C. J. Cherryh – Rider at the Gate (Finisterre 1)

Siedler-Fantasy: Schüsse, Jungs und wilde Pferde

Ein Siedlerjunge folgt einem Reiter, der sich bemüht, den Tod seiner Geliebten und Partnerin Aby aufzuklären, die in den Bergen des Grenzlandes umkam. Doch neben dem Jungen sind weitere Männer hinter Guil Stuart her, denn es geht um die letzte Fracht der Partnerin: Gold im Wert von 300.000 Dollar.

„Rider at the Gate“ ist der erste Band einer Roman-Dilogie, die in einem neuen Universum und auf einem neuen Planeten spielt: Finisterre. „Rider“ wurde 1995 mit „Cloud’s Rider“ fortgesetzt.

Die Autorin

Caroline Janice Cherryh, geboren 1942 in St. Louis, ist von Haus aus Historikerin und lebt mit Ehefrau Jane Fancher im Bundestaat Washington. Sie erhielt schon 1980 ihren ersten Science Fiction-Preis für ihre umwerfende Novelle „Kassandra“***. 1983 folgte der erste HUGO Award für „Pells Stern“, später ein weiterer für „Cyteen“. Beide Romane gehören zu ihrem Allianz-Union- bzw. PELL-Zyklus, der eine Future History darstellt, wie sie schon von anderen Größen des Science Fiction-Feldes geschaffen wurde, darunter Robert A. Heinlein oder Isaac Asimov.

***: Die Story ist jetzt im Sammelband „The Short Fiction of C.J. Cherryh“ (Januar 2004) zu finden.

Hintergrund

Auf dem Planeten Finisterre existieren gestrandete Kolonisten in ihren stark verteidigten Städten wie in Festungen, obwohl um sie herum fruchtbares Ackerland auf die Nutzung wartet. Denn dort draußen in der Wildnis drohen Raubtiere, die sich mit Telepathie verständigen. In ihrer Furcht haben die Städter eine strenggläubige christliche Religion entwickelt, die auf Furcht und Unwissenheit basiert.

Der einzige Schutz gegen die wahnsinnig machenden Gedanken und Bilder der Mordlust sind die einheimischen Nighthorses und ihre Reiter, die aber von den Städtern verteufelt werden. Reiter und Pferde sind verbunden durch Telepathie, verständigen sich mit Hilfe von gesendeten Sinneseindrücken (images), die mit Emotionen aufgeladen sind.

Die Reiter werden von den Pferden, die an den menschlichen Träumen (und gutem Schinken!) interessiert sind, gewählt und von ihnen gegen die Gedanken der Raubtiere abgeschirmt. Die Reiter, die seelisch an sie gebunden sind, revanchieren sich mit Unterkunft und Nahrung für ihre Gefährten. Reiter wie Danny Fisher.

Die Reiter und ihre Nighthorses, die Transporte eskortieren und die Telefonleitungen überwachen, machen den Unterschied zwischen Zivilisation und Wildnis bzw. Wahnsinn aus, doch wird dies von den bigotten Städtern nicht erkannt. Cherryh stellt die Frage, was passiert, wenn ein Nighthorse, das ja ein Alien ist, wahnsinnig wird, weil es seinen Reiter verloren hat.

Handlung

Der 15-jährige Danny Fisher aus Shamesey und sein widerspenstiges Nighthorse Cloud lernen noch, miteinander auszukommen, besonders was die Disziplin anbelangt. Da bricht in Dannys Heimatstadt Gewalt aus. Die Reiterin Aby Dale wurde bei einem Unglück in den Bergen getötet, und ihr Nighthorse Moon irrt halb wahnsinnig in den Bergen umher. Die entsetzten Emotionen ihres Geliebten und Partners Guil Stuart und der Hass von Abys Verwandten auf ihn verbreiten sich per Empathie in Windeseile unter allen Nighthorses. Chaos bricht los; Guil wird mit der Pistole gezwungen, die Stadt zu verlassen, um dem Aufruhr ein Ende zu bereiten.

Guil und Burn

Verwundet, ohne Proviant oder Waffen reiten Guil und Burn, sein Hengst mit dem sardonischen Humor, hinaus in heulende Schneestürme, um Abys Killer zu suchen. Oder falls sie nicht ermordet wurde, wenigstens herauszufinden, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Danny Fisher, der mit Cloud seine Familie verlassen hat, und Abys Verwandte, die Westmans und Hawley Antrim, suchen nach Guil.

Doch weder sie noch Guil Stuart ahnen etwas von dem Feind, der allen auf den Fersen ist. Harper Hallanslake und seine Genossen sind Banditen: Sie haben gehört, Aby habe einen Goldtransport von Anveney nach Shamesey eskortiert. Doch das Gold liegt noch in einer Bergschlucht oberhalb Tarmin. Vielleicht weiß ja Guil Stuart, wo es zu finden ist?

Zunächst entzweit sich Danny mit den Westmans, dann gerät er den Banditen in die Hände, was ihm ebenfalls nicht schmeckt. Er schlägt sich in die Büsche, um in das Bergdorf Tarmin zu gelangen, wo er hofft, Guil Stuart anzutreffen.

Anveney

Dieser gelangt jedoch auf seiner Suche nach Abys Verbleib zunächst nach Anveney. Anveney ist eine Industriestadt, die von den Minen lebt und ihre gesamte Umwelt in weitem Umkreis abgetötet hat. Hierher wagt sich kein Nighthorse. Daher ist Guil ohne die telepathische Unterstützung Burns total aufgeschmissen. Als er entdeckt, dass all sein Geld, das er auf Abys Konto eingezahlt hatte, von Abys Verwandtem Hawley Antrim widerrechtlich abgehoben wurde, verliert er ein ganz klein wenig die Nerven…

Ein Mister Cassevey, der früher Aby Dales Auftraggeber war, holt ihn aus dem Knast und stellt ihn an. Er soll das Gold suchen, das Aby bewacht hatte, bevor sie starb: Es hat einen Wert von 300.000 Dollar. Dafür würde so mancher töten.

Tarmin

Durch einen aufkommenden Schneesturm, über verfallende Bergstraßen, durch hungriges Waldgetier schlägt sich Guil Stuart nach Tarmin durch. Nur um mit einer Gewehrkugel empfangen zu werden – er weiß nicht, von wem. Danny, der das Drama im wütenden Blizzard zu verfolgen versucht hat, ist stinksauer. Denn Tarmin Village ist ein totes Dorf: Der Wahnsinn eines einsam umherziehenden Nighthorse (Moon) hat – fast – alle Bewohner durchdrehen lassen. Und jetzt ist auch noch Guil Stuart abgehauen, seine letzte Hoffnung.

Auf alle Beteiligten wartet ein Tag der Enthüllungen, des Blutvergießens und des Schreckens. Es zeigt sich, dass das Schicksal von Reitern und Nighthorses auf dem Spiel steht. Doch für Danny ist das nicht das Ende und bald findet er seine Bestimmung…

Mein Eindruck

Die Handlung ist im Grunde aus vielen Western bekannt: Ein Mord geschieht in den Bergen und einer reitet aus, um Rache zu nehmen. Allerdings ist das Reittier diesmal mit allen anderen Nighthorses auf dem Planeten verbunden, und ebenso sehr eng mit seinem Reiter. Trifft den Reiter die Kugel, geht der Schock durch den ganzen Planeten.

Cherryh zeigt uns die Gedanken und Gefühle der Menschen, wovon viele nicht lesen können oder keine zusammenhängenden Gedanken formen können. Doch durch die Telepathie auf allen Seiten sind alle Wesen miteinander verbunden. Und sollte der Schutzschild der Nighthorses zusammenbrechen, wird die Zivilisation auf Finisterre vor die Hunde gehen.

Globale Empathie

Ich fand diese Darstellung der Telepathie und ihrer Konsequenzen den interessantesten Aspekt an dem ganzen Buch. Denn die Telepathie, bei der Gedankenbilder und vor allem Gefühle übertragen werden, ermöglicht eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Pferd und von dort wieder zu anderen Menschen. Das bedeutet, dass ein Reiter, der mit einem Pferd umgeht, seine Gefühle sehr im Zaum halten muss, um weder das Tier noch andere Menschen durchdrehen zu lassen. Allerdings muss die geistige Disziplin auch Erinnerungen und Träume umfassen, doch das klappt nicht immer. Unweigerlich erinnert sich Guil Stuart an seine getötete Partnerin Aby. Und Abys Nighthorse Moon erinnert sich an Aby und sucht sich einen Ersatz, den es auch findet.

Zwei Kulturen

Stuarts Besuch in Aveney führt deutlich vor Augen, dass auf dem Planeten Finisterre zwei grundverschiedene Kulturen gibt: die der Reiter, die mit ihren Nighthorses Gedanken untereinander austauschen, und die Städter, für die dies alles Teufelswerk ist.

Innerhalb dieser Matrix bildet Danny Fisher einen Grenzgänger: ein Stadtjunge, der ein Reiter werden will. Seine Abenteuer sind zugleich komisch als auch traurig und dramatisch. Er muss nicht nur mit einem Nighthorse umzugehen lernen, sondern auch mit der eigentümlichen Gesellschaft der Reiter.

Bei seiner Entwicklung steht letzten Endes nicht nur sein eigenes Leben auf dem Spiel, sondern auch das seiner Schützlinge, die er in Tarmin rettet. Er entwickelt verantwortungsbewusstes Handeln und Planen, was ihm zunächst natürlich nicht so recht glücken will – der Reiter Jonas Westman nennt ihn ständig „stupid“ und erinnert ihn an seine Unzulänglichkeiten. Aber das gibt sich.

Krimihandlung

Hinzukommt natürlich die ungemein spannende Krimihandlung in dem Buch: Wer ist der geheimnisvolle Mörder? Und wird es dem verletzten Guil Stuart gelingen, ihn zu stellen und das Rätsel des Mordes zu lösen, geschweige denn seine Geliebte zu rächen? Vor das Lüften des Geheimnisses hat die Autorin allerdings zahlreiche Hürden gestellt.

Die Erzählweise Cherryhs

Dieses Buch ist stellenweise wirklich erschreckend, nicht wegen der Taten an sich, sondern weil der Leser so nahe an das Erleben der Charaktere herangeführt wird, dass ihm ist, als erleide er die Taten und ihre emotionalen Nachwirkungen selbst. Das ist auf Cherryhs spezielle Erzählweise zurückzuführen. Anders als in ihren ganz frühen Storys und Romanen („Stein der Träume“) hat sie eine Erzählperspektive perfektioniert, die sie als „eng personalisierte Dritte-Person-Perspektive“ bezeichnet.

In dieser Erzählweise schildert die Autorin von außen, was der oder die gerade Handelnde fühlt, denkt oder sagt, ohne jedoch zu viel auf die Umgebung einzugehen. Diese einzigen Dinge, die erzählt werden, sind diejenigen, die die aktuelle Hauptfigur wahrnimmt. Sie wird also nichts hervorheben, das für sie normal ist, wird daher keine Bäume beschreiben oder das generelle Aussehen von Nighthorses. Das trägt dazu bei, dass sich der Leser stark mit dem Erleben der Hauptfigur identifiziert.

Imaging

Doch in „Rider at the Gate“ und „Cloud’s Rider“ kommt eine weitere Dimension des persönlichen Erlebens hinzu: das Imaging, die eingeschränkte Art der Telepathie. Die schriftliche Darstellungsweise sieht beispielsweise so aus: , wenn ein Reiter sein Pferd zu beruhigen versucht. Da aber Erleben, Sprechen und Imaging innerhalb des Erlebnisstromes ineinander übergehen, tauchen die mitten im Satz auf. An diese Darstellung muss man sich erst einmal gewöhnen.

Täuschung

Die Telepathie hat eine weitere Folge, die sich dem unvorbereiteten Leser nur allmählich erschließt. Der Erlebende kann mental durch andere starke Sinneseindrücke wie etwa von einem wahnsinnigen Nighthorse derart geblendet sein, dass er nichts anderes wahrnimmt, zu eigenen Gedanken unfähig ist. Es kann sein, dass diese fremden „Sendungen“ lediglich vorgespiegelt sind, obwohl sie meist echt und wahr sind. Aber weiß schon, wozu ein solches „rogue horse“ fähig ist? Die Tatsache, dass die Wahrnehmung keineswegs mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss, verwirrt erst einmal, erscheint aber nach etwas Nachdenken logisch: Beim Lügen ist es ja genauso. Nur dass diesmal die Lüge nicht als solche erlebt wird und auch nicht abgewehrt werden kann.

Übrigens erfand auch STEPHEN KING in seinem Roman „Dreamcatcher“ (2001) den Ansatz zu einer durch Telepathie verbundenen Gesellschaft. Der Katalysator dafür sind gleichfalls Aliens, allerdings keine Nighthorses, sondern „Kackwiesel“ und Graue Männchen.

Unterm Strich

Dass Reiter durch ein Western-ähnliches Grenz- und Bergland ziehen, ist ja nichts Aufregendes und könnte dazu verleiten, diesen Science Fantasy-Roman als einen Abklatsch gängiger Grenzlandabenteuer für Jugendliche abzutun. Dass Jugendliche angesprochen werden ist, ja nichts Verwerfliches. Dass sie Abenteuer erleben sollen, ebenfalls nicht. Schließlich will sich ja der Leser gut unterhalten wissen. Und die Krimihandlung sorgt für die erforderliche Spannung: Schüsse fallen im Wald, ein ganzes Dorf wird ausgelöscht – was kann man noch mehr verlangen?

Doch dies ist ein Buch von Caroline Cherryh. Sie speist den Leser nicht mit literarischem Fastfood ab. Die Realisierung von Em- oder Telepathie im Zusammenspiel der Hauptfiguren sowie die Darstellung dieses Erlebens im Schriftbild ist anspruchsvoll und hat weitreichende Folgen. Die Figuren verhalten sich völlig anders als normale Menschen. Das müssen sie auch, wenn Gedanken und Gefühle übertragende Nighthorses in der Nähe sind. Jedwedes Verhalten muss dadurch weitaus verantwortungsvoller gestaltet werden. Komisch wird es jedoch, wenn ausgerechnet die Pferde ausflippen, weil sie der Liebe und dem Sex frönen als vernünftig zu sein. Dann werden auch ihre Reiter leichtsinnig und unzurechnungsfähig…

Englisch-Niveau

Insgesamt ist „Rider at the Gate“ ein recht anspruchsvolles Jugendbuch, für das man eine ganze Menge Zeit mitbringen sollte. Besonders dann, wenn man Englisch nicht besonders gut beherrscht. Mir hat die unorthodoxe Satzbauweise der Autorin häufig geistig ein Bein gestellt, so dass ich nicht nur einen Satz mehrere Male wiederholen musste, um ihn schließlich verstehen zu können. Dabei ist es frustrierend zu entdecken, dass das Lektorat nicht hundertprozentig erfolgreich darin war, alle Flüchtigkeitsfehler auszumerzen. Obwohl 1995 veröffentlicht, ist weder dieses Buch noch seine Fortsetzung bislang übersetzt worden.

Taschenbuch: 423 Seiten
Sprache: Englisch
Originaltitel: Rider at the Gate, 1995,
ISBN-13: 978-0446603454

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