Archiv der Kategorie: Abenteuer

Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ lässt sich sicherlich zu den Literaturklassikern zählen. Geschrieben 1899, wird das Werk auch heute immer wieder neu verlegt, gelesen, adaptiert, neuinterpretiert und verfilmt. Mit der Ausgabe vom Juni 2005 legt der |dtv| nun eine komplette Neuübersetzung von Conrads bekanntestem Werk vor.

„Herz der Finsternis“ ist eine klassische Rahmenerzählung. Kapitän Marlow ist mit ein paar anderen Männern an Bord einer Hochseeyacht auf der Themse unterwegs. Sie warten auf die einsetzende Flut und während sie warten, beginnt Kapitän Marlow eine Geschichte zu erzählen, die vor Jahren passierte und die er seitdem im Stillen mit sich herumgetragen hat.

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Popescu, Petru – Vergessenen von Eden, Die

In einem abgelegenen Teil Kenias stoßen der Paläo-Anthropologe Ken Lauder und sein afrikanischer Freund und Kollege Ngili Ngiamena auf die Millionen Jahre alten Überreste eines Urmenschen. Die Freude über den wissenschaftlich bedeutenden Fund verwandelt sich in ungläubiges Staunen, als sie Hinweise darauf finden, dass diese frühen Vorfahren des Menschen an dieser Stelle womöglich überlebt haben. Eine Forschungsexpedition soll das Rätsel lösen, doch Ken und Ngili müssen mit unverhofften Schwierigkeiten fertig werden. Im diktatorisch regierten Kenia beschwören politische Unruhen die Gefahr eines Bürgerkriegs herauf. Unter diesen Umständen wird die geplante Suche nahezu unmöglich.

Außerdem ist da Professor Cyril Anderson, ein wissenschaftlicher Konkurrent, der dafür berüchtigt ist, sich zum Wohle seiner Karriere skrupellos die Forschungsergebnisse jener anzueignen, die seiner Macht und Medienwirksamkeit nichts entgegenzusetzen haben. Vom Forschereifer beflügelt, planen Ken und Ngili die Rückkehr an den Fundort, um nach Lebenszeichen eventuell dort ansässiger Urmenschen zu suchen. Ken muss allein abreisen; in der Hauptstadt Nairobi mehren sich die Zeichen für einen anstehenden Militärputsch. Ngilis Familie steht der jetzigen Regierung nahe und muss die drohenden Unruhen daher besonders fürchten. Aber auch Ken ist in Gefahr: Bereits in Nairobi hat es einen Versuch gegeben, ihn umzubringen. Ein weiterer Mordversuch erfolgt, als er sein Reiseziel erreicht. Nur knapp entkommt er, bleibt aber ohne Ausrüstung schutzlos in der Wildnis zurück.

Trotz der prekären Lage erfüllt sich Kens Traum: Ein junger Urmensch wird auf ihn aufmerksam. Fasziniert voneinander lernen die beiden Wesen sich näher kennen, während sie mit den Gefahren ihrer Umwelt zu kämpfen haben. Für Ken wird die Lage prekär, als ihn sein Begleiter zu seinen Artgenossen führt, die ihm feindlich begegnen und sogar bedrohen. Noch während er sich bemüht, die Freundschaft der Hominiden zu gewinnen, macht er eine erschreckende Entdeckung: Eine zweite Urmenschen-Art hat in dieser Wildnis überlebt, und die beiden Stämme fechten einen erbitterten Krieg miteinander aus!

Inzwischen ist in Nairobi Professor Anderson endgültig auf Kens und Ngilis Entdeckung aufmerksam geworden. Um nie gekannten Forscherruhm zu ernten, verliert er sämtliche Hemmungen und schreckt sogar vor Mord nicht mehr zurück. Als der Militärputsch dann ausbricht, tut sich Anderson mit einem der Rädelsführer zusammen und dringt mit einigen berufsmäßigen Wilderern in das Gebiet der Urmenschen ein …

Der „Lost Race“-Roman ist ein schon sehr altes Genre der fantastischen Literatur. Die Geschichte ist immer dieselbe: In einem weit entfernten, von der Zeit vergessenen Winkel der Welt (wahlweise eine Insel/ein Gebirge/ein Dschungel etc.) haben Urmenschen (oder Wikinger, Römer, spanische Conquistadores, manchmal zusätzlich auch Dinosaurier) überlebt. Auf diese lebenden Fossilien stößt durch Zufall eine kleine Gruppe „moderner“ Menschen, die immer in zwei Fraktionen zerfällt: Da sind die „Guten“, die zum Wohle der Wissenschaft nur erforschen wollen, was sie entdeckt haben, und die „Bösen“, die ihren Fund möglichst gewinnbringend zu vermarkten trachten.

Der berühmteste Roman dieses Genres ist wahrscheinlich „Die vergessenen Welt“. Geschrieben hat ihn 1912 Arthur Conan Doyle, der zuvor bereits durch seine Sherlock-Holmes-Romane und -Geschichten Unsterblichkeit erlangt hatte. Sein Urmenschen-und-Dinosaurier-Abenteuer wird bis heute ständig aufgelegt und wurde mehrfach verfilmt – noch die beiden „Jurassic Park“-Streifen verdanken dieser Vorlage viel. In den letzten Jahren gibt es so etwas wie eine kleine Renaissance des „Lost Race“-Romans. Eine unvollständige Liste umfasst Romane wie „Adam“ (Michael Stewart/1990), „Esau“ (Philip Kerr/1996)) oder „Neandertal“ (John Darnton/1998). In diese Reihe gehört auch Popescus Buch.

Wer ein wenig von der Paläontologie versteht, wird über den Titel des Romans vermutlich den Kopf schütteln. Unsere wilden Vorfahren – so unschuldig, so „rein“, dass sie im Garten Eden bleiben durften, während die weniger folgsamen Adam & Eva vor die Tür gesetzt wurden. Zumindest in den modernen „Lost Race“-Geschichten sind die Urmenschen immer wahre Heilige, die – von der Zivilisation unangekränkelt – im harmonischen Einklang mit der Natur leben und – je nach Autor verhalten bis aufdringlich – möglichst tragisch symbolisieren, wie der Mensch der Jetztzeit, dieser profitgeile Öko-Teufel, sich an derselben versündigt hat.

Dabei wird gern verschwiegen, dass auch unsere angeblich so unschuldigen Vorfahren genauso rücksichtslos mit der Natur umgingen wie ihre Nachfahren. Aber solche Erkenntnisse stoßen nicht überall auf Gegenliebe, besonders nicht bei denen, die um die „unverdorbenen Naturvölker“ dieser Welt am liebsten eine hohe Mauer ziehen würden und ihnen gern die Entscheidung abnehmen, den zweifellos schwierigen Schritt in die Moderne gegen ein Leben einzutauschen, das in der Regel mit 25 oder 30 Jahren zu Ende ist.

Von solchen pseudo-romantischen Anflügen einmal abgesehen, ist „Die Vergessenen von Eden“ ein gelungener Abenteuer-Roman, ausgezeichnet recherchiert, kenntnisreich im gewählten Thema und erfinderisch in der nicht einfachen Aufgabe, eine Lebensform glaubhaft darzustellen, von der außer einigen bruchstückhaften Knochen und Steinwerkzeugen nichts erhalten ist. Wie das „Alltagsleben“ unserer Vorfahren tatsächlich aussah, kann nur vermutet werden. Eine ganze Reihe dieser Thesen weiß Popescu überaus lebendig umzusetzen.

Aber auch die zweite Erzählebene ist mit Sorgfalt gezeichnet. Das moderne Afrika mit seinen vielfältigen politischen und wirtschaftlichen, besonders aber gesellschaftlichen Schwierigkeiten nimmt glaubhaft Gestalt an. Popescu verschweigt nicht die traurige Tatsache, dass ein Großteil der Probleme, die immer wieder Zehntausenden das Leben kosten, „hausgemacht“ sind – die Folgen von mörderischen, oft uralten Stammesfehden, uferloser Korruption und eines Rassismus’, der eben auch unter schwarzen Menschen verbreitet ist, so ungern das in diesen politisch so korrekten Zeiten zur Kenntnis genommen wird.

Schwächen schleichen sich erst gegen Ende des Romans ein. Professor Anderson, dessen skrupellose Ruhmsucht zunächst glaubhaft beschrieben wurde, verwandelt sich plötzlich in einen Serienmörder, um „seine“ Urmenschen für sich zu behalten. Auch der Versuch, einen großen Konzern (Popescu wählt interessanterweise einen echten Namen – Shell) als weiteren Bösewicht ins Spiel zu bringen, wirkt aufgesetzt. Das obligatorische Finale mit Feuersbrunst und einer mächtigen Schießerei hätte sich der Autor sparen können, aber Hollywood hat eine Option auf das Buch erworben, wie Popescu in seinem Schlusswort andeutet, und da geht es ohne Gewalt und Explosionen nicht.

Hohlbein, Wolfgang – Siegel, Das

„Das Siegel“ behandelt die Geschichte des vierzehnjährigen Ulrich von Wolfenstein, letzter Nachfahre aus einem verarmten Adelsgeschlecht, der sich den Kreuzfahrern anschließt, das heilige Land dann jedoch als Sklave betritt. Er wird verkauft an die Haschischin, die Anhänger des Hasan as-Sabbah, und zum Spielball der Intrigen zwischen diesen, den Tempelrittern und Saladin. Schließlich wird er zum Zeugen der Niederlage des christlichen Heeres bei Hattin, wo ihm der höchste Tempelherr das machtverleihende Siegel der Tempelritter anvertraut, auf dass er es in Sicherheit bringen möge. Stets scheint das Schicksal ihm trotz seiner unbedeutenden Geburt und seines unreifen Alters in Positionen zu zwingen, in denen das Schicksal vieler allein von seiner Entscheidung abhängt. Und letztlich fällt ihm die schwerste aller Entscheidungen zu: die Wahl zwischen dem Siegel und dem Freund, zwischen Verantwortung und Treue.

Das klang so weit für mich noch ganz spannend, doch bereits auf den ersten Seiten hat mich die Hohlbeinsche Wirklichkeit eingeholt und ich musste angesichts des extrem einfachen, dabei aber mit einem geradezu pubertären Pathos angefüllten Schreibstils bei zeitgleichem Agieren eines Vierzehnjährigen doch nochmals einen zweiten Blick auf die bibliographischen Angaben werfen. Nein, dies war kein Kinder- oder Jugendbuch. Das Buch ist erschienen als Möchtegern-historischer-Roman in der |Allgemeinen Reihe| des |Heyne|-Verlags. Schade eigentlich, denn als Jugendbuch hätte man hier doch einiges vergeben können, so aber wetze ich jetzt ungeniert meine kritischen Seziermesser. Dabei hat Hohlbein eine fast identische Geschichte auch als Jugendbuch unter dem Titel „Der Ritter von Alexandria“ veröffentlicht.

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist seit 1982 hauptberuflicher Schriftsteller. Seitdem hat er 256 Bücher entweder selbst geschrieben, veröffentlicht oder sonstwie an ihnen mitgewirkt. Er gehört heute zu Deutschlands erfolgreichsten und meistgelesenen Autoren – dennoch sind ihm bisher maximal eine Handvoll Bücher gelungen, die von den Kritikern nicht komplett zerrissen wurden. Und man merkt auch sofort, warum das der Fall ist: Der Stil ist einfach so grauenvoll, dass mir manche Formulierungen regelrechtes literarisches Sodbrennen verursachen. Dermaßen schlecht kenne ich die handwerkliche Umsetzung sonst eigentlich nur noch von Barbara Cartland. Hohlbein spaltet die Nation eindeutig in ihre Lesestoff-Geschmäcker.

Dazu handeln die Protagonisten nicht in einem Rahmen, den ein Erwachsener nachvollziehen kann. Selbst die älteren Männer in Hohlbeins Büchern wie diesem scheinen sich geistig noch im Stimmbruch zu befinden. Die Charaktere sind flach gezeichnet und nicht im Geringsten glaubhaft.
Dabei hätte alles so schön sein können, denn im Grunde hat Hohlbein ein Gespür für Geschichten, die sich zu erzählen lohnen. So ist denn auch der historische Hintergrund, wenn schon nicht detailgetreu gezeichnet, so doch grundsätzlich interessant, und aus den Grundzügen der Geschichte hätte ein anderer Autor einen spannenden Abenteuerroman vor faszinierendem historischem Hintergrund machen können. Nun will ich gar nicht mal besonders auf historischer Korrektheit herumreiten, denn Hohlbein selbst warnt uns schon vor Buchbeginn, dass er sich „einige geschichtliche Freiheiten erlaubt“. Im Grunde erscheint das ganze Buch als eine geschichtliche Freiheit, wenn nicht gar eine Frechheit, wenn man dies wirklich als historischen Roman bezeichnen möchte. Selbst einige Fantasy-Elemente wie Zauberei, Auferstehung von den Toten etc. finden sich hier wieder und werden munter mit historischen Persönlichkeiten und Fakten vermischt. Doch dies nur nebenbei, schwerer wiegen für mich die beinahe fehlende Spannung und die flachen, absurd erscheinenden, klischeebeladenen Charakterisierungen.

Denn da wäre zunächst mal Ulrich: reinen Herzens, 14, nach zwei Wochen Ausbildung bereits in der Lage, erfahrene Ritter im Schwertkampf zu schlagen, doch seine Texte stottert er mit kindlicher Unsicherheit runter. Und … seine wörtliche Rede … ist häufig von … ermüdenden … Sprechpausen aus … drei Punkten … unterbrochen.
Hasan as-Sabbah, der verschlagene, alte Mann, dem jedes Mittel recht ist und der sich auch der finsteren Mächte des Bösen bedient, um an sein Ziel zu gelangen.
Sultan Saladin, der edle Heide. Ein ehrenvoller Feind.
Sarim de Laurec, der treue Freund, der noch in der größten Not zu ihm hält. Und so weiter …

Und dann, wie gesagt, die fehlende Spannung. Die gesamte Story ist von vorn bis hinten entweder vorhersehbar oder zusammenhanglos und wirr. Selbst mitten im Schlachtgetümmel und kurz vor Ende fiel es mir nicht schwer, eine Lesepause einzulegen. Das mitreißende Element fehlt völlig. Die Charaktere folgen keiner durchgezeichneten Handlungslinie, sondern scheinen von einem trüben Geschichtsstrom dahingeschwemmt zu werden. Erst im letzten Viertel des Buchs taucht plötzlich das titelgebende Siegel auf und die eigentliche Geschichte (oder eine weitere) beginnt, hat aber mit der langen, für diesen Plot nicht relevanten Vorgeschichte so gut wie nichts zu tun. Das Ende ist ebenso vorhersehbar und dabei doch planlos und trieft nur so von pubertären Hormonen und übertriebenem Pathos.
Das Allerschlimmste aber war, dass mir „Das Siegel“ als eines von Hohlbeins besseren Büchern empfohlen worden war. Eine Empfehlung, die ich garantiert nicht weitergeben werde. Es gibt wirklich bessere historische Romane zum Thema Tempelritter – selbst von Wolfgang Hohlbein.

http://www.hohlbein.de/

Göpel, Felix – Mit dem Fahrrad zur WM. Von Kreuzberg nach Korea 2002

Schuld waren eigentlich nur Göran Kropp und Felix Göpels Mutter, die ihrem Sohn zu Weihnachten das Buch des berühmten schwedischen Weltenbummlers schenkte, der mit dem Fahrrad nach Nepal aufbrach, um dort alleine den Mount Everest zu besteigen. Die Fahrrad-Expedition begeisterte den passionierten Hobbyradfahrer Felix so sehr, dass er beschloss, ein Semester lang in Indien zu studieren und den Weg dorthin mit dem Rad zu meistern. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit starten Felix Göpel und sein langjähriger Freund aus Kindestagen Kevin Meisel am 5. August 2001 mit ihren Rädern, um getreu dem Motto „mit dem Fahrrad in die Uni“ von Berlin nach Indien zu fahren.

Schon in Meißen werden die beiden abenteuerlustigen Radfahrer durch eine Sehnenscheidenentzündung in Kevins Ferse ausgebremst und müssen noch relativ nah der Heimat die erste Zwangspause einlegen. Doch Kevins Wille ist ungebrochen, nach kurzer Verschnaufpause geht die Fahrt weiter gen Osten durch fremde Länder. Zwischendurch wird immer wieder der „Lance der Woche“ als Auszeichnung für besondere Hilfe während der Tour verteilt, höchstwahrscheinlich steht jedoch der allererste „Lance“ noch aus, der demjenigen gebührt, der im Berliner Fahrradladen Klinkert einem beliebigen Mitarbeiter die Meinung geigt.

Im verregneten Prag denken sich Felix und Kevin eine recht schicke Taktik aus, um zu einer kostenlosen Übernachtung zu gelangen, doch eine unscheinbare Cloppenburgerin scheint den beiden dann doch nicht spektakulär genug zu sein, um bei ihr die Nacht zu verbringen, so muss schnell eine neue Idee her. Die Grenzüberquerung zwischen Tschechien und Österreich artet schließlich zu einer fast hollywoodreifen Episode aus, die nur mit Hilfe der Volksbank noch ein glückliches Ende nehmen kann.

Besonders Kevin scheint auf der Tour das Pech magisch anzuziehen, so ist es immer wieder die Ferse, die ihn am Weiterfahren hindert, später gesellt sich noch ein schmerzendes Knie hinzu, in Ungarn bricht ihm ein Zahn ab, im Iran hätte ihm ein plötzlich abbremsender Peykan fast das Leben gekostet und später wird sogar ein Tumor in seiner Brust festgestellt. Kevin sorgt für die Geschichten und Felix schreibt sie auf. Aber auch Felix Göpel bleibt nicht völlig verschont; in der Türkei verleitet ihn eine verspannte Schulter zu einem Besuch im Hammam, in dem er sogar noch kränker massiert wird. So erleben die beiden jungen Männer ihre ganz eigene Tour der Leiden, verfolgt von wild gewordenen Hunden, immer wieder im krassen Gegensatz zu den Kulturen, durch die sie pedalieren, und ab dem Iran erstmals mit dem Gedanken, hinter Indien noch weiterzufahren bis Korea, wo im Jahr 2002 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet.

Zwischendurch erlebt der Leser nicht nur mit, wie Felix Göpel und Kevin Meisel in der Türkei von den Anschlägen des 11. September auf das New Yorker World Trade Center erfahren und Felix um seine ältere Schwester „Friedi“ fürchten muss, sondern auch wie die beiden als Folge auf die Terroranschläge und den darauf folgenden Krieg in Afghanistan ihre Fahrpläne durch Pakistan umschmeißen müssen, um nicht „John Rambo“-gleich todesmutig durch die Gefahrenzone zu radeln. Insgesamt fast 11000 Kilometer und 10 Monate später stehen Felix und Kevin schließlich in Korea im Fußballstadion …

Reiseliteratur ist langweilig, selbst verreisen und Urlaub machen ist viel besser. Das ist in den meisten Fällen sicherlich richtig, doch die Erlebnisse der hier geschilderten Leidenstour auf dem Rad von Berlin nach Korea zur Fußball-WM fernab der Zivilisation werden wohl nur die wenigsten Urlauber selbst am eigenen Leibe erfahren können. Somit wird der Leser bei der Lektüre dieses Buches in fremde Länder entführt und erlebt eine Geschichte mit, wie sie unglaublicher kaum sein könnte. Die zehnmonatige Radtour lebt von den kleinen Episoden zwischen Kevin, Felix und den Menschen, denen sie auf ihrem Weg nach Korea begegnen. Hier prallen Gegensätze aufeinander, aber auch auf die Hilfsbereitschaft der einheimischen Bevölkerung können die beiden oft zählen. Der längste Abschnitt des Buches ist dem Iran gewidmet, in welchem Kevin und Felix schließlich auch Weihnachten und Silvester feiern.

Mit Wortwitz und spritziger Sprache erzählt Felix Göpel von all den Dingen, die zwischen Kreuzberg und Korea geschehen sind, und bringt seine Leser dadurch oftmals zum Lachen oder zumindest doch zum Schmunzeln. Die Episoden sind dabei so kurzweilig geschrieben, dass man problemlos in eine fremde Welt eintauchen und die Radtour nachlesen und fast sogar miterleben kann. Das verschneite Mistwetter vor dem eigenen Fenster bemerkt man eigentlich erst dann, wenn es im Iran so kalt wird, dass des nachts das Wasser in den Trinkflaschen gefriert. An vielen Stellen bedient sich Felix Göpel der Umgangssprache, was aber durchaus zu den wahnwitzigen Geschichten der beiden Abenteurer passt. Nicht alle Kapitel sind in handelsüblichen Kapiteln im Tagebuchstil geschrieben, einige Geschichten werden in Form von Briefen erzählt, die Felix an seine Familie gerichtet hat. Das Abenteuer an der Grenze zwischen Österreich und Tschechien reicht gar aus für ein kurzes Theaterstück in vier Akten und auch ein Chatprotokoll ist zu finden.

Besonders nett zu lesen sind die kleinen Seitenhiebe, die nur am Rande auffallen, oder auch die gelungenen und witzigen Metaphern, die die Erzählung beleben. Beim Lesen habe ich mich königlich amüsiert über die zahlreichen verrückten Geschichten, auch wenn sie in der Situation sicherlich nicht so lustig waren, wie sie beim Lesen klangen. Ich erinnere mich da an den durchgedrehten Hund, der zu einer akuten Bedrohung wird und sich von Felix’ Trinkflasche nicht recht abschütteln lassen will. Die Situationen sind dabei so lebhaft und plastisch geschildert, dass der Leser sich ein gutes Bild davon machen kann und die Szenen regelrecht vor Augen hat. Zur besseren Vorstellung tragen hier unter anderem die zahlreichen Bilder von der Tour auf den Seiten 353 bis 368 bei.

Die Reiseeindrücke sind dabei sehr subjektiv und persönlich, und der Leser darf sogar an privaten Sorgen teilhaben wie derjenigen um die Familie zu Hause und um die Schwester, die am 11. September in Manhattan arbeitet. So wachsen einem das Buch und seine beiden Helden einfach ans Herz, beim Lesen leidet man immer mit und bangt um Kevins Ferse, die ab dem Iran kaum noch mitradeln mag. Auch wenn die beiden sich dem iranischen Sicherheitsapparat gegenübersehen, als sie sich zu oft mit zwei jungen Mädchen in der Öffentlichkeit haben blicken lassen, ist der Leser hautnah dabei und fiebert mit. Am spannendsten und interessantesten wird es eigentlich immer dann, wenn Felix und Kevin eine Pause einlegen wollen, um sich auszuruhen und die Gegend zu erkunden. Hierbei finden sie sich später sogar in einem Ashram wieder, wo sie feststellen müssen, dass sie einfach nicht die Pause zwischen zwei Gedanken finden und schon gar nicht auf eineinhalb Stunden ausdehnen können.

Felix Göpel zeigt uns die östliche Welt, wie er sie auf seiner Tour der Leiden kennen gelernt hat, er schildert seine persönlichen Eindrücke und scheut sich auch nicht vor einer nur teilweise versteckten Gesellschaftskritik. In meist lustigen Worten bringt er hierbei seine eigene Meinung unter, die nicht immer mit der Meinung am jeweiligen Reiseort konform geht. Hierbei bleiben beispielsweise auch die Gepflogenheiten des Islam nicht verschont, wenn Felix in der Türkei verschleierte Frauen bei der Feldarbeit beobachtet, während die Ehemänner ihren Tag im Teehaus verbringen und ihre Frauen erst abends vom Feld an den Herd holen (S. 149).

Gerade die kleinen Erlebnisse zwischen den beiden Radfahrern und der einheimischen Bevölkerung sorgen dafür, dass der Leser einen recht guten Einblick in fremde Traditionen erhält und mehr über Land und Leute erfährt, obwohl die meisten Geschichten eine persönliche Wertung erhalten. Der Schwerpunkt des Buches liegt hierbei nicht so sehr auf den Radsporterlebnissen, auch wenn die häufig auftauchenden Platten in Tibet genauso angesprochen werden wie die schwierige Ersatzteilsuche in der Türkei, doch auch radsportdesinteressierte Leser werden bei dieser Reiseschilderung ihre helle Freude haben und müssen keine langatmigen Radbeschreibungen be fürchten. Die Probleme mit den Fahrrädern werden eher am Rande abgehandelt, Mittelpunkt des Buches sind die persönlichen Eindrücke des Autors.

„Mit dem Fahrrad zur WM“ sorgt für kurzweiliges Lesevergnügen, das seinen Leser schnell in fremde Welten entführt und ihm unbekannte Kulturen vorstellt. Seinen Reiz gewinnt das Buch durch seinen Wortwitz und die vielen amüsanten Episoden zwischen Kreuzberg und Korea. Der Leser leidet auf jeder Seite mit den beiden Radsporthelden mit, die ihre ganz eigene Tour der Leiden erleben auf ihrem Weg nach Korea, und wird hierbei exzellent unterhalten. Auch für Reiseliteraturmuffel wie mich ist dieses Buch einfach nur empfehlenswert. Man kann in die Geschichte besser eintauchen als in so manchen Krimi und so bleibt am Ende eigentlich nur zu hoffen, dass sich Kevins Ferse wieder erholt und die beiden 2010 nach Südafrika aufbrechen, um dort erneut mit dem Rad bis vor die Fußballstadien vorzufahren.

Wer nach dem Buch noch etwas mehr über Felix Göpel, Kevin Meisel und ihre gemeinsame Fahrradtour zur Fußball-Weltmeisterschaft erfahren möchte, kann sich auf ihrer Homepage http://www.mitdemfahrradindieuni.de schlauer machen und sich dort noch viele weitere Fotos ansehen.

Hohlbein, Wolfgang – Gejagte, Der (Die Chronik der Unsterblichen 7)

Im Frühjahr 1565 droht dem kleinen Mittelmeerstaat Malta ein apokalyptischer Untergang. Nach Jahren der stillen Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich kommt es nun zum offenen, unverhohlenen Krieg. Dem letzten Herrschaftsgebiet der Johanniter mit seinen spartanischen Waffenarsenalen und Munitionslagern steht nahezu die gesamte türkische Armee gegenüber. Inmitten dieser angespannten Situation finden sich die Protagonisten der Chronik der Unsterblichen, Andrej Delany und Abu Dun, wieder.

Auf der Suche nach einem Ort, der sie als Fremde wohl aber nicht als Verfluchte akzeptiert, haben sie ihre Oase der Stille in Malta gefunden. Allen voran haben die beiden Krieger und Söldner ihre Ruhe dem Großmeister des Johanniter-Ordens, La Valette, zu verdanken, der schützend seine Hand über sie hält. Aus Dankbarkeit oder der unbestimmten Gewissheit, später einen Nutzen daraus zu ziehen, hat sich Andrej infolgedessen dem Orden angeschlossen und seine Dienste den Befehlen des Großmeisters unterstellt. Diese Option hat sich dem nubischen Riesen nicht eröffnet.

Angesichts der übermächtigen türkischen Bedrohung hat es sich für Abu Dun empfohlen, das Leben abseits der Ordensfestung vorzuziehen. Drei friedvolle Jahre hat ihnen diese Insel geschenkt, drei Jahre ohne Verfolgung durch andere Unsterbliche und ohne den Zorn der Inquisition, drei Jahre, in denen Abu Dun eine Familie gegründet hat und Andrej zu einem hochrangigen Ritter des Ordens emporgestiegen ist. Doch mit den ersten Gerüchten um einen Angriff der Osmanen unter Suleiman zerfällt das Paradies in eine Wüste der Gefahren und Bedrohungen. Ihr erster Auftrag führt sie in die Höhle des Löwen. Als Spione im Auftrag der Johanniter ist ihr Ziel das Waffenlager in Konstantinopel. Dieses Unterfangen hätte mit absehbarer Gewissheit jeden gewöhnlichen Mann in den sicheren Tod geführt, doch allein ihrer Freundschaft und ihren übermenschlichen Kräften haben sie es zu verdanken, dass sie nach einer schier endlosen Reise die weiß leuchtenden Klippen Maltas wohlbehalten wiedersehen.

Doch vielleicht wären sie bei ihrer Flucht aus dem Herzstück des östlichen Reiches besser von einer der zahlreichen Kanonenkugeln auf ewig in die Tiefen des Meeres versenkt worden. Denn ohne die Erlebnisse und Erkenntnisse, die sie mitbringen, wären ihnen die quälende Gewissheit einer totalen Niederlage und das Warten auf die erste Salve der zu Hunderten erwarteten Galeeren erspart geblieben. Doch mit dem Mut der Verzweiflung beginnt die Aufrüstung und Befestigung der Insel.

Was Andrej und Abu Dun jedoch nicht preisgeben, ist ebenso beängstigend. Ein Unsterblicher, so mächtig, dass seine Präsenz ihnen den Atem zu rauben vermag, ist ihnen begegnet und scheint offenbar in den Diensten der Osmanen zu stehen. Allzu früh offenbart sich ihnen der Fremde. Einem Schatten gleich überfällt er die beiden Gefährten und erweist sich als der einzig wahre Unsterbliche unter ihnen dreien. Doch nie bringt er zu Ende, was er beginnt, jedes Mal lässt er den beiden ihr Leben, aber nimmt ihnen ein Stück ihres Glücks indem er jene leiden lässt, die ihnen etwas bedeuten. Das Kriegsgeschehen gerät im Verlauf der Geschichte in den Hintergrund, ist jedoch allgegenwärtig, muss dem Handlungsstrang um den unbesiegbaren Vampyr aber weichen. Die Ereignisse spitzen sich zu und ziehen immer weitere Kreise.

Abu Duns Familie wird durch den Fremden zerstört, der Orden durch Zwietracht zerrüttet und selbst Abu Dun und Andrej, Freunde seit mehr als einem Menschenleben, haben miteinander zu kämpfen. Zu allem Überfluss erweisen sich darüber hinaus der Großmeister La Valette und sein englischer Sekretär Sir Starkey als undurchsichtige Figuren, die nie mehr preisgeben, als ihnen gut zu Gesichte steht. Das Schicksal bindet sie jedoch aneinander. Als Sir Starkey Andrej offenbart, von seiner Existenz als Vampyr zu wissen, unterbreitet er ihm ein Angebot. Im Tausch für den Kopf des Kommandierenden des türkischen Heeres und die Leiche des unbesiegbaren Vampyrs erhält Andrej die Möglichkeit, Einsicht in die geheimen Aufzeichnungen des Ordens zu bekommen, die seine Suche nach der Erklärung für sein Dasein als Vampyr beenden sollen. Doch dies erweist sich weder als Fluch noch Segen, es ist vielmehr eine Bestätigung dessen, was Andrej schon immer gefürchtet und nie zu glauben gewagt hatte. Schließlich müssen Andrej und Abu Dun ihren Teil der Vereinbarung erfüllen, was sich als äußerst schwierig erweist …

Sechs weitere Bücher liegen diesem siebten Band der Chroniken der Unsterblichen zu Grunde und erweisen sich als wichtige Grundlage. Wolfgang Hohlbein bezieht sich oft auf Ereignisse, die weit zurück liegen und aus verschiedenen Abschnitten der Lebensgeschichte der beiden Protagonisten stammen. So entsteht allmählich ein abgerundetes Bild der Handlung, deren Rahmen die Suche nach einer Erklärung für die Existenz von Vampyren darstellt. Die Ereignisse verdichten sich mit diesem Band und werden miteinander verwoben und doch weiß der Leser nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr als zuvor.

Nach dem hervorragenden sechsten Band enttäuscht sein Nachfolger. Die Handlung beginnt zunächst rasant, doch der Spannungsbogen bricht sehr schnell ab. Das Kriegsgeschehen und die Ereignisse auf der Insel mit dem mysteriösen und scheinbar unbesiegbaren Vampyr kitzeln die Nerven des Lesers nur wenig, vielleicht weil das Motiv des unbekannten, starken Fremden mittlerweile überstrapaziert ist.

Wer die Chroniken so weit verfolgt hat, vermag den Ausgang der Handlung abzuschätzen, da sie immer wieder einem ähnlichen Schema folgt. Dieser Fakt ist aufgrund überraschender Wendungen und brilliant ausgearbeiteter Charaktere bisher nie sonderlich störend aufgefallen. Doch hier bleiben vermeintlich wichtige Charaktere wie der Großmeister La Valette blass, und Sir Starkey erscheint zwar durchaus interessant, bringt der Handlung dennoch nicht das gewünschte Prickeln. Als weitaus störender erweisen sich allerdings inhaltliche Schwächen. Abu Duns Familie existiert plötzlich und wird nur mit wenigen Worten beleuchtet, ebenso zweidimensional sind die Erklärungen für mancherlei Entscheidungen Andrejs oder Abu Duns.

Gleichzeitig sind eben diese beiden Charaktere und ihre Entwicklung der Glanzpunkt der Geschichte. Sowohl ihre Freundschaft als auch Abu Dun als einzelner Charakter erhalten eine immense Tiefe, und jene Stellen im Buch, die dies Thema ansprechen, fesseln den Leser, der zweifelsohne beide bereits in sein Herz geschlossen hat, doch noch bis zum Ende (das zugleich Höhepunkt der Entwicklung ist).

Als Anhänger dieser Reihe möchte ich nur ungern davon sprechen, dass dieses Buch summa summarum nicht gut ist, aber es steht weit hinter den anderen zurück und besticht mehr durch einen historisch trockenen Stil und appelliert weniger an die Emotionen der Leser.

Dennoch: Wer einmal begonnen hat, die Chroniken zu lesen, wird sich aus diesem Buch die besten Körner picken und auf baldige Fortsetzung hoffen! Band 8, [„Die Verfluchten“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/380253459X/powermetalde-21 erscheint im Mai 2005.

_Stefanie Borgmann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Matthew Reilly – Der Tempel

Granitkinn-Weltenretter raufen im südamerikanischen Dschungel mit Nazi-Schuften um eine außerirdische Statuette mit ungewöhnlichen Eigenschaften zu bergen … – Action-Spektakel, das nach leidlich verheißungsvollem Auftakt nulldimensionale Pappkameraden in einen Amoklauf dümmlicher Nicht-Ideen stürzt: selbst als reines Lesefutter nur eine freche Zumutung.
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Stephenson, Neal – Quicksilver (Barock 1)

_Vorspann_

Das ausgehende 17. Jahrhundert war besonders für Europa eine erbauende Zeit – auch wenn die richtig großen Fortschritts-Schübe noch eine Weile auf sich warten lassen sollten. Die Nachwehen des 30jährigen Kriegs wurden allmählich überwunden. Wirkliche Demokratie war noch ein ganzes Stück entfernt, dazu verbrauchten sich die untereinander eng verwandten europäischen Monarchen in endlosen Kleinkriegen. Aber dennoch begann die Aufklärung durch die Lande zu leuchten. Das, was die Heutigen als „Wissenschaft“ („Science“) wahrnehmen, das nahm ganz allmählich heute noch vertraute Formen an. Und deswegen sollten Erzählungen vor diesem historischen Hintergrund auch für die Heutigen durchaus verständlich und spannend sein. Besonders für Leute aus dem angelsächsischen Sprachraum, denn vor gut 300 Jahren lebte in England mit Isaac Newton eine der wichtigsten Gründungsfiguren moderner Wissenschaft. Und dazu erhob sich ganz allmählich eine ernst zu nehmende englische Seemacht. Und in dieses Umfeld begibt sich Neal Stephenson mit seinem monumentalen Roman „Quicksilver“.

_Neal Stephenson_

… gilt seinen zahlreichen Verehrern als herausragender Science-Fiction–Autor. Er wurde 1959 geboren und lebt in der Nähe von Seattle. „Science““hat er sicher schon als Kind mitbekommen, entstammt er doch einer Familie, die bereits seit Generationen allerlei naturwissenschaftliche Professoren hervorgebracht hat. Er selbst studierte zuerst Physik, dann Geografie. Beides sollte sich für dieses Buch als hilfreich erweisen. Bereits mit Ende zwanzig konnte er erste Erfolge im Feld der „Fiction“ aufweisen. Auf sein Konto gehen vergnügt verschrobene Abenteuer-Erzählungen wie der Erstling „Zodiac“ (1988) oder „The Diamond Age“ (1995). Dazu das bahnbrechend visionäre „Snow Crash“ (1992) und der erstaunliche Bestseller „Cryptonomicon“ (1999).
„Quicksilver“ ist der erste Teil seiner etwa zwischen 1670 und 1720 spielenden „Barock“-Trilogie. Er behauptet dazu weiterhin, nichts anderes als eben „Science Fiction“ zu schreiben. So mancher Leser mag sich allerdings eher im historischen Roman oder einem schön altmodischen Mantel- und Degen-Epos wähnen. Keine Raumschiffe hier, auch keine Computer (nur frühe Ideen dazu).

_Das Buch_

„Quicksilver“ ist zunächst einmal rein haptisch ein überaus beeindruckendes Werk. Der im September 2004 als |Manhattan|-Buch im |Goldmann|-Verlag erschienene Schmöker wiegt 1,3 Kilogramm und hat (ohne Personenverzeichnis) satte 1130 Seiten Text, eng bedruckt. Wohl wegen des außerordentlichen Umfangs leistete sich der Verlag gleich zwei Übersetzer (Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl). Die Ausstattung orientiert sich sehr eng am amerikanischen Original (habe mittlerweile die beiden Fortsetzungen gelesen). Sie ist hochwertig, den Preis von 29 Euro durchaus rechtfertigend. Aber warum wurde eigentlich der Titel (auf Deutsch „Quecksilber“) nicht übersetzt? Wird der nächste Teil dann auch „The Confusion“ heißen?

_Was passiert?_

Der Riesenwälzer besteht aus drei zeitlich und in der Handlung miteinander verwobenen „Büchern“, mit zahllosen Handlungssträngen und kurzen Gastauftritten allerlei bekannter Figuren der Zeit. Die Namen der Hauptfiguren jedoch dürften dem geneigten Fan schon aus „Cryptonomicon“ bekannt vorkommen.
Auftritt Daniel Waterhouse, Querdenker, Puritaner und Verächter der überkommenen Alchemie. Er teilt sich das College-Zimmer mit – Isaac Newton! – und befreundet sich nebenbei mit allen verfügbaren realen Geistesgrößen, von Hooke über Wren zu Pepys und Leibniz. Na ja.
Gleichzeitig: Jack Shaftoe wird vom Londoner Henkersgehilfen zum legendären König der Vagabunden. Er reitet und schwingt das Schwert, riskiert Leib und Leben für sein Glück und seine Liebe – und verliert durch die Syphilis schleichend den Verstand.
Gleichzeitig: Eliza, als Sklavin von einem finsteren, verdorbenen Fisch futternden französischen Admiral einst aus dem fiktiven Land ihrer Herkunft (irgendwo in Großbritannien) geraubt, hat es zur türkischen Haremsdame gebracht. Dabei ist sie noch nicht mal volljährig! Der Obertürke nimmt sie mit nach Wien, dort befreit Vagabundenkönig Jack die Holde. Auf geht es durch manches Abenteuer in deutschen Fürstentümern, bis nach Amsterdam. Dort erweist sich die Dame als Finanzgenie, sie bringt es schließlich an den Hof Ludwigs XIV, sie wird Mätresse, Spionin und Schachfigur in den Händen diverser königlicher Staatsoberhäupter.
Munter geht es hin und her, kurze Abstecher in das Massachusetts des Jahres 1714 eingeschlossen. Und immer, wenn eine der Hauptfiguren nicht mehr weiter weiß – hurra! da kommt ein gewisser Enoch Root um die Ecke. Und er hat natürlich immer die richtige Idee, kein Wunder, bei seiner Erfahrung …

Es wäre schlichtweg vermessen, alle Handlungsstränge hier nacherzählen zu wollen. Es sind zu viele. Schon ein wenig störend wirkt, dass keine der Plotlinien wirklich zu einem klaren Ende geführt wird. Der Kauf der Fortsetzungs-Romane des großen Zyklus wird da fast unvermeidbar. Immerhin bleibt es zumeist sehr unterhaltsam, und immer recht abenteuerlich.

_Worum geht es denn?_

Ja, bei Bedarf lässt sich hier eine Menge über Wissenschaftsgeschichte erfahren, über Sittengeschichte, Staatenwerdung, etc. Aber zum Stillen übermächtigen Wissensdurstes ist „Quicksilver“ dann doch nur bedingt geeignet. Auch wenn all die in umfassender Detaillierung geschilderten Alltagssorgen und –verrichtungen der Figuren weitgehend authentisch sein dürften – da gibt es Besseres (wie zum Beispiel das echte Tagebuch des echten Samuel Pepys). Obwohl der historische Rahmen weitgehend korrekt beschrieben scheint, dominieren doch die fiktiven Figuren. Und deren philosophische Tiefe scheint mir trotz allen Diskurses der edlen Herren von der „Royal Society“ dann doch arg begrenzt. Dies ist ein extra langer Abenteuer-Schmöker in Cinemascope, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

_Und wie lässt es sich schmökern?_

Überaus vergnüglich. Stephenson hält eine mild ironische Tonlage locker durch. Die oft leicht antiquierte Schreibweise des Originals (uralte Verben, obsolete Rechtschreibung etc.) wurde durch die Übersetzer leider weitgehend getilgt. Schade eigentlich, steigert sie doch den Charme des Barock-Zyklus erheblich. Und barock, ja, barock geht es hier zu. Spielszenen werden eingeflochten, Spottgedichte, gelegentlich wandelt sich das Buch zum Briefroman. Immer aber gibt es flotte Action, Ehre und große Gefühle, erbauliche Details, manchmal etwas konstruiert anmutende Begegnungen – aber was soll’s. „Quicksilver“ ist mächtig unterhaltsam, und sehr schwer zur Seite zu legen. Auch wenn die Lektüre sicher einige Wochen Zeit beansprucht.

_Zum Abschluss_

In diesem Buch gibt es „Science Fiction“ nur im wörtlichen Sinne. Großzügig ausgeteilte Brocken Wissenschaftsgeschichte in einem herrlich dahinsprudelnen Abenteuerroman mit historischer Kulisse. „Quicksilver“ ist angenehmer Eskapismus. Die Helden sind nur selten eindimensional, meist liebevoll gezeichnet. Wärme und Humor durchströmen das Buch. Schön für lange Winterabende, schön als Urlaubslektüre.
Nur etwas schwer zu transportieren.

Homepage des Autors: http://www.nealstephenson.com

Metaweb des Autors: http://www.metaweb.com

Marco Buticchi – Die Jagd nach den Mondsteinen

Das geschieht:

Die „Mondsteine“: drei Stelen, gegossen aus purem Gold in menschenähnliche Gestalt, doch mit ‚Köpfen‘, die wie der zunehmende, der volle und der abnehmende Mond geformt sind. Die Entstehungsgeschichte der wertvollen Stücke ist ungeklärt; schon als sie im 1. Jahrhundert nach Christus erstmals schriftlich erwähnt werden, gelten sie als uralt. Entstanden sein sollen sie einst in der kleinen römischen Stadt Luna anlässlich des Todes eines Hohen Priesters, den die Göttin Minerva höchstpersönlich ins Jenseits entrückt haben soll. Als Erinnerung an diese Himmelfahrt blieben die Mondstelen zurück. Sie wurden von der Familie besagten Priesters geborgen und seither vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben.

So lautet jedenfalls die Geschichte, die Iunius von Luna seinem General und Freund Marcius erzählt, nachdem es im Jahre 77 n. Chr. an ihm ist, die goldenen Statuen zu hüten. Iunius hat sich auf zahlreichen Feldzügen ausgezeichnet, die das mächtige Römische Imperium unter Imperator Vespasian gegen die Germanen führte. Bis zum Tribun hat es Iunius gebracht, der nun er seinen General in die Hauptstadt Rom begleitet, wo dieser ein hohes politisches Amt anstrebt. Marco Buticchi – Die Jagd nach den Mondsteinen weiterlesen

Christopher, Nicholas – Franklin Flyer

Das Jahrhundertleben des Franklin Flyer beginnt 1907 in den Trümmer des gleichnamigen Luxuszugs, nach dem man ihn benennt. Der junge Mann besitzt auch zukünftig mehr Leben als eine Katze, was ihm gut zupass kommt, als er sich – bisher ein ruhiges Angestelltendasein führend – nach dem Börsencrash von 1929 entschließt, die Welt zu erkunden.

Die Jagd nach dem Neuen und nie Gesehenen wird zur festen Konstanten in Franklins unstetem Wanderleben. Jetzt hat er im Überfluss Abenteuer: Eine Antarktis-Expedition beendet er als einziger Überlebender. In Südamerika gerät er auf der Suche nach dem mysteriösen Metall Zilium unter die Nazis. Er wird ihnen in den nächsten Jahren noch oft begegnen.

Zurück in den USA, wird Franklin zum Universal-Erfinder, der mit einer Farbmischmaschine den Grundstock für ein Riesenvermögen legt. Darüber hinaus wird er Comiczeichner, Verleger, Konzernherr – und Geheimagent: Die Regierung tritt an den Tausendsassa heran, um ihn für einen zweiten Weltkrieg zu rekrutieren, der unausweichlich scheint. Franklin, ein Patriot mit Köpfchen, reist durch die ganze Welt, um dort den Spionen und Agitatoren des „Dritten Reiches“ auf die Spur zu kommen. Dabei trifft er prominente Figuren der Zeitgeschichte wie US-Präsident Roosevelt oder Albert Einstein, rettet die junge Tänzerin und spätere Schauspielerin Rita Hayworth, arbeitet im Widerstand mit der berühmten Josephine Baker zusammen.

Immer präsent bleibt Franklins Suche nach der großen Liebe. Er trifft faszinierende Frauen, doch seine Affären enden in der Regel tragisch. Allerdings könnte es sein, dass dahinter System steckt. Eine altägyptische Gottheit scheint über Franklin Flyer zu wachen. In mehreren Inkarnationen kreuzt sie immer wieder seinen Weg, rettet ihn und weist ihm womöglich den Weg zum ewigen Leben …

„Franklin Flyer“ ist eine Mischung aus (historischem) Abenteuer, Thriller und Seifenoper. Der Held ist stets in Bewegung, die ganze Welt ist sein Spielplatz, auf dem ihm in 13 Jahren so manches Spannende, Faszinierende, Witzige zustößt.

An sich nichts Besonderes, sondern ein Roman, der Spaß macht beim Lesen. Aber Vorsicht: „Franklin Flyer“ ist kein simples Genregarn, sondern „richtige“ Literatur! Das bedeutet nach Ansicht des Kultur-Establishments: Hier erleben wir ein Buch mit Anspruch! Dies macht die Lektüre zur ernsten Sache, denn schließlich will man das von der Kritik gelobte und empfohlene Werk „richtig“ verstehen, um nicht als ignoranter Dummkopf und Banause dazustehen.

Vielleicht sollte man solche Gedanken einfach beiseite schieben und das Buch genießen, wie es konzipiert wurde: ein Breitwand-Spektakel, das ebenso verspielt wie gelungen lieb gewordene Elemente des klassischen Abenteuer-Kinos aufgreift und zu einer turbulenten Geschichte kombiniert.

Nicht umsonst wählt Autor Christopher die 1930er Jahre als Zeitfenster. Spätestens seit Indiana Jones in dieser Ära aktiv wurde, wurde sie als idealer Schauplatz wiederentdeckt. Noch war die Welt in dieser Zeit nicht wirklich „modern“ geworden. Sie wies weiterhin „weiße“, unentdeckte Flecken auf. Gleichzeitig schien sie erfreulich leicht in „Gut“ und „Böse“ teilbar: Auf der einen Seite standen die USA, auf der anderen Seite lauerte Nazi-Deutschland, ein wirklich dankbarer Gegner, der gleichzeitig kriminell und theatralisch war – Wer gegen Hitler antrat, focht einen ehrenwerten und notwendigen Kampf – wohl der letzte, in dem sich die USA diese Auszeichnung uneingeschränkt verdienten.

Nicholas Christopher wählt zwei markante Eckdaten für seine Geschichte. „Franklin Flyer“ setzt mit dem „Schwarzen Freitag“ von 1929 ein und endet mit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Dazwischen liegen in den USA die Jahre der „Großen Depression“, die ein ganzes Land wirtschaftlich und moralisch zu Grunde richteten, während in Europa der Aufstieg des Faschismus begann.

Auf diesem riesigen Schachfeld spielt sich ein geheimer Krieg ab, noch bevor Hitler Polen überfallen lässt. Christopher führt uns an ungewöhnliche Orte bzw. gewinnt eigentlich zum Klischee gewordenen Situationen – Vichy-Frankreich, Casablanca-Nordafrika, Mussolini-Rom – neue Aspekte ab.

Die Romanstruktur ist durchaus komplex. Es gilt schon sorgfältig zu lesen, weil Ereignisse wie Zahnräder ineinander greifen und Figuren, die wir beiläufig kennen lernen, im weiteren Verlauf der Handlung von Bedeutung werden. „Franklin Flyer“ geizt wahrlich nicht mit Andeutungen, die uns Enthüllungen versprechen, die in der Regel nicht nur eingelöst, sondern übertroffen werden.

Ein einziger gravierender Einwand gegen „Franklin Flyer“ bezieht sich auf die Beharrlichkeit, mit der Autor Christopher die abenteuerlichen Reisen seines Helden mit einer „spirituellen Wanderung“ gleichsetzt: Franklin darf nicht einfach die Welt kreuzen, sondern er muss mit und an ihr wachsen.

Auf solchen spirituellen Exkursionen ist der Grad schmal zwischen Erleuchtung und Hirnschwurbel. Franklin hält sich wacker, aber auch er kann diverse Abstürze nicht vermeiden. Die Chiffre „Ägypten“ für das (angebliche) Wissen um eine jenseitige Welt kontrollwütiger Gottheiten ist heute eher lächerlich, auch wenn Christopher recht geschickt die Entdeckung des Grabs von Tutanchamum 1923 aufgreift und auf der daraufhin aufsteigende Welle der Begeisterung für das alte Pharaonenreich und seine Geschichte schwimmt.

Trotzdem erleben wir einige katzenumschwänzelte geheimnisvolle Schönheiten zu viel, um noch Gefallen daran zu finden. Franklins Jagd nach der Patchwork-Göttin Anita ist nicht einmal als Pulp getarnt ein Gewinn für die Story. Zu offensichtlich strebt Autor Christopher hier doch nach höheren literarischen Weihen, die immer noch bevorzugt dort verliehen werden, wo Kritiker pompöses Wortgeschwalle für „Kunst“ halten und die eigene Unsicherheit hinter begeisterter Zustimmung verbergen.

Franklin Flyer ist – es überrascht wohl kaum in einem „amerikanischen Roman“ – ein Spiegelbild seiner Nation: Seine Geschichte ist auch die Geschichte der Vereinigten Staaten und der Welt (in dieser Reihenfolge). Franklin ist der junge, energische, abenteuerlustige Idealist, den es in die Welt hinauszieht. Dort bekommt er reichlich Nackenschläge, trifft nette Menschen, schöne Frauen, schräge Vögel und fiese Lumpen.

Vor allem lernt er und entwickelt sich: Franklin Flyer wird erwachsen, und das 20. Jahrhundert wächst mit ihm. In den 1930er Jahren ist es noch jung und formbar. Franklin trägt seinen Teil dazu bei. Nach Ansicht von Verfasser Christopher ist das Auftreten des Selfmademan vom Schlage Franklin Flyers ein typisches Merkmal dieser Ära. 1945 hat der II. Weltkrieg die Situation verändert: Das Zeitalter der anonymen Großkonzerne bricht an; es werden keine Einmann-Imperien mehr errichtet. Das Scheffeln von Geld ersetzt jegliche Individualität und lässt den alten amerikanischen Traum einer Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. vom Glück der Tüchtigen zum Mythos und zur Lüge degenerieren.

Anders gesagt: Ein Franklin Flyer wäre nach 1945 vielleicht gar nicht möglich gewesen. Oder schlimmer: Aus einem abenteuerlustigen Regierungsspion mit Fronterfahrung würde ein Schreibtischtäter des „Kalten Kriegs“. Der würde sich kaum als unternehmungslustiger, idealistischer, wagemutiger Romanheld eignen, wie ihn Christopher uns hier vorstellt.

Wobei dieser Franklin Flyer weder so vielschichtig noch so sympathisch erscheint wie sein geistiger Vater ihn entworfen hat. Franklin bleibt jederzeit eine Kunstfigur. Menschen wie ihn gibt es eigentlich nicht. Wie eine Maschine zieht er seine Bahn, erlebt Abenteuer, erfindet, liebt, entlarvt Bösewichte. Nach Auskunft seines Biografen Christopher bereitet ihm das große seelische Qualen. Die nehmen wir ihm freilich nie ab, so geschickt der Verfasser hier auch mit Worten arbeitet.

Selbstverständlich sind Franklins Gefährtinnen sämtlich (politisch korrekte) Idealfrauen, d. h. klug, wunderschön, mutig, selbstbewusst, schwarz usw. Sie wirken sämtlich wie auf dem Reißbrett entworfen, aber niemals überraschend. Die Ecken und Kanten, die ihnen Christopher andichtet, sind Klischees. Aber vielleicht ist das ja ein weiterer Kunstgriff, der „Franklin Flyer“ zum Edel-Pulp adeln soll …

Nicholas Christopher (geb. 1951) gehört zu jenen glücklichen Schriftstellern, denen es einerseits gelang, sich des Wohlwollens der Kritik zu versichern, während er andererseits ihrem üblichen Schubladendenken entrann. „Mainstream“ oder „Belletristik“ nennt sich dieser Zustand: Wer schreibender Bürger dieses Reiches ist, darf sich der Mittel der „minderen“ Genres (Science-Fiction, Thriller, Horror etc.) bedienen und wird trotzdem von den jeweiligen Literaturpäpsten umschwärmt und umschmeichelt; Mark Helprin oder Peter S. Beagle gehören wie Christopher zu diesem Club der Auserwählen, die von wichtigen Zeitschriften interviewt und fotografiert werden.

Nicholas Christopher ist deshalb kein Autor von Thrillern oder phantastischen Romanen, sondern gilt seit „Veronica“ (1996) als Vertreter des „magischen Realismus“. Dabei war es hilfreich, dass seit seinem Debütroman „The Soloist“ zehn Jahre verstrichen waren: Wahre Literaten müssen mit den Worten ringen und schreiben langsam!

Außerdem ist Christopher ein anerkannter Poet, der mehr als ein halbes Dutzend Buchbände mit Gedichten füllte, was in literarischen Kreisen zuverlässig für Bewunderung sorgt. Seit 2000 wird der Verfasser überdies mit schnödem Bestseller-Ruhm bekränzt: „A Trip to the Stars“ (dt. „Eine Reise zu den Sternen“) wurde auch außerhalb des Zirkels der wahren Kenner zur Kenntnis genommen und trotzdem als Literatur eingeschätzt.

Der eher nüchtern urteilende Leser schätzt Nicholas Christopher als versierten Schriftsteller, der kundig Worte zu setzen und trotzdem eine professionell und elegant geschriebene, spannende Geschichte voller Mysterien und Rätsel zu verfassen weiß. „Franklin Flyer“ markierte 2002 den bisherigen Höhepunkt seines Könnens.

Henry Rider Haggard – König Salomons Diamanten

haggard-salomon-cover-heyne-1985-kleinEnde des 19. Jahrhunderts gerät eine britische Expedition in ein versunkenes Reich, in dem archaische Krieger über die Diamantenminen des sagenhaften Königs Salomon wachen. Die Rückkehr ist schwierig, denn der grausame Herrscher will seine Besucher nicht mehr ziehen lassen … – Einer der ganz großer Klassiker der Abenteuerliteratur mischt Elemente des Reiseromans mit denen der (späteren) Fantasy. Aus heutiger Sicht sicherlich gemächlich, mit ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, teils angestaubt, teils unbehaglich chauvinistisch im zeitgenössisch selbstverständlichen Dünkel gegenüber den „schwarzen Wilden“ aber immer noch fesselnd.
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Thomas Thiemeyer – Medusa

Wie kam das Leben auf die Erde, wie die menschliche Kultur ins Dasein? Und sind wir die Ausnahme in den Weiten des Kosmos? Welche Spuren lassen sich zur Beantwortung dieser brennenden Fragen in Geologie, Anthropologie, Weltraumforschung und Geschichte finden? Welche sprunghaften Ungereimtheiten stellen sich dabei den Forschern in den Weg?

Diese Fragen spielen für Dr. Hannah Peters und ihren Assistenten Abdu Kader zunächst noch keine Rolle, während sie in der algerischen Sahara auf der Suche nach Felsbildkunst sind, wozu Ritzungen oder Malereien zählen, die bis zu 13.000 Jahren alt sein können. Mit einer ausgewachsenen Skulptur in abstrakter und unheimlicher Medusengestalt, die zudem noch älter als diese anerkannten Datierungen ist, aus einem unbekannten Material besteht und mehr neue Fragen aufwirft, als ihre Entdeckung zu beantworten scheint, hätten die beiden allerdings nicht gerechnet. Und wie wichtig die eingänglichen Überlegungen dabei tatsächlich sind, wird sich erst noch herausstellen.

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Jules Verne – Reise zum Mittelpunkt der Erde

Das Manuskript eines kühnen Forschers weist dem Hamburger Geologen Otto Lidenbrock, seinem Neffen Axel und dem Isländer Hans den Weg zum Mittelpunkt der Erde. Er beginnt im Krater eines erloschenen Vulkans auf Island und führt steil hinab in eine bizarre, keineswegs tote, sondern von durchaus gefährlichen Kreaturen bewohnte Unterwelt, die unseren Reisenden stets neue, aufregende Abenteuer beschert – Nostalgischer Klassiker der Phantastik von einem der Urväter des Genres; nach mehr als einem Jahrhundert frisch und faszinierend: Lesefutter für alle Fans verlorener Welten.
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Meyer, Kai – Alchimistin, Die

Der Traum von der Unsterblichkeit gehört wohl zu den ältesten Mythen der Menschheit, und in unserem Kulturkreis ist keine andere Gruppierung mehr damit verknüpft als die der Alchimisten – beständig auf der Suche nach dem Stein der Weisen, dem Großen Werk, dem aurum potabile. Kai Meyer hat sich dieses Themenbereiches mit besonnen geführter Feder angenommen und ein atemberaubendes Abenteuer erschaffen, das um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, größtenteils in deutschsprachigen Landen, angesiedelt ist. Meyer studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Philosophie und Germanistik – und all diese Bereiche kamen ihm bei der Erschaffung der „Alchimistin“ zugute. Er hat inzwischen eine sehr große Zahl von Romanen in verschiedensten Bereichen veröffentlicht, von gefälliger Fantasykost bis zu anspruchsvoller Lektüre wie diesem Werk; das phantastische Element ist dabei jedoch ein beständiges Merkmal. Und so ist auch „Die Alchimistin“ trotz der historischen Einordnung und der lebendigen und sorgfältig recherchierten Darstellung der entsprechenden Epoche nur schwerlich als reiner Historienroman einzuordnen, weist das Buch doch breit gefächerte Bezüge zur Phantastik, Mystik, Philosophie und Esoterik auf und ist zugleich Okkult-Thriller wie Fantasy-Abenteuer.

Die jugendliche Waise Christopher findet bei der steinreichen Familie Institoris auf einer Schlossinsel in der Ostsee ein neues Zuhause. Christopher ist ein Sonderling, ein höchst belesener Studiosus – mit einer Buchbindeleim-Allergie. Bis auf die kleine Sylvette, die ein Geheimnis zu umgeben scheint, und seine Ersatzmutter, die auch so einige dunkle Flecken auf ihrer Lebensgeschichte zu verbergen trachtet, stößt er bei der Familie nicht gerade auf freudige Nächstenliebe. Eine besondere Bedeutung kommt Aura Institoris zu, seiner etwa gleichaltrigen neuen Schwester, die nicht nur einen für ihr Geschlecht und jene Zeit ungewöhnlichen Bildungseifer an den Tag legt und ein ungeziemendes Verhältnis zu ihrem ebenfalls adoptierten Bruder Daniel pflegt, sondern – der Buchtitel lässt es vermuten – eine zentrale Bedeutung für den Fortgang der Geschichte hat. Da verwundert es kaum noch, dass der eigenbrötlerische, zurückgezogene und menschenfeindlich auftretende Vater der Sippe, Nestor Nepomuk Institoris, sich in seinem Dachgarten seit Jahrzehnten als Alchimist versucht, auch wenn nicht einmal die Familie genau weiß, was er da eigentlich im Einzelnen hinter verschlossener Türe tut. Aus der vermeintlichen Geborgenheit eines neuen Zuhauses entwickelt sich so für Christopher ein Chaos aus unvorhersehbaren Ereignissen, Beziehungen und Geheimnissen, doch diese Entwicklung ist ihm zum Teil gar nicht so zuwider wie es den anfänglichen Anschein hat – nicht grundlos ist er von nimmersattem Wissensdurst geplagt. Und als der alte Widersacher Nestors, Lysander, von Wien aus einen hermaphroditen (androgynen) Attentäter auf diesen ansetzt, beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen, und eine abenteuerliche Hetzjagd nach dunklem Wissen und den für all die Schicksalsschläge Verantwortlichen beginnt ebenso wie eine zeitgleiche beständige Flucht der Protagonisten vor vielfältigen Gefahren. Schlag und Rückschlag folgen aufeinander in einem wahrhaft Atem beraubenden Kaleidoskop überraschender Ereignisse, skuriler Persönlichkeiten, wagemutigen Draufgängertums, gefährlicher Begegnungen und erotischer Abenteuer, durchsetzt und gewürzt mit faszinierendem Geheimwissen der Alchimisten und Templer. Und über allem steht die verzweifelte Suche nach dem Großen Werk – der Unsterblichkeit durch den Stein der Weisen.

Kai Meyer ist ein erstaunlicher Roman gelungen, der durch sorgfältige historische Darstellung, Detailtreue sowie Inszenierung und Dramaturgie besticht. Die Charaktere sind faszinierend ausgeformt, lebensecht und zugleich wiederum gelegentlich so überdimensionale Persönlichkeiten mit markanten Eigenheiten, dass es theatralisch genug wirkt, um der Verfilmung von „Der Name der Rose“ Konkurrenz zu machen. Die faktischen Darstellungen zu Templern und Alchimisten sowie die historischen Beschreibungen gehen zwar nicht zu sehr in die Tiefe, um auf weniger fachlich Interessierten langweilig zu wirken, sind aber immer in exakt bemessenem Umfang ausreichend und interessant genug, um auch unter einem gewissen Bildungsaspekt ein Leseerlebnis zu bieten. Der gesamte Aufbau der Geschichte und der Handlungsstränge, die erzählerische Präsentation und die im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen dieses Genres ausgezeichnete Prosa sind durchweg überzeugend und liebevoll ausgefeilt. In der Summe ist „Die Alchimistin“ also ein wirkliches Meisterstück geworden, das durchweg spannend, überraschend und auch in literarischer Hinsicht gelungen ist. Ein klarer Fall für meine persönliche Favoritenliste.

Homepage des Autors: http://www.kai-meyer.de