Archiv der Kategorie: Rezensionen

Priskil, Peter – Mittmann, Beate – Kriegsverbrechen der Amerikaner und ihrer Vasallen gegen den Irak und 6000 Jahre Menschheitsgeschich

Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung erfolgt zum politisch richtigen und notwendigen Zeitpunkt die vierte aktualisierte und stark erweiterte Auflage dieses brisanten Buches. Kriegsverbrecher in Washington waren dabei, zugunsten des US-Monoimperialismus den Irak restlos zu zerstören, was im Grunde bereits 1991 begann und mit bislang 1,5 Millionen Toten bereits jetzt den ersten neuzeitlichen Genozid des von den Türken an Armeniern begangenen Völkermords erreicht hat. Die Begründung, mit dem der aktuelle politische Coup gegen den Irak ausgelöst wurde, lieferte der 11. September 2001 – keiner versteht zwar, was das mit dem Irak zu tun haben solle – und die Herausgeber dieses Enthüllungsberichtes halten es zudem für sehr wahrscheinlich, dass die Angriffe auf das World Trade Center auch selbst inszeniert worden sein könnten und erinnern an die Art des von den Nazis gelegten Reichstagsbrands [oder an Pearl Harbor; Anm. d. Lektors]. Aber der 3. Weltkrieg begann nicht erst mit dem 11. September, sondern bereits mit dem Überfall 1991 auf den Irak. Alle Mediensprüche „Krieg gegen den Terrorismus“ erinnern in zynischer Weise an die Slogans in Orwell`s „1984“. Erst schauen wir weg, dann machen wir mit. Es war ja nicht so, dass der Krieg gegen den Irak erst bevorstand, sondern es wurde täglich, schon vor dem Krieg, mit selektiven zermürbenden Luftattacken der Süden des Landes angegriffen. Die USA basteln zudem am Aufbau einer irakischen Taliban, dem schiitischen „Obersten Islamischen Rat“ mit dem Führer Ayatollah al Hakim. Dabei muss man wissen, dass die afghanische Taliban auch nur eine unbedeutende regionale Sekte war und nie an die Macht gekommen wäre, hätten die USA sie nicht mit 5 Milliarden US-Dollar finanziert. Aber im Gegensatz zu den Taliban oder anderen arabischen Ländern (z.B. Saudi-Arabien) wurden im Irak keine Hände wegen Diebstahl abgehackt, es gab keine Klitorisbeschneidungen aus religiös-kulturellen Gründen an Frauen, ebenso wenig bestand ein Verhüllungszwang. Stattdessen besuchten Frauen selbstverständlich die Universitäten und übten den Beruf ihrer Wahl aus. Dem Islam gegenüber wurde Respekt erwiesen, aber Religion und Staat waren streng voneinander getrennt. Der Irak war gegenüber vielen finster mittelalterlichen islamischen Nachbarstaaten ein säkularer moderner Staat und kulturell zudem die Wiege der Menschheitsgeschichte. Seit über zehn Jahren unterlag dieses Land übelster Kriegspropaganda und befand sich durch das Embargo quasi in Geiselhaft. Der Irak ähnelte damit einem riesigen Warschauer Ghetto. Nach Veröffentlichung dieser Neuauflage haben sich die Ereignisse längst überschlagen, aber selbst jetzt bleibt es wichtig, die Wahrheit über diese diffamierende verbrecherische Inszenierung zu erfahren. Zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung ist es nach wie vor der weltweit einzige unabhängige Bericht über die Situation im Irak nach dem ersten Golfkrieg, der auch einen annähernden Überblick über die kulturellen Zerstörungen bietet und zudem in seiner Kritik und Einschätzung so radikal ist, wie man es sonst nirgends findet.

_Berthold Röth_
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 04/2003 (August/September)

Nachtrag des Lektors:
Da es interessanterweise (ein Schelm, wer Arges dabei denkt) bei Amazon nur die Auflage von 1999 gibt, in der natürlich die aktuellen Bezüge fehlen, verweise ich die interessierten Leser auf die [Verlagsseite zum Buch]http://www.ahriman-verlag.de/buecher/irak.htm , wo man die aktuelle Version bestellen kann, wo aber auch zahlreiche zusätzliche Informationen über das Werk zu finden sind.
Es sei angemerkt, dass die Themenausrichtung natürlich stark einseitig Partei ergreifend wirkt, dies jedoch genau so in der Darstellung beabsichtigt ist. Betrachtungen von der „anderen Seite“ kann man sich in den Mainstream-Medien ausreichend zu Gemüte führen, wenn der Sinn danach stehen sollte.

Grobe-Hagel, Karl – Krieg gegen Terror? El Qaeda, Afghanistan und der Kreuzzug der USA

Der Autor schreibt seit 30 Jahren für die „Frankfurter Rundschau“ und geht davon aus, dass Kriege noch nie wegen Religionen stattfanden, sondern solches immer der Deckmantel für ganz andere Interessen ist. Nach dem ersten Entsetzen und der daraus erfolgten weltweiten US-Solidarität haben die USA aber sehr schnell unverblümt ihr wahres Interesse gezeigt: das der absoluten Weltherrschaft mit den Mitteln bis hin zum atomaren Erstschlag, selbst gegen nicht nuklear gerüstete Staaten. Nicht weniger perfide sind biologische und chemische Waffen, deren Herstellung, Lagerung, Kühlung und Sicherheit so kompliziert sind, dass sie im kriegszerstörten Irak sowieso nicht vorhanden sein konnten. Wohl aber in den USA, aus deren Labors die postalisch verschickten Milzbrand-Erreger, die die Bevölkerung in Atem hielten, stammten. Neben diesen doch brisanten Feststellungen gelingt es dem Autor, eine Neutralität zu wahren, die den meisten anderen Berichterstattern fehlt. Es ist nämlich nicht einfach, in diesen Konflikten keine Position zu ergreifen. Grobe-Hagel führt lediglich die Fakten der Realität auf. Wichtig ist das Buch vor allem, weil es intensiv auf die politische Situation Afghanistans eingeht und auch detailliert die jetzige Regierung analysiert. Die zukünftigen Kriegsziele der USA von Irak (mittlerweile schon erfolgt), Iran, Nordkorea und was da sonst alles noch in Planung ist, werden am Ende kurz angerissen. Lesenswert, da derartige Informationen entweder sowieso kaum zugänglich sind oder aber leider die Durchschnittsbevölkerung erst gar nicht interessieren.

_Berthold Röth_
für die Zeitschrift [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Ausgabe 04/2003 (August/September)

Wer an einer ausführlicheren inhaltlichen Darstellung interessiert ist, möge sich dazu die Buchbesprechung in der [TAZ]http://www.taz.de/pt/2002/10/15/a0208.nf/textdruck besehen. [Anm. d. Lektors]

Görnitz, Thomas – Görnitz, Brigitte – kreative Kosmos, Der

„Der kreative Kosmos – Geist und Materie aus Information“ gehört zu jenen Werken, die imstande sind, Weltbilder neu zu formen und neue Wege des Denkens zu ebnen. Dies gelingt in diesem populärwissenschaftlich formulierten Buch – gut verständlich dargestellt, ohne unpräzise und beliebig zu werden – auf exzellente und nachhaltig beeindruckende Weise. Der interdisziplinäre, umfassende Ansatz dieser Arbeit vollzieht sich dabei aus so vielen Ebenen und unterschiedlichen Blickwinkeln heraus, dass ein beachtlicher Teil der Hauptfragen moderner Naturwissenschaft und Philosophie einbezogen werden – ein wahrer Rundumschlag also.

Das Autorenduo ist für eine solche, fast schon insolent wirkende Herausforderung bestens gewappnet: Thomas Görnitz war nach seiner Promotion in Physik an der TU Braunschweig sowie an mehreren Max-Planck-Instituten aktiv, woraus sich auch eine langjährige Zusammenarbeit mit Carl Friedrich von Weizsäcker ergab. Derzeit ist er Professor für Didaktik der Physik in Frankfurt und überdies Vorstandsvorsitzender der „Carl Friedrich v. Weizsäcker-Gesellschaft ‚Wissen und Verantwortung‘ e.V.“. Seine vorherige Buchveröffentlichung „Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt“ fand bereits einige Beachtung und bietet sich als mathematikfreie Beschäftigung mit Quantenwelten, Bewusstsein und Transzendenz geradezu an. Brigitte Görnitz promovierte in Veterinärmedizin und ist zudem Diplompsychologin.

Im Wesentlichen geht es den Autoren um eine Annäherung an das Verständnis von Geist und Bewusstsein unter Einbindung des materiellen Aspektes und des Lebendigen. Dabei spielen das Leib-Seele-Problem und die Frage nach dem freien Willen eine bedeutsame Rolle. Sie nähern sich dieser Betrachtung aus mehreren verflochtenen Perspektiven, die Biologie, Psychologie und moderne Physik einbeziehen. Zentraler Ansatzpunkt ist dabei der Begriff der Information, die neben ihrem Bedeutungsaspekt in einer neuartigen Sichtweise definiert und als Basisgröße erklärt wird: Aus kosmologischen Überlegungen heraus kommen die Verfasser zu einer abstrakten Quanteninformation, die das Fundament für die Evolution von Materie, Leben und letztlich Bewusstsein bildet und somit ein einheitliches und grundlegendes Erklärungsmodell liefert. Die hier dargestellten Zusammenhänge und Schlussfolgerungen bewirken so manchen Aha-Effekt und bieten eine ausgezeichnete Grundlage für weiteres Verständnis und Überlegungen in allen Bereichen, die damit in Bezug stehen oder sich aus den Grundannahmen ergeben. Es werden weniger neuartige Erkenntnisse und physikalische Theorien bemüht oder präsentiert als vielmehr auf philosophischer, erkenntnistheoretischer Grundlage gearbeitet, verwoben in eine ausgezeichnete Überblicksdarstellung zu zentralen Problempunkten und Erkenntnissen moderner Wissenschaft sowie der resultierenden Konsequenzen. Neben ihrer eigenen, gemeinsamen Arbeit kann sich das Autorenpaar Görnitz auf die Vorarbeit namhafter Größen beziehen, wie beispielsweise Stephen W. Hawking, Sir Roger Penrose, einigen Wissenschaftlern aus der Familie von Weizsäcker, Wolfgang Pauli, George Spencer-Brown, Holger Lyre und besonders Carl Gustav Jung als Schnittstelle zwischen Psychologie, Naturwissenschaft, Philosophie sowie „esoterischen“ und transpersonalen Ansätzen, die allesamt für die Hauptthese und ihre Schlussfolgerungen bedeutsam sind.

Pauli und Jung spielen dabei eine besonders tragende Rolle; ihnen sowie Sigmund Freud sind daher ausführliche Überblickstexte gewidmet. Überhaupt ist die Anschaffung dieses beeindruckenden Werkes schon des Überblickscharakters wegen lohnenswert, denn das Autorenpaar nimmt sich ausreichend Raum, um alle für ihre Überlegungen notwendigen Ansatzgedanken und Grundkenntnisse größtenteils gut verständlich darzustellen. So findet man durchaus umfassende Texte und Erklärungen zu Hirnforschung, Psychologie, Quantenphysik, Evolutionsbiologie, Bewusststeinsforschung oder Informationstheorie, teils in komprimiert konventioneller Darstellung, teils in veränderten Betrachtungsebenen. Die meisten Begriffe werden innerhalb des Buches erläutert und sehr anschaulich, lebendig und verständlich formuliert, so dass man außer einem gewissen wissenschaftlichen Grundverständnis keine wesentlichen Voraussetzungen für eine genüssliche und erhellende Lektüre benötigt; lediglich die Bereiche der Biologie und Hirnforschung sind allein wegen der vielen Fachbegriffe nicht ganz leicht zu verdauen. Wer es gern etwas genauer hat, kann sich an dem mathematisch-physikalischen Anhang gütlich tun, der zehn Themenbereiche wissenschaftlich genauer anreißt.

So umfassend die einbezogenen und fundierten Fachkenntnisse in „Der kreative Kosmos“ sind, so elementar und fundamental ist die darauf aufbauende Hauptaussage sowie die daraus folgende Modellbildung. Dass all dies neben dem fachlichen Anteil auf teils unkonventionell ansetzender und in „offenem Geist“ formulierter philosophischer und psychologischer Basis durchdacht ist, verleiht dem Werk eine basale, ausgreifende Bedeutsamkeit. Ich möchte dazu neigen, diesem wichtigen Buch eine noch umfassendere Brisanz und Gewichtigkeit als dem im Bereich der populärwissenschaftlichen Literatur schon legendären „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen W. Hawking zuzusprechen, und es könnte ihm ein ähnlicher Erfolg beschieden sein. Leider scheint „Der kreative Kosmos“ vom Verlag ein wenig stiefmütterlich behandelt zu werden, was schon bei einem sehr oberflächlichen Lektorat beginnt und nicht zuletzt an der Aufmachung deutlich wird, welche die zwar zweckhaften, aber doch sehr rudimentären und, gerade im Vergleich mit oben genanntem Welterfolg, recht dürftig erscheinenden Grafiken bzw. Abbildungen wohl größtenteils den Autoren selbst und ihren Quellen überließ.

Wer neue und ungewöhnliche Denkansätze mag, auf naturwissenschaftlicher Basis philosophiert, gern sein Weltbild und auch sein Basiswissen erweitert, um zu einem besseren Verständnis von Information, Kosmos und Materie, Leben und Bewusstsein unter neuem Ansatzpunkt zu gelangen, der ist bestens beraten, sich dieser fabelhaften Arbeit zu widmen und an der Evolution eines lebendigen, kreativen Kosmos der Information teilzuhaben.

Aufgrund der umfassenden Thematik ist nachfolgend das ausführliche Inhaltsverzeichnis wiedergegeben:

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Die Wahrnehmung von Ganzheit
1.2 Die Entwicklung zum Menschen
1.3 Die Rolle des Gehirns
1.4 Zerlegende und vereinheitlichende Wissenschaft
1.5 Schichtenstruktur der Naturbeschreibung
1.6 Der Zufall in der Naturwissenschaft
1.7 Geist und Bewusstsein, Leib und Seele
1.8 Die Einheit von Leib und Seele
1.9 Der Weg der universalen Evolution

2 Das Verschwinden des Geistes aus der Naturwissenschaft
2.1 Objektive Naturerkenntnis – Ausschaltung des Subjektes
2.2 Ist alles vorherbestimmt – auch unsere Erkenntnis?
2.3 Der Zusammenhang von Gehirn und Kosmos

3 Die kosmische Evolution: Der lange Weg vom Urknall zum menschlichen Gehirn
3.1 Kosmologie als notwendiger Teil empirischer Naturwissenschaft
3.2 Die kosmische Entwicklung: Vom Urknall zur Erde
3.3 Der Beginn der Evolution des Lebendigen
3.4 Die Sonderstellung des Menschen in der Evolution

4 Das Universum der Information
4.1 Was ist alles „Information“?
4.2 Information als Begriff der Physik

5 Die zentrale Rolle der Quantentheorie
5.1 Die Unterschiede zwischen klassischer Physik und Quantenphysik
5.2 Quantentheorie als Physik der Beziehung
5.3 Klassische und Quanteninformation

6 Von der Information der Schwarzen Löcher zur kosmischen Information
6.1 Schwarze Löcher – klassisch
6.2 Schwarze Löcher – quantentheoretisch
6.3 Anbindung der Information an die Kosmologie
6.4 Kosmische Information
6.5 Die Vereinheitlichungstendenzen der modernen Physik

7 Vom Schattenwurf zu den neuronalen Netzen – Abbildung als Informationsbearbeitung
7.1 Die Idee der Abbildung
7.2 Computer und künstliche neuronale Netze
7.3 Künstliche neuronale Netze als Modelle der natürlichen Neuronennetze

8 Der Weg von den neuronalen Netzen zu einer Biophysik des Geistes
8.1 Leben als makroskopischer Quantenprozess
8.2 Die biologische Erzeugung von Bedeutung
8.3 Das Gehirn als bedeutungsschaffendes Organ
8.4 Vergleich künstlicher neuronaler Netze und natürlicher Neuronennetze
8.5 Quantennetze: Ausblick auf den Geist

9 Die psychische Entwicklung des Individuums
9.1 Instinkte
9.2 Aspekte der Gehirnentwicklung
9.3 Die Entfaltung von Wahrnehmungsfähigkeiten
9.4 Affekte und Gefühle
9.5 Frühe Interaktionen gestalten den Kontext für Bedeutungen
9.6 Auswirkungen früherer Erfahrungen
9.7 Vom präsymbolischen zum symbolischen Denken
9.8 Sich selbst erkennen und den anderen

10 Das Zusammenwirken von Bewusstem und Unbewusstem
10.1 Die Wissenschaft entdeckt die Psyche
10.2 Sigmund Freud
10.3 Carl Gustav Jung

11 Wolfgang Pauli
11.1 Wolfgang Pauli als Physiker
11.2 Wolfgang Pauli und C. G. Jung: Die Suche nach dem Hintergrund

12 Das Ziel des Weges – von der kosmischen Information zur Einheit von Geist und Körper
12.1 Die Bindung von Wahrnehmungen zu Objekten und Ereignissen
12.2 Quanteninformation als Voraussetzung von Bewusstsein
12.3 Erleben und Bewusstsein
12.4 Das ausgedehnte reflexionsfähige Ich
12.5 Das Selbst
12.6 Die dynamische Schichtenstruktur und die psychischen Prozesse
12.7 Das Selbst und seine Beziehungsmöglichkeiten
12.8 Die Frage der Willensfreiheit

13 Rückblick und Ausblick
13.1 Rekapitulation des Erkenntnisganges – von der kosmischen Information zum Bewusstsein
13.2 Die Einheit von Leib und Seele
13.3 Die Freiheit des Menschen
13.4 Kultur als Teil der Natur
13.5 Ethische Folgerungen
13.6 Geist jenseits des menschlichen Gehirns?

14 Literatur

15 Mathematisch-physikalischer Anhang

Index

[Homepage von Thomas Görnitz]http://www.rz.uni-frankfurt.de/~goernitz/

Darin zusätzliche [Ausführungen der Autoren zum Buchkonzept]http://www.uni-frankfurt.de/fb13/didaktik/Goernitz__Veroeffentlichung.html

Anmerkung: Entgegen der Informationen bei Amazon und auf der Verlagsseite hat das Werk gebundene 407 Seiten, nicht nur 300.

Deschler, Netti, Kolb, u.a. – Skullcrusher – Your Skull Will Be Mine

„Liebe Freunde des Metals und der gepflegten Unterhaltung, ja es ist mal wieder soweit…… HEAVY METAL IS THE FUCKIN‘ LAW!!!!!“

Ich kann da beim Lesen des Vorworts, welches ich oben kurz zitiert habe, uneingeschränkt zustimmen, denn die 10. Ausgabe des legendären SKULLCRUSHER-Mags versprüht wieder massenhaft Metalvibes, ehrlichen Undergroundcharme, fundiertes Szenewissen und eine große Portion Humor.

Gehuldigt wird dieses Mal den Thrashgöttern EXODUS und OVERKILL, den Aufsteigern CHILDREN OF BODOM, den fantastischen CALLENISH CIRCLE, den unterbewerteten BRAINSTORM und den Altposern HELLOWEEN. Sehr interessant finde ich auch das Interview mit den mir bis dato unbekannten Schweizern von CRYPTIC VOICE sowie den aus dem Raum Wolfsburg stammenden WASTELAND. Sehr klasse, dass der Underground auch immer noch am Leben ist und von qualitätsbewussten Mags gefeatured wird. Das Interview mit Quorthon von BATHORY habe ich in ähnlicher Weise schon mal irgendwo gelesen und zeigt einfach nur, wie furztrocken, aber auch irgendwie cool der Typ ist.
Auch die SKULLCRUSHER-History-Story wird fortgeführt und entpuppt sich wieder einmal als amüsante(r) Rock’n’Roll-Geschichte (-Movie). Wo ist eigentlich der Kasten Bier, den man meiner Ansicht nach während des Lesens schlabbern sollte? Den gibt es leider nicht, dafür bekommt man aber einen CD-Sampler vom kleinen aber feinen Label Insanity Records: http://www.insanityrecords.de , der es wahrlich in sich hat, denn hier wird einem über 70 Minuten die Rübe geföhnt. Dafür verantwortlich sind Bands wie PROTOTYPE, DARCANE, POSITIVELY NEGATIVE, MINDSCAPE, EVERFLOW, AVANISH oder LUNACY, um nur einige zu nennen.

Bleibt als Fazit: Das Produzententeam Dachser, Hamburger Royal TS und Dominik hat wiedermal ganze Arbeit geleistet. Tolle Ausgabe.

Wer übrigens an der Aktion „Deutschland sucht den Metalstar“ teilnehmen möchte, der bewirbt sich schleunigst bei:

SKULLCRUSHER Magazine
c/o Harald Deschler
Jörgstr. 9
88410 Bad Wurzach

oder schaut mal unter:

http://www.skullcrusher.net

Barry, Max – Logoland

Max Barry, 1973 geboren, war Computerverkäufer für Hewlett-Packard, bevor er sich dem Schreiben widmete. Sein Debütroman „Syrup“, der hierzulande unter dem Titel „Fukk“ veröffentlicht wurde, wurde laut Verlag ein Bestseller. Für „Logoland“ haben sich demnach bereits Steven Soderbergh und George Clooney („Solaris“) die Rechte gesichert.

Zu „Logoland“ gibt es ein begleitendes Internetspiel des Autors, das man unter der Adresse http://www.nationstates.net findet. Jeder Spieler könne seinen eigenen Staat mit seinen eigenen politischen Idealen kreieren, heißt es in den Buchinfos.

Die Satire schildert eine nahe Zukunft, in der die globalen Multis das gesellschaftliche Leben übernommen haben und alles bestimmen: die neue Weltordnung ist in greifbarer Nähe. Doch freie Marktwirtschaft führt auch in letzter Konsequenz zur schärfsten Auseinandersetzung, wenn keine Regierung mehr vermittelnd eingreift.

Die Welt in wenigen Jahren: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihr Territorium beträchtlich ausgeweitet. Dazu gehören jetzt die beiden Amerikas, Großbritannien, Indien, Russland, Japan und natürlich Australien. Die USA wiederum gehören keineswegs dem Volk und seiner gewählten Regierung, sondern vielmehr den multinationalen Konzernen – daher der Titel „Logoland“. Nur die EU und der schwarze Kontinent sowie der Orient leisten noch hartnäckigen Widerstand. (Die geografischen Verhältnisse sind auf einer Landkarte im Buch dargestellt.)

Die Konzerne treten als Sponsoren auf. So etwa gibt es Kindergärten und Schulen, die komplett von Mattel oder Microsoft geleitet und finanziert werden. Das Gleiche gilt für Straßen und Gesundheitsdienste: Ohne Cash (= Kreditkarte) kein Service. Die Regierung und die Kommunen sind einfach zu pleite, um diesen Job zu übernehmen. Es gibt nämlich keine Steuern mehr – wozu auch? Auch die Polizei wurde inzwischen privatisiert; das kann groteske Folgen haben. Die National Rifle Association (NRA) bildet inzwischen eine weltweit operierende Privatarmee, die gerne auch „Freischaffende“ engagiert und für jeden, der zahlungskräftig genug ist, Aufträge ausführt.

Hack Nike – alle Mitarbeiter in Logoland tragen automatisch den Firmen- als ihren Nachnamen – hat einen großen Fehler gemacht. Wieder einmal. Hack ist eigentlich für das Merchandising zuständig, doch zum Wasserlassen hat er sich in die Etage der Marketingfritzen gewagt. Dort wird er sofort von John Nike, dem Oberbösewicht des Romans, erspäht und für einen ungewöhnlichen Auftrag rekrutiert. Um seinen Job zu behalten, unterschreibt Hack einfach, was John ihm vorlegt. Wenige Minuten später ahnt Hack bereits, dass auch dies wohl ein Fehler war. Sein ganzes Leben scheint daraus zu bestehen.

Und das ist Hacks Job: Sportschuhhersteller Nike will einen sauteuren Schuh auf den Markt werfen, der pro Paar 2500 Dollar kosten soll. Null problemo, denn die Kids sind verrückt nach Nike’s Produkten. Um die „Street Credibility“ (Glaubwürdigkeit, Prestige) des Nike Mercury zu erhöhen, soll Hack bei der Markteinführung lediglich zehn Teenager töten. Sie starben für ihren Fetisch, soll es später heißen. Doch Hack hat noch nie einen Menschen getötet, könnte das auch gar nicht, wenn er seiner Freundin Violet glaubt.

In Logoland kann er diesen Auftrag ohne weiteres „outsourcen“: Er geht zur Polizei von Melbourne. Senior Sergeant ist auch gar nicht abgeneigt, gegen ein kleines Entgelt von 130 Mille den Job auszuführen. Doch niemand bei der Polizei will sich an so etwas die Finger schmutzig machen, und so wird der Auftrag erneut outgesourct: an die NRA. Die Waffenlobby und Privatarmee hat für so etwas genau die richtigen Leute. Leute wie Billy etwa, die eigentlich nur in Neuseeland Ski laufen wollten, aber dann doch wegen ihrer Zielsicherheit rekrutiert wurden.

Es kommt, wie es kommen muss: Am Tag der Markteinführung der Nike Mercurys werden in Melbournes Einkaufsmeile junge Menschen sterben. Zum Glück gibt es noch die Regierung – so unglaublich das klingen mag. Auch hier gilt das Namensprinzip, wonach ihre Mitarbeiter, die „Agenten“, statt des Familiennamens den Zusatz „Government“ tragen (daher auch der Original-Titel). Jennifer Government ist ein echte Powerfrau, die in jeder Situation automatisch die Leitung übernimmt. Und wie sich herausstellt, hat sie mit John Nike noch ein Hühnchen zu rupfen: Ihre Tochter ist sein Kind, das er nicht haben wollte.

Am Mercury Day also versucht Jennifer Government den Mord an zehn Teenagern zu verhindern und die Drahtzieher des Anschlags ausfindig zu machen. Wird es ihr gelingen?

So viel zu den ersten 50 Seiten. Der Rest des Buches wird noch wesentlich besser. Denn John Nike hat kapiert, was die ultimative Konsequenz aus der neuen Weltordnung ist: Krieg. Und warum sollte er nicht als neuer Weltpräsident daraus hervorgehen? Es kommt eben auf das richtige Marketing an, und dafür ist er mit seiner Guerillataktik genau der richtige Mann. Wenn nur nicht Jennifer Government wäre, seine Nemesis.

Im Verlauf der Handlung kristallisiert sich heraus, dass es in Logoland USA zwei konkurrierende Treuegesellschaften gibt, also etwas wie „Miles & More“ von der Lufthansa. United Alliance hat 500 Mio. Mitglieder, Team Advantage „nur“ 290 Mio. Mitglieder. Die beiden Systeme ersetzen die alten Machtblöcke Kapitalismus vs. Sozialismus, denn wer dem einen Block angehört, bekommt keine Services vom anderen Block. Und Konzerne wie IBM oder Nike gehören entweder dem einen oder dem anderen Block an. So kommt es, dass im turbulenten Finale des Romans ein Geschäft von Burger King im Auftrag von McDonald’s von der NRA per Raketenangriff pulverisiert wird. Geschäft ist eben Krieg. Buchstäblich. Man sollte das Wort „Konsumterror“ endlich ernst nehmen.

Die Tatsache, dass die Kapitel und ihre Unterabschnitte äußerst kurz sind und an die Dimensionen eines James-Patterson-Krimis erinnern, trägt stark zur Lesbarkeit des Buches bei. Die einzige Möglichkeit, mit dem Lesen innezuhalten, bilden die fünf großen Buchteile: eine Pause von immerhin zwei bis drei Seiten. Da der Text zu 90 Prozent aus Dialog besteht, liest sich der Roman wie das Drehbuch zu einem noch nicht realisierten Film.

Dieser Film, den ja Clooney & Soderbergh planen, würde wesentlich weiter über die schöne neue Konsumwelt von „Minority Report“ hinausgehen. In der von Spielberg adaptierten Vision des Jahres 2054 wird jeder Bürger per Netzhautabtastung erkannt und sofort mit personalisierten Lokal-Services bestürmt: „Besuchen Sie The Gap!“ „Nutzen Sie unsere halbstündigen Sonderangebote jetzt, Mister Anderton!“ In Logoland könnte Mr. Anderton mit seiner Treuekarte nur noch bei bestimmten Herstellern kaufen. Alle seine Bewegungen würden von Videokameras überwacht und aufgezeichnet, seine Kreditwürdigkeit würde in Sekundenschnelle feststellbar sein. Die Wunder der EDV machen dies bereits jetzt möglich. Auch der Computervirus, der im Buch von einem Konzern gegen den anderen eingesetzt wird, wäre wohl bereits jetzt möglich. Immerhin hat sich der Autor kompetent beraten lassen, wie man aus seiner eloquenten Danksagung erfährt, und vermeidet erfolgreich die gröbsten Schnitzer.

Eine ganze Reihe von Near-future-Szenarien wie „Logoland“ existiert bereits, und einige davon sind sogar satirisch aufgezogen. Doch leider fehlt ihnen einerseits der Biss und die Glaubwürdigkeit der Vision, weil sie sich nur auf bestimmte Ausschnitte der beschriebenen Realität beschränken. Zum anderen kommt häufig die menschliche Wärme zu kurz und die Möglichkeit, dass sich Menschen im Laufe der Zeit grundlegend ändern können. Schließlich sind Menschen doch lernfähig, oder?

Es gibt in Logoland einige Figuren, die sich radikal ändern, meist zum Besseren. Dazu gehört Hack Nike. Am Anfang nur ein Jammerlappen und Loser, wie er im Buch steht, entwickelt er sich durch die Fürsorge und Liebe einer Frau, Claire, zu einem Rebellen, der sich sogar gegen John Nike zu behaupten vermag. Wer hätte das gedacht. Wie in einem Roman von John Brunner (ich denke an „Der Schockwellenreiter“ und „Schafe blicken auf“) wird er zu einem Aktivisten, der seine Mitmenschen zu mehr Bewusstheit verhelfen will: Er manipuliert Werbeplakate und überfällt sogar einen McDonald’s. Leider hat er es auch in Nike Town schwer, den Kids, die bereits alles gewöhnt sind, was an Promotion auf sie losgelassen wird, klarzumachen, dass er keine Werbefritze ist, sondern ein Kritiker. Erst als die Kids bemerken, dass er KEINE LOGOS trägt, ist er glaubwürdig!

Ebenso positiv entwickelt sich der Börsenmakler Buy Mitsui. Er schafft gerade noch sein Plansoll und hat nach dem Nike-Town-Zwischenfall, in den er gerät, eine Art Burnout. Er kann sich zu nichts mehr aufraffen, das nach Geschäft riecht. Nicht einmal einen 45er Colt kann er richtig bedienen, um sich damit umzubringen. Über Umwege wird er von Jennifer Government quasi als Babysitter und Ersatzvater ihrer Tochter Kate adoptiert. Im Beisammensein mit dem Mädchen und in der Fürsorge blüht er richtig auf. Als Kate von John Nike entführt wird, muss er all seinen Einfallsreichtum aufbieten, um die Lage, d.h. sein Leben zu retten.

John Nike hingegen ist so ‚was von zielbewusst und skrupellos, dass er schon wieder als Verkörperung des Bösen erscheint. Dieses Urteil würde ihm aber keine Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er ist lediglich ein zielbewusster Marketingheini, der weiß, was auf dem Personalmarkt gebraucht wird und was er dadurch erreichen kann. Er erklärt zum Beispiel den US-Präsidenten für abgesetzt, weil der eh nichts zu sagen habe. Es lebe das freie Spiel der Marktkräfte! Der Rest des Buches besteht daraus aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Sie sind keineswegs angenehm: NRA-Heckenschützen, Virenattacken und NRA-Raketenangriffe sind die nunmehr legalisierten Auswüchse des „Laissez-faire“, das John Nike erklärt hat.

Kostprobe gefällig? John Nike: „Demokratie ist ein einziger Schwachsinn, Li.“ [NRA-General] Li setzte sich. „Wir beim Militär haben schon immer die Demokratie abgelehnt.“ – „Sehr vernünftig“, sagte John. „Also gut, reden wir über Panzer.“

Natürlich wird „Logoland“ das, was eine Satire seit jeher beabsichtigt: eine Warnung an die Lebenden. Durch absichtliche Übertreibung von bestehenden Entwicklungen und Auswüchsen entsteht ein Zerrbild, in dem sich eine mögliche Zukunft abzeichnet, wenn keine Maßnahmen eingeleitet werden, um sie zu verhindern. Manche Satiren übertreiben es (s.o.) in dieser Hinsicht, sind bierernst oder gar statisch. „Logoland“ schafft es gerade noch, auf dem Teppich zu bleiben. Sein Dystopia ist bereits zum Greifen nahe. Amerikanisches Expansionsstreben hat sich im Irak wieder einmal bewiesen. Aber geografische Expansion ist nichts gegen die globale Expansion der US-Konzerne, auch und gerade in Deutschland. Und diese Konzerne sind keineswegs Freunde der Gewerkschaften, sondern operieren – wie mehrfach im Roman – nach dem Prinzip „hire and fire“.

Neben der Funktion des Warnschildes soll eine Satire aber noch mehr können: Es sollte Spaß machen, sie zu lesen. Die überspitzten Dialoge und die grotesken Verhältnisse, die der Autor schildert, liefern so manchen Aha-Effekt und lassen den Leser manchmal, besonders am Anfang, lauthals auflachen. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem man der Groteske Glauben schenkt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Spätestens dann sollte der Roman auch spannend werden. Und das ist „Logoland“ ebenfalls – bis zur letzten Seite des Hauptteils. (Der Epilog beleuchtet das weitere Schicksal von John Ex-Nike.) Ich zumindest habe das leicht lesbare Buch in zwei Tagen verschlungen.

„Logoland“ ist beides: ein actiongeladener, geradezu rasanter Wirtschaftsthriller, aber auch eine Charakter- und Gesellschaftsstudie. Der schier atemlose, dialoglastige Text macht das Lesen leicht, doch sollte man dabei die zahlreichen intelligenten und mitunter witzigen Ideen nicht übersehen, die dem australischen Autor eingefallen sind.

Statt an Philip K. Dick hat mich „Logoland“ weitaus mehr an den Schotten Irvine Welsh („Trainspotting“) und den Manchester-Briten Jeff Noon („Alice im Automatenland“, „Gelb“, „Pollen“, „Nymphomation“) erinnert: der gleiche Einfallsreichtum, der gleiche Mut zur Groteske, nur diesmal übertragen auf die Wunderwelt der Globalwirtschaft. Logoland, wir kommen!

_Michael Matzer_ © 2003ff

Mankell, Henning – Hunde von Riga

Neun Bände umfasst inzwischen die Krimiserie um Kurt Wallander, dem dauer-Kaffee-trinkenden schwedischen Polizisten, dessen Erfolg mit dem „Mörder ohne Gesicht“ begann. Laut seinem Schöpfer, Henning Mankell, ist damit das Ende der Serie beschlossen, allerdings scheint Wallanders Tochter Linda in seine Fußstapfen treten zu wollen, wie der neueste Krimi „Vor dem Frost“ vermuten lässt..
Mankell, geboren 1948 in Härjedalen, Nordschweden, geht mit 17 Jahren nach Stockholm und lernt dort am Riks-Theater Regie führen. Kurz darauf beginnt er zunächst über gesellschaftliche und politische Themen zu schreiben. Nach einer Afrikareise, 1972, widmet er seine nächsten Werke den Themen Arbeiterbewegung, Imperialismus und Klassenkampf. Sein erster Roman „Das Gefangenenlager, das verschwand“ erscheint 1979.
Mankell teilt sein Leben zwischen Afrika und Schweden auf; in Afrika unterstützt er den Aufbau eines Theaters und engagiert sich mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, in Schweden arbeitet er als Schriftsteller und in verschiedenen Theatern als Intendant und Regisseur.

Nun liegt mir mit „Hunde von Riga“ der zweite Wallander-Roman vor, ein Buch, das sich ebenfalls deutlich dem politischen Thema widmet. Geschrieben 1992, führt Mankell sich die schwierige Situation der östlichen Länder zu Gemüte, im Besonderen jene von dem immer noch unter sowjetischen Einfluss stehenden Lettland. Kurt Wallander taucht dort in ein Nest von Verschwörung, Korruption und Armut ein, das er nur schwer begreifen kann.
Beginn ist das Auftauchen eines Rettungsbootes am schwedischen Strand, das zwei Leichen und unzählige Fragen mit sich bringt, zumal ein anonymer Anrufer dieses Geschehen voraus gesagt hatte. Die Männer wurden gefoltert und hingerichtet, dies ist Wallander schnell klar, doch die Identität bleibt ein völliges Rätsel. Immerhin ergibt die Obduktion, dass es sich nicht um Schweden, sondern wahrscheinlich um Russen handelt, und das Boot wird als ein jugoslawisches Exemplar erkannt, was die Einmischung des Außenministeriums zur Folge hat. Dieses nimmt Kontakt mit der baltischen und der sowjetischen Polizei auf, und tatsächlich wird mit einem Anruf von Major Liepa aus Riga, Lettland, die Identitäten der Männer aufgedeckt, allerdings bleibt das Mordmotiv weiterhin unbekannt.
Major Liepa fliegt in Schweden ein, um Wallander bei den Ermittlungen behilflich zu sein. Wallander, dessen politisches Wissen in Bezug auf Lettland und Sowjetunion alles andere als ausreichend ist, lernt durch Liepa den Freiheitsdrang der Letten näher kennen. Schon nach kurzer Zeit empfindet er einen tiefen Respekt für seinen lettischen Kollegen und dessen Arbeitsweise. Dann wird der Fall nach Riga abgegeben und für Wallander scheint dies das Ende der Ermittlungen zu sein, worüber er nicht gerade unzufrieden ist.
Als ihn die Nachricht erreicht, dass Major Liepa am Tag seiner Rückkehr ermordet wurde, wird er nach Riga gerufen, um Liepas Vorgesetzten bei der Aufklärung zu helfen. Doch Ungereimtheiten fallen ihm ins Auge: der Tatort wurde unzulänglich untersucht, es gibt keine schriftlichen Berichte vom Major über seine Arbeit in Schweden, Wallander selbst wird beschattet und abgehört.
Als die Ehefrau des Majors heimlich Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm anvertraut, dass der Major einer Gruppe angehörte, die für die Freiheit und Unabhängigkeit Lettlands kämpft, und dass sie einen der Vorgesetzten von Liepa des Mordes an dem Major verdächtigen, wird Wallander langsam klar, in welchen gefährlichen, fast überkochenden Kessel er da geraten ist.

Aus der Sicht eines unwissenden, alternden Polizisten zeichnet Mankell mit genauem, stechendem Blick ein Horrorszenarium, das unter die Haut geht. „Hunde von Riga“ ist sowohl ein spannender Krimi als auch der Versuch, die politische und menschliche Situation eines Landes zu verstehen, das durch die Besetzung mit russischen Truppen seiner Unabhängigkeit beraubt wurde und nun die Chance sieht, diese wieder herstellen zu können. Eine Zeit des Umbruchs und eines drohenden Bürgerkrieges, in der die Mafia, korrupte Polizisten und Drogenhandel eine bedeutende Rolle spielen.
Mankell lässt seine Charaktere wie guten Wein geduldig reifen, gibt jedem eine kleine, persönliche Note und erzählt in einfachen, deutlichen und fesselnden Worten die Geschichte eines Mannes, der seines Berufes überdrüssig ist, aber einfach nicht aufhören kann, der seine Tochter viel zu selten sieht, der große Probleme mit seinem Vater hat und der sich in eine Frau verliebt, für die er selbst seine Existenz aufs Spiel setzt, obwohl ein Zusammensein unerreichbar scheint.
Unglaubliche Spannung, eine teilweise schwermütige Atmosphäre und eine bewundernswerte, erzählerische Intensität katapultierten dieses Buch berechtigterweise in die Bestsellerlisten und bei mir in die Favoritenabteilung. Ein unbedingtes und ohne Diskussion notwendiges Muss für alle Krimileser!

Leseprobe:
„Obwohl es mitten am Tag war, befanden sich nicht viele Menschen auf der Straße. Wallander näherte sich langsam dem Haus, das Major Liepa an jenem Abend verlassen hatte, als er zu seinem letzten Spaziergang aufbrach. Ihm fiel ein, dass Rydberg einmal gesagt hatte, ein Polizist müsse manchmal wie ein Schauspieler sein und das Unbekannte mit Einfühlungsvermögen erkunden. Einem Täter oder Opfer unter die Haut kriechen, sich Gedanken und Reaktionen vorstellen. Wallander ging zur Eingangstür und öffnete sie. Im Treppenhaus war es dunkel und ein beißender Uringestank schlug ihm entgegen. Er ließ die Tür los, die sich mit einem schwachen Knacken fast lautlos wieder schloss.
Woher die Eingebung kam, konnte er nicht sagen. Aber als er dort stand und in das dunkle Treppenhaus starrte, schien er plötzlich deutlich vor sich zu sehen, wie alles zusammen hing. Ein kurz aufflackerndes Bild, das unmittelbar darauf wieder erlosch. Es war entscheidend, dass er sich an alle Einzelheiten erinnerte. Es muss vorher schon etwas geschehen sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Als Major Liepa nach Schweden kam, war bereits viel passiert. Das Rettungsboot, das Witwe Forsell bei dem Mossby-Strand entdeckt hatte, war nur Teil eines Ganzen, dem Major Liepa auf die Spur gekommen war. Das war es, was Upitis wissen wollte, als er seine Fragen stellte. Hatte Major Liepa sich ihm anvertraut, hatte er darüber gesprochen, dass er von einem Verbrechen in seiner Heimat etwas wusste oder ahnte? Wallander wurde schlagartig klar, dass er bisher einen Gedankenschritt übersprungen hatte, den er schon früher hätte erkennen müssen. Wenn Upitis mit seiner Vermutung Recht hatte, dass Major Liepa von jemandem aus seinen eigenen Reihen verraten worden war, vielleicht von Oberst Murniers, lag es dann nicht auf der Hand, dass sich außer Upitis noch andere Leute dieselbe Frage stellten? Was weiß eigentlich der schwedische Polizist Kurt Wallander? War es möglich, dass Major Liepa ihm etwas anvertraut hatte?
Wallander wusste jetzt, dass die Angst, die er in Riga schon mehrmals verspürt hatte, ein Warnsignal gewesen war. Vielleicht sollte er wachsamer sein als bisher? Es bestand kein Zweifel, dass die Verantwortlichen für die Morde an den Männern im Rettungsboot und an Major Liepa nicht zögern würden, noch einmal zu töten.“

Homepage von „Kurt Wallander“: http://www.wallander-web.de

Kronlob, Lars – Magie des Seins, Die

Spirituelle Menschen und Esoteriker betrachten unsere Zeit als eine Phase des Umbruchs, die den Weg ins Neue Aeon, das Horus- oder Wassermannzeitalter, öffnet und unser Wirken in sowie unsere Wahrnehmung von der Welt grundlegend umstrukturiert. Die Symbiose verschiedener spiritueller Systeme, das Zerfließen starrer Grenzen und die Vernetzung an gemeinsamen Knotenpunkten sind deutlich wahrnehmbare Aspekte dieses Wandels. Lars Kronlob widmet sich in seinem aktuellen Buch „Die Magie des Seins“ einer besonders für Einsteiger und Interessierte gut geeigneten Darstellung der meisten bei uns dominanten spirituellen und weltanschaulichen Strömungen, um dem Leser zum einen Einblick in die Grundzüge dieser Systeme zu geben, zum andren aber auf Gemeinsamkeiten aufmerksam zu machen, die ganz klar zeigen, dass scheinbar unabhängige und nach noch immer verbreiteter Auffassung klar unterschiedene Wege letztlich benachbarte Verzweigungen zu gleichen Zielen beschreiten.

Teil 1 des Buches steigt mit philosophischen Grundsatzbetrachtungen ein, die sich des Wesens des Seins, der Existenz annehmen und sich mit freiem Willen und bewussten Wahlmöglichkeiten befassen. Dazu zählen unter andrem Betrachtungen zur Unterscheidung und Polarität, zum Wesen und Prinzip der Magie und Metaphysik sowie der Methodik von Sein und Handeln. (Für Neueinsteiger in diese Materie: Der Begriff der Magie hat nichts mit Hokuspokus-Simsalabim zu tun, nicht wahr, ebenso wenig, wie sich das vorliegende Buch mit Licht-und-Liebe-Kristallkugel-Esoterik befasst.)
Da die Einfachheit der Dinge und Zusammenhänge ebenso zum hier dargelegten Weltbild gehört, befleißigt sich Kronlob einer sehr gut verständlichen, einfachen Überblicksdarstellung ohne Schnörkel und unverständliche Fachausschweifungen.
Eines der Basiswerke der hermetischen Philosophie, die Tabula Smaragdina, wird in Grundzügen vorgestellt und inhaltlich analysiert. Die Übersetzung stammt hierbei übrigens, ebenso wie beim angeführten „Haute Magie“ von Éliphas Lévi, von Lars Kronlob selbst; eine vorbildliche Arbeitsweise.
Da auch der gern zitierte Paradigmenwechsel in der Wissenschaftswelt für eine Verschiebung des philosophischen Weltbildes verantwortlich zeichnet, geht der Autor in diesem Zusammenhang ebenfalls auf die Wissenschaftsproblematik und grundlegende Neuerkenntnisse ein, die prägende Wirkung hatten und haben (Planck, Einstein, Heisenberg, Tipler, Hawking u.a.).
Um Möglichkeiten zur Veränderung einzuleiten, bleibt eine kritische Betrachtung und psychologische Sezierung der christlichen Kultur, starrer Strukturen, Konditionierungen und der nur auf dem Papier bestehenden Religionsfreiheit nicht aus; hierbei verweist Kronlob u.a. auf die exzellenten Betrachtungen von Whitehead.
Gesellschaftsphilosophisch gesehen, wird die Möglichkeit eines anarchistischen Ansatzes angerissen, der wohlgemerkt nichts mit Chaostagen und linksradikalen Auswüchsen zu tun hat.

Damit wäre ein Überblick über die wichtigsten Geisteswerkzeuge des Neuen Aeons gegeben. Im zweiten Teil des Buches werden die wesentlichen Strömungen dieser Wegrichtung beleuchtet und knapp umrissen, als da wären: der viel umstrittene, oberflächlich pauschalisierte und stets unrechtens verleumdete Satanismus; der Weg von Thelema, des Gesetzes von Aiwaz, vornehmlich durch A. Crowley voran getragen; Chaosmagie, ein moderner, unorthodoxer Ansatz der magischen Arbeit; Ásatrú, die Treue zu den Asen und nordischen Traditionen; Hexentum und Wicca, die derzeit geradezu in eine emanzipatorische Modeerscheinung ausarten.

Auch ohne dass letztlich eine explizite Synthese erfolgt oder ein summierendes Modell vorgestellt wird, werden die Gleichartigkeiten, Gemeinsamkeiten und Grundsätzlichkeiten der Wege ins Neue Aeon klar deutlich. Wer bereit ist, neue Pfade zu beschreiten, sich von Konventionen und geistiger Knechtschaft zu befreien, seinen Willen zu ergründen und zu tun, der findet in diesem sehr liebevoll gestalteten und ausgeschmückten Band zahlreiche Ansätze und Denkanstöße, die mächtens sind, den Konsum- und Obrigkeitssklaven aus dem Tiefschlaf wachzurütteln und alternative Betrachtungs-, Denk- und Handlungsweisen freizulegen. Ein solides Einsteigerwerk mit wichtigen Grundgedanken über Welt und Wirken, das ich den Interessierten als Überblicksbetrachtung nur wärmstens empfehlen kann – und ich hoffe, dass die Lektüre dazu anregen kann, sich eingehender in der Fachliteratur mit den hier vorgestellten Wegen zu beschäftigen, denn ein Neues Aeon lässt sich nur gemeinschaftlich erschaffen.

Homepage des Verlages: http://www.esoterick.de
Homepage des Autors: http://www.LarsKronlob.de
[Inhaltsverzeichnis]http://www.larskronlob.de/esoterick/inhaltmagiedesseins.htm
[Leseprobe aus Teil 1]http://www.larskronlob.de/esoterick/leseprobemagiedesseins.htm

Randi, James – Lexikon der übersinnlichen Phänomene

James „The Amazing“ Randi, Preisträger des MacArthur Genius Award, kann auf eine beachtliche Karriere als Zauber- und Entfesselungskünstler verweisen, ist aber seit geraumen Jahren vor allem als führender Vertreter der Skeptikerbewegung bekannt und tat sich hervor, indem er das Wirken von Sonderlingen wie Uri Geller durchleuchtete und bloßstellte. Aufmerksamkeit erhascht er seit einigen Jahren vor allem durch seine fragwürdige Aktion, eine Million Dollar für die unwiderlegbare Präsentation eines paranormalen Phänomens ausgesetzt zu haben. Diese Summe dürfte er verschmerzen können; allein sein Dutzend Buchveröffentlichungen findet reißenden Absatz in der Gemeinschaft seiner Glaubensbrüder. Im deutschsprachigen Raum ist kürzlich das „Lexikon der übersinnlichen Phänomene“ erschienen, das ich etwas näher betrachten möchte und dessen skeptischem Inhalt ich ausgesprochen skeptisch entgegen trete.

Die Irritationen beginnen bereits beim Titel und seinem Anspruch. Im Deutschen als „Lexikon der übersinnlichen Phänomene“ betitelt, lautet die 1995 entstandene und 1997 erschienene Originalfassung „An Encyclopedia of Claims, Frauds and Hoaxes of the Occult and Supernatural“, eine deutlich abweichende Gewichtung, wie ich finde, die in der deutschen Fassung falsche Erwartungen wecken und voreilige Käufer unangenehm überraschen dürfte. Der Untertitel „Die Wahrheit über die paranormale Welt“ ruft einiges Stirnrunzeln bei mir hervor, denn abgesehen von dem damit postulierten Wahrheitsanspruch – jubilieret, endlich wieder jemand, der die viel zitierte Wahrheit kennt und durchschaut hat – wird die Erwartungshaltung noch zusätzlich in eine falsche Richtung gelenkt; im Gegensatz zum Originaltitel, der sich zumindest noch größtenteils mit dem tatsächlichen Inhalt deckt. Der Anspruch, sich als „Enzyklopädie“ oder „Lexikon“ bezeichnen zu dürfen, ist allerdings in beiden Fällen überzogen – und bei einem Einzelautoren ohnehin fragwürdig – und nicht gerechtfertigt, und das betrifft die Ebenen von Sachlichkeit, Objektivität, Umfang, Betrachtungstiefe, Vollständigkeit und Qualität.

In dieser eher als Kommentarsammlung zu betrachtenden Veröffentlichung geht es saftig skeptisch zur Sache. Was das anbelangt, bekommt das Buch durchaus seinen Existenzberechtigungsschein genehmigt und hätte eine solide Angelegenheit werden können, wenn Randi bei Themen geblieben wäre, von denen er konkret etwas versteht und die er gründlich recherchiert hat. So wären Entlarvungen von Spiritisten, Medien, Hochstaplern etc. garantiert in einen Bereich gefallen, zu dem Randi gerade als Zauberkünstler etliche fundierte Beobachtungen und Anmerkungen anbringen kann. Diese Themen werden im Buch auch angesprochen, die biographischen Ausführungen zu derlei Persönlichkeiten sowie einige Erklärungen zu besonders häufigen Tricks und Fehlannahmen stellen auch die wenigen Lichtblicke des „Lexikons“ dar. Außerdem dürfte für Leser, die selbst passionierte und glaubensfundamentierte Skeptiker sind, der überaus zynische, ironische und abfällige Tonfall, der das Buch durchzieht, eine echte Wonne sein; auf sachlicher Ebene ist diese Form allerdings völlig unangemessen und klar am Ziel vorbei kalkuliert. Das reicht höchstens, um sich unter Gleichdenkenden gegenseitig amüsiert bestätigend auf die Schulter zu klopfen, so wie es bei diesem Buch allein schon durch die Anmerkung von Isaac Asimov und das Vorwort von Arthur C. Clarke geschieht, ein Gespann, das sich in dieser Schulterklopferei schon seit langer Zeit genüsslich übt.
Es stellt sich bei der herablassenden Art und Weise direkt die Frage, für wen das Buch gedacht ist. Bei Berufs-Skeptikern reichen die hier verkündeten Wahrheiten nämlich höchstens für ein süffisantes „Ich hab’s schon immer gesagt“, bei noch schwankenden oder allzu leichtgläubigen Menschen, die sicher einigen Nutzen aus diversen Buchanteilen ziehen könnten, dürfte der Stil und die Art der Themenbehandlung sehr schnell abschreckend wirken.
Außerdem leiden selbst die vernünftig ansetzenden Passagen unter dem sich durchziehenden Makel der Oberflächlichkeit, subjektiven Auswahl und bruchstückhaften Darstellung. Oftmals ist nicht einmal klar, aus welchem Grunde bestimmte Schlagworte Einzug in die Sammlung fanden oder nach welchem Kriterium hier überhaupt ausgewählt wurde, manche Stichworte sind nicht mehr als hingeworfene Stichpunktbrocken, die zudem auch noch einzelne Teilaspekte aus dem Gesamtbegriff herauspicken. Zu einem klaren Kopfschütteln führt nach der Lektüre folgende Vorbemerkung Randis:
„Ich bin aufrichtig bemüht gewesen, mich bei der Zusammenstellung dieses Buches nicht dogmatisch auszulassen. Sollten in einzelnen Artikeln persönliche Ansichten – statt rein sachlicher Darstellungen – eingeflossen sein, bitte ich diese Aufdringlichkeit zu entschuldigen.“ Es tut mir leid, aber das ist schlichtweg lächerlich und entweder bewusst geheuchelt, ironisch gemeint oder aus mangelnder Selbsterkenntnis heraus formuliert. Das Buch besteht praktisch aus kaum etwas anderem, wobei auch hier völlig unklar ist, warum manche Einträge tatsächlich eine rein faktische Kurzdarstellung sind, andere mit ähnlichem Inhalt dagegen direkt ins Lächerliche gezogen und unsachgemäß abgehandelt werden. Willkür, Sprunghaftigkeit, Inkonsistenz, die angesprochene Oberflächlichkeit, Knappheit, Überheblichkeit und Wahrheitsansprüche ließen meine noch so bemühten Versuche, der Betrachtungsweise des Autoren zu folgen, versauern und führen letztlich dazu, dass ich auch die vernünftigen und sinnvollen Beiträge nicht mehr ernst nehmen kann und dem Skeptiker mit massiver Skepsis entgegen treten muss, wie schon eingangs angemerkt.

Als kleiner Einschub sei hier eine Kostprobe von Randis objektiver Logik kredenzt:
„Glauben Sie, dass Homöopathie okay ist, wenn sich jemand dadurch besser fühlt, auch wenn es nur im Geiste ist?“
Randi: „Auch durch Heroin fühlen sich die Leute besser, aber ich würde nicht empfehlen, Heroin zu nehmen.“
Man mag mir verzeihen, aber dieser völlig stumpfsinnige Vergleich ist jeden weiteren Kommentars unwürdig.

Ich möchte zur Verdeutlichung meines Eindrucks eine frei herausgegriffene Anzahl von Fallbeispielen aus dem Buch zitieren und kommentieren, die wiederum eher unbeabsichtigt mein Amusement hervorriefen (denn sich über derart geballte Schwachmatik zu ärgern hieße, derlei Äußerungen mehr Energie und Aufmerksamkeit zu widmen, als sie tatsächlich wert sind):

Um bei obigem Zitat zu bleiben, dessen Thema auch im Buch angesprochen wird, sei auf die Untersuchungen zur Homöopathie von Dr. Masuro Emoto (Untersuchungen der individuellen Kristallstruktur von Wassermolekülen) verwiesen sowie auf Arbeiten von Dr.rer.nat. Wolfgang Ludwig, des Schweizer Chemikers Louis Rey oder jene einiger Wissenschaftler des Kwangju Institute of Science of Technology in Korea; einige Artikel dazu waren beispielsweise auch hierzulande in der Bild der Wissenschaft nachzulesen. Die Sachlage ist bei der Homöopathie alles andere als geklärt.
Ein echter Schenkelklopfer ist der Kommentar zur Homöopathie: „Einziges Ziel der Homöopathen ist es, die Symptome einer Krankheit zu behandeln – nicht ihre Ursachen, die sie nicht anerkennen. Deshalb fällt die Homöopathie korrekterweise in den Bereich der Magie. Und der Quacksalberei.“ Köstlich. Wie die meisten aufgeschlossenen Mediziner bestätigen dürften, behandelt der Großteil schulmedizinischer Arzneien ebenfalls nur das Symptom von Krankheiten und löst nicht das ursächliche Problem (und versteht dieses zumeist gar nicht erst, so weit ist die Medizin noch nicht gediehen). Damit wissen wir ja nun, wo die Schulmedizin einzuordnen ist.
Ähnlich putzig sind die Ausführungen zum Begriff „Wissenschaft“: „Wahre Wissenschaft erkennt ihre eigenen Mängel. Diese Bereitschaft, die eigenen Grenzen, Fehler und das Vorläufige aller Schlussfolgerungen anzuerkennen, macht eine ihrer Stärken aus. Auf die Vorteile dieses Verfahrens verzichten müssen jene, die Wissenschaft zu betreiben vorgeben, aber es nicht wirklich tun: die zahlreichen produktiven Pseudowissenschaftler und die Spinner.“ Sehr amüsant, vielleicht sollte sich der gute Mann einmal in der Realität der „wissenschaftlichen“ Inquisition umsehen.

Unter dem Begriff „Abrakadabra“ lesen wir: „Name der höchsten Gottheit der Assyrer“. Das ist unbelegter Blödsinn, wenn man mich fragt. Die hier erwähnten Bezüge zu Amuletten etc. sind vielleicht auf die gnostische Gottheit „Abraxas“ zurückzuführen, die ebenfalls nur eine abgeschliffene Namenskürzung ist. „Abraxas“ kann in diesem „Lexikon“ übrigens auch nachgeschlagen werden, hier findet aber interessanterweise kein Rückverweis oder eine Verbindung statt. Amüsanterweise findet sich später im Lexikon der Eintrag „Marduk: In der assyrischen Mythologie der Gott der Götter…“. Oh, also doch. Ja, was denn nun? Ethymologisch lässt sich das „Abrakadabra“, das eigentlich ein „abrahadabra“ ist, übrigens auf das hebräische „ha brachah dabarah“ zurückführen, das etwa „den Segen sprechen“ bedeutet. So viel Tiefgang in der Recherche hat den Autor aber scheinbar überfordert.

Akupunktur ist Randi zufolge ebenso wie Homöopathie eine esoterische Behandlungsform ohne nachweisbare Wirkung und Nutzen. Kein Kommentar.

Die Kurzdarstellung des Okkultisten Dr. Rudolf Steiner im Zusammenhang mit seiner Anthroposophie ist ausgesprochen oberflächlich und hätte durchaus mehr Anlass geboten, um sich mit dem selektiven Geschichtsgedächtnis der Anthroposophen näher zu befassen, die Steiners führende Zugehörigkeit zu den Form gebenden okkulten und nationalistischen Organisationen und Orden der Jahrhundertwende, auch jenen, die sie selbst als „satanistisch“ verteufeln, gern ignorieren. Nur ein Beispiel unter vielen, wo eine an sich interessante biographische Betrachtung durch ihre selektive Form zur Nutzlosigkeit verkommt. Eine „Enzyklopädie“ bietet sicherlich etwas mehr Raum für eine paar zusätzliche Zeilen, ansonsten hätte man sich diese gesonderten Stichpunkte auch gerade heraus sparen können.

Wir lernen außerdem: „Beelzebub“ ist im Neuen Testament der oberste Teufel und ein anderer Name für Satan. Die Bibelstelle dazu lasse ich mir gern zeigen, aber soweit mir bekannt, hat der „Oberste der bösen Geister“ dort den Namen „Beelzebul“, vermutlich in Anlehnung an den alttestamentarischen „Baal“. Wiederum recht dürftig.

Erich von Däniken wird als „Mystiker“ bezeichnet. Vielleicht sollte er mal den hier recht frei verwendeten Begriff in einem richtigen Lexikon nachschlagen – oder die Übersetzer haben hier schwer gefuscht.

Aleister Crowley wird schlichtweg als „Satanist“ bezeichnet, was nicht nur oberflächlich, sondern rundheraus falsch ist. Er nannte sich Randi zufolge „Das Tier 666“ wegen des Bezuges aus der Offenbarung. Dass er dies letztlich eher provokativ und selbstironisch tat, weil seine Mutter ihn stets als das Große Tier bezeichnete, scheint dabei unwesentlich und ginge für ein derart oberflächliches Buch wohl analytisch auch zu sehr in die Tiefe.

Die durch den englischen Hofmagus Dr. John Dee gefundene und bekannt gewordene Sprache des Enochischen oder Henochischen wird im Lexikon als „Enochianisch“ angegeben, eine Formulierung, die mir gänzlich neu und vermutlich eine kreative Eigenleistung der Übersetzer ist.

Zum Begriff der Kundalini: „Ein Sanskritwort, das ‚Schlangenkraft‘ bedeutet. Dabei handelt es sich um die feurige Schlange, die angeblich zusammengerollt an der Basis der menschlichen Wirbelsäule schläft. Trotz eifriger Suche ist es Anatomen bisher nicht gelungen, die Kundalini aufzuspüren.“ Ein selten unqualifizierter Kommentar zu bildhaft-mythologischen und metaphysischen Überlieferungen.

In Bezug auf Nostradamus gibt es einen netten kleinen Schnitzer, als er erwähnt, dass in II,51 das Wort „antique“ im Altfranzösischen nicht „alt“, sondern „exzentrisch“ oder „schrullig“ bezeichnet. Warum in seiner Übersetzung dann die entsprechende Zeile mit „Die alte Dame wird von [ihrem] hohen Platz stürzen“ angegeben wird, weiß vermutlich nur Wahrheitsapostel Randi. An späterer Stelle wird das Wort dann noch mit „senil“ gleichgesetzt. Saubere Arbeit. Er liefert an dieser Stelle übrigens auch gleich die einzig korrekte Interpretation des zugehörigen Vierzeilers, endlich jemand, der weiß, was Nostradamus uns sagen wollte (was natürlich nicht als Eigenwerbung für sein diesbezügliches Buch verstanden sein darf).
Zu Nostradamus sei allerdings angemerkt, dass zu den erfreulichen Lichtblicken des Buches die zahlreich vertretenen Weltuntergangs-Prophezeiungen gehören, die Randi genüsslich zerlegt. Hier ist der Tonfall durchaus mal angemessen, das Lesen macht Freude und die zeugenden Jehovas dürfen sich verschämt die Augen zuhalten.

So, weiter im Text. Beim Eintrag unter „Pentagramm (auch Drudenfuß)“ wird in keiner Weise auf Herkunft oder Symbolik eingegangen, sondern lediglich erwähnt, dass man dieses Zeichen als Talisman mit sich herumträgt oder als Bannkreis für Dämonen verwenden kann. Sehr fundierte und schrecklich hilfreiche Analyse. Genau deswegen sind Lexika wie dieses so unentbehrlich für die Allgemeinbildung. Aber ich weiß jetzt ja auch dank Randi, dass „Abrakadabra“ gern als Spruch zum Höhepunkt eines Zaubertricks verwendet wird…

Zu der Tatsache, dass man auch in der „Neuen Welt“ Runenzeichen auf Monolithen und Grabmalen fand, merkt Randi an, dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass diese echt sind. Dass die Wikinger schon geraume Zeit vor den katholischen Eroberern in Amerika gelandet waren und dies inzwischen auch nicht mehr angezweifelt wird, scheint nicht bis zu ihm vorgedrungen zu sein. Andererseits ist Randi natürlich im Alleinbesitz der einzigen Wahrheit und schlägt jeden Fachwissenschaftler, da er meint, zu so ziemlich jedem Wissensgebiet seinen Kommentar abgeben zu müssen.

Der „Sabbat“ wird von Randi nur auf seinen Wesenszug als heidnisches Hexenfest erwähnt, er hält es nicht einmal für nötig, dies begrifflich als „Hexensabbat“ abzuheben. Da werden sich die Juden freuen. Vollständige und tief greifende „Enzyklopädien“ sind doch immer eine Bereicherung.

Nun ja, und bevor ich mich doch noch zu ärgern beginne, klatsche ich dieses Buch, das die Welt nicht braucht, in eine dunkle Ecke und widme mich wieder sinnhafter Lektüre. Zur Belustigung für zwischendurch ganz nett, wenngleich es an die Broschüre über Okkultismus von der Hamburger Behörde nicht ganz heran kommt. Schade, hätte durchaus etwas draus werden können. Wenigstens weist der Anhang ein Literaturverzeichnis auf, so dass man sich darüber informieren kann, woher die fundierten Ansichten abgepinselt wurden.

Homepage des Autors: http://www.randi.org/
[Beispiel]http://www.alternativescience.com/randi_retreats.htm für die Ablehnung einer leider gut überprüfbaren Herausforderung

Robert Charles Wilson – Darwinia

Europa ist verschwunden, das British Empire existiert nicht mehr, es schlägt die Stunde der Neuen Welt: Der Kontinent Darwinia, der an der Stelle der Alten Welt aufgetaucht ist, lädt zur Erkundung ein. Dieser Roman vereinigt Elemente aus Büchern von Joseph Conrad, Stephen King und Arthur C. Clarke zu einer ganz eigenen, faszinierenden Mischung.

Robert Charles Wilson wurde 1953 in Kalifornien geboren und lebt in Toronto. Er gehört seit seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Darwinia“ zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart. Für diesen Roman erhielt er den Philip K. Dick Award für das beste Science-Fiction-Taschenbuch. Er schrieb auch den Bio-Thriller „Bios“ (1999), der bei uns Anfang 2003 erschien.

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Hanjo Lehmann – Die Truhen des Arcimboldo

Hanjo Lehmann, Jahrgang 1946, sitzt in seinem nach meinem Ermessen fabelhaften Kirchen-Thriller nicht gerade zimperlich mit den Machenschaften der Träger von blütenrein gewaschenen Talaren zu Gericht; insofern hätte das Buch auch der Rubrik „Zeitkritik“ zugeordnet werden können. Was das angeht, sei direkt eine Vergleichsmöglichkeit zu ähnlich gelagerten Werken von Vandenberg gezogen, auch Stilelemente des ewig gern heran zitierten Eco-Klassikers „Der Name der Rose“ lassen sich formgebend antreffen.
Lehmann studierte Germanistik, Philosophie und Medizin. Der einzige mir bekannte weitere Roman des Autors ist das 2001 erschienene „I killed Norma Jeane“, das wohl missglückt sein soll, wie ich aber nur als Hörensagen wiedergeben kann. Die gebundene Ausgabe des vorliegenden Werkes „Die Truhen des Arcimboldo“ wurde 2002 von Rütten & Loening erneut aufgelegt, die zunächst beim Aufbau-Taschenbuch-Verlag erschienene Broschur gab es dann als Neuausgabe von Bastei-Lübbe, nun wurde von |Aufbau| die Broschur in der 19. Auflage wieder herausgebracht; beides kommt zum echten Kaufmichpreis.

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Farkas, Viktor – Rätselhafte Wirklichkeiten

Viktor Farkas, Jahrgang 1945, widmet sich seit vielen Jahren der Erforschung grenzwissenschaftlicher Phänomene, immer auf der Jagd nach neuen Berichten und Begebenheiten. Sein Bestseller „Unerklärliche Phänomene“, mittlerweile neu aufgelegt und überarbeitet, hat weltweit Interesse und Beachtung hervorgerufen. Er ist ebenso wie Dr. Johannes Fiebag & Peter Fiebag, Hartwig Hausdorf, Ernst Meckelburg und Dr. Carlos Calvet Mitglied der VfgP.

In „Rätselhafte Wirklichkeiten“, das ich schon vorweg als Ausnahmeveröffentlichung dieses Genres bezeichnen möchte, hat er sich teils älterem Material zugewandt und dieses überarbeitet und aktualisiert, darüber hinaus aber auch viel Neues zu berichten. Farkas plaudert für uns „aus den Archiven des Unerklärlichen“ und lässt es nicht dabei bewenden, eine auf Dauer ermüdende Auflistung vorzubringen. In der Tat waren die „Rätselhaften Wirklichkeiten“ die erste Sammlung dieser Form, die ich förmlich am Stück verschlang, was sowohl an der Themenauswahl und dem sympathischen Schreibstil – in stets möglichst vorsichtiger Formulierung, ohne Pseudoerklärungen und Einseitigkeiten zu strapazieren – liegen mag, als auch daran, dass in den 80 Unterkapiteln nicht nur Ereignisse, Orte und Seltsamkeiten beschrieben werden (weit mehr als die auf dem Buchrücken angesprochenen „80 Begebenheiten“ übrigens), sondern stets Querverweise und Erklärungsmöglichkeiten erfolgen und, wo möglich, Hintergrundinformationen angeboten werden. Jedem Hauptkapitel geht das passende Zitat einer bekannten Persönlichkeit voran, jedem Unterkapitel eine stimmige Kurzeinleitung.

Das sehr umfangreiche Literaturverzeichnis ist lobend hervorzuheben, ich fände es allerdings deutlich positiver, wenn der entsprechende bibliographische Verweis direkt nach jedem Abschnitt erfolgen würde oder in diesen eine Nummerierung auf das Quellbuch verwiese, was einfach der wissenschaftlichen Notation entspräche. So dürfte es etwas mühselig werden, konkrete Recherchearbeit zu leisten. Dennoch: eine vergleichsweise solide Sammlung und Auflistung von Quellmaterial. Hinzu kommen 32 im Buch verteilte Hochglanz-Bilder, die dem stimmungsvollen Lesen deutlich zuträglich sind. Ein Register fehlt hier ebenfalls nicht, so dass die formalen Aspekte schon einmal zufrieden stellend erfüllt wurden.

Viktor Farkas hat bei der Auswahl der Materialien seiner teils erstaunlichen Schilderungen darauf geachtet, auf möglichst belegbare Vorkommnisse und Forschungsergebnisse zurück zu greifen und die Menge an „Hörensagen“ zu minimieren. Zwar kann das Buch dem verheißungsvollen und überzogenen Anspruch des Rückentextes natürlich nicht gerecht werden, der meint: „Denn die unglaublichen Geschichten werden alle mit hieb- und stichfesten Hintergrundinformationen untermauert, die jeden Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit ausschalten.“ – Das wäre natürlich eine feine Sache, doch dem ist nicht so. Dennoch handelt es sich zumeist um Fälle, die zumindest nicht widerlegt werden können, die durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt werden oder zumindest durch eine ausreichend hohe Anzahl glaubwürdiger Zeugenaussagen fundamentiert werden, um nicht direkt als Belanglosigkeiten belächelt und vom Tisch gefegt werden zu können. Es geht Farkas übrigens nicht darum, eine wissenschaftlich nicht erklärbare Realität zu untermauern, sondern die Beschränkungen unseres Verständnisses der Welt aufzuzeigen und zum neugierigen Weiterforschen und Überschreiten von Konventionsschranken wissenschaftlicher Arbeitsweise mit offenem Blick und unter Erwägung alternativer Möglichkeiten zu animieren.

Meine besondere Neugierde weckten in diesem Falle übrigens die grenzwissenschaftlichen Erwähnungen, die über reine Psi-Phänomene hinaus gehen, so zum Beispiel Berührungspunkte zu Freier Energie oder Gravitationsanomalien. Aber in diesem Buch dürfte für so manchen etwas dabei sein und interessierte Laien wie auch skeptisch Unschlüssige sind eingeladen, Farkas‘ Ausführungen zu folgen und eine verborgene und gern geleugnete Wirklichkeit zu erforschen. Einen Überblick über die angesprochenen Bereiche gibt die nachfolgende grobe Inhaltsübersicht:

Vorwort: Wenn Trugbilder und Dogmen wanken

Teil I: Geheimnisvolle Fähigkeiten
1 Die Kräfte des Geistes
2 Die Rätselhaften

Teil II: Wir sind nicht allein
3 Intelligentes Leben neben uns
4 Die Schatten der Anderen

Teil III: Leben und Tod
5 Im Grenzbereich
6 Die Jenseits-Connection

Teil IV: Unbekannte Kräfte und Mächte
7 Attacken aus dem Anderswo
8 Fremdartige Naturerscheinungen
9 Zeit aus den Fugen

Teil V: Was es nicht geben dürfte
10 Harte Nüsse für die Schulwissenschaft
11 Wenn die Logik nicht mehr mitspielt
12 Verbotenes Wissen

Nachwort
Anhang

Homepage des Autors: http://www.vfgp.de/farkas/

Wilson, Robert Charles – Bios

Mutter Erde ist ein Waisenkind. Das stellt sich heraus, als die Menschen den Planeten Isis erforschen. Doch um diese Wahrheit zu erfahren, müssen die Forscher aufhören, als Menschen zu existieren. – „Bios“, im Original 1999 erschienen, ist ein wissenschaftlich fundierter und recht spannend geschriebener SF-Roman: ein wahrer Bio-Thriller.
Robert Charles Wilson wurde 1953 in Kalifornien geboren und lebt in Toronto. Er gehört seit seinem mehrfach preisgekrönten Roman „Darwinia“ zu den bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart.

Im 22. Jahrhundert haben die Menschen die von Seuchen und Biowaffen verheerte Erde weitgehend verlassen müssen. Zunächst gründeten die konservativen Nonkonformisten am Rande des Solarsystems, im so genannten Kuiper-Gürtel, eigene Kolonien. Alle Hoffnungen jedoch ruhten auf weit entfernten erdähnlichen Welten wie Isis, die man komplett und in großer Zahl besiedeln konnte.
Auf Isis, so beobachten die Forscher, ist die Evolution natürlich anders verlaufen als auf der Erde, weniger von Katastrophen und Mutationen heimgesucht. Folglich ist das Leben an sich, die Zellen selbst, hoch entwickelt und äußerst wehrhaft gegen Einwirkungen von außen. Den Menschen präsentiert sich ein Paradies, das für sie absolut tödlich ist: Die Isis-Organismen zersetzen menschliche Zellen zu einer schwarzen Soße.
In dieses tödliche Wunderland dringt eine neue Alice vor. Mit Namen Zoe Fisher, soll sie erst auf der Orbitalstation Dienst schieben, später dann die neueste Errungenschaft der Erdwissenschaft testen: einem neuen Exkursionsanzug. Dafür ist’s auch höchste Zeit, denn die Isis-Mikroben haben offenbar eine Methode gefunden, um die Dichtungen der Bodenstationen und der herkömmliche Exkursionsanzüge, die schwer gepanzert sind, zu zersetzen: Der Untergang der Menschen auf – und über – Isis ist besiegelt.
Zoe ist nicht nur außen besser geschützt als der Rest, sondern auch innen. So kann sie weiter vordringen als irgendein Mensch vor ihr, mitten in eine Kolonie intelligenter Wesen. Und dort stößt sie auf ein unglaubliches Geheimnis.

Ich habe diesen Bio-Thriller in nur einem Tag gelesen. Das ist nicht schwer, denn die Kapitel sind so kurz wie bei James Patterson und ebenso spannend. Außerdem kam es mir dabei so vor, als hätte ich so manches Motiv bereits irgendwo anders gelesen – wenn auch nicht in dieser Kombination. Um zu entsprechenden Quellen zu gelangen, müsste man in die siebziger Jahre zurückgehen, zu Autoren wie Alan Dean Foster, oder noch weiter zurück.
Sei’s drum: Die Story reißt mit. Und es geht dem Autoren ja nicht um die simple Erforschung des Geheimnisses von Isis oder den unabwendbaren Untergang seiner Erforscher, sondern vielmehr auch um die Untersuchung eines Testfalls. Getestet wird hier nicht die Fremdwelt, sondern die Menschheit des 22. Jahrhunderts. Dieser Test bezieht sich nicht nur auf die fortgeschrittene Technik – das wäre ja zu erwarten -, sondern insbesondere auf die psychosoziale Verfassung der Menschen, die mit Isis zu tun haben.
Wie oben erwähnt, ist die Menschheit lange in zwei Siedlungszonen gespaltet gewesen: die Erdlinge, die das Kartell hervorgebracht haben, und die nonkonformistischen Rebellen der Kuiper-Welten. An der Front, also in der Isis-Orbitalstation und in den Bodenstationen, müssen beide zusammenarbeiten. Doch nur die Erdlinge haben leitende Funktionen inne, die Kuiper-Rebellen machen die Drecksarbeit und sind folglich unter den ersten, die geopfert werden.
Dieses System erinnert an die mittelalterliche Zeit des Feudalismus, als sich die Adligen zu Zeiten der Pest in ihren Schlösser und Burgen verschanzten, in der Hoffnung, von der tödlichen Seuche verschont zu werden. Eine Illusion, wie sich oft herausstellte. Edgar Allan Poe hat darüber eine schön-schaurige Geschichte geschrieben: „Die Maske/Der Maskenball des Roten Todes“ (The Masque of the Red Death).
Nun wiederholt sich die Geschichte auf Isis: Die ‚Bauern‘ werden geopfert, die ‚Adligen‘ und Funktionäre versuchen ihre Haut zu retten, und nur ein einziger Mensch setzt sich wirklich mit dem grundlegenden Problem auseinander: Zoe Fisher, unsere Alice im Wunderland. Als 150 Jahre später nach einer Revolution wieder Forscher nach Isis kommen, werden sie als alte Bekannte begrüßt – aber nicht von Menschen und nicht in einer ihnen bekannten Sprache. Werden die Waisen der Sterne endlich nach Hause finden?

Wie gesagt, lässt sich „Bios“ sehr schnell und spannend lesen. Der Schluss ist ein schöner Augenöffner, soll hier aber nicht verraten werden.
Die Übersetzung vom Ehepaar Linckens trägt wesentlich zum Verständnis der zahlreichen Fachbegriffe aus der Biochemie bei: Diese Begriffe werden kurz in Fußnoten erklärt. Auch stilistisch ist die Übersetzung ein echter Pluspunkt des Buches.
Science-Fiction-Kennern werden einige Motive bekannt vorkommen, so dass sie das Buch nicht gerade umhaut. Die Vorgänge an Bord der Isis-Orbitalstation hätte beispielsweise C. J. Cherryh wie in „Pells Stern“ (Downbelow Station, HUGO-preisgekrönt) sicherlich spannender und komplexer geschildert. Die Exkursionen auf Isis selbst wurden schon x-mal ähnlich beschrieben, etwa in zahllosen Folgen von „Earth 2“. Eigenständig ist wohl eher die Figur der Zoe Fisher und das System, das sie hervorgebracht hat.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Hausdorf, Hartwig – Begegnungen mit dem Unfassbaren

„Begegnungen mit dem Unfassbaren“ – ein weiterer reißerischer Titel der Superlative, dessen Inhalt nicht wirklich so unfassbar ist, wie vermutet werden sollte. Aber interessant sind die „Reisen zu den geheimnisvollsten Stätten dieser Welt“ (ach, schon wieder ein Superlativ) allemal, die Hartwig Hausdorf hier beschreibt, seines Zeichens langjähriger Erforscher des Unerklärlichen und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich. Er ist ebenso wie Ernst Meckelburg, Viktor Farkas, Dr. Carlos Calvet oder Dr. Johannes Fiebag Mitglied im VfgP (Verein für grenzwissenschaftliche Phänomene) und in Dänikens A.S.S. (Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik & SETI). Das Buch erschien zuvor unter dem Titel „X-Reisen“ (ein bedeutend geschmackvollerer und passenderer Titel, wie ich finde) bei Herbig und wurde für Knaur vollständig überarbeitet und aktualisiert.

Bekannt wurde Hausdorf vor allem durch die Tatsache, dass es ihm als erstem westlichen Forscher gestattet wurde, für einen kurzen Zeitrahmen archäologische Forschungen in China zu betreiben. Dabei entdeckte er für die westliche Welt die lang verborgenen und verheimlichten chinesischen Pyramiden, die in Anzahl und teils auch Größe die Summe der weltweiten Funde vielfach übertrumpfen dürften, Südamerika eingerechnet. In kurzen Auszügen und Darstellungen widmet er sich diesen Funden auch in „Begegnungen mit dem Unfassbaren“, und hier komme ich zu dem Faktum, das die Darstellungsweise des Buches etwas aus der beachtlichen Masse an Veröffentlichungen zu ähnlichen Themen heraushebt: Die einzelnen Kapitel sind zu einem guten Teil in Form von Reiseberichten aus eigener Erfahrungssicht heraus gestaltet, angereichert mit Hintergrundinformationen und gelegentlichen Vergleichsfällen.

Zwar nimmt Südamerika hierbei den größten Raum ein, zumeist basierend auf einer Gruppenreise zusammen mit Dr. Johannes Fiebag 1996 (was in dieser Form in der zweiten Hälfte des Buches wiederholt ausgeführt wird, etwas nervend und den Schluss nahe legend, dass die Berichte nicht im Zusammenhang, sondern lose gesammelt entstanden). Doch Hausdorf nimmt auch verschiedenste andere Lokalitäten in Augenschein und geht dabei durchaus schematisch vor. Die Reise führt von Deutschland (die ersten drei Kapitel) über die Karpaten und Malta nach China, Australien, die Osterinsel und schließlich nach Süd- und Mittelamerika. In den meisten Fällen handelt es sich um Orte, die Besuchern zugänglich sind und somit jenen mit genügend finanzieller Polsterung Anreiz zu faszinierenden Ausflügen abseits des Pauschaltourismus sein sollte. Dass auch Seltsamkeiten im deutschen Raum angeführt werden, finde ich dabei sehr positiv, denn nicht jeder kann mal eben die Bauten Perus bestaunen fliegen.
Der Schreibstil ist dabei angenehm zu lesen und inhaltlich gut gemischt dargestellt, wenn auch teils etwas selbstverliebt in seiner Art. Persönliche Kommentare zu den Orten, die auch über die Buchthematik hinausgehen, verleihen dieser Veröffentlichung eine sympathische Note. Vier Dutzend teils großformatige Fotos und Skizzen reichern die Reiseberichte an, eine Liste mit Begriffserklärungen fehlt ebenso wenig wie ein Ortsregister für diesen kleinen Reiseführer des Unerklärlichen. Eine Spezialität sind die Reisehinweise zu etlichen der vorgestellten Orte im Anhang, inklusive Anschriften und Kontaktadressen. Da juckt es den Leser spontan in den Füßen, loszulegen und sich einen eigenen Eindruck von diesen ungewöhnlichen Orten und Vorkommnissen zu verschaffen, wäre da nicht die finanzielle Frage im Wege.

Das Buch bietet eine interessante Auswahl an besonderen Orten und „Sehenswürdigkeiten“ (im Wortsinne) und könnte in dieser Form gern eine Fortsetzung erfahren, wenngleich der Informationsgehalt zu Hintergründen und Lokalgegebenheiten nicht zu sehr in die Tiefe geht und eher als Zusatzlektüre oder Anreiz für andere Veröffentlichungen dieser Sparte zu betrachten sein sollte.
Die Einzelheiten der Darstellung kann man nachfolgender Kurzübersicht des Inhaltes entnehmen:

Vorwort: Wenn einer eine Reise macht
1 „Sternenkind“ aus dem Jahre 1735?: Deutschlands unheimlichstes Museumsstück
2 „Göttliche“ Vorbilder?: Schädeldeformationen auch in unsrem Land
3 „Mind over matter“: Spukorte in Oberbayern
4 „Götterkriege“ in den Karpaten: Kam die Vernichtung von oben?
5 Kleine Insel – Große Rätsel: Malta ist immer eine Reise wert
6 Im Schatten der vergessenen Pyramiden: Auf Forschungsreise durch das verbotene China
7 „Wenn es nicht so fantastisch klingen würde…“: Die Sternenkarte aus dem Mumiengrab
8 „Terra australis incognita“: Mysteriöse Funde aus der „Traumzeit“
9 Wenn Steine reden könnten: Die Riesen der Osterinsel hüten ihr Geheimnis
10 Horrornacht im Dreiländereck: Am Originalschauplatz einer UFO-Entführung
11 Verkehrte Welt: Bergauf geht’s nach unten!
12 Rätsel der Anden: Die zeitlosen Ruinen von Puma Punku
13 Am „Gipfel der grausamen Götter“: Weltwunder im Hochland von Kolumbien
14 „Baut ein Abbild eures Sonnensystems!“: Teotihuacan – ein gigantisches Planetarium in Stein
15 Trauminsel mit besonderer Note: Puerto Rico – die Insel der UFOs
16 Die Pyramiden von Güimar: Vermächtnisse eines erloschenen Vulkans
Begegnungen mit dem Unfassbaren
Begriffserklärungen
Einige Worte zum Ausklang
Danksagung
Ortsregister

Homepage des Autors: http://www.vfgp.de/hartwighausdorf/

Gabaldon, Diana – Meer der Lügen, Das

Diana Gabaldon dürfte eigentlich jedem Büchernarr zumindest vom Namen her ein Begriff sein, denn ihre Highland-Saga um Claire Randall und James Fraser schuf Millionen begeisterter Fans und erreichte eine Auflage von über drei Millionen Exemplaren allein in Deutschland. Gabaldon, 1952 in Williams, Arizona, geboren, war vor ihrer Schriftstellerkarriere Honorarprofessorin für Tiefseebiologie und Zoologie an der Universität von Arizona. Sie schrieb den ersten Band der Saga, „Feuer und Stein“, eigentlich nur zum Üben, konnte nach dessen Erscheinen allerdings das Schreiben zum Beruf machen.
Während ihre Anhänger auf den sechsten Band warten, präsentiert sie inzwischen mit „Das Meer der Lügen“ – das seine Weltpremiere in Deutschland erlebt – den Auftakt zu einer neuen Romanreihe. Die Hauptfigur ist ein alter Bekannter: Lord John Grey, ein treuer Freund und langjähriger Briefpartner von James Fraser. Jedoch sei schon mal vorweggenommen, dass es sich nicht um den Beginn einer neuen Schottland-Saga handelt, sondern der Leser hier in einen äußerst verzwickten Kriminalfall hineingerät.

Wir treffen auf Lord John Grey im Jahre 1757 in London, kurz nach seiner Rückkehr aus dem schottischen Zwangsexil. Genauer gesagt, kommt er gerade in den zweifelhaften Genuss, bei dem Verlobten seiner Cousine Joseph Trevelyan während eines intimen Bedürfnisses Syphilis zu entdecken – oder diese Krankheit zunächst einmal zu vermuten. Verständlich, dass diese Vermutung ihre Bestätigung verlangt, was jedoch nicht das Einzige ist, was Grey das Leben schwer macht.
Denn außerdem ist einer seiner Soldaten bei einer Rauferei zu Tode gekommen und bei dem pflichtgemäßen Witwenbesuch macht ihn das merkwürdige Verhalten der Frau stutzig, noch dazu die Tatsache, dass sie von ihrem neuen Freund Finbar Scanlon bereits seit fünf Monaten schwanger ist und dieser seine Nervosität nicht verheimlichen kann. Grey wird von seinem Vorgesetzen auf den Fall angesetzt und erfährt, dass der verstorbene Tim O´Connell für einen Spion gehalten und ihm Jack Byrd als Überwacher auf den Hals gehetzt wurde. Außerdem ist Byrd ein Hausdiener von Trevelyan und passenderweise seit dem Mord spurlos verschwunden.
Bei seiner zweigleisigen Ermittlung steht ihm auch ausgerechnet der Bruder von Byrd tatkräftig zur Seite, was die ganze Sache nicht gerade erleichtert. Und die ist schon kompliziert genug. Auf der Spur der Mörder gerät er in einen Streit um die Leiche, denn sowohl die Witwe als auch die Geliebte des Verstorbenen sehen jeweils das Recht zur Beerdigung auf ihrer Seite, und so wird Grey fast selber Opfer einer Prügelei.
Auf der Spur der Syphilis hingegen landet er zuerst in einem Bordell, was seiner Neigung nun überhaupt nicht entspricht, und dann in einem gewissen Männer-für-Männer-Club, was seiner Neigung wiederum voll entspricht.
Doch in beiden Fällen türmen sich Rätsel auf: Sind die Verwandten der Witwe oder der Geliebten die Mörder? Oder war es doch der unbekannte Auftraggeber, der seinen Spion lieber komplett zum Verstummen brachte?
Was tut Trevelyan in einem Herrenclub, noch dazu mit einer Dame? Und wer ist die Dame, wegen der eine unglaubliche Diskretion herrscht? Hat Trevelyan nun Syphilis oder haben Greys Augen ihm einen Streich gespielt?
Der Fall wird noch mysteriöser, als die gewisse unbekannte Dame tot aufgefunden wird, das Gesicht völlig unkenntlich gemacht, – und Grey feststellen muss, dass diese Dame doch ein Herr ist.

Diana Gabaldon versteht sich einfach auf’s Schreiben. Sie bleibt auch bei ihrem neusten Buch ihrem Stil treu, der eine Riesenportion Humor, eine lockere und flüssige Schreibweise sowie äußerst lebendige und interessante Charaktere beinhaltet. Natürlich kann man diesen Roman nicht mit den dicken Highland-Schwarten vergleichen – an deren Komplexität kann ein Krimi gar nicht herankommen – aber Gabaldon hat damit bewiesen, dass sie nicht nur ein Genre beherrscht.
„Das Meer der Lügen“ saugt den Leser sofort in sich auf und wenn dieser nicht ertrinken will, sollte er schleunigst miträtseln. Genau das trifft es: Es ist eine Freude, Grey auf seiner Spurensuche zu folgen, jedem Charakter misstrauisch gegenüber zu stehen und die kleinen Überraschungen während der Ermittlung zu genießen.
Gabaldon-Fans werden dem Buchhändler ohnehin die Exemplare aus den Händen reißen, doch auch diejenigen, die noch nicht in den Genuss der Schottland-Saga gekommen sind, sollten hier mal testen, erst Recht, wenn sie auch noch Krimi-Liebhaber sind. Verwirren können allerdings die eingestreuten Hinweise auf James Fraser, dazu sei den ’neuen‘ Lesern gesagt: Nicht beachten, sie sind für die Story nicht wirklich wichtig! Und wenn ihr Muße und Zeit habt, holt euch die anderen Bände!
Fazit: Ein Gabaldon eben! Bleibt nur noch das Warten auf den nächsten Band.

Homepage der Autorin: http://www.dianagabaldon.com

Josef Dvorak – Satanismus

„Die Verteufelung des ‚kreativen Chaos‘ ist eine Verdrängung, deren Resultat eine erstarrte, lebensfeindliche ‚Gesellschaft‘ ist.“ (J. Dvorak, Konrad Becker zitierend)

Da Bücher über das Phänomen „Satanismus“ nur allzu gern den Federn von Theologen, so wie auch in diesem Falle, und Sektenbeauftragten zu entwachsen scheinen, sieht sich der Leser meist dem vernichtenden erhobenen Zeigefinger des Autors gegenüber und es fällt daher oft schwer, einer differenzierten und objektiven Betrachtungsweise Raum zu geben. Dieses Buch ist anders, in jedweder Hinsicht, zumal, wenn es darum geht, eine konsistente und dem Werk gerechte Klassifizierung zu liefern. Es ist sicherlich für jeden, der sich eingehender mit dem „Leibhaftigen“ und den damit einhergehenden Ausformungen eines Kultus der Selbstvergöttlichung auseinander setzen will, eine der besseren Publikationen zum Thema Satanismus / Okkultismus im deutschen Raum, auch wenn der alles bzw. nichts sagende und etwas plakativ daherkommende Titel zunächst den Anschein eines dieser typischen, an Banalität und Oberflächlichkeit nicht zu überbietenden Werke vermittelt. Dem tut auch der Untertitel („Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus – Geschichte und Gegenwart“) vorerst keinen Abbruch.

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King, Stephen – Im Kabinett des Todes

Der Erfolgsautor Stephen King steht vor dem Ende seiner Schriftstellerkarriere: Er hat das angekündigt. Nun wird noch kurz aufgeräumt. In diesem Band sind die kürzeren Werke aus der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre gesammelt. Nun warten wir noch auf „The Wolves of Calla“, einen Roman aus dem Zyklus um den Dunklen Turm. Und dann? Stephen King – was kann man noch sagen, was nicht schon allgemein bekannt ist? Er ist einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Und nicht ohne Grund. Das sollte eigentlich genügen.

Zu den vierzehn Stories:

1) Autopsieraum vier

Frisch vom Golfplatz in die Autopsie – so schnell kann’s gehen, denkt sich sich Howard Cottrell, Börsenmakler, entsetzt. Warum war er hier, kurz davor, mit einer Schere wie ein Truthahn aufgeschnitten zu werden? Warum kann er seine Hände nicht bewegen, geschweige denn, einen Laut von sich geben, um zu protestieren? Ein Schlangebiss scheint ihn gelähmt zu haben. Ihm ist einzig und allein gestattet, zuzuhören, wie die Chirurgin mit dem Praktikanten anbandelt, der den ersten Schnitt führen soll. Anästhesie? Fehlanzeige! Howard Cottrell möchte schreien und kann nicht.
Stephen King erzählt das klassische Thema „lebendig begraben“, nur eben in den Autopsieraum verlegt. Und er macht einen klasse Job daraus. Der Leser leidet praktisch mit dem Scheintoten mit. Oder ist Howie vielleicht doch tot und erlebt alles nur von „höherer Warte“? Oder ist dies nur sein Traum? Bis zum Schluss lässt uns der Autor im Ungewissen zappeln.

2) Der Mann im schwarzen Anzug

Für diese Story erhielt King eine der höchsten Auszeichnungen für US-Autoren, den O. Henry Award. King selbst hält die Story nicht für genug gut, um sich für diesen hohen Preis zu qualifizieren, aber für den Kritiker ist es nicht schwierig, die Gründe für die Entscheidung der Jury herauszufinden.
Zum einen geht es um eine uramerikanische Figur: den Teufel in menschlicher Verkleidung. Und die knappe Handlung findet an uramerikanischen Orten statt: auf einer Farm und am benachbarten Forellenbach. Gary ist im Sommer 1914 erst neun Jahre alt, als er nach getanem Tagwerk die Erlaubnis erhält, angeln zu gehen. Nahe Castle Rock ist der Wald damals noch weitläufig und kühl, die Bäche sauber und voller Forellen. Doch als Gary zwei Prachtexemplare gefangen hat, kreuzt der „Mann im schwarzen Anzug“ auf. Er riecht nach Schwefel und seine Augen sind Löcher, hinter denen das Höllenfeuer brennt. Sein Gebiss ähnelt dem des Weißen Hais, doch seine Lügen treffen Gary bis ins Mark. Eine schicksalhafte Begegnung folgt, die Gary erst 81 Jahre später nieder zu schreiben wagt.
Hier merkt man wieder, wie stark sich King in das Seelenleben eines Jungen hineinzuversetzen vermag. Mit wenigen Absätzen versetzt er diesen Jungen in eine Welt, die noch gar nicht so lange vergangen ist: Der Teufel ist hier noch lebendig, und wie weiland in Irland kann man ihm und seinen Versuchungen am helllichten Tag begegnen. Eine spannende Story, die man gleich noch einmal lesen möchte.

3) Alles, was du liebst, wird dir genommen

Eine sehr traurige Story, aber mit witzigen Einsprengseln. Alfie Zimmer, seines Zeichens Vertreter für Tiefkühlgerichte im Mittleren Westen, will sich heute Abend umbringen. Er hat im Motel eingecheckt und seine Smith & Wesson bereitgelegt: Kaliber 9 Millimeter – eine beträchtliche Durchschlagskraft.
Bevor er sich umbringt, ruft er noch fürsorglich an der Ostküste im Haus seine Frau Maura und seiner Tochter Carlene an, erreicht aber nur den Anrufbeantworter. Als er sich den Revolver in den Mund steckt, fällt sein Blick noch einmal auf sein Notizbuch. Er kann es nicht so aufgeschlagen liegen lassen. All diese Klosprüche! Obszön, schweinisch, politisch ganz bestimmt nicht korrekt, und zum Schluss noch dieser: „Alles, was du liebst, wird dir genommen.“
Diese Sprüche hat Alfie in den einsamen Toiletten entlang der einsamen, endlosen Highways gesammelt, weiß der Herr, warum. Flaschenpost auf dem stillen Örtchen? Aber was würde die Polizei daraus schließen? Oder seine Frau? Alfie nimmt den Revolver aus dem Mund, stellt sich auf den Parkplatz und wartet ab, ob ihm der tobende Wind das Notizbuch aus der Hand reißen wird. (Und wenn er nicht gestorben ist, steht Alfie Zimmer dort noch heute. Wir können nur für ihn und seinesgleichen beten, meint der Autor.)
Eine sehr traurige Geschichte: der Tod eines Handelsvertreters in seiner klassischen Form. Die einzigen Lichtblicke jedoch stammen von den witzigen Klosprüchen. Und sie bringen Alfie wirklich zum Nachdenken, so dass er über das richtige Versmaß grübelt und die Tatsache, dass ‚Maine‘ der einzige Bundesstaatname ist, der wegen seiner Einsilbigkeit in Klosprüchen vorkommt… Ein verfehltes Leben, das ist Alfie Zimmer. (Diese Geschichte erschien im renommierten Literaturmagazin ‚The New Yorker‘.)

4) Der Tod des Jack Hamilton

1934, Prohibition, Chicago-Gangster. Die Story erzählt zunächst eine rechte Räuberpistole, schlägt dann allmählich in eine Groteske mit makabren Zügen um, bevor sie richtig anrührend endet. Nachdem John Dillingers Bande eine Bank auf dem Lande überfallen hat, muss sie das Weite suchen. Allerdings wurde sein Komplize Jack Hamilton angeschossen, will aber nicht zugeben, wo. Als die Gangster glücklich im Hinterzimmer einer Chicagoer Absteige landen, nimmt man Jacks Verwundung näher in Augenschein. Wie sich zeigt, hat Jack einen glatten Lungendurchschuss erlitten. Wenn er eine raucht, dringt der Rauch wieder hinten (!) aus ihm heraus.
Die Geschehnisse werden von Jacks Freund Homer erzählt. Nach Dillingers Erschießung durch das FBI wunderte man sich nämlich allenthalben über dessen demolierte Oberlippe, und Homers Memoiren sollen erklären, wie es dazu kam. Der Grund dafür war, dass Homer und Dillinger Jacks letzten Wunsch erfüllten und es dabei zu einem beinahe tödlichen Unfall kam.

5) Im Kabinett des Todes

Bei dem Titel gebenden Raum handelt es sich schlicht und ergreifend um einen Raum im Keller einer Polizeistation irgendwo in Zentralamerika. Der amerikanische Journalist wird hierher gebracht, um verhört zu werden – wenn nötig mit Folter. Seine Folterknechte – Escobar mit dem mexikanischen Akzent, eine 60jährige, die aussieht wie „Frankensteins Braut“, ein Gunman sowie ein schleimiger Kriecher, der die Folterwerkzeuge bedient – wollen erfahren, was Fletcher über die Pläne des Rebellen weiß, der die bestehende Ordnung bedroht.
Kurz und gut: Die Ereignisse in diesem „Kabinett des Todes“ verlaufen etwas anders, als es die Beteiligten erwartet haben.

6) Die Kleinen Schwestern von Eluria

Eine Episode aus Kings umfangreichem ‚magnum opus‘ „Der dunkle Turm“. Ich setze die Vorgeschichte als allgemein bekannt voraus (sorry!). Der Revolvermann, eine der Hauptfiguren des Zyklus, gelangt in eine scheinbar verlassene Stadt, wird von Mutanten überwältigt und von den Kleinen Schwestern gepflegt. Mit kleinen Häppchen der Erkenntnis steigert King das Grauen, das nun folgt: Der Gunman ist in die Hände von Vampiren gefallen und muss zusehen, wie ihnen einer der Lazarettgenossen nach dem anderen zum Opfer fällt. Er ist der nächste… Wird es ihm gelingen, sich rechtzeitig zu befreien? Lest selbst! (Diese Novelle erschien zuerst in R. Silverbergs Anthologie „Der 7. Schrein“.)

7) Alles endgültig

Ein seltsames Bild: Ein junger Mann schüttet Woche für Woche Kleingeld in den Gully (und Scheine in den Müll-Schredder). Der junge Mann, Dinky Earnshaw, wurde von einer obskuren Behörde namens Trans Corp. angeheuert, ausgebildet und postiert – so wie etliche andere mit Fähigkeiten wie Dinky (sie werden „Trannys“ genannt, was im Englischen die Abkürzung für Transvestiten ist – eine kleine Ironie am Rande). Jede Woche gibt’s 70 Dollar zum Verpulvern. Was nicht weg ist, muss vernichtet werden, etwa im Gully. Mr. Sharpton von Trans Corp. erkannte Dinkys außergewöhnliches Talent: mit Hilfe von erfundenen Zeichen den Tod eines anderen Lebewesens herbei zu beschwören.
Was ihm beim nervenden Nachbarshund noch himmlische Ruhe verschafft hat, bereitet aber nun Dinky erhebliche Gewissensbisse: Er hat entdeckt, dass er ein Massenmörder ist. Mindestens 200 Leute hat er schon mit seinen codierten Botschaften ums Leben gebracht – und warum und wozu? Weil ihn erstens Trans Corp. während einiger Hypnosesitzungen dazu konditioniert hat. Und weil die Opfer den Interessen der Regierungsstellen zuwider handelten. Aber wie kann eine AIDS-Forscherin regierungsfeindlich sein, fragt sich Dinky, da sie doch zum Wohle der Menschheit arbeitet. Er beschließt, den Spieß umzudrehen.
Diese Novelle ist zwar interessant, aber schlecht geschrieben. Sie vermischt Konzepte aus Fantasy (magische Symbole) und Thriller (Regierungskomplott), wird in einer realistischen Umgangssprache erzählt und führt relativ geradlinig von A nach B. Der Plot erinnert an Kings frühen Roman „Feuerkind“ und ist ebenso abgedroschen wie vorhersehbar. Die geistige Beschränktheit des Ich-Erzählers Dinky verhindert, dass eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Problem der Auftragsmorde stattfindet, die den Leser anrühren könnte. Die schnoddrige Oberflächlichkeit der Erzählung und ihres Geschehens erzeugt den Eindruck einer zynischen Haltung des Autors, die mich abgestoßen hat. Diese Novelle ist der Tiefpunkt der Sammlung, und ich musste mich überwinden, sie zu Ende zu lesen.

8) L.T.s Theorie der Kuscheltiere

Diese wunderschöne Geschichte gibt es bereits als Hörbuch, gelesen von Ulrich Pleitgen. Seit fast einem Jahr erzählt L.T. deWitt seine Leidensgeschichte, wenn er im Lokal einen hebt. Er ist ein schlichtes Gemüt, leidet aber dennoch an der Tatsache, dass ihn seine Frau Lulubelle vor fast einem Jahr verlassen hat. Und schuld daran war offenbar ihre Unverträglichkeit mit einem Kuscheltierchen, das L.T. ihr geschenkt hatte: Sie nannte das Kätzchen schon bald nur noch „Spinnerlucy“, weil es Lulu offenbar nicht ausstehen konnte. Doch L.T. hatte ein Jahr zuvor von Lulu ebenfalls ein Haustier geschenkt bekommen: einen Terrier namens Frank (nicht wie der in MIB2), der leider in L.T.s Schuhe kotzte und pisste.
L.T.s Theorie über die Kuscheltiere geht also dahin, dass sie die betroffenen Ehepartner unweigerlich auseinander bringen. Was aber L.T. in seinem Kummer nicht ahnt, ist, dass es wahrscheinlich der von der Polizei gesuchte „Axtmann“ war, dem die ausgezogene Lulu zum Opfer gefallen ist, vermutet jedenfalls L.T.s Freund, der Erzähler.
Dies ist Kings Lieblingstory in diesem Band. Die ganze Story ist sprachlich so realistisch wie möglich und zugleich so wunderbar schräg erzählt, dass man sich in manche Szenen direkt hineinversetzt fühlt. Wie King in seiner obligatorischen Anmerkung berichtet, hatte er selbst zwei Haustierchen bekommen: einen Corgi-Hund namens Marlowe und eine „durchgeknallte“ Siamkatze namens Pearl. Sie kamen ebenso gut miteinander aus wie Frank und Lucy in der Geschichte. Dass das geschenkte Tier in der Story seinen neuen Besitzer nicht ausstehen kann, wohl aber dessen Partner, ist ein weiterer amüsanter Kunstgriff des Autors. Doch am Schluss erwischt er den Leser dann kalt, wenn er den Axtmann erwähnt und wie es L.T. in Wirklichkeit geht.

9) Der Straßenvirus zieht nach Norden

Diese wirklich unheimliche Erzählung erschien zuerst in Al Sarrantonios exzellenter Horror-Anthologie „999“ aus dem Jahr 1999. Der Horrorautor Richie Kinsell (ein alter ego des Autors) fährt mal wieder vom heimatlichen Derry/Maine nach Boston auf einen Schriftstellerkongress. Keine große Sache. Auf dem Rückweg kommt er im hübschen Städtchen Rosewood (ein Verweis auf den Roman „Rose Madder“?) an einem privaten Flohmarkt, einem ‚garage sale‘, vorbei. Sein Blick fällt auf ein Aquarell, das zum Kauf angeboten wird, und Kinsell muss das Bild sofort haben. Zum Glück ist die Verkäuferin auch noch ein Fan seiner Schundromane und erzählt ihm brühwarm die Story zum Bild: Der Maler brachte sich um. Es trägt den Titel „Der Straßenvirus zieht nach Norden“ und zeigt einen grinsenden blonden Mann in einem schnittigen Superschlitten, der gerade die Bostoner Tobin Bridge überquert. Besonderheit: Die Zähne des jungen Mannes sehen aus wie die eines Kannibalen – Reißzähne. Kinsell ist hingerissen.
Als Richie es auf dem Nachhauseweg seiner lieben Tante Trudy zeigt, ist diese entsetzt. Er aber auch: Das Bild hat sich verändert! Das grässliche Gebiss hat sich inzwischen vergrößert, der Blick des Fahrers ist noch irrer, und der Hintergrund besteht nicht mehr aus der Tobin Bridge. An einer Raststätte wirft Kinsell das Bild in den Müll, denn es hat sich schon wieder verändert: Nun zeigt es den Wagen auf dem Weg nach Rosewood… Was geht hier vor sich? Kaum zu Hause, schreit Kinsell beinahe auf: Das Bild hängt jetzt in seiner Diele, und es zeigt die Verkäuferin des privaten Flohmarkts in Rosewood in schrecklich zugerichtetem Zustand. Offenbar folgt der „Straßenvirus“ seinem neuen Besitzer – bis zur letzten Konsequenz…
Kontinuierlich zieht King die Daumenschraube des Entsetzens und der Bedrohung an, bis es der Leser – ebenso wie der Erzähler – kaum noch in seinem Sessel aushält und sich vorsichtig nach dem nächstgelegenen Bild umdreht. Denn der „Straßenvirus“ ist wahrscheinlich immer und überall.

10) Lunch im Gotham Café

Ebenfalls eine Rauchergeschichte. Joe Davis wurde – zack! peng! – von seiner Frau Diane verlassen und hat sofort mit dem Rauchen, dem Scheidungsgrund, aufgehört (ein wenig zu spät). Natürlich fühlt er sich während des Entzugs total mies. Aber der eigentliche Unglückstag kommt, als er sich mit Diane und deren Scheidungsanwalt William Humboldt in einem Feinschmeckerrestaurant in der New Yorker Innenstadt trifft: im Titel gebenden Gotham Café („Gotham“ ist quasi der literarische Spitzname New York Citys, siehe „Batman“ und Poe).
An der Rezeption des Cafés stößt Joe auf den Oberkellner, der ein äußerst merkwürdiger Zeitgenosse zu sein scheint. Der dunkle Fleck auf seinem Hemd könnte getrocknetes Blut sein. Und er kreischt ihn an, er solle gefälligst keinen Hund mit hereinbringen! Welchen Hund, bitteschön?
Kaum wurden die Verhandlungen eröffnet, rastet der Oberkellner aus unerfindlichen Gründen völlig aus und macht sich über mit einem enormen Schlachtmesser über den Scheidungsanwalt her. Den Rest kann man sich denken. Diese kurze Story ist ebenso actiongeladen wie absurd. Und es ist eben diese Absurdität, die sie so verdächtig macht, symbolisch zu sein. Symbol wofür? Wohl für die unterschwellig wütenden Aggressionen zwischen den meisten zu scheidenden Paaren und ihren jeweiligen Anwälten. Insofern ist diese kurze Story klassischer Horror, voll Splatter und ebenso drastisch. Nichts für zarte Gemüter!

11) Dieses Gefühl, das man nur auf Französisch ausdrücken kann

Carol Shelton hat dieses schreckliche Gefühl, sie sei in der Hölle gelandet. Nur, dass die Hölle genauso aussieht wie Florida. Seit 25 Jahren ist die streng katholisch erzogene Carol mit Billy, dem Software-Entwickler, verheiratet, ist aber kinderlos geblieben (eines hat sie, omeingott!, abgetrieben). Zur Silberhochzeit spendiert ihr der Göttergatte die zweiten Flitterwochen. Und die könnte sie auch wirklich genießen, wenn, ja wenn da nicht dieses seltsame Gefühl wäre, das man… ach ja: „Déjàvu“ nennt.
Und tatsächlich steigert sich Carols Unbehagen zu einer Angespanntheit, dann zu leisem Grauen, schließlich zu blankem Entsetzen: Denn sie hängt in einer Zeitschleife fest, die nichts anderes für sie ist als die Hölle. Und am Ende der Schleife scheint ein Atomschlag zu passieren, oder eine Rakete das Flugzeug zu treffen oder… Und es passiert immer wieder. Endlos. Es ist (sagte ich das nicht bereits? Es kommt mir jedenfalls so vor…) die Hölle.
Eine tolle Story, die für viele Leser verwirrend sein wird, die mich aber stark an die Science-Fiction-Geschichten erinnert, die von literarisch ambitionierten Briten und Amis Mitte der Sechzigerjahre für das Avantgarde-Magazin „New Wave“ geschrieben wurden, das damals unter der Leitung von Michael Moorcock Furore machte und für eine Anfrage im Parlament sorgte. Das Thema ist natürlich existenzialistisch. Und King zitiert dessen Götter: Camus und Sartre. Er weiß genau, auf welch schwankendem Terrain er sich bewegt.

12) 1408

Wie „Kuscheltiere“ wurde auch diese Geschichte bereits auf einem Audiobook verewigt, nämlich in der Sammlung „Blut und Rauch“. Der Autor empfiehlt die Quersumme aus dieser Zahl zu ziehen und sie auf die Nummern von Hotelzimmern anzuwenden.
Mike Enslin ist so eine Art Reporter des Unheimlichen. Aus seinen Ermittlungen in gespenstischen Gemäuern und seinen Besuchen auf berühmten Friedhöfen hat er bereits drei Bestseller fabriziert. Diesmal hat er sich ein etwas unbekannteres Hotelzimmer vorgenommen: Nr. 1408 im New Yorker Hotel Dolphin. Der Hoteldirektor möchte Mike warnen: Dort seien bereits 30 Leute eines so genannten ’natürlichen Todes‘ gestorben und weitere 16 eines wahrlich unnatürlichen: Einige sprangen aus dem Fenster. Mike bleibt unerschütterlich.
Er hat zwar etwas Mühe, die Tür zu diesem ominösen Zimmer zu öffnen, doch er schafft es und spricht weiterhin seine Beobachtungen in sein Diktaphon. Dann beginnt er allmählich, sinnloses Zeug von sich zu geben. Später hält die Polizei fest, dass Mike Enslin gerade mal siebzig Minuten in Zimmer Nr. 1408 verbracht habe. Seitdem hat man seine Verbrennungen wieder heilen können, doch Mike hat seither keine Zeile mehr geschrieben, hat alle Telefone aus seiner Wohnung entfernen lassen und verschließt bei Sonnenuntergang sämtliche Fenster, weil er die Farbe orangerot nicht mehr ertragen kann…
„1408“ ist eine wahrhaftig gruselige Story über das klassische Motiv des Gespensterzimmers. Nur dass Zimmer 1408 von einem Horror erfüllt ist, der – wie in einem Nebensatz angedeutet wird – von einem der namenlosen Schrecken stammen könnte, die sich H.P. Lovecraft, der große Phantast aus Neuengland, ausgedacht hat. Dies ist nicht die erste Lovecraft-Kopie, die King schrieb: Auch in „Briefe aus Jerusalem“ taucht ein namenloser Schrecken auf. Doch „1408“ ist weitaus besser und wirkungsvoller. Tauchte dort eine deutlich materialisierte Gestalt, ein Riesenwurm, auf, so ist diesmal das Unheimliche nur in seinen Auswirkungen feststellbar, und die sind für Mike Enslin absolut unerträglich.

13) Achterbahn (Riding the ‚Bullett‘)

Alans Mutter liegt 100 Meilen entfernt im zentralen Krankenhaus von Maine, und er will sie unbedingt besuchen, obwohl seine rostige Studentenkarre im Eimer ist. Beim Trampen durch die Wälder erlebt Alan so einiges, das man sich nicht als Alltagsroutine wünschen würde. Da ist der alte Witwer, der sich dauernd mit seiner „Affenklaue“ im Schritt kratzt, weil ihn sein Leistenbruch schmerzt. Und schließlich landet Al auch noch nächtens auf dem Friedhof – allerdings nicht als Leiche, sondern als Verletzter.
Was man mit einer Beule am Kopf so alles träumt… Zum Beispiel, dass man in einem 60er-Jahre-Ford-Mustang von einem Toten mitgenommen wird, der beim Rauchen Qualm aus den Stichen bläst, mit denen sein Kopf angenäht ist… Geträumt oder nicht: Fakt ist, dass Al bei seiner Ankunft im Hospital einen Button am Revers trägt: „Ich bin in Thrill Village, Laconia, mit dem BULLETT gefahren“. Zu dumm, dass Al nur einmal in Laconia, New Hampshire, gewesen ist: Als kleiner Junge, begleitet von seiner Mutter. Doch weil ihm die Achterbahn dort Angst machte, benahm er sich wie ein Feigling, und seine Mutter versetzte ihm eine schmerzhafte Kopfnuss. An so etwas erinnert man sich sein Leben lang.
Und jetzt liegt sie im Krankenbett, mit einem Schlagfall, und Al denkt, sie ist tot, und er ist schuld daran. Klar, denn der Tote im Mustang war sein Alter Ego, und es stellte ihn vor die Wahl: Wenn ich dich hinbringen soll, musst du wählen: Wer soll leben – du oder deine Mutter? Und nun, als Alan vor dem Zimmer steht, in dem seine Mutter liegt, weiß er es einfach…–
Stephen King hat eine wunderbare Geschichte über Schuld, Angst und Versöhnung geschrieben. Sie lässt einen auch nach der Lektüre nicht mehr los. Ständig hat man diese Szene im Mustang des Toten im Sinn. Sie hat ihr Gegenstück in der Szene, als Alan an das Krankenbett seiner Mutter treten muss. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, ein Alptraum, eine immense Spannung, die diesem kurzen Stück Prosa seinen besonderen Reiz verleiht.

14) Der Glüggsbringer

Eine wirgglich schöne Story, die King in einem Casinohotel in Nevada geschrieben hat – und dort spielt sie auch. Er schreibt also aus eigener Anschauung. Da ich selbst solche Casinohotels von innen kenne, kann ich die Akkuratesse seiner Beschreibung nur bestätigen.
Lernen Sie Darlene kennen, das seit fünf Jahren von seinem Ehemann verlassene Zimmermädchen, das nun Mutter zweier quengelnder Kinder ist, Paul und Patricia. Darlene ist so arm, dass sie Patsy nicht einmal eine Zahnspange kaufen kann, geschweige denn für Paul ein Asthmamedikament. Vom Leben gebeutelt, glaubt sie auch keineswegs der Notiz, die ein Hotelgast in Zimmer Nr. 322 hinterlassen hat: „Dieser Vierteldollar bringt Ihnen Glügg! Echt wahr! Sie haben Glügg.“ Warum sollte eine ausgebeutete Kreatur wie Darlene auf einmal Glück haben sollen, hm?
Kurz träumt sie sich in einen Spielertraum vom großen Glügg, wacht aber schließlich wieder auf. Als sie Feierabend macht, schenkt sie ihrem Sohn Paulie den Quarter, kaum hoffend, dass dieser damit etwas anfangen könne. Als Paul den Quarter in den erstbesten Einarmigen Banditen steckt, hört Darlene im Davongehen nur das neidischen Quengeln von Patsy, ihrer Tochter. Und dann das einsetzende Klimpern von ausgeschütteten Vierteldollars. Und es hört nicht auf zu klimpern…
Das ist natürlich eine Art Weihnachtsgeschichte, eine Wunscherfüllung. Aber sind das letzten Endes nicht alle Geschichten? Und diese bietet dem Band einen netten, geradezu versöhnlichen Abschluss.

Unterm Strich:

Dieser neue Storyband lohnt sich wirklich, zumindest für Freunde des literarischen Horrors. Die Vielfalt der Themen – klassische wie neue – und Formen sorgt für unterhaltsame Abwechslung. Dies sind zumeist keine Kurzromane wie in den „Langoliers“-Novellen. Einzige Ausnahme: „Die Kleinen Schwestern von Eluria“, das für Silverberg geschrieben wurde. In der Mehrzahl sind es Kurzgeschichten von klassischem Zuschnitt.
In seiner Einleitung mit dem Titel „Wenn man sich einer fast ausgestorbenen Kunstform widmet“ beklagt sich King mehr oder weniger deutlich, dass es für diese Form der Literatur kaum noch einen Markt gebe: Die Short Story, vor etwa 170 Jahren von E. A. Poe „erfunden“ und in berühmten Essays definiert, ist dabei auszusterben. Woran liegt’s? Das Publikum wird mit zunehmend dickeren Romanen versorgt, ja mit ganzen Trilogien und Zyklen. Sei’s drum. Die Short Story verlangt nach einem echten Könner des Metiers. King ist so ein Könner, und diese Sammlung – vielleicht seine letzte überhaupt – belegt dies in überzeugender Weise.
Ich habe fast jeden Text mit Genuss gelesen, insbesondere die kürzeren, denn die längeren waren mir meist bereits bekannt („Achterbahn“, „Eluria“). Der einzige Ausfall im gesamten Band ist ausgerechnet die Novelle, die der Originalausgabe ihren Titel gab: „Alles endgültig“ (Everything’s eventual). Und selbst darüber, ob dies ein Ausfall ist, lässt sich natürlich streiten. Jedenfalls hatte ich bei diesem Band kaum je das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden. Und das ist ein sehr befriedigendes Gefühl.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Kinkel, Tanja – Puppenspieler, Die

Auf dieses Buch war ich wahrhaft gespannt. Als „Die Puppenspieler“ 1993 erschien, waren die Kritiken voll des Lobes über die junge, deutsche Autorin, so dass ich mit einer relativ hohen Erwartungshaltung an diesen Roman heranging. Gerade mal 23 Jahre alt war Tanja Kinkel, als sie ihr bislang erfolgreichstes Buch beendete. Inzwischen promovierte Germanistin begann die 1969 in Bamberg geborene Autorin bereits mit acht Jahren Gedichte und Erzählungen zu schreiben, gewann 1987 in einem Jugendliteraturwettbewerb den ersten Platz für den besten Einzeltext und den dritten Platz für insgesamt fünf Texte.
In „Die Puppenspieler“ nimmt sie sich des finsteren Mittelalters an, ein allseits beliebtes Thema bei historischen Romanen und auch bei mir.

Richard Artzt ist gerade erst zwölf Jahre alt, als er mit ansehen muss, wie seine Mutter, eine Sarazenin, auf dem Scheiterhaufen qualvoll stirbt, weil sie die Liebesgelüste eines Mönches abgewiesen hatte. Voll Hass auf die Kirche schwört Richard, dieser irgendwann zu beweisen, dass es keine Hexen gibt.
Als Vollwaise wird er von seiner Tante Sybille Artzt aufgenommen, deren Ehemann Jakob Fugger, einer der erfolgreichsten Kaufleute seiner Zeit, durch geschickten Geldhandel zum Bankier des deutschen Königs Maximilian I. geworden ist, dessen Handelsbeziehungen weltweit reichen, der sich mit vorausschauendem Geschäfts- und Finanzsinn verschiedene Minen aneignete und somit den Metallhandel beherrscht. Fugger, der die Menschen nach seinen Wünschen biegen und beugen kann, wird für den Jungen schnell zum größten aller „Puppenspieler“. Fasziniert von diesem Mann und seiner Neugier entsprechend taucht Richard in die Naturwissenschaften ein, lernt begeistert fremde Sprachen und begreift rasch die Geschäftswelt der Fuggers.
Nach drei Jahren erfüllt ihm Jakob Fugger einen Traum: Er schickt ihn nach Italien, in die neu errichtete Faktorei in Florenz, wo Richard wieder eine neue Welt kennenlernt, wo die Renaissance in ihrem ganzen Glanz vor ihm liegt, wo aber auch der Einfluss der Kirche mächtig ist. Seine Aufgabe ist die Weiterleitung von Neuigkeiten und Wissenswertem aus der Welt der Medici.
Seinem persönlichen Schwur folgend wird Richard Zeuge einer schwarzen Messe, in deren Verlauf er ein geplantes Attentat auf den über Florenz herrschenden Lorenzo de´Medici aufdecken und deshalb verhindern kann, und aufgrund der wieder einmal ein unschuldiger Mensch stirbt. Selbstvorwürfe treiben ihn zu dem Mönch Mario Volterra, dem es gelingt, die Freundschaft des Deutschen zu erringen. Er schafft es ebenfalls, Richard das Geheimnis um den Tod seiner Mutter zu entlocken und beginnt mit ihm zusammen ein Buch zu schreiben, das die Unrechtmäßigkeit der Hexenprozesse aufdecken soll.
Doch da ist noch die Zigeunerin Saviya, der er einst das Leben rettete und die er nun liebt. Als sich offenbart, dass Saviya die Zauberin ihres Stammes ist und angesehenen Bürgern als Hexe die Zukunft vorhersagt, trennen sich ihre Wege, denn Richard kann diese Tatsache nicht akzeptieren. Da ruft Fugger ihn nach Augsburg zurück.

„Die Puppenspieler“ ist tatsächlich eine kleine Goldperle, und gäbe es nicht so unwichtige Dinge wie z.B. schlafen, hätte ich das Buch nicht aus der Hand genommen. Damit ist ja schon mal klar, dass alle Lobeshymnen meines Erachtens voll und ganz gerechtfertigt sind, denn Kinkel ist es hier gelungen, die Großen dieser Zeit wieder auferstehen zu lassen, nebenbei fesselnden Geschichtsunterricht zu geben und den Leser sich wie auf einer Zeitreise fühlen zu lassen. Zumindest ich wurde eine Puppe von Fugger, wandelte durch Florenz und Rom, unterhielt mich mit Philosophen und Dichtern, bewunderte Michelangelo bei seiner Arbeit und trauerte um Lorenzo de´Medici. Da fällt es schwer, wieder in die Gegenwart zurückzukehren, um gleich mal über die Fugger-Familie recherchieren zu gehen, denn dieses Buch macht neugierig und hungrig auf mehr. Solch sorgsam und liebevoll ausgearbeiteten Charaktere bleiben einem eben im Gedächtnis.
Und auch Kinkels erzählerisches Talent überzeugt vollkommen. Wo bei anderen Autoren oft entweder die Detailfreude oder die Handlung zu kurz kommen, ist hier eine glückliche Mischung zu finden, so dass Fans historischer Romane gut auf ihre Kosten kommen. Und ein flüssiger Schreibstil lässt die Seiten viel zu schnell vorüberfliegen.
Fazit: Meine Erwartungen wurden allemal erfüllt, deshalb kann ich mit gutem Gewissen eine uneingeschränkte Empfehlung geben, allerdings keine Leseprobe, denn die würde ca. 600 Seiten lang werden.

Homepage der Autorin: http://www.tanja-kinkel.de

Haber, Karen (Hg.) – Geheimnis der Matrix, Das

„Matrix Reloaded“ war mit grandiosem Erfolg in den USA gestartet und hatte sofort neue Kassenrekorde aufgestellt, obwohl es wegen seines Gehalts an Sex (virtueller Sex?) und Gewalt erst ab 17 mit Elternbegleitung freigegeben wurde (R-rated). Doch es bleiben noch immer ein paar grundsätzliche Fragen, und die versuchen die AutorInnen des vorliegenden Sammelbandes zu beantworten oder zumindest einzukreisen. Unter den Autoren finden sich dabei höchst klingende Namen wie etwa der von Bruce Sterling, einem der Erfinder des „Cyberpunk“, und David Brin, seines Zeichens ein gestandener Physiker, der obendrein einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Autoren ist. Insgesamt sind 14 Beiträge unterschiedlicher Länge enthalten. Für Freunde des Films, die schon immer wissen wollten: „What is the Matrix?“ und ist sie überhaupt möglich, ist diese Anthologie sehr empfehlenswert.

Karen Haber, geboren 1955, ist seit 1987 die Gattin von Robert Silverberg, einer der lebenden Legenden der Science Fiction. Ebenso wie er hat sie sich als Herausgeberin von guten Anthologien einen Namen gemacht. Im Genre der Science Fiction kennt sie alles, das Rang und Namen hat. In Deutschland wurde von ihr der Mutanten-Zyklus bei Heyne veröffentlicht, dessen fünf Romane sie fast vollständig ohne Kooperation mit ihrem Mann schrieb.

Es wäre nun relativ ineffizient, alle Beiträge als Liste abhaken zu wollen. Vielmehr lassen sich fast alle Beiträge in wenigen thematischen Gruppen zusammenfassen:

In der ersten Gruppe beschäftigen sich die AutorInnen mit dem Film „The Matrix“ an sich: Was macht ihn so besonders, woher kommt sein Erfolg, wie sind seine Machart und Ideen zu bewerten? Den besten Beitrag dazu hat meiner Ansicht nach Bruce Sterling geschrieben: „Jeder andere Film ist die blaue Kapsel“. Sterling lässt sich nicht täuschen von den Spezialeffekten, den vielfältigen Zitaten aus allen möglichen Literaturwerken, Philosophien und Religionen, sondern sagt knallhart, was hier Sache ist. Man merkt ihm an, dass er in den frühen Achtzigerjahren Herausgeber des wichtigsten Cyberpunk-Organs war.

Paul di Filippo führt zahlreiche Einflüsse aus der Literatur an, um klarzumachen, dass ein Phänomen wie Matrix nicht aus dem Nichts gekommen ist, sondern zahlreiche Wurzeln aufweist, nicht zuletzt Cyberpunk. Karen Haber ist ebenfalls aufgefallen, dass Design und Spiegel eine wichtige Rolle im Film spielen. Diese Lack-und-Leder-Fetischisten sehen einfach obercool aus. Und genau das macht Neo & Co. zu so verführerischen Leitbildern für die Jugend. Aber nicht für irgendwelche Basketballspieler an amerikanischen Highschools und Colleges, sondern für ihre Computer spielenden Brüder, die gerne auch so abgefahren aussehen möchten wie Neo, um damit die Mädels zu beeindrucken. Außerdem: Wer wollte nicht auch fliegen wie Neo und kämpfen wie Morpheus? Leider sind sie auch Waffenfetischisten par Excellence: „We need guns. Lots of guns.“ Das dachten sich die Attentäter von Littleton auch, als sie den Anschlag auf die Columbine Highschool vorbereiteten. Star-Wars-Autor Kevin J. Anderson befasst sich ernsthaft mit dem Aspekt des schlechten Einflusses auf die Jugend. „Die Rache der Unterdrückten, Teil 10“ lautet denn auch sarkastisch das Fazit von Alan Dean Foster, dem Schöpfer des Humanx-Commonwealth-Universums.

David Brin legt den rückwärts gewandten Romantizismus des von einer Prophezeiung bestimmten Films offen: Weil Neo der „Auserwählte“ ist, von Morpheus alias Johannes dem Täufer ausgebildet und vom Orakel quasi gesegnet ist, wird er seiner Bestimmung zugeführt. Und durch Trinity alias Maria Magdalena wird dieser neue Jesus vollends unsterblich. Sind das die Leute, die eine Ahnung davon haben, wie unsere Zukunft aussehen soll? Die Wissenschaft und Technik lieben? Genauso wenig wie Tolkien die „schwarzen satanischen Mühlen“ (W. Blake) in „Herr der Ringe“ liebte. Nur tragen sie jetzt einen anderen Namen: Matrix!

Aber die Matrix hat zwei Aspekte: Da sie eine Totalsimulation ist, fällt es extrem schwer, sie zu erkennen. Und da sie eine Simulation ist, muss jemand es geschafft haben, Riesenmengen von Daten und Energie dafür abzuzweigen. In der Matrix herrscht auf ewig das Jahr 1999 mit all seinen schönen und schmutzigen Seiten. Frauen in roten Kleidern sind eine subversive Erscheinung, der Rest der Menschheit verhält sich wie hirnlose Schafe. Höchste Zeit, dem weißen Kaninchen bis in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaues zu folgen wie weiland Alice. Es ist Neos Seelenführer im Auftrag des global gesuchten Oberterroristen Morpheus. Neo kennt zwar Baudrillards Buch über Simulacren und Simulation, so dass er ahnt, dass etwas nicht mit der Welt stimmt, aber er weiß nicht, was es ist. Das Problem betrifft also Erkenntnisfähigkeit und Wahrnehmung – zwei Aspekte, die von John Shirley ebenso aufgegriffen wird von Kathleen Ann Goonan: Was hält die Welt im Innersten zusammen? Und wer hat die Welt/Matrix entworfen und gebaut, zu welchem Zweck und mit welchen Vorgaben? Wenn die Matrix zerstört werden kann, was ist dann die Nachfolgewelt und wer soll dort herrschen?

Der Brite Ian Watson beschriebt die Matrix gleich als ein Simulacrum (künstliches Abbild), und sein Landsmann Stephen Baxter berechnet mathematisch und nach physikalischen Maßgaben, wie viel Energie und Daten man aufwenden müsste, um ein Matrix-Simulacrum der Welt zu erschaffen. Je größer der Rauminhalt der Welt, desto exponentiell größer die nötige Daten- und Energiemenge. Das Simulakrum einer Stadt verbraucht weniger davon als etwa ein Kontinent und so weiter. Man geht von einer Datenmenge von 1 Megabyte aus, die nötig ist, eine Totalsimulation eines einzigen Wasserstoffmoleküls zu erschaffen. Die Rede ist also von astronomisch großen Datenmengen. Natürlich müsste nicht jedes Haus komplett erschaffen werden, sondern wie im Film nur seine Frontseite etc. Das wird ja so auch in Spielen gemacht. Dennoch ist die erforderliche Rechenkapazität enorm. Und die nötige Energie sollen Menschen liefern? Irgendwo geht die Rechnung nicht auf.

Die restlichen Beiträge beschäftigen sich mit sehr speziellen Aspekten des Films. Rick Berry beispielsweise ist als Filmdesigner der Schöpfer der Schlusssequenz von „Vernetzt – Johnny Mnemonic“. Keanu Reeves spielte auch hier eine Cyberpunk-basierte Rolle in einer Story, die Cyberspace-Erfinder William Gibson geschrieben hatte. Als Mann vom Fach bewertet Berry also „Matrix“ und dessen Fortsetzungen: Kann zum Beispiel ein Hirnstecker funktionieren? Das sollte man sich mal überlegen.
Während Dean Motter als Comiczeichner sich über die Architektur in „Matrix“ auslässt und Darrel Anderson als Cyber-Guru demonstriert, dass künstliches Leben wie die Spinnenspäher in „Matrix“ möglich ist, steuert Star-Wars-Autor Walter Jon Williams mit seinem Essay über „Yuen Woo-Ping und die Kunst des Fliegens“ einen der informativsten und besten Beiträge zu diesem Buch bei. Man erfährt so zum Beispiel, dass der Stunt-Choreograph von „Matrix“, Yuen Woo-Ping, ein enger Freund eines gewissen Jackie Chan war/ist und dessen Riesenerfolg erst möglich machte, indem er die traditionelle männliche Heldenfigur der Peking-Oper, aus deren Tradition beide stammen, umschrieb, um sie gegenwartstauglich zu machen. Chan ist kein Übermensch mehr, sondern ein hasenfüßiger Normalo mit komischen Seiten. Dass Yuen Woo-Pings „Kunst des Fliegens“ keineswegs ungefährlich ist, zeigte sich wieder bei den Matrix-Sequels: Während Reeves Muskelzerrungen und blaue Flecken davontrug, brach sich Kollegin Moss ein Bein. Aber das war beim Motorradfahren.

Das ist aber noch nicht alles. Der Redakteur der deutschen Ausgabe, Alexander Martin, hat zu jedem/r der AutorInnen einen kurzen Eintrag geschrieben, der berichtet, was die Tätigkeitsfelder des Beiträgers sind und wo man im Internet mehr darüber erfahren kann.
Die Lesetipps im Anhang sind zweigeteilt. Bei den „Romanen und Erzählungen“ gehören natürlich zu den wichtigsten Autoren William Gibson und Philip K. Dick. Aber auch Christopher Priest („Die Amok-Schleife“), Daniel F. Galouye („The 13th floor“) und Bruce Sterling („Schismatrix“) werden genannt. Diese Liste stellt wirklich nur das absolute Minimum für Einsteiger dar.
In der Sektion „Sachbücher“ finden sich ebenfalls die üblichen Verdächtigen. Jean Baudrillard mit „Agonie des Realen/Kool Killer“, da Neos Baudrillard-Buch „Simulacra und Simulation“ immer noch nicht komplett auf Deutsch vorliegt. Dass die Wachowski-Brüder kräftig bei Joseph Campbell abgeschaut haben, lässt sich anhand von dessen Standardwerk „Der Heros in tausend Gestalten“ nachprüfen. Es handelt sich um „eine Typologie der schöpferischen Phantasie des Menschen“ – was auch immer das heißen mag. Jedenfalls holen sich hier Hollywood-Drehbuchschreiber so manche Idee, wie es mit dem Plot weitergehen soll. Der Held muss mehrere Entwicklungsstufen durchlaufen, bevor er die Welt (oder was auch immer) retten darf/kann; für die Heldin gilt auf weiblicher Ebene Entsprechendes.

Ebenso wie die Matrix-Filme wendet sich auch dieses Buch nicht an Anspruchslose, sondern fordert zum Mitdenken auf. Zwar wird dafür einiges an Weltwissen nötig – Physik, Design, Filme, um nur ein paar Gebiete zu nennen -, aber das meiste davon wird frei Haus mitgeliefert. Der anspruchsvollste Beitrag stammt von Stephen Baxter, aber der erklärt sein Thema ebenso verständlich und kompetent, wie der Amerikaner Lawrence Krauss uns die Physik von Star Trek und anderer Science-Fiction-Ideen erklärt hat. (Krauss‘ Bücher erschienen ebenfalls in der Heyne-SF-Reihe.)
Der Anhang macht das Buch auch praktisch benutzbar, da man damit in den nächsten Buchladen oder auf die nächste Website gehen und entsprechende Werke kaufen oder Infos besorgen kann.
Insofern weiß dieses Buch ebenso zu begeistern wie Karen Habers schöne Anthologie „Tolkiens Zauber“, die ich an anderer Stelle bereits vorgestellt hatte.
In jedem Fall sollte man sich mit dem Kauf dieses Buches beeilen, denn in unserer Matrix lautet das Motto neuerdings: „Life’s a sim, and then you’re deleted“…

_Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)

Nasaw, Jonathan – Geduld der Spinne, Die

Jonathan Nasaw lebt nach Angaben des Verlags in Pacific Grove, also dort, wo auch ein Abschnitt der Romanhandlung spielt: an der kalifornischen Pazifikküste südlich von San Francisco. „Die Geduld der Spinne“ ist sein erster Roman. Die Detailkenntnisse aus dem Leben eines alt gewordenen FBI-Agenten im Außendienst und der Humor, mit dem er diese Figur zeichnet, lassen vermuten, dass Nasaw möglicherweise selbst einmal beim FBI war.

„Die Geduld der Spinne“ vereint Elemente aus „Das Schweigen der Lämmer“ und „…denn zum Küssen sind sie da“, doch der Serienkiller selbst könnte direkt aus der Psychiatrie entsprungen sein: Er besitzt eine multiple Persönlichkeit, die sich in Sekundenschnelle ändern kann. Der Verführer hat es auf Frauen mit nur einem besonderen Merkmal abgesehen: eine bestimmte Haarfarbe…

Als die Psychotherapeutin Dr. Irene Cogan, 41, das erste Gespräch mit dem Häftling führt, ahnt sie noch nicht, was sich daraus entwickeln wird. Er hat bei einer Verkehrskontrolle die Polizeibeamtin ohne Vorwarnung mit einem Messer gestochen, kurz zuvor aber noch seiner 18-jährigen Beifahrerin den Bauch aufgeschlitzt. Offenbar ist mit einem solchen Mann nicht gut Kirschen essen. Irene ist sehr vorsichtig. Der Häftling ist äußerst charmant: Das ist die Persönlichkeit, die sich „Christopher“ nennt, der Verführer. Dann gibt es da noch den kleinen Jungen, der sich „Lyssy“ nennt und den Irene sehr gut hypnotisieren kann, um mehr zu erfahren. Das Kommando hat aber „Max“, ein ziemlich kämpferischer und verschlagener Typ. Irene ahnt noch nichts von der Existenz anderer Persönlichkeiten im System, das den Körper von Ulysses Christopher Maxwell III bewohnt: Da sind Ish, Mose, Alicea und der gefährlichste von allen: Kinch, der Metzger. Noch denkt Irene, was für ein wunderbares Beispiel von dissoziierter (gespaltener) Persönlichkeit sie hier vor sich hat. Darüber würde sie gerne bald einen DIS-Fachartikel schreiben. Ihre Kollegen würden vor Neid erblassen. Das hat die Wissenschaft noch nicht gesehen.
Doch auch das FBI ist in Gestalt von Edgar Lee Pender hinter „Max“ her, den er „Casey“ nennt. Er verdächtigt Max sehr stark, der Serienmörder zu sein, der seit Jahren Frauen verführt, so dass sie mit ihm „durchbrennen“, bis er sich ihrer entledigt. Alle Frauen haben ein Merkmal gemeinsam: ihr schönes rotblondes Haar. Als Pender sich mit „Max“ in eine gemeinsame Zelle sperren lässt, um ihn auszuhorchen, ist Max viel zu schlau für ihn: Er überwältigt Pender in Nullkommanix, öffnet die Zellentür, tötet einen Vollzugsbeamten und entkommt in ein nahes Versteck. Dort wartet er, bis sich die erste Panik der Polizei gelegt hat und macht sich dann ganz methodisch an die Arbeit.
Dr. Irene Cogan hat keine Chance, sich zu wehren, als Max sie und ihre Freundin Barbara überfällt. Auch Irene hat rotblondes Haar, nur etwas getönt. Und dafür gibt es in Oregon einen Abnehmer, der bereits ungeduldig auf die nächste Lieferung wartet. Wird es Irene gelingen, den multiplen Verstand ihres Entführers zu heilen, bevor er sie umbringt? Kann Agent Pender das Versteck des Killers rechtzeitig aufspüren?

Jonathan Nasaw ist kein neuer Thomas Harris, aber er hat von ihm und James Patterson schon einiges abgeguckt. Von Patterson stammt die Einteilung in kurze Kapitel von maximal 4-5 Seiten sowie das Motiv des „Casanova“, der seine Mädchen entführt (aus „…denn zum Küssen sind sie da“). Von Harris hat Nasaw die Methode, erst einmal gründliche Recherche über das besondere Merkmal des Killers durchzuführen, bevor er darüber schreibt. Dieses Können allein ist es, was Nasaws Thriller ein wenig über den Durchschnitt hinausragen lässt. (Harris‘ Bücher befinden sich natürlich auch in Max‘ umfangreicher Bibliothek.)
Wir werden eingehend nicht nur mit der Welt von Dr. Cogan vertraut gemacht, sondern auch mit ihrer Spezialität: den multiplen DIS-Persönlichkeiten. Darüber hat der Psychologe Daniel Keyes bereits gute Romane wie „Die fünfte Sally“ und „Die Leben des Billy Milligan“ geschrieben, doch verschwanden sie im Ghetto der Science-Fiction-Ecken diverser Verlage. Bei Theodore Sturgeon („More than human“, 1953) war die multiple Persönlichkeit noch auf telepathischem Wege zustande gekommen und von positiver Natur. DIS-Killer sind noch selten in der Thrillerliteratur, ganz einfach deswegen, weil das ein kompliziertes Krankheitsbild ist, das hohe Anforderungen an die Darstellungsfähigkeit des Autors stellt.

Nun, soviel ist gewiss: Nasaw hat seine Hausaufgaben gemacht. Max ist uns so unheimlich und angsteinflößend, dass er durchaus einem Mutanten gleichkommt, was seine Gefährlichkeit, Anpassungs- und Überlebensfähigkeit angeht. Zum Glück hat „Max“ nicht alle Persönlichkeiten, die so genannten „alters“, unter Kontrolle. Es kommt immer wieder zu Chaos, Fehlern und Ausrutschern, bei denen er sich eine Blöße gibt. Diese kann Irene manchmal nutzen. Aber ihr Job ist genauso, als wolle man eine wildgewordene Kobra beschwören.
Agent E. L. Pender ist ein ganz anderes Kaliber. Der massige Kerl in den späten Fünfzigern steht kurz vor seiner Pensionierung (auf die er pfeift), hat Freunde weiter oben und vor nichts Angst, vor allem nicht dann, wenn es darum geht, „Casey“ zur Strecke zu bringen. Aber Irene Cogan aufzuspüren und zu retten, führt auch den schlauen Pender an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Daher endet das Buch in einem langen, spannenden Showdown, indem weitere Geheimnisse aufgedeckt werden. Selbst die allerletzte Zeile verpasst dem Leser noch so etwas wie einen kleinen Elektroschock.
Pender ist auch die einzige Figur, die so etwas wie Humor einbringt: es ist ein lakonischer Sarkasmus, mit dem er seine Arbeit und seine Kollegen betrachtet, die sich allesamt besser dünken als er. Dann aber gibt es noch witzige Aspekte bei seinen Recherchen. So etwa die Prostituierte in Dallas, die zwar eine waschechte Amerikanerin ist, aber einen auf kleine, geile Vietnamesin macht, um es den Kriegsveteranen, ihre Freier, recht zu machen. Da ist Big Nig, der Zweimetermann, der von Max fertig gemacht wurde. Aber es gibt auch Buckley, der mit Leberkrebs im Endstadium im Hospital liegt. Er gibt Pender den entscheidenden Tipp auf „Caseys“ Identität. Bei Buckley vergießt selbst der hartgesottene Pender ein paar Tränen. In Pender hat sich der Autor wohl am meisten selbst eingebracht.

„Strawberry Blonds forever“ wäre ebenfalls ein passender Titel, aber leider ist er schon vergeben: So heißt ein Haarfärbemittel im Buch. Und wer da nicht an den Beatles-Song denkt, ist selber schuld. Dies ist nur ein kleines Beispiel für die humorvolleren Aspekte eines Buches, das doch den Leser und vor allem die LeserIn in die dunkelsten Ecken des Grauens führen dürfte.
Im Kielwasser von Thomas Harris, J. Deaver und James Patterson segelnd, bietet Nasaw solide Spannung, psychologische Bizarrerie, FBI-Action und eine Art makabrer Erotik, so dass die meisten Thrillerwünsche erfüllt werden. Eine Anfängerschwäche hat das Buch dennoch: An manchen Stellen doziert es, seitenlang. Das Fachwissen ist zwar notwendig, aber sollte eigentlich in erzählende Prosa eingebettet bzw. umgesetzt sein. Das kann Nasaw sicherlich noch besser.

_Michael Matzer_ (c) 2003ff

Ernst Meckelburg – Die andere Wirklichkeit

Der Name „Ernst Meckelburg“ ist alles andere als unvertraut, wenn es um Paranormales und unerklärliche Phänomene geht. Der Wissenschaftsjournalist und technisch versierte Autor, Jahrgang 1927, hat mittlerweile eine wahre Flut an Büchern und Fachartikeln zu grenzwissenschaftlichen Themen herausgebracht, darunter etliche Bestseller im In- und Ausland.
Wenn mich nicht alles täuscht, erschien das vorliegende Werk „Die ‚andere‘ Wirklichkeit“ bereits 1998 unter dem der Zeitströmung angepassten Aufmachertitel „Die Titanic wird sinken“; eine Anbiederung, die ich skeptisch betrachte, aber aus Marketinggründen natürlich verständlich ist. Vorhersagen dieser und anderer Natur waren wohl auch der Auslöser, diese Sammlung von Berichten zu veröffentlichen, die auch nicht im Zusammenhang geschrieben, sondern eher in Teilen entstanden und zusammengefügt zu sein scheint.

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