Ohnehin gehen die Verfasser auf Nummer Sicher. Die Rache aus der Vergangenheit wird mit möglichen Drohungen aus dem All konterkariert. Berühmt (und berüchtigt) sind die Kornkreise geworden, mit denen die Besucher vom Planeten Schizophrenia VI ihren Kumpanen signalisieren, dass hier auf der Erde reiche Beute lockt, die man erschrecken, in ihre Fliegenden Untertassen entführen und schwängern kann. (Bordfunk scheint in fremden Welten unbekannt zu sein.) Deshalb könnten es auch gar nicht spukige, doch deshalb nicht weniger unheimliche Gestalten sein, die des Nachts durch die Feldfurchen stolpern. (Wieso sie dabei wie eine Kuh brüllen, fällt aber nicht nur dem überschlauen Pendergast ziemlich früh ein, sondern auch dem Leser, wie man den Verfassern leider vorwerfen muss.)

Medicine Creek ist eine überschaubare Kulisse: ein Flecken mit 150 Einwohnern, umgeben von Maisdschungeln. Weiterhin gibt’s eine alte Begräbnisstätte und eine Höhle, so dass es nicht schwer fällt zu raten, wo sich denn das Grauen verbirgt. Nur die Anwohner sind, wie es sich gehört, mit Blind- und Blödheit geschlagen. Um dem Finale die gebührende Bildgewalt zu verleihen, bricht selbstverständlich das schlimmste Unwetter des Jahrhunderts los. Die Auflistung weiterer Grusel-Bausteine sei den Lesern hier erspart, aber sie seien versichert: Preston/Child graben sie alle aus!

Spannend ist das Garn dennoch, das unser Verfasserduo hier spinnt. Preston und Child sind Profis darin, die immer identischen Module ihrer Spannungsgeschichten neu zu arrangieren. Wirklich spannend im Sinne von überraschend ist das nie, aber es liest sich angenehm und selten langweilig. Um zu diesem günstigen Urteil zu kommen, muss man freilich die Erkenntnis verdrängen, dass „Ritual“ über weite Strecken nichts als ein 1:1-Remake von „Relic“ ist, dem ersten und weiterhin besten Werk von Preston/Child.

Rein gar nichts mit der Medicine-Creek-Handlung haben diverse Kapitel zu tun, die in New York und in den Gewölben des Kuriositätenkabinetts spielen, das Schauplatz des Preston/Child-Thrillers „The Cabinet of Curiosities“ (2002; dt. [„Formula – Tunnel des Grauens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=192 ) war. Damals waren noch einige Fragen offen geblieben, was vor allem die merkwürdigen familiären Hintergründe und Verwicklungen des Agenten Pendergast in das mörderische Geschehen betraf. Offenbar wollen die Autoren eine Pendergast-Saga entwickeln. Gut und schön, aber die sollte dann integraler Bestandteil der Story und dieser nicht aufgepfropft sein!

Agent Pendergast soll nach dem Willen seiner geistigen Väter eine ebenso faszinierende wie fremdartige Person (bzw. Persönlichkeit) sein. Dunkel und von Geheimnissen umwittert ist seine Vergangenheit, exzentrisch sein Verhalten. Als Ermittler ist er genial, übersieht keine Spuren, durchschaut Verdächtige auf Anhieb, bricht unentwegt Lanzen für unverstandene Außenseiter der Gesellschaft. Anders ausgedrückt: Pendergast ist eine hundertprozentige Kunstfigur und ein übler und reichlich arroganter Besserwisser, wie er uns aus tausend Hollywood-Blockbustern mehr als bekannt ist.

Seine Schnurren sind zu zahlreich und übertrieben, werden einfach behauptet, statt begründet zu werden; offenbar bleibt dies zukünftigen Bänden der Pendergast-Serie vorbehalten. Auf Biegen und Brechen, aber mit einfachsten Mitteln soll die Hauptfigur „interessant“ gemacht werden. Meist geht der Schuss nach hinter los. Wir ertragen Pendergast, aber er ist uns völlig gleichgültig.

Ähnlich durchsichtig ist die Figur der Corrie Swanson angelegt: Sollte „Ritual“ dereinst verfilmt werden, benötigt das Drehbuch unbedingt eine Identifikationsfigur für die jüngere Zuschauerschaft, die besonders kopfstark in die Kinos drängt. Also erleben wir eine völlig absurde „Assistentin“, die wieder einmal brachial den unverstandenen und (in Maßen) aufmüpfigen Teen mimen muss. Ungewöhnlich ist indessen, dass es außer Corrie keine weibliche Hauptrolle gibt und diese kein „love interest“ ist – eine Liebesgeschichte bleibt aus und wird in einer Geschichte dieses Kalibers auch gar nicht vermisst.

Ansonsten tummelt sich niveaugerecht allerlei US-Landvolk im Geschehen. Das angebliche „Salz der Erde“ gibt sich rollentypisch bodenständig, fremdenfeindlich, konservativ und drischt mehr markige Sprüche als Mais. Dent Hazen ist der bärbeißige Sheriff par excellence – vierschrötig, engstirnig, aber irgendwie doch tüchtig und sympathisch in seiner selbstgerechten Emsigkeit. Journalisten sind die Pest, Politiker notorisch verlogen, Firmenbosse wirtschaften in die eigenen Taschen; auch hier ist der Leser vor Überraschungen gefeit.

Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am |American Museum of Natural History| in New York (!) an. Während der Arbeit an einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei |St. Martin’s Press| mit einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“.

Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei |St. Martins Press| angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er nach Feierabend mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller.

Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter http://www.prestonchild.com wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).

Inzwischen gehen Preston und Child schriftstellerisch auch getrennte Wege. 2002 verfasste Child „Utopia“ (dt. „Das Patent“), 2004 zog Preston mit „Codex“ nach. Die Unterschiede zum Gemeinschaftswerk sind eher marginal. Weiterhin stellt sich heraus, dass die Alleinautorenschaft in beiden Fällen keineswegs mit dem Drang zur Originalität einher geht. Wiederum gemeinsam ging es 2004 mit „Brimstone“ weiter, dem nächsten Pendergast-Spektakel.

Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.

Paxson, Diana L. – Ahnen von Avalon, Die

Mit „Die Ahnen von Avalon“ ist ganz unerwartet noch einmal ein Band über die geheimnisvolle Insel aus Marion Zimmer-Bradleys „Die Nebel von Avalon“ erschienen.

Erdbeben erschüttern die Inseln von Atlantis. Die Priester wissen, was das bedeutet, denn es wurde schon vor langer Zeit prophezeit. In größter Eile werden die Inseln evakuiert. Ziel der auslaufenden Schiffe ist die Zinnküste, wo Atlantis bereits einen Stützpunkt hat.
Doch eines der Schiffe wird von den übrigen getrennt und landet an einer anderen Stelle der Küste. Während der Hauptteil der Flotte sich mit dem Stützpunkt als Basis relativ leicht tut und sofort versucht, in dem neuen Land seine alte Kultur wieder aufzubauen, ist das einzelne Schiff darauf angewiesen, sich mit den Ureinwohnern zusammen zu tun, um zu überleben. Als die beiden Gruppen sich wiederfinden, ist der Konflikt vorprogrammiert.

Der Band schließt eine Lücke, die ursprünglich gar keine war. Lange vor dem Erfolg von „Die Nebel von Avalon“ schrieb Marion Zimmer-Bradley eine Geschichte über Atlantis, die erst nach ihrem Durchbruch unter dem Titel „Das Licht von Atlantis“ veröffentlicht wurde. Auch wenn in Igraines Traum über Uther, der die goldenen Schlangen an den Armen trägt, eine Verbindung zu Atlantis angedeutet ist, entstand der eigentliche Bogen von einer Geschichte zur anderen erst durch „Die Wälder von Albion“, deren Charaktere Eilan und Caillean deutliche Parallelen zu Domaris und Deoris aus Atlantis aufweisen. Reinkarnation wurde zu dem roten Faden, der durch sämtliche Bände führt.
Die Lücke zwischen „Die Wälder von Albion“ und „Die Nebel von Avalon“ versuchte „Die Herrin von Avalon“ zu füllen, doch das gelang nur mäßig. „Die Ahnen von Avalon“ schließlich stellt die endgültige Verbindung zwischen Atlantis und Avalon dar, erzählt, wie das Wissen aus Atlantis nach Avalon kam.

Eigentlich eine interessante Idee. Leider hat es mit der Umsetzung nicht so ganz geklappt!
Das Buch bietet eine Fülle an Personen. Die Hauptpersonen sind Micail, Sohn von Domaris und Mican, und Tiriki, Tochter von Deoris, Domaris‘ Schwester. Die beiden sind verheiratet, werden aber auf der Flucht von Atlantis getrennt.
Tiriki erreicht mit ihrem einzelnen Schiff einen Berg in den Sümpfen, der von der Macht der Muttergöttin nur so vibriert. Außerdem findet sie großes Wissen um die Mysterien bei den Frauen der Ureinwohner. Die Verbindung zwischen den beiden Gruppen legt den Grundstein für das spätere Avalon.
Micail dagegen ist damit beschäftigt, an einem Knotenpunkt magischer Energiestränge einen Steinkreis zu errichten, der genügend Kraft konzentrieren soll, um einen neuen Tempel des Lichtes zu bauen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass Tjalan, Prinz von Alconath, noch ganz andere Absichten verfolgt.
Der größte Teil der anderen Personen sind Priester oder Priesterinnen, die eine mehr oder weniger große Rolle spielen. Nur wenige von ihnen sind detaillierter dargestellt, sodass man sie als Charaktere bezeichnen kann, die meisten wirken eher wie Statisten. Dieser Umstand zusammen mit den oft sehr ähnlich klingenden Namen, vor allem bei den Priesterschülern, hat zur Folge, dass der Leser immer wieder überlegen muss, wer jetzt eigentlich nochmal die Person ist, die da gerade etwas tut. Der Überblick fehlt! Zwar gibt es im Anhang ein Namensregister, aber jedes Nachschlagen reißt aus dem Zusammenhang und wirkt daher störend!
Abgesehen davon sind auch die Hauptcharaktere nicht besonders lebendig gezeichnet. Zwar sind Handlungen, Gedanken und Gefühle nachvollziehbar, es fehlt ihnen aber sehr an Intensität, als wären bei einem Bild alle Farben verblichen.

Der Handlung fehlen ebenfalls Leben und Farbe. Lediglich während der Flucht vor dem Vulkanausbruch und dem Einsatz der Ringsteine kommt so etwas wie Spannung auf, beide Spannungsbögen ebben jedoch rasch wieder ab. Der größte Teil der Handlung verläuft ziemlich gleichförmig, der allmähliche Konfliktaufbau zwischen den Erbauern des Steinkreises und den Eingeborenen sowie den beiden Gruppen der Atlanter bei ihrem ersten Treffen weiß nicht wirklich zu fesseln.
Ganz eigenartig wirkt die Idee des Omphalos, eines eiförmigen Steines, der offenbar große Macht besitzt. Er wird auch als Nabel der Welt bezeichnet und von den Atlantern auf ihrer Flucht von den Inseln mitgenommen. Was es genau mit diesem Stein auf sich hat, warum er überhaupt mitgenommen wurde und was er bewirken kann, bleibt jedoch im Dunkeln, sodass der Leser sich fragt, warum er überhaupt vorkommt. Hier hätte ein ausführlicherer Ausbau der Idee bestimmt nicht geschadet.

Desweiteren haben sich, wie so oft bei der nachträglichen Füllung von Lücken, Brüche eingeschlichen. Es wirkt irgendwie seltsam, wenn ausgerechnet Morgaine den Prolog spricht, der erzählt, wie der Omphalos nach Britannien kam. Schließlich spielte er in Morgaines eigentlicher Geschichte, in den „Nebeln von Avalon“ überhaupt keine Rolle! Ja, er spielt nicht mal in diesem Buch die Rolle, die man aufgrund des Prologes erwarten könnte.
Und die Darstellung, dass die Atlanter ihr Wissen zuerst und hauptsächlich nach Avalon brachten, beißt sich irgendwie mit dem Anfang der „Wälder von Albion“, wo die Frauen davon erzählen, dass das religiöse Zentrum vor dem Angriff der Römer die Insel Mona gewesen sei.
Außerdem gibt es Probleme mit dem Begriff „Merlin“. Bereits der Magier Chedan, der mit Tiriki nach Britannien kam, wurde von den Ureinwohnern Sonnenfalke oder Merlin genannt. In den „Wäldern von Albion“ wird Eilans Sohn Gawen als erster Merlin Britanniens bezeichnet. Gawen ist aber die Reinkarnation Micails, nicht Chedans!

Mit anderen Worten: Die Sache ist nicht konsequent durchdacht. Vielleicht liegt es aber nur daran, dass Entwurf und Buch nicht aus derselben Feder stammen. Das sollte jeder beachten, der Bücher von Marion Zimmer-Bradley gelesen und ein Faible für diese Autorin hat: Dieses Buch ist nicht von ihr! Von ihr stammt nur das Exzerpt. Die Ausarbeitung stammt von Diana Paxson, und das merkt man! Dem Buch fehlt es an Flair.
Es ist also wahrscheinlich ganz gut, dass das Buch wesentlich kürzer ist als die „Nebel von Avalon“ oder die „Nebel von Albion“, die sechshundert Seiten sind ziemlich groß gedruckt. Vielleicht wollte man das Format und die Dicke an die Vorgänger-Bände angleichen, dann wäre es allerdings auch sinnvoll gewesen, dies auf die Gestaltung des Einbands auszuweiten!
Das Lektorat war auch nicht berauschend. Bestimmte und unbestimmte Artikel für dasselbe Hauptwort im selben Satz, das ist ein Fehler, der wirklich nicht vorkommen sollte! Und es war nicht der einzige dieser Art.

Also ich hätte diesen Band nicht unbedingt gebraucht. Schon „Die Herrin von Avalon“ hatte stark nachgelassen, obwohl das Buch noch aus Zimmer-Bradleys eigener Feder stammte. „Die Ahnen von Avalon“ haben es nicht geschafft, daran vorbeizuziehen. Ich hoffe, es sind jetzt keine weiteren unfertigen Konzepte mehr übrig, denn ich glaube kaum, dass Diana Paxson sie besser umsetzen kann als in diesem Fall. „Die Nebel von Avalon“ werden wohl für immer der unerreichte Gipfel von Marion Zimmer-Bradleys Schaffen bleiben.

http://www.diana-paxson.com/

Arkadi und Boris Strugatzki – Das Experiment

„Das Experiment ist das Experiment“ … Verzweiflung, Schicksalsergebenheit, Desinteresse, Lethargie – all das kann aus diesem einen Satz sprechen, den die Bewohner der „Stadt“ ständig wiederholen und vor allem in undurchsichtigen Situationen resigniert plappern. Was ist das Experiment? Wer sind die Experimentatoren, wer die mysteriösen Mentoren?

Die Autoren

Die Strugatzki-Brüder gelten unumstritten als die besten SF-Autoren Russlands. Viele ihrer Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und zählen zu den bedeutendsten SF-Werken des 20. Jahrhunderts. Arkadi Strugatzki starb im Jahre 1991 – damit endete eine der faszinierendsten Kooperationen der Literaturgeschichte.

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Alan Dean Foster – Alien. Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt

Die angebliche Rettung havarierter Raumfahrer entpuppt sich als Falle, die der Crew eines Erzfrachters ein schier unsterbliches Alien beschert, das für Terror & Tod an Bord sorgt. Erbittert kämpfen die Männer und Frauen der „Nostromo“ um ihr Leben, das anderenorts längst als entbehrlich abgehakt wurde … – Foster erzählt nicht nur das Drehbuch zu einem der besten SF-Filme aller Zeiten nach, sondern verwandelt es in einen eigenständigen Roman, der den Film ergänzt und erweitert. Alan Dean Foster – Alien. Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt weiterlesen