Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Haydon, Elizabeth – Tochter des Feuers (Rhapsody / Symphony of Ages)

Mit „Tochter des Feuers“ kommt der |Symphony of Ages|-Zyklus (deutsche Fassung: |Rhapsody|-Zyklus) zu einem vorläufigen Abschluss.

Rhapsody, Achmed und Grunthor haben den Rakshas, das Werkzeug des Dämons, zur Strecke gebracht – zu einem hohen Preis – und sie haben das schlafende Kind, zumindest vorerst, vor dem Zugriff des F’dor bewahrt. Jetzt steht ihnen das Schwierigste bevor: den F’dor selbst zu stellen.

Rhapsody und Achmed machen sich auf die Suche nach den Kindern, die der Rakshas gezeugt hat. Achmed will vor allem die reine Essenz des F’dor aus ihrem Blut herausdestillieren, um seine Spur aufnehmen zu können. Rhapsody will außerdem auch noch die Kinder retten. Deshalb besteht sie darauf, alle Kinder zu finden, nicht nur eines, und sie lebend zu Fürst Rowan zu bringen, dem Herrn über das Reich jenseits des Lebens der Welt, den sie um Hilfe bitten will. Die Kinder aufzuspüren und nach Tyrian, ins Reich der Lirin, zu bringen, ist eine unerwartet schwierige Aufgabe.

Ashe dagegen kämpft um das Überleben von Dorndreher, einem Gefolgsmann seines Onkels Anborn. Langsam lüftet sich der Schleier seines Umhangs, der ihn zwanzig Jahre lang verborgen hat, Ashe kehrt ins Leben und ins Bewusstsein der Menschen zurück.

Währenddessen findet in Navarne der Winterkarneval, das Wintersonnwendfest, statt. Hinter der fröhlichen, ausgelassenen Kulisse spinnt der F’dor seine heimlichen Netze, bevor ein Albtraum über das Fest hereinbricht.

Als Rhapsody Achmed endlich das reine Blut des F’dor überreichen kann, hängt das drohende Gespenst des Krieges über dem Kontinent …

All das zeigt bereits, dass der letzte Band der Trilogie mit besonders vielen Handlungssträngen arbeitet: Rhapsodys Suche nach den Kindern, Ashes Wanderungen und innere Kämpfe, Llaurons Bemühungen, der Dämon, der immer häufiger auftaucht, ohne seine Identität zu verraten, Achmed und Gruthor … Vieles geschieht gleichzeitig, die Szenen wechseln rascher als bisher, jedoch verhindern gewissenhafte Ortsangaben bei jedem Wechsel, dass man durcheinander gerät. Auch Zeitsprünge kommen gelegentlich vor, so wird zum Beispiel nur die „Entführung“ des ersten und des letzten Dämonenkindes ausführlicher beschrieben, die Zeit dazwischen fehlt. Die Sprünge sind aber gut gemacht, sodass der Leser keine Schwierigkeiten hat, ihnen zu folgen.

Diesmal geht es bei den verschiedenen Handlungen allerdings weniger um das Sammeln von Informationen. Der dritte Band ist vollauf damit beschäftigt, alle bestehenden Fäden zusammenzuführen und die in den vorigen Bänden angelegten Rätsel aufzulösen und die Prophezeiungen Manwyns und die Visionen Rhapsodys zu deuten. Dementsprechend kommt in diesem Band nicht mehr allzu viel dazu. Lediglich die Finder sind ein völlig neues Element.

Eines der wichtigsten Rätsel ist natürlich die Identität des F’dor. Die Autorin hat es – fast wie in einem guten Krimi – verstanden, den Leser auf immer neue Fährten zu locken, nur um ihm dann jemand völlig Unerwartetes zu präsentieren. Der Kreis der in Frage kommenden Personen ist im dritten Band bereits auf weniger als zehn Personen beschränkt, immer wieder tauchen die freundlichen blauen Augen des Wirtes auf, die an Llauron denken lassen, aber nie lässt sich etwas eindeutig festmachen. Selbst in dem Moment, als Achmed den F’dor identifiziert und handelt, ist der Leser nicht sicher, bis schließlich der Name des Wirtes fällt.

Die Suche nach dem F’dor bildet seit mindestens eineinhalb Büchern den Kern der gesamten Handlung, folglich ist es nur logisch, dass der endgültige Kampf mit dem Dämon auch den Höhepunkt des Buches bildet. Wie auch in den beiden vorangehenden Bänden baut sich der Spannungsbogen immer weiter auf, allerdings nicht so kontinuierlich wie bisher, sondern eher wellenförmig, bis er in im Endkampf mit dem F’dor mündet. Dieser findet erstaunlich früh statt, etwa zweihundert Seiten vor Ende des Buches. Die folgenden Seiten enthalten aber immer noch genug Handlung, um das Buch bis zum Ende zu tragen, ja gegen Ende wird es noch einmal richtig spannend. Dementsprechend traten sowohl Humor als auch Romantik bei diesem Buch stark in den Hintergrund.

Das Lektorat war auch diesmal wieder nicht hundertprozentig, allerdings war die Fehlerzahl im Verhältnis zur Seitenzahl sehr gering. Meine Ausgabe ist, da |Heyne Fantasy| von |Piper| übernommen wurde, logischweise auch von Piper, allerdings hat |Piper| angenehmerweise das Design des Covers nur geringfügig verändert, sodass es fast noch besser zum Stil der Vorgänger passt als der Entwurf von |Heyne|.

Insgesamt kann man von der Trilogie getrost sagen, dass sie rundum gelungen ist. Offiziell werden die beiden Bände „Requiem for the Sun“ und „Elegy for a Lost Star“ ebenfalls diesem Zyklus zugeordnet. Ich habe die ersten drei Bände trotzdem als Trilogie bezeichnet, weil der Grundtenor des Buches, die Jagd nach dem F’dor, mit dem dritten Band abgeschlossen ist. Wem also nach über 2.500 Seiten die Puste ausgegangen ist, der hat jetzt einen guten Zeitpunkt erwischt um auszusteigen.

Wer jetzt noch nicht genug hat, für den wurden im Epilog, der wieder aus der Sicht Meridions erzählt ist, eine Menge neuer Andeutungen gemacht, aus denen die Autorin mit Sicherheit eine Menge neuer Handlungsfäden ziehen wird. Bisher gibt es die Folgebände aber nur auf Englisch.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer |Symphony of Ages| schrieb sie auch |The Journals of Ven Polypheme| für Kinder.

Unsere Rezensionen der ersten beiden Bände von |Rhapsody / Symphony of Ages:|

[Tochter des Windes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=37
[Tochter der Erde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=329

Homepage der Autorin: http://www.elizabethhaydon.com/

Bradbury, Ray – Fahrenheit 451

Auf dem Kopf den Helm mit der 451, das Salamanderabzeichen am Ärmel und die Phönixplakette – dies sind die Merkmale von Guy Montags Feuerwehruniform. Montags Aufgabe besteht nicht darin, Brände zu löschen, sondern sie zu legen. Auf dem Rücken trägt er einen Flammenwerfer, gefüllt mit Kerosin. In Bradburys Welt vollstreckt die Feuerwehr eine staatlich legitimierte Bücherverbrennung: Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier brennt (233 Grad Celsius). Literatur ist verboten, wer Bücher besitzt, macht sich strafbar. Es gilt, „die kärglichen Reste der Kulturgeschichte auszutilgen“. Denunziationen lassen die Alarmglocken bei der Feuerwehr schrillen, das Haus wird ebenfalls eingeäschert, und der Delinquent erhält von einem mechanischen Hund mit Kanülenzunge eine kräftige Dosis Morphium injiziert.

Die Bücher wurden ersetzt durch Fernsehwände, auf denen interaktive hohlköpfige Soaps ablaufen -„Wozu etwas lernen, wenn es genügt, den Knopf zu drücken?“ Ansonsten amüsieren sich die Menschen in Turbinenautos, rasen mit aberwitziger Geschwindigkeit über die Autobahnen und wer zu langsam fährt, wird verhaftet. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Es gibt ein eigens dafür eingerichteten Express-Service, der mit Magen- und Blutpumpe anrückt und die Lebensmüden reanimiert. Das Familienleben existiert als solches nicht mehr. Kinder befördert man ins Fernsehzimmer und knipst an. „Es ist wie mit der Wäsche, man stopft sie in die Maschine und knallt den Deckel zu“.

Eines Tages trifft Montag die junge Clarisse, die nicht zu den normalen Menschen gehört, sondern zu jenen, die nicht nur wissen wollen „wie etwas gemacht wird, sondern warum“ und merkt in den Gesprächen mit ihr, wie unzufrieden und unglücklich er ist. „Er trug sein Glück wie eine Maske, und das Mädchen war damit davongelaufen; es bestand keine Möglichkeit, bei ihr anzuklopfen und die Maske zurückzufordern“. Doch die Begegnung ist von kurzer Dauer. Als man sie eines Tages verschwinden lässt, holt Montag die bei seinen Einsätzen heimlich gesammelten Bücher hervor und versucht damit die Wand zu seiner Frau und die Eintönigkeit seiner Ehe zu durchbrechen. Doch es geht um viel mehr. Er sieht die Bücher als einzigen Ausweg „aus dem Dunkel“, als einziges Mittel „zu verhindern, daß wir immer wieder dieselben unsinnigen Fehler machen.“ In den Büchern sucht er ein Mittel, einen Weg, der scheinbar unaufhaltsamen Annäherung an den Abgrund entgegenzusteuern. Seine Frau, das „Haar von Chemikalien zu sprödem Stroh zerfressen“, der Leib von Abmagerungskuren ausgemergelt und „das Fleisch weiß wie Kochspeck“, reagiert mit Befremden und Abscheu auf seine Rezitationen. Nur in dem ehemaligen Literaturprofessor Faber findet Montag einen Verbündeten, der ihn ermutigt und im Widerstand gegen seinen Vorgesetzten Hauptmann Beatty unterstützt. Einerseits bemerkenswert intellektuell und offenkundig belesen, andererseits ein fanatischer Inquisitor, entwickelt sich Beatty zu Montags entschiedenstem Gegenspieler und Feind. Als Montags eigene Frau ihn bei der Feuerwehr anzeigt und er sein Haus niederbrennen muss, hetzt Beatty den mechanischen Hund auf ihn und die Situation eskaliert. Montag muss flüchten und schließt sich einer Gruppe von Intellektuellen an, die in der Wildnis leben und durch das Auswendiglernen von Büchern das Wissen der Menschheit bewahren.

Vielleicht am falschesten verstanden wird die Rolle der Clarisse, vermutlich durch Truffauts Verfilmung des Romans. Clarisse Rolle im Buch ist kurz, sie dient nur als Katalysator, der Montags ohnehin schon schwelendes Umdenken beschleunigt. Faber, der ehemalige Literaturprofessor, unterstützt diesen Wandlungsprozeß. Hauptmann Beatty aber ist derjenige, der ihn bestätigt, indirekt vollendet und damit ist er eigentlich die wichtigste Figur des Romans. Bemerkenswert ist, dass Bradbury ähnlich wie Huxley die Wurzeln seiner Dystopie nicht in Verordnungen oder Zensur bettet, sondern in freiwilliger Lust an der Verdummung. 1953 von Bradbury publiziert, ist Fahrenheit 451 von beeindruckender visionärer Kraft. Die Dekadenz des Fernsehzeitalters, der parallele Verfall der Kultur und die hingebungsvolle Hinwendung zur Blödheit, die sich heute in den Bestsellerlisten und Reality-Soaps widerspiegelt und sicherlich noch krassere Ausdrucksformen finden wird, all das findet man in Bradburys düsterer Welt vorweggenommen.
Fahrenheit 451: ein Meisterwerk!

Ray Bradbury wurde am 22. August 1920 in Waukegan, Illinois geboren. Er besuchte die Schulen in Waukegan, Illinois, und später in Los Angeles, California. Seine schriftstellerische Karriere begann Bradbury 1940 als Zeitungsjunge in Los Angeles. 1943 fing er an, ganztägig zu schreiben, und seit damals hat er mehr als 500 Arbeiten – Romane, Kurzgeschichten, Spiele, Drehbücher, Fernsehspiele und Poesie – veröffentlicht. Als Drehbuchautor ist er durch Werke wie John Huston´s Film |Moby Dick| und François Truffaut´s |Fahrenheit 451| (wo er die Romanvorlage lieferte) bekannt. |Fahrenheit 451| ist auch der Titel, mit dem die meisten Leser den Autor in Verbindung bringen. Von den meisten zeitgenössischen Schriftstellerkollegen der Science-Fiction unterschied er sich deutlich durch das hartnäckige Ignorieren der „Science“. Bei Bradbury spielte der technologische Hintergrund immer eine untergeordente Rolle, menschliche Aspekte stehen in seinen Büchern im im Vordergrund.

Ray Bradbury gewann eine Vielzahl von Preisen für seine schriftstellerische Arbeit, zum Beispiel die |National Book Foundation Medal for Distinguished Contribution to American Letters|, 2000; zwei |O. Henry Memorial Awards|, 1947 und 1948; den |Master Nebula Award|, 1988; den |Benjamin Franklin Award|, 1954 oder den |World Fantasy Award|, 1977.

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Weis, Margaret / Hickman, Tracy – Quell der Finsternis (Der Stein der Könige)

Dem neunjährigen Gareth wird die Ehre zuteil, eine Stellung am Hofe des Königs von Vinnengael anzutreten. Und zwar als Prügelknabe des Prinzen Dagnarus. Gareth schließt schnell Freundschaft mit dem Prinzen, gerät dabei jedoch in eine Abhängigkeit, die er später bitter bereuen wird. Zur gleichen Zeit tritt der Elf Silwyth, Spion des Schildes (Kriegsherr der Elfen), die Stellung als Hofkämmerer des Prinzen an. König Tamaros erhält von den Göttern den Stein der Könige, um Einigkeit zwischen den Völkern der Elfen, Orks, Zwerge und Menschen zu schaffen. Doch der Stein hat auch einen Haken. Während Prinz Helmos, der Thronerbe, zum Paladin wird, strebt Dagnarus selber nach dem Thron. Dabei verfällt er der Magie der Leere und bringt Unheil über das Land.

Langsam und mit Ruhe führen Weis und Hickman den Leser in die Geschichte ein. Auf den ersten 250 Seiten wird beschrieben, wie Gareth Prinz Dagnarus und den königlichen Hof kennen lernt. Dies wird so ausführlich gemacht, dass man jeden Gang, jedes Zimmer und jeden Brauch direkt vor Augen hat. Es wird allerdings nie langweilig, denn mit einer Prise Humor beschrieben, lernen wir auch die anderen, dem Fantasyleser wohlbekannten Völker kennen. Doch in diesem Roman sind die Rassen alle ein wenig anders als gewöhnlich. Da wären die Orks, die in dieser Welt ein abergläubisches Volk von Seefahrern sind, deren Oberhaupt der Kapitän ist. Die Zwerge sind erstaunlicherweise ein Reitervolk (wer hätte das gedacht). Anstatt in Höhlen zu leben, lieben sie die Weite der Steppe. Und die Elfen weisen einige Parallelen zum alten Japan auf. Geistiger Führer ist der Göttliche, in Japan der Tenno (Kaiser). Der Schild des Göttlichen ist dementsprechend der Shogun (der oberste Kriegsführer). Die Elfen leben nach einem Kodex, der sehr dem der Samurai ähnelt. Verliert ein Elf seine Ehre, wird von ihm erwartet, dass er um Beendigung seines Lebens bittet. Allerdings hat ein Elf auch keine Hemmungen, einen anderen hinterrücks zu erstechen. Die Magie dieser Welt ist den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft gewidmet. Das fünfte Element ist die Leere, deren Lehre verboten ist.

Nach 250 Seiten kommt die Geschichte dann, mit einem Zeitsprung von zehn Jahren, langsam in Fahrt. Die Fronten werden immer klarer und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Obwohl die Positionen fast aller Figuren von Anfang an klar sind, gelingt es den Autoren, ein Netz von feinsinnigen Intrigen zu spinnen. Die interessanteste und tragischste Figur ist hierbei Gareth, der es einfach nicht schafft, dem Einfluss des Prinzen zu entkommen. Obwohl dieser ein durchaus sympathisches Weichei ist, ist er neben Gareth eigentlich der „Böse“. Dadurch trägt er einen entscheidenden Teil zum verhängnisvollen Schicksal Vinnengaels bei.

Überraschenderweise hat der Verlag diesmal das Buch, obwohl 637 Seiten lang, in einem Band herausgebracht. Als erster Teil einer Reihe, von der drei Teile erschienen sind, hat der Roman trotzdem eine abgeschlossene Handlung. Und ich muss sagen, dass mich das Ende doch überrascht hat. Der zweite Band, „Der junge Ritter“, spielt 200 Jahre in der Zukunft, es tauchen dort allerdings einige bekannte Figuren wieder auf. Abgeschlossen wird die Trilogie durch „Die Pforten der Dunkelheit“, das im Frühjahr 2004 erschien.

Wer schnelle Action und große Schlachten wie in denn Drachenlanze-Romanen erwartet, der wird enttäuscht werden. Doch wer Zeit und Geduld aufbringt, sich ruhig, ausführlich und nicht ohne Humor in das Buch einführen zu lassen, der wird mit einer detailreichen und faszinierenden Welt belohnt sowie einer spannenden Geschichte, deren Ereignisse sich am Ende überschlagen.

_Markus Mäurer_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Hennen, Bernhard – Wahrträumer, Der (Magus Magellans Gezeitenwelt)

Der |Piper|-Verlag gibt derzeit deutschsprachiger Fantasy eine größere Chance in seinem Programm und setzt nicht mehr nur auf ausländische Autoren. So ist im Sommer 2003 mit „Der Wahrträumer“ auch der erste Band eines 12-teiligen Zyklus, entworfen vom vierköpfigen Autorenteam |Magus Magellan|, erschienen. Anders als viele Fantasy-Romane behandelt die Saga der „Gezeitenwelt“ nicht das unerschöpfliche Thema des „Kampfes einer Schar Auserwählter gegen das (Ur-)Böse“, sondern erschafft eine eher phantastisch-realistische Welt, für die man sachkundigen Rat von Geophysikern, Archäologen, Anthropologen und Biologen eingeholt hat. Die Autoren beschäftigen sich mit der Frage, welche Auswirkungen der Einschlag eines Asteroiden auf die Länder und Völker der Gezeitenwelt hat – und wie die Folgen der Katastrophe Gesellschaft und Kultur verändern können.

Der Autor von „Der Wahrträumer“, Bernhard Hennen, ist allerdings kein Neuling mehr. Mit etwa fünfzehn phantastischen und historischen Romanen, wie „Die Könige der ersten Nacht“, sowie seinen Arbeiten an Rollenspielsystemen ist er schon einer der bekannteren deutschen Autoren.

Alessandra Paresi hat es nicht leicht, in ihrem Dorf zu überleben. Die meisten verachten die Waise und halten sie für einen Unglücksbringer. Nur der Stumme Tormo und der kauzige Einsiedler Orlando halten zu ihr. Dann aber scheint das Mädchen sein Glück zu machen. Durch einen überraschenden Walfang – denn es ist auch noch ein Wagnis, die am Strand angespülten Riesen des Meeres zu töten -, wird sie zur reichsten Frau des Dorfes.

Daran kann sie sich aber nicht lange erfreuen. Eine Abordnung der Priesterschaft des |Abwesenden Gottes| erscheint. Um einen immer heller leuchtenden Stern zu bannen, sollen Auserwählte sich als Märtyrer zu Tode fasten, und Alessandra soll eine davon werden. Doch das Mädchen beginnt, auf der Reise an dem Sinn ihres Opfertodes zu zweifeln und wehrt sich dagegen. Schließlich flieht sie und kehrt zurück, aber sie findet ihre Heimat vernichtet vor. Nur wenige haben das Desaster überlebt und können berichten, was geschehen ist, unter ihnen auch ihre Freunde. Der in das Meer gestürzte Stern hat eine riesige Springflut ausgelöst. Diese verheerte die Küsten.

Ihre Verfolger brechen die Suche ab, denn durch die Katastrophe bricht Chaos aus und man benötigt jeden Glaubenskämpfer und Priester, um die Ordnung im Land aufrecht zu erhalten. Denn nicht weltliche Fürsten, sondern die Kirche des |Abwesenden Gottes| regiert hier mit strenger Hand. Einer ihrer Vertreter ist Francesco, der trotz seines Versagens, die Märtyrerin zum Heiligen Berg zu bringen, zum obersten Richter einer Provinz ernannt wird. In den nun folgenden Monaten hat er alle Hände voll zu tun, um Gerechtigkeit walten zu lassen, denn Missernten, Kälte und Hunger lassen die Menschen aufbegehren. Deshalb ist es umso wichtiger, die zu bestrafen, die sich an der Not bereichern wollen, wie etwa einen reicher Kaufherrn. Und dann ist da noch ein unheimlicher |Atemdieb|, der Menschen die Kraft raubt und sie dahinsiechen lässt. Ist er nur ein Hirngespinst der Kranken und Hungernden oder tatsächlich ein übernatürliches Wesen, das zum Erbe einer längst vergessenen Vergangenheit gehört? Bei seiner Suche nach Antworten entdeckt Francesco Geheimnisse, die einem Menschen den Tod bringen können.

Neben seinen Aufgaben versucht der Priester immer noch, seinen Fehler wieder gut zu machen, und lässt Alessandra, die sich mittlerweile mit Tormo und Orlando in die Berge zurückgezogen hat, jagen, bis man ihm auch dies verbietet, da andere Aufgaben wichtiger scheinen.

Die junge Frau findet indessen Unterstützung bei einer Gruppe, die gegen die strenge Herrschaft der Kirche aufbegehrt, aber um dort wirklich anerkannt zu werden, soll sie ein Zeichen setzen, und den |Atemdieb| erledigen, der in einer Stadt sein Unwesen treibt. Das bedeutet für sie aber auch, sich unter den Augen ihrer Häscher zu bewegen. Der alte Orlando ist bei diesem Unterfangen an ihrer Seite, doch auch er ist in Gefahr, da er auf der Todesliste der Kirche steht, wie sich nun herausstellt.

Fern dieser Ereignisse versucht der Seruun, die Anfeindungen verschiedener Angehöriger seines Volkes zu überleben und eine neue Heimat bei einem anderen Stamm zu finden. Der junge |Geistertänzer| ist ein mächtiger Schamane, der nicht nur die Rituale beherrscht, sondern auch über mächtige Kräfte gebietet. In seinen Träumen vermag er, die Zukunft zu sehen, doch wer hört schon gerne auf jemanden, der nur Not, Verzweiflung und Katastrophen, wie einen langen Winter, voraussieht. Erst als seine Ahnungen eintreffen, vertraut man seinem Wort, dass es besser ist, in den Süden zu ziehen, aber auch dort sind die Nomaden Widerständen ausgesetzt – durch Einheimische, die ihr Land verteidigen…

Die Idee, eine Welt zu schildern, in der nach einer Katastrophe der Mensch des Menschen größter Feind ist und Magie eine weitestgehend untergeordnete Rolle spielt, ist in der Fantasy bisher nur selten verwendet worden, da das Thema leicht in die Science-Fiction abgleiten kann. Deshalb verzichtet Bernhard Hennen bewusst auf die Verwendung technischer oder wissenschaftlicher Begriffe, sondern konzentriert sich darauf, in zwei Handlungssträngen eine spätmittelalterliche Gesellschaft zu schildern, die von Glauben und Aberglauben in festem Griff gehalten wird. Nicht zuletzt orientieren sich Kirche und Ritterschaft ganz eng an christlichen Vorbildern; Kultur, Gesellschaft, Landschaftsbeschreibungen und Namen sind an die des westlichen Mittelmeeres angelehnt. Geschickt vermischt er kirchliche Intrigenspiele und mystizistische Geheimniskrämerei, wie sie aus vielen historischen Romanen bekannt sind, mit einem eher abenteuerlichen Handlungsstrang um die eigensinnige Harpunierin Alessandra. Schamanismus und Indianerromantik bringt dagegen der dritte Handlungsstrang um den |Geistertänzer| Seruun ein, der zunächst allein und später mit seiner Gefährtin Grasfeder ums Überleben kämpft.

Bernhard Hennen weiß in „Der Wahrträumer“ das Konzept geschickt und stimmungsvoll umzusetzen, so dass kaum Langeweile aufkommt. Leider hat der Roman auch Schwächen: Zwar besitzt jeder Handlungsstrang eine eigene Dynamik, die ihn vorantreibt, aber Bernhard Hennen gelingt es nicht, die drei Themen am Ende richtig zusammenzuführen oder aufzulösen. Gerade die letzten 50 Seiten des Buches wirken gedrängt und überhastet, als sich die Ereignisse um den |Atemdieb| und Alessandra plötzlich überschlagen, und werden nur zu einem geringen Teil aufgeklärt – fast so, als würden die Geschehnisse in einem weiteren Roman fortgesetzt werden. Beschreibungen von Umgebung und kulturellen Eigenheiten oder innerkirchlichen Intrigenspielen nehmen wie in einer Rollenspielkampagne einen großen Raum ein, während die Charakterisierung der Figuren eher in den Hintergrund tritt. Selbst die Hauptfiguren Seruun, Francesco und Alessandra bleiben blass und lassen sich auf wenige Züge zusammenstreichen, der interessante Hintergrund einiger Nebenfiguren wird nicht weiter ausgeführt. Action und Spannung wird durch äußere Elemente wie Folter erzeugt.

Daher werden vor allem Leser, die dem Rollenspiel offen gegenüberstehen, auf ihre Kosten kommen. Trotzdem bleibt zu wünschen, dass die zukünftigen Autoren des Zyklus, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko, auch der Geschichte und den Charakteren ein wenig mehr Raum geben. Auf jeden Fall lohnt es sich, das Projekt erst einmal weiter zu verfolgen, da es sich abseits der üblichen Genrethemen bewegt.

_Christel Scheja_ © 2003
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Stephen Baxter – Zeit (Das Multiversum 1)

Botschaften aus der Zukunft, Reisen in eine Milliarden Jahre entfernte Zukunft: „Zeit“ (orig.: „Manifold: Time“) ist ein Science-Fiction-Roman voller effektvoller Ideen, die sich der Autor jedoch nicht aus den Fingern gesogen hat. Sein Nachwort belegt seine fundierten wissenschaftlichen Quellen. Das muss nicht bedeuten, dass diese Ideen innerhalb der Science-Fiction neu sind, vielmehr beutet Baxter sie auf neue Weise aus.

Baxter hat sich in den letzten paar Jahren zu einem würdigen Nachfolger von Arthur C. Clarke (einem Ko-Autor) und Isaac Asimov emporgeschrieben. Mit Romanen wie „Ring“ (aus dem Xeelee-Zyklus) und „Titan“ öffnete er dem Science-Fiction-Publikum die riesigen Dimensionen, die das Universum charakterisieren.

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King, Stephen – Susannah (Der Dunkle Turm VI)

|“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“|

So begann im Jahre 1982 der Revolvermann Roland von Gilead seine surreale Jagd auf den Mann in Schwarz und seine Suche nach dem „Dunklen Turm“ in der westernähnlichen Mitt-Welt. Stephen King lag der „Turm-Zyklus“ nach eigenen Angaben seit seiner Jugend am Herzen, er ist sozusagen sein Lebenswerk. Inspiriert von einem alten Gedicht Robert Brownings aus dem Jahr 1855, „Childe Roland to the Dark Tower came“, war „The Gunslinger“/“Schwarz“ zwar nichts King’s Durchbruch, aber die Geschichte hatte ihr eigenes Flair, obwohl sie stilistisch noch ein unausgereiftes Frühwerk war. In der Tat hat King den ersten Band nach Jahren in einer neuen Fassung herausgebracht, die zahlreiche Details enthält, die in der ursprünglichen fehlen, was für diese Rezension noch von Bedeutung sein wird. Der gesamte Turm-Zyklus ist geprägt von Referenzen auf andere Figuren und Werke Kings, der in „Susannah“ sogar sich selbst in persona in die Handlung einbaut!

„Susannah“ ist der sechste und damit vorletzte Band des Zyklus. Stephen King möchte sich als Autor langsam zurückziehen, er hat sich aber noch einmal aufgerafft und in Rekordzeit die letzten drei Bände des Zyklus geschrieben.

_Ein kurzer Überblick der Turm-Saga:_

Schwarz (The Gunslinger) 1982
Drei (The Drawing of the Three) 1987
Tot (The Waste Lands) 1991
Glas (Wizard and Glass) 1997
[Wolfsmond]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=153 (Wolves of the Calla) 2003
Susannah (Song of Susannah) 2004
[Der Turm]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822 (The Dark Tower) Ende 2004

Man beachte die großen Zeitabstände zwischen den einzelnen Bänden. Die letzten drei Bände erschienen in einem neuen, sehr hübschen und zeitgemäßen Gewand bei Heyne. Die ganze Saga wird in Kürze als Sammelbox in einheitlichem Design und mit der zweiten Version von „Schwarz“ erhältlich sein.

Wer einen Einstieg in die Turm-Saga plant, muss von vorne beginnen. Der Zyklus ist bereits für Kenner aufgrund der zwei Fassungen von „Schwarz“ und des langen Zeitrahmens schwer überschaubar.

_Was geschieht in „Susannah“?_

Mia hat im Körper der hochschwangeren Susannah die Flucht in das New York des Jahres 1977 angetreten. Detta und Susannah kämpfen um die Kontrolle ihres Körpers, während Mia sich auf ihr Kind freut, obwohl sie es nur wenige Jahre behalten darf, da sie es an zwielichtige Vampire in Diensten des Turmes verschachert hat.

Ein weiterer Balken des Turms stürzt ein und verursacht Beben in Mitt-Welt, wo es Roland, Eddie, Jake und Callahan gelingt, Susannah in ihre Gegenwart zu folgen. Dort werden sie jedoch bereits von Balazar’s Mafiosi erwartet, nur dank Rolands Schießkünsten können sie dem Hinterhalt entkommen. Sie machen sich auf den Weg zu Calvin Tower, von dem sie in der Vergangenheit das Grundstück des Dunklen Turms gekauft haben. Sie treffen sogar auf Stephen King selbst, der davon geschockt ist und ihnen bestürzende Dinge offenbart.

Derweil erfährt Susannah, wer der Vater ihres Kindes ist, und was für eine bedeutende Rolle es für das Schicksal des Turms spielt…

_Der schiefe Turmbau_

Konnte man „Wolfsmond“ noch für den deutlich erfahreneren und versierteren Schreibstil Kings loben, war eine Schwäche die langsame Weiterentwicklung der Geschichte um den Turm selbst. Das westernartige Ambiente von Mitt-Welt und die Charakterisierungen der Figuren dagegen stimmten.

„Susannah“ fängt nahtlos dort an, wo „Wolfsmond“ aufhörte – kommt aber handlungstechnisch genauso wenig vom Fleck. Große Ereignisse werden wohl für den Abschlussband aufgespart. Susannah steht im Mittelpunkt, Roland und Co. treten extrem in den Hintergrund. Dafür tritt der Autor selbst in seinem Roman auf, nicht mehr nur Figuren aus seinen anderen Werken. Für mich das eigentliche Highlight des Romans, denn Susannah’s psychologisches Duell mit Mia ist ziemlich seicht. Der Vater ihres nun auf einmal unglaublich bedeutenden Kindes ist vollkommen an den Haaren herbeigezogen, was nur noch von ihrer lächerlichen psychologischen Visualisierungstechnik getoppt wird: Mia stellt sich ein Armaturenbrett vor und dreht den Schalter „Wehen“ ein paar Grade zurück.

Ihr plötzliches Auftauchen in New York beschert einer Passantin Albträume, die sich so etwas einfach nicht vorstellen kann. Sie fühlt sich daraufhin „tervös-naub“… dies als Beispiel für die zahllosen Wortschöpfungen Kings, wie auch die penetrante Sprache der Calla „sagen Danke sehr“ dem Ka-Tet in unsere nahe Vergangenheit gefolgt ist. Diese kann man dem Übersetzer Wulf Bergner nicht anlasten, sie sind im Original genauso überflüssig. Er hat sich dafür Patzer bei feststehenden Redewendungen geleistet: „Die Welt hat sich weiterbewegt“ – Bergner hat die Übersetzung seines Vorgängers Körber dafür offensichtlich nicht gelesen…

Man erhält dadurch den Eindruck, King würde alt, kindisch und sentimental. Dieser verstärkt sich, wenn man zum interessanten Teil des ansonsten mit Susannah handlungsarm dahindümpelnden Buchs kommt: King plaudert aus dem Nähkästchen – ob real oder fiktiv, sei dahingestellt. Er gibt Roland und Eddie Informationen, die wohl eher für den Leser der Turm-Romane als diese selbst einfach bestürzend sind. So gibt King freimütig zu, sich nie groß Gedanken über den Zyklus gemacht zu haben, es existierte einmal ein Exposé, aber er hat es verloren und weitgehend vergessen.

Er selbst wusste nicht, wie sein Zyklus enden soll, während er ihn geschrieben hat. Das mag auch die langen Pausen zwischen den einzelnen Romanen und das langsame Voranschreiten der Kernhandlung während der letzten Bände erklären. Man darf gespannt sein, wie King das alles auflösen will. Wahrscheinlich entzaubert er nur sein eigenes Werk, bei dem die Spekulationen um den Turm interessanter sind als die tatsächliche Geschichte. Diese bietet keine Ereignisse, über die man spekulieren könnte, sie ist voller |deus ex machina|-Elemente, die Handlung ohne besondere Konsistenz und Richtung, dazu wird zu viel einfach an den Haaren herbeigezogen. Musterbeispiele dafür das plötzliche Auftauchen Callahans im letzten Band und in diesem der Vater von Mias Baby. Wenn die eigenen Ideen ausgehen, greift man halt auf alles zurück, was einem gerade so durch den Kopf geht: Seien es Harry Potter, die Jedi-Ritter, Marvel-Comics oder eben als Krönung der Bezug des einstürzenden WTC zum ebenfalls wankenden Dunklen Turm. Es ist zu viel; die gute Idee, das reale Weltgeschehen in die Geschichte einzubeziehen, wirkt so langsam zwanghaft.

Reale Anmerkung oder Fiktion?
Die „Seiten aus dem Tagebuch eines Schriftstellers“ beschreiben im Anhang quasi, wie der Turm entstand und was sich King dabei dachte. Beeindruckend und entlarvend dabei seine eigene Niedergeschlagenheit über einen Fanbrief der todkranken Coretta Vele im Jahr 1992, die vor ihrem Ende gerne von King wissen würde, wie die Turmsaga endet… sie würde es niemandem verraten. King selbst schreibt, wie niedergeschlagen er war, er wusste es selbst nicht.

Es folgt eine fast philosophische Abhandlung über das Dasein als Schriftsteller und seinen schweren Autounfall im Jahr 1999, hier kann man sich fragen, ob King nicht der psychologischen Betreuung bedarf, wurde dieser doch bereits in anderen Werken von ihm ausführlich aufgearbeitet und integriert. Die Zahlen 19, 99 und Prim, auf die auch zu Beginn des Romans Bezug genommen wird (eine fette 99 in der Seitenmitte, links unten eine kleine 19 – steht vermutlich für das Jahr 1999, daneben das Wort „Reproduktion“) fehlen zudem in den ersten Bänden der Saga, erst in der von King neu aufgelegten zweiten Fassung sind diese Elemente enthalten, was für zusätzliche Verwirrung und einen gewissen Groll sorgt: Muss man als King-Fan jetzt wirklich noch einmal die vier alten Romane oder die ganze (zugegeben: Das Metallic-Design ist sehr gelungen!) Sammelbox kaufen, um in den Genuss einer abgeschlossenen und in sich schlüssigen Reihe zu kommen?

_Mehr Schein als Sein_

„Susannah“ ist als Buch handlungsarm, von schwachen Charakterisierungen, inkonsistenten und völlig willkürlichen, unvorhersehbaren Ereignissen geprägt. Der interessante Teil ist ironischerweise Kings eigenwilliges Philosophieren über seine Beziehung zu seinem Turm-Zyklus. Leider auch eine einzige Entzauberung und Selbstoffenbarung: King hat mehr die Fantasie der Fans angeregt, als er sich selbst jemals im Traum vorstellen konnte. Er hatte kein Konzept, nicht einmal eine Idee, wie der Zyklus enden soll. Jetzt biegt er schnell alle losen Enden zusammen und geht danach in Rente. Ende.

Die Atmosphäre und der surreale Reiz von Mitt-Welt geht „Susannah“ vollkommen ab, der Roman hat keinerlei Charme, erzeugt keine Immersion. Dafür zahllose Seiten der Langeweile und Horror der besonderen Art: Was – das soll es jetzt gewesen sein?

Der Roman endet mit der Geburt von Mias Kind und einem der nervig werdenden Gesänge, die jedes Kapitel einleiten oder beenden:

VORSÄNGER: |Commala-come-kass!|
|The child has come at last!|
|Sing your song, O sing it well,|
|The child has come to pass.|

CHOR: |Commala-come-kass,|
|The worst has come to pass.|
|The Tower trembles on its ground;|
|The child has come at last.|

Wäre King bei seinem Autounfall tatsächlich ums Leben gekommen, man hätte den Turm-Zyklus als ein Musterbeispiel innovativer Phantastik angesehen, trotz seiner Schwächen. Jetzt entzaubert er ihn selbst als Machwerk überbordender Symbolik. Vielleicht gelingt es King, mit dem Abschlussband „Der Turm“ seine Fans wieder zu versöhnen, für sich gesehen ist „Susannah“ viel Lärm um nichts, ein grauenhaft langweiliger, uninteressanter Roman, der selbst hartgesottene King- und Turm-Fans enttäuschen wird. Es würde mich sehr wundern, wenn das Finale den Anfängen gerecht werden und der Turm-Zyklus sich nicht als Konglomerat einiger faszinierender Ideen ohne klares Ziel und jegliche Konzeption erweisen sollte.

Für das Lesen sagen Danke sehr.

P.S.: Es empfiehlt sich definitiv nicht, eine Zusammenfassung zu lesen bevor man sich an den Turm-Zyklus wagt. Aber für Fans, die gerne ein paar Karten, ein Personenregister sowie Hinweise auf welche Werke Kings im Turm-Zyklus eingegangen wird haben möchten, ist Robin Furth’s „Das Tor zu Stephen Kings Dunklem Turm I-IV“ (ISBN 3453875559) eine Empfehlung wert. Ein Folgeband für die Bände V-VII ist in Vorbereitung. Das definitive Nachschlagewerk für Turm-Fans – als zusätzliches Schmankerl ist die exklusive Kurzgeschichte „Die Kleinen Schwestern von Eluria“ enthalten.

Heitz, Markus – Schatten über Ulldart (Die Dunkle Zeit 1)

In den letzten Jahren hat sich eine auffällige Entwicklung bei den Verlagen ergeben: Man entsinnt sich immer öfter einheimischer Autoren und schielt nicht mehr länger nur über den großen Teich, um sich dort die Sahnehäubchen abzufischen. Aus finanziellen Gründen – amerikanische Verlage haben die Kosten für Lizenzen drastisch erhöht, ohne zu begreifen, dass der deutsche Markt einen Bruchteil der Größe des englischsprachigen besitzt – werden neben Wolfgang Hohlbein und Bernhard Hennen auch immer öfter unbekanntere Autoren gefördert, die zumindest etwas Schreiberfahrung besitzen, wie etwa Markus Heitz, der Autor des Zyklus um „Die dunkle Zeit“, von dem bei |Heyne| auch zwei |Shadowrun|-Romane erschienen sind und der nunmehr mit „Die Zwerge“ und „Der Krieg der Zwerge“ Erfolge feiern konnte.

Vor etwas mehr als 400 Jahren überzog der Eroberer Sinured mit seinen Horden und der Macht des gebrannten Gottes Tzulan den Kontinent Ulldart mit Angst und Schrecken. Menschenopfer und Zerstörungen, Krieg, Not und Leid wurden erst beendet, als die Mutigsten der unterdrückten Völker mit Hilfe ihres Schutzgottes Ulldrael Sinured besiegten und damit auch dem Gott die Macht nahmen. Magie wurde verbannt und alle Spuren beseitigt. Ulldart kehrte zum Frieden zurück. Dennoch lebte man seither in Furcht vor einer Rückkehr Sinureds und Tzulans, die für ein Jahr angekündigt wurde, in dem alle drei Zahlen gleich waren. Doch die Jahre 111 bis 333 verstrichen ereignislos und die Menschen begannen wieder zu hoffen.

Nun naht aber das Jahr 444. Eine neuerliche Prophezeiung spricht von einem Mann, der das Schicksal Ulldarts in den Händen hält: Lodrik, der Thronerbe von Tarpol. Doch dieser ist ein fetter, fauler und träger Knabe von 14 Jahren, den man gemeinhin den „Keksprinzen“ nennt.

Die Handlung setzt ein, als sein Vater, der dem genießerischen Treiben seines Sohnes nicht länger zusehen kann, den jungen Prinzen als Gouverneur in die Verbannung schickt. Im einsamen Granburg soll er lernen, ein Mann zu werden. Nur sein Lehrer und Berater Stoiko und eine kleine Leibgarde unter dem rauen, geheimnisvollen Waljakow begleiten den Jungen, der zunächst mit seinem Schicksal hadert, dann aber plötzlich Ehrgeiz entwickelt, als er Gefühle für Norina Miklanowo, ein kluges, aber schnippisches Mädchen, entwickelt und von seiner älteren Cousine Aljascha zutiefst gedemütigt wird. Er beginnt abzunehmen, seine Waffenübungen zu vertiefen und die Politik aufmerksamer zu beobachten. Das ist auch bitter nötig, denn sein Vorgänger will Lodrik das Amt des Gouverneurs nicht kampflos überlassen, und er muss sich mehrfach der Anschläge unbekannter Attentäter erwehren.

Der Prinz reift mit Hilfe von Stoiko und Waljakow zu einem verantwortungsvollen Regenten heran, der Güte und Gerechtigkeitssinn besitzt, aber auch gnadenlose Härte zeigen kann. So gewinnt er auch das Herz Norinas, die wie er von einer besseren und gerechteren Zukunft für das ganze Volk Tarpols träumt und die Rechte des Adels beschneiden möchte. Das Glück scheint vollkommen.

Doch dann stirbt Lodriks Vater, und als neuer Kabcar, d.h. Herrscher von Tarpol, muss Lodrik seine Cousine Aljascha heiraten, um ein Bündnis mit den nachbarschaftlichen Baronien zu festigen. Das führt jedoch zu Krieg mit einem Nachbarland, das ebenfalls Ansprüche auf die Baronien erhebt. Als sei dies nicht genug, löst Lodrik durch seine tiefgreifenden Reformen zur Verbesserung der Lebensbedingungen des einfachen Volkes einen Aufstand des Adels aus.

In dieser Krisenzeit taucht der geheimnisvolle Mortva Nesreca auf, der behauptet, ein entfernter Cousin Lodriks zu sein. Trotz der Warnungen seiner väterlichen Freunde Stoiko und Waljakow hört Lodrik von nun an auf die Einflüsterungen Nesrecas, der ihm eine glorreiche Zukunft verheißt, wenn er nur seinen Weg weiter geht und Widerstände aus dem Weg räumt. Warum soll er nicht ganz Ulldart seine Reformen bringen?

Und wie durch einen Wink des Schicksals wird der Adelsrat Tarpos vergiftet und der Feind an den Grenzen besiegt – durch einen unerwarteten Helfer. Sinured ist aus den Tiefen seines Grabes auferstanden, um Lodrik beizustehen.
Berauscht von seinen Erfolgen, vertraut der junge Herrscher seinem neuen Berater immer mehr und stößt die alten Freunde von sich. Selbst Norina, seine Geliebte, muss fliehen, obwohl sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trägt. Waljakow begleitet sie, um das Kind zu beschützen, Stoiko aber landet im Kerker. Von Mortva Nesreca überzeugt, lässt auch Aljascha ihren Abscheu gegen Lodrik fallen und schenkt ihm drei Kinder.

Lodrik feiert einen Sieg nach dem anderen und glaubt immer noch, Ulldart Glück und eine glorreiche Zukunft zu schenken, denn Mortva schenkt ihm durch die Einführung von Schusswaffen einen Vorteil gegenüber den anderen Reichen.

Fünfzehn Jahre später hat Tarpol bis auf ein Reich an der Südspitze des Kontinents ganz Ulldart erobert, und auch der Fall dieses Landes steht bevor. Dann jedoch begreift Lodrik, dass er in all den Jahren nur von seinen vermeintlichen Freunden benutzt worden ist, um die Macht Tzulans zu stärken und dessen Rückkehr vorzubereiten. Er versucht noch, sich mit der Macht des Herrschers gegen seine Frau und seinen Berater zu stellen – aber zu spät. Seinen Sturz besiegelt jemand, von dem er es am allerwenigsten vermutet hätte. Nun scheint „Die dunkle Zeit“ nicht mehr aufzuhalten zu sein …

Man mag von der deutschen Fantasy denken, was man will, aber in den letzten Jahren beweist gerade die jüngere Generation, dass Romane und Erzählungen aus unseren Landen nicht nur märchenhaft, versponnen oder belehrend sein müssen, sondern auch einfach nur abenteuerlich unterhalten dürfen. Dabei folgt man hier durchaus den gängigen Trends, wie sie in Amerika vorgegeben werden. Roman-Zyklen im Stil von Rollenspiel-Romanen, die in den 80er Jahren ihren Siegeszug antraten, sind dort keine Seltenheit, wie R. A. Salvatore und Robert Jordan mit ihren Romanen beweisen, die in eigenerdachten Welten spielen.

Markus Heitz folgt mit dem Zyklus um „Die dunkle Zeit“ der Tradition. Seine Romane sind eindeutig auf die Zielgruppe ausgerichtet, die man der Fantasy allgemeinhin zuordnet, dem jugendlichen Leser, der vertraute Kulturen, in die man sich nicht erst seitenlang einlesen muss, eine spannende, aber gradlinige Handlung und einfache Charaktere bevorzugt, die sich genau so verhalten, wie man sie sich als Jugendlicher vorstellt. Nicht die Weiterentwicklung der Personen und das Zusammenspiel der Figuren stehen im Vordergrund, sondern die Präsentation von neuen Waffen, detaillierte Schilderungen von Kriegen, Kämpfen und neuen Strategien – die auf ein nachvollziehbares Maß vereinfacht sind.

Subtile Beschreibungen von Verhaltensweisen, die auf den Charakter einer Person hinweisen, fehlen ganz, es wird klipp und klar gesagt, dass Person X genüsslich die nächsten Schritte plant, um den Kabcar zu verführen, Figur Y eine sexsüchtige, machtgierige und auf ihr Äußeres fixierte rothaarige Giftspritze ist und Charakter Z ein wilder, fröhlicher Wikinger-Freibeuter mit Herz und Übermut.

Auch die übrigen Personen lassen sich auf gängige Archetypen mit nur wenigen herausragenden Eigenschaften reduzieren: den rauen, geheimnisvollen Waffenmeister mit durchschlagender Kampfkraft und liebevollem Herz oder den weisen und väterlichen Lehrer, der den jungen Helden auf den richtigen Weg zu bringen versucht.

Humorvolle, aber auf Dauer etwas nervige Abwechslung, bieten der Feinschmecker-König von Ilfaris und sein Hofnarr, die auch für den unaufmerksamsten Leser die Entwicklung der ulldartschen Politik zusammenfassen, wenn sie nicht der Erforschung der neusten Kreationen ihrer Konditoren frönen.

Die Frauenfiguren des Zyklus sind auf die heute üblichen Rollen als Geliebte des Helden mit Mutterrolle, machtgierige und intrigante Hure im Herrscherkostüm, zufriedene Hausfrau oder geschlechtslose Kameradin im Kampf gegen die anderen reduziert, führen aber kein eigenständiges Dasein.

Weitere vertraute Inhalte dürfen nicht fehlen: Magie ist hier zunächst verbannt und auf die reine Heilkunst reduziert. Natürlich zeigt der Held entsprechende Fähigkeiten und wird wie ein gewisser junger Jedi-Ritter mit der Macht seiner Gaben vertraut gemacht und zum Bösen verführt. Sie gewinnt im Laufe des Zyklus einen immer größeren Stellenwert als Waffe der Bösen und der Guten.

Wichtiger für den Fortlauf der Handlung ist die Entwicklung und Benutzung von pulverbasierenden Schusswaffen, wobei wenig auf wissenschaftliche Logik bei der Einführung und Weiterentwicklung der Waffen gelegt wird – sie sind einfach da und werden benutzt, wie man sie braucht.

Mit Kreaturen wie dem wieder auferstandenen Sinured, der untoten Priesterin Belkala, die als Vampirin Blut und Fleisch Lebender benötigt, oder nicht zuletzt den geheimnisvollen grünhaarigen und spitzzähningen Kensustrianern, die sich nicht in die Karten schauen lassen, werden auch die Monster und Fremdrassen-Fans zufriedengestellt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Zyklus um „Die dunkle Zeit“ durchaus spannende, gefällig geschriebene Unterhaltung bietet, die erst im fünften Band nachlässt, da die sich dort überstürzende Handlung Brüche und Längen zeigt, als ob der Autor den Zyklus schnell zu einem Ende bringen wolle. Die fünf Romane verlangen insgesamt keine großen Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Lesers und sind gut zu konsumierende Bahn- und Urlaubslektüre – solider Durchschnitt, der einem aber nicht längerfristig im Gedächtnis haften bleibt.

Wer jedoch hintergründige, ineinander verwobene Handlungsstränge sucht, bei denen nicht alles gleich verraten wird, über interessante Charaktere mit nachvollziehbaren Entwicklungen lesen möchte, die einem im Gedächtnis bleiben, oder etwas mehr Logik in den Beschreibungen von Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur erwartet, könnte ziemlich enttäuscht werden.

_Christel Scheja_ © 2004
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Gentle, Mary – steinerne Golem, Der (Die Legende von Ash 3)

Mary Gentle’s „Der steinerne Golem“ ist der dritte Band ihres „Ash“-Zyklus.

Der in England in einem einzigen Buch erschienene Roman wurde für die deutsche und amerikanische Ausgabe geviertelt – was bei 2326 Seiten Umfang verständlich ist.

Die Geschichte spielt in unserem Mittelalter, das jedoch surreal anmutet. Der Historiker Dr. Ratcliff kann kaum glauben, was er in Ash’s Memoiren liest:

Von einem Feldzug der Karthago beherrschenden Westgoten ist die Rede, von einer in Nordafrika herrschenden und sich über Europa ausbreitenden Finsternis und mechanischen Golems… Mailand und Venedig wurden kurzerhand niedergebrannt, der Papst ist verflucht und deshalb gibt es keinen mehr. Mittendrin in diesem Schlamassel steckt die Söldnerführerin Ash mit ihrer Truppe, dem „Blauen Löwen“. Sie hört genau wie die Faris, die geheimnisvolle karthagische Feldherrin, die Stimme des Steingolems, eine Art Taktikcomputer, der ihr stets korrekte militärische Ratschläge erteilt.

Dr. Ratcliff ist fassungslos, als der zuerst als historisch eingeordnete Text unter „Heldensagen“ auftaucht… die Realität scheint sich zu verändern, was im Mittelalter geschieht, Auswirkungen auf die Gegenwart zu haben…

Aktuell ist Ash aus der Gefangenschaft in Karthago entkommen und auf dem Rückweg in das belagerte Burgund, das die Karthager um jeden Preis erobern wollen. Beziehungsweise die „Ferae Naturae Machinae“, pyramidenartige Gebilde aus Silizium, die danach trachten die Menschheit zu vernichten. Ash ist durch dieses Wissen tief bedrückt, denn nur sie kann diese Stimmen hören… und sie wurde genau wie die Faris gezüchtet, um für diese „Maschinen“ ein dunkles Wunder zu wirken, welches das Ende der Menschheit bedeuten soll. Doch erst muss – warum auch immer – Burgund fallen und dessen Herzog Karl sterben, damit dies geschehen kann!

Diese ziemlich haarsträubende Geschichte ist komplex und nicht auf die Schnelle zu erklären, darum empfehle ich Interessenten, zuvor die Rezensionen der ersten beiden Bände zu lesen. Dort finden sich auch Details zum bemerkenswerten Werdegang der Autorin und zum ungewöhnlichen Mix aus SciFi, Fantasy, Horror und historischem Roman, der den |Ash|-Zyklus auszeichnet.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: [„Der Blaue Löwe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303 (ISBN 3404283384)
Band 2: [„Der Aufstieg Karthagos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=333 (ISBN 3404283406)
Band 3: „DER STEINERNE GOLEM“ (ISBN 3404283430)
Band 4: „Der Untergang Burgunds“ (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
„Ash – A Secret History“ (ISBN 1857987446)

„Der steinerne Golem“ setzt die Handlung mit Ash’s Rückkehr aus Karthago fort. Sie wird sich nach Dijon durchschlagen und den Belagerungsring durchbrechen, um an der Seite ihrer Kompanie und Herzog Karls gegen die karthagischen Invasoren zu streiten. Der Schock über die „wilden Maschinen“ und über die Gräuel ihrer Gefangenschaft sitzt noch tief – aber auch die Faris ist erschüttert, auch sie hat die „wilden Maschinen“ gehört und ist nun, ohne die Ratschläge des verstummten Steingolems, hilflos und verunsichert.

Ash jedoch ist kaltblütig und kampferfahren, sie übernimmt erfolgreich die Verteidigung Dijons. Doch die karthagischen Golems treiben unermüdlich Gänge unter die Mauern, um sie zum Einsturz zu bringen, stählerne Belagerungsmaschinen und riesige Trebuchets, die tonnenschwere Steinbrocken oder griechisches Feuer schleudern, sorgen für schwere Verluste unter den demoralisierten Verteidigern.

Herzog Karl ist verwundet und liegt im Sterben – ist er tot, können die Maschinen durch die Faris ihr dunkles Wunder wirken…

Nach den spannenden Enthüllungen und dem subtilen, an Lovecraft erinnernden Horror des letzten Bandes schneidet der dritte Band leider verhältnismäßig schlecht ab, mehrere Dinge werden ihm zum Verhängnis: Die Aufteilung ist leider ungünstig, er endet mit dem Tod Karls und der Kür eines unerwarteten neuen Herzogs. Nähere Details zu den „Maschinen“, der Bedeutung Burgunds, und warum die Verarbeitung eines Hirsches bei der Herzogkür zu Koteletts von höchster Bedeutung ist, erfährt der Leser nicht. Man kommt sich bei diesem abrupten Ende und seinen ungeklärten Ereignissen zu Recht veralbert vor. Denn diese interessanten Details und das Finale des Zyklus, all das findet sich im Abschlussband „Der Untergang Burgunds“.

So bleibt es bei einer blutigen Belagerung und näheren Charakterisierungen von Ash’s Mitstreitern, im Mittelpunkt steht vor allem das Verhältnis der Faris zu Ash. Sie schwankt in ihrer Treue zu Karthago, weiß nicht mehr, was sie tun soll, was Ash auszunutzen versucht. Neben einer beeindruckenden Beschreibung eines von einem Trebuchet auf ein Haus geschleuderten Kalkblocks bleibt es somit bei einem recht detailliert beschriebenen Gemetzel, bei dem Gliedmaßen reihenweise abgetrennt werden. Für die Story relevante Dinge ereignen sich eher im Hintergrund, so bricht der neue Emir Karthagos persönlich nach Burgund auf, während Europa immer mehr von Dunkelheit und Kälte überzogen wird.

Dr. Ratcliff setzt den E-Mail-Dialog mit seiner Lektorin Anna Longman fort, in dem weiter auf die sich verändernden parallelen Vergangenheiten und ihren realen Einfluss auf die Gegenwart eingegangen wird.

Alles in allem ein eher mäßiger Teil, der aber die Grundlage für den fantastischen Abschlussband liefert. Der „Golem“ selbst ist sehr handlungsarm und wirklich nur ein Atemholen vor dem fulminanten Finale der Reihe, das Mittelalter, Gegenwart und modernste Theorien der Physik sowie philosophische Gedanken hinsichtlich der „wilden Maschinen“ in ungewöhnlicher und erschreckender Weise miteinander verbindet.

„Ash“ mag auf den ersten Blick als zu verrückt erscheinen, man sollte sich jedoch nicht täuschen lassen. Trotz gelegentlicher Schwächen ist der Roman bzw. der deutsche Zyklus eines der bemerkenswertesten und innovativsten Werke der Phantastik der letzten Jahre.

Clute, John – Sternentanz

In der Dämmerung des vierten Jahrtausends ist für den Händler Nathanael Freer alles „business as usual“. Die „Fliesentänzer“, sein Schiff, ist in den sicheren Händen von KathKirtt, einer künstlichen Intelligenz mit zwei Bewusstseinen, und einer loyalen Crew aus kybernetischen und androiden Helfern.
Freer lebt in einer Welt, in der Menschen mit zahllosen anderen Lebensformen auf tierischer, pflanzlicher oder quantenelektronischer Basis eine lockere Gemeinschaft bilden. Überlichtschnelle Raumschiffe, Nanotechnik und intelligente Daten-Netzwerke erlauben ein hohes zivilisatorisches Niveau, führen aber auch zu einer extremen Abhängigkeit von der Technik. Der so genannte „Schimmel“, eine Art Systemabsturz, verursacht durch Datenrückstau, wird in zunehmendem Maße ein schwerwiegendes Problem, dem ganze Welten zum Opfer fallen. Die weniger anfälligere, aber veraltete Technik wird plötzlich zu einer heißbegehrten Handelsware.
Freers letzter Auftrag lautete, eine Schiffsladung Materie-Compiler von dem ziemlich heruntergekommenen Planeten Schanzer an Bord zu nehmen und zu einem zunächst unbekannten Bestimmungsort zu bringen. In seinen eigenen Worten ist alles „okey-dokey“. Doch schon bald gerät er zwischen die Fronten einer uralten Auseinandersetzung, deren Wurzeln in der fernsten Vergangenheit liegen und deren Ausgang die Zukunft des gesamten Universums bedrohen kann.

Selbst wenn man eine hohe Anzahl von verschiedenen Möglichkeiten annimmt, so muss man am Ende doch feststellen, dass die Science-Fiction-Literatur sich immer wieder auf ausgetretenen Pfaden bewegt, so ähnlich, wie wir immer den gleichen Weg von der Arbeit nach Hause fahren.
Wenn wir einen Sci-Fi-Roman aufschlagen, können wir bestimmte Situationen, Schauplätze und Charaktere erwarten und in der Regel werden wir da auch nicht enttäuscht. Völlig wertungsfrei kann man feststellen, dass nahezu das gesamte Genrepotenzial mit vollen Händen verschenkt wird und man keineswegs ein Interesse daran zeigt, mal etwas völlig Anderes auszuprobieren, aber …

… aber es gibt natürlich Ausnahmen zu dieser goldenen Regel, eine kleine Gruppe von Autoren, die Sci-Fi mit Vision gleichsetzen, auf inhaltlicher ebenso wie auf sprachlicher Ebene. Es ist an dieser Stelle nicht nötig, andere Namen zu nennen, da werden wohl jedem ein paar einfallen; hier soll es vielmehr um die Frage gehen, ob wir einen weiteren Autor in diesem erlesenen Kreis begrüßen dürfen.
John Clutes „Sternentanz“ sticht auf jeden Fall aus der Masse der Sci-Fi-Literatur heraus, daran kann schon einmal kein Zweifel bestehen. Mit seinem ersten Roman hat der gefeierte und einflussreiche Kritiker Clute die Frage beantwortet, was er denn nun, da er mit „Science-Fiction. Die illustrierte Enzyklopädie“ ein Standardwerk vorgelegt hat, eigentlich mit seiner Zeit anfangen will.

„Sternentanz“ ist einfach anders, so, als läse man einen Roman aus der fernen Zukunft. Vermutlich wird man auch noch in vielen hundert Jahren Romane schreiben, aber ein Buch, das irgendwie beispielsweise aus dem 24. Jahrhundert zurückkäme, wäre vermutlich ziemlich unverständlich für uns. Das ist vielleicht die treffenste Umschreibung für „Sternentanz“; was Cute auf gerade einmal 363 Seiten packt, sind genug Bilder, Ideen und Neologismen, um eine ganze Armada an Weltraumschiffen mit Treibstoff zu versorgen.
„Sternentanz“ verhält sich zu anderen Sci-Fi-Büchern wie ein Raumschiff zu einem Kleinwagen – gewiss, beide fahren mit dir irgendwo hin, aber ersteres bringt dich auf eine Art und Weise, an die du nie gedacht hast, an Orte, von denen du nicht einmal zu träumen gewagt hast.

Darin liegt natürlich auch das Manko des Romans – „Sterntanz“ ist mit Sicherheit eines nicht: leicht zu lesen. Tatsächlich ist das Internet voll von Beschwerden über Clutes unverständliche und vermeintlich sinnfreie Sprache, aber lasst euch nicht täuschen und bildet euch eure eigene Meinung. Ein anderer Kritiker hat einmal über dieses Buch gesagt: „Wenn du der Typ bist, der einen doppelten Espresso mag, dann ist das definitiv deine Tasse Kaffee.“
Es ist vielleicht kein Buch für jeden Leser, aber das sollte es sein. In ein paar Jahren, da bin ich mir fast ganz sicher, wird „Sternentanz“ ein Klassiker sein, der zu den großen Standardtexten des Genres gehört.

_Marcel Dykiert_
|Diese Rezension wurde in Kooperation mit unserem Partnermagazin [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Egan, Greg – Diaspora

Die Menschheit steht an der Schwelle zum vierten Jahrtausend, und einiges hat sich verändert. Ein Großteil der Menschheit existiert als sich selbst bewusste Software – entweder in einer der Poleis (einer Art Rechenzentrum) oder innerhalb von Roboterkörpern, den Gleisnern, und ist untereinander komplett vernetzt. Die körperlich lebende Menschheit lebt noch auf der Erde, während die Poleis und die Gleisner das Sonnensystem erkundet und eingenommen haben. Die Körperlichen wollen nichts von den innerhalb der Software vergeistigten Menschen wissen; und so existiert ein Vertrag, der den Bewohnern der Poleis und den Gleisnern verbietet, sich bestimmten Gegenden der Erde zu nähern – etwas, das diese sowieso nicht besonders interessiert.

In die Konishi-Polis wird ein Waisenkind geboren – ein neuer Mensch, dessen Parameter jedoch nicht von realen Eltern, sondern von einer Art Geburtssoftware festgelegt wurden. Dieser Vorgang ergibt sich häufiger, will die Software hiermit doch verschiedene unbekannte Parameter in ihrer Wirkung aufeinander erkunden. Im Rahmen der Bewusstwerdung verleiht sich das Waisenkind den Namen „Yatima“ – und erkundet nicht nur die Welt der Poleis und des Netzes im Allgemeinen, sondern bricht auch zur die Erde auf, wo hie im aufgegebenen Körper eines Gleisners die körperliche Menschheit besucht. Hie und hein Begleiter werden freundlich aufgenommen – zu diesem Zeitpunkt weiß aber auch noch niemand, dass sie in wenigen Jahren wieder in die Enklave der Körperlichen zurückkehren werden, diesmal jedoch mit einer Warnung vor einer kosmischen Katastrophe, die die körperliche Menschheit vernichten wird.

Nachdem bereits die Gleisner die Grenzen des Sonnensystems verlassen haben, beschließen auch die Bürger der Poleis eine Diaspora, um ein Volk zu suchen, das ihnen die Hintergründe für die kosmische Katastrophe erklären könnte. Doch anders als die Gleisner versuchen Bürger der Konishi-Polis, die anderen Sterne durch Wurmlöcher zu erreichen. Bis dies jedoch gelingt, ist noch viel (Forschungs-)Arbeit vonnöten…

Gleich eins vorweg: Die zwischendurch auftauchenden Ausdrücke „hie“ und „hein“ im Handlungsanriss haben durchaus in dieser Form ihre Berechtigung. Denn Greg Egan verwendet diese als neutrale Personalpronomen – schließlich hat ein körperloser Mensch innerhalb einer Software nur schwerlich ein Geschlecht. Und Greg Egan verwendet dieses neutrale Pronomen fast konsequent (kleinere Ausrutscher können allerdings passieren) – wie schon in seinem vorherigen in Deutschland erschienen Roman „Qual“. Dies macht den Roman zwar einerseits am Anfang recht schwer lesbar, wer jedoch „Qual“ gelesen hat, sollte problemlos damit zurechtkommen. Allerdings verzichtet man hier darauf, diese Personalpronomen noch einmal vor dem Roman zu erwähnen – einzig und allein im umfangreichen und mehr als nur notwendigen Anhang wird kurz auf ihre Bedeutung verwiesen. Für Leser, die „Qual“ nicht kennen, wird die Sache also deutlich undurchschaubarer…

Undurchschaubar wird dieser Roman jedoch auch für so ziemlich jeden, der sich nicht mit dem neuesten Stand der Forschung in Sachen Physik und Astronomie auskennt. Denn Greg Egan bezieht sich stark auf neueste Erkenntnisse und erweitert diese in einem Umfang, der den Leser schnell an die Grenzen seines Mithaltevermögens kommen lässt. In manchen Teilen erinnert „Diaspora“ weit mehr an einen physikalischen Sachtext als an einen Roman – und dies nicht nur, weil Egan konsequent jede Lesbarkeit durch Verwendung fachspezifischer und sonstiger Fremdwörter vermeidet, worunter der Roman im Allgemeinen stark leidet. Hat Egan bei „Qual“ noch recht human mit seinen Theorien um sich geworfen, so übertreibt er es in „Diaspora“ meines Erachtens dann doch ein ganzes Stück, da er stark an die Grenzen der Abstraktions- und Vorstellungskraft des Lesers stößt und an vielen Stellen weit darüber hinausgeht. Zum wirklichen Verständnis des Romans ist wahrscheinlich eine Promotion in Physik und Mathematik erforderlich – Voraussetzungen, die wohl nur der geringste Teil der Leserschaft erfüllen dürfte… Dabei ist der Roman an sich hochfaszinierend – ein bekannter Vulkanier würde mir hier sicherlich zustimmen… Ähem…

Wenn man bereit ist, zuzugeben und zu akzeptieren, dass man weite Teile der physikalischen und mathematischen Hintergründe nicht versteht und in der Lage ist, diese als einfach so gegeben anzunehmen, sie nicht nachzuvollziehen versucht, sondern teilweise einfach darüber hinwegliest, eröffnet sich dem Leser jedoch eine faszinierende Welt. Allein schon die ersten rund 50-60 Seiten, die nur die Entstehung und Selbstfindung des Waisenkindes Yatima behandeln, sind zwar sicherlich nicht in allen Schritten wirklich nachvollziehbar, erreichen jedoch durch die innere Handlung schon ein Niveau von Spannung und Interesse, das man bei anderen Autoren lange suchen wird. Und es gelingt Egan, diese Form über den weiteren Roman durchzuhalten. Auch wenn man bei weitem nicht alle Hintergründe versteht – man will über weite Strecken einfach nicht aufhören zu lesen. Und dies ist ein Phänomen, das dem Autor bereits in „Qual“ gelungen ist und sich hier fortsetzt – wenn auch zugegebenermaßen lange nicht in diesem Maße.

Greg Egans Romane sind jedenfalls auf keinen Fall für die breite Masse geeignet – hier entwickelt sich jedoch ein Nischen-Autor, der seinesgleichen sucht. Für all jene, die „gehobene SF“ bevorzugen, ist Egan jedenfalls ein Muss – der normale Entspannungsleser sollte jedoch wohl am besten die Finger davonlassen. Und auch der Physikstudent sollte zum wirklichen oder auch nur ansatzweisen Verstehen des Romans schon einmal einen Monat in einer gutsortierten Uni-Bibliothek einplanen, wenn er die Gedankengänge wirklich nachvollziehen will.

_Winfried Brand_ © 2002
|mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ |

Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel

Das All ist seit Jahrtausenden von der Menschheit besiedelt, aber außerirdische Intelligenz wurde dabei bislang nicht entdeckt. Als vom sogenannten EinAus-Stern nahe des galaktischen Zentrums nichtmenschliche Funksignale aufgefangen werden, scheint sich der Traum eines Erstkontaktes zu erfüllen. Das Händlervolk der |Dschöng-Ho| rüstet eine Flotte aus, um sich bei den Aliens umzusehen. Der Stern ist schon für sich genommen seltsam genug, da er in langen Zeitabständen pulsiert und auch schon mal für Jahrzehnte verlöscht.

Bei der Ankunft müssen die |Dschöng-Ho| allerdings feststellen, das sie nicht die Einzigen sind, welche sich für die Fremden interessieren. Eine zwischenzeitlich in die Barbarei versunkene Zivilisation in der interstellaren Nachbarschaft des EinAus-Sterns hat sich wieder weit genug erholt, um ebenfalls eine Expedition losschicken zu können. Leider ist die soziale Entwicklung der spöttisch „Aufsteiger“ genannten Neuankömmlinge weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückgeblieben: Ihre faschistisch anmutende Gesellschaft ist auf der Versklavung und Ausbeutung Schwächerer aufgebaut. In einem Überraschungsangriff übernehmen sie auch die Schiffe der Dschöng-Ho. In den Kämpfen werden die Schiffe beider Parteien allerdings so schwer beschädigt, dass ein weiterer Weltraumflug nicht mehr im Bereich des Möglichen liegt.

Die |Aufsteiger| nutzen skrupellos das überlegene technologische Know-how der |Dschöng-Ho| für ihre Zwecke, nachdem sie alle Führungspersönlichkeiten der Händler exekutiert haben. Der Rest der versklavten Händler ist von der kaum vorhandenen Gnade der |Aufsteiger| abhängig. Die Versklavung wird durch exzellente Biotechnologie gewährleistet, welche in das Gehirn der Opfer eingreift und sie zu willenlosen Robotern macht. Wer von den Händlern gerade nicht benötigt wird, kommt in die Schlafkammern und wird „auf Eis“ gelegt.
Trotz all der scheinbaren Erfolge der |Aufsteiger| ist die übrig gebliebene Wirtschaftsbasis der verbliebenen Flotte viel zu gering, als dass ein langfristiges Überleben möglich scheint. Ohne Unterstützung einer planetaren Wirtschaft würde die Menschheit im System nach wenigen Jahrzehnten untergehen. Die planetaren Bewohner sind so wenig menschlich, wie man es nur sein kann: Sie stammen von einer Art Riesenspinne ab. Obwohl sie sich inzwischen an die Ökologie des Planeten gut angepasst haben, spricht doch vieles dafür, dass es sich bei ihnen keineswegs um Eingeborene handelt; die menschlichen Wissenschaftler vermuten eher, dass sie Nachfahren gestrandeter Raumfahrer sein könnten. Würde man ihnen ihre Geheimnisse entreißen können, hätte sich die Expedition trotz aller Verluste doch noch gelohnt! Vorerst müssen die |Aufsteiger| allerdings noch ein paar Jahrzehnte warten, denn die derzeitige technische Entwicklung wäre etwa mit der Erde um 1900 vergleichbar.

Aber während die |Aufsteiger| nun die Versklavung der Spinnen planen, proben die letzten überlebenden Händler den Aufstand…

Wie hält man eine Rebellion im Gang, wenn jedermann jederzeit überwacht wird und selbst Gedanken nicht mehr frei sind? Dieses Buch behandelt einen echten Alptraum eines Überwachungsstaates, in dem alle Menschen nur Verfügungsmasse der Aristokraten darstellen. Dagegen erscheint einem das geschilderte Leben des demokratischeren Spinnenvolkes fast schon als romantisches Idyll. Trotz ihrer körperlichen Fremdartigkeit sind die Spinnen geistig der Menschheit stark verwandt. Ich wäre ja von dieser Spiegelung menschlicher Denkungsart auf Aliens ein wenig enttäuscht gewesen, wenn Vinge nicht einen echten Kunstgriff angewandt hätte: Wir bekommen die Spinnen nämlich nicht direkt geschildert, sondern eher durch die Augen einer menschlichen Übersetzerin. Jede unpassende Vermenschlichung würde demnach das Werk dieser Sklavin sein, welche zu Analogien greift, um ansonsten nicht vermittelbare Gedankenwelten verständlich zu machen.

Vinges Werk wurde hoch gelobt und hat mir ebenfalls gut gefallen. Er hat sich auch jede billige direkte Kritik am ach so bösen Menschen verkniffen, selbst wenn sein Spinnenvolk im Vergleich mit den Aufgestiegenen als die Liebenswertere von beiden Lebensformen erscheint. Auch bei den Menschen gibt es „Gute“, während die Spinnen ebenso ihren Teil an bösartigen Intriganten aufweisen können. Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, und die Geduld, mit der die Händler um ihre Freiheit kämpfen, hat durchaus etwas Bewegendes. Ich kann es auf alle Fälle empfehlen.
Die „Tiefe am Himmel“ des Buchtitels benennt übrigens ein lebenswichtiges Überwinterungsversteck in der Spinnensprache…

_sgo_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|

Crichton, Michael – Timeline

In Arizona wird ein Mitarbeiter der Firma ITC aufgefunden, der im Krankenhaus unter mysteriösen Umständen stirbt. In seinem Besitzt befindet sich der Ausschnitt eines Grundrisses. In Frankreich arbeiten Archäologen in der Dordogne. Hauptsponsor der Ausgrabungen ist ITC. Als nun der Forschungsleiter, Professor Edward Johnston, den Grundriss zugespielt bekommt, erkennt er sofort, dass die Zeichnung zu einem Kloster gehört, das gerade erst ausgegraben wird. Es kann gar keine Pläne geben. Johnston fliegt in die USA und stellt seinen Geldgeber zur Rede.

Kurz darauf entdecken Johnstons Gehilfen und Studenten eine Kammer. Dort finden sie ein Papier aus dem Mittelalter, auf dem sich ein schriftlicher Hilferuf des Professors befindet – und eines seiner Brillengläser. Doch wie kann das sein? Etwas später setzt sich der Chef von ITC – Robert Doniger – mit den Leuten des Professors in Verbindung. Mittels der Quantentheorie ist es gelungen, eine Zeitmaschine zu entwickeln. Johnston unternahm einen kleinen Ausflug und ist seitdem verschollen.

Chris, Katherine und André reisen ihrem Professor hinterher. Doch im französischen Mittelalter geht einfach alles schief. Zusätzlich zerstört ein Unfall das ITC-Labor. Außerdem werden erst nach und nach einige Punkte offenbart, die Doniger im Vorfeld einfach unter den Tisch fallen ließ. Unter anderem befindet sich bereits eine Person der Gegenwart in der Vergangenheit und erweist sich als größter Feind der Rettungsmannschaft. Diese findet zwar Johnston, allerdings sind sie ständig auf der Flucht. Scheinbar will jeder die Fremden töten …

Michael Crichton ist vor allem durch seine verfilmten Romane bekannt geworden („Congo“, „Jurassic Park“ etc.). Auch „Timeline“ schlägt in diese Kerbe und wurde von Regisseur Richard Donner verfilmt. Doch zurück zu Crichtons Roman.

„Timeline“ ist spannend zu lesen, besitzt ein ordentliches Tempo und räumt mit einigen Vorurteilen über das Mittelalter auf. Michael Crichton hat ordentlich recherchiert, wie man auch den Quellenangaben entnehmen kann. Alleine der Auftakt des Romans ist gelungen. Hier gleitet der Bestsellerautor langsam von der Realität in die Fiktion, nimmt auch während des gesamten Romans schon mal Bezug auf Personen oder Firmen der Gegenwart. Dadurch gewinnt sein Roman auch an Glaubwürdigkeit. Leider besitzt der Roman auch viele Schwachstellen, über die Crichtons guter Ruf nur schwerlich hinwegtäuschen kann.

Alleine die Motivation Donigers ist sehr merkwürdig. Er steckt sein ganzes Geld – und das seiner Teilhaber – in ein Zeitreiseprojekt, um später authentische Freizeitparks eröffnen zu können. Na ja, etwas Dümmeres als Argument ist Crichton {nach dem „Jurassic Park“ – Anm. d. Lekt.} wohl nicht eingefallen, der Doniger eigentlich als cleveren Kopf in Szene setzt.

Die Zeitreise selbst wird vom Autoren auch recht verständlich erklärt. Der Mensch wird im Computer gespeichert, in der Gegenwart zerstört und in der Vergangenheit neu aufgebaut. Eine Vergangenheit, bei der es sich allerdings um ein Paralleluniversum handelt. Dadurch wundert sich der Leser nur, warum ein Paralleluniversum Einfluss auf unsere Gegenwart in Form eines Hilfebriefs und eines Brillenglases nehmen kann. Und egal wie ähnlich es in der parallelen Vergangenheit zugeht, authentisch wäre es nicht. Außerdem zerstört die Maschine den Körper des Reisenden. Nun, damit wäre die Person tot. Auch wenn sie woanders wieder aufgebaut wird, was ist mit der Seele und sämtlichen theologischen {und philosophischen – Anm. d. Lekt.} Fragen, die dadurch aufgeworfen werden? Doch darum kümmert sich Crichton erst gar nicht. Ein weiterer Gedankengang: Wenn der Mensch vorher gespeichert wird, warum muss er erst zerstört werden, um woanders wieder aufgebaut werden zu können? Tatsächlich könnte man ihn einfach kopieren. Crichton findet zwar eine Antwort, aber die ist sehr fadenscheinig.

Tatsächlich sieht der Roman aus, als wäre eine Filmvorlage gebraucht worden, die man schön umsetzen kann. Im Kino werden selten tiefer gehende Fragen gestellt, dort soll ein Film nur zwei Stunden lang unterhalten. Das Buch trägt dem Film Rechnung. Die Protagonisten sind nur am Laufen und es gibt ständig blutige Actionszenen. Und am Ende einen überraschenden Schluss.

„Timeline“ ist ein feiner Roman, der Spaß macht und kurzweilig unterhält. Aber es ist kein großer Schlag, sondern siedelt sich mehr im Mittelfeld an. Schade, hier hätte Crichton mehr von seinem Talent zeigen können. Der Stoff besitzt genug Potenzial, das leider verschenkt wurde. Trotzdem lesenswert.

_Günther Lietz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Fetjaine, Jean-Louis – Vor der Elfendämmerung

„Vor der Elfendämmerung“ ist der Auftakt zu einer Trilogie, die auf eine außergewöhnliche Art die Artussage nacherzählt. Außergewöhnlich deshalb, weil es zunächst überhaupt nicht um Artus geht.

Der Zwergenkönig Baldwin kommt in die Hauptstadt des Königreiches Logres. Um einen Zwergenkönig, noch dazu einen so alten, dazu zu bewegen, seinen Berg zu verlassen, muss schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Doch der König gibt sich reserviert. Erst auf der Ratsversammlung des folgenden Tages lässt er die Katze aus dem Sack: Der Zwergenkönig Troin wurde ermordet. Von einem Elf! Elfenkönig Llandon und seine Königin Lliane fallen aus allen Wolken.
Eine Komission wird ausgesandt, bestehend aus zwei Elfen, zwei Zwergen und zwei Menschen mit jeweils einem Pagen, die den beschuldigten Elfen finden und zurückbringen sollen. Doch sie werden verfolgt, und schon bald lichten sich ihre Reihen. Wer ist der Verfolger? Und welches Ziel verfolgt er?
Während die Komission mit den Widrigkeiten der Reise kämpft, ziehen sich dunkle Wolken über der Hauptstadt Loth zusammen…

Wie gesagt, von Artussage ist noch nicht viel zu spüren. Lediglich die angedeutete Mythologie der Kelten, die das grobe Gerüst für die Geschichte stellt, sowie einige Namen – Gorlois, Uther, Igraine, Tintagel – deuten darauf hin, was der eigentliche Kern der Geschichte ist. Aber auch wirklich nur der absolute Kern! Der keltische Anteil ist mit den magischen Artefakten der Elemente – Kessel, Stein, Speer und Schwert – bereits erschöpft, und die Handlung ist frei von den gewohnten christlich-mittelalterlichen oder neuheidnischen Interpretationen. Dieses Buch ist Fantasy in Reinform.
Natürlich spielt das Christentum trotzdem eine Rolle, allerdings eine eher untergeordnete: die Mönche und Priester sind nicht, wie anderswo, Vertreter eines selbstständigen Machtfaktors, sondern reduziert auf Handlanger des Menschenkönigs. Religion ist in dieser Version kein Thema. Hier geht es um Macht:

Die Welt, die Fetjaine zeichnet, ist trist und trübselig. Verhangener Himmel, ständiger Nieselregen, Nebel, Kälte, graubraunes Gras, eintönige Ebenen, Leere. In den Sümpfen kommen außerdem noch Gestank und Mücken dazu. Überhaupt nicht geheimnisvoll. Nur deprimierend.
In diese Grundstimmung sind die Charaktere eingebettet. Zunächst die der Völker insgesamt: Elfen, Zwerge und Menschen. Seit der großen Schlacht gegen den Dunklen Herrn sind sie Verbündete. Doch der Bund steht auf äußerst wackligen Füßen. Die Zwerge, aufgrund ihrer Körpergröße empfindlich und von übertriebenem Ehrgefühl, hegen sowohl Verachtung als auch Misstrauen für die Elfen, und lassen sie das auch deutlich spüren. Die Elfenkönige wissen um diese Eigenschaften der Zwerge, doch die hitzköpfigeren von ihnen tun sich enorm schwer mit ihrer Selbstbeherrschung, zumal ein Teil von ihnen vor dem großen Krieg mit dem Dunklen Herrn grausame Verfolgung durch die Zwerge zu erdulden hatte. Dazwischen die Menschen, mit beiden Völkern freundschaftlich verbunden und stets damit beschäftigt zu vermitteln.

Der Tod des Zwergenkönigs Troin bringt die unsichere Allianz noch mehr ins Wanken. Die Zwerge beschuldigen die Elfen des Mordes und des Diebstahls eines silbernen Kettenhemdes, und fordern Genugtuung. Der Mörder soll bestraft werden. Die Elfen dagegen wollen zunächst den Beschuldigten finden und befragen, denn sie bezweifeln seine Schuld. Es gibt zu viele Ungereimtheiten, die die Zwerge jedoch nicht interessieren. Krieg droht!

Die Komission hat von vornherein schlechte Chancen, denn die Parteien spielen ein doppeltes Spiel. Die Zwerge haben verschwiegen, dass ihnen nicht nur ein zwar teures, aber im Grunde läppisches Kettenhemd gestohlen wurde, sondern auch Caledfwch, das Schwert der Göttin Dana, der Talisman des Volkes der Zwerge, der ihr Überleben garantiert: Excalibur. Sie haben den Erben des ermordeten Königs Troin als Pagen in ihre Gruppe eingeschmuggelt, und der fanatische Zwerg ist eine wandelnde Zeitbombe.
Die Menschen dagegen haben auf diese wichtige Mission zwei ihrer jüngsten und unerfahrensten Krieger mitgeschickt. Während diese auf dem Weg nach Norden sind, verwandelt sich die Stadt Loth ganz allmählich in ein Heerlager.
Und keiner der Angehörigen der Komission weiß, dass auch noch die Gilde ihre Finger im Spiel hat, die Gilde der Diebe und Mörder.
Irgendjemand rüttelt ganz gehörig an den Grundfesten der bestehenden Ordnung, und zwar mit Absicht. Das wird im Laufe der Handlung immer deutlicher, und es wird auch deutlich, wer da rüttelt. Allmählich wird die Reise der Komission zu einem Wettlauf mit der Zeit.

Wir haben hier also sozusagen die Vorgeschichte zur Vorgeschichte der eigentlichen Sage vor uns. Das zeigt sich allerdings hauptsächlich am Anfang und am Ende der Geschichte, wo Merlin das erste Mal ernsthaft auftaucht und die Geburt Morganas voraussagt, der Tochter von Uther und Lliane.
Dazwischen haben wir eine Handlung, die davon völlig unabhängig, aber durchaus interessant angelegt ist. Die Komission schleppt aufgrund ihrer Zusammensetzung die schwelenden Konflikte der Völker mit sich herum, die im Laufe der Reise immer stärker an die Oberfläche dringen, parallel dazu eskaliert die Sache auch auf höherer Ebene. Allerdings fehlt dem Ablauf der Geschehnisse der Schwung. Es ist, als hätte die trübe Grundstimmung des Buches dem Autor so aufs Gemüt geschlagen, dass er den Handlungsverlauf nicht mehr vorantreiben, sondern nur noch mitschleppen konnte. Die Spannung bleibt dabei fast völlig auf der Strecke.
Was deutlich rüberkommt, sind die Stimmungen, sowohl die Tristesse der Landschaft, als auch das bunte und gefährliche Treiben in der Stadt der Gnome. Die Charaktere der verschiedenen Völker sind gut herausgearbeitet, wenn auch die Vorstellung von blauhäutigen Elfen etwas gewöhnungsbedürftig und die Darstellung der Zwerge manchmal ein wenig übertrieben ist und damit ins Klischeehafte abzurutschen droht. Aber das reicht nicht.
Die Charaktere der handelnden Einzelpersonen bleiben ziemlich blass und ohne Tiefe, von ihren Gedanken erfährt man nichts. Soziale Strukturen und geographische Gegebenheiten sind nur skizziert. Schade, daraus hätte man mehr machen können!
Zwar ist das gesamte Potenzial von Fetjaines Entwurf längst nicht ausgeschöpft: Merlin kam bisher nur am Rande vor, die Dämomen ebenso, und am Ende des Buches weiß nur der Leser, wer die Intrige wirklich angezettelt hat. Allerdings neigen Fortsetzungen auch bei einem schwachen Anfang nicht unbedingt zur Steigerung, mein Interesse an den Folgebänden hält sich deshalb in Grenzen.

Sprachlich gesehen ist das Buch nicht schlecht. Fetjaine schreibt kompakt, aber elegant. Seine Sätze sind lang und voller Nebensätze, aber nicht verschachtelt. Insgesamt liest es sich sehr angenehm. Allerdings wären gelegentliche Absätze hilfreich. Wenn mitten im Text plötzlich aus dem Blickwinkel einer anderen Person erzählt wird, sorgt das kurzzeitig für Verwirrung.
Das Lektorat ist ganz in Ordnung. Außer einem gröberen Schnitzer sind mir nur zwei kleinere Tippfehler aufgefallen. Auch das Cover des Buches finde ich recht gelungen. Der Vergleich mit Tolkien dagegen hinkt wieder mal! Fejaines Elfen haben keinerlei Ähnlichkeit mit Tolkiens Elben, genausowenig wie die Menschen. Seine Gnome kommen bei Tolkien überhaupt nicht vor. Magie ist viel seltener und auch anders. Und Fetjaines Welt ist keine erfundene, sie ist die wirkliche Welt aus einer anderen Sicht heraus. Man hüte sich also vor falschen Erwartungen. Das betrifft auch alle, die vom Blickwinkel der Artussage aus an das Buch herangehen. Der Autor selbst hat seine Geschichte als Elfentrilogie bezeichnet, und das ist gut so.

Jean-Louis Fetjaine studierte Philosophie und mittelalterliche Geschichte und arbeitete dann als Journalist und Verleger. Er hat mehrere humoristische Bücher veröffentlicht, bevor er sich mit seiner Elfentrilogie der Fantasy zuwandte. Der zweite Band ist unter dem Titel „Nacht der Elfen“ erschienen, der dritte Band trägt den Titel „Stunde der Elfen“. Im Oktober dieses Jahres erscheint „Der Weg des Magiers“. Im Original trägt das Buch den Titel „Le pas de Merlin“, die Vermutung liegt also nahe, dass es zumindest mit der Trilogie in Verbindung steht. Nichts Genaues war dazu aber nicht zu finden, ebensowenig eine Homepage des Autors.

Felten, Monika – Elfenfeuer

„Deutscher Phantastik-Preis“, ruft der helle Aufkleber auf schwarz-weißem Cover-Hintergrund (eine alte Burg, von Dunkel umhüllt). Deutscher Phantastik-Preis? Von wem vergeben? Da schweigt des Covers Höflichkeit … Nun ja – Preis, immerhin. Also lesen wir es doch mal.

Prolog: Die Nebelelfe Shari beobachtet, wie in der Finstermark, dem unwirtlichen Gebiet nördlich des Reiches Thale, Truppen zusammengezogen werden. Es ist der übliche Dunkle Herrscher, diesmal heißt er An-Rukhbar, und natürlich will er Thale erobern. Leider kann Shari die Elfen, Menschen und Druiden nicht mehr warnen …

Erstes Buch, viele Jahre später: Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Ilahja, die in Zusammenhang steht mit der Prophezeiung des letzten Druiden von Thale, Anthork. Der sagte An-Rukhbar voraus, dass einst beim Schein der Zwillingsmonde ein Kind geboren werde, das ihn stürzen würde. An-Rukhbars Magie macht seitdem – eigentlich – alle Frauen unfruchtbar, aber hin und wieder eben doch nicht so ganz. Ilahja, die als Kind von einer geheimnisvollen Unbekannten vor dem Tod gerettet wurde, wird natürlich die Mutter dieses Kindes sein, und natürlich verhindern alle Machenschaften des Obersten Kriegsherren Tarek und des Meistermagiers Asco-Bahrran nicht, dass es zur Welt kommt. Zumal die Herren immer nach einem Sohn suchen lassen. Pech – diesmal darf ein Mädchen die Welt retten.

Zweites Buch: Das Mädchen heißt Sunnivah, wuchs bei den letzten Priesterinnen der Gütigen Göttin auf und wird nun geweiht. Ach ja: Die Gütige Göttin wurde von An-Rukhbar in ein magisches Gefängnis gesperrt, und er hat auch ihren Stab der Weisheit geraubt, ohne den sie fast machtlos ist. Sunnivah muss also den Stab zurückgewinnen und die Göttin befreien. Ihre Aufgabe darf sie gemeinsam mit Naemy, einer der letzten Nebelelfen, mit der Kriegerin Fayola und Vhait, dem Sohn des Obersten Kriegsherren, lösen (Vhait hat sich von seinem Vater losgesagt, als ihm klar wurde, wie grausam dieser ist).

Drittes Buch: Showdown. Rebellenarmeen, dämonische Halbwesen, Schlacht um Nimrod, Sunnivahs Aufstieg zum Himmelsturm; nur dort kann der Stab zurückgegeben werden (der Berg – ein beliebtes Symbol in der Fantasy …).

Zusammengefasst: nichts wirklich Neues. Doch das lässt sich gegen die meisten anderen Fantasy-Romane auch einwenden. Hell und Dunkel, Queste, Reifen des Helden/der Heldin, Prüfungen, Qualen, Kämpfe, Sieg. Aber warum liest man Romane wie „Der Engelsturm“ (Williams), „Grüner Reiter“ (Kirsten Britain) oder „Bannsänger“ (ADF) mit angehaltenem Atem und ohne sie wegzulegen – obwohl sie doch genauso vorhersehbar sind? Und warum weckt ein Roman, der immerhin den „Deutschen Phantastik-Preis“ erhielt, diese Anteilnahme nicht? Monika Felten erzählt einfach zu glatt (und manchmal, wie am Ende des dritten Buches oder im Epilog, hart an der Fürstenroman-Grenze). Richtig gefährlich wird es nie und somit auch nicht richtig spannend. Doch das ist es nicht allein – auch die Charaktere bleiben blass, sind „die üblichen Verdächtigen“; ich konnte nicht mit ihnen fühlen. Konflikte werden ebenso schnell gelöst, wie sie herbeigeführt werden; innere Kämpfe finden selten statt, und wenn ja, dann glaubt man sie kaum. Fantasy für Brave: Gib dir nur Mühe, dann klappt s auch. Ereignis auf Ereignis, Hürde auf Hürde, aber nichts davon vermag wirklich Angst um die Helden zu machen; und eine graue Wölfin sowie ein legendärer Riesenvogel sorgen dafür, dass sich auch die letzten Gefahren in Nichts auflösen. Kein Vergleich zu Szenen wie der am Rande der Schicksalsklüfte, als Frodo den Ring nicht hineinwerfen will – und die Welt praktisch am Ende ist. Auch nicht zu jener, in der die Helden auf dem Engelsturm stehen und begreifen, dass die Prophezeiung von den drei Schwertern sie die ganze Zeit in die Irre geführt hat. Da kann noch alles passieren, ist alles offen (auch hier weiß man ja, dass es gut ausgehen wird, aber wie bloß??). Doch wenn die dämonischen Cha-Gurrline über Feltens Gefährten herfallen, ist klar, dass die Wölfin und/oder der Vogel es schon richten werden – von vornherein …

Um nicht missverstanden zu werden: Es handelt sich bei diesem Buch um flüssig erzählte, handwerklich saubere Fantasy, die man sich durchaus auf einer Bahnfahrt zum Zeitvertreib gönnen kann. Und es gibt Dutzende Bücher, auch aus dem anglophonen Raum, die langweiliger oder schlechter erzählt oder beides sind. Insofern kann man für „Elfenfeuer“ das Prädikat „Akzeptabler Durchschnitt“ vergeben. Bloß: Dieses Buch hat den „Deutschen Phantastik-Preis“ bekommen. Was eine Frage und/oder eine Vermutung offen lässt. Die Frage: Ist bei der Preisvergabe alles richtig gelaufen – hat die Jury alle relevanten Bücher gelesen? Die Vermutung: arme deutsche Fantasy …

_Peter Schünemann_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Simmons, Dan – Ilium

Der Wahnsinn hat Methode: Troja auf dem Mars!

Im Feldlager der Griechen, am Fuße des Olympus Mons in einer fernen Zukunft, überwacht der Scholiker Thomas Hockenberry im Auftrag der Muse Melete für die Götter des Olymps den Verlauf des wohl klassischsten aller Heldenepen: Homer’s |Ilias|.

Dan Simmons, Autor der Bestseller „Hyperion“ und „Endymion“, begibt sich aber nur scheinbar in literarisches Neuland. Einige seiner Personen und Konzepte – das „Faxen“ (Farcaster) und die Entwicklung der Menschheit auf der Erde stellte er bereits in den beiden Klassikern vor. Sie zeigen sich insbesondere in dem Handlungsstrang, der auf der nahezu entvölkerten Erde spielt – denn der Olymp und Troja auf dem Mars stellen nur einen von drei fantastischen Handlungssträngen dar, die im weiteren Handlungsverlauf zusammenfließen werden.

Da wären noch die Moravecs von den Jupitermonden, grundsätzlich das, was der Rest der SciFi-Welt als „Cyborgs“ bezeichnen würde, Roboter mit einigen organischen Teilen. Diese werden von massiven Quantenaktivitäten auf dem Mars angelockt und senden ein Expeditionsschiff aus, zu dessen Crew unter anderem der hundeähnliche Tiefsee-Experte Mahnmut von Europa und der krabbenartige Hochvakuum-Moravec Orphu von Io gehören. Die beiden Freunde sind ausgesprochene Literaten und diskutieren gerne über den tieferen Sinn der Werke von William Shakespeare und Marcel Proust.

Auf der Erde leben genau 1.000.000 Altmenschen, jeder mit einer Lebensspanne von 100 Jahren. Sie kennen keine Literatur, kaum geschichtliche Ereignisse, können nicht lesen und leben dekadent rund um die „Faxknoten“ der Erde, mit denen man sich blitzschnell von einer Enklave zur nächsten bewegen kann. Sie habe keine Vorstellung von Geographie, auf der weitgehend menschenleeren Erde wüten Dinosaurier und riesenhafte Terrorvögel; nach ihrem Tod, so sind sie überzeugt, fahren sie auf in die orbitalen Ringstädte der Nachmenschen… Doch der schlaue Harman zweifelt und denkt über dieses ihm nicht richtig erscheinende Leben nach, er startet mit einigen Gleichgesinnten eine Erkundung der Welt abseits der Faxknoten.

Wie passt das alles zusammen? Spätestens, wenn Daeman von einem Allosaurus gefressen wird, und das von seinen Freunden recht gelassen aufgenommen wird, da er kurze Zeit später wieder aus einem Faxknoten spaziert – er ist ja noch keine 100 – sollte man merken: Hier stimmt etwas nicht… Das ist genauso absurd wie der Abschuss des Moravec-Raumschiffes im Orbit des Mars durch einen Blitz, den ein Gott aus seinem von geflügelten Rossen gezogenen Streitwagen geschleudert hat.

Aber es kommt noch dicker: Am Rand des marsianischen Thetys-Meeres, rund um Troja herum, hausen die klassischen KGMs (Kleine Grüne Männchen), die an dessen Küste Steinköpfe bzw. Marsgesichter aufstellen!

Doch der Wahnsinn hat Methode – je mehr man liest, desto mehr Zusammenhänge werden klar, die Geschichte wird zunehmend spannender. Anfangs wird der Leser arg im Unklaren gelassen, was Simmons bewusst als Stilmittel einsetzt, was jedoch auch störend sein kann:

Wenn eine Göttin sich aufs Schlachtfeld „qtet“, muss man schon einige Seite weiterblättern um zu erfahren, dass ein Gott sich bevorzugt per „Quantenteleportation“ vorwärts bewegt. Der Begriff „Scholiker“ wird nie erklärt, er erschließt sich aus Hockenberrys Tätigkeit. Was ein Moravec oder ein Voynix ist, dazu muss man sich schon das knapp über drei Seiten kurze Personenverzeichnis ansehen.

Dort erfährt man dann: Moravecs – autonome, empfindungsfähige, biomechanische Organismen, die während des Untergegangenen Zeitalters von Menschen im äußeren Sonnensystem ausgesäht wurden.

Zu den Voynixen: Mysteriöse, zweibeinige Geschöpfe, teils Diener, teils Wachhunde, nicht von der Erde.

Das ist mehr, als man im gesamten Buch über sie liest, insbesondere über die auf der Erde allgegenwärtigen Voynixe. Dieses Register hilft nicht gerade weiter, es erregt bestenfalls Argwohn und Interesse (nicht von der Erde – woher denn sonst?). Simmons spielt mit dem Leser, wie die Altmenschen auf der Erde hat dieser keine Ahnung, was vor sich geht. Er wirft Fragen auf, die erst nach und nach beantwortet werden.

Warum lassen die Götter auf dem Mars die |Ilias| beobachten, und warum kennen sie deren Ausgang nicht? Oder kennt ihn zumindest der mächtige Zeus, der mit seinen fast vier Metern selbst die bereits mit zweieinhalb Metern überlebensgroßen Göttergestalten überragt? Was hat es mit dem „Faxen“ auf sich, was geht im Orbit der Erde vor, was machen die Voynixe überhaupt, wo ist der Rest der Menschheit, was geschah bei dem ominösen „letzten Fax“?

Und wie passen die exotischen Moravecs mit ihren Shakespeare-Sonetten und ihren irrsinnigen, spezialisierten Körperformen (acht Tonnen schwer, krebsförmig, stark gepanzert und auf Hochvakuum ausgelegt), die bei den Kleinen Grünen Männchen landen, in diesen Irrsinn?

Alle drei Handlungsfäden werden am Ende zusammenlaufen: Der Wunsch einer Göttin, Thomas Hockenberry solle eine andere Göttin töten, bringt diesen in Gefahr – das Leben eines Scholikers ist nicht viel Wert, wer versagt, wird ausgelöscht. Was mag erst auf Göttermord stehen? Was er auch tut, er ist des Todes.

Wie dem auch sei: Der Verlauf der |Ilias| wird sich ändern, denn Hockenberry „morpht“ in die Rolle diverser Nebenfiguren und versucht Ereignissen einen anderen Lauf zu geben… Er kämpft um sein Leben und um das der Griechen und Trojaner, insbesondere das Helenas, die er nicht täuschen kann und die ihn als falschen Paris enttarnt – da sie ihm den Dolch unter die Weichteile hält, kann man sich denken, in welcher Situation. Danach gerät die |Ilias| völlig aus den Fugen – inwiefern, das möchte ich nicht verraten.

Auf der Erde haben es Harman und Daeman unter den Fittichen von Odysseus und der „ewigen Jüdin“ Savi geschafft, sich Zugang zu den orbitalen Wohnringen zu verschaffen. Dort erleben sie den Vorhof der Hölle. Während die Moravecs auf dem Mars nur über Shakespeare reden, sind sie Teil eines Shakespeareschen Horror-Dramas, welches an die Romanze „Der Sturm“ angelehnt ist, und erfahren das grauenhafte Schicksal der Nachmenschen und erhalten Erkenntnisse darüber, was wirklich mit ihnen nach 100 Jahren geschieht – und warum Odysseus nicht „faxen“ kann und sich dagegen mit gutem Grund sträubt.

Auf dem Mars wird zum Sturm auf den Olymp geblasen, zum Kampf um das Fortbestehen der Menschheit – wie das auf einmal? Hier endet „Ilium“ mit einem Cliffhanger. Erst die Fortsetzung „Olympos“ schließt, ähnlich wie bei „Hyperion“ der Folgeband „Der Fall von Hyperion“/“Das Ende von Hyperion“ (Anm.: In Deutschland nur noch als Sammelband „Die Hyperion-Gesänge“ erhältlich), das Drama ab.

Es fällt mir schwer, nicht in einer Lobeshymne zu versinken: Simmons hat ein Kunststück geschafft. „Ilium“ ist anspruchsvoll zu lesen, ist dabei aber zugänglicher und gefällt mir thematisch besser als „Hyperion“ und „Endymion“.

Entgegen üblicher Unart, Geheimnisse groß aufzubauschen und dann auf den letzten Seiten vollständig zu entzaubern, bietet Simmons dem Leser ständig Bruchstücke neuer Erkenntnisse, entwickeln sich neue Zusammenhänge und werden zuvor unverständliche Dinge klar – am Ende von „Ilium“ hat der Leser schon vieles erfahren, und dennoch bleibt noch genügend offen für den Folgeband.

Dabei kann seine Unart, Begriffe einfach in den Raum zu stellen, wie die Voynixe und das Faxen/Qten, stören. Man muss damit leider leben, sie ist integraler Bestandteil der bewussten Strategie, den Leser nach neuen Details gieren zu lassen, ihn zum Spekulieren und Grübeln anzuregen.

Dan Simmons setzt einiges voraus – wer die originale „Ilias“ nicht kennt, wird schon den ersten Absatz von Ilium nicht verstehen. Der Appell Homers an die Muse, ihn bei seinem Werk zu unterstützen, mit dem die |Ilias| beginnt, wird hier umgeschrieben:

|“Singe mir, o Muse, des Peleussohnes und Männertöters Achilles Unheil bringenden Zorn, der tausend Leid den Achäern schuf und viele stattliche Seelen zum Hades hinabstieß.“|

Soweit das Original – Simmons geht aber weiter:

|“Und wenn du schon dabei bist, Muse, singe auch den Zorn der launischen, mächtigen Götter hier auf ihrem neuen Olymp, den Zorn der Nachmenschen, auch wenn sie vielleicht tot und begraben sind, und den Zorn jener wenigen echten Menschen, die es noch gibt, auch wenn sie vielleicht egozentrisch und überflüssig geworden sind.“|

Weiter nimmt er recht ulkig Bezug auf die Moravecs:

|“Und während du singst, o Muse, singe auch den Zorn jener nachdenklichen, empfindungsfähigen, ernsthaften, aber nicht sonderlich menschlichen Wesen, die draußen unter dem Eis von Europa träumen, in der Schwefelasche von Io sterben und in den kalten Falten des Ganymed geboren werden.“

„Aber wenn ich es mir recht überlege, o Muse, singe mir gar nichts. Ich kenne dich. Man hat mich wider Willen zu deinem Diener gemacht, o Muse, du Miststück sondergleichen. Und ich traue dir nicht, o Muse. Kein bisschen.“|

So viel zu den launigen Kommentaren des Scholikers Hockenberry, der für die Muse die Arbeit übernommen hat, den Verlauf des trojanischen Krieges seit Jahren zu beobachten. Diese Ironie geht nur dem Kenner der |Ilias| auf. Man wird zwar auf Änderungen zum Verlauf der |Ilias| hingewiesen, aber ohne gute Kenntnisse der griechischen Mythologie und der |Ilias| wird man sich verloren vorkommen.

Kenntnisse von Shakespeare und Proust sind zum Glück nicht zwingend erforderlich – aber wer „Hyperion“ gelesen hat, erkennt die Ähnlichkeiten von „faxen“ und dem Prinzip des Farcasters und vielem mehr, genauso erschließt einem die Kenntnis der „Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust Hinweise auf die Zusammenhänge, zu einem Zeitpunkt, wo der Leser, der sie nicht hat, von den Disputen der beiden Moravecs vermutlich schon irritiert ist. Ebenso wie gewisse Figuren aus Shakespeare’s „Sturm“ auftauchen werden – sie sind ein Bonus für den gebildeten Leser, wirklich notwendig zum Genießen des Romans sind nur die |Ilias| und die damit einhergehende griechische Sagenwelt – die „Troja“-Kinoversion eines Wolfgang Petersen reicht hier nicht aus!

Um nicht nur in der Klassik zu versinken, kommt der Horror auch nicht zu kurz, soviel sei verraten – Aliens und Lovecraft lassen grüßen.

„Ilium“ ist ein herausragender Roman, dessen einzige Schwächen die in diesem Maße unnötige Verwendung unkommentierter, unbekannter Ausdrücke und der relativ hohe Anspruch an die Leserschaft sind. Diese wird jedoch mit gleich drei irrsinnig abgefahrenen Geschichten belohnt. In der Nachsicht erkenne ich einige kleinere Unstimmigkeiten, aber nur einen großen Recherchepatzer von Simmons bezüglich des Endes der |Ilias|. Ansonsten ein perfekt organisierter, fantasievoller Wahnsinn, der stets interessant ist und bleibt – es bleibt zu hoffen, dass Simmons auch für „Olympos“ wieder von der Muse so reichlich geküsst wird, die er zuvor zum Miststück erklärt hat. Eine gute Wahl hat Heyne auch mit dem Übersetzer Peter Robert getroffen, das Buch ist tadellos übersetzt, so hat er zum Beispiel bei den „kalten Falten des Ganymed“ Simmons Humor sehr gut in die deutsche Sprache transferiert. Vom editorialen Aufwand für die Einbindung von Homer, Shakespeare und Proust und den Worteigenkreationen Simmons‘ ganz zu schweigen. Die Filmrechte für „Ilium“ und „Olympos“ sind bereits verkauft – hoffen wir, dass eine bessere Verfilmung als Petersen’s Troja daraus entsteht.

Das SF-Ereignis des Jahres oder der nächsten Jahre? Für mich der beste Roman von Simmons, selten habe ich ein Buch so verschlungen. Im SciFi-Bereich gibt es derzeit wenig wahre Konkurrenz für „Ilium“.

Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com/

[Homers „Ilias“ bei digibib.org]http://www.digbib.org/Homer__8JHvChr/Ilias

[Homers „Ilias“ im Projekt Gutenberg]http://gutenberg.spiegel.de/homer/ilias/ilias.htm

[Shakespeares Werke und Sonette im Projekt Gutenberg]http://gutenberg.spiegel.de/autoren/shakespr.htm

Wikipedia über:

[Homer]http://de.wikipedia.org/wiki/Homer
[William Shakespeare]http://de.wikipedia.org/wiki/William__Shakespeare
[Marcel Proust]http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel__Proust

Matute, Ana María – vergessene König Gudú, Der

Dicke Fantasy-Romane fordern wohl geradezu schicksalhaft den Vergleich mit dem Werk eines gewissen J. R. R. Tolkien heraus. (Dünne übrigens auch. Aber dicke eher.) So konnte es nicht ausbleiben, dass Ana María Matutes 590-Seiten-Buch das x-hundertste „Tritt-das-Erbe-an“-Prädikat bekam. Fairerweise muss hinzugefügt werden: nicht vom Verlag selbst. Die Leute, die das Buch herausbrachten, scheinen wohl gewusst zu haben, dass hier etwas doch sehr von Tolkien Verschiedenes ans Licht gelangt ist. Aber wer einmal unter amazon.de nachschaut, der wird finden, dass sowohl Redaktion als auch Leser den berühmt-berüchtigten Vergleich bemühen, der in diesem Fall so fehlgeht wie nur irgend möglich. Denn schon ein Anlesen der ersten Seiten verrät, dass Matutes Diktion, Aufbau der Geschichte und Absicht sich deutlich von denen Tolkiens im „Herr der Ringe“ unterscheiden. Was kein Tadel sein soll; aber man kann Wein und Bier, Erdbeeren und Tomaten nun einmal nur im Allgemeinen miteinander gleichsetzen. Das Allgemeine heißt hier: Fantasy. Heißt also: große Themen mit den Augen des Träumers und des Kindes betrachten und ein wunderbares „Was-wäre-wenn“-Spiel spielen. Liebe und Tod, Treue und Verrat, Gut und Böse sind natürlich Motive, die seit dem Gilgamesch-Epos überall und immer wiederkehren; der Fantasy-Schreiber aber hat seine besondere, verfremdende Sicht auf diese Alltagsdinge.

Zur Geschichte Gudús: Sie geht so bald noch nicht richtig los. Geboren wird der Kleine auf S. 219; auf S. 256 wird er durch einen Zufall – eine Fügung des Schicksals? – zum König des Reiches von Olar. Der sterbende König Volodius liebt ihn nicht sonderlich, ebenso wenig wie seine Mutter, Königin Ardid – die einem unterworfenen Volk entstammt und Volodius nur geheiratet hat, um Rache nehmen zu können; da war sie erst sieben Jahre alt. Doch auch diese Hochzeit findet recht spät statt; zuvor muss man noch weitere Herrscher und Geschichte(n) Olars kennenlernen. Die Meinungen hierüber mögen geteilt sein: Wer an halb legendenhaften, halb historischen Erzählungen seinen Spaß hat, wird jede Seite genießen, wer allerdings eine stringente Handlung mit |action| erwartet, wird diesen Teil wohl überblättern. Ana María Matute, meine ich, hat diesen langen Anlauf nicht umsonst gewählt; es geht ihr darum zu zeigen, wie die Biographie eines Menschen schon durch die Biographien seiner Vorfahren geformt wird, und es geht ihr um die Verbindung von Geschichte und Menschenschicksalen. So haben wir es hier mit einem Werk zu tun, das sich eher mit den Gesta Danorum des Saxo Grammatikus vergleichen lässt, jener bis in die mythische Vorzeit zurückgreifenden Geschichte der dänischen Herrscher. Vor allem das Thema des Strebens nach unumschränkter Macht prägt das Buch – Volodius ist ein Machtmensch, Gudú will zum Herrscher der gesamten bekannten Welt werden. Und der einzige gute Prinz, Nobel (die redenden Namen stören ein wenig), erleidet das Schicksal aller, die nicht um Macht, sondern um Liebe bemüht sind – er stirbt. Mit seinem Tod endet dieses Buch, das ja eigentlich nur ein erster Teil ist. Gudú, auf der Höhe seiner Macht, hat sich an Prinzessin Naivia gerächt, die ihn zurückwies, und hat auch seiner klugen, machtbewussten Mutter gezeigt, wer hier der Herr im Hause ist. Den Opfern bleibt nur der Rückzug in eine Märchenwelt, in das Land der Phantasie jenseits des Todes.

Insgesamt lässt sich sagen, dass dieses Buch weit mehr Märchenmotive aufweist als die meisten anderen Fantasy-Bücher. Darin unterscheidet es sich auch von Tolkiens Werk, das episch-legendär geprägt ist. „Der vergessene König Gudú“ hat seinen eigenen Reiz (der sich freilich nicht jedem und manchem recht spät erschließen mag). Vergleiche bringen da wenig, sie wecken nur Erwartungshaltungen, die dann enttäuscht werden könnten; dieses Buch ist sehr besonders. Ana María Matutes Neigung zur starken Verfremdung der Realität und zum Aufbau einer Traumwelt, die mir schon bei ihren Kurzgeschichten („Seltsame Kinder“, Insel-Verlag Leipzig 1979) gefallen hat, kommt hier häufig zum Tragen und macht das Lesen zu einem Erlebnis eigener Art.

_Peter Schünemann_ © 2003
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Gentle, Mary – Aufstieg Karthagos, Der (Die Legende von Ash 2)

Mary Gentle’s „Der Aufstieg Karthagos“ ist die Fortsetzung ihres Auftaktromanes des „Ash“-Zyklus, „Der Blaue Löwe“. Das englische Original „Ash: A Secret History“ wurde für die deutsche Übersetzung auf vier Bände aufgeteilt, was angesichts des enormen Umfangs (2326 Seiten) durchaus angebracht ist.

Worum geht es? Um ein Mittelalter, das nicht sein darf, denn es ist völlig anders als die bekannte Geschichte.

Die Söldnerführerin Ash tritt in die Dienste Herzog Karls von Burgund, dem letzten Fürsten Europas, der noch nicht von den karthagischen Invasionsstreitkräften besiegt oder zum Bündnis genötigt wurde. Ein Unding – Westgoten in Karthago, kein Papst in Rom, Mailand und Venedig niedergebrannt in einem Kreuzzug |gegen| das christliche Europa?

So wie dem Leser geht es auch Dr. Pierce Ratcliff, der aus einer Autobiographie Ashs und anderen zeitgenössischen Quellen diesen historischen Schwachsinn übersetzt. Bedenklich ist nur: Die in seinen Schriften beschriebenen Golems existieren – man hat Reste davon vor Tunis ausgegraben! Eine Sensation – doch plötzlich werden Ratcliffs Quellen unter Fiktion geführt, nicht mehr unter historisch anerkannten Werken. Ratcliff ist verblüfft – das ist genauso unmöglich, wie mechanische Golems, eine Invasion von in Karthago residierenden Westgoten und Ash’s Fähigkeit, Ratschläge eines an einen militärischen Taktikberater erinnernden „Steingolems“, der in Karthago seinen Standort hat, in ihrem Kopf als Stimme zu vernehmen.

Starker Tobak – ein Einstieg mit dem zweiten Band der Reihe ist nicht zu empfehlen, wer Interesse an diesem Phantastikroman hat, der einen einzigartigen Mix aus historischem Roman, Fantasy und Science-Fiction darstellt, findet nähere Details zum bemerkenswerten Lebenslauf der Autorin und den Beginn der Ash-Saga in der Rezension zum ersten Roman, [„Der Blaue Löwe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303.

„Der Aufstieg Karthagos“ beginnt im wahrsten Sinne des Wortes mit der Schlacht bei Auxonne: Burgund wird vernichtend geschlagen – man wähnte sich dank der Kanonen in offener Feldschlacht überlegen, doch die karthagischen Golems bedienen Katapulte schnell und effizient, die schlimmere und entscheidende Überraschung sind jedoch Golems, die griechisches Feuer in der Form moderner Flammenwerfer einsetzen und so das Schlachtenglück zugunsten der Karthager wenden. Ash wird verwundet und gefangengenommen, auf Anordnung des Steingolems wird sie umgehend nach Karthago verschifft – sie erfährt nur den fatalen Ausgang der Schlacht, über das Schicksal ihrer Truppe wird sie jedoch im Unklaren gelassen.

In Karthago wird sie dem Emir Leofric vorgestellt, der sich sehr für sie interessiert: Nur die von ihm gezüchtete „Faris“ (hier gleichbedeutend mit „General“) sollte die Stimme des Steingolems hören können, als Endprodukt jahrhundertelanger Zucht.

Neben seiner Menschenzucht betreibt Leofric auch noch eifrige Zuchtexperimente mit apart gefärbten Ratten. Ash erfährt, dass sie verwandt ist mit dem großen Propheten Gundobad, einem der wenigen wahren Wunderwirker der Menschheit, der das Land um Karthago in eine Wüste verwandelt und den Heiligen Stuhl verflucht hat; kein Papst überlebte seine Ernennung länger als drei Tage seither – Gundobad selbst wurde verbrannt. Aber eine seiner Töchter überlebte im fernen Karthago, sie war zwar nicht fähig Wunder zu wirken, aber sie konnte die Stimme des Steingolems hören…

Der erste Golem wurde von einem Rabbi aus Prag aus dem roten, sandigen Lehm der Wüste erschaffen, während der Herrschaft des Emirs Radonik. Der Steingolem wurde zuletzt vom Rabbi erbaut, ohne Körper, ein riesiger Kopf auf einem Podest, aber der Sprache fähig und intelligent – anfangs ein besserer Schachcomputer. Doch bald wird sich der Steingolem als unglaublich findiger Stratege und Ratgeber herausstellen, der den Goten unschätzbare Dienste erweist – und den Aufstieg des Hauses Leofric begünstigt, das seitdem meist den König-Kalifen stellt oder in seinem engsten Machtkreis mitregiert.

Die weitere Geschichte ist unklar: Angeblich soll der Rabbi die Karthager verflucht haben, seitdem liegt Nordafrika unter ewigem Zwielicht, nur Wärme erreicht noch den Boden, aber Getreide wird aus Südspanien importiert, da es nicht mehr wächst in dem dämmrigen Restlicht – Kinder reicher Familien werden ebenfalls im sonnigen Ausland großgezogen.

Diesen Fluch kann man nach Angaben des Steingolems nur rückgängig machen, indem man Burgund zerstört… plus die üblichen Hetzereien gegenüber Heiden und Andersdenkenden; ist dies geschehen, wird Karthago angeblich wieder erblühen.

Die Karthager haben sich Jahrzehnte auf die Invasion Europas vorbereitet – mit der Geburt einer „Faris“ aus Leofrics Zuchtprogramm haben die Legionen auch den perfekten Kommandeur, der stets auf den taktischen Rat des Steingolems zurückgreifen kann, unabhängig von der Distanz und unmittelbar vor Ort.

Mit diesem Wissen darf Ash Karthago nicht mehr verlassen – und Leofric möchte herausfinden, warum auch sie den Steingolem hören kann. Er beschließt, sie zu sezieren… zu Ash’s großem Glück setzen sich ihr feiger Gatte Fernando, der zu den Karthagern übergelaufen ist, und ihr Kompaniepriester Godfrey für sie ein. Er kann ihr auch Nachricht aus der Heimat bringen, demnach Teile des „Blauen Löwen“ Auxonne überlebt haben und nun in Dijon zusammen mit dem verwundeten Herzog Karl belagert werden.

Ash wird natürlich aus Karthago entkommen: Wer ihr hilft, was genau geschehen wird – all das möchte ich nicht verraten. Nur soviel: Hinter dem Steingolem stecken die FERAE NATURAE MACHINAE – die „wilden“ Maschinen, eine unglaublich fremde und feindselige Existenzform. All diese Hintergründe wird Ash in diesem Roman erfahren.

Von den vier Ash-Romanen hat mich dieser am meisten fasziniert. Die im ersten Band noch wenig überzeugende Ash kann als einzelne Gefangene Gefühle zeigen, der Leser wird mit ihren düsteren Gedanken und Sorgen konfrontiert. Nach wie vor werden die Gespräche zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna in der Gegenwart in E-Mail-Form geführt, dieses Mal tritt jedoch das Streitgespräch, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen könnten, hinter Ash’s Erlebnisse in der Vergangenheit zurück, die einen wesentlich größeren Raum einnehmen. Ratcliff’s Kommentare sind wie bereits im ersten Band immer wieder in die Geschichte eingestreut, wenn es um mittelalterliche und erklärungsbedürftige Sachverhalte geht.

Emir Leofric und sein Eugenik-Programm sind abscheulich, er behandelt seine Rattenzucht besser als seine menschlichen Sklaven. Fast schon zynisch ist Leofric’s Fehlschluss, warum seine Zuchtratten so zahm sind – er hält es für ein Zuchtergebnis, der Leser weiß jedoch, dass es an dem Sklavenmädchen Violante liegt, welches sich liebevoll um die kleinen Ratten kümmert, ihre einzigen Spielgefährten – auf dieser gefühlsmäßigen Ebene versagt der analytische Verstand Leofrics. Hier konnte ich mir eine Assoziation mit dem berüchtigten Nazi-Dr. Mengele nicht verkneifen. Er ist jedoch eher eine Nebenfigur, Ash’s Gefangenschaft und ihre damit einhergehende tiefergehende Charakterisierung machen den Großteil des ersten Drittels aus. Sie und damit der Leser gewinnen Einblick in die Motive der getäuschten Westgoten.

Der Clou ist jedoch der Schluss des Buches: Wer H. P. Lovecraft kennt und liebt, weiß den Grusel zu schätzen, den seine „großen Alten“ verbreitet haben. Die „wilden“ Maschinen, deren ungewöhnlichen „Körper“ ich hier nicht verraten möchte, jagen Ash einen ähnlichen Schrecken ein, der sogar bei der abgebrühten Hauptfrau für Muffensausen sorgt.

Die Geschichte kommt mit diesem Roman so richtig in Fahrt, Ash gewinnt an Profil, flucht weniger lästig oft und derb als im ersten Band und der wilde Genremix wird immer interessanter. An diesem Roman habe ich wenig zu kritisieren – der Folgeband wird leider ein ziemlicher Durchhänger, „Der Aufstieg Karthagos“ ist jedoch gerade wegen der vielen Elemente und der tiefen Einblicke in die Hintergründe der beste Teilroman. Nach wie vor wird man jedoch nicht erfahren, warum die wilden Maschinen Burgund zerstört sehen wollen – Karthago attackiert Burgund unter falschen Voraussetzungen, das ewige Zwielicht breitet sich immer weiter aus, anstatt zurückzugehen.

Was auch immer diese „Maschinen“ planen – ihre Feindseligkeit ist offenkundig, ihre Motivation noch nicht – der Mangel an Informationen dazu geht auch Ash ziemlich an die Nieren, die kurz wieder in ihr altes, derbes Sprachmuster zurückfällt, welches den Zustand treffend beschreibt:

„Scheiße, wir sind keine Söldner, sondern Pilze… Man hält uns im Dunkeln und füttert uns mit Pferdescheiße…“

Derbe und schwarzhumorige Sprüche der Söldnertruppe erlebt man in diesem Roman jedoch weniger – er steckt schon rein thematisch voller Horror, erst Ash’s Gefangenschaft bei Leofric, dann der Schock über die wilden Maschinen. So bedrückend diesmal die Handlung auch ist, sie geht schwungvoll voran und es werden interessante Details enthüllt, die den weiteren Verlauf des Vierteilers prägen werden. „Der Aufstieg Karthagos“ ist in meinen Augen eindeutig der beste Teilroman des Ash-Zyklus.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: [Der Blaue Löwe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303 (ISBN 3404283384)
Band 2: DER AUFSTIEG KARTHAGOS (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Russel, Mary Doria – Sperling / Gottes Kinder

Manche Bücher geistern einem noch durch den Kopf, auch wenn sie schon lange ausgelesen wurden und im Regal stehen. Diese beiden gehören dazu, auch wenn sie sicherlich vom Thema her nicht jeden ansprechen werden.

Hauptsächlich geht es in den beiden Erstlingswerken von Mary Doria Russel um den Glauben zu Gott. Aber es sind nun keine tiefreligiösen Bücher, in denen dem Leser aufgezeigt wird, dass er doch gefälligst zu glauben habe und Gott auf alle Fälle existiere. Viel mehr stehen hier der Mensch und die verschiedenen Auswirkungen des Glaubens auf ihn im Mittelpunkt.

Am Anfang steht der Empfang von Musik aus dem All. Wunderbare Musik, die eindeutig nicht menschlichen Ursprungs sein kann. Die Öffentlichkeit ist begeistert, doch bald fängt man an zu zweifeln. Ist das wirklich Musik aus dem All? Kommt sie wirklich von einer anderen Rasse? Vielleicht ist alles ja auch ein Riesenschwindel?

Während man also noch das Hin und Her einer eventuellen Expedition zum Ausgangsort der Musik, dem Planeten Rakhat, diskutiert, bereitet die Gesellschaft der Jesuiten in aller Stille und mit Segen des Papstes ein eigenes Unternehmen vor. Eine kleine Gruppe von acht Leuten unterschiedlicher Fachrichtungen soll sich auf den Weg nach Rakhat machen und nach dem Ursprung der Musik forschen. Das Unternehmen gelingt, die Gruppe landet wohlbehalten auf Rakhat. Nach einigen Erkundungen stoßen sie auf ein einheimisches Dorf.

Sie werden von den Runa aufgenommen und erkunden nun die Gewohnheiten und das Leben in dem Runa-Dorf. Doch es muss noch eine zweite Rasse existieren, da man keinerlei Anzeichen findet, dass die Runa singen oder die Möglichkeit einer Übertragung in den Weltraum haben. Eines Tages taucht ein Händler im Dorf auf. Er gehört zu den Jana’ata, der zweiten intelligenten Rasse auf Rakhat. Durch ihn erfährt die Gruppe einiges mehr, als es ihnen bisher durch das Studium des Dorfes möglich war.

Die Unterschiede zwischen Runa und Jana’ata sind erheblich. Die Runa sind Vegetarier, während die Jana’ata Fleischfresser und auch dementsprechend anatomisch anders entwickelt sind. Jana’ata wohnen und arbeiten in Städten, Runa leben in dörflichen Ansiedlungen. Auch stellt sich heraus, dass die Jana’ata für die Musik verantwortlich sind, herausragend ist hier ein Hlavin Kitheri.

Nach und nach begreift die Jesuitengruppe aber auch, dass die Runa für die Jana’ata nur intelligentes Nutzvieh ist. Es werden verschiedene Arten von den Jana’ata gezüchtet. Zum Arbeiten und dem Erhalt der Grundversorgung der Jana’ata, dann um ihnen in ihren Städten zu dienen, als Mätressen und schließlich auch als Nahrung.

Da die Runa gezüchtet werden, werden auch die Geburten vorgeschrieben. Als aber von der Jesuitengruppe Gärten angelegt werden, verbreitet sich diese Idee unter den Runa rasend schnell. Bisher mussten sie zu ihren Feldern sehr weite Wege zurücklegen, nun hat man die Versorgung direkt vor der Tür. Als Folge des zunehmenden Essens und der abnehmenden Arbeit werden die Runa sexuell sehr aktiv und vermehren sich ungeplant. Als die Regierung der Jana’ata dies mitbekommt, schickt man Soldaten in die Dörfer, um den nicht geplanten Nachwuchs der Runa zu töten. Dies schauen sich die Menschen aber nicht tatenlos an.

Als man auf der Erde einige Zeit keine Nachricht von Rakhat mehr empfangen hat, sendet man ein zweites Schiff hinterher, um nach den verschollenen Menschen zu suchen. Man findet nur noch ein einziges Mitglied der ersten Gruppe, Jesuitenpater Emilio Sandoz. Seine Hände sind verkrüppelt, er leidet schwer an Skorbut und wird in einer dunklen Kammer gefangen gehalten. Man bringt ihn auf das erste Schiff und programmiert es so, dass es selbständig zurück zur Erde fliegt.

Als er dort eintrifft, immer noch schwerkrank und psychisch gestört, wirft die Öffentlichkeit ihm Prostitution und Mord vor. Vorwürfe, die durch Berichte der zweiten Gruppe an die Erde entstanden. Die Jesuiten schaffen es aber, ihn erst einmal in Sicherheit zu bringen. Wenn Emilio Sandoz geheilt ist, will man in einer internen Befragung herausbekommen, was eigentlich geschehen ist.

Soweit zum ersten Teil. Allerdings entspricht dieser kurze Überblick nicht im Geringsten der Komplexität der Handlung.

Sehr interessant fand ich die Erzählweise der Autorin. Sie beginnt mit der Rückkehr Sandoz‘ zur Erde und rollt dann anhand der Befragung die Geschehnisse auf Rakhat vor dem Leser auf. Aufgrund dieser Erzählweise wurde das Buch am Ende so spannend, dass ich es kaum noch aus der Hand legen wollte.
Ansonsten ist es eigentlich ein recht ruhiges, aber nie langweiliges Buch. Das erste Viertel des Buches spielt noch vor der Mission nach Rakhat und die Autorin nimmt sich hier Zeit, um dem Leser die handelnden Charaktere nahezubringen. Dies gelingt ihr meisterhaft. Die Gruppe um Emilio Sandoz wurde mir so vertraut, als würde ich sie selber schon lange kennen.

Nachdem ich mit „Sperling“ fertig war, konnte ich die Auszeichnung mit dem |Arthur C. Clarke Award| wirklich nachvollziehen. {Anm. d. Ed.: In Deutschland bekam das Werk den |Kurd-Laßwitz-Preis| 2001 als bestes fremdsprachiges Werk.}

Dementsprechend begeistert, fing ich danach auch gleich mit dem zweiten Band, „Gottes Kinder“, an.

Wieder geht es um das Schicksal von Emilio Sandoz. Aufgrund der Geschehnisse auf Rakhat wollte und konnte er nicht mehr an Gott glauben und legte so das Amt des Priesters nieder. Er lernte eine Frau mit einer bezaubernden Tochter kennen, verliebte sich in sie und wollte sie heiraten. Eigentlich hätte alles gut werden können, doch der Papst ordnet in Einverständnis mit dem Oberhaupt der Jesuiten eine neue Mission nach Rakhat an. Auch Emilio wird gefragt, ob er sich daran beteiligen will, doch er lehnt dies sehr rigoros ab. Schließlich zeigt er sich bereit, die neuen Crewmitglieder mit der Sprache der Runa und der Jana’ata vertraut zu machen und ihnen beizubringen, was man über Rakhat wissen muss.

Als Vorbereitungen der Mission soweit abgeschlossen sind, steht Emilio kurz vor seiner Hochzeit. Doch er wird nie vor den Altar treten. Auf Geheiß des Papstes entführt man Emilio und bringt ihn an Bord des Schiffes. Man setzt ihn unter Drogen und startet nach Rakhat.

Dort hat sich mittlerweile einiges verändert. Das starre Regel- und Adelssystem der Jana’ata wurde von Hlavin Kitheri verändert und reformiert, während die Runa eine Revolution gegen die zahlenmäßig unterlegenen Jana’ata begonnen haben.

Den ersten Teil des Buches las ich mit genauso viel Begeisterung wie den Schluss des ersten Bandes. Wieder erzählt die Autorin die Geschehnisse zeitversetzt. Während die Erlebnisse Emilios chronologisch ablaufen, erfährt der Leser in Rückblenden und zukünftigen Gesprächen, was sich in der Zwischenzeit auf Rakhat ereignet hat.

Allerdings hat es Mary Doria Russell nicht ganz geschafft, das Buch durchweg auf dem sehr guten Level des ersten Bandes zu halten. Die Passagen um Emilio Sandoz sind spannend, gut geschrieben, lesen sich sehr gut. Im Gegensatz dazu sind die Passagen, die auf Rakhat spielen, zwar nicht uninteressant, aber merkwürdigerweise waren sie manchmal schon etwas langweilig. Alles in allem ist aber auch „Gottes Kinder“ ein sehr gutes Buch und man muss es wirklich gelesen haben, wenn man „Sperling“ schon kennt.

Doch warum geht es in diesen beiden Büchern nun um den Glauben? Schlüssel hierzu ist die Person des Emilio Sandoz. Als Kind wuchs Emilio in Armut auf und fand dann bei den Jesuiten ein neues Zuhause. Emilio absolvierte die Schule und wurde schließlich Priester. Aber seine Ausbildung ging noch weiter und schließlich wurde er ein hervorragender Sprachwissenschaftler. In dieser Eigenschaft fliegt er auch mit nach Rakhat. Als man dort ankommt, ist Emilio fest davon überzeugt, dass Gott existiert und er ihn an diesen wunderbaren Ort geführt hat.

Als aber die Jana’ata anfangen, die unschuldigen Kinder der Runa zu töten und er einschreitet, wird er gefangengenommen. Er muss die Soldaten auf ihrer Mordtour durch die Dörfer begleiten, muss das Fleisch der getöteten Runakinder essen, um zu überleben.

Durch verschiedene Missverständnisse seitens der Jana’ata gelangt Emilio dann an den Hof von Hlavin Kitheri, wo es zu jenen Geschehnissen kommt, durch die sein Glaube an Gott endgültig zerstört wird.

Doch wie verhält es sich mit seinem Glauben, als er zwangsweise die nächste Mission nach Rakhat mitmachen und an den Ort seiner Alpträume zurückkehren muss? Dazu sage ich nur: |Lesen!|

_Fazit:_
Ich erwähnte einleitend ja schon, dass es keine tiefreligiösen Bücher sind, obwohl der Glaube an Gott eine große Rolle spielt. Gerade in dieser Verpackung hat es mir aber sehr viel Spaß gemacht, mich mit diesem Thema zu beschäftigen und ich bin mir auch sicher, dass ich „Sperling“ und „Gottes Kinder“ nicht zum letzten Mal gelesen habe.

Mit diesen beiden Büchern erwartet den Leser, der sich darauf einlässt, ein Leseerlebnis der besonderen Art. Es sind wirklich Ausnahmebücher, die sich wohltuend vom doch manchmal schon recht zähen Einheitsbrei der heutigen Science-Fiction-Veröffentlichungen abheben. Meine Lesempfehlung für alle!

_Jens Pauling_ © 2003
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung durch [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Haydon, Elizabeth – Tochter der Erde (Rhapsody / Symphony of Ages)

„Tochter der Erde“ ist der zweite Band des |Symphony of Ages|-Zyklus von Elizabeth Haydon.

Nachdem Rhapsody, Achmed und Grunthor im ersten Band an der Wurzel des Weltenbaumes entlang quer durch die Erde geflohen, am anderen Ende der Welt wieder herausgekommen sind und im ehemaligen Canrif ein neues Königreich der Bolg errichtet haben, geht es im zweiten Band hauptsächlich um die Bedrohung durch den F’dor.
Rhapsody macht sich zusammen mit dem geheimnisvollen Ashe auf den Weg, um der Drachin Elynsynos einen Teil ihres Hortes zurückzubringen. Die Begegnung verläuft über Erwarten gut, die Sängerin und die Drachin freunden sich an. Auf Anraten der Drachin reist Rhapsody danach nicht zurück nach Ylorc, wie Canrif unter den Bolg jetzt heißt, sondern nach Tyrian, wo die Lirin leben, von denen auch Rhapsody abstammt. Bei den Lirin lebt Oelendra, die berühmte Schwertkämpferin, die vor Rhapsody die Tagessternfanfare getragen hat, das Flammenschwert, das jetzt Rhapsody trägt. Auch Oelendra wird ihre Freundin, ebenso wie unterwegs Ashe ihr Freund wird.
Während Rhapsody auf Reisen ist und nebenbei bereits zum zweiten Mal die Pläne des F’dor durchkreuzt, machen Achmed und Grunthor tief unter den Felsen des Gebirges eine unerwartete Entdeckung.
Doch der F’dor, begierig, die neue Scharte auszuwetzen, bleibt nicht untätig. Schon bald braut sich mehr als ein Gewitter am Horizont zusammen…

Obwohl Rhapsody wieder viel unterwegs ist, machen die Reisen diesmal nur etwa die Hälfte des Buches aus. Ein ziemlich großer Teil davon beschäftigt sich mit dem Aufbau der Beziehung zwischen Rhapsody und Ashe. Zwangsläufig wird der Romantik in diesem Band ein weit größeres Feld eingeräumt als im ersten. Den zweiten, großen Teil nehmen Achmed und Grunthor und ihre Entdeckung in Anspruch, sodass der trockene Humor, der das Verhältnis der Drei untereinander auszeichnet, auch hier immer wieder zum Tragen kommen kann. Dieser Handlungsstrang ist zwangsläufig auch der, der den Hauptteil der Spannung trägt. Der Spannungsbogen hat seinen Verlauf mit dem ersten Band gemein. Er hängt nie durch, aber richtig straff gespannt wird er erst gegen Ende. Bei der Länge des Buches wäre alles andere auch unerträglich.
Neben den beiden Hauptsträngen werden diverse andere Handlungsfäden weiterentwickelt. So zeichnet sich ab, dass Tristan Steward, der Prinzregent von Roland, auf Dauer zum Problem werden wird. Bereits im ersten Band ist er in Rhapsodys Bann geraten, und trotz des Desasters, das er damit angerichtet hat, kann er nicht von ihr lassen. Das Desaster, das diese Tatsache heraufbeschwört, ist weit größer, als er sich vorstellen kann. Was Rhapsody gegen Ende des zweiten Bandes über Llauron erfährt, legt den Grundstein für weitere Verwicklungen. Und dazu kommt noch die Erkenntnis über die Kinder…
Auch der zweite Band endet folglich wieder nur mit einem Teilsieg der Drei. Entgegen der Aussage des Klappentextes ist es nämlich nicht der F’dor selbst, den sie unschädlich machen.

Die Autorin schreibt flüssig und gut lesbar, nur gelegentliche Tippfehler in der Nachbearbeitung wirken störend. Die Handlung entwickelt sich langsam und allmählich, spätere Geschehnisse werden zeitig angelegt und wirken sich erst allmählich aus, soweit das bei der epischen Länge, die Haydon vorlegt, möglich ist, was dem Verlauf Echtheit und Logik verleiht. Dabei versteht die Autorin es geschickt, ihre Informationen häppchenweise zu verteilen. Im ersten Band erfuhr man ein wenig von Llauron, ein wenig von Stephen Navarne, im zweiten sind die Informanten vor allem Elnysynos und Oelendra. Gleichzeitig sorgen weitere Prophezeiungen für neue Verwirrung. Die Lösung des Rätsels um Ashe hält den Frustrationspegel niedrig, gleichzeitig schafft es Haydon, trotz aller Andeutungen und Hinweise die Identität des F’dors bis zum Ende des zweiten Bandes immer noch geheim zu halten. So fühlt man sich beim Lesen des Buches wie jemand, der einem Mosaikleger bei der Arbeit zuschaut. Jedes Steinchen macht das Bild ein bisschen deutlicher, facettenreicher, vielfältiger, und doch ist es immer noch unfertig, weil das Wesentliche, die endgültige Lösung fehlt.

Nach gut 1500 Seiten hat Haydon immer noch unausgeschöpftes Potenzial. So ist Anwyn, die Seherin der Vergangenheit, bisher nur ein einziges Mal ganz kurz aufgetaucht, die Kathedrale zu Ehren des Elementes Erde wurde nur einmal namentlich erwähnt, und auch das Rätsel um Meridion, den Manipulator am Zeit-Editor ist nach wie vor ungelöst, ganz abgesehen davon, dass der F’dor noch nicht bezwungen ist. Bereits im ersten Band spielte neben Achmeds Fähigkeiten Rhapsodies Musik eine tragende Rolle als magisches Hilfsmittel. Diesmal rückt ihr Schwert etwas mehr in den Vordergrund, zusammen mit Grunthors Fähigkeiten im Zusammenhang mit Erde und Gestein. Außerdem gewinnt in der Person Ashes das Element Wasser zum ersten Mal an Bedeutung. Der dritte Band „Tochter des Feuers“, der im März erschienen ist, dürfte also durchaus noch einiges bieten.

Warum das englische Wort |child| in den Originaltiteln ausgerechnet mit „Tochter“ übersetzt wurde, wissen allein die Lektoren! Gerade in den ersten beiden Bänden ist damit eindeutig nicht Rhapsody gemeint! Auch frage ich mich, warum „Child of Blood“ mit „Tochter des Windes“ übersetzt wurde. Zwar besteht im Buch ein gewisser Zusammenhang zwischen Wind und Blut, trotzdem ist der Titel irreführend. Natürlich sind die Elemente für die Geschichte von großer Bedeutung, der Titel „Child of Blood“ bezieht sich jedoch auf die Prophezeiung im ersten Band. So trägt der dritte Band im Original den Titel „Child of Sky“, was zeigt, dass die Übersetzung hier genauso verwirrend falsch ist.
Immerhin scheint diese Freiheit in der Übersetzung sich nicht auch auf den eigentlichen Buchtext auszuweiten, denn da kamen im Zusammenhang mit diesen Namen keine Undeutlichkeiten vor. Trotzdem frage ich mich wieder mal, warum man sich nicht einfach an den Originaltitel gehalten hat. Die Autorin hat sich durchaus etwas dabei gedacht!

Ich fand das ganze Buch durchdacht und gelungen, und bin bereits gespannt auf den dritten Band. Der vierte Band ist bisher nur auf Englisch unter dem Titel „Requiem for the Sun“ erschienen. Der Titel weicht vom bisherigen Muster der Vorgängerbände ab, deshalb ist die Zugehörigkeit zum Zyklus nicht so offensichtlich, ob auch ein inhaltlicher Absatz vorhanden ist, wird sich zeigen. Der fünfte Band des Zyklus mit dem Titel „Elegy for a lost Star“ ist derzeit noch in Arbeit, soll aber im August dieses Jahres auf Englisch erscheinen.

Elizabeth Haydon lebt an der Ostküste der USA mit ihrem Mann und drei Kindern. Sie interessiert sich für Kräuterkunde und Geschichte, singt und spielt selbst Harfe. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie im Verlagswesen. Außer „Symphony of Ages“ schrieb sie auch „The Journals of Ven Polypheme“ für Kinder.

Homepage der Autorin: http://www.elizabethhaydon.com/

Ursula K. Le Guin – Hainish

Das Buch – und zugleich der erste Roman „Rocannons Welt“ – beginnt mit einer wunderschönen Geschichte, einer Kombination aus „Science-Fiction im eigentlichen Sinne samt ihren traditionellen Requisiten […] und einem von poetischer Nostalgie durchdrungenen Kunstmärchen, einer Fantasy mit ihren Mythen und Legenden, in ihrem sagenhaften Raum […] und ihrer ebenso sagenhaften Zeit“: Die junge, schöne Semley von Hallan sucht in dieser Geschichte ein wertvolles Geschmeide, welches ihrem Geschlecht einst verloren ging. Dazu muss sie vom Planeten Fomalhaut, auf dem ihre Rasse ein mittelalterliches Leben voller Kämpfe und Schwierigkeiten führt, zu dem acht Lichtjahre entfernten New South Georgia fliegen, wo die Kostbarkeit in einem Museum ausgestellt wird.

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