Herbert, Brian / Anderson, Kevin J. – Haus Atreides, Das (Der Wüstenplanet: Die frühen Chroniken 1)

Frank Herberts Sohn Brian hat zusammen mit dem Bestsellerautor Kevin J. Anderson (STAR WARS etc.) eine Trilogie als Vorgeschichte geschrieben, die bei |Heyne| seit Mai 2001 als „Die frühen Chroniken“ erscheint – damals zeitlich passend zur TV-Premiere von „DUNE“.

„Das Haus Atreides“ ist der erste Band, „Das Haus Harkonnen“ der zweite, und „Das Haus Corrino“ bildet den Abschluss. Dieser letzte Band ist im Mai 2002 erstmalig auf Deutsch erschienen, der Termin für die Neuauflage aller drei Bände ist der November 2005.

Für Fans des „Wüstenplanet“-Zyklus (oder auch nur des ersten Bandes) ist diese neue Trilogie natürlich ein absolutes Muss. Doch auch SF-Lesern, die DUNE nicht kennen, bringt die Trilogie das Vergnügen, eine flotte, komplexe und spannende Story zu lesen.

Allerdings – und das ist das große Manko – haben die Autoren, um ihre Story nicht zu überfrachten, auf zahlreiche Hintergrundinformationen verzichtet. Entweder liest man also den [ersten DUNE-Roman]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3453186834/powermetalde-21 in der gelungenen |Heyne|-Ausgabe von 2001, oder man greift zu der Wüstenplanet-Enzyklopädie aus den 80er-Jahren. Dies scheint sogar für ausgefuchste DUNE-Fans wie mich hin und wieder ratsam. Wünschenswert wäre jedenfalls ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen. Tipp: Dies findet sich im ersten Band des Originalzyklus.

_Handlung_

Insgesamt erzählt die Trilogie die Geschichte der Ereignisse, die zu der Katastrophe auf Arrakis führten, als Herzog Leto Atreides ermordet wurde, Arrakeen erst von den Harkonnens erobert und dann vom Imperator besetzt wurde. Dies führte dann zum Aufstand der Fremen unter Letos Sohn Paul und zur Niederlage des Imperator und der Vernichtung des Hauses Harkonnen.

Doch am Anfang von „Haus Atreides“ ist jene Katastrophe nur in Grundzügen zu ahnen, denn die Story spielt binnen zweier Jahre rund zwei Generationen davor. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Männer: Leto Atreides, der Erbe des Hauses Atreides, und Shaddam, der Kronprinz des Imperiums. Leto ist gerade mal 16 Jahre alt, als ihn sein charismatischer Vater, Herzog Paulus Atreides, auf den Planeten Ix schickt, wo dessen alter Freund und Kampfgenosse Dominic Vernius ein technologisches Wirtschaftsimperium aufgebaut hat. Leto soll Dominics Familie kennen lernen, aber auch mal andere Luft als die des ländlichen Caladan schnuppern.

Auf der anderen Seite also Shaddam mit seinem Schatten und skrupellosen Ratgeber, dem kriecherischen Hasimir Fenring. Shaddam ist schon über 30 und will endlich regieren. Er hat bereits seinen älteren Bruder beseitigt, nun muss auch sein 150-jähriger Vater Elrood dran glauben. Zwei lange Jahre dauert das Sterben des Imperators, nachdem Fenring ihn vergiftet hat – schließlich soll alles wie eine Krankheit und nicht wie ein Mord aussehen.

Während seines Siechtums sieht Elrood auf Fenrings Drängen hin die Chance, dem verhassten Dominic Vernius eins auszuwischen und zugleich die Abhängigkeit des Imperators vom Spice zu beenden: zwei Fliegen mit einer Klappe!
Elrood – und später Shaddam – stiften die allen Völkern verhassten (und daher unverdächtigen) Bene-Tleilaxu-Genetiker an, synthetisches Spice herzustellen, zu einem astronomischen Preis, versteht sich. Sollte dies gelingen, hätten die Harkonnens, die zur Zeit die Spice-Gewinnung kontrollieren und riesige Gewinne scheffeln, ausgespielt, ebenso die Raumgilde, der größte Konsument von Spice. Da auch alle anderen adligen Häuser Spice in Mengen konsumieren, könnte ein Imperator, der Syntha-Spice kontrolliert, alle anderen unter seine Knute zwingen, denn das alte Spice wäre viel zu teuer, um neben dem neuen bestehen zu können – Marktwirtschaft, sie funktioniert auch noch in 10.000 Jahren!

Doch wo das Syntha-Spice entwickeln? Elrood hat die geniale und extrem zynische Idee, ihnen den Planeten Ix des Hauses Vernius zu überlassen: Die islamischen Fanatiker, die ixianische Computer-Maschinen hassen, dürfen Ix überfallen. Leto Atreides erlebt die verheerende Invasion, auf die das Haus Vernius in keiner Weise vorbereitet ist, hautnah und entkommt in letzter Sekunde mit Freunden.

Dies ist der erste Höhepunkt des Buches, doch der zweite bahnt sich gleich darauf an: Die Harkonnens, seit Jahrhunderten Erzfeinde der Atreides, haben es auf Paulus und Leto abgesehen. In einer perfiden Aktion schieben sie nach Paulus‘ Ermordung dem neuen Herzog Leto einen Angriff auf die Tleilaxu in die Schuhe (um so die Entwicklung des konkurrierenden Syntha-Spice zu sabotieren). Dieser Angriff im Inneren eines neutralen Gilde-Raumschiffes soll und könnte einen Krieg auslösen. Doch Leto ist schlauer: Er lässt sich des Hochverrats und Mordes angeklagen, wobei er die Zukunft seines Hauses aufs Spiel setzt …

Dies sind nur zwei von rund einem halben Dutzend Handlungssträngen. Die Bene Gesserit arbeiten am Übermenschen, dem Kwisatz Haderach, indem sie sich Genmaterial von Baron Vladimir Harkonnen besorgen – zwei (!) sehr amüsante Episoden. – Pardot Kynes, der imperiale Planetologe auf Arrakis, schließt sich den Fremen an und setzt sein Terraformungsprogramm in die Wirklichkeit um – sehr schöne Episoden voll Romantik und Vision. – Der acht Jahre alte Duncan Idaho entkommt dem Harkonnen-Planeten Giedi Prime, flieht nach Caladan und wird in die Dienste der Atreides genommen. Dies ist der Beginn seines langen treuen Kriegsdienstes für die Atreides. – Ein junger Ixianer entwickelt im Untergrund ein geniales Gerät, mit dem Navigatoren der Raumgilde erstmals Ferngespräche übertragen können. – Alles in allem eine Menge vielversprechender Anfänge!

_Mein Eindruck_

Statt in die alten Erzählstrukturen (wie etwa lange innere Monologe) zurückzufallen, die anno 1965 modisch waren, als „Der Wüstenplanet“ erschien, setzen heutige Autoren wie Anderson lieber auf moderne Erzählmittel, hohe Geschwindigkeit in der Handlung und wenig Ballast, was den Hintergrund angeht.

Das hat sicherlich Vor- und Nachteile, kommt aber unterm Strich dem heutigen Leser entgegen. Mir jedenfalls hat die flotte Szenenfolge so gut gefallen, dass ich die letzten gut zweihundert Seiten nicht mehr aus der Hand legen wollte und bis um zwei Uhr morgens durchlas.

Was die Übereinstimmung mit dem ersten Zyklus angeht, so hat Brian Herbert als Erbe des großen Autors sehr auf die Richtigkeit geachtet. Er hat sogar die Stammtafeln des Hauses Corrino korrigiert.

Viel Neues ist hingegen nicht zu entdecken, außer dass dem Haus Vernius nun eine zentrale Rolle in der ersten Hälfte zufällt. Für alte Fans ist dieser Umstand Anlass zu Kritik: zu wenig Tiefgang, sagen sie. Macht nichts, sage ich. Denn die Leserschaft, die neu erschlossen werden soll, kann mit philosophischen Diskursen kaum noch etwas anfangen – dafür sind die kurzen Motti vor jedem Kapitel zuständig. Möge sich mit den in diesen Zitaten geäußerten Geisteshaltungen auseinandersetzen, wer will. Sie hindern zumindest nicht am flüssigen Lesen der spannenden Geschichte.

|Das Prequel zur Vorgeschichte|

Ich erwartete nach dieser Trilogie noch eine weitere Vorgeschichte – und in der Tat kam dann die Trilogie „Die Legende“ hinterher. Denn es sind zahlreiche Verweise auf die Vergangenheit des Imperiums eingeflochten. Während des Butlerschen Dschihads gegen die Computer und ihre Verfechter, Hersteller und Anwender kam es zu mehreren Schlachten, deren größte und entscheidende wohl die von Corrin gewesen sein muss. Und hierbei kam es zum Verrat der Harkonnens und dem getreuen Eintreten von Atreides und Vernius für die Sache des Imperiums. Diese Geschichte musste unbedingt noch erzählt werden – Brian Herbert und Kevin J. Anderson legten wieder selbst Hand an. Der Abschlussband „Die Schlacht von Corrin“ steht ebenfalls ab November 2005 in den Buchläden.

|Originaltitel: DUNE: House Atreides, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Bernhard Kempen|

Bryers, Paul – Winter des Bären

In Bridport, einem kleinen Ort im US-amerikanischen Staat Maine, nicht weit entfernt von der kanadischen Grenze, ist der erste Schnee des Jahres gefallen, als am Rande des dichten Waldes, der die Gemeinde umgibt, die Leiche einer jungen Frau entdeckt wird. Sie wurde fürchterlich zerfleischt und offensichtlich von einem Bären angefallen. Doch Detective Michael Calhoun von der Staatspolizei ist skeptisch, denn obwohl es in den Wäldern um Bridport tatsächlich Bären gibt, hat es mit ihnen noch niemals Ärger gegeben.

Madeleine Ross – so hieß die Tote – war erst vor wenigen Monaten mit ihrer zehnjährigen Tochter Freya aus England in die Vereinigten Staaten gekommen. Nach Bridport war sie offenbar auf den Spuren ihrer früh verstorbenen Mutter gereist, einer Indianerin vom Stamm der Souriquois, der hier seit jeher ansässig ist. Ihren Unterhalt hatte sie sich als Bedienung in einem Lokal und Helferin auf einer archäologischen Ausgrabung verdient: In Bridport stand einst Fort Winter, Anfang des 17. Jahrhunderts von den Franzosen erbaut und nach deren Rückzug von den Briten übernommen, eine der frühesten europäischen Siedlungen auf dem nordamerikanischen Kontinent.

So weit ist Detective Calhoun mit seinen Ermittlungen gekommen, als er etwas Interessantes herausfindet: Madeleine Ross hatte bis vor kurzem ein Verhältnis mit Innis Graham, dem Abkömmling einer im Holzgeschäft reich gewordenen, nun aber verarmten Bridporter Familie. Die Beziehung wurde offenbar im Streit und von Madeleine gelöst, während Graham die Trennung nicht hinnehmen wollte. Inzwischen ist im heimatlichen England Jessica, die ältere Schwester Madeleines, über deren Tod informiert worden. Sofort reist sie in die USA, um in Bridport Näheres über das Unglück in Erfahrung zu bringen und sich um ihre Nichte zu kümmern.

Ein weiterer archäologischer Fund sorgt hier derweil für eine Sensation: In einem Massengrab findet man die Überreste zahlreicher Siedler, die im 17. Jahrhundert offenbar von ihren indianischen Nachbarn massakriert wurden. Die Tragweite dieser Entdeckung ist enorm, denn die Souriquois haben gerade eine Klage gegen den Staat Maine angestrengt, der ihnen eine hohe Entschädigung für die Verfolgungen und Vertreibungen zahlen soll, denen sie durch die Siedler einst ausgesetzt waren. Sollten diese sich nun als eigentliche Opfer herausstellen, stünde es schlecht um die Chancen des Stammes, den Prozess zu gewinnen.

Detective Calhoun glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass Madeleine Ross durch einen Bären zu Tode kam. Diese Vermutung wird zur Gewissheit, als die Leiterin der Ausgrabung einem Mordanschlag zum Opfer fällt. Während eines heftigen Schneesturms finden Calhoun und Jessica Ross unabhängig voneinander heraus, wer hinter den Morden steckt …

„Winter des Bären“ ist ein komplexes und mehrschichtiges Werk – ein sauber konstruierter Krimi mit einer ungewöhnlichen Auflösung; die Geschichte zweier höchst unterschiedlicher Schwestern, die nie miteinander ins Reine kommen können, bis es zu spät ist; ein Panorama des nur auf den ersten Blick idyllischen und hinterwäldlerischen Staates Maine und seiner Bewohner sowie ein historischer Abriss der weitgehend unbekannten, aber farbigen Vergangenheit Neuenglands, die auch dreieinhalb Jahrhunderte später nichts von ihrer Brisanz verloren hat.

Eine Menge hat sich der Autor also vorgenommen, und das Meiste gelingt ihm auch. Obwohl Paul Bryers in England geboren wurde und dort auch lebt, entwirft er ein einfühlsames Porträt des Staates Maine, der bisher dank seines prominentesten Bürgers, des Schriftstellers Stephen King, eher als Hort diverser Geister, Teufel und Untoter bekannt geworden ist.

Eine ganze Weile scheint es so, als wolle Bryers in dasselbe Horn stoßen, als er beginnt, in die Mythologie der indianischen Urbevölkerung einzutauchen. Glücklicherweise gerät er aber nie auf die Schiene jener heutzutage so beliebten, aber meist nur schwer verdaulichen Ethno-Thriller, deren um politische Korrektheit schwer ringende Autoren die in den Mittelpunkt der Handlung gerückten Minderheiten (ob es nun Indianer sind oder andere „edle Wilde“) als Gutmenschen und Bewahrer einer „besseren“, da näher am Busen der weisen Mutter Natur verbrachten Lebensart mit derselben dreisten Selbstverständlichkeit für sich vereinnahmen, mit der ihre Vorgänger diese einst als blutdürstige Unmenschen verteufelt haben.

Doch dann konzentriert sich Bryers glücklicherweise mehr auf einen Rückblick auf die frühe Siedlungsgeschichte Maines im 17. Jahrhundert. (Der Autor war Lehrer für Geschichte, er ehe zum Journalismus und zur Schriftstellerei wechselte.) Wer weiß heute schon, dass der Osten Nordamerikas zunächst nicht von den Briten, sondern den Franzosen (und in geringerem Umfang von den Niederländern) kolonisiert wurde, und dass um die Vorherrschaft in dieser Region anderthalb Jahrhundert erbittert gerungen wurde, bis sich der Konflikt im britisch-französischen Kolonialkrieg von 1754/55 bis 1763 entlud, der schließlich auf die Mutterländer und ihre Verbündeten übersprang und in Europa den Siebenjährigen Krieg (1756-1763) ausbrechen ließ. Erst der Friede von Paris (1763) brachte das Ende der französischen Vorherrschaft in Nordamerika. Bis zu diesem Zeitpunkt tobte im Osten der späteren USA und Kanadas ein schmutziger Guerilla-Krieg, den die verfeindeten Parteien größtenteils durch „Stellvertreter“ ausfechten ließen – die indianischen Ureinwohner, die für ihre Dienste mit Krankheiten, Alkoholismus, Landraub und Ausrottung „belohnt“ wurden. Diese traurige Tradition wurde später von den neuen amerikanischen Landesherren übernommen. Unter den Folgen leidet die Urbevölkerung bis heute, und obwohl es natürlich keine „Indianerkriege“ mehr gibt, blieben Spannungen zwischen den „alten“ und den „neuen“ Bewohnern Nordamerikas bis in die Gegenwart zurück. Die Illusion eines scheinbar harmonischen Miteinanders, das tatsächlich ein im besten Fall gleichgültiges Nebeneinander ist, bringt Bryers geschickt und wie beiläufig auf den Punkt.

Aus dem Gleis gerät der Roman nur, wenn Bryers die Geschichte von Madeleine und Jessica erzählt. Hier hat er die Handlung eindeutig überfrachtet; er führt sie immer wieder in Sackgassen, die sie nicht weiter bringen. „Winter des Bären“ basiert auf einer guten Ausgangsidee, die logisch entwickelt wird. Reflexionen über eine komplizierte Schwestern-Beziehung, die sich über die halbe Welt erstreckt, bis sie schließlich in Maine endet, stören den Rhythmus empfindlich. Das ist aber auch der einzige echte Einwand, der sich gegen dieses Buch (das im Übrigen auch noch von erfreulicher Kürze ist) erheben lässt.

Hamilton, Peter F. – Drachenfeuer (Der Drachentempel 2)

_Drachentöter sind auch nicht mehr das …_

Der Held des zweigeteilten Bandes findet endlich den Schatz, den er gesucht hat. Und der Fund zwingt ihn dazu, die Welt zu verändern und die Menschen zu befreien.

_Der Autor_

Der britische Science-Fiction-Autor Peter F. Hamilton wurde hierzulande mit seinem sechsbändigen Armageddon-Zyklus bekannt, in dem sich eine galaktische Zivilisation der Menschen einer tödlichen Bedrohung gegenübersieht. Nach dem Erzählband „Zweite Chance auf Eden“ folgte die Duologie „Der Drachentempel“ („Fallen Dragon“, 2001). Inzwischen erschienen noch auf Deutsch „Unendliche Grenzen“ (2003) sowie [„Der Dieb der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=593 (2004).

_Handlung des zweiten Bandes (Kapitel 11 bis Schluss)_

Der Roman „Fallen Dragon“ wurde vom deutschen Verlag in zwei Bände aufgeteilt. Ich gebe hier den Inhalt bis zum Ende des zweiten Bandes wieder.

|Autarke Schottinnen|

Der Anfang des zweiten Bandes scheint zunächst überhaupt nichts mit der Haupthandlung zu tun zu haben, erweist sich aber am Schluss als ausschlaggebend. Denn die Hauptfigur, Lawrence Newton, lernt wieder einmal eine Frau kennen und lässt sich mit ihr auf eine Affäre ein. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass sie es todernst meint.

Joona Beaumont kommt aus Schottland und ist eine Aktivistin. Sie demonstriert vor dem holländischen Hauptquartier des Großkonzerns Zantiu-Braun gegen dessen Politik. In diesem Gebäude will sich Lawrence für die Offizierslaufbahn qualifizieren. Er bemerkt die schöne Demonstrantin und grüßt sie, zunächst ironisch. Dann gibt er ihr Drinks aus. Sie landen zwar zusammen im Bett, aber Joona ist ganz anders als die hübschen Mädels, die Lawrence gewohnt ist, für eine Nacht aufs Zimmer zu nehmen.

Doch Zantiu-Braun lehnt ihn trotz guter Prüfungsergebnisse (im Simulator usw.) wegen mangelnder Anteile am Konzern ab, was ihm sehr ungerecht erscheint. Aus Frust fährt er mit Joona nach Schottland, zu ihrer geliebten Großmutter Jackie. Joona lehnt ihre Mutter ab (und damit unbewusst Lawrences Grundeinstellung). Ihr Vater ist weiß Gott wo.

Jackie verkauft Pullover aus selbst produzierter Wolle von selbst gehüteten Schafen in den schottischen Hochtälern. Ihre Philosophie, die Joona völlig übernommen hat, lautet: Mach dich von der gleichmachenden Kultur der Großkonzerne („Unikultur“ genannt) unabhängig und sorge für dich selbst, so weit es geht. Folglich zieht sie ihr eigenes Gemüse usw. Es ist der Urgedanke der Grünen und Alternativen aus den Siebzigerjahren, in die Tat umgesetzt.

Doch als der an Synthetiknahrung gewöhnte Sternenkrieger Lawrence herausfindet, dass das, was er auf seinem Sandwich isst, echtes Fleisch von echten Angusrindern ist, kotzt er sich die Seele aus dem Leib und flüchtet, so schnell ihn die Beine tragen können.

|Niederlagen|

Auf der von Zantiu-Braun eroberten Welt Thallspring entwickeln sich die Dinge zusehends zu Ungunsten der Eroberer. Prime, die subversive Software der Widerstandsbewegung, erlaubt deren Mitgliedern einige spektaktuläre Sabotageakte. Der vorläufig größte Coup zielt auf die moralische Integrität und Glaubwürdigkeit der Eroberer. Der junge Skin-Söldner Hal aus Newtons Platoon kommt vor Liebessehnsucht fast um und besorgt sich einen illegalen Besuch in einem obskuren Bordell. Am nächsten Morgen wird er verhaftet. Der Grund: Er habe die Tochter des Bürgermeisters vergewaltigt. Es gebe weder ein Taxi, das er benutzt habe, noch ein Bordell, wo er sich vergnügt habe.

Hal, der notgeile Bauerntrampel, mag toben und betteln, wie er will, niemand glaubt ihm (außer Newton). Auf Drängen des Bürgermeisters und des Gouverneuers wird er zum Tode durch Erschießen verurteilt. Denn das Prime hat alle gegenteiligen, Hals Version stützenden Daten aus dem Zentralcomputer gelöscht. Doch Newton lässt den hingerichteten Söldner nicht im Stich.

In einem Rückblick auf Newtons Kampagnen kommt nun erstmals (etwa auf Seite 160) die Sprache auf ein Dorf im Hinterland Thallsprings, wo nach seiner Meinung nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann. Arnoon Village ist ein Bilderbuchdorf mit Häusern, die besser ausgestattet sind als eine Gouverneursvilla. Und das mitten im Dschungel? Newton selbst vereitelt eine Vergewaltigung und lernt Denise, die Schwester des Beinaheopfers, kennen. Denise ist der spätere Kopf der Widerstandsgruppe auf Thallspring.

Ein dritter Rückblick zeigt Newtons Platoon bei der verheerenden Kampagne auf dem Planeten Santa Chico. Die bis an die Zähne bewaffneten Söldner sind froh, dass sie mit heiler Haut aus dieser Hölle entkommen können. Der Grund: Die beschleunigte Evolution des Planeten hat die ursprünglichen menschlichen Siedler binnen weniger Generationen derartig umgestaltet, dass sie mit ihrer Umwelt optimal umgehen und sie ihre eigene Weiterentwicklung steuern können. Riesige, von Menschen gesteuerte „Elefanten“ namens Makrorexe rennen die Platoons nieder, Flugsaurier attackieren die Raumfähren und Hubschrauber.

|Der Drachenfund|

Nach der Hal-Episode, die die Unfähigkeit seines Arbeitgebers bloßgestellt hat, macht sich Newton mit einer kleinen Gruppe Getreuer auf in die Berge von Arnoon Province. Doch Denise und der Widerstand haben etwas dagegen. Ein schweres Gefecht dezimiert die Schatzsucher erheblich.

Als Einzigem gelingt es Newton, den Drachentempel zu erreichen, allerdings mehr tot als lebendig. Dort macht er Bekanntschaft mit dem vom Himmel gefallenen Alien, das als „Der Drache“ bezeichnet wird und dessen fremde Nanotechnologie die Angehörigen des Widerstands zu allen möglichen übermenschlichen Taten befähigt.

|Newtons Entscheidung|

Nun muss Newtons auf der Grundlage seiner bisherigen Erfahrungen mit dem Universum, das die Konzerne und ihre Skins geschaffen haben, überlegen, wie die überragende Technologie, die der Drache bereitgestellt hat, sinnvoll genutzt werden kann. Bei dieser Entscheidung hilft ihm der Hintergrund, den der Drache und Denise über das Universum der Drachen, das Ring-Universum, liefern.

Newtons Entscheidung bedeutet das Ende der Konzerne und Freiheit für Menschen wie Joona Beaumont und die Evolution auf Santa Chico. Doch bevor es so weit ist, muss er sich mit einem hartnäckigen Verfolger namens Simon Roderick auseinandersetzen, dem Vorstandsvorsitzenden des Superkonzerns Zantiu-Braun.

Der Showdown findet im Orbit um den Roter-Riese-Stern Aldebaran statt. Denn dies ist die Heimat der Drachen …

_Mein Eindruck_

|Der Drachentöter und der Hort|

Die Geschichte erinnert nicht von ungefähr an die Sage von Siegfried dem Drachentöter, die ihrerseits wieder auf isländischen Vorbildern beruht. Allerdings wandelt der Autor die Sage beträchtlich ab. Der Drache ist nicht der eifersüchtige Hüter des Schatzes, sondern ein bereitwilliger Geber von neuem Wissen – er ist der Schatz selbst. Selbstredend sollte man ihn nicht zerstören, sondern vielmehr vor Leuten, die ihn für ihre eigenen Machtzwecke missbrauchen wollen, bewahren.

|Bösewichte und Kritik|

In der Folge ist Newton mit den Kräften eines Siegfried ausgestattet, und er setzt die Drachenmacht zu Zwecken ein, die in seinen Augen „gut“ sind. Simon Roderick hingegen erscheint nun als habgierige und neidische Gestalt à la Alberich und Hagen, die es auf Newton und seinen Drachen abgesehen haben. Roderick ist der Repräsentant der Globalisierung bzw. eines global operierenden Konzerns. Man braucht nur „Zantiu-Braun“ durch „Microsoft“ zu ersetzen und sieht den Bezug zur aktuellen Wirklichkeit des Lesers.

Rodericks und ZB’s Rolle sind deutliche Hinweise darauf, was der Autor kritisiert: Die „Unikultur“, die nimmersatte Konzerne über die ganze von ihnen beherrschte Welt verbreiten. Die Globalisierungsgegner im Buch, wie etwa Joona Beaumont und die Anführerin auf Santa Chico, haben durchaus einige Argumente, die für sie sprechen: Sie gehen Wege, die den Companys nicht passen, die aber für die Menschheit als solche wichtig und sogar notwendig sein können, zumal auf anderen Welten als der alten, ausgelaugten Erde.

Zum Glück bleiben alle Liebeshändel und Frauenzweikämpfe, die man sattsam aus der Nibelungen-Saga kennt, bei Hamilton außen vor. Allerdings findet auch Newton kein Liebesglück bei der schönen Guerillakämpferin Denise – das wäre ja ein unerträgliches Klischee. Stattdessen scheint er zu Roselyn zurückzuwollen, jener Frau, die ihm „einst das Herze brach“. Na ja.

|Offene Frage|

Was am Schluss umgeklärt bleibt: Es wurde zwar gesagt, woher Newton sein eigenes Prime, also die Alien-Software, hatte. Doch bleibt verschwiegen, woher Newtons Freund Vince das Prime hatte. Eine Verbindung zu Arnoon Village wird nämlich nicht gezogen. Wir müssen annehmen, dass der gute Vince das Prime aus dem globalen Datapool gefischt hatte, was doch recht unwahrscheinlich erscheint: Der Datapool wird laufend von den KIs der Konzerne überwacht.

Mag der Showdown auch toll gewesen sein, so schafft es der Autor doch nicht ganz, alle losen Fäden zu verknüpfen und einen befriedigenden Schluss zurechtzuzimmern. Wahrscheinlich hatte er nicht wie Prof. Tolkien zwölf Jahre Zeit für sein Werk.

|Die Übersetzung|

Zur Übersetzung kann ich nur das bereits in der ersten Besprechung Gesagte wiederholen. Ich habe auch im zweiten Band Fehler gefunden (Seiten 328, 447, 493 und 621). So hat der Übersetzer das englische Wort „holiday resort“ nicht als Ferien- oder Freizeitanlage übersetzt, sondern als „Ferien-Ressort“. Dumm nur, dass im Deutschen ein „Ressort“ etwas ganz anderes meint.

_Unterm Strich_

Als moderne Abwandlung der Sage vom Helden Siegfried und dem Drachenhort reüssiert diese Duologie als eine abenteuerliche Söldner- und Piratenstory, die in der Gründung einer neuen Weltordnung mündet. So ist’s recht. So haben die griechischen Prometheus-&-Co.-Mythen angefangen. Und aus diesem Holz sind eigentlich die besten Heldensagen geschnitzt, wenn man sich einmal die Geschichte der „heroischen“ Unterhaltungsliteratur ansieht.

Hamiltons Romanen liegt es fern, diese Mythen und Motive infrage zu stellen oder gar subversiv zu hinterfragen. Vielmehr kombiniert er ihre Elemente zu etwas Neuem, das für den heutigen jugendlichen Leser sowohl fesselnd als auch interessant ist. Wer nicht zu hohe Ansprüche an solche Unterhaltungs-Science-Fiction stellt, dürfte mit der Duologie „Der Drachentempel“ zufrieden sein.

Bruce Sterling – The Zenith Angle

Spannend, witzig und aktuell: Cyberwar-Thriller

Der engagierte Science-Fiction-Autor Bruce Sterling, ein alter Freund und Kampfgenosse von William Gibson, erzählt vom Amerika nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 und dem nachfolgenden Börsen-Crash. Prof. Derek Vandeveer ist Experte für Computersicherheit und wechselt in eine Regierungsbehörde. Dort gehen ihm die Augen auf, doch ihm soll ein schwarzer Peter untergeschoben werden: die Fehlfunktion eines Spionagesatelliten. Rechtzeitig gewarnt, kann er der Falle zunächst entgehen, doch wer sind die eigentlichen Hintermänner? Sitzt der Feind irgendwo im Mittleren Osten – oder bereits mitten im eigenen Land?

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Robert Goddard – Bedenke, dass wir sterben müssen

Fünf Geschwister sehen sich in die Rolle unfreiwilliger Schatzhüter versetzt und müssen den Kampf um eine kostbare christliche Reliquie gegen Feinde aufnehmen, die vor Mord keineswegs zurückschrecken … – Thriller mit allzu deutlich aufgesetzten History-Mystery-Elementen. Die ‚überraschenden‘ Wendungen sind ein wenig zu zahlreich und unlogisch. Recht hausbacken aber solide geschrieben rumpelt das Werk einem mauen Finale entgegen.
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Hillerman, Tony – Nacht der Skinwalkers, Die

„Die Nacht der Skinwalkers“ ist ein wichtiger Roman in der Reihe der Hillerman-Ethno-Thriller, weil hier für die Zukunft wichtige Charaktere zum ersten Mal zusammenarbeiten und sich quasi für weitere Ermittlungen ‚beschnuppern‘. Die Rede ist von Joe Leaphorn, dem älteren Lieutenant, der in der gesamten Navajo-Reservation bereits einen fabelhaften Ruf genießt, und Jim Chee, einem in den eigenen Traditionen verhafteten Officer, der hier erste Bekanntschaften mit seinem baldigen Freund und Partner Leaphorn macht. Ergo handelt es sich bei „Die Nacht der Skinwalkers“ um einen älteren Roman von Tony Hillerman und demzufolge auch um eine Geschichte, bei der die Kultur der Navajo-Indianer noch weitaus mehr zum Tragen kommt als in den neueren Werken des Autors. Und deshalb ist auch „Die Nacht der Skinwalkers“ wiederum ein sehr empfehlenswerter Krimi, der, wie schon angemerkt, in der Hillerman-Serie eine Schlüsselrolle spielt.

_Story:_

Lieutenant Joe Leaphorn vermutet einen Racheakt, als sein junger Kollege Jim Chee eines Abends in seinem Wohnwagen fast ermordet wird. Drei Schüsse werden auf den Officer abgegeben, und nur durch eine günstige Vorahnung kann sich Chee vor dem Anschlag retten.

Die Navajo Tribal Police steht vor einem Rätsel. Zum einen hat sich Officer Chee nichts zu Schulden kommen lassen, warum man ihn hätte attackieren können, zum anderen passen diese seltsamen Ereignisse auch sehr gut in eine weitere Mordserie, bei der Menschen umgebracht wurden, für deren Mord es absolut kein Motiv gab. Drei Morde plus ein versuchter, das sind die kalten Fakten, und just in dem Moment, in dem man in Bistie jemanden gefunden hat, der eine ganze Menge mehr zu wissen scheint und sich sogar zu einem der Morde bekennt, findet man ebenjenen in seinem eigenen Haus ebenfalls tot auf.

Chee und Leaphorn finden keinen weiteren Anhaltspunkt, der sie auch nur irgendwie weiterbringen könnte. Alle Ermittlungen basieren auf haltlosen Vermutungen, und die Tatsache, dass die Art und Weise, wie man diese Leute umgebracht hat, recht unkonventionell ist, erschwert die Sache nur. Und dann ist ja gar nicht mal sicher, ob es überhaupt einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Fällen gibt. Und welche Rolle spielt die Hexerei der so genannten Skinwalkers, der Leaphorn eher skeptisch gegenübersteht, an die Chee dafür umso mehr glaubt?

Chee und Leaphorn reisen im ganzen Reservat hin und her, holen sich Informationen von scheinbar wichtigen Personen, stellen jedoch alsbald fest, dass ihnen von diesen auch kaum jemand weiterhelfen kann. Die Sache scheint aussichtslos, und dabei sind die privaten Probleme der beiden auch stetig präsent. Bei Leaphorns Frau Emma liegt eine schwere Krankheit vor, bei der es sich möglicherweise um die alzheimerische handelt. Und Chee macht auf dem Gebiet der traditionellen Heilkunde, die er in den letzten Jahren erlernt hat, ebenfalls kaum Fortschritte bzw. bekommt keine Chance, sich hierin zu beweisen. Seltsamerweise soll es aber gerade seine erste Einladung zu einem traditionellen Heilgesang sein, bei der plötzlich Licht ins Dunkle kommt …

_Bewertung:_

Im Moment ärgere ich mich etwas, weil ich die Hillerman-Thriller nicht in chronologischer Reihenfolge lese (bedingt durch die erhältlichen Neuveröffentlichungen); das wäre im Endeffekt sicher sinnvoller, denn die persönlichen Beziehungen bzw. die Familienverhältnisse, wie sie in „Die Nacht der Skinwalkers“ vorliegen und zu diesem Zeitpunkt natürlich noch ungeklärt sind, werden in späteren Romanen immer wieder rückblickend angeschnitten und deren Lösung bekannt gegeben. Gut, das ist natürlich nur ein winziges Ärgernis, für das der Schriftsteller bzw. die hier vorliegende Geschichte ja gar nichts kann …

„Die Nacht der Skinwalkers“ ist nämlich wieder ein typischer und damit auch sehr lesenswerter Roman, bei dem die Navajo-Kultur erneut eine übergeordnete Rolle spielt – eben das ist ja seit jeher das Besondere an dieser Reihe. Und in diesem Fall sind es auch wieder traditionelle Gepflogenheiten, die bei der Ermittlung der zunächst nicht miteinander verbundenen Fälle entscheidend sind und dadurch nur noch mehr faszinieren.

Außerdem gelingt es Hillerman erneut sehr gut, einen großen Rahmen mit vielen Seitenhandlungen aufzuspannen, zunächst unzusammenhängende Geschehnisse darzustellen, sie dann am Ende aber doch wieder Stück für Stück dergestalt zusammenzufügen, dass es logischer gar nicht sein könnte. Spannung ist also wieder garantiert, nur dass es dieses Mal so ist, dass Hillerman sich außergewöhnlich lange Zeit lässt, um die Ereignisse miteinander zu verbinden. Das Buch hat gerade mal 205 Seiten und circa 30 Seiten vor Schluss fällt es immer noch sehr schwer, eine Schlussfolgerung zu ziehen oder auch nur zu ahnen, was und wer jetzt wirklich hinter den ungewöhnlichen Mordfällen steckt. Hatte ich jedoch zunächst noch Sorge, dass Hillerman es dieses Mal nicht mehr schaffen würde, rechtzeitig auf den Punkt zu kommen, hat mich der Großmeister des Ethno-Thrillers erneut eines Besseren belehrt und doch noch die Kurve bekommen.

Nicht zuletzt ist dieses Buch auch noch sehr wichtig, um die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Chee und Leaphorn zu ergründen, die hier noch sehr stark auf gegenseitigen Zweifeln beruht, die ja auch in späteren Romanen manchmal nicht abreißen wollen. Durch diese Beziehung erfährt man nämlich auch eine ganze Menge über die einzelnen Charaktere und ihre Einstellungen, teilweise sogar mit Details, die einem nachträglich auch helfen, nachfolgend verfasste Bücher bzw. Schlüsselszenen besser zu verstehen. Daher zum Schluss nochmal meine Empfehlung an potenzielle Hillerman-Leser, die Bücher chronologisch zu lesen, denn sie gehören nunmal zusammen und bilden trotz der unterschiedlichen Themen eine große Serie. „Die Nacht der Skinwalkers“ jedenfalls ist – alles andere hätte mich verwundert – ein weiterer überragender Krimi aus dieser Reihe!

Eddison, Eric R. – Wurm Ouroboros, Der

_Früher Fantasy-Klassiker: ein Anti-Tolkien?_

Es gab schon vor Tolkien gute englische Fantasy. Dies belegt dieser selten gelesene (und verlegte) Klassiker aus England, den |Bastei Lübbe| in einer endlich gültigen Ausgabe verlegt hat.

_Der Autor_

Sein Autor Eric Rucker Eddison (1882-1945) war ein Beamter, Schriftsteller und Gelehrter für Altnordisch, der ein äußerlich unscheinbares Leben führte, um seine intensive Kreativität zu verbergen. In seinen Werken wie etwa der Zimiamvia-Trilogie (veröffentlicht 1935-1958, verlegt bei Heyne) und „Der Wurm Ouroboros“ zeigt er sich tief beeinflusst von der jakobinischen Rachetragödie (Handlungsverlauf) und von Fantasyautor William Morris, was die Landschaften und den Sprachstil anbelangt.

Ruckers Stil ist dekorativ, beschreibend, dicht gedrängt und ergeht sich in langen, zuweilen pathetischen Sätzen – für heutige Leser nicht sonderlich attraktiv.

|Die zweite deutsche Ausgabe|

Die |Bastei|-Ausgabe macht die alte |Heyne|-Übersetzung überflüssig, die sich erstens nicht sehr an das Original anlehnte und zweitens bringt die Pesch-Übersetzung zahlreiche Erläuterungen, die in der Heyne-Ausgabe fehlen. Die Erklärungen herauszufinden, muss eine Menge Arbeit gewesen sein.

_Handlung_

Krieg ist entbrannt in Merkurien. Auf der einen Seite steht der grausame König Gorice von Hexenland mit seinem Heer, angeführt von den besten Strategen. Auf der anderen Seite stehen die Fürsten von Dämonenland, von übermenschlichen Leidenschaften verzehrt, doch stolz und kühn.

Nur wenn einer von ihnen den Fuß auf den Gipfel des höchsten aller Berge setzt, von dem kein Sterblicher je zurückgekehrt ist, vermag er das Mittel zu finden, dem mächtigen Hexenkönig Paroli zu bieten. Denn Gorice umgibt ein altes, düsteres Geheimnis, das ihn unsterblich fortleben lässt. Er trägt einen Ring in der Form des Wurms Ouroboros, des Drachen, der seinen eigenen Schweif verschlingt – das Symbol ewigen Lebens.

Lessingham stammt von unserer Erde, wurde aber irgendwie nach Merkurien verschlagen, eine alternative Fantasywelt. Er beobachtet, wie sich der große Krieg anbahnt. Dabei scheinen den gegnerischen Parteien die Gründe für den Kampf viel weniger wichtig zu sein als die Tatsache des Krieges selbst. Obwohl die teilnehmenden Nationen nach bekannten Wesen wie Hexen, Dämonen, Ghouls und Kobolden/Trollen benannt sind, unterscheiden sie sich von den bei Tolkien vorkommenden Völkerschaften, die unser modernes Verständnis davon prägen.

Lessingham verschwindet allmählich aus dem Bild, doch der Krieg geht weiter, bis Gorice, der Zaubererkönig aus dem Hexenland, definitiv besiegt ist. Doch die versammelten Sieger, die einen schalen Geschmack in der Luft wahrnehmen, bitten die Götter, dass die Zeit sich wie der Wurm Ouroboros in den Schwanz beiße, auf dass sich der Konflikt wiederholen könne. Dieser Gefallen wird gewährt, und so kann alles von vorne beginnen.

_Fazit_

Solch einen Schluss hätten weder Tolkien noch sein Professorenkollege C. S. Lewis gut oder witzig gefunden. Die beiden stehen für christliche Fantasy, die sich dadurch auszeichnet, dass ein Kampf Gut gegen Böse stattfindet und dieser mit einer Erlösung endet. Vertreter der beiden gegenerischen Seiten sind durch Farbkodierung deutlich zu unterscheiden. Im „Herr der Ringe“ gibt es beispielsweise zwei Turm-Paare: 1) den Turm von Isengard und den Schwarzen Turm Saurons, sowie 2) Minas Tirith (strahlend weiß auf dem Westufer das Anduin) und Minas Morgul (düster auf dem Ostufer).

Bei Eddison wird der Leser jedoch mehrfach schockiert: durch anders angewendete Farbkodierung, andere Benennung von Wesen, die fehlende Erlösung am Schluss. Der Krieg ist kein spiritueller oder gar religiöser Kampf, sondern ein quasi ritterlicher Zweikampf um des schieren sportlichen Vergnügens willen – für Tolkien praktisch Blasphemie! Daher wurde Eddison mehrmals missverstanden. Dennoch ist „Der Wurm Ouroboros“ von allen seinen Werken noch das lesbarste und beliebteste.

|Originaltitel: The Worm Ouroboros, 1922/26
Aus dem Englischen übertragen von Helmut W. Pesch|

Froideval, François Marcela / Ledroit, Olivier – Zeichen der Schatten, Das (Die Chroniken des schwarzen Mondes, Band 1)

In den „Chroniken des schwarzen Mondes“ wird die Geschichte des jungen Wismerhill erzählt, der auszieht, um die große Fantasy-Welt Lhynn zu erkunden, Abenteuer zu erleben und schließlich seine Ausbildung zum Krieger zu durchleben. Die beiden Comic-Schöpfer François Marcela Froideval (Entwurf) und Olivier Ledroit (Zeichnungen) haben hier eine bislang zehnteilige Serie erschaffen (ab Band 6 führt Cyril Pontet die Zeichnungen fort), in der es einerseits um politische Machenschaften und die Gier nach Macht geht, andererseits aber auch um Freundschaft, Bündnisse und den Kampf um die Gerechtigkeit – eigentlich ja ganz normale Themen im Bereich der Fantasy, hier jedoch besonders gut dargestellt und von den Machern perfekt und farbenfroh inszeniert und illustriert.

„Das Zeichen der Schatten“ ist der erste Band dieser Serie, und wie so oft bei solchen Mehrteilern, dient dieser Part in erster Linie dazu, die einzelnen Charaktere und den Ort der Handlung vorzustellen. Froideval und Ledroit gehen jedoch hier schon über die bloße Einleitung hinaus und erläutern die Rolle des Orakels, stellen die einzelnen Fähigkeiten der Protagonisten mehr als ausführlich vor, lassen aber andererseits schon einige Handlungspunkte sehr offen, die sich dann in den nächsten Bänden klären sollen. Mehr dazu gibt es nun in einer Zusammenfassung der _Story:_

Eines Tages lernt der junge Ritter Wismerhill bei einer harmlosen Kaninchenjagd den mysteriösen Kämpfer Pilou kennen, der mit zwei seltsamen Schwerten kämpft, die jeweils das Gute und das Böse verkörpern. Gemeinsam gehen die beiden auf Streif- und Raubzüge, überfallen wehrlose Menschen und schlagen sich solcherart monatelang so durchs Leben. Gleichzeitig unterrichtet Piliu seinen jungen Gefährten in den verschiedenen Kampfkünsten. Dann jedoch treffen die beiden auf den übermächtigen Ghor-Ghor Bey und gelangen an ihre Grenzen. Der riesige Heeresführer nimmt die beiden alsbald gefangen; als er jedoch feststellt, dass vor allem Pilou über besondere Kräfte verfügt, wirbt er die beiden für seine gemeine Bande an. Pilou willigt ein, aber auch nur unter der Voraussetzung, dass Wismerhill ebenfalls aufgenommen wird.

Von nun an folgen sie in ergebener Treue ihrem neuen Herrscher und setzen ihre Raubzüge nun in größerem Rahmen fort – sehr zum Missfallen des Kaisers und seiner Armee der weißen Ritter. Der sieht in Ghor-Ghor Bey und seinen Helfershelfern die größte Gefahr für sein Reich und stellt daher eine riesige Armee auf, die gegen den Verbrecher in den Krieg ziehen soll.

Derweil erkennt Wismerhill immerfort neue Fähigkeiten an sich; es gelingt ihm, die Stimme des Windes zu entschlüsseln, aber auch geheime Angriffstechniken zu erlernen, die ihm bislang verborgen waren. Mehr als einmal kann er seinen Anführer so vor einem Hinterhalt bewahren. Als es jedoch zur finalen Schlacht mit den weißen Rittern des Kaisers mit ihrem Anführer Frater Sinister kommt, scheint Wismerhill machtlos und verloren. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste er auch noch nichts von seinem Schicksal und der Gunst des allmächtigen Orakels.

_Bewertung:_

Ohne Zweifel verbirgt sich hinter „Die Chronik des schwarzen Mondes“ eine Serie mit ungeheurem Potenzial, denn allein schon nach dem ersten Band haben sich die beiden Autoren und Zeichner eine ganze Reihe Optionen für die Fortsetzung der Handlung offen gelassen, und dadurch, dass die Geschichte von wirklich vielen Charakteren beherrscht wird, eröffnen sich in jeglicher Hinsicht haufenweise Möglichkeiten, um die Abenteuer in der Fantasy-Welt Lhynn weiterzuerzählen. Das eigentliche Ziel, mit dem ersten Band für weitere Episoden Interesse zu wecken bzw. auf Anhieb zu begeistern, wurde vom Duo Froideval/Ledroit jedenfalls ganz klar erreicht.

Trotzdem geht es in „Das Zeichen der Schatten“ manchmal zu zügig voran. Das Bündnis zwischen Pilou und Wismerhill wird meines Erachtens zum Beispiel viel zu kurz dargestellt, und gerade auf den ersten zwanzig Seiten wird der Leser des Öfteren vor vollendete Tatsachen gestellt. Hier hätte man den Fokus nicht nur auf die wirklich gelungenen Zeichnungen, sondern auch vermehrt auf den Ablauf der Handlung legen sollen. Gerade in diesem Beispiel wird nur kurz erzählt, dass die beiden plötzlich dicke Freunde sind und irgendwann der Armee von Ghor-Ghor Bey beitreten. Einzelne Details wie zum Beispiel die Eigenschaften der beiden Schwerter Pilous werden fast komplett verschwiegen. Aber vielleicht kommt da ja in zukünftigen Bändern noch mehr – wer weiß?

Ansonsten ist der erste Teil dieser Serie wirklich sehr gut gelungen; das beginnt bei den tollen Zeichnungen, die einerseits eine recht düstere Atmosphäre verbreiten, dennoch ziemlich bunt geworden sind und trotz der konträren Ausstrahlung wunderbar miteinander harmonieren. Weiter geht der positive Eindruck mit den guten und keinesfalls plumpen Texten, die einerseits mystisch angehaucht, andererseits aber dennoch leicht verständlich und logisch aufgebaut sind. Und als Letztes ist natürlich die Handlung als solche zu loben. Wie schon angedeutet, verbirgt sich hier eine Menge Potenzial, nicht zuletzt, weil die einzelnen Figuren und ihre Charaktereigenschaften trotz ausführlicher Darstellung immer noch ein Mysterium darstellen, das es im weiteren Vwerlauf dieser Bücher zu ergründen gilt.

Kurzum: Froideval und Ledroit haben als Team ganze Arbeit geleistet und eine intelligente, spannende und exzellent illustrierte Geschichte erschaffen, die mit „Das Zeichen der Schatten“ wirklich toll eingeleitet wird. Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen!

_Verlagsinformationen zu den Autoren:_

|François Marcela Froideval| wird 1958 geboren und beginnt bereits mit 15 Jahren zu schreiben. Er studiert Literatur und Jura und gehört Ende der Siebzigerjahre zu den ersten Spielern von Fantasy-Rollenspielen in Europa. Beim Spielehersteller |Jeux Descartes| machte er in kurzer Zeit die Karriere vom Berater für Role Playing Games zum Einkäufer und schließlich Direktor. Zur gleichen Zeit arbeitet er bei der Zeitschrift »Jeux et Stratégie«, in der regelmäßig von ihm gestaltete Spielszenarien erscheinen, und gründet das Magazin »Casus belli« sowie die »Fédération des jeux de simulations stratégiques et tactiques« (Gesellschaft strategischer und taktischer Simulationsspiele). 1982 geht er für vier Jahre in die USA, wo er als Assistent von TSR (Dungeons and Dragons™) Regelwerke für das AD&D-System entwirft. Bis 1989 übernimmt er den Vertrieb und die Umsetzung der TSR-Produkte in Frankreich. 1989 beginnt er mit dem ersten Band der »Chroniken des schwarzen Mondes« eine neue Karriere als einer der erfolgreichsten Fantasy-Szenaristen Frankreichs. Fünf Bände zeichnet Ledroit, die Serie wird seit Band 6 von Pontet fortgeführt. Er veröffentlicht bei allen wichtigen Comicverlagen Frankreichs, z. B. »666« bei |Glénat|, die »Chroniken« und »Fatum« bei |Dargaud|, »Mens Magna« bei |Soleil| und die Nebenserien zu den »Chroniken«, »Methraton« und »Harkanes« bei |Albin Michel| (Deutsch bei |Carlsen|). Daneben schreibt er auch für Computerspiele Szenarien, so für |Infogrames| zum Kultspiel »Drakkhen« und für Cyro die »Dragonlore«-Serie sowie das Spiel zu den »Chroniken«, »Black Moon Chronicles – Winds of War«.

|Olivier Ledroit| wird 1969 in Meaux geboren. Nach zwei Jahren Studium an der Hochschule für angewandte Künste in Duperrez fertigt er Illustrationen für Kartenspiel-Magazine. Die Begegnung mit Froideval führt zur Zusammenarbeit an Froidevals erster Comicserie „Die Chroniken des schwarzen Mondes“, von denen Ledroit fünf Bände zeichnet.

(Autorenvitae © carlsencomics.de)

Ridley Pearson – Die letzte Lüge

Das geschieht:

Vor zweieinhalb Jahren hat Umberto Alvarez seine Familie bei einem Zugunglück verloren. Er macht dafür die Northern Union Railroad und besonders ihren charismatischen aber skrupellosen Vorstandsvorsitzenden und Chef William Goheen verantwortlich. Der will seine Gesellschaft mit aller Macht an die Spitze bringen und schreckt dabei vor krummen Geschäften nicht zurück.

Mit seinen Anschuldigungen ist Alvarez vor Gericht gescheitert; sogar im Gefängnis hat er gesessen, ist ausgebrochen und seither auf der Flucht. In regelmäßigen Abständen verübt er Sabotageakte auf Güterzüge der Northern Union, die dem Image der Firma mächtigen Schaden zufügen. Die Sicherheitsleute der Bahn jagen Alvarez, und mit Peter Tyler tritt nun auch das National Transportation Safety Board, verantwortlich für die Sicherheit der US-amerikanischen Transportwege, auf den Plan.

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Tolkien, John Ronald Reuel – Bauer Giles von Ham

Seit kurzem ist eine der besten Geschichten John R. R. Tolkiens auch auf CD als Hörbuch zu haben, und das zu einem günstigen Preis und in guter Qualität.

Die Geschichte ist voll Humor, wenn nicht sogar voll Ironie, und beschreibt den Einbruch des Fantastischen in die ländliche Gesellschaft des englischen Mittelalters – bei „Bauer Giles“ in Gestalt eines Drachen. Ungewöhnlich für Fantasygeschichten: In „Farmer Giles“ findet eine Revolution von unten statt! Gewöhnlich wird in Fantasy der Zustand der Harmonie wiederhergestellt, was sie häufig so schrecklich konservativ erscheinen lässt. Nicht so bei Tolkien!

_Handlung_

Ein Bauer, ein Schatz und ein Drache sind die wichtigsten Zutaten zu einem vergnüglichen Abenteuer mit Tiefgang. Tatsächlich tut Tolkien in seiner „mock-heroic tale“ so, als handle es sich bei dieser Erzählung um die Wiedergabe einer Familienchronik à la 11. oder 12. Jahrhundert. Stets wird der alte, natürlich lateinische Name für irgendwelche Phänomene (wie diese Erzählung) angegeben und dann – in der „vulgären Zunge“ der englische Name: „The Rise and Wonderful Adventures of Farmer Giles, Lord of Tame, Count of Worminghall, and King of the Little Kingdom“ – was für ein pompöser und völlig lächerlicher Titel!, denkt man. Und doch macht sich Tolkien daran, sämtliche dieser nie gehörten Titel zu rechtfertigen und schließlich sogar heutige Ortsnamen in der Umgebung von Oxford/England davon abzuleiten.

Farmer Giles heißt mit richtigem, d. h. lateinischem Namen Aegidius Ahenobarbus (= Rotbart) Julius Agricola (= Bauer) de Hammo (= Ham, Weiler). „Da es so wenig Leute und so viel Zeit gab, legten sich die Leute bedeutende Namen zu, die sehr lang sein durften“, erzählt uns Tolkien. Und jedes Dorf ist stolz auf sich, ebenso wie jeder Bauer – so auch Giles.

Er hat einen treuen, wenn auch nicht sehr tapferen Hund namens Garm, der sich gerne mit Giles unterhält, welcher ihn jedoch für einen Nichtsnutz hält. Garm stößt eines Tages auf einen Riesen, der des Weges kommt und die Kuh seines Herrn tottrampelt. Von Garm alarmiert, schnappt sich Giles seine Donnerbüchse und verpasst dem Riesen eine Ladung ins Gesicht. Der Riese findet die Stiche der hiesigen Insekten ein wenig zu schmerzhaft für seinen Geschmack und kehrt nach Hause zurück in seine Berge.

Durch diese Tat wird Giles zum Helden des Landes, und sein Ruf eilt ihm voraus bis an den Hof des Königs von Middle Kingdom (damals gab es in Britannien noch viele Königreiche). Man kann sich denken, dass auch dieser König einen ellenlangen Namen sein Eigen nennt. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Augustus (= der Erhabene). Er schickt Giles ein gesiegeltes Dokument mit seinem Lob und einem langen Schwert, das für ihn selbst, da es unmodisch ist, keine Wert hat. Giles‘ Ansehen steigt noch um etliche Grade.

Drachen sind bereits rar. Doch eines Tages taucht ein echter Drache auf und beginnt, das Königreich zu verwüsten. Sein Name ist Chrysophylax (= Goldschuppe in der „vulgären Zunge“) Dives (= der Reiche), und er speit Feuer. Garm stößt mal wieder als Erster auf die Gefahr und warnt seinen Herrn. Doch der Drache tobt noch weit entfernt, und so schickt er Garm erst einmal weg. Der verbreitet die Nachricht im gesamten Dorf. „Oh toll, aber was ist mit den Rittern des Königs?“, fragt man sich dort.

Woher nun einen Drachentöter nehmen?, fragt sich seinerseits der König – und wird von seinen Rittern schmählich im Stich gelassen: Schließlich ist Weihnachten und bald gibt’s ein wichtiges Turnier. Auch die Dörfler sind enttäuscht von den Rittern und wenden sich daher an den „Helden von Ham“.

Giles jedoch zögert lange, schließlich ist ein feuerspeiender Drache nicht sein täglicher Umgang. Da entdeckt der Pfarrer in seinen Büchern, dass Giles‘ Schwert das berühmte Schwanzbeißer (richtig: Caudimordax) ist, das berühmteste Drachentöterschwert weit und breit. Wenn das keine Verpflichtung ist!

Doch ein Drachentöter braucht auch eine Rüstung und ein Pferd. Weitere Probleme! Und als Giles endlich auf Chrysophylax trifft, fällt er glatt von seinem Ross. „Verzeihung“, fragt der Drache voll Argwohn, „aber haben Sie zufällig nach mir gesucht?“ „Aber nie im Leben“, gibt sich Giles entrüstet. „Wer hätte gedacht, dass man Sie hier treffen würde. Ich wollte nur mal ausreiten.“

Es ergibt sich, dass Schwanzbeißer den Drachen verletzt und so flugunfähig macht, dass dieser dem Schwert nur durch Rennen zu entkommen versuchen kann. Allerdings führt die Flucht des Drachen mitten ins Dorf Ham, wo er um sein Leben fleht. Die Dörfler wollen es ihm schenken, falls Chrysophylax ihnen seinen riesigen Schatz übergibt. Der hinterlistige Drache verspricht es und haut ab.

Kaum hört der König davon, fordert er bereits seinen Anteil. Doch leider hat der Drache nicht die Absicht, sich dem gnadenlosen Schwanzbeißer nochmals auszusetzen und bleibt daheim, so dass der gierige König wütend in die Röhre guckt, als er sein Lager in Ham aufschlägt und am verabredeten Übergabetermin vergeblich wartet.

Da erinnert er sich an Giles. Dieser soll die königlichen Ritter gegen den Drachen führen und diesen wegen Meineids etc. bestrafen. Die Ritter vernehmen’s mit finsterer Miene. Ein Bauer als Anführer?! So weit kommt’s noch.

Doch was kann ein Bauer schon gegen den Befehl des Königs tun? Also macht sich Giles wieder auf zum Drachen. Allerdings schließen die beiden einen Handel ab, bei dem König schon wieder in die Röhre schaut. Schließlich führt Aegidius Ahenobarbus seinen Königstitel nicht umsonst.

_Mein Eindruck_

|Die Geschichte|

„Famer Giles of Ham“ ist von einer ganz besonderen Tonart. „Farmer Giles“ tritt wie ein derber Hobbit-Bauer auf, und er redet auch so: eben vulgär. Der Drache Chrysophylax hingegen zeichnet sich durch ein Schlauheit aus, die mit Hinterlist gepaart ist, ein wahrer Materialist obendrein. Und so weiß er einen Kampf zu meiden und mit Giles einen Deal abzuschließen, der beiden das Leben rettet, ja sogar immens erleichtert.

Tolkien beschreibt sehr genau, wie sich die einzelnen Gesellschaftsteile mit der Bedrohung arrangieren, aber auch, wie sie mit dem Reichtum des Drachen umgehen. Die Dorfgenossen Giles‘ sind ebenso gierig wie der König, doch Giles ist mit dem zufrieden, was er selbst besitzt. Er bräuchte den Drachenschatz im Grunde nicht, doch er weiß dennoch etwas damit anzufangen: Er nutzt ihn zugunsten seiner Mitmenschen. Davon leitet sich in Tolkiens Augen seine moralische Legitimation als rechtmäßiger König des Little Kingdom ab.

Auch wenn sich „Bauer Giles“ vordergründig als fröhliche Drachentöterparodie liest, so versteckt sich dahinter eine harsche Kritik an egoistischen Herrschern, die für ihre Untertanen nichts übrig haben und deren Ritter (= Beamte, Minister) nichts taugen. Aber natürlich wird auch der Drache nicht unkritisch präsentiert. Er verkörpert die Versuchung materialistischen Reichtums, doch das Geld kaschiert nur seinen Hunger nach (Menschen-)Fleisch. Immerhin lässt sich sein Reichtum und seine bedrohliche Präsenz sinnvoll in Diensten eines selbstlosen Königs wie Giles einsetzen.

|Der Vorleser|

Hans Paetsch (1909 bis 2002) arbeitete ganze 28 Jahre lang am Hamburger Thalia-Theater als Schauspieler. (Daher wurde die vorliegende Lesugn auch vom NDR produziert.) Schon zu Lebzeiten galt Paetsch als der Märchenerzähler par excellence. Er spricht die Worte nicht einfach, sondern scheint sie zu formen und ihre Endsilben zu beschweren, so dass sie klar und deutsch das Bewusstsein der – meist sehr jungen – Zuhörer erreichen und die Fantasie entzünden.

Ich habe mich selten so gut unterhalten gefühlt wie bei dieser Lesung von Tolkiens klassischer Fantasy-Erzählung.

|1 CD mit einer Gesamtlaufzeit von 59 Minuten
Gelesen von Hans Paetsch, produziert vom NDR 1984
Geeignet ab 7 Jahren|

Bruce Sterling – Brennendes Land

Polit-SF: Alles ist machbar, lieber Nachbar!

Es ist November 2044, und wieder einmal soll ein Amerikanischer Präsident gewählt werden. Doch die USA sind im Grunde längst unregierbar geworden – die Administration in Washington ist bankrott, die meisten Städte befinden sich in Privatbesitz, und weite Teile des Landes unterstehen militärischer Verwaltung. Und dann bricht mitten in eine bizarre Wahlkampagne auch noch die Nachricht von einer wissenschaftlichen Entdeckung, die den American Way of Life grundlegend verändern wird… (Amazon.de)

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Thiemeyer, Thomas – Reptilia

So recht zufrieden ist David Astbury nicht gerade mit seiner akademischen Karriere. Seit seiner Promotion auf dem Gebiet der strukturellen Biologie, einem neuen Forschungszweig aus dem Bereich der Genetik, fristet er ein undankbares Dasein als Assistent und Handlanger am Imperial College in London. Dort darf er seine Fähigkeiten unter der wohlwollenden Regentschaft von Dekan Ambrose für solch wichtige Tätigkeiten einsetzen wie das Einordnen von Daten, Sortieren von Aktenbeständen und allerlei andere Aufgaben eines besseren Sekretärs. Einer wohlhabenden Familie entstammend und mit einem berühmten Biologen und Feldforscher als Vater, ist dies so gar nicht die berufliche Zukunft, die David vorschwebte.

Doch in diesem erstarrten Dasein könnte nun ein frischer Wind den Staub aufwirbeln, als Lady Palmbridge, eine alte Freundin der Familie aus den gemeinsamen Jahren in Hever, ihn in dringender Angelegenheit zu sich bittet, ohne sich jedoch näher zu erklären. Auf geht es also: nach Kalifornien! Dort ließen sich Lord und Lady Palmbridge einstens nieder, um ihre Genforschungslaboratorien gedeihen zu lassen, die mit viel Geld und Können allerlei modernes Hexenwerk betreiben, denn merry old England schien nicht mehr der geeignete Ort, um mit geflügeltem Schritt der technologischen Zukunft entgegenzustreben – was Dr. Astbury mittlerweile ohne Zögern bestätigen würde.

Aber nicht nur um fachliche Dinge soll es bei diesem recht verschwörerischen Zusammentreffen gehen. Palmbridges Töchterlein Emily, die nunmehr selbst gern mit den Genbausteinen spielt, war Davids erste Liebe aus den erinnerungsschwangeren Kindheitstagen. Sie hat es nun auf geheimer Mission in die grüne Hölle der Republik Kongo verschlagen, wo sie sich auf der Pirsch nach einer noch unentdeckten Spezies befindet, die Bedeutsames für die Genforschung im Bereich der Immunologie beitragen könnte – so die Hoffnung der Palmbridges. Doch die letzte Nachricht aus dem fernen Afrika war ein ernüchterndes Video, das zusammen mit einigen anderen Ausrüstungsgegenständen aus dem Dschungel geborgen werden konnte. Von Emily und ihrem Team fehlt seither jede Spur, und was dieses Video dem erstaunten Betrachter zu bieten hat, verschlägt nicht nur David die Sprache und ängstigt die besorgte Mutter, auch die anderen beiden Gäste dieser Zusammenkunft staunen nicht schlecht über die private Filmvorführung.

Bei diesen speziellen Gästen handelt es sich um den wettergegerbten Australier Steward Maloney und seinen treuen Begleiter und Seelenfreund mit dem malerischen Namen Sixpence, seines Zeichens Aborigine. Ihre Spezialität ist die Großwildjagd, und ihre Anwesenheit wird durch ebenjenes ominöse Video eingefordert. Es zeigt, wie Emilys Expedition Aufnahmen eines urzeitlich anmutenden Kolosses macht, der die äußerst wasserreiche Dschungelgegend behaust, einem kongolesischen „Nessie“ gleich. Diesem in Legenden beflüsterten „Mokéle m’Bembé“ gefällt die ungefragte Beobachtung und Ablichtung offenbar überhaupt nicht, denn die Aufnahmen zeigen weiter, wie das Expeditionslager angegriffen und mit Brachialgewalt zerlegt wird, dann endet das Band in Ungewissheit.

Das Jagdfieber der beiden Australier ist sofort geweckt, und David fühlt sich nicht nur als Biologe und Genetiker herausgefordert, sondern möchte natürlich der früheren Freundin und ersten Liebe zu Hilfe eilen und Lady Palmbridge die Muttersorgen nehmen. Bestückt mit modernster Ausrüstung und unterstützt von zwei eingeborenen Helfern – einer Biologin und einem eher unerwarteten Begleiter – geht es also erneut auf in die gefahrvolle Fremde: in den Kongo. Ein Abenteuer erwartet sie, in dem es nicht nur um die eine oder andere vergessene Spezies gehen wird, sondern auch um versunkene Kulturen, die harte Wirklichkeit des unerforschten Dschungelreichs, um Rätsel und um menschliche Widerwärtigkeiten und Schwächen …

Thomas Thiemeyer hat es nach seinem Bestseller [„Medusa“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482 dessen Verfilmung sich derzeit in der Produktionsplanung befindet, erneut auf den schwarzen Kontinent verschlagen. Auch hinsichtlich der Ausgangssituation erscheint für einen Abenteuerroman einiges vertraut: eine verschollene Expedition und eine unbekannte, monströse Spezies in einer unzugänglichen und unerforschten Region der Welt. So weit vielleicht nichts Neues, und doch ist vieles anders; zudem sind es die Umsetzung und die effektvolle Wirkung auf den Leser, die „Reptilia“ zu einem wahren Schmökerfest geraten lassen und dem Rezensenten zwei schlafreduzierte Nächte bescherten.

Zunächst hat Thiemeyer sich diesmal in weiten Teilen für die Perspektive des Ich-Erzählers entschieden. Das schränkt die dramaturgischen Möglichkeiten ein und ist stets ein Wagnis, das Fingerspitzengefühl verlangt. Doch das Ergebnis überzeugt, denn der Spannungsbogen ist solcherart straff gespannt und die Erzählung sehr dynamisch. Wir sind intensiver am Geschehen dran und tauchen ohne den beobachtenden Abstand zügig und bereitwillig in abenteuerliche Welt des Garnes ein, das der Autor wohldosiert und mit feinem Faden gewoben vor uns ausbreitet.

Der wissenschaftliche Hintergrund, auf dem wichtige Aspekte der Grundidee fußen, wurde von Thiemeyer mit Sorgfalt recherchiert und durchaus detailreich für den Leser aufgearbeitet. Bei einem fachlichen Gespräch zwischen Lady Palmbridge und David Astbury in der Startphase der Geschichte darf man die aufgeworfenen Theorien durchaus auch ein zweites Mal durch das Oberstübchen kullern lassen, um die Bedeutsamkeit des ganzen Unterfanges mit gebührendem Kopfnicken nachvollziehen zu können. Doch keine Furcht vor kognitivem Schwelbrand – in der Folge lassen sich weitere Ausführungen am Rande zu technischen oder biologischen Handgriffen en passant mitnehmen, ohne den Anschluss zu verpassen. Doch sie sind beileibe kein schmückendes Stuckwerk, sondern verankern das Abenteuer in der Realität und tragen auch ihren Teil dazu bei, die Charaktere plastischer zu formen. War bereits „Medusa“ darum bemüht, nicht völlig den Bodenkontakt zur Wirklichkeit zu verlieren, so ist die Sorgfalt des Autors in dieser Sache bei „Reptilia“ noch deutlicher zu erkennen.

Auch die Charaktergestaltung hat gegenüber dem Debütroman eine spürbare Steigerung erfahren. Waren dort noch Anfängerschwächen zu verzeichnen, die jedoch durch eine temporeiche und bilderstürmerische Erzählung aufgewogen wurden, so sind die Protagonisten diesmal greifbarer und eigenständiger geraten. Lediglich über Sixpence hätte man gern mehr gelesen und von ihm mehr Eigenarten erwartet; gerade das Zusammenspiel mit dem oben erwähnten unerwarteten Begleiter hätte aufgrund vergleichbarer Weltsichten interessant werden können. Überhaupt hätte man aus der kontroversen Multikulti-Zusammensetzung der wilden Truppe noch so einiges herausholen können. Was deutlich zu gefallen weiß, das sind die Ecken und Kanten der Handlungsträger, die Abweichungen von einer Schablonenform oder der beliebten Schwarzweißmalerei. Jeder Charakter hat seine sympathischen und auch widerborstigen Seiten, trifft sinnvolle oder impulsive Entscheidungen, gibt Anlass zur Zustimmung und dann auch wieder Ablehnung durch den Leser. Solcherart vertiefen wir uns nicht nur in die fesselnde Geschichte selbst, sondern nehmen die agierenden Persönlichkeiten nach und nach für uns an und verweben sie mit dem Erzählteppich. Diese Ambivalenz hält Thiemeyer konsequent durch und weitet sie gar auf das böse (?) „Monster“ in diesem Abenteuergarn aus. Trefflich.

Nun mag man sicherlich noch vielerlei und lang dozieren können über diesen oder jenen Stilaspekt (und einen harmlosen Continuity-Fehler, der den Rezensenten ansprang – wer ihn findet, darf ihn einfangen und gern behalten). Fakt ist jedoch: „Reptilia“ ist nägelkauend spannend, von gemein platzierten Cliffhangern durchsetzt, das Erzähltempo ist rasant, die Geschichte faszinierend, die Charaktere sind keine Abziehbilder, sondern Persönlichkeiten. Die einprägsame Bildhaftigkeit erzeugt Kopfkino, das man nun schon fast Thiemeyer’sch nennen darf, und den Leser erwarten Abenteuer über Abenteuer. All das lässt uns letztlich wohlgesättigt und zufrieden einen Pageturner auf den Nachttisch zurücklegen, der nicht nur erneut äußerst schnieke aufgemacht ist (Thomas Thiemeyer hat wieder selbst Hand angelegt), sondern zwischen den prächtigen Buchdeckeln auch alles zu bieten hat, was wir von einem Abenteuerroman erwarten können.

http://www.thiemeyer.de/

Interviews mit Thomas Thiemeyer:
[März 2007]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74
[September 2004]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25

Bender, Peter – Weltmacht Amerika – Das neue Rom

Ich hatte so meine Befürchtungen, was dieses Buch anbelangt, weil einfach schon zu viele Schriftsteller und Filmemacher die Weltmacht Amerika an den Pranger gestellt haben, sich dabei aber meistens Mittel bedienten, die man der Masse zum Fraß vorwerfen kann, die aber insgesamt betrachtet nur zur Unterhaltung (teils auch zur Belustigung), nicht aber zum Nachdenken anregen. Michael Moore ist da für mich das beste Beispiel. Der Typ macht in seinen Filmen alles nach derselben Masche, kassiert dafür fette Kohle und lacht sich im Endeffekt nicht weniger kaputt als die von ihm angeklagte ‚Marionette‘ George Bush. Glücklicherweise ist es in diesem Fall aber nicht die Intention des Autors, Fakten aufzulisten, um die amerikanische Regierung zu verurteilen. Stattdessen stellt Peter Bender verschiedene Eckpunkte aus der römischen Kaiserzeit und dem modernen Amerika nebeneinander und vergleicht sie, spart dabei aber seine Wertungen meistens aus – es sei denn, man liest ein wenig zwischen den Zeilen, dann wird man alsbald herausfinden, auf welcher Seite Bender politisch steht.

Aber was ist dann der Hintergrund dieses Buches? Indem Bender verschiedene bewegende Daten der antiken und neuen Zeitgschichte nebeneinander stellt und Paralellen zieht, schafft er es jedenfalls nicht immer, überzeugend darzustellen, warum die Amerikaner genau dieselben Strategien wie einst die Römer zur Machtergreifung gewählt haben, wieso die USA teilweise gleiche Fehler begeht, warum das römische Reich gescheitert ist und das amerikanische einen ähnlichen Verlauf nehmen könnte. Lediglich eines wird in der Gegenüberstellung der politischen Inhalte der beiden Weltmächte deutlich: beide sind bzw. waren in ihrem Vorgehen skrupel- und kompromisslos und haben sich kaum um die übrigen Nationen geschert. Und an den Stellen, an denen dies besonders prägnant geschildert wird, bezieht Bender dann auch Stellung und weckt das Interesse des Lesers.

Mehr ist „Weltmacht Amerika – Das neue Rom“ dann aber nicht abzugewinnen. Der Autor liefert nämlich in diesem Buch nichts anderes als ausführlicheren und spezifischen Geschichtsunterricht und leistet denen, die bei den Themenbereichen Karthago, Rom, Athen und Co. über ihren Schulheften eingeschlafen sind, noch einmal Nachhilfe. Gleiches gilt für denjenigen, dem manche Details der jüngeren Geschichte entgangen sind (was ich prinzipiell aber für kaum möglich halte, zumindst bei den hier veranschaulichten Inhalten der amerikanischen Weltpolitk). Aber was nützt das schon, wenn Zusammenhänge teilweise nur unbefriedigend erläutert und manche von Bender aufgestellten Theorien nicht immer so recht nachzuvollziehen sind. Das Problem ist phasenweise, dass der Autor zwar ziemlich in die Tiefe geht, durch seine zu trockene Erzählweise allerdings nicht immer zum Weiterlesen und -informieren anregt.

Dafür ist „Weltmacht Amerika – Das neue Rom“ jedoch gerade bei den Beschriebungen des alten Roms und seiner Geschichte ziemlich vollständig und detailliert. Wer jedoch in Geschichte ein bisschen aufgepasst hat und auch nur ein wenig Interese für diese Ära mitbringt, weiß über diesen Part der Historie ohnehin schon Bescheid – und alle anderen werden mit dem Buch ohnehin nicht so viel anfangen können.

Schade eigentlich, denn die Herangehensweise von Peter Bender ist prinzipiell nicht schlecht. Er versucht nicht zu belehren und auch nicht, wie es ja derzeit richtig im Trend ist, wahllos zu kritisieren. Wäre es ihm jetzt gelungen, die vielen Fakten besser und vor allem logischer miteinander zu verknüpfen (so wie zum Beispiel bei der Gegenüberstellung des zweiten punischen Krieges mit dem Zweiten Weltkrieg), dann würde ich dieses Buch jetzt in einem Päckchen zu Michael Moore senden, um ihm mal zu zeigen, wie man ein solches Unterfangen löst, ohne dabei krampfhaft massentauglich sein zu wollen. Weil Bender dies jedoch nur bedingt gelungen ist, werde ich mir das Porto wohl sparen können …

La Galite, John – Zacharias

S. 5: |“Eine Schneeflocke hat sich auf den Ärmel meines Anoraks gesetzt, ich habe hochgeschaut. Die Frau ist auf der Höhe vom sechsten Stock. Meine Mutter und ich wohnen im siebten. Die Frau auch. Sie ist unsere Nachbarin. Sie hat sich gerade aus dem Fenster gestürzt. Die Tür der Dachterrasse darüber ist abgeschlossen; kein Mieter hat den Schlüssel. Außer mir. Niemand weiß es. Der Verwalter hat ihn eines Tages im Schloss vergessen.“|

„Zacharias“ wurde von der Kritik mit Lob überhäuft, verkaufte sich in Frankreich 100.000-mal, wurde dadurch zum Bestseller und gewann den renommierten „Grand Prix RTL/Lire“. Wenn man das schmale Buch aber in die Hand nimmt und die ersten Seiten liest, wundert man sich doch ein wenig über die Lobpreisungen. Von einem psychologischen Spannungsroman ist nichts zu spüren und die kurzen aneinandergereihten Hauptsätze stören den Lesefluss erheblich. „Zacharias“ braucht einfach seine Zeit, um sich zu entwickeln … Beginnen wir beim Inhalt:

Zacharias ist zwölf Jahre alt, recht kleingewachsen und an Diabetes erkrankt. Jeden Tag muss er sich daher zwei Insulinspritzen setzen, außerdem versuchen seine Mutter und er, Standardrituale einzuhalten, um der Zuckerkrankheit Einhalt zu gebieten. Einen Vater gibt es nicht, warum, wird uns vorenthalten. Gleich in der ersten Szene beobachtet Zacharias, wie sich die Frau aus der Wohnung nebenan aus ihrem Fenster im siebten Stock in die Tiefe stürzt. Er kann genau beobachten, wie ihr Haar nach oben gezogen wird und die Frau mit den Armen rudert, kurz darauf landet sie auf dem Boden und Zacharias deckt seinen Anorak über den reglosen Körper und wundert sich, dass in der Nachbarschaft Frauen überfallen werden. Ein Mörder hat schon drei Opfer auf seinem Gewissen.

Kurze Zeit später bezieht ein unbekannter Motorradfahrer die nachbarliche Wohnung der toten Frau. Zacharias beobachtet den merkwürdigen Mann, der des Nachts von der gegenüberliegenden Seite aus die Wohnungen in Zacharias‘ Haus ausspioniert. Während bei Zacharias Zweifel und Abneigung entstehen, beginnt seine Mutter, sich auffällig für den Nachbarn zu interessieren. Doch dann hat der Nachbar – Jacob – einen schweren Unfall, bei dem er sich den Hals bricht. Fortan liegt er als Pflegefall in seiner Wohnung. Zacharias‘ Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, springt aufgrund ihrer finanziellen Sorgen als Pflegerin für Jacob ein. Da fasst Zacharias einen Plan: Nach einem selbstinszenierten Ohnmachtsanfall in der Schule besucht er seine Mutter beim gemeinsamen Nachbarn. Er hilft bei der Pflege mit und macht sich stückchenweise für seine überarbeitete Mutter unentbehrlich. Es dauert nicht lange, bis seine Mutter ihn mit Jacob alleine lässt, um ihren Schlaf nachzuholen.

Nun kann der Plan in die nächste Phase gehen, Zacharias beginnt kleine Psychospielchen mit dem Nachbarn und verhört ihn. Handelt es sich womöglich bei Jacob um den gesuchten Mörder? Immerhin haben die Morde aufgehört seit seinem Unfall. Durch gezielte Fragen und Beobachtungen kommt Zacharias dem Mörder langsam auf die Spur …

Lange dauert es, bis man sich in diesem Buch warm gelesen hat. Zunächst ahnt man nicht, worauf die Erzählung hinauslaufen wird, außerdem sind die kurzen Sätze und die schlicht gestrickte Sprache sehr ungewohnt. Der verschwenderische Umgang mit kurzen Hauptsätzen stört den Lesefluss erheblich, da man ständig an den nächsten Punkt gerät, nach dem man neu ansetzen muss. Auch sind die Kapitel meist nur zwei oder drei Seiten kurz; so werden künstlich immer wieder Zäsuren eingefügt, die die Erzählung unterbrechen. Sprachlich empfinde ich „Zacharias“ daher als sehr ungewöhnlich, ich würde die Sprache nicht einmal als kindlich bezeichnen, sondern eher als hektisch. Die Geschichte macht den Eindruck, als wäre sie in Konzeptform flüchtig aufs Papier geworfen worden, um hinterher vielleicht einmal entsprechend ausformuliert zu werden. Doch irgendwie passt dies zu der zugrunde liegenden Geschichte, in der ein kleiner Junge sich heimlich auf die Suche nach einem Mörder macht und in dessen Kopf dabei die merkwürdigsten Ideen zu entstehen scheinen.

Wir begleiten Zacharias stets in seinen Gedanken, er präsentiert uns seine Ideen und seinen Plan, wir sind dabei, wie er in der Schule den Ohnmachtsanfall provoziert, wie er seinen Arzt genau beobachtet und wie er sich nachts mit seinem neu erworbenen Fernglas davonstiehlt, um ebenfalls fremde Wohnungen auszuspionieren. Doch obwohl wir eigentlich immer dabei sind, enthält Zacharias uns gewisse Informationen vor, er präsentiert uns gefiltert nur die Dinge, die er uns zeigen möchte. Am Ende erfahren wir, was er uns verschwiegen hat, sodass der Leser hinterher einige Bilder verwerfen muss, die beim Lesen entstanden sind. So führen uns John La Galite und Zacharias geschickt vor, denn die meisten Leser werden von dem uns dargebotenen Ende sicher überrascht sein.

So schlicht wie „Zacharias“ erzählt ist, so tiefsinnig ist das Buch doch auch. Obwohl die Hauptfigur erst zwölf Jahre alt ist und durch seine kleine Statur und die Zuckerkrankheit so verletzbar wirkt, schafft Zacharias es dennoch, durch oscarreife Schauspielleistungen sein Umfeld zu täuschen. In kleinen psychologischen Spielchen zeigt er, dass er nicht nur seine Mutter im Griff hat, sondern dass er auch den schwer verletzten Jacob beeinflussen kann, auch wenn er hier erstmals an seine Grenzen zu stoßen scheint. Vordergründig werden uns die Figuren nur recht oberflächlich beschrieben, doch zwischen den Zeilen kann man so viel mehr herauslesen. Nur durch Zacharias‘ Denken und Handeln können wir uns ein adäquates Bild zurechtlegen, wobei man hier mit viel Einfühlungsvermögen zu Werke gehen muss, da Zacharias nicht nur seine Mutter hereinlegen möchte, sondern auch seine Leser. Dadurch erhält das Buch aber seinen besonderen Reiz, da man somit viel in die Erzählung hineininterpretieren kann, aber am Ende dann doch überrascht wird. So sitzt man im Anschluss an die Lektüre erst einmal da, blättert im Buch zurück, liest einige Passagen noch einmal und muss den Aha-Effekt nachvollziehen. Hier kann der Groschen schon einmal pfennigweise fallen, aber dann trifft uns die Erkenntnis mit voller Wucht. Klasse gemacht!

Wer jedoch mit den Erwartungen an einen (Psycho-)Thriller nach bekanntem Strickmuster an das Buch herangeht, der dürfte enttäuscht werden. Trotz der nur zweihundert Seiten, braucht „Zacharias“ mehr als hundert davon, um ins Rollen zu kommen. Die Geschichte beginnt zwar mit einem Knalleffekt, nämlich dem Fenstersturz der Nachbarin, doch anschließend plätschert die Handlung ein wenig vor sich hin und der Leser ahnt nur ganz allmählich, welchen Plan Zacharias verfolgt. Der kleine Junge ist uns immer mindestens einen Schritt voraus und nur er weiß, was noch passieren wird. Wir tappen im Dunkeln und warten auf den Beginn der Verhöre und auf die ersten Schritte auf der Mörderjagd. Doch müssen wir uns lange Zeit gedulden, denn zunächst erfolgt eine ausführliche Vorstellung von und durch Zacharias. Diese Figur steht immer im Mittelpunkt und die Suche nach dem Mörder geschieht eigentlich nur am Rande. Allerdings erfahren wir am Ende auch, wie beides miteinander zusammenhängt, erst auf der allerletzten Seite fügt sich das letzte Mosaiksteinchen in das Gesamtbild ein und rundet die Erzählung ab.

„Zacharias“ ist ungewöhnlich, unaufdringlich und anders, die Sprache schreckt etwas ab und wirkt ziemlich holperig und unausgegoren, doch ist sie ein bewusst eingesetztes Stilmittel, welches durchaus in das Gesamtkonzept passt. John La Galite präsentiert uns eine innovative Geschichte, die zu allerlei psychologischen Mitteln greift und den Leser zum Miträtseln auffordert. Alles scheint klar und eindeutig, aber das ist es nicht; am Ende wartet eine Überraschung auf uns, die es in sich hat. Man muss sich schon auf die spezielle Erzählweise des Buches einlassen und seine normalen Erwartungen an einen Spannungsroman abschalten, dann überzeugt diese so unauffällig daherkommende Geschichte und begeistert sogar, allerdings erst, nachdem man noch einmal eine Nacht darüber geschlafen und die Eindrücke auf sich wirken gelassen hat.

Hamilton, Peter F. – Sternenträume (Der Drachentempel 1)

_Auch die Zukunft braucht Söldner und Piraten!_

Abenteuer auf fremden Welten – wer würde die nicht gerne lesen und sogar selbst erleben? Der Held des Zweiteilers „Der Drachentempel“ erlebt beides, doch ganz anders, als er sich dies vorgestellt hat.

_Der Autor_

Der britische Science-Fiction-Autor Peter F. Hamilton wurde hierzulande mit seinem sechsbändigen Armageddon-Zyklus bekannt, in dem sich eine galaktische Zivilisation der Menschen einer tödlichen Bedrohung gegenübersieht. Nach dem Erzählband „Zweite Chance auf Eden“ folgte die Duologie „Der Drachentempel“ („Fallen Dragon“, 2001). Inzwischen erschienen noch auf Deutsch „Unendliche Grenzen“ (2003) sowie [„Der Dieb der Zeit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=593 (2004).

_Handlung des ersten Bandes (bis Kapitel 10)_

Der Roman „Fallen Dragon“ wurde vom deutschen Verlag in zwei Bände aufgeteilt. Ich gebe hier den Inhalt bis zum Ende des ersten Bandes wieder, also bis zum 10. Kapitel. Es geht leider nicht ohne ein paar Vorausverweise auf den zweiten Band.

Lawrence Newton wächst in der Familie eines wohlhabenden Kolonialpolitikers auf dem Planeten Amethi auf. Allerdings interessiert er sich als typischer Pubertierender weder für Politik noch für gute Schulnoten, sondern vor allem für interaktive Games. Auch die Science-Fiction-Serie „Flight: Horizon“ hat es ihm angetan. In dieser erforschen kühne Menschen die Tiefen des Weltraums; man kennt das ja aus „Star Trek“ und seinen Ablegern.

Eines Tages nimmt ihn sein Vater verblüffenderweise zu einem Ausflug in ein Kongresshotel mit. Dort lernt Lawrence die umwerfend schöne Roselyn kennen, die gerade als irische Einwanderin von der Erde eingetroffen ist. Die beiden haben eine tiefe, leidenschaftliche Liebesaffäre und gehen sogar zusammen auf die Hochschule. Seine Leistungen verbessern sich zusehends – die Beamtenlaufbahn steht ihm offen.

Bis zu jenem Tag, an dem Roselyn aus Versehen eine kleine Information entschlüpft, die Lawrence klar macht, dass ihn sein Vater hinsichtlich der Forschungsexpeditionen der Erde belogen hat. Keine große Sache. Doch dann belauscht er auch, dass Roselyn von seinem Vater engagiert worden ist, um seine schulischen Leistungen zu verbessern und ihn ganz allgemein auf „den richtigen Weg“ zu bringen. Für Lawrence bricht eine Welt zusammen, und er verlässt seine Heimatwelt.

Als einfacher Söldner für den Megakonzern Zantiu-Brown nimmt er an planetenumspannenden Feldzügen teil. ZB nämlich kauft tief verschuldete Kolonialplaneten auf, um so einen Gewinn zu „realisieren“. Diese „Gewinnrealisierung“ ist nichts anderes als moderne Piraterie im 23. Jahrhundert. Die Söldner erwerben bei diesen Kampagnen Anteile an ihrem Arbeitgeber und haben Aufstiegschancen (diese sind beschränkt, wie der zweite Band zeigt).

Der Autor beschreibt haarklein, wie die überlegene Ausrüstung der ZB-Söldner, der Skins, aufgebaut und zusammengesetzt ist. Unterm Strich handelt es sich um eine kybernetische Aufrüstung von Körper und Geist des Söldners in körperlicher, waffentechnischer und kommunikativer Hinsicht. Skins sind praktisch unangreifbare Halbgötter. Auf den eroberten Welten sind sie dementsprechend verhasst.

Die neueste Kampagne führt die Skins auf die grüne Welt Thallspring, wo man sie ebenfalls mit einem Steinhagel empfängt, doch der Gouverneur gibt klein bei. Denn erstens drohen die ZB-Schiffe damit, einen tödlichen Gammastrahler einzusetzen und zweitens legt man ausgewählten Geiseln Halsbänder um, die sich auf Funkbefehl in tödliche Sprengkapseln verwandeln.

Doch etwas ist diesmal anders. Es gibt nämlich eine organisierte Widerstandsbewegung im Untergrund der Städte von Thallspring. Zunächst sehen die Attacken, denen Skins zum Opfer fallen, wie einfache Unfälle aus, doch dann wird einer entführt. Wer steckt dahinter? Wie konnte es geschehen, dass die Datenbanken und -verbindungen der Söldner, ja, sogar die Künstlichen Intelligenzen manipuliert werden konnten? Simon Roderick, der Statthalter Zantiu-Browns auf Thallspring, und Lawrence Newton, inzwischen Sergeant der Skins, sind sehr beunruhigt. Doch es kommt noch schlimmer.

_Mein Eindruck_

Nach den Angaben des Klappentextes hört Newton „Gerüchte von einem geheimnisvollen Drachentempel, einem mythischen Platz, wo vor vielen Jahrtausenden ein fremdes Wesen vom Himmel abgestürzt sein soll und wo nun Priester einen ungeheuren Schatz horten“.

Mal vom holprigen Deutsch dieses Satzes abgesehen, so stimmt davon nur die Hälfte und nichts davon findet sich in diesem ersten Band des Romans. Insofern kann man das Buch mit Recht als eine Mogelpackung bezeichnen. Lawrence schöpft Verdacht auf Seite 160 des zweiten Band und findet die Wahrheit erst auf Seite 330 heraus. Das ist also noch eine Weile hin.

Statt um eine Schatzsuche und ein mysteröses Alien geht es zunächst einmal um die verratene Jugendliebe des jungen Lawrence, um die fragwürdige Piratenpolitik Zantiu-Browns und um die Hintergründe der Widerstandsbewegung auf Thallspring. Deren Anführerin Denise erzählt nämlich den Kindern von Thallspring eine merkwürdige Sage aus einem gewissen „Ring-Universum“ – wo sie diese Geschichte wohl her hat?

Ansonsten hat dieser erste Band große Ähnlichkeit mit einem Söldnerroman, der lediglich um zwei Dimensionen angereichert worden ist. Und im zweiten Band bricht eine kleine Gruppe dieser Söldner eigenmächtig zu einer kleinen Schatzsuche auf. Immerhin führt dies dann aber zu einer kompletten Veränderung des von Menschen besiedelten Universums (mehr dazu in der entsprechenden Rezension).

|Die Übersetzung|

Wie schon beim Armageddon-Zyklus, klebt der Übersetzer Axel Merz manchmal zu sehr am Original und überträgt eins zu eins ins Deutsche, besonders dann, wenn der Originalausdruck keine Entsprechung in einem einzelnen Wort zu haben scheint. Für den deutschen Leser, der den Originalausdruck nicht kennt oder nicht erschließen kann, macht dies aber das Verständnis einer Übersetzung schwierig oder diese sogar doppeldeutig.

Beispiele. Gleich auf Seite 7 geht’s schon los: „Es war der Weg der Dinge in Kuranda.“ Eine wörtliche Übertragung aus dem Englischen. Nun, man kann sich vorstellen, was gesagt werden soll. Aber im Deutschen würde man sagen „so liefen die Dinge nun mal in Kuranda“.

Aber es gibt auch sachliche Fehler wie etwa „Bilbo Bentlin“ (statt „Beutlin“) und sogar komplette falsche Wörter, so etwa „ich“ statt „ist“ auf der letzten Seite des zweiten Bandes. Auch das Wort „extradieren“ (S. 531, Band 1) sucht man im DUDEN vergebens, denn es muss „extrudieren“ heißen wie im restlichen Buch auch – oder „extrahieren“, aber nicht an dieser Stelle.

_Unterm Strich_

Hamilton gelingt es wie schon im Armageddon-Zyklus auch diesmal wieder, eine spannende Söldner-Actionhandlung mit einer anrührenden Lebensgeschichte (nämlich der von L. Newton) zu verbinden und diesem Komplex durch die Mythen aus dem Ring-Universum eine gewisse Überhöhung zu verleihen, so dass der Leser Anteil sowohl am kleinsten Element, einem Individuum, als auch am größten Komplex, dem Universum, nimmt und sich am Schluss das eine in das andere einordnet und es verändert. Das ist clever gemacht und an kaum einer Stelle langweilig.

Besonders junge Leser, die sich mit L. Newton identifizieren können, werden den Roman spannend und interessant finden. Das sind nach Hamiltons Vorstellung offenbar Leser, die sowohl Tolkiens Romane kennen, als auch Science-Fiction-Serien im TV und Computer-Games mögen. Und da der Kampf der Söldner und ihre Schatzsuche im Vordergrund stehen, dürften die von ihm gewünschten Leser vor allem männlich sein.

Trotz aller Fehler usw. habe ich den Roman und seine Fortsetzung in wenigen Tagen verschlungen, denn die Bücher sind geschickt erzählt (Gegenwart wechselt mit Vergangenheit ab) und mit netten Einfällen gespickt. Besonders gefiel mir die Figur des Lawrence Newton. So stellt man sich den männlichen Helden par excellence vor, doch er ist zum Glück nicht frei von menschlichen Fehlern (ich sage nur: Roselyn!).

Die Fortsetzung trägt den Titel „Drachenfeuer“ (Nr. 23255).

Abolin, Georges / Pont, Olivier – Jenseits der Zeit

Gute Freunde tun manchmal etwas merkwürdige Dinge: Mutproben, Doktorspielchen, den Nachbarn ärgern … Vielleicht haben auch Georges Abolin und Oliver Pont solche Sachen gemacht. Seit ihrer Kindheit in Südfrankreich hat sich einiges verändert, doch die gemeinsame Leidenschaft für Comics ist geblieben. Im vergangenen Jahr erschien im Verlag |Dargaud| die jüngste Produktion der beiden, der Comic-Roman „Jenseits der Zeit“, in Deutschland seit kurzem bei |Carlsen| erhältlich. Darin geht es – Wen wundert’s? – um Freundschaft.

William fühlt sich noch nicht so richtig wohl in seinem neuen Zuhause. Die Leute aus dem kleinen Dorf Barellito sind eigenartig und nicht besonders freundlich. Noch kennt er hier niemanden. Zwar ist das Wetter in Italien besser als in London, aber ihm fehlen seine alten Freunde. Das Anwesen, das seine Eltern geerbt haben, ist alt und baufällig, überall liegt Staub, und es riecht komisch. Allerdings ist die Aussicht gut und man kann jederzeit im Meer schwimmen gehen. Zu dem Haus gehört ein Landungssteg. Dort soll bald ein prächtiges Dampfschiff anlegen, mit dem sein Vater losfahren und viele Fische fangen will.

Zum Glück gibt es Lisa. Sie ist auch nicht von hier. Seit einigen Jahren lebt das schwarzhaarige Mädchen gemeinsam mit ihrem Vater nebenan, auf dem Nachbargrundstück. Sie ist ein wenig verrückt, aber freundlich und humorvoll. Zusammen erkunden William und Lisa die Steilküste, gehen schwimmen und beobachten heimlich die Dorfbewohner. Ein bisschen ist William in sie verliebt, das muss er zugegeben. Neben dem schüchternen Rotschopf gibt es in Lisas Leben noch zwei weitere Freunde, den pummeligen Nino und den halbstarken Paolo. Die Vier bilden bald eine feste Clique, albern herum und genießen den Sommer. Es scheint so, als hätte sie das Schicksal zusammengeführt.

So idyllisch das Leben an der Küste von Barellito auf den ersten Blick erscheint, so gefährlich sind auch seine Untiefen. Die alteingesessenen Fischer sehen die Pläne von Williams enthusiastischem Vater gar nicht gerne. Sie befürchten, dass er mit seinem Dampfschiff ihre Fischbestände plündert. Das Verhältnis zwischen den Fremden und den Dorfbewohnern ist gespannt. Lisas Vater warnt Williams Vater, doch der ist gut gelaunt und glaubt, alles werde sich mit der Zeit einrenken. Jedoch lassen Rüpeleien, ein Überfall auf einen Fischtransporter und ein Anschlag auf das neue Schiff das Leben von Williams Familie immer mehr zur Qual werden. Als Paolo entdeckt, dass seine Schwester ein heimliches Verhältnis mit Lisas Vater hat, spitzt sich die Situation zu. Die Fremden wissen, dass sie in Barellito nicht willkommen sind.

„Jenseits der Zeit“ gliedert sich in zwei große Abschnitte: Der erste Teil der Geschichte schildert das Kennenlernen der vier Freunde während ihrer Kindheit, der zweite Teil beschreibt ihr Wiedersehen als Erwachsene. In Frankreich erschien „Jenseits der Zeit“ in zwei separaten Bänden unter dem Titel „Où le regard ne porte pas“. Bei der deutschen Veröffentlichung wurden die beiden Teile des Comic-Romans, „Italien“ und „Costa Rica“, in einem Band zusammengefasst. |Carlsen| beschreitet mit dem hiesigen Produkt neue Wege, indem sich der Verlag von dem frankobelgischen Alben-Format verabschiedet. Das Album wird durch ein kleineres Format abgelöst, das an die Größe amerikanischer Hefte erinnert, allerdings nicht so hoch ist. Der Band liegt gut in der Hand. Schweres Papier, ein solider Einband, einhundert Prozent Farbe – da schlägt das Herz des Bücherfreunds höher.

Die Aufmachung wird den Zeichnungen von Olivier Pont und Jean-Jacques Chagnaud nur gerecht. Detailverliebte Bilder bei ruhiger Seitenaufteilung, ohne jedoch aufdringlich oder konform zu wirken, machen die eindrucksvolle Optik von „Jenseits der Zeit“ aus.

Die Geschichte erzählt von Freundschaft, von der Magie der Kindheit und von den Wundern eines Sommers. Erstaunlich ist, dass die Handlung nie ins Kitschige oder Klischeehafte abdriftet. Immer gibt es harte, schwere Untertöne. Trotz aller Leichtigkeit vergisst der Leser nicht die Sorgen, Probleme und Spannungen, die ungelöst im Raum stehen. Manchem mag die Geschichte von William, Lisa, Nino und Paolo ein wenig zu ruhig und verträumt sein. Wer auf der Suche nach einem Adrenalin-Schub ist, sollte von „Jenseits der Zeit“ besser die Finger lassen. Wer hingegen eine kleine, zauberhafte Erzählung sucht, die am Ende ein wenig ins Unwirkliche abhebt, ist gut beraten.

Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Auge des Golem

_Dschinn trifft Golem: Die Fetzen fliegen!_

Der junge, ehrgeizige Nathanael strebt eine Karriere im von Zauberern beherrschten britischen Weltreich an. Seine dringlichste Aufgabe besteht darin, der immer dreisteren Widerstandsbewegung ein Ende zu setzen. Doch Kitty und ihre Freunde entkommen ihm immer wieder.

Dann wird London von einer neuen Serie Schrecken erregender Anschläge erschüttert. Steckt womöglich gar nicht der Widerstand dahinter, sondern etwas anderes, viel Gefährlicheres? Nathanael braucht dringend einen Verbündeten, der ihm hilft, Licht ins Dunkel zu bringen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als erneut Bartimäus zu beschwören … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Jonathan Stroud wurde im englischen Bedford geboren. Laut Verlag schreibt er bereits seit seinem siebenten Lebensjahr Geschichten. Während er als Lektor für Kindersachbücher arbeitete, verfasste er seine ersten eigenen Kinderbücher. Nach der Publikation seiner ersten beiden Jugendbücher widmete er sich ganz dem Schreiben. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Kinderbuchillustratorin, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in St. Albans nördlich von London.

„Das Auge des Golem“ ist der zweite Band in der „Bartimäus“-Trilogie.

_Handlung_

Zwei Jahre sind vergangen, seit Zauberlehrling Nathanael sein großes Abenteuer mit dem Dämon Bartimäus hatte (in [„Das Amulett von Samarkand“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=353 Sie trennten sich voneinander, indem sie schworen, nie wieder etwas mit dem anderen zu tun haben zu wollen.

Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen ist Nathanael unter dem Zauberernamen John Mandrake in der Sicherheitsabteilung des Innenministeriums tätig. Sein Abteilungsleiter ist der unfähige Trottel Julius Tallow, doch Meisterin der Behörde ist die mächtige Jessica Whitwell. Und die untersteht direkt dem Premierminister Devereaux. Versteht sich von selbst, dass alle diese Beamten auch Zauberer sind. Auf die Gewöhnlichen blicken sie verächtlich oder bedauernd herab, je nach Naturell.

Diese Gewöhnlichen machen in letzter Zeit eine Menge Ärger. Nathanael ist damit beauftragt, deren Sabotageaktionen zu beenden und den „Widerstand“ auszurotten. Leichter gesagt als getan. Vor zwei Jahren hatte er schon einmal Kontakt zum Widerstand, und die Begegnung mit Kitty und ihren Gefährten war ihm nicht gut bekommen. Die Rebellin Kitty macht mit ihren Aktionen immer noch Schlagzeilen. Ihre Wege werden sich unweigerlich wieder mit denen Nathanaels kreuzen.

Doch der hat vorerst andere Sorgen. Ein unbekanntes Wesen, weder Dämon noch Dschinn, hat eine ganze Häuserzeile am Piccadilly in Schutt und Asche gelegt. Sogar kleinere Geister von Polizei und Innenministerium (= Agenten) wurden sofort eingeäschert. Während Julius Tallow den Widerstand dafür verantwortlich macht, hält Nathanael diese Idee insgeheim für absurd, doch auch er hat keine Erklärung. Leider stellen ihm seine Vorgesetzten ein Ultimatum: eine Woche, um die Sache aufzuklären.

Es gibt nur einen, der ihm jetzt noch schnell helfen kann: Bartimäus. Das hat aber einen gewaltigen Haken. Der alte Dämon kennt Nathanaels Geburtsnamen und kann ihn, wenn er will, mit diesem Wissen erpressen. Sie schließen einen Stillhaltepakt, der sechs Wochen gelten soll. Und keine Sekunde länger, denkt sich Bartimäus. Und was hat er von dem Pakt? Man wird ihn nicht für den Krieg in der Neuen Welt rekrutieren, solange er für Nathanael arbeitet. In Amerika soll’s ja wild zugehen, und so ist Bartimäus einverstanden …

Inzwischen rüstet sich der Widerstand zu einer neuen, spektakulären Aktion. Denn Kitty Jones, Nathanaels Widersacherin, findet heraus, dass sie eine natürliche Abwehrkraft gegen Magie besitzt. Deswegen blieb sie beispielsweise unversehrt, als ein magischer Flammenstrahl sie und ihren tschechischen Freund traf – er wurde völlig verbrannt ins Krankenhaus gebracht, sie hingegen hatte keinen Kratzer. Und als sie den Verursacher – es war unser Freund Julius Tallow – wegen der Attacke belangen wollte, glaubte ihr deshalb natürlich niemand.

Ein gewisser Mr. Pennyfeather holt sie in seinen Widerstandskreis. Nach einigen Monaten erfolgreicher Diebstähle beauftragt ein Unbekannter die Gruppe, aus der Gruft Gladstones, des zauberischen Staatsgründers, in der Westminster Abbey mehrere magische Gegenstände zu entwenden. Doch als die sechs Freunde dort eintreffen, stoßen sie in der geöffneten Gruft auf etwas, auf das sie in keinster Weise vorbereitet sind …

_Mein Eindruck_

Nach einem furiosen Prolog, der die Eroberung Prags durch britische Truppen im 19. Jahrhundert schildert – Bartimäus stand auf der Seite der Verteidiger – plätschert die auf Nathanael und Kitty verteilte Handlung so vor sich hin, bis endlich das unsichtbare Monster, das eine Londoner Häuserzeile zerlegt, auftaucht. Dann plätschert sie weitere hundert Seiten, bis schließlich Bartimäus auftaucht. Endlich!

Die freche Ausdrucksweise des 5000 Jahre alten Dschinns verleiht dem ansonsten kreuzbraven Stoff so etwas wie Pfeffer, und mit jeder Menge Ironie weiß Bartimäus die erfolglosen Bemühungen seines Meisters Nathanael – er nennt ihn auch mal „Natty“ – durch den Kakao zu ziehen. Da „Natty“ null Ahnung von Politik hat, peilt er auch nicht, wie ihm übel mitgespielt wird. Die vieltausendjährige Erfahrung des Dschinn kann ihm da nur eine willkommene Hilfe sein. Sollte man meinen, doch da kennt man die Zauberer nicht. Hochnäsige Burschen allesamt, die sich auf ihre Bildung und Macht wunder was einbilden. Und Nathanael, kaum 14, zieht sich auch noch an wie ein [Dandy.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=716 Für Bartimäus grenzt es an ein Wunder, dass er überhaupt etwas auf die Reihe kriegt.

Der Dschinn sorgt jedoch für jede Menge Action in den Straßen und Gassen der britischen Hauptstadt, und da er über einige Macht verfügt, übernimmt er schon bald das Kommando über einige weniger mächtige Geisterwesen. Allerdings hat auch er nicht mit einem leibhaftigen Golem gerechnet, der sich durch einen Finsterniszauber unsichtbar machen kann. Daher ist das Rätsel, wer den Golem geschaffen hat und ihn lenkt, auch eher in Prag zu lösen als in London. Dort tappt Natty auch prompt in eine Falle. Bartimäus hatte ihn gewarnt, aber der blasierte Brite wollte nichts davon hören.

Wenigstens ist Nathanael wieder zurück, als das Desaster in der Westminster Abbey für alle offensichtlich wird. Und ein weiteres Monster ist ausgebrochen, um das sich Bartimäus kümmern muss. Ein ungewöhnlich humorvolles und respektloses Monster, darf ich verraten, ein Monster, das richtig gute Laune verbreitet (außer bei seinen Opfern). Nur wunderte ich mich dann doch etwas, wo denn der Golem, der zu Anfang für Furore gesorgt hatte, abgeblieben war.

Die restlichen 300 Seiten lesen sich praktisch von alleine, denn der Golem taucht dann doch wieder auf. So fiel es mir ziemlich schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Wäre der schleppende Anfang nicht gewesen, würde ich dem Roman die volle Wertung nicht verweigern, aber so gibt’s einen leichten Abzug.

|Die Übersetzung|

Es ist sehr deutlich, dass die Bartimäus- und die Kitty-Kapitel von zwei verschiedenen Übersetzern übertragen wurden. Ich tippe mal, dass Katharina Orgaß sich Kittys angenommen hat, was für Gerald Jung den beträchtlichen Rest übrig lässt. Auf die Bartimäus-Kapitel habe ich mich stets besonders gefreut, denn die Sprache ist aktueller und schnoddriger als die der etwas betulichen Kitty-Kapitel.

_Unterm Strich_

Ich fand „Das Auge des Golem“ relativ konstruiert, denn in der Mitte wundert man sich doch, was denn nun aus dem titelgebenden Ungeheuer geworden ist. Stattdessen steuert die zweigeteilte Handlung in eine ganz andere Richtung, und erst ganz am Schluss taucht das Lehmmonster wieder auf, quasi im Showdown. Dabei erweisen sich die besonderen Eigenschaften des Geschöpfes als verhängnisvoll für seinen Meister. Die Aussage des Autors: Terror kann den Herrschenden recht nützlich sein, wenn er sich dazu benutzen lässt, die Bürger – in diesem Fall die „Gewöhnlichen“ – unter Kontrolle zu halten und so die Herrschaft der obersten Klasse zu zementieren.

Diese Botschaft hat man schon viele Male vernommen, doch noch selten in einem Fantasyroman. Und ob sie die jungen Leser überhaupt erreicht, bezweifle ich. Es sei denn, diese jungen Leser hätten bereits Unterricht in „Gemeinschafts“- oder „Sozialkunde“ oder „Geschichte“ erhalten. Das jeweilige Alter kann man sich ausrechnen.

Man muss aber kein Terrorismusexeperte sein, um „Das Auge des Golem“ trotzdem genießen zu können. Jungs wie Mädels werden gleichermaßen von der Handlung angesprochen, wobei die Mädels die rebellische und misstrauische Kitty sicherlich sehr sympathisch finden werden. Nathanael, obwohl lernfähig und zunehmend desillusioniert, ist weniger eine Identifikations- , sondern eher eine Schießbudenfigur; ein radikaler Unterschied zum ersten Band. Deshalb halte ich es mit dem ironischen und sehr aktiven Bartimäus.

In jeder Verfilmung wäre der 5000 Jahre alte Dschinn, der uns im Buch mit seinen unzähligen Fußnoten ergötzt, zweifellos der Star. Und eine Verfilmung ist keineswegs auszuschließen. Schließlich hat auch die Harry-Schotter(c)-Reihe nur sieben Bände, und dann ist Schluss.

|Originaltitel: The Golem’s Eye, 2004
Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Orgaß und Gerald Jung|

Lin Carter – Die Xothic-Legenden

Das geschieht:

Seit Jahrmillionen tobt in Zeit und Raum ein unerbittlicher Kampf zwischen diversen ‚Gottheiten‘. Ein Schauplatz dieses Krieges ist die Erde, auf der die „Götter“ noch immer ihr boshaftes Spiel treiben. Wer ihnen auf die Spur kommt, ist verloren:

Robert M. Price: Vorwort, S. 7-22

Die rote Opfergabe (The Red Offering), S. 23-30: Im vorzeitlichen Reich von Mu sichert sich der ehrgeizige Jungmagier Zanthu zaubermächtige Beschwörungstafeln aus dem Grab eines Vorgängers, der indes weder tot ist noch auf seine Beigaben zu verzichten gedenkt.

Der Bewohner der Gruft (The Dweller in the Tomb), S. 31-46: Viele Jahrzehntausende später – im Jahre 1913 – steht ein wagemutiger Forscher in der Gruft des besagten Zanthu und stiehlt seinerseits die uralten Tafeln, was neuerliches Grauen zur Folge hat.

Das Ding in der Tiefe (The Thing in the Pit), S. 47-62: Zanthu plant seinen Herrn Ythogtha aus dessen Knechtschaft zu befreien, doch Götter kennen keine Dankbarkeit, was dem Kontinent Mu ein atlantisähnliches Schicksal beschert.

Aus der Tiefe der Zeit (Out of the Ages), S. 63-96: Der Kontakt mit einer rätselhaften Götzenstatue verschafft einem Historiker 1928 nicht nur üble Träume, sondern schließlich sogar eine persönliche Begegnung mit lauernden Urzeit-Übeln.

Der Schrecken in der Galerie (The Horror in the Gallery), S. 97-156: 1929 setzt ein weiterer Pechvogel die Untersuchung der seltsamen Statue fort und gerät ebenfalls in ihren verderblichen Bann.

Der Winfield-Nachlass (The Winfield Heritance), S. 157-188: Sieben Jahre später wird ein etwas weltfremder Jüngling vom verschrobenen Erbonkel mit diversen wertvollen Zauberbüchern bedacht – und mit jenen Kreaturen, die er zu Lebzeiten damit heraufbeschworen hat.

Vielleicht ein Traum (Perchance to Dream), S. 189-204: Mit Anton Zarvak wird ein ‚guter‘ Magier in das „Xothic“-Geschehen verwickelt, der sich seiner Haut nachdrücklich zu wehren weiß.

Das seltsame Manuskript aus den Wäldern von Vermont (Strange Manuscript Found in the Vermont Woods), S. 205-230: Eine gemütliche Waldhütte verliert ihre Anziehungskraft, weil sie in der Nachbarschaft einer vorzeitlichen, immer noch rege besuchten Kultstätte errichtet wurde.

Etwas im Mondlicht (Something in the Moonlight), S. 231-250: Nicht jeder Irrenhäusler ist tatsächlich geisteskrank, weil er sich vor mörderischen Echsen vom Mond fürchtet.

Die Fischer von draußen (The Fishers from Outside), S. 251-272: Noch ein allzu tief schürfender Forscher kommt im tiefen Afrika einem Hilfsvolk der Alten auf die Schliche, das daraufhin die üblichen Maßnahmen zur Wahrung ihrer Anonymität trifft.

Hinter der Maske (Behind the Mask), S. 273-294: Ein unbedarfter Nachwuchs-Wissenschaftler liest einige Bücher, die er hätte meiden sollen, da sie ihm Träume bescheren, die ganz & gar keine Schäume bleiben wollen.

Die Glocke im Turm (The Bell in the Tower), S. 295-317: Ein englischer Lord entdeckt die Möglichkeit, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, die sich indes als Zweibahnstraße erweist.

(In der deutschen Ausgabe fehlen der Sonnett-Zyklus „Dreams from R’lyeh“ sowie die Storys „The Strange Doom of Enos Harker“ – begonnen von Lin Carter, vollendet von Robert M. Price – und „The Soul of the Devil-Bought“, eine Art Carter/Xothic-Parodie von Price. „The Bell in the Tower“ ist Carters postume ‚Zusammenarbeit‘ mit H. P. Lovecraft, der eine Reihe unvollendeter Storys und Entwürfe hinterließ.).

Bruchstücke einer schrecklichen Vergangenheit

Lin Carters „Xothic-Legenden“ bilden eine eigenartige Lektüre – ein Buch ohne eigentliche Handlung, sondern eine Lose-Blatt-Sammlung (fiktiver) Protokolle, historischer Bücher, bruchstückhafter Artefakt-Beschriftungen, Berichte, Tagebücher, Notizen usw., die für sich selbst stehend nur Mosaiksteinchen darstellen. Erst in der zeitlichen Ordnung und vor allem im Zusammenhang enthüllt sich das Geschehen: Die Geschichte der Welt ist so, wie wir ‚zivilisierten‘ Menschen sie ‚wissenschaftliche‘ rekonstruiert haben, falsch bzw. unvollständig. Wir sind längst nicht die Herren unseres Planeten, der seinerseits nur Spielball kosmischer Entitäten ist, deren Motive nur ansatzweise erfassbar sind.

Die ‚Fragmentarisierung‘ des „Cthulhu“-Mythos‘ geht auf seinen Schöpfer zurück. H. P. Lovecraft (1890-1937) kannte die Regeln für literarischen Horror sehr gut. Er erfand eine alternative Weltgeschichte, die sich dem erschrockenen Betrachter immer nur zufällig und in Bruchstücken enthüllt. Dem Leser ergeht es nur marginal besser, denn auch die Kenntnis aller Cthulhu-Storys ergibt kein Gesamtbild. Ob dies so geblieben wäre, hätte Lovecraft nicht ein frühes Ende ereilt, muss Spekulation bleiben. Auf jeden Fall fand der Mythos seine Anhänger, von denen nicht wenige ihm selbst Kapitel ein- und anfügten.

Hierbei stellt Robert M. Price, Lin-Carter-Biograf und Kenner des Horrors à la Lovecraft, mehrere Varianten fest. Da gibt es den „Kopisten“, der möglichst eng am Original bleibt, den „Erklärer“, der die Lücken tilgt, die der Mythos aufweist, sowie den „Neuerer“, der mit ihm ‚spielt‘, ihn sich zu eigen macht und entwickelt, ohne ihn zu entzaubern.

Lin Carter gehört zweifellos zu den „Erklärern“. Er steht ganz in der Tradition von August Derleth (1909-1971), der Lovecraft noch persönlich kannte und nach dessen Tod nicht nur sein Werk bewahrte, sondern es vermehrte. Anders als sein ‚Meister‘ wollte oder konnte Derleth das Prinzip eines rudimentären „Cthulhu“-Mythos’ nicht begreifen. Er war es, der systematisch damit begann, Lovecrafts (nicht grundlos) schemenhaft bleibenden Hintergrundinformationen zu sammeln, zu katalogisieren und in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. In einem zweiten Schritt füllte Derleth die Leerstellen, die er bei dieser Arbeit festgestellt hatte. Er schuf einen Stammbaum der ‚Götter‘ aus dem All und ihrer Helfershelfer. Darüber hinaus erfand er neue Kreaturen, neue Orte des Grauens, neue Bücher verbotenen Wissens.

Enthüllungen im Salventakt

Lin Carter geht mit seinen „Xothic-Legenden“ noch einen großen Schritt weiter. Er greift nicht nur auf Lovecraft- und Derleth-Werke zurück, sondern berücksichtigt auch die Beiträge von Schriftsteller-Kollegen und -Epigonen wie Clark Ashton Smith, Frank Belknap Long, Seabury Quinn, Basil Copper oder Brian Lumley, die sich an Cthulhu versuchten (bzw. vergingen). Vor allem Derleths Bemühen um Ordnung im Dämonenhimmel verblasst vor Carters geradezu enzyklopädischem Wissen um den Mythos, der unter seiner Schreibhand endgültig zur ‚Tatsache‘ gerinnt.

Carters Enthusiasmus ist Segen und Fluch zugleich. Zu bewundern ist die Meisterschaft, mit welcher der Autor ‚Fakten‘ und selbst Erdachtes zu einer ‚neuen‘ Weltgeschichte fügt. Andererseits ordnet Carter diesem Ziel die Unterhaltung, die doch eigentlicher Zweck einer Geschichte sein sollte, konsequent unter. Im Vordergrund steht immer der Mythos. Die Enthüllung läuft allzu schematisch ab: Der Entdeckung rätselhafter Artefakte oder Bücher folgt die allmähliche Enträtselung, was allerlei Monster auf den Plan ruft, die für ein grausames Finale sorgen, das neue Fragen aufwirft. Deshalb ist es primär der Hardcore-Cthulhuist mit einem Faible für Mystery-Puzzles, der mit Carter auf seine Kosten kommt. Am Stück sollte man dieses Buch jedenfalls nicht lesen, da das wenig innovative Strickmuster nicht einmal vom Herausgeber bestritten wird.

Viele interessante Hintergrundinfos zum Mythos und zur Entstehung der „Xothic-Legenden“ liefert Robert M. Price, im Hauptberuf Professor für Theologie und Bibelwissenschaft, ohne den es diese Sammlung wohl nicht gäbe. Lin Carter selbst hat mit ihrer Entstehung nichts mehr zu tun; sie wurde fast ein Jahrzehnt nach seinem Tod zusammengestellt. Zwar plante Carter einen Episodenroman zum Thema, der aber längst nicht alle Storys umfassen sollte, die Price hier vorstellt. Dies spricht für Carter, der offenbar selbst erkannt hat, dass die Qualität seiner „Xothic“-Erzählungen arg schwankt.

So ist es eigentlich Price, der die „Xothic-Legenden“ schuf. Seine Chronologie, seine Bearbeitungen, seine verbindenden Texte formen aus ihnen ein Gesamtwerk, das einen gewissen roten Faden aufweist. Prices Gesamteinleitung sowie die einleitenden Texte zu den einzelnen Storys legen außerordentlich penibel deren Entstehungsgeschichten, Intentionen und ihre Stellung im Mythos dar. Gern holt Price weit aus und versucht sich an literaturkritischen, -historischen und -psychologischen Deutungen der Carter-Erzählungen. Dabei fördert er oft Unerwartetes und Interessantes zutage, übertreibt es jedoch einige Male gewaltig. Als Verfasser der Carter-Biografie („Lin Carter: A Look Behind His Imaginary Worlds“, 1992) und Lovecraft- bzw. Cthulhu-Experte verfügt Price über ein profundes Wissen, das er gern & reichlich mit seinen nicht immer begeisterten und überzeugten Lesern teilt.

Die Nase zu tief hineingesteckt

Es sind (bis auf eine Ausnahme) keine Helden, die wir in den „Xothic“-Geschichten mit den außerirdischen Unholden ringen sehen. Vergeistigte Hohepriester, Bücherwürmer und elfenbeinturmhoch entrückte Forscher entdecken Spuren einer gänzlich unerwarteten Frühgeschichte. Sie ahnen, was sie da entdeckt haben, begreifen aber stets zu spät, dass dieses Wissen handfeste Konsequenzen nach sich ziehen wird. Treten dann mordlustige Riesenschnecken, Froschmenschen oder berggroße Schleimgötzen auf den Plan, ist der Reue groß aber vergeblich; die unmittelbare Konfrontation mit Kreaturen, die es nicht geben dürfte, zieht den grausamen Tod oder zumindest den Wahnsinn nach sich.

Dabei sind diese (Un-) Wesen prinzipiell nicht ‚böse‘ in dem uns bekannten Sinn, sondern unendlich fremd. Deshalb ist es ratsam, sich ihnen fernzuhalten. Unterwerfung stimmt sie nicht gnädig, Unbotmäßigkeit strafen sie ebenso hart wie Versagen, Gehorsam belohnen sie nicht. Sie locken mit Versprechungen von Wissen, Macht und Geld, die sie nie halten oder auf eine Weise erfüllen, die den Fordernden nicht mit Freude erfüllt. Überhaupt benehmen sie sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen – über die Statur verfügen sie -, wenn sie sich bemerkbar machen. Nach Lin Carter sind es ihrer zudem so viele, dass man sich wundert, wieso es ihnen immer wieder gelingt, ihre Spuren zu verwischen; schließlich hausen sie nicht alle in Tiefseeschluchten, Urwäldern oder auf hohen Bergen, sondern schleimen & morden durchaus in den zivilisierten Regionen dieser Erde umher.

Ja, es fällt manchmal schwer, am Ball (oder ernst) zu bleiben, wenn Carter uns, seine Leser, mit zungenbrecherisch benamten alten, hohen & minderen Göttern konfrontiert oder bombardiert. Allein Cthulhu kann plötzlich auf eine Gattin und drei Söhne – natürlich ebenso missraten wie der Vater – verweisen. Leicht verliert man da die Übersicht, sodass es hilfreich ist, dass Carter und Price die verwandtschaftlichen Konstellationen und Konfrontationen vielfach wiederholen.

Denn die xothischen Götter sind notorische Streithähne, die ihren äonenlangen Krieg bis in die Gegenwart fortsetzen. Sie alle haben ihre ‚Reviere‘, speziellen Fähigkeiten und Motive. Carter setzt sie und uns ins Licht und ignoriert dabei, dass dies eine Entzauberung darstellt: Der sterbliche Leser ‚begreift‘ die Götter schließlich doch. Lovecraft hätte das nicht gefallen.

Autor

Linwood Vrooman Carter wurde am 9. Juni 1930 in St. Petersburg, gelegen im US-Staat Florida, geboren. Er wuchs hier auf, ging hier zur Schule und kehrte kurz hierher zurück, nachdem er in den Koreakrieg gezogen, verwundet und mit einem „Purple Heart“ ausgezeichnet worden war. 1953 ging Carter nach New York und studierte zwei Jahre an der Columbia University. Anschließend arbeitete er anderthalb Jahrzehnte für diverse Agenturen und Verlage, bis er, der 1965 mit „The Wizard of Lemuria“ sein Romandebüt im Phantastik-Genre gegeben hatte, ab 1969 Vollzeit-Schriftsteller wurde – ein überaus fleißiger, der mehrere Romane pro Jahr sowie diverse Kurzgeschichten veröffentlichte und sich als Herausgeber von Fantasy-Kollektionen einen Namen machte.

Der Fantasy und hier der Sparte „Sword & Sorcery”, die Muskel bepackte Barbarenkrieger gegen Monster, Mumien & finstere Zauberer antreten ließ, galt Carters ganze Liebe. Schon als Schüler verfasste er Storys im Stil von L. Frank Baum („Der Zauberer von Oz“), Edgar Rice Burroughs („Tarzan“, „John Carter vom Mars“) oder Robert E. Howard („Conan“, „Red Sonya“). Letzterem verhalf er zur literarischen Auferstehung, indem er mit Lyon Sprague de Camp und Björn Nyberg die ‚alten‘ Conan-Storys sammelte, ordnete und Lücken mit eigenen Geschichten und Romanen füllte.

Der private Lin Carter war ein unsteter, getriebener Mensch, der sich durch unmäßiges Rauchen und Alkohol gesundheitlich ruinierte. Mitte der 1980er Jahre erforderte ein zu lange unbeachteter Lippenkrebs eine radikale Operation, die Carters Gesicht entstellte und ihn erst recht isolierte. Immer öfter unterbrochen von Krankenhausaufenthalten setzte der unterdessen auch an einem Lungenemphysem erkrankte Schriftsteller seine selbstzerstörerischen Sauftouren fort. Am 7. Februar 1988 starb er, gerade 57-jährig, in einem Veteranen-Hospital.

Website „In Memoriam Lin Carter“
Website von Robert M. Price

Gebunden: 317 Seiten
Originaltitel: The Xothic Legend Cycle: The Complete Mythos Fiction of Lin Carter (Oakland, CA : Chaosium 1997)
Übersetzung: Andreas Diesel, Hans Gerwin, Ralph Sander, Malte S. Sembten
http://www.festa-verlag.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Andreas Eschbach – Die Rückkehr (Perry-Rhodan-Roman 2295)

In der unfassbar großen Science-Fiction-Serie „Perry Rhodan“ erscheint wöchentlich ein neuer Heftroman, in dem die Handlung linear fort gesetzt wird. So erscheint es als unmöglich, in einer einzelnen Besprechung von genau einem Roman aus mittlerweile 2295 einen umfassenden Blick auf die Serie zu bieten, ohne den Rahmen dieser Rezension zu sprengen. Dieses Vorwort ist für regelmäßige Leser der Serie uninteressant, soll jedoch allen interessierten Lesern einen groben Abriss des Geschehens liefern.

_Perry Rhodan_

Perry Rhodan startete im Jahre 1971 zur ersten Mondlandung, traf dort auf Außerirdische und erhielt im Laufe seines Lebens die Unsterblichkeit. Dadurch lebt er jetzt schon seit etwa viertausend Jahren, in denen er die Menschheit zu den Sternen führte und ihr als Berater, Staatsoberhaupt und Mentor aus vielerlei Schwierigkeiten und Bedrohungen half. Im aktuellen Geschehen wird ein Großteil der Menschheit (nämlich die Bevölkerung der Erde und des Sonnensystems) von einer geistigen Macht geknechtet, Perry Rhodan und seine Mitstreiter sind weitgehend hilflos. Trotzdem gibt es natürlich Hoffnung, obwohl die Geistesmacht gerade mit überlegenen Waffen beginnt, die Sonne zu einer künstlichen Nova zu machen.

_Abriss_

Andreas Eschbach schildert in seinem zweiten Gastroman der Serie, wie Perry Rhodan der Gefahr begegnet und welche Gefühle in diesem Krieg, der tausenden Menschen das Leben kostet, die Soldaten, Zivilisten und Kommandierenden erfüllen.

Gegen die gigantischen gegnerischen Raumschiffe sind alle klassischen menschlichen Waffen machtlos, allein eine spezielle Waffe erzielt eine sichtbare Wirkung. Leider befindet sich die wichtigste Produktionsstätte, der irdische Mond, in der Hand des Gegners. Um sie wieder in Besitz nehmen zu können, müsste Perry Rhodan den Gegner im Sonnensystem besiegen, was aber ohne die neue Waffe aussichtslos erscheint. Ein Teufelskreis, den zu durchbrechen sich Eschbach mit dem Roman vornimmt.

_Andreas Eschbach_ wurde in Ulm geboren, lebt und arbeitet mittlerweile in der französischen Bretagne, nachdem er in Stuttgart vom EDV-Spezialisten zum Romanautor wurde. Seine Romane [„Die Haarteppichknüpfer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1556 und „Solarstation“ katapultierten ihn in die Herzen der Leser, bislang hat er zahlreiche Thriller, SF-Romane und Jugendbücher sowie einige Kurzgeschichten veröffentlicht. Im September 2005 erscheint sein neuer Thriller „Der Nobelpreis“, mit dem er keinesfalls vorhat, eben diesen zu gewinnen.
Weitere Infos: http://www.andreaseschbach.de

_“Schundheftchen“_

Vielleicht verwundert es den einen oder anderen, wenn er zufällig und völlig unbeabsichtigt im Zeitschriftenhandel zwischen den sogenannten „Schundheftchen“ eines entdeckt, das vom Konterfei des Autors Eschbach geziert wird. Vielleicht greift der eine oder andere von diesen zufälligen Entdeckern nach diesem Heftchen, denn wozu sich ein Eschbach herablässt, düfte doch wohl nicht sooo schlecht sein. Nun ja, und wenn der oder die Entdecker/in nun tatsächlich zufällig hier war und den Roman unbeachtet der großen laufenden Nummer wegen Eschbachs Namen kauft, wird er oder sie vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Denn wie oben kurz dargestellt, handelt es sich hier um einen winzigen Baustein an einer gigantischen Serie, ähnlich einer Folge „GZSZ“ oder dergleichen.

Nichtsdestotrotz ist es ein Eschbach.

Für die Stammleser der Serie dürfte der Roman ein Highlight werden, wenn er es nicht schon ist. Dabei kommt er gar nicht mal so aufschneiderisch daher, sondern bis auf den Sondervermerk auf dem Cover, dass es sich um einen Roman von Bestsellerautor Eschbach handelt, ganz normal aufgemacht wie die anderen Hefte auch. Was ihn von ihnen unterscheidet, ist natürlich der Stil. Klar, denn jeder Schriftsteller hat seinen eigenen. Mancher Stammleser fordert vielleicht nach regelmäßigen Romanen von Eschbach in der Serie. Wäre das wirklich gut? Möglicherweise heben sich Gastromane gerade durch ihren Status als Gastroman (d. h. der Autor schreibt nicht regelmäßig seine Beiträge) von den anderen ab, die wöchentlich auf dem Tisch des Redakteurs liegen müssen und deren Autoren vielleicht irgendwann in eine bestimmte Routine verfallen. Will man das auch mit Eschbach machen, einem der kreativsten Phantastikautoren Deutschlands der heutigen Zeit?

_Fazit_

Genießt man dagegen seine anderen Werke und vielleicht hin und wieder einen (für Outsider) überraschenden und (für Serienleser) erfrischenden Wurf in der größten SF-Serie der Welt, gewinnen sicherlich alle Seiten.

Nochmal zurück zum Roman „Die Rückkehr“: Er bietet neben guter Unterhaltung ein Bruchstück der Serie aus einem anderen Blickwinkel und bringt hoffentlich das eine oder andere winzige Detail ein, das einen Serienschreiber wachrütteln und zu neuer Größe auflaufen lassen kann – ein frischer Wind.

http://www.perry-rhodan.net/

Spinrad, Norman – Deus X

_Himmelfahrt im Cyberspace: seltenes Lesevergnügen_

Ein ungewöhnliches Lesevergnügen vom Meister der satirischen Science-Fiction ([„Bilder um 11“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1516 „Der stählerne Traum“).

Wenn die Erschließung des Cyberspace im selben Tempo wie jetzt weitergeht, wird es eines Tages möglich sein, das komplette Bewusstsein abzuspeichern und in den Netzen leben bzw. „herumgeistern“ zu lassen. Die armen Geister in der Maschine haben zwar ein Ichbewusstsein, können handeln und sich verhalten – aber haben sie auch eine Seele, oder sind sie gar des Teufels? Eine echte Herausforderung für die katholische Kirche!

_Handlung_

Ein paar hundert Jahre in der Zukunft ist das Leben in der irdischen Biosphäre die Hölle auf Erden: Die Küsten sind überschwemmt, das Ozonloch allumfassend, die Regenwälder versteppt und die Wiesen verdorrt; die Delphine sterben in den toten Meeren ebenso aus wie die Vögel in der verdreckten Luft. Die Menschen sterben wie die Fliegen, und wenn sie es sich leisten können, lassen sie einen digitalen Nachfolger für das Leben im Cyberspace erzeugen. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Entitäten ihre Originale verklagen (Schulden!), so hat doch auch die neue Päpstin, Maria I., ein Problem mit ihrer gleichermaßen verschwindenden Gefolgschaft wie auch Popularität. Die Kirche ist nicht zeitgemäß, da sie sich nicht mit den Cyberspace-Entitäten befasst. Und sie kann es nicht, weil diese keine Seele haben, so die Doktrin. Tatsächlich?

Maria I. ruft Pater Pierre de Leone herbei, der schon immer dieser Doktrin anhing. Er lässt sich breitschlagen, auf die Andere Seite zu gehen, zu beweisen, ob es dorten Seelen gibt, zurückzukehren und eine Weile später friedlich zu verscheiden. Bleibt er seiner Doktrin treu, so haben die Entitäten keine Seelen und alles bleibt beim Alten – beim Gegenteil ist die Forderung der Öffentlichkeit nach Anerkennung der Entitäten als Seelenbesitzer zu erfüllen. Sie hätten Anspruch auf Taufe, Kommunion, Heirat und letzte Ölung.

Ein Malheur passiert: Kaum auf die Andere Seite gewechselt, wird vom Pater – der kurz darauf physisch stirbt – eine Kopie angefertigt, geklaut und das Original gelöscht – aber von wem? Auftritt des Meisterdetektivs. Unser Philip Marlowe für den Cyberspace trägt den bezeichnenden jamaikanischen Namen Marley Philippe und ist am liebsten bekifft.

Engagiert von einem Kardinal, nimmt er Kontakt mit dem gekidnappten Pater auf und erfährt Erstaunliches. Das Netz wird von verborgenen Entitäten beherrscht, von denen die wichtigste, der Vortex, sich selbst eine Seele wünscht. Der entführte Pater soll an einem Experiment zum Beweis des Seelenbesitzes des Vortex und anderer teilnehmen. Es entspinnen sich mehr oder weniger interessante, mehr oder weniger spannende theologische Streitgespräche über Seelenheil, Gott und die (höllische) Welt. Es ergeben sich einige sehr skurrile und ironische Situationen, vor allem, da Mr. Philippe mit Gott absolut nichts am Hut hat.

Der Pater reklamiert schließlich eine Seele für sich, zeigt sich aber unwillig zur Rückkehr, weil ja auf der hiesigen Seite der endgültige Tod – die Löschung – auf ihn wartet. Als Kompromiss schickt er eine fadenscheinige Kopie, bleibt aber im Netz. Nicht lange danach zeigen sich die Folgen seiner Existenz in der Selbstabschaltung von Atomkraftwerken und dergleichen zerstörerischen Maschinen.

Bald faselt die Medienwelt von einem Virus namens „Deus X“ in den Netzen. Auch die Päpstin ist nicht glücklich, mit einer billigen Kopie „ihres“ Paters abgespeist worden zu sein. In einer letzten Auseinandersetzung sieht sie sich zu der Entscheidung gezwungen, der virtuellen Bevölkerung der Erde einen Anspruch auf Seelenheil zuzugestehen oder die Selbstzerstörung des globalen Datennetzes, des Cyberspace und seiner Bevölkerung, in Kauf zu nehmen.

_Mein Eindruck_

Spinrad baut seinen satirischen Text geschickt wie ein Duett auf. Abwechselnd spricht Marley Philippe, dann wieder der Pater. Wer jeweils gerade spricht, erkennt der Leser an den Ziffern der Kapitelnummer: römische Zahlen für den Pater, arabische für Marley. Diese indirekte Gegenüberstellung des Atheisten mit dem Theologen, des Cyberfreaks mit dem Gottesfürchtigen, allen Maschinen Abholden trägt wesentlich zur Spannung und zur Entstehung von Ironie bei.

Auch als es ans Eingemachte geht, nämlich um die Frage der Seelenexistenz auf der Anderen Seite, tragen die Kürze der Kapitel und der Wechsel des Standpunktes dazu bei, dass keine langatmigen Monologe und penetranten Predigten entstehen. Was Spinrad zu den Kernfragen des Buches zu sagen hat, darauf sollte sich jeder seinen eigenen Reim machen. Seine Aussagen sind zumindest unkonventionell und tragen wesentlich mit zum Lesevergnügen bei.

|Originaltitel: Deus X, 1992
Aus dem Englischen von Peter Robert|