Harris, Charlaine – Vorübergehend tot

Charlaine Harris’ „Vorübergehend tot“ mag mit seinem Cover wohl auch Männer neugierig machen. Denn da gibt es sowohl auf dem Buchdeckel als auch auf dem Rücken eindrückliche weibliche Reize zu sehen. Doch sollte Mann sich davon nicht locken lassen. „Vorübergehend tot“ ist nämlich ein reiner Frauenschmöker und Harris fährt sämtliche Geschütze auf, um ihre Leserinnen zu begeistern.

Da wäre zunächst die erzählende Protagonistin Sookie Stackhouse. Sookie ist jung und hübsch – natürlich. Doch ihre „Behinderung“ hat ihr bisher alle Chancen im Leben verbaut. Sookie kann nämlich Gedanken lesen, weswegen sie weder eine höhere Bildung noch einen Mann hat. Ein ziemlicher Stimmungskiller sei das, wenn man die Gedanken des Mannes beim Sex hören müsse … Und so arbeitet Sookie als Kellnerin in einer kleinen Kneipe im provinziellen Städtchen Bon Temps und versucht sich ansonsten aus dem gesellschaftlichen Leben herauszuhalten.

Doch dann geschieht es: Ein Vampir betritt die Bar. Dazu muss man wissen, dass Vampire durchaus legale Bürger in den USA sind und sich hauptsächlich von synthetischem Blut in Flaschen ernähren. Nach Bon Temps, ein kleines Kaff in Louisiana, hat es allerdings noch keinen der Blutsauger verschlagen und Sookie ist sofort Feuer und Flamme für den mysteriösen (und natürlich unverschämt gut aussehenden) Untoten. Die beiden kommen sich näher, wie könnte es anders sein, und Sookie stellt erfreut fest, dass sie Bills (so heißt unser Vampir nämlich) Gedanken nicht lesen kann. Welch eine Erholung! Und der Sex ist selbstverständlich auch nicht zu verachten.

Bis Sookie ihre neue Idylle mit Bill so richtig genießen kann, vergehen jedoch fast 300 Seiten, denn in Bon Temps wurden einige Frauen auf brutale Weise umgebracht. Zunächst wird Bill verdächtigt, da die Opfer Bissspuren aufweisen, doch dann konzentrieren sich die Ermittlungen auf Sookies Bruder Jason. Und offensichtlich ist auch Sookie mittlerweile ins Visier des Mörders geraten, während Bill in geheimer Mission nach New Orleans abschwirrt, um sich in der Vampirgemeinschaft nach oben zu arbeiten.

Charlaine Harris, die bereits seit 20 Jahren Mystery-Romane schreibt und mit „Vorübergehend tot“ den ersten Band ihrer dritten Serie vorgelegt hat (mittlerweile sind in Amerika vier Bände mit Sookie als Protagonistin erhältlich, der fünfte wird 2005 erwartet), lebt selbst in den amerikanischen Südstaaten und kann damit das Leben im provinziellen Bon Temps wunderbar beschreiben und ironisch überspitzen. So muss Bill beispielsweise dem Verein der Nachkommen ruhmreicher Toter (natürlich ist der Amerikanische Bürgerkrieg gemeint), bestehend aus Kuchen backenden Rentnerinnen, einen Vortrag über ihre heldenhaften Ahnen halten. Und als Zugabe erhält auch der wohl berühmteste Südstaatler überhaupt (kleiner Hinweis: er kommt aus Memphis und sein Name reimt sich auf „pelvis“) einen Gastauftritt gegen Ende des Romans.

In diesen Szenen läuft „Vorübergehend tot“ wirklich zu Hochform auf und löst ein, was es zu Anfang verspricht, nämlich „skurriler Vampir-Krimi“ zu sein. Harris’ Charaktere sind zwar bis zu einem gewissen Grad schablonenhaft, doch bleiben sie trotzdem liebenswert. Vor allem Sookies Großmutter, mit der sie zusammen in einem Haus wohnt, findet sofort den Weg in die Leserherzen. Und Bill, mal abgesehen von seinem lächerlichen Namen, ist natürlich ein Bild von einem Mann … Vampir. Er ist gut aussehend, charmant, loyal und auch ein bisschen geheimnisvoll. Außerdem ein außergewöhnlich guter Liebhaber und treuer Freund, der als Hobby Sookie auch gern mal die Haare zu Zöpfen flicht. Eigentlich ist er schon wieder zu gut um wahr zu sein, doch wird frau Bills überirdische und gänzlich unrealistische Erscheinung zugunsten des Lesevergnügens schnell verzeihen.

Leider, und das ist wirklich schade, gewinnt Harris dem Vampirthema keine neuen Seiten ab. Ihre Vampire sind ein Konglomerat aus den Vorstellungen verschiedener anderer Autoren, besonders scheinen hier die Einflüsse von Laurell K. Hamiltons „Anita Blake, Vampire Hunter“-Serie durch. Doch im Unterschied zu Hamilton geht es bei Harris nur in der Nebenhandlung ums whodunnit. Der Krimiplot treibt zwar die Handlung voran, doch liefert Harris vor allem ein Frauenbuch zum Sehnen und Schmachten. Das Hin und Her von Sookies und Bills Beziehung bildet den Mittelpunkt der gesamten Handlung, komplett mit heißen Sexszenen in Badewannen und Blutspielchen im Himmelbett. Für die gemütliche Lektüre empfiehlt es sich also, faul auf der Couch zu lümmeln und beim Lesen pfundweise Schokolade zu verputzen, um den Genuss noch zu verstärken!

„Vorübergehend tot“ ist leichte, spannende und auch komische Unterhaltung, die den Leser nicht eine Minute langweilt. Trotzdem muss man kleine Abstriche machen, besonders bei der Übersetzung, die sprachlich etwas holprig daherkommt. So oft wie sich in diesem Roman die Wendung „baß erstaunt“ findet, kommt sie ansonsten wohl in der gesamten Weltliteratur nicht vor. Dafür ist das Bändchen ansonsten liebevoll aufgemacht, angefangen mit dem Cover-Artwork bis hin zu den Blutflecken, die jedes neue Kapitel schmücken. Da macht das Schmökern besonders Spaß!

Simmons, Dan – Hardcase

Joe Kurtz ist ein entlassener Sträfling und ehemaliger Privatdetektiv, der versucht, ein halbwegs ehrliches Leben zu führen. Das ist aber in einer Stadt wie Buffalo im Bundesstaat New York gar nicht so einfach. Denn nur die Mafia kann Joe einen lukrativen Job geben. Und die hat bekanntlich eine Menge Feinde.

„Hardcase“ ist der erste Roman der Kurtz-Trilogie:
Hardcase;
Hard Freeze;
Hard as Nails.

_Der Autor_

Dan Simmons ist bekannt geworden mit dem Horror-Roman „Sommer der Nacht“, der auch für „A Winter haunting“ den Hintergrund bildet. Noch erfolgreicher wurde er allerdings mit Science-Fiction-Romanen: „Hyperion“ und „Der Sturz von Hyperion“ (auch: „Das Ende von Hyperion“) sowie „Endymion – Pforten der Zeit“ und „Endymion – Die Auferstehung“ fanden ein großes Publikum. Diese Tradition setzte er im Herbst 2003 mit seinem Roman [„Ilium“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346 fort, in dem griechische Götter eine wichtige Rolle spielen. (Die Fortsetzung trägt den Titel „Olympos“ und kommt Mitte 2005 auf den Markt.)

Außerdem ist Dan Simmons ein Verfasser exzellenter Kriminalthriller (z. B. „Darwin’s Blade/Schlangenhaupt“) und Kurzgeschichten (z.B. „Styx“ bei Heyne). Mit „Hardcase“ hat er eine Krimireihe um den „gefallenen“ Privatdetektiv Joe Kurtz gestartet, die mit [„Hard Freeze“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=819 und „Hard as Nails“ fortgesetzt wurde.

Simmons wuchs selbst in Buffalo, dem Schauplatz der drei Kurtz-Thriller, auf, bevor er 1974 nach Boulder in Colorado umzog. Buffalo eignet sich nicht von ungefähr hervorragend für die Serie. Die Stadt liegt an den Niagara-Fällen, einem mächtigen Symbol. Außerdem ist die kanadische Grenze gleich um die Ecke, was Buffalo für Drogen- und andere Schmuggler sehr interessant macht.

_Handlung_

Joe Kurtz, die Hauptfigur des Romans, ist ein harter Brocken. Er hat kein einfaches Leben als früherer Privatdetektiv und langjähriger Gefängnisinsasse, der sich nun mit einer Webfirma für Datenrecherche über Wasser halten will. Nun plagt ihn chronischer Geldmangel, und so nimmt er doch wieder einen Fall an.

Die Mafiafamilie der Farinos hat Joe durch deren Sprössling Steven kennen gelernt, der von allen nur geringschätzig Little Skags genannt wird. Joe stellt sich bei Stevens Paps vor, dem Paten. Leider ist dieser Don schon über siebzig und seit einem Anschlag auch noch auf einen Rollstuhl angewiesen. Von seinen vier Kinder scheint nur die rassige Sophia seine Nachfolge antreten zu können. Sohn Nummer zwei hat bereits das Zeitliche gesegnet, und Tochter Nummer zwei hat sich in ein italienisches Kloster verabschiedet.

Don Farino hat ein kleines Problem mit seinem Buchhalter: Buell Richardson ist seit einer Woche verschwunden. Gründe und Verbleib sind unklar. Außerdem gibt es da noch ein kleines Problem an der nahen Grenze zu Kanada: Farinos Schmuggeltransporte werden in letzter von Unbekannten angegriffen und geplündert. Joe würde sich gerne auch dieses Problems annehmen, gegen ein kleines Honorar, versteht sich. Das einzige Detail, das ihn beunruhigt, ist der Umstand, dass sich Farinos Anwalt Lawrence Miles vehement gegen Joe Kurtz‘ Verpflichtung einsetzt. Dieser Typ hat offenbar Dreck am Stecken.

Und ob! Kaum ist Kurtz aus dem Haus, trifft sich Miles mit einem Killer namens Malcolm Kibunte, der in Buffalo ein kleines Drogenimperium aufgebaut hat. Miles ahnt nicht, von wem die Drogen stammen, aber dieses Yaba, das Kibunte vertickt, ist verheerender für die Jugend in den Ghettos als Crack. Und das will was heißen. Kibunte setzt sich mit einem durchgeknallten Albino mit dem sprechenden Namen „Cutter“ auf Kurtz‘ Fährte …

_Mein Eindruck_

Dies ist ein klassischer Hardboiled-Thriller, und zwar derart klassisch, dass man schon nach wenigen Seiten weiß, dass der Autor alles richtig macht. Sein Kniff besteht natürlich darin, die dadurch geweckten Erwartungen zu unterlaufen und am Schluss noch einen draufzusetzen, genau dann, wenn der Leser meint, erleichtert aufatmen zu können. Dann erwischt ihn die neueste Story-Wendung eiskalt und der Autor schleppt seinen Leser bis zum Abgrund …

|Die Schwächen des harten Helden|

Manchmal erinnert der schweigsame und kaltblütige Joe Kurtz an Mike Hammer, den ebenso kaltblütigen und gewaltbereiten Serienhelden, den Stacy Keach kongenial in den Detektivfilmen verkörperte. Dann aber erweist sich, dass Kurtz keineswegs aus Stein besteht, der die Schurken gnadenlos zur Strecke bringt, sondern dass er auch ein Herz besitzt – er kann es nur nicht zeigen. So bangt er beispielsweise um seine zwölfjährige Tochter Rachel, die bei ihrem Stiefvater als Halbwaise aufwächst. Der Grund: Rachel hat vor elf Jahren, kurz bevor Joe in den Knast einfuhr, ihre Mutter Samantha verloren. Und Sammy war Joes geliebte Partnerin in dem gemeinsamen Detektivbüro. Joe tötete daraufhin den Killer Levine. Levines Bruder hat ihm seinerseits Rache geschworen.

Nun tut sich Joe mit Arlene, seiner früheren Sekretärin, zusammen, und macht eine Agentur für die Internetsuche nach früheren Schulkameraden (besonders weiblichen) auf. Arlene kümmert sich fürsorglich um Joes Wohl, aber nicht im Bett. Um dieses Detail kümmert sich Farinos Tochter Sophia, wenn auch nur für eine Nacht.

Und Joe hat noch eine schwache Stelle: Er besucht regelmäßig die Stadtstreicher, wo sich ehemalige College-Professsoren bei eisiger Kälte um eine Feuerstelle kauern und sich lateinische und griechische Zitate um die Ohren hauen. Einer der beiden war sein geistiger Mentor. Der brachte ihn dazu, die Story über die Eroberung Trojas zu lesen. Und das zahlt sich bei Joes neuestem Auftrag aus.

|Comedy, babe!|

Aber Malcolm Kibunte geht zu Plan B über und engagiert vier Neonazis aus Alabama, die Beagle Brothers, um Joe kaltzumachen. Dieser Abschnitt ist pure Komödie. Die vier Brüder, allesamt Ex-Knackis aus dem tiefsten Süden, sind völlig unterbelichtet und radebrechen ein schauderhaftes Kauderwelsch. Doch als Kibunte ihnen Knarren und Gadgets vom Feinsten und Modernsten („Laserscheiß, Mann!“) anbietet, wenn sie ihm „einen kleinen Gefallen“ täten, fangen sie an zu sabbern.

Als das Quartett dann mit Nachtsichtbrillen, Kevlarwesten und Maschinengewehren in dem verlassenen Lagerhaus, wo sich Joe häuslich eingerichtet hat, aufkreuzen, werden sie bereits erwartet. Nun zeigt sich, wer über a) gesunden Menschenverstand und b) Kenntnisse in Kampftaktik verfügt. Als einer der Beagle Brothers meint, eine gigantische Fledermaus stürze sich aus dem sechsten Stockwerk auf ihn, bricht das Chaos aus.

Dies ist die vielleicht am filmischsten geratene und effektvollste Episode in einem von solchen Szenen vollen Thriller. Allerdings handelt es sich dabei doch nur um solides Handwerk, denn es mangelt doch ein wenig an Originalität. Ähnliche Szenen sind auch in „Hard Freeze“ zu finden.

|Diverse Vorbilder|

Auch eine andere Szene gemahnte mich an Vorbilder. In Robert Redfords Agententhriller „Die drei Tage des Kondor“ taucht Max von Sydow als ein schwedischer Auftragskiller auf. Er macht nur seinen Job, mehr nicht, je nachdem, wer ihn bezahlt. Bei Simmons heißt dieser ausländische Killer „Der Däne“. Er arbeitet im Auftrag der Farinos, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, wie sich in einem immens spannenden Showdown zeigt.

Die Szene, als Arlene in ihrem Büro von einem verwundeten Killer gesucht wird und fummelnd zu einer unvertrauten Nachtsichtbrille greifen muss, erinnerte mich an den Showdown von „Das Schweigen der Lämmer“. Clarice Starling muss sich eines unsichtbaren Gegners erwehren, der den Vorteil hat, sie durch eine Nachtsichtbrille sehen und auf sie zielen zu können. Natürlich kennt auch Simmons diese Szene und unterläuft die Erwartungen des Lesers, indem er seine Variante ganz anders enden lässt.

_Unterm Strich_

Wer einen hammerharten Thriller ohne Faxen sucht, wird mit „Hardcase“ kompetent bedient und bestens unterhalten. Wie in jedem Hardboiled-Thriller seit Dashiel Hammett und Mickey Spillane („Mike Hammer“) wird auch hier nicht lange philosophiert und gequasselt, sondern gehandelt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo wie hier grob gehobelt wird, fallen die Späne reihenweise. Dan Simmons ist ein erprobter und gewiefter Autor. Er kennt alle Tricks des Erzählens, und so ist auch „Hardcase“ gespickt mit Überraschungen, die die Spannung gehörig anheizen.

Dass sich Simmons nach Themen aus dem Bereich des Futuristischen, Mystischen und Übernatürlichen nun dem Krimi zugewandt hat, tut dem Genre gut und nützt dem Leser. Das war schon in dem genialen „Schlangenhaupt“ festzustellen, das hoffentlich bald verfilmt wird. Zwar gehorchen im Vergleich dazu die Kurtz-Romane allen Vermarktungsregeln des Genres, doch hier und da blitzen typisch Simmons’sche Elemente auf, wie etwa philosophische Killer, intrigante Mafiaprinzessinnen und als Penner lebende Princeton-Professoren.

Der ironische Humor ist extrem trocken und unterkühlt. Das dürfte so manchem Leser gar nicht auffallen, und wenn doch, muss es ihm nicht mal gefallen. Aber wie die Klingonen zu sagen pflegen: Rache ist ein Gericht, das man am besten kalt serviert. Und wie die Klingonen taucht auch hoffentlich bald auch Joe Kurtz in einem Film auf.

|Verlagsseite: http://www.minotaurbooks.com
Homepage des Autors: http://www.dansimmons.com |

Neal Asher – Der Erbe Dschainas

Das geschieht:

Die „Polis“ nennt man jenen Teil der Galaxis, der von den Menschen und ihren Abkömmlingen, Verbündeten und Feinden besiedelt wird. Das Sagen haben die KIs, künstliche Intelligenzen, deren Einheiten über die gesamte Polis verteilt sind und mit der Zentrale in Verbindung stehen. In dieser gewaltigen Sphäre begehren immer wieder feindliche Mächte auf. Vor gar nicht langer Zeit machte sich über dem Planeten Samarkand der „Drache“ bemerkbar – ein außerirdisches Biokonstrukt der legendären, längst ausgestorbenen „Erschaffer“, das unter hohen Verlusten nur scheinbar besiegt werden und fliehen konnte. Deshalb fragt sich Earth Central Security, die Sicherheitseinheit der Polis, ob der Drache hinter den mysteriösen Ereignissen steckt, die zur Zerstörung der Raumstation „Miranda“ geführt haben.

Das Schlachtschiff „Occam Razor“ wird in Gang gesetzt. An Bord befinden sich die Agenten Cormac und Gant sowie „Narbengesicht“, eine Kreatur Draches, deren Loyalität höchst ungewiss ist. Zunächst an anderer Stelle der Galaxis jagt Cormacs alter Kampfgefährte Thorn den kriminellen Naturwissenschaftler Skellar. Dieser ist durch einen Zufall in den Besitz von Hightech der der ausgestorbenen Dschaina gelangt. Sie lassen den skrupellosen Skellar zu einem Gegner werden, dem kaum beizukommen ist. Da sich der Forscher an Cormac rächen und außerdem ein Kampfschiff an sich bringen will, überfällt er die „Occam Razor“. Ein Segment Draches rettet die wieder vereinten Kampfgefährten. Neal Asher – Der Erbe Dschainas weiterlesen

Harrison, Harry / Holm, John – Hammer des Nordens, Der (Hammer und Kreuz 1)

Wie würde Europa aussehen, wenn das Christentum im 9. Jahrhundert nicht über die „Heiden des Nordens“ gesiegt hätte? Der bekannte Science-Fiction-Autor Harry Harrison erzählt in seiner abenteuerlichen Trilogie „Hammer und Kreuz“, wie die Mönche und Bischöfe von einem listenreichen Günstling der nordischen Götter aus England vertrieben werden und selbst ein Kreuzzug nichts mehr nützt. Erstklassige Unterhaltung mit einer tieferen Botschaft.

_Handlung_

Der junge Shef ist zu Beginn nur der niederste aller Familienangehörigen auf dem Hof seines Vaters, des englischen Thanes Wulfgar. Shef ist lediglich Wulfgars Stiefsohn, und ihm droht das üble Schicksal, zum Sklaven degradiert zu werden. Seinen wahren Vater kennt Shef (noch) nicht. Als jedoch die Wikinger, die im 9. Jahrhundert das gesamte Nord- und Westeuropa beherrschen und plündern, auch in Shefs Dorf einfallen und seine Schwester Godive entführen, nimmt sich Shef vor, Godive wieder zu befreien. Leichter gesagt als getan.

Vier der mächtigsten und brutalsten Wikingerhäuptlinge sind aus Dänemark nach Nordengland gekommen, um ihren an König Ellas Hof grausam hingerichteten Vater Ragnar Lodbrok zu rächen, die vier englischen Königreiche zu vernichten und die Christen zu verjagen. So lautet der Schwur der vier Ragnarssons. Der grausamste und unheimlichste der Brüder ist Ivar, genannt „der Knochenlose“. Er wird von seinen Gefolgsleuten heimlich so genannt, weil er impotent ist und dafür Frauen und Männer gleichermaßen büßen lässt. Doch die Priester der nordischen Götter haben Ivar in der Anderswelt als Beinlosen gesehen, als Lindwurm, der Menschen frisst.

Mit rund zehntausend Männern sind die Wikinger gelandet und haben ein riesiges Lager errichtet, von dem aus sie Northumbrien verwüsten. Als Shef sich als Schmiedegehilfe anheuern lässt, erfährt er, dass seine Schwester Ivar dem Knochenlosen als Sklavin zum Geschenk gemacht worden ist. Natürlich befürchtet er das Schlimmste für sie.

Als die Truppen des englischen Königs Edmund von Ostanglien das Lager angreifen, ergreift Shef sofort die Chance, Godive und seinen Halbbruder Alfgar zu befreien. In einem kritischen Moment hat er die Gelegenheit, Ivar zu töten, doch Godive stellt sich ihm entgegen. Selbst als Ivars Champion Brand ihn angreift, wehrt Shef den Angriff ab, weil er meint, seine Schwester werde bedroht. Das Schlachtenglück wendet sich bereits im nächsten Moment: Shef und Godive entkommen ihren Verfolgern, doch auch Ivar wird gerettet und schlägt das Heer Edmunds. Edmund foltert er grausam zu Tode. Godive wird von Alfgar entführt, während Shef selbst, von Alfgar verraten, in Ivars Gewalt gerät.

Nachdem Shef im Zweikampf gesiegt hat, schließt er sich dem Heer der wütenden Ragnarssons als Erfinder von Kampfmaschinen wie dem Katapult an. Seine große Stunde schlägt vor den Mauern der reichen Stadt York, hinter denen sich König Ella, der Mörder Ragnar Lodbroks, verschanzt hat. Wie so oft hat Shef auch diesmal Träume, die ihm zwei Götter schicken: auf der einen Seite der Allvater Odin, der versucht, möglichst viele tote Krieger für den Endkampf gegen Lokis Riesen zu bekommen – ein trügerischer Freund; auf der anderen Seite jedoch wirkt der Gott Rigr, über den selbst die Priester nur wenig wissen: Er wandert durch die Welt und bringt den Menschen eine Kulturstufe nach der nächsten sowie die dazugehörigen Erfindungen. Sein Totem ist daher eine Stufenleiter. Kein Wunder, dass Shef so viele Erfindungen macht.

Und mit diesen gelingt es den Truppen der Ragnarssons, York zu stürmen. Nun offenbart sich Shef die ganze Heimtücke der christlichen Kirche. Der Bischof und sein listiger Diakon Erkenbert (dieser taucht im zweiten Band wieder auf) sind vor allem daran interessiert, den Anhängern der Kirche den Zehnten, die Pacht und letztlich, besonders im Falle ihrer Sklaven, auch die Lebenskraft abzupressen. Alles Silber und Gold scheint zu Reliquien, Schmuck und Münzen geschmolzen zu werden. Mit diesem Reichtum bestechen sie die Ragnarssons, die Klosterkirche zu verschonen, während sie ihnen die Hintertür zu Stadt öffnen. Als Shef und sein Freund Brand die Kirche stürmen wollen, stellen sich ihnen höhnisch grinsend die Ragnar-Brüder entgegen. Doch König Ella ist der Dumme: Ivar der Knochenlose wartet schon …

|Aufstieg zum König|

Natürlich kommt es zum Bruch mit den verräterischen Ragnarssons und Shefs Anhänger spalten sich ab. Allerdings geraten sie dadurch den übrigen englischen Königen in die Quere. Es ist äußerst spannend mitzuverfolgen, wie sich Shef aus einer Klemme nach der anderen befreit, den befreiten Sklaven neue Tricks mit Katapult etc. beibringt und selbst den gefürchteten Wikingern neue Gedanken eintrichtert. Dem Leser werden die immensen grundlegenden Unterschiede zwischen den Wikingern und Engländern, sprich: ehemaligen Angeln und Sachsen und Nachkommen der Römer, sehr deutlich nahe gebracht.

Man muss sich allerdings um den Geisteszustand Shefs sorgen, als er aus einem Grabhügel, in dem ein Schatz verborgen war, mit einem alten Steinzepter wieder auftaucht, das vom Geist des begrabenen Königs verflucht zu sein scheint. Shef beginnt, seine Freunde zu belügen und zu täuschen. Als die Franken auf einem christlichen Kreuzzug in Hastings landen, um die englischen Heiden – aber auch die hiesigen Christen! – zu vernichten, warnt er seinen Partner König Alfred von Wessex nicht etwa vor den Franken, sondern lässt ihn gehen. Alfred wird vernichtend geschlagen und kehrt in Lumpen zurück. Alfred kann nun froh sein, wenn er an Shefs Seite die entscheidende Schlacht gegen die Franken überlebt.

Diese Schlacht nahe Hastings konterkariert jene aus dem Jahr 1066, als Herzog Wilhelm von der Normandie ebenfalls seinen Fuß erobernd auf englischen Boden setzte. Diesmal geht die Sache anders aus. Die Schilderung der neuen Taktiken, der Einsatz der Maschinen gegen Kavallerie und von Frauen als Soldaten – all dies bildet den Höhepunkt dieser actionreichen, abenteuerlichen Erzählung. Und die Frauen haben dabei in Gestalt von Godive ein gewichtiges Wort mitzureden.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist – ebenso wie die zwei Fortsetzungen – von der ersten Seite an spannend, actionreich, anrührend und voller Abenteuer. Sogar Humor lässt sich in Gestalt feiner Ironie oder nordischen Brachialwitzes erkennen. Zartbesaitete Gemüter seien an dieser Stelle eindringlich vor brutalsten und grausamsten Szenen gewarnt. Leider waren diese im Frühmittelalter an der Tagesordnung, wie uns die beiden Autoren in ihrem Vorwort glaubhaft versichern.

Das scheint mir aber nicht das Entscheidende an dieser Trilogie zu sein. Das Resultat von Shefs Aufstieg ist ja die Vertreibung der Kirchenhierarchie aus ganz England südlich von York – und das ist erst der Anfang. Damit einher geht der Aufstieg der nordischen Sekte des „Wegs Asgards“. Diese Sekte vertritt den Glauben an die nordischen Götter, aber auch Religionsfreiheit und einen Glauben an technischen Fortschritt, wie ihn Shef voranbringt.

Mönche müssen nun für ihren Lebensunterhalt selbst arbeiten und dürfen niemanden zwingen, zu ihrem Glauben überzutreten. Für Bischöfe wären all dies Ketzereien, doch für die unterdrückten und ausgebeuteten Engländer – Freie wie auch Sklaven – bedeuten sie einen riesigen Fortschritt in Richtung eines freien und sicheren Wohlstandes auf ihrem eigenen Land. Es ist fast, als wäre Amerika auf englischem Boden gegründet worden (wobei allerdings die ersten Amerikaner unserer Welt lange Zeit Sklavenhalter waren und blieben).

Doch wie das Ringen der Götter um Shefs Seele deutlich macht, ist auch der Weg Asgards nicht allein seligmachend. Odin darf keinesfalls die Oberhand behalten, doch auch Rigr ist ein Spötter, dem hin und wieder das Mitgefühl für menschliches Schicksal abgeht. Immer wieder wird Shefs Aufstieg mit dem Schicksal von Wieland dem Schmied verglichen. Diese Analogie zeigt die Zweischneidigkeit, die technischen Fortschritt allein auszeichnet: Wieland (nordisch: Wölund) schuf für den ihn gefangenhaltenden König Nidud wunderbare Schmuckstücke, tötete aber schließlich mit einer listenreich geschmiedeten Truhe dessen beide Söhne, vergewaltigte dessen Tochter und entkam dem König à la Ikarus auf selbstfabrizierten Schwingen. Ist dies das Verhalten eines verantwortungsvoll handelnden Königs? Wohl schwerlich.

Und so ist es Shefs Aufgabe in allen drei Bänden, die richtigen Visionen auszuwählen, um den Weg zu finden, der allen Menschen in seiner Zeit angemessen ist und ihnen nicht die Vernichtung bringt, etwa durch Maschinenkriege oder geistige Versklavung durch seine Sekte. Und bis es soweit ist und er alle Irrtümer begangen hat, die auf ihn warten, dürfen wir noch viele amüsante und spannende Abenteuer mit ihm erleben.

Unterm Strich: Shef ist zwar kein neuer ‚listenreicher Odysseus‘ und auch kein reiner ‚Wölund der Schmied‘, doch in ihm steckt von beiden etwas und noch einiges mehr.

Das Glossar des Übersetzers Frank Borsch ist dabei sehr hilfreich, denn es ermöglicht ein tieferes und genaueres Verständnis für die nordischen Götter- und Sagenwelt wie auch für real-historische Gestalten der Geschichte.

Ursula K. Le Guin – Die linke Hand der Dunkelheit

„Die linke Hand der Dunkelheit“ ist ein Klassiker von 1969, neu aufgelegt in |Heynes| wunderbarer Jubiläums-Edition. Hauptfigur ist der Gesandte Genly Ai, einziger Vertreter der Ökumene auf dem fernen Planeten Gethen. Die Ökumene ist ein Verbund aus 83 Welten für den wirtschaftlichen und vor allem kulturellen Austausch. Politische Macht wird jedoch nicht ausgeübt, jede Welt regiert sich selbst.

Genly Ai soll die Bewohner für einen Beitritt zur Ökumene gewinnen, doch seine Mission ist nicht leicht, denn Gethen unterscheidet sich sehr von Terra, der Heimat Genlys.

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Pratchett, Terry – Wachen! Wachen!

Die Stadtwache von Ankh-Morpork ist sicher eine der glorreichsten Erfindungen Terry Pratchetts für seine Scheibenwelt. Auch wenn sie selbst nicht immer die glorreichste Rolle bei ihren Einsätzen spielt. Dieses Hörspiel, das es seit Herbst 2004 gibt, schildert eines der bekanntesten Abenteuer der Wache: das mit dem Drachen und dem König.

|Der Autor|

Terry Pratchett (Jahrgang 1948) und seine Frau Lynn sind wahrscheinlich die produktivsten Schreiber humoristischer Romane in der englischen Sprache – und das ist mittlerweile ein großer, weltweiter Markt. Obwohl sie bereits Ende der siebziger Jahre Romane schrieben, die noch Science-Fiction-Motive verwendeten, gelang ihnen erst mit der Erfindung der Scheibenwelt (Disc World) allmählich der Durchbruch. Davon sind mittlerweile etwa zwei bis drei Dutzend Bücher erschienen, in 27 Sprachen übersetzt, mehr als 23 Millionen Exemplare wurden verkauft. Nachdem diese für Erwachsene – ha! – konzipiert wurden, erscheinen seit 2001 auch Discworld-Romane für Kinder. Den Anfang machte das wundervolle Buch [„Maurice, der Kater“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=219 („The amazing Maurice and his educated rodents“), worauf „The Wee Free Men“ folgte.

Doch auch andere Welten wurden besucht: ein Kaufhaus, in dem die Wühler und Trucker lebten, und eine Welt, in der „Die Teppichvölker“ leben konnten. Die Wühler-Trilogie „The Bromeliad“ soll zu einem Zeichentrickfilm gemacht werden.

Der Roman „Wachen! Wachen!“ wurde bereits einmal zu einem genialen [Comicbook]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=253 verarbeitet.

_Handlung_

Karotte ist als Waise bei den Zwergen aufgewachsen. Eines Tages ruft ihn ein Brief in die Hauptstadt, nach Ankh-Morpork, um der Stadtwache beizutreten, bei der er sich beworben hat. Schweren Herzens nimmt er als rechtschaffener Zwergenbub von rund 1,90 m Größe Abschied von den einzigen Eltern, die er kennt. Seine wahren Eltern wurde einst überfallen und getötet. Er hat das Ankh-Morpork-Gesetzbuch geerbt, ein Schwert und ein seltsames Muttermal in Form einer Krone.

Doch ach! Die Stadtwache von Ankh-Morpork, sie ist ein demoralisierter Haufen, der sich nicht gerade auf die Durchsetzung von Gesetz und Ordnung spezialisiert hat. Hauptmann Mumm und seine Kollegen Corporal Nobbs und Sergeant Colon bezechen sich angesichts des kargen Lohns, den ihnen ihr Boss, Lord Vetinari, gibt, lieber in der „Geflickten Trommel“, als auf dunklen Gassen ihr Fell zu Markte zu tragen. Selbst das Mitternacht-Ausrufen erfolgt daher dezent und nervenschonend, ganz besonders in jenem verrufenen Viertel, das man „die Schatten“ nennt. Hier wacht die Diebesgilde eifersüchtig über ihre Vorrechte. Das Durchgreifen des neuen Kollegen Karotte gegenüber Sperrstundenbrechern ist ihren heroischen Mitgliedern geradezu peinlich.

Wie soll es dieser Haufen mit dem Geheimbund unzufriedener Bürger aufnehmen, der sich die Monarchie zurückwünscht? Denn die Kapuzenmänner der „Erleuchteten Brüder der dunklen Nacht“, angeführt von ihrem „Obersten Größten Meister“, beschwören zu diesem Zweck mit Hilfe eilig zusammengetragener „magischer Objekte“ und eines gestohlenen Zauberbuches einen Drachen, den der neue König – sicherlich ein strahlender Recke – besiegen soll, um zu beweisen, dass ihm allein der Thron und die Stadtherrschaft gebühren.

Während Hauptmann Mumm noch bei Madame Käsedick, einer Züchterin von Sumpfdrachen, die nötigen „Spezialkenntnisse“ erwirbt, um der neuen Gefahr aus der Luft zu begegnen, wird auch schon der Patrizier Lord Vetinari in den Kerker geworfen und der Luftkrieg gegen die Wache und allerlei Drachenjäger eröffnet. Leider gerät dem besagten Geheimbund das drakonische Ungetüm außer Kontrolle und bringt sämtliche Bürger in Gefahr.

Doch alles wird gut, so hofft die Wache noch. Bis einer der Sumpfdrachen Madame Käsedicks, die demnächst dem Drachen geopfert werden soll, sich sehr merkwürdig benimmt, weil er nämlich sein Verdauungssystem umgebaut hat. Unterdessen unternimmt der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität, dem das Buch für die Drachenbeschwörung geklaut wurde, eine kleine Zeitreise …

_Mein Eindruck_

„Wachen! Wachen!“ ist sicherlich eines der spannendsten Abenteuer, die der Autor für seine Discworld erfunden hat. Anders als die Geschichten um TOD oder die Hexen steht hier eine ziemlich einfach gestrickte Truppe im Mittelpunkt des Geschehens. Die unterbezahlten und normalerweise angeheiterten Mitglieder der „Patrouille“ begucken sich die großen Ereignisse, die in ihrer Stadt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene stattfinden, sozusagen von unten. Genau wie Bürger wie du und ich.

Und dabei haben sie sogar noch das bessere Los gezogen, wenn man ihr Schicksal mit dem der Großkopfeten vergleicht. Nehmen wir mal Lord Vetinari, den Patrizier. Der neue König wirft ihn als erste Amtshandlung in den Kerker. (Dort dressiert der Patrizier die gebildeten Ratten darauf, ihm beim Dinieren und Frisieren zur Hand zu gehen. Außerdem befindet sich der Riegel seiner Zellentür auf der INNENSEITE.) Wesentlich schlechter scheint es dem Kronrat zu gehen.

Die Ratsmitglieder müssen zu ihrem gelinden Entsetzen feststellen, dass der König eine Mahlzeit des wahren Königs geworden ist: des Drachen. Der neue Herrscher fordert durch sein Sprachrohr, den Sekretär Lupin Wonse, weitere Menschenopfer, sozusagen als mafioses Schutzgeld oder Steuer. Wird das Opfer entrichtet, sieht der neue drakonische Herrscher von Raubzügen unter der Stadtbevölkerung ab. Ganz einfacher Deal, oder? Ach ja, und alles Gold, das die Stadt hergibt, hätte er ebenfalls gerne. Dagegen gibt es doch nichts einzuwenden, ODER? Und so eine kleine Jungfrau einmal im Monat ist doch sicher nicht zu viel verlangt, ODER?

In diesem Kapitel verrät der Autor einen sarkastischen Humor und tiefe Einsichten in politische Machtmechanismen. Und wie bei jedem Machtwechsel gibt es auch hier Kriegsgewinnler, namentlich Treibe-mich-selbst-in-den-Ruin-Schnapper, der geschäftstüchtige Wurst- und Andenkenverkäufer. Und die Revolution der Bürger wird natürlich im Keim erstickt – äh, Pardon, verbrannt.

Ob Madame Käsedick, die liebenswerte Züchterin von Sumpfdrachen und Herbergsmutter für Hauptmann Mumm, eine Jungfrau ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Jedenfalls wird sie eines Morgens von der Ersatzstadtwache abgeführt und in den Palast gebracht. Spätestens jetzt sieht sich Mumm bei seiner Ehre gepackt und ergreift Maßnahmen. Wie diese aussehen, sei hier nicht verraten, doch dass es ein Happyend gibt, ist wohl mehr dem Narrenglück Mumms und seiner wackeren Garde (Colon hat einen Glückspfeil, mit dem er die „Empfindlichkeit“ des Drachen zu treffen gedenkt – so er sie denn findet) zu verdanken als seinen koordinierten Anstrengungen, den Tyrannen zu vertreiben.

Ironischerweise erweist sich die Liebe als stärkere Kraft: nämlich buchstäblich als „Himmelsmacht“. Und wie man in „Shrek 1“ mit größtem Vergnügen festgestellt hat, müssen nicht alle Drachen männlich sein …

_Das Hörspiel, die Inszenierung_

Von dem Schweizer Studio „Bookonear“ habe ich bislang noch nie etwas gehört. Die Produktion, die es mit „Wachen! Wachen!“ vorgelegt hat, ist jedoch in vielerlei Hinsicht professionell zu nennen. Die Sprecher, die bei uns allesamt unbekannt sind, legen eine bühnenreife Darbietung hin. Colon beispielsweise verfügt über eine heisere, raue Stimme, als ob er Kettenraucher wäre. Sein Sprecher hält diese Qualität mühelos durch. Auch der quengelige Verschwörer Verdruss hat mir sehr gut gefallen. Diese Leutchen erinnern mich an die einfachen Bürger in Shakespeares „Sommernachtstraum“.

Aber es gibt auch eindrucksvollere Stimmen. Mehrere Male tritt TOD auf und spricht hörbar in VERSALIEN. Witzig ist dabei, dass derjenige, den er abholt, kaum einen Unterschied in seiner neuen Existenzform gegenüber dem früheren Leben feststellt. Nörgler bleibt Nörgler. Da gibt es einige sehr ironische Momente.

Noch weitaus beeindruckender ist jedoch die Stimme des Drachenkönigs, der von der Decke der Halle des Thronsaals zu seinem Diener Lupin Wonse spricht. Der Drache spricht mit Donnerhall und einer sehr tiefen Stimme, so dass sich kaum etwas Eindrucksvolleres und Furchteinflößenderes vorstellen lässt (es sei denn, man ist kleiner als ein Mensch und hört auch Infraschall).

|3D-Sounds|

Praktisch alle wichtigen Klänge haben mit den diversen Drachen zu tun. So ein angreifender „draco nobilis“ klingt wie ein Sturzkampfbomber, komplett mit Flügelschlagen, Fauchen und Fenstersplittern inklusive Scherbenregen. Es klingt ungefähr wie ein mittlerer Weltuntergang. Natürlich in Stereo!

Dagegen wirkt der Stall, wo Madame Käsedick ihre Exemplare von „draco vulgaris“ hält, wie ein heimeliger Hühnerstall. Mit einer Ausnahme: Ihr kleiner Errol brütet etwas aus – aber was? Nun, im vorletzten Kapitel, beim Showdown, hören wir ganz genau, wie Errol klingt, wenn er seinen neuen Düsenantrieb testet … Ansonsten sind diverse Comic-Sounds zu hören, wie sie etwa einer Kneipenschlägerei wohl anstehen. Die Tonmeister Olift Maurmann und Gavin Maitland haben ganze Arbeit geleistet.

|Die, ähem, Musik|

Und hier scheiden sich die Geister, weil ja bekanntlich die Geschmäcker verschieden sind. Einerseits macht die mittelalterlich instrumentierte Pausenmusik, die die Szenen voneinander trennt, das Hörspiel zu etwas ganz Besonderem in der Audiobook-Landschaft. Andererseits ist sie für unsere Ohren sehr gewöhnungsbedürftig.

Die Musik „wurde nicht extra für dieses Hörspiel komponiert“, verrät das Booklet. „Aber für ungewöhnte Ohren ist sie so schräg, dass sie hervorragend zur Scheibenwelt passt und ich sie einfach verwenden musste“, schreibt der Regisseur Raphael Burri, der auch die Hörspielfassung bearbeitet hat. Er hat die Musik der CD „Tritonus – Alte Volksmusik aus der Schweiz“ von 1991 entnommen (mehr Infos zur Gruppe Tritonus und ihrer Musik gibt’s unter www.tritonus.ch).

Mit Querflöte und Harfe kann man sich ja noch gerne anfreunden. Sie sind für die romantischen Momente der Entspannung (o ja, es gibt sie!) genau richtig. Etwas heftiger wird es dann bei den seltsamen Instrumenten, die direkt aus dem Mittelalter stammen: Drehleier und Hackbrett etwa, vor allem aber die seltsamen Blasinstrumente, die wie ein Mittelding aus Oboe, Fagott und Klarinette klingen und dem Hörer wahrlich durchdringend eins auf die Ohren geben. Also, immer schön auf die Lautstärke achten! Da auch die Harmonielehre des Mitelalters befolgt wird, sind die „Melodeien“, die man zu Gehör bekommt, zusätzlich ungewohnt.

Nach spätestens drei CDs war ich von der Eignung dieser Musik für ein Scheibenwelt-Hörspiel durchaus, wenn auch nicht restlos überzeugt. Eine schräg erfundene Welt braucht eben auch schräg gespielte Musik. Solange man sich keine Überdosis davon reinzieht.

|Das Booklet|

Das Beiheft ist liebevoll gestaltet und einer solcherart von Liebhabern der Scheibenwelt gestalteten Produktion angemessen. Da findet sich ein Lebenslauf des Autors ebenso wie Hintergrundinfos über die Musik (s. o.), die Gestalter und sämtliche Sprecher. Am schönsten aber sind zwei Elemente: die detaillierte Tracklist für jede einzelne CD, von denen jede einen eigenen Titel trägt, z. B. „Draco nobilis“. Und natürlich die knuddeligen Zeichnungen Josh Kirbys, die allesamt der doppelseitigen Tittelillustration entnommen sind. Auch die Cover der einzelnen CDs wie auch die Einsteckplätze der CDs im Karton sind damit geschmückt.

|Abspann|

Am Schluss der letzten CD werden alle Sprechrollen noch einmal mit Zitaten bzw. Klangproben vorgestellt und ihrem Sprecher oder ihrer Sprecherin zugewiesen. Von der Crew sind lediglich die Techniker und der Regisseur genannt.

_Unterm Strich_

Es hat schon eine Reihe von Scheibenwelt-Hörbüchern gegeben, das erste erschien seinerzeit bei Heyne. „Das Licht der Fantasie“ war – trotz des engagierten Sprechers – so todlangweilig, dass ich es vorzeitig aufgab. Ich wage gar nicht, in die Produktionen neuerer Scheibenweltromane reinzuhören.

|Was Neues in Sachen Discworld-Audio|

„Wachen! Wachen!“ unterscheidet sich von diesen unzulänglichen Ergebnissen jedoch radikal. Meines Wissens handelt es sich hier um das erste deutschsprachige (es mag auch englische geben) Hörspiel zur Discworld überhaupt. Es ist um Lichtjahre unterhaltsamer als jene Lesungen. Es bietet die Action und Dramatik eines herorischen Fantasyfilms mit den ausgebildeten Stimmen und Soundeffekten einer professionellen Bühnenproduktion. Das Einzige, was fehlt, ist die visuelle Darstellung. Die können das Booklet und der Karton der Verpackung nur sehr begrenzt liefern – ist ja klar.

|Finale infernale|

Wer sich auf die einzelne Szene konzentriert, bekommt stets etwas mit auf den Weg, denn jeder Baustein baut auf dem vorherigen auf oder fügt einen Nebenaspekt hinzu. Schlussendlich mündet das komische Drama, das sich „Wachen! Wachen!“ – der Ruf hat jedes Mal je nach Kontext eine andere Bedeutung – nennt, in ein packendes, wenn auch etwas tragikomisches Finale. Dieses kann sich hören lassen. Und beim nächsten Mal freut man sich schon darauf.

|Gute Geldanlage|

Hinsichtlich der Qualität der Produktion würde ich dieses Hörspiel gleich neben die „Taran“-Hörspiele des SWR stellen. Nur habe diese den Nachteil, dass sie mit ca. 110 Minuten wahnsinnig kurz sind. Mit „Wachen! Wachen!“ bekommt der fantasybegeisterte Zuhörer fast dreimal so viel Unterhaltungszeit für sein Geld. Und für Pratchett-Sammler wird dieser Artikel schon in wenigen Jahren eine gute Geldanlage sein.

|Umfang: 321 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: „Guards! Guards!“, 1989
aus dem Englischen übertragen von Andreas Brandhorst 1991|

Jordan, Robert – neue Frühling, Der (Das Rad der Zeit 29)

|“Das Rad der Zeit dreht sich,
Zeitalter kommen und gehen
und hinterlassen Erinnerungen,
die zu Legenden werden.

Legenden verblassen zu Mythen
und selbst die sind längst vergessen,
wenn das Zeitalter wiederkehrt,
das an ihrem Ursprung stand.“|

Mit diesen Worten begann Robert Jordans „Das Rad der Zeit“-Zyklus – einer der umfangreichsten und erfolgreichsten Fantasy-Zyklen der letzten Jahre.

Mittlerweile sind 10 Bände der amerikanischen Originalausgabe erschienen, die satte 7569 (!) Seiten Umfang aufweisen. Bei den 29 (die Bände wurden gesplittet) bisher erschienenen Übersetzungen liegt die Seitenzahl gemäß der Regel, dass deutsche Übersetzungen umfangreicher werden, entsprechend mittlerweile bei über 10.000. Da seit dem Erscheinen des ersten US-Bandes „The Eye of the World“ im Jahre 1990 bereits einige Zeit verstrichen ist, verwundert es nicht, dass in der deutschen Übersetzung mit Andreas Decker bereits der dritte Übersetzer tätig und die Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag verkauft worden ist.

Piper veröffentlicht mit „Der neue Frühling“ den 29. Band der deutschen Rad-der-Zeit-Serie, der allerdings aus der Reihe fällt: In den USA wird „The New Spring“ getrennt vom Rad der Zeit als Prequel-Serie im selben Universum angeboten.

Zum besseren Verständnis der ausufernden Fantasy-Welt des Rads der Zeit möchte ich einen sehr groben Handlungsabriss des Rad-Zyklus voranstellen:

Das Grundkonzept des Rads der Zeit ist das des ewigen Konflikts zwischen Schöpfung und Chaos, verkörpert von dem jeweiligen „Drachen“ (im übertragenen Sinn: Der Drache ist ein Mensch) und seinem Widerstreiter vom Anbeginn der Schöpfung an, dem Dunklen König. Seit der Schöpfung der Welt treten sich Drache und Dunkler König am Ende eines jeden Zeitalters zum finalen Gefecht gegenüber, sollte der Dunkle König siegen, geht die Welt unter. Was bisher offensichtlich nicht geschehen ist …

Das Muster der Zeitalter ist dabei stets sehr ähnlich: Nicht nur der finale Konflikt, auch die Helfer des Drachen werden stets in einem neuen Zeitalter wiedergeboren. Aus dem Zeitalter der Legenden und dem Dritten und Vierten Zeitalter haben noch fragmentarische Schriften, unter anderem die „Prophezeiungen des Drachen“ im Karaethon-Zyklus, überdauert.

Diese versprechen nicht nur die Wiederkehr des Drachen, sie beunruhigen auch die wenigen Eingeweihten: Der Drache soll bei seiner Wiederkehr die Welt zerstören. Wie das zu interpretieren ist, darüber streitet man sich. Wird der Drache die Welt vor dem Dunklen König retten, sie aber dabei zerstören? Vieles spricht für einen Sieg des Schattens. Die magiebegabten Menschen der Welt des Rades, „Aes Sedai“ (Diener Aller) genannt, sind schwächer denn je: Beim Kampf gegen Lews Therin Telamon, den letzten Drachen, gelang es dem Dunklen König, die männliche Hälfte der „Wahren Quelle“ oder auch der „Einen Macht“, Saidin, zu verunreinigen: Jeder Mann, der sich ihrer bedient, wird unweigerlich früher oder später wahnsinnig. Das hat zur Folge, dass alle Aes Sedai des aktuellen Zeitalters weiblich sind und alle der Magie fähigen Männer gezielt suchen und ihrer Fähigkeit berauben, bevor sie sich selbst und anderen im Wahn Schaden zufügen können. Erschwerend sind im Zeitalter der Legenden bereits einige der mächtigsten Aes Sedai aller Zeiten zum Dunklen König übergelaufen; die so genannten „Verlorenen“ zählen neben anderen, heimlich dem Schatten dienenden Aes Sedai, der sogenannten „Schwarzen Ajah“, zu seinen mächtigsten Schergen.

Einer der potenziell wahnsinnigen männlichen Machtanwender ist der wiedergeborene Drache selbst, Rand al’Thor. Dank der Hilfe der Aes Sedai Moiraine Damodred und vieler anderer gelang es ihm, dem Wahnsinn, den Dienern des Dunklen Königs und zahllosen anderen Gefahren zu trotzen. Doch noch nie zuvor waren die Siegeschancen des Dunklen Königs besser, die magischen Siegel seines Gefängnisses im Berg Shayol Ghul bröckeln, die Verlorenen wandeln wieder auf der Welt und seine Trolloc-Heerscharen überziehen das Land mit Krieg, während eine Invasion der Seanchaner, die von einem Kontinent am anderen Ende des Aryth-Meers stammen, die Reiche der Menschen zum Fall zu bringen droht.

Das Ende scheint nahe, doch Robert Jordan lässt sich nicht hetzen: Bereits seit einigen Bänden tritt die Handlung auf der Stelle, bis zur entscheidenden Schlacht wird es wohl noch eine Weile dauern, es ist noch nicht einmal klar, wann der nächste Band erscheint. Aberhunderte von Charakteren, unzählige Völker, Monster, fremdartige Konzepte und Dinge bevölkern seine gigantische Fantasywelt.

„Der neue Frühling“ dient der Überbrückung der Zeitspanne bis zum nächsten Rad-der-Zeit-Band und erzählt die |Vorgeschichte| des Zyklus:

Moiraine Damodred und die spätere Amyrlin (Anführerin) der Aes Sedai, Siuan Sanche, sind zu dieser Zeit gerade erst Aufgenommene, noch nicht einmal richtige Aes Sedai. Doch während die wilden Aiel-Wüstenkrieger die Ländereien um den Drachenberg verwüsten, ereilt die Aes Sedai Gitara Moroso eine schicksalhafte Vision: Der Drache ist wiedergeboren worden! Sofort entsendet die regierende Amyrlin vertrauenswürdige Sucherinnen, die nur eine Aufgabe haben: Den Drachen zu finden. Moiraine und Siuan befinden sich ebenfalls darunter, denn sie waren während der Vision Gitaras zufällig zugegen.

Bald darauf stirbt die Amyrlin – und viele andere Aes Sedai mit ihr. Moiraine und Siuan kommt das nicht geheuer vor, und bald sehen sie sich in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Die „Schwarze Ajah“ – Schwestern, die nicht an die drei Eide der Aes Sedai (nicht lügen, keine Waffe mithilfe der Macht herstellen, die Macht nicht als Waffe gegen andere Menschen einsetzen außer zur Selbstverteidigung) gebunden sind und dem Dunklen König dienen – hat die Macht an sich gerissen! Doch sie können nichts beweisen, woraufhin Moiraine sich ganz der Suche nach dem und dem Schutz des Drachen verschreibt …

Auf diesem einsamen Weg trifft Moiraine auf ihren späteren „Behüter“ Lan Mandragoran, den letzten Königsohn des von den Heeren des Dunklen Königs überrannten Landes Malkier. Dieser hat anfangs noch keine wortlose Übereinstimmung mit ihr, hat ganz im Gegenteil seinen eigenen Kopf und empfindet die Aes-Sedai-Hexe als überaus lästig. Hat er doch ganz andere Sorgen, wie eine ehemalige Geliebte, die treue Malkieri zu einem vermutlich blutigen Desaster, einer unrealistischen Rückeroberung Malkiers, angeblich zu dessen Wohl, anstiften will.

Damit wäre die Handlung dieses Romans auch schon zusammengefasst – denn Neues erfährt der Rad-der-Zeit-Kenner wirklich nicht. Außer den Namen von Lans ehemaliger Geliebter, und der Tatsache, dass, wie man bereits vermuten konnte, schon damals die Schwarze Ajah ihr Unwesen trieb. Rand selbst kommt in diesem Buch gar nicht vor, dies bleibt wohl folgenden Prequels, von denen Jordan noch 2-3 weitere für möglich hält, vorbehalten.

Erschwerend kommt hinzu, dass Teile des „neuen Frühlings“ bereits in der Anthologie „Legends“ von Robert Silberberg erschienen und zuvor einige Zeit im Internet zum kostenlosen Download bereitstanden. Hier drängt sich der Verdacht der Geldmacherei auf, denn der nächste „Rad der Zeit“-Band lässt schon lange auf sich warten, die letzten drei US-Bände wurden kontinuierlich schlechter und die Handlung tappt schon seit langem auf der Stelle. Dies mit einer genauso langamtigen und ereignislosen Prequel-Reihe zu toppen, kann man nur noch als dreist bezeichnen.

Einen Großteil seiner Faszination schöpft dieser Band aus der Verbindung zum Rad-Zyklus sowie dem Wiederauftauchen der in diesem Zyklus bereits toten oder verschollenen Sympathieträgerin Moiraine. Leider wird die durchaus interessante Vorgeschichte im selben Schneckentempo abgehandelt, das leider die letzten Bände des Rad-Zyklus geprägt hat. So fallen vermehrt Unstimmigkeiten auf: Moiraine und Siuan hatten bereits als junge Mädchen dieselben Charakterzüge wie zur Zeit der Haupthandlung, auch Lans Charakter hat anscheinend keinerlei Entwicklung erfahren. Negativ fällt auch ins Gewicht, dass Siuan Sanche es wirklich in Rekordzeit zur Amyrlin gebracht haben muss, währt das Leben von Aes Sedai doch in Jahrhunderten. Rand wurde während ihrer Jugend geboren, insofern muss Siuan innerhalb von maximal zwanzig Jahren das höchste Amt in der extrem traditionellen Gesellschaft der Weißen Burg errungen haben.

Begeistern können Jordans Figuren nach wie vor. Die süßen Magierinnen im Abendkleid, auch Aes Sedai genannt, starke Frauencharaktere in einer faszinierenden matriarchalischen Gesellschaft, sind nur eine der vielen beeindrucken Facetten der überbordend komplexen Welt Jordans. Sein Erzählstil ist ebenfalls erstklassig, aber die Tendenz zur Langatmigkeit bei zahllosen unüberschaubar werdenden Handlungsfäden kann selbst den größten Fan enttäuschen.

Für Einsteiger ist dieses Buch nicht geeignet, diese sollten besser bei Band 1, „Drohende Schatten“, beginnen, der auch als Originalausgabe unter dem Namen [„Die Suche nach dem Auge der Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=700 als einbändige Neuauflage der in der Taschenbuch-Reihe gesplitteten US-Ausgabe verfügbar ist.

Treuen Fans wird die Tatsache, dass die |Piper|-Ausgabe im Vergleich zur |Heyne|-Fassung optisch leicht verändert wurde, sowie die bekannte Leier Jordans, auf der Stelle zu treten, den Spaß an „Der neue Frühling“ ein wenig verderben. Mag der Zyklus auch überdurchschnittlich gut sein und mit epischer Breite glänzen, auf solch belanglose Leerlauf-Geschichten kann man gerne verzichten.

Sehr gute deutsche Fanseite:
http://www.radderzeit.de/

Offizielle Homepage von Robert Jordan:
http://www.tor.com/jordan/

Silbert, Leslie – Marlowe-Code, Der

_Zeitversetztes Agenten-Stelldichein_

Im London der Gegenwart wird ein Buch mit Geheimdokumenten aus der elisabethanischen Zeit beinahe von einem Einbrecher geraubt. Der Besitzer lässt das Buch von einer amerikanischen Privatdetektivin namens Kate Morgan entziffern. Tatsächlich stammt das letzte Dokument von dem bekannten Dichter Christopher Marlowe, der für den Geheimdienst ihrer Majestät Elizabeths I. arbeitete und im Frühjahr 1593 meuchlings ermordet wurde. In diesem Jahr spielt die andere Hälfte des Romans. Spannend ist das Agentenleben.

|Die Autorin|

Die Figur Kate Morgan ist sozusagen das Alter Ego der Autorin Leslie Silbert. Diese ist Renaissance-Spezialistin und Privatermittlerin in einer der „angesehensten“ New Yorker Detekteien, schreibt der Verlag.

Mehr Infos unter http://www.marlowe-code.de.

_Handlung_

Das elisabethanische London des Jahres 1593 stellt die Kulisse für einen der beiden Handlungsstränge. Christopher Marlowe, der Autor von „Doctor Faustus“, ist als erfolgreicher Bühnendichter nicht nur Shakespeares schärfster Konkurrent (er hat einen Kurzauftritt in dem Hollywoodstreifen „Shakespeare in Love“), sondern auch ein abenteuerlustiger Spion im Auftrag Ihrer Majestät und ihres Geheimdienstleiters Francis Walsingham. Dieser ist 1590 gestorben. Die Szene, in der sich Kit Marlowe die Karten legen lässt, spielt drei Jahre nach Walsinghams Ableben, also im Frühjahr 1593, und dient nur dazu, ihn zu charakterisieren. Er erfährt, dass er, sollte kein Engel eingreifen, noch vor Vollmond sterben wird – und schert sich einen feuchten Dreck darum.

Kate Morgan ist die ebenso intelligente – zwei Harvard-Abschlüsse! – wie schöne Mitarbeiterin der CIA, die sich im New York City um 2002 als Privatdetektei Slade Group tarnt. Unter diesem Deckmantel erledigt Kate auch schon mal die Drecksarbeit, besonders in ihrer Eigenschaft als Agentin.

Diesmal jedoch ist ihre Qualifikation als Renaissance-Spezialistin gefragt. Einem Finanzgenie in London wollte ein Einbrecher ein merkwürdiges altes Buch klauen, das den Titel „Anatomie der Geheimnisse“ trägt. Der Versuch kostete den Einbrecher das Leben. Bei einer ersten informellen Analyse stößt Kate auf Geheimchiffren des elisabethanischen Geheimdienstes – puh, dieses Konvolut scheint brisante, kodierte Dokumente zu enthalten. Dadurch könnte der eine oder andere Herzog im Nachhinein vielleicht seinen Titel oder Wertvolleres verlieren. Ihr Mandant Cidro Medina ist gewarnt. Der Auftraggeber des Einbrechers ist ein Strippenzieher, der sich „Jade Dragon“ nennt. Kate erfährt von ihm, als ein weiterer gedungener Gauner ihr das Buch auf offener Straße entreißen will.

1593: Kit Marlowe erhält den Auftrag, eine dubiose Handelsgesellschaft auszukundschaften, die im Verdacht steht, gegen englische Waffen wertvolle orientalische Waren einzutauschen. Diese Waffen scheinen aus der Waffenkammer der Königin zu stammen. Doch schon bald bekommt der tüchtige Kit mehr heraus, als seinem Auftraggeber Robert Cecil und dessen Konkurrent, Graf Essex‘ Mann Phelips, lieb sein kann. Schon nach kurzer Zeit sieht er sich Intrigen ausgesetzt, die ihn den Kopf kosten könnten. Doch auch Kit hat Freunde.

2002: Kates Chef Jeremy Slade und ihr Vater Donovan Morgan stellen zu ihrer größten Bestürzung fest, dass einer ihrer tüchtigsten Agenten, der den Decknamen „Acheron“ trägt, nicht wie berichtet im Gefängnis des iranischen Geheimdienstes gestorben ist, sondern von dessen Leiter Azadi an einen professionellen Erpresser übergeben wurde. Dieser „Luca de Tolomei“ schickt sich an, den im Stich gelassenen Agenten in die USA zu schaffen und gegen die beiden CIA-Leute zu verwenden. Wenn „Acheron“ auspackt, können eine Menge Leute an der Spitze der Regierung einpacken. Unter Umständen auch der Präsident.

Doch de Tolomeis Plan ist noch weitaus raffinierter. Er benutzt Kate, um ihren Vater zu treffen. Denn Rache ist süß. Und sobald sie die letzte Seite der „Anatomie der Geheimnisse“ mit Hilfe von Marlowes letztem Gedicht „Hero und Leander“ entschlüsselt hat, scheint Kates Schicksal besiegelt.

_Mein Eindruck_

Das klingt doch recht annehmbar, sowohl als historischer Krimi mit ironischen Untertönen, als auch als moderner Agententhriller mit romantischen Einlagen. Die Autorin kennt offensichtlich die englische Renaissance in der Epoche Elizabeths I. ebenso genau wie ihre Schauplätze in London, New York und Rom. In ihrem Nachwort erklärt sie detailliert, wie sie zu ihren Aussagen hinsichtlich gewisser Details bei der Ermordung Kit Marlowes gekommen ist. Denn bei seinem Tod gab es drei Zeugen, doch welcher ist der Mörder? Und hätte er vielleicht doch auf irgendeine Art und Weise überleben können? In dieser Epoche, die voll war von Aberglauben, Ketzerverfolgungen und Magiern, scheint beinahe alles möglich.

Der Roman gehorcht zahlreichen Gesetzen des Genres und der Form – dafür haben sicher schon die Lektoren und Verleger gesorgt, bei denen sich die Autorin überschwänglich bedankt. Daher gelangt die doppelte, verschlungene und sich reflektierende Handlung trotz aller Schwächen wohlbehalten ans Ziel. Die Schurken werden nicht glücklich, und die Guten kommen davon – wieder einmal ist die Welt gerettet. Und doch scheinen einige Szenen zu fehlen.

|Ein Buch für Frauen|

Ein männlicher Leser wie ich merkt der Geschichte deutlich an, dass sie nicht für Männer, sondern für Frauen geschrieben wurde. Da taucht mit einer rassigen Italienerin namens Adriana eine Londoner Investmentmaklerin auf, die nichts weiter zu tun hat, als der Heldin Stichwörter zu geben und ihr gut zuzuhören. Und ihr die neuesten Klatschgeschichten über die Londoner High Snobiety zu verklickern. Männer dürften hierbei vor Gähnen vom Stuhl fallen.

|Eine fehlende Szene?|

Auch der Plot selbst scheint mir stark feminin geprägt zu sein. Welcher Verbrecher würde es sich einfallen lassen, ein hohes Tier beim CIA dadurch vernichten zu wollen, indem er dessen Tochter mit seinen Untaten konfrontiert? Die Aussicht auf Erfolg dürfte gegen null tendieren, selbst wenn die Überraschung – die hier nicht verraten werden darf – noch so übel ausfällt. Und genau jene Szene fehlt, in der Kate gegen ihren Papi den Aufstand probt und ihm die Freundschaft aufkündigt. Nix da! Alles bleibt schön, wie es ist. Hier springt niemand aus dem Fenster. Schon gar nicht die leidgeprüften Väter.

|Kit, der ewige Held|

Wesentlich besser gefiel mir daher der Plot um Kit Marlowe. Zwar bleibt er selbst relativ blass (vielleicht setzt die Autorin doch ein wenig zu viel beim Leser voraus), doch dafür treten seine zahlreichen Widersacher umso deutlicher hervor. Nicht alle sind so verschlagen wie Robert Cecil oder so kompetent wie Phelippes und Poley. Andere sind gedungene Schergen und die reinsten Stümper.

|War Kit bi?|

Welcher Natur Marlowes Sexualität war, wird auch nicht so recht klar – saftige Liebesszenen fehlen hier. Wie die Autorin andeutet, war der Dichter dem eigenen Geschlecht keineswegs abgeneigt, denn als er die als Lee Anderson verkleidete Helen erblickt und er sie als Frau enttarnt, ist er enttäuscht. Das hindert ihn aber nicht, die heterosexuelle Liebe zu verherrlichen, indem er „Hero und Leander“ dichtete. Jedem der Marlowe-Kapitel ist ein Zitat aus einem einer zahlreichen Stücke vorangestellt, die zur ihrer Zeit sehr populär waren – nicht nur weil darin gefochten und gestorben wurde, dass es eine Pracht war. Die Zitate charakterisieren einen Mann, der die Ränke und Illusionen der Menschen durchschaut hatte und sie in einen größeren Zusammenhang stellte und so relativierte. „Dr. Faustus“ weiß auch heute noch anzurühren.

|Lesehilfe|

Die Fülle der Figuren könnte den Leser zunächst verwirren, doch meinem Leseexemplar war zum Glück eine Karte begelegt, auf der sämtlichen Namen fein säuberlich aufgelistet waren, die der erfundenen Personen ebenso wie jene der historisch belegten. So kann man den Überblick behalten.

|Nicht von Dan Brown|

Der Titel „Der Marlowe-Code“ ist ein überdeutlicher Versuch des Verlags, an Dan Browns Megaseller „The Da Vinci Code“ – deutscher Titel: [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 – anzuknüpfen. Doch gibt es dafür zwar die besten Voraussetzungen, so etwa ein zu entschlüsselndes Konvolut von geheimen Agentenberichten, allein die Umsetzung fällt jedoch im Vergleich zu Browns Werk recht unbefriedigend aus. Hier wird keine spannende Schnitzeljagd veranstaltet. Auch keine Parallelhistorie findet den Weg ans Tageslicht.

Ob unsere gute Kate den Mörder ihres Seelenverwandten Kit (man beachte die Namensähnlichkeit) zu ermitteln vermag? Wer weiß, aber sie hat allzuoft Dringenderes im Sinn – zum Beispiel die Avancen des charmanten Schurken Medina an ihrer Seite. Es ist, wie gesagt, ein Frauenbuch. Am Schluss werden alle losen Enden zusammengebunden, als gelte es, einen Pullover fertigzustricken. Bloß keine Masche fallen lassen! Und fertig.

|Die Übersetzung|

Insgesamt macht der Übersetzer einen befriedigenden Job. Doch es gibt auch ein paar Stellen, bei denen sich meine Stirn unwillkürlich runzelte. So ist etwa auf Seite 171 von Oxfords „träumenden Zinnen“ (der Gegenwart) die Rede. Dies geht auf ein – unerwähntes – Gedicht zurück, in dem von Oxfords „dreaming spires“ gesungen wird. Und „spires“ sind nun mal nicht „Zinnen“, sondern (Kirch-)türme bzw. Turmspitzen.

Auf Seite 380 hat der Übersetzer einen Continuity-Fehler der Autorin übersehen. Die ganze Zeit ist von einem Ex-Agenten namens Nick Fontana die Rede, auf Seite 380 wird er plötzlich in „Nick Fortuna“ umgetauft. Auf der vorletzten Seite, nämlich 405, lässt der Übersetzer den deutschen Leser ziemlich im Stich, denn die Autorin hat hier ein wundervolles Wortspiel eingeflochten, das leider nur im Englischen funktioniert: ein Held = a hero, und die Geliebte von Leander heißt (im Gedicht, s. o.) ebenfalls Hero. Und Leander ist Lee Anderson, nur dass dieser wiederum eine Frau namens Helen ist. Klingt kompliziert? Willkommen in der englischen Renaissance!

_Unterm Strich_

Auch wenn der Verlag mit dem Titel „Der Marlowe-Code“ (Originaltitel: The Intelligencer) auf den Megaseller-Zug von Dan Browns „The da Vinci Code“ aufspringen will, so reicht es doch zu dessen rasantem Tempo nicht ganz. Die Gründe habe ich oben dargelegt.

Für wen eignet sich also dieses Buch? Für Leser von historischen Krimis, für Leute, die auf Agenten stehen, für Literaturfans, die Marlowe für ihren Gott halten – und natürlich für alle romantischen Seelen, die eine gefahrumwitterte Romanze um keinen Preis der Welt vor dem Ende des Buchs beiseitelegen würden. Vielleicht fühlen sich ja sogar Freunde von Diana Gabaldon angesprochen – wer weiß? Aber denen ist der Schmöker dann wohl wieder nicht dick genug – so wenig Buch für so viel Geld!

Robert A. Heinlein – Reiseziel: Mond

heinlein-reiseziel-mond-cover-2000-kleinDrei US-Teenager basteln sich eine Rakete und fliegen damit zum Mond, wo sie auf Rest-Nazis treffen, die dort das IV. Reich vorbereiten … – Was einst spannend und lehrreich sein sollte, wirkt heute lächerlich und plump didaktisch; die jugendlichen ‚Helden‘ sind eifrige Mitläufer eines reaktionären Establishments, das nicht nur gegen (Geisterbahn-) Nazis, sondern auch gegen Abweichler in den eigenen Reihen zu Felde zieht: heute nur noch als unfreiwillig selbstentlarvendes Zeitdokument lesbar.
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Poe, Edgar Allan – Bericht des Arthur Gordon Pym, Der

Der Traum von einem Abenteuer zur See kann ganz schnell in einen Albtraum umschlagen, aus dem es offenbar kein Erwachen gibt. So ergeht es dem 16-jährigen blinden Passagier des Titels, der in die Antarktis und darüber hinaus in eine weiße Region vordringt, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat.

|Der Autor|

Edgar Allan Poe, 1809 in Boston geboren und 1849 im Alkoholdelirium gestorben, begann bereits mit 16 Jahren, Gedichte zu schreiben und als literarischer Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine tätig zu werden. In seiner Prosa zeichnete er sich als Meister der Shortstory aus, in der sich meist düstere Begebenheiten nach und nach zu unheilvollem Schrecken verdichten – so auch in diesem Romanfragment, dem „Arthur Gordon Pym“. Jules Verne schrieb die Fortsetzung „Die Eissphinx“ (1897) und Lovecraft mit „Berge des Wahnsinns“ (1936) eine eindrucksvolle Variation des Stoffes, neben anderen.

|Die Sprecher|

In der „inszenierten Lesung“ wird mit vielen verteilten Rollen gesprochen, fast wie in einem Hörspiel des Rundfunks. Beteiligte Sprecher sind u. a. Heiner Heusinger und Roland Renner – allesamt Profis mit Schauspielausbildung.

Regie und Produktion erfolgten durch die Gruppe „Serotonin“ (welches eigentlich einen positiven Botenstoff des Gehirns bezeichnet). Der Lieferant der Musik, Jens-Uwe Bartholomäus, bildet ein Drittel der Gruppe.

_Handlung_

Sein Freund Augustus stiftet Arthur Gordon Pym immer wieder zu Abenteuern an, so auch in der Episode, als sie 14-jährig aufs offene Meer hinaustreiben. Zwei Jahre nach ihrer Rettung ergibt sich wieder ein Abenteuer: Augustus geht mit seinem Vater, dem Kapitän, an Bord eines Walfängers von Nantucket aus auf große Fahrt, und Arthur Gordon Pym wird als blinder Passagier irgendwo im Frachtraum in einer großen Kiste versteckt.

Nach einem ungewöhnlich tiefen Schlaf wacht Gordon allerdings neben einem leeren Wasserkrug und vergammeltem Braten auf, die Ratten piepsen und die Frachtraumluke ist blockiert. Gordon dreht schier durch, doch die Gefangenschaft erweist sich als lebensrettend, denn oben an Deck findet gerade eine Meuterei statt, der der Kapitän und 22 Matrosen zum Opfer fallen.

Als Augustus endlich Zeit findet, Gordon zu befreien, wird er sogleich für eine List eingespannt: Gordon tritt als der Zombie des ermordeten Kapitäns auf! Die Wirkung ist durchschlagend, und es gelingt, die Meuterer zu überwältigen. Leider steht der Frachtraum nach einem Sturm unter Wasser und ist unzugänglich: Hungersnot bricht aus. Und zwar so lange, bis es zu einem Fall von Kannibalismus kommt. (Dies ist kein Märchen, sondern fand an Bord eines echten Schiffes wirklich statt.)

Statt der ersehnten Rettung segelt lediglich ein Geisterschiff ähnlich der historischen „Mary Celeste“ vorbei. Doch auch dem Engländer „Jane Guy“, der die Überlebenden endlich aufnimmt, ist kein gutes Los beschieden. Auf dem Weg in unerforschte Gewässer segelt er durchs antarktische Packeis in eine warme Zone, wo man auf eine Insel seltsamer Wilder stößt: Zahlan. Diese Begegnung trägt eindeutig Merkmale des Eintreffens von Kapitän James Cook auf Tahiti in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, sodass sich eine Beschreibung erübrigt.

Leider überlebt die Erkundungspatrouille den Marsch durch einen Canyon nicht. Auch die zwei Überlebenden, nämlich Gordon und Dirk Peters, kommen nicht mehr aufs Schiff, denn dieses wird gestürmt und fliegt in die Luft! Per Kanu fahren Gordon und Peters weiter gen Süden, wo nach zwei Wochen Weiß die bestimmende Farbe wird: die des Wassers, des Dunstes voraus, der gigantischen Vögel am Himmel. Hatten die Zahlianer deswegen einen abergläubischen Respekt vor der Farbe Weiß? Was erwartet die kühnen Seefahrer am Südpol?

_Mein Eindruck_

„Arthur Gordon Pym“ ist eine Kombination aus Abenteuerbericht, Horrorstory und psychologischer Reise. Es gibt sogar eine Episode, in der detektivischer Scharfsinn gefragt ist: Auf Zahlan findet sich eine geheimnisvolle Schlucht, deren Felsen mit Zeichen versehen sind, die selbst aber auch ein Zeichen darstellt. (Dies wird im Epilog näher erklärt.)

|Horrortrip|

Im Mittelpunkt unseres Interesses steht aber die Entwicklung des Ich-Erzählers Arthur Gordon Pym: Seine Reise beginnt mit einem Horrorerlebnis des Eingesperrtseins, finsterer Träume und nach dem „Erwachen“ dem Gefühl, lebendig begraben worden zu sein. Das Schiff als Sarg: ein starkes Symbol.

Die Schiffsreise entwickelt sich denn auch zu einem wahren Albtraum, dessen Episoden nicht nur etliche Horrorstorys des Seemannsgarns wiedergeben, sondern etwas mehr sind: Sie symbolisieren Pyms Abrutschen in den Wahnsinn. Je mehr Pym erkennt, welche Abgründe in seiner Seele gähnen – Kannibalismus etwa -, desto schneller geht es mit seiner geistigen Gesundheit abwärts. Am Schluss ist keineswegs sicher, ob am Südpol ein Abgrund gähnt oder die totale Selbstauflösung des Geistes.

|Tabubrüche|

Man kann die Geschichte als eine Serie von Tabubrüchen lesen: Zuerst illegales Anbordgehen, dann Meuterei, schließlich Mord und Kannibalismus, was in der Erscheinung eines Zombieschiffes gipfelt. Nimmt man diese Ereignisse nicht wörtlich, sondern symbolisch, so verweisen sie auf eine moralische Zerrüttung, die mit einem Verfall körperlicher und schließlich geistiger Art einhergeht. Die Unsicherheit gipfelt zunächst in dem künstlich erzeugten Erdbeben, das Zahlan erschüttert und die Besatzung der „Jane Guy“ fast vollständig vernichtet. Die Welt ist offensichtlich kein geeigneter Ort, wo Menschen leben können.

Aus dieser Einsicht des Unbehaustseins ergibt sich die hoffnungs- und horizontlose Flucht in ein nebulöses Nichts: den Abgrund des Südpols. Hier lösen sich alle menschlichen Dimensionen in einer Art Übersteigerung (Transzendenz) auf, nicht zuletzt die der menschlichen Identität. Auf seine Weise hat Pym endlich Eingang in das Unendliche und Unnennbare gefunden. Wie auch Stephen King (in „Stark“) erkannt hat, handelt es sich bei den Vögeln, die Pym sieht, um Seelengeleiter. Wohin diese Reise geht, muss sich der Leser selbst ausmalen.

|Gruselspannung|

Diese Geschichte ist also nicht nur enorm spannend, sondern auch – wie bereits die Fingerübung „MS Found in a Bottle“ von 1831 – eine schauerliche Allegorie der Entwicklung eines Wahnsinnigen. In E. A. Poes Prosa hat dies zahlreiche Parallelen, so etwa [„Der Fall des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761 (1845), in dem der Reisende in den Stammsitz einer alten neuenglischen Familie eintritt, nur um von einem latenten Wahnsinn umgeben zu sein. Eine von Poes besten und wirkungsvollsten Storys.

|Die Sprecher und die Inszenierung|

Während Musik und Geräusche dem Zuhörer suggerieren, sich an Bord eines Schiffes von Meuterern, Mördern und Kannibalen zu befinden, so klingen die Stimmen der Akteure doch recht „normal“. Sie argumentieren anscheinend rational, selbst wenn es um um Mord und die Opferung zwecks Verspeisen geht. Dennoch kommt recht gute Gruselstimmung auf, wenn Gordon, die meiste Zeit der Ich-Erzähler, von seiner Erfahrung des Lebendigbegrabenseins erzählt.

Die Musik ist durchaus passend und stammt zumeist von natürlichen Instrumenten. Die Geräusche hingegen werden von allem Möglichen erzeugt. Ab und zu wird ein wenig zu viel wiederholt. Als das Schiff „Jane Guy“ in die Luft fliegt, hätte ich eine entsprechende Umsetzung in Sound erwartet. Fehlanzeige.

_Unterm Strich_

Ob nun „Arthur Gordon Pym“ noch eine „inszenierte Lesung“ oder bereits ein Hörspiel alten Musters ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Überlassen wir das den Gelehrten. Ich fand die Inszenierung sehr gelungen, denn sie führt dem Leser in ein „Kino des Kopfes“: Die Szenen sind filmreif aufgebaut, mit jeweils einem Höhepunkt und einer Überleitung zur nächsten, und alle Schauplätze sind ziemlich genau beschrieben.

Vielleicht ein wenig zu genau. Denn mit nautischen Ausdrücken wie „Gillung“, „Ankerspill“ (mit dieser eisernen Winde wird die Ankerkette hochgezogen oder hinabgelassen) oder „Klüver“ (Vorsegel über dem Bugspriet) dürften sich Landratten recht schwer tun. Wenigstens „Kajüte“ und „Kombüse“ dürften geläufig sein.

Für ein Hörbuch von 2 CDs knapp 20 Euro ausgeben zu sollen, mag als Zumutung aufgefasst werden. Doch andererseits handelt es sich hierbei um eine recht aufwendige Produktion, die eben ihren Preis hat: Eine „normale“ Lesung wäre bei weitem nicht so unterhaltsam, wie abschreckende Beispiele belegen.

|Umfang: 112 Minuten auf 2 CDs|

Mark T. Sullivan – 66095

Das geschieht:

Während einer der letzten Mondlandungen wurde 1972 gefunden der Steinbrocken mit der Probennummer „66095“ geborgen. Er sendet mysteriöse Strahlen aus, wenn man ihn mit Energie ‚füttert‘. Für Menschenhirne sind sie nicht bekömmlich, da sie Depression und Mordlust fördern. Dies bleibt lange unbemerkt, denn 66095 versauert viele Jahrzehnte in einem Laborarchiv. Dann experimentiert der Forschungsassistent Robert Gregor damit herum, bis er gollumartig dem fatalen Zauber des Steins erliegt und zum mondsüchtig verrückten Mörder mutiert.

Szenenwechsel: Die USA planen ihre Rückkehr auf den Mond. Dort werden supraleitende Erze vermutet, aus denen sich Energie gewinnen lässt. Als ideales Training für angehende Luna-Bergleute empfiehlt die NASA aus logisch recht unerfindlichen, für die Dramaturgie dieses Buch jedoch unverzichtbaren Gründen einen unterirdischen Marsch durch die Labyrinth-Höhlen im US-Staat Kentucky. Mark T. Sullivan – 66095 weiterlesen

Esterházy, Péter – Eine Frau

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von rund 97 Frauen (minus 1 Mann, minus 1 Mutter). Und so kann man nicht unbedingt von einer Enzyklopädie der ungarischen Frau sprechen, eher von einem Kaleidoskop erotischer Begegnungen. Aber es finden sich auch ernstere Töne, wenn man genau hinhört.

|Der Autor|

Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren, wo er heute nach einem Studium der Mathematik als Schriftsteller mit seiner Familie lebt. Im Herbst 2001 erschien sein Roman „Harmonia Caelestis“, der ein Bestseller wurde. Seine Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Der Autor erhielt u. a. 2001 den |Sándor Marai|-Literaturpreis und 2004 den |Friedenspreis des Deutschen Buchhandels|. Bei |Hörbuch Hamburg| ist auch sein Roman „Fancsikó und Pinta“, gelesen von Walter Kreye, erschienen.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatl. Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

Pleitgen liest den Text in der ungekürzten Fassung.

Das Titelbild zeigt Amadeo Modiglianis „Liegenden Akt auf einem Kissen“, eine sehr geschmackvoll ausgeführte Darstellung einer nackten jungen Frau.

_Inhalt_

In 97 kurzen Kapiteln erzählt Péter Esterházy von 97 Frauen (minus 1 Mann), über die Unregelmäßigkeiten des Herzens, die Illusionen der Liebe, die Spiele der Begierde. Jedes Kapitel beginnt (meist) mit dem Satz: „Es gibt eine Frau.“ Dann folgt: „Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Manchmal aber auch „Sie liebt mich, sie hasst mich.“ Weil aber das Buch „Eine Frau“ heißt, handelt es sich hier um 97 Facetten, Perspektiven, Blicke auf eine generell aufzufassende Frau, wodurch das Ganze eine einzige große Liebeserklärung wird. Ist es „die ungarische Frau“?

„Sie liebt mich“ oder „Sie hasst mich“. Das ist der Standard. Sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Ob die Charakterisierung der Beziehung zutrifft, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Denn diese beiden Werte lassen sich wie in der Mathematik beliebig kombinieren. Daher finden sich in den späteren Kapiteln Werte wie „Sie liebt mich, sie hasst mich“ (oder umgekehrt) und „Sie liebt mich, ich hasse sie“ (und umgekehrt). Manchmal erscheinen diese Wertungen des Erzählers aufgrund der hinzugehörigen Geschichte oder Charakteristik überhaupt nicht einleuchtend. Offenbar sind diese kategorischen Einordnungen doch mit Vorsicht zu genießen. Es handelt sich um relative Werte, nicht um absolute.

Und was gibt es da nicht wunderbare Frauen! Seine Frau ist beispielsweise Mutter von zwei Kindern, und er muss bei deren Hausaufgaben helfen. Eine andere ist einfühlsam und sinnlich im Bett, aber ansonsten eine knallharte Geschäftsfrau. Wieder eine andere hat schon einen Männe, kann aber noch gut einen (oder zwei oder drei?) andere(n) gebrauchen. Andere kommen im Doppelpack: „Gefallen wir dir?“. Die schlimmste ist seine Mutter. Sie kommt zweimal vor.

Auch die Zitate der Damen lassen sich hören. „Im Bett finde ich mich selbst nicht“, meint die eine, während die andere sicher ist: „Nur durch die Männer gelange ich zu mir.“ Eine liest „Mein Körper, das Ferkel“, während die andere ihn durch das Epitheton „mein Herzchen“ impotent macht, aber darauf entgegnet: „Das ist nur eine Übergangsphase, Schatz.“ Verbal kastriert sie ihn schon vor der Ehe. Eine dritte meint: „I hate this situation!“ und hält sich für die jüngere Schwester von John Lennon: „I am the walrus.“ Eine vierte liebt ihn in Wochen mit geraden und hasst ihn in Wochen mit ungeraden Zahlen.

Inzwischen, so etwa ab Kapitel 47, ist er bei Abkürzungen angelagt: S.L.M., S.H.M., aber auch SLHM geht. Allmählich braucht die Enzyklopädie der ungarischen Frau, so will ich das Buch mal provisorisch nennen, etwas mehr Organisation. Manchmal entgleitet diese aber auch in einem irrwitzigen Ausbruch der Aufzählungen. Kapitel 65 sieht eine Polizistin als Geliebte. Wegen eines mysteriösen Falls ist er auf die Polizeiwache zitiert worden. Wegen eines Todesfalls empfindet er Sympathie für sie. Er stellt sich vor, wie er sie nagelt, während er sie an eine Wand drückt, an einen Baum, an einen Zaun, an irgendwas Mobiles, an Menschen, an Tiere, an Speisen, an Möbel, Klamotten und schließlich mexikanische Biere. Ächz! In Kapitel 75 bekommt er es von einer ziemlich sportlichen Lady zurückgezahlt. Sie pfeift auf die Vernunft.

Allmählich wird die Sache auch autobiografisch. Und damit auch bewegend statt nur tragikomisch. In Kapitel 82 fragt er sich „Liebt sie mich?“ und erinnert sich wegen der Angst, die er angesichts ihres roten Schamhaars empfindet, an die katholischen Gottesdienste, die er in seiner Jugend erlebte und etwas Verbotenes waren. Weil die sozialistische Staatspartei die Kirchenvertreter verfolgte und natürlich die Ausübung des katholischen Glaubens ebenso, mussten die Gottesdienste heimlich und tief im Wald stattfinden.

Kapitel 93 ist gar keiner Frau gewidmet, sondern einem Mann. „Es gibt einen Mann“ – wonach klingt das? Es handelt sich aber nicht um die direkte Beschreibung einer homosexuellen Beziehung, sondern um einen Brief, den ihm ein ausgewanderter (geflohener?) Freund aus Frankfurt/Main schickt. Dieser Freund ist in der fremden Großstadt todunglücklich. Das ist in gewisser Weise paradox, denn nun ist er endlich frei zu lieben, wen er will. Statt dies zu zelebrieren, fühlt er sich hingegen einsam, denn es gibt hier zwar massenhaft käuflichen Sex, aber keine Mitmenschlichkeit. Und daher bekennt der Freund nun, aus der Ferne: „Ich liebe dich.“ Der Erzähler jauchzt.

Das letzte, 97. Kapitel endet ähnlich, aber heiter. SIE liebt ihn immer weniger, verlangt aber immer mehr Sex. Sie scheinen sich miteinander zu vermischen, während sie ihn leicht in sich aufnimmt. Zusammen mit seiner Zahnbürste fürchtet er auch seine Identität zu verlieren.

_Mein Eindruck_

„Esterházys Humor schwärzt zärtlich ein, sticht unerbittlich augenzwinkernd, aber tödlich zu, erotisiert auch noch das tristeste Grau“, meint die „Süddeutsche Zeitung“.

„Die Beziehung der Geschlechter in 97 Kurzkapiteln – erbarmungslos und obsessiv“, meint John Updike.

Esterházy nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Bezeichnung von primären oder sekundären Geschlechtsmerkmalen geht (siehe unten: Die Übersetzung). Doch wirkt das Buch keineswegs verkrampft schamhaft, peinlich oder gar vulgär. Vielmehr kann der sich der Zuhörer der Ehrlichkeit des Erzählers sicher sein. Dessen Beschreibungslust schreckt keineswegs davor zurück, auch unschöne Aspekte an Frauenkörper zu notieren. (Dies meint Updike mit „erbarmungslos“.) Das wird dadurch ausgeglichen, dass auch sein eigenes Gemächt nicht gegen etliche Kalamitäten wie Impotenz oder gar Mumps an den Hoden gefeit ist. Das Spiel auf der horizontalen Ebene ist ausgeglichen.

Weitaus wichtiger als der uralte Schauplatz des Geschlechterkampfes scheint mir die psychologische und gesellschaftliche Ebene der Begegnung zu sein. Hier präsentiert der Autor im Unterschied zu vielen Romanautoren, die sich mit einer Handvoll Figuren begnügen müssen, eine schier unglaubliche Vielfalt an Frauenfiguren. Von der einzeiligen Charakteristik bis hin zu einem Mini-Roman recht die Bandbreite der Texte, die den Frauen gewidmet sind.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich wird, tauchen alle Arten von Frauen auf. Natürlich auch die klassischen Frauenrollen wie Mutter, Ehefrau (die eines anderen), Hure, Geliebte (auch im Doppelpack) und Matrone (die wundervoll zynische, alte Schauspielerin in Kap. 53). Dabei stellt sich der Erzähler nicht aufs Podest und wertet anhand moralischer Maßstäbe. Vielmehr lässt er alle Frauen gleichermaßen gelten. Für ihn ist der einzige Maßstab: „Sie liebt mich, sie hasst mich bzw. beides“. (Dies meint Updike mit „obsessiv“.) Gleichgültige Frauen tauchen hier nicht auf, denn sie haben für diese Enzyklopädie keine Existenzberechtigung. Insofern ist der Blick des Erzählers stark subjektiv gefärbt und selektiv, eine Eigenschaft, die einer Enzyklopädie nicht gut ansteht. Wir müssen eine andere Bezeichnung finden. Ein Katalog? Eine Anthologie? Ein Zoo gar?

Es ist nicht die Aufgabe des Buches, politische Themen anzusprechen. Doch es scheint für einen Autor wie Esterhazy unvermeidlich zu sein, auch solche Thmen anzusprechen. Für uneingeweihte westliche Leser mag dies nicht offensichtlich sein, aber spätestens dann, wenn er sich wundert, warum zum Geier Katholiken ihre Gottesdienste im tiefen Wald abhalten, sollte so etwas wie eine Ahnung von entsprechenden politischen Bedingungen und Zwängen aufkommen.

An einer anderen Stelle – in Kap 59 – ist die Rede von einer Malaiin, die von einer Ungarin bedauert, bemitleidet und herablassend behandelt wird. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass die Malaiin allenthalben für eine Zigeunerin gehalten wird. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob in Ungarn die „Zigeuner“, also Roma und Sinti, ebenso schlecht behandelt bzw. verfolgt wurden oder werden, wie etwa heute noch in Rumänien, wo man sie als Bürger zweiter Klasse ansieht.

Angesichts solcher Fragen wurde in mir die Neugier geweckt, mehr über das Völkergemisch Ungarns zu erfahren. Bisher dachte ich, dass von der früheren Hälfte der K.u.K.-Monarchie, die 1918 abgespalten wurde, mehr Ungarn im umliegenden Ausland verstreut leben. Gerade erst scheiterte ein Versuch der ungarischen Nationalisten, diese externen Ungarn per Gesetz einzugemeinden.

|Die Übersetzung|

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte ich die Ehre, die aus Ungarn stammende Stuttgarter Übersetzerin Zsuzsanna Gahse kennen zu lernen. Sie ist selbst Schriftstellerin und Autorin mindestens eines deutschsprachigen Romans.

Mit einem sensiblen Gespür für Bedeutungsnuancen und Untertöne schafft sie es, die direkte Sprache des Autors nicht zu deftig werden zu lassen. Wenn hier also von Schwanz und Möse die Rede ist, so wirkt dies keineswegs peinlich, schamhaft oder gar vulgär. Sie nennt die Dinge einfach nur beim Namen, auch in der richtigen deutschen Tonlage. Sie verwendet beispielsweise niemals den Ausdruck „Titten“, sondern stets nur „Brüste“, bleibt also neutral. Ich bin sicher, dass sich keine Frau durch die Sprache beleidigt oder angegriffen fühlen wird.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen ist ein Profi. Er vermag fast jeder Figur, die er spricht, eine individuelle Nuance zu verleihen. Doch diesmal ist diese Fähigkeit nicht gefragt. Die Monologhaftigkeit seines Textes erscheint zunächst wie ein Handicap, doch ihm zuzuhören wird keineswegs langweilig. Vielmehr ist ihm die Lust, über eine neue Frau zu berichten, anzuhören. Und das ist bei über 90 Frauen schon ein kleines Wunder.

Gibt es da nicht ständig Wiederholungen?, fragt man sich. Nein, wiederholt werden nur die Anfangsformeln bis hin zur Abkürzung als SLM, SHM usw. Allerdings darf man es auch nicht übertreiben und alle vier CDs auf einmal hören. Dann verschwimmt alles in der Erinnerung. In der Beschränkung auf nur wenige Kapitel liegt die Lösung. Ideal scheint mir das Limit von fünf Kapiteln pro Sitzung zu sein. Das kommt nicht von ungefähr. Das Gedächtnis kann sich höchstens so viele Einheiten am Stück merken. Es könnte mit der Anzahl der Finger pro Hand zu tun haben. Alles, was darüber hinausgeht, bedarf einer Gedächtnisstütze wie etwa eines Notizblocks.

In Pleitgens Vortrag klingen Leidenschaft und Sinnlichkeit an, aber auch Wut und Ärger, wenn den Erzähler die gerade aktuelle Frau auf die Palme bringt. Dann wieder kann der Sprecher auch nachdenklich klingen, er spricht langsam, was die alte Schauspielerin an Weisheiten zum Besten gibt. Und er wird bewegend, wenn er den Brief des Freundes liest, der aus Frankfurt schreibt. Und er wird heiter-bescheiden, wenn er das letzte Kapitel geschafft hat.

_Unterm Strich_

„Eine Frau“ ist ein heiteres Kaleidoskop der ungarischen Frauen, betrachtet durch die Augen eines sich wie Zeus unermüdlich durch die Betten kämpfenden Mannes, der ohne Frau nicht sein kann. Doch dies ist kein Buch, das aufgeilen soll, es ist nichts für akustische Voyeure, so genannte Ecouteure. Vielmehr bekommt stets auch der Mann sein Fett weg, die Waage ist ausgeglichen.

Auch politische und soziale Hintergründe scheinen durch, wenn man seine Antennen fein genug einstellt. Die Übersetzerin Zsuzsanna Gahse vermeidet vulgäre Ausdrücke und wählt stets neutrale Bezeichnungen, ohne dabei in medizinischen Jargon zu verfallen, der schon wieder schamhaft wirken würde. Der Sprecher trägt mit Gusto und Verve vor, so dass uns die Texte keineswegs wie leblose Nachrufe vorkommen, sondern geschehe das berichtete Ereignis gerade eben erst.

Das Hörbuch eignet sich somit für erwachsene Zuhörer ohne moralische Scheuklappen, die auch für feinere literarische Zwischentöne ein Ohr haben. Und wer genau hinhört, wird entdecken, dass das Buch voller heiterer Ironie über die ewige |Comédie humaine| ist.

|Umfang: 269 Minuten auf 4 CDs|

Lumley, Brian – Necroscope 1 – Das Erwachen

Brian Lumleys „Necroscope“ ist eine Mammut-Romanreihe, deren Umfang kaum noch zu überblicken ist. In Deutschland hat sich der |Festa|-Verlag der Bücher angenommen und ist immerhin schon beim 15. Band angelangt. Allen, denen ob solcher Massen bedruckten Papiers schwach in den Knien wird, kann geholfen werden. |LPL records| nämlich veröffentlicht nach und nach die einzelnden Romane als Hörbücher. Und bei den Spezialisten für gepflegten Hörror ist Lumleys Necroscope-Saga wirklich gut aufgehoben.

LPL hat das erste Hörbuch der Reihe, „Das Erwachen“, mit dem Eyecatcher „Die ultimative Vampirsaga“ versehen. Doch zunächst muss man sich eine Weile gedulden, bis ein Blutsauger in der Geschichte auftaucht. Lumley beginnt nämlich erst einmal mit der Prämisse der PSI-Geheimdienste. Sowohl die USA als auch die Sowjetunion haben in ihren Geheimdiensten Unterabteilungen, die versuchen sollen, mit Hilfe von außergewöhnlich begabten Menschen (Hellsehern beispielsweise) Spionage zu betreiben und sich somit einen Vorteil gegenüber der anderen Großmacht zu verschaffen. Diese Vorstellung ist nicht so abwegig, wie sie vielleicht klingen mag, da die Großmächte tatsächlich PSI-Forschung auf militärischem Sektor betrieben haben. Allerdings waren die Ergebnisse dort weniger spektakulär als bei Lumleys Protagonisten.

Da wäre auf der einen Seite Harry Keogh, den wir anfangs durch seine Jugend begleiten und später als Teenager wiedertreffen. Harry ist an seiner Schule in einer englischen Kleinstadt ziemlich unbeliebt. Er ist schlecht in sämtlichen Fächern und seine Klassenkameraden machen sich über ihn lustig. Doch dann verändert sich Harry schlagartig. Er entwickelt ein unglaubliches mathematisches Talent, löst Aufgaben intuitiv und stellt gar eigene Formeln auf. Und auch nach der Schule verhält sich Harry anders. Wo er sich früher von Mitschülern herumschubsen lassen musste, wehrt er sich nun mit gut platzierten Kinnhaken. Was das mit dem verstorbenen Sportlehrer und dem ebenfalls toten Vater des Mathelehrers zu tun hat, wird erst einmal nur angedeutet. Doch als wir Harry wiedertreffen und er zwar erst 18, aber trotzdem ein erfolgreicher Autor von Kurzgeschichten ist, lüftet sich das Gehemnis vollends. Harry ist es möglich, mit den Toten zu kommunizieren. Deren Körper verwesen zwar, doch ihr Geist existiert irgendwie weiter. Und da sie sich langweilen, führen sie fort, was sie auch zu Lebzeiten getan haben: Musik komponieren, Bücher schreiben, philosophieren ect. Und nur Harry kann mit ihnen reden: Er selbst nennt sich der „Necroscope“.

Parallell dazu wird die Geschichte von Boris Dragosani, einem Mitarbeiter des sowjetischen PSI-Geheimdienstes, erzählt. Er wiederum ist ein Nekromant. Zwar kann er offensichtlich weder Leichen animieren, noch ihnen seinen Willen aufzwingen. Dafür kann er einer Leiche mittels eines Rituals deren Wissen entziehen. Dieses Talent verdankt er einem außergwöhnlichen Mentor, über den er in seiner Kindheit förmlich gestolpert ist. Seine Heimat ist nämlich Rumänien, genauer gesagt die Walachei. Der informierte Leser horcht hier natürlich schon auf. Doch nein, Dracula wird nicht schon wieder bemüht, vielmehr ein Zeitgenosse Draculas, der für diesen dessen Siege auf dem Schlachtfeld errungen hat. Scheinbar überwarf er sich jedoch mit seinen Vorgesetzten und so wurde er in einem Grab mitten im Wald beigesetzt, das er nicht verlassen kann. Denn natürlich ist er untot und darauf erpicht, seinem Gefängnis unter der Erde zu entfliehen. Vor 400 Jahren, so meint er, habe es noch ausgereicht, über die Walachei zu herrschen. Aber heute, wo die Welt viel kleiner geworden ist, müsse es schon der ganze Erdball sein! Und genau dazu braucht er Dragosani. Er weiht ihn häppchenweise in das Geheimnis seiner Existenz ein, hält aber immer genügend Informationen zurück, um Dragosani und den Zuhörer bei der Stange zu halten und hofft dabei merklich auf den Moment, in dem er Dragosanis Hilfe nicht mehr nötig haben wird.

Lumley hat „Das Erwachen“ offensichtlich als Exposition geplant. Es bleibt offen, wie die Geschichten von Dragosani und Harry zusammenhängen und was es mit den Geheimdiensten auf sich hat. Zwischen den Handlungsebenen gibt es bis jetzt keine Berührungspunkte. Trotzdem, oder gerade deshalb, macht das Hörbuch Lust auf mehr. Lumley schreibt zügig voran und scheut sich auch nicht vor deftigen Szenen. Ob Dragosani da nun in den Eingeweiden eines Toten herumwühlt oder seine Unschuld mit einem rumänischen Mädchen verliert – Lumley schaut fasziniert hin und schildert dem Leser bzw. Hörer aufs Genaueste, was er sieht. Gerade auf dem Gebiet der Vampirliteratur, das im Moment romantisch relativ verseucht ist, ist sein Stil sehr erfrischend. Denn er bringt den Vampir dahin zurück, wo er seit Anne Rice nicht mehr war. Er ist weder blass und gutaussehend noch langhaarig und grünäugig. Von Dragosanis Vampir sieht man ohnehin bisher nichts als einen widerlichen Fangarm, der kurz aus der Erde ragt. Doch dieses Wesen ist keineswegs ein Melancholiker und verkappter Romantiker. Er ist ein brutaler, egoistischer Feldherr aus dem Mittelalter, der sich aller nötigen Mittel bedient, um seine Ziele zu erreichen. Er ist skrupellos und das ist von Anfang an zu merken.

Dass dies auch in der Hörbuchfassung so überzeugend klingt, liegt zu großen Teilen am Sprecher Joachim Kerzel, der unter anderem Jack Nicholson, Dustin Hoffmann, Jean Reno oder Sir Anthony Hopkins die Stimme leiht. Er liest sehr konzentriert und durchdacht und kann mit seiner prägnanten und maskulinen Stimme besonders punkten, wenn es um die Darstellung des in der Erde gefangenen Vampirs geht. Diese Szenen klingen fast wie ihm auf den Leib geschneidert und man hat an der sadistischen Ader des Vampirs seine helle Freude.

LPL hat „Das Erwachen“ auf sieben CDs als ungekürztes Hörbuch von 465 Minuten Spielzeit herausgegeben. So muss man nicht das Gefühl haben, gegenüber der Lektüre etwas zu verpassen. Ohnehin ist die Handlung relativ straff durchkomponiert und es kommt weder zu Hängern noch Längen. Wer also auf toughen und spannenden Horror steht, der ist bei „Necroscope“ genau an der richtigen Adresse.

Marc Cerasini – AVP: Alien vs. Predator

Das geschieht:

Der unermessliche reiche, mächtige und undurchsichtige Industriemagnat Charles Bishop Weyland heuert die besten Archäologen, Historiker und Naturwissenschaftler an. Er will mit ihnen eine mysteriöse Pyramide erkunden, die im Eis der Antarktis zum Vorschein gekommen ist und offenbar vor Jahrtausenden von einer völlig unbekannten Kultur errichtet wurde. Die Zeugen dieser Urzeitzivilisation finden die Forscher im Untergrund als Skelette und Mumien, deren Ende sichtlich nicht friedlich war. Diese Sensation wird überboten, als Weyland und seine Begleiter die versteinerten Überreste einer außerirdischen Kreatur entdecken.

Leider stellt sich rasch heraus, dass diese keineswegs tot ist, sondern nur in einer Art Winterstarre auf neue Opfer gewartet hat. Die insektenhafte Alienkönigin beginnt sogleich mit dem Legen neuer Eier. Daraus schlüpfen gruselige Winzmonster, die sich in Windeseile in gepanzerte Riesenkiller verwandeln, in deren Adern ätzende Säure kreist. Die Neuankömmlinge werden als willkommene Beute in Empfang genommen. Marc Cerasini – AVP: Alien vs. Predator weiterlesen

Eco, Umberto – Baudolino

Von wem wird Geschichte gemacht? Wer darf darüber schreiben? Sind ’story‘ und ‚history‘ manchmal dasselbe? Müssen wir allem glauben, was man uns als „historischen Moment“ vorsetzt? Hoffentlich nicht. Aber dass Geschichts-Schreiber und Geschichten-Erzähler manchmal das Gleiche sind, das demonstriert uns Umberto Eco in seinem schelmischen Abenteuerroman „Baudolino“.

|Der Autor|

Umberto Eco, geboren 1932 in Alessandria, dessen Großvater als Findelkind erst den Namen Eco bekam, wurde weltbekannt durch seinen mit Sean Connery verfilmten Mönchskrimi „Der Name der Rose“. Weitere Bestseller folgten, erreichten diesen Erfolg aber nie. Mit „Baudolino“ machte Eco wieder auf sich aufmerksam; der Schelmenroman erhielt lobende Kritiken. Eco lehrt als Professor für Semiotik (Kunde von den Zeichen) an der Universität Bologna, der ältesten in Europa. Mehr unter http://www.umberto-eco.de.

_Handlung_

Baudolino wächst im 12. Jahrhundert als schlitzohriger Bauernbengel im oberitalienisch-lombardischen Piemont auf. Mit seinen dreisten Lügen biegt er den Lauf der Dinge – meist erfolgreich – zu seinen Gunsten um. Zum Beispiel im Jahr 1154, als der 13-jährige Baudolino dem großen Kaiser Friedrich Barbarossa einen Bären aufbindet: Er könne wahrsagen. Außerdem hilft er dem Kaiser, der sich in den Nebeln Piemonts verirrt hat, wieder zu seinen Mannen zu gelangen. Ein richtiges Aha-Erlebnis.

Fortan ist Baudolino der kaiserliche Adoptivsohn, lernt lesen und schreiben und darf sogar in Paris studieren: Theologie, Poetik und Rhetorik. Dort lernt er nette Studenten kennen: Abdul, der von einer irischen Mutter und einem provenzalischen Vater abstammt, aber in Syrien aufwuchs; und „den Poeten“, der natürlich seinem Spitznamen hohnspricht und so wenig Poesie besitzt wie ein Zaunpfahl.

Aber als Kaiser Friedrich die schöne Beatrix von Burgund zu seiner zweiten Frau macht, schlägt das Herz Baudolinos so hoch, dass er umgehend ein paar Verse schmieden muss – für die er aber den „Poeten“ als Urheber angibt. So verschafft er diesem eine Stelle als Hofpoet in Köln beim Reichskanzler Rainald von Dassel.

Baudolino ist in Begleitung Friedrich Barbarossas stets dabei, wenn Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes „geschrieben“ wird – und er lehrt uns die auch noch heute gültige Einsicht, dass Geschichtsschreibung in erster Linie die Fälschung von Geschichte ist (siehe die drei Golfkriege). Warum wollte Kaiser Friedrich wirklich ins Heilige Land? Und war es tatsächlich ein Badeunfall in Kleinasien, bei dem er unterwegs umkam? Schließlich schwamm der Kaiser wie ein Fisch im Wasser. Daraus wird noch ein richtiger Krimi, in dem Baudolino den Sherlock Holmes spielt.

Wenn Baudolino und seine Kumpels in Paris einen Brief des mythischen Priesterkönigs Johannes von Indien fingieren, er falsche Reliquien (den „Gradal“) in Umlauf bringt, die Gebeine der Heiligen Drei Könige ausgräbt und für den Transport nach Köln aufmotzt, die Heiligsprechung Karls des Großen vorschlägt – dann wird klar, dass die ausgefuchsten Medien- und Pressestrategien der Moderne ihren Ursprung im Mittelalter haben.

_Mein Eindruck_

„Baudolino“ ist viele Dinge gleichzeitig: ein Schelmen-, Geschichts- und Reiseroman, in dem auch Phantasiewesen auftreten, wie sie in jeder mittelaterlichen Weltbeschreibung zu finden waren. „Eco verknüpft historische Fakten des 12. Jahrhunderts, Fabelwesen, saftige Liebesromanzen (die Hypatia-Episode), aktuelle Politik und Glaubensfragen zu einem sprühenden Feuerwerk“, schrieb die „Welt am Sonntag“. Auch wahr. „Umberto Ecos Roman ist ein wunderlicher Mix aus Historie und Fantasie, Gelehrsamkeit und Kinderei“, meinte die „Stuttgarter Zeitung“. Aber klar doch! „Ein Schelmenroman, wie man ihn sich praller, einfallsreicher und kurzweiliger nicht wünschen kann“ – Bayern2 Radio. Sowieso, liebes Radio!

Aber „Baudolino“ illustriert auch die Macht des Geschichtenerzählens an sich. Schon die ersten Infos, die der junge Ich-Erzähler seinem Ziehvater Barbarossa auftischt, sind eine Lüge. Aber eine wirksame, und darauf kommt es ihm an. Im Lauf des Buches werden noch so viele Unwahrheiten produziert, zum Teil sogar im Namen der Staatsräson, dass man mit dem Zählen gar nicht mehr nachkommt. Die Herkunft der drei Könige im Sarg zu Köln, die Liebesgedichte an Barbarossas schöne Frau, sämtliche Storys über den Priesterkönig Johannes – alle diese Fabrikationen haben einen Zweck für den Verfasser. Oft geht es um Status, Rechtfertigung, Machterhalt, mitunter auch um die Gunst einer Frau, doch stets ist die fabrizierte Wahrheit Mittel zum Zweck.

Leider kann das aber auch ins Auge gehen, wie der Held erfahren muss. Nicht nur dann, wenn einer – wie im Fall Zosimos – mindestens genauso schlau ist wie er selbst, sondern auch, wenn die Interpretation der Wahrheit und der vermeintlichen Wirklichkeit auf den Sucher selbst zurückfällt.

Hier wird die Fabel vom Schelm Baudolino zur Detektivgeschichte: Wer hat den Kaiser in Kilikien getötet, im Schloss des Fürsten Ardzrouni? Wie ging das zu in diesem ausgetüftelten Gebäude mit seinen Verbindungsröhren, Gasen und geheimnisvollen Vorrichtungen? Und diese Fragen führen natürlich auch zu der nach dem Motiv – warum sollte der Kaiser sterben? Er wollte doch bloß ein sagenhaftes Reich suchen, hatte sich also auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben. Die Antwort erhält Baudolino, unsere wackere Intelligenzbestie, erst ganz am Schluss. Die Wahrheit macht ihn ironischerweise nicht frei, wie es die Bibel verspricht. Sie bringt ihn beinahe um.

Umberto Eco, dessen Name selbst ein von einem Beamten erfundener ist, setzt sich mit den Geschichten, den Erzählern und ihrer Macht nicht nur zum Amüsement einer bürgerlichen Gesellschaft auseinander. Baudolino folgt dem Auftrag des Bischofs Otto von Freising, und er befolgt ihn nach Treu und Glauben, egal was er damit alles anrichtet. (Er vernichtet als erstes des Bischofs mühselig erstellte „Weltgeschichte“, indem er das Pergament abkratzt und neu beschreibt!) Und dass die Geschichten sich rächen können, wenn man nicht aufpasst, muss er am eigenen Leib erfahren.

_Unterm Strich_

„Baudolino“ ist ein schönes Buch, das nicht nur heitere Unterhaltung, Action und Fantasy bietet, sondern auch eine Detektivgeschichte liefert, auf deren Auflösung man gerne bis zum Schluss wartet.

Natürlich wird man sich fragen, warum Eco die Reise nach Indien derartig ausgewalzt hat. Ganz einfach: Der Erfinder von Geschichten dringt in ein Reich vor, wo die Realität phantastischer ist, als er es sich ausmalen könnte. Und sie erweist sich für manchen seiner Begleiter als tödlich. Dass er den Priesterkönig nie zu Gesicht bekommt, mag daran liegen, dass es sich nur um eine Erfindung von dessen Unterpriestern handelt, die sich eine Existenzberechtigung zurechtgeschnitzt haben. Schließlich ließen sich die europäischen Könige ja auch ihren Herrschaftsanspruch göttlich und kirchlich legitimieren. Geschichts-Schreibung ist also nicht nur eine Angelegenheit, die Bauernlümmel für sich reklamieren können, sondern findet auf oberster Ebene statt. Man hat dies ja am Beispiel des Irakkrieges 2003 gut ablesen können. Die Frage ist vielmehr, was gegen solche Vorspiegelungen hilft.

Seine Geschichte erzählt Baudolino selbst, seinem Freund und Gönner Niketas von Byzanz. Ob wir dieser Informationsquelle wohl trauen können? Aber kommt es darauf überhaupt an? Schließlich hat jede Geschichte einen Zweck. Ihr Urheber heißt diesmal ironischerweise „Eco“, also Echo …

Nicholas Sparks – Du bist nie allein

Spätestens durch seinen Roman „Weit wie das Meer“, der unter dem Titel „Message in a bottle“ mit Kevin Costner verfilmt worden ist, hat Nicholas Sparks sich einen Namen gemacht durch seine unvergleichlichen Liebesromane. Seine Bücher zeichnen sich durch blumige Sprache und eine meist tragische Liebesgeschichte aus, doch in seinem neuen Buch „Du bist nie allein“ (auf Englisch: „The Guardian“) wagt Sparks einen Spagat zwischen zwei Genres. Seine Intention war dabei die Verbindung einer großen Liebe mit der Gefahr, wobei der Schwerpunkt allerdings für Sparks auf der Liebesbeziehung liegen sollte.

Nicholas Sparks – Du bist nie allein weiterlesen

Uther, Hans-Jörg (Hrsg.) – schönsten Märchen und Geschichten zur Weihnachtszeit, Die

Märchen und Geschichten gehören zur Advents- und Weihnachtszeit wie Lebkuchen oder Kerzenlicht. Diese besondere Sammlung trägt dieser Stimmung Rechnung, wenn auch auf ungewöhnliche Art. Literarische Werke von Theodor Storm, E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde und Theodor Fontane geben sich ein Stelldichein mit Volksmärchen aus Irland, Norwegen, dem Odenwald und der Lüneburger Heide. Alle haben mehr oder weniger mit Weihnachten zu tun, und sei es auch nur ganz am Rande.

Die ersten drei Geschichten über Frau Holle, Nikolaus und Christkind gehören zusammen und erzählen in ganz eigener Weise, wie das Christkind nach Europa kam. Die Mischung aus heidnischen Überlieferungen und christlichem Gedankengut ist für manchen vielleicht überraschend und gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber auch Darstellung eines Übergangs. Gerade zu einer Zeit, als viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten, wurde noch viel in Bildern und Symbolen gedacht, insofern spiegelt sich hier die Christianisierung einer Volksseele, die uns so nicht mehr bewusst ist, weil wir inzwischen schon so lange in einer christlichen Umgebung aufwachsen.
Außer diesen dreien ist lediglich „Das Tannenbäumchen“ ein echtes Weihnachtsmärchen. Die übrigen Volksmärchen haben ihren Bezug zu Weihnachten nur im Zeitpunkt der Handlung, die sich selbst nicht unbedingt um Weihnachten dreht.
Die literarischen Texte dagegen rücken Weihnachten als Fest wesentlich stärker in den Mittelpunkt. Die meisten sind gar nicht als Weihnachtsgeschichten geschrieben, da sie aber großteils für diesen Band onehin zu lang wären, wurden die entsprechenden Abschnitte als Auszüge aufgenommen oder der Text wurde ggf. gekürzt. So entstanden Momentaufnahmen in den unterschiedlichsten Stimmungen, von ausgelassener Fröhlichkeit in „Weihnachtsabend“ aus Wilhelm Raabes „Die Chronik der Sperlinggasse“ über Melancholie in „Da stand das Kind am Wege“ aus Storms „Immensee“ bis hin zu Verzweiflung in Tiecks „Weihnacht-Abend“.

Insgesamt fand ich die Auswahl der Texte recht gelungen, mit zwei kleinen Ausnahmen. „Die verwünschte Burg“, ein irisches Elfenmärchen, spielt zwar an Weihnachten, es fehlt ihr aber im Hinblick darauf jegliches Flair, irgendwie passt sie nicht in den Kontext des Buches. Außerdem wirkt sie gegen Ende abgehackt und hinterlässt das Gefühl, dass das doch nicht alles gewesen sein kann. Ich vermisste einen Kern in der Geschichte. „Der Wolf angelt“ erwähnt das Wort Weihnachten überhaupt nicht, und obwohl die Geschichte an sich nicht wirklich schlecht war, fragte ich mich, warum sie in diese Sammlung aufgenommen wurde. Auch hier fehlt der Bezug zum eigentlichen Thema des Buches.
Oscar Wildes „Der glückliche Prinz“ spielt ebenfalls nicht ausdrücklich an Weihnachten, was in diesem Fall aber überhaupt nicht stört, da die Aussage der Geschichte zu Weihnachten passt.
Entgegen der gängigen Kurzbeschreibung nicht enthalten sind „Die Schneekönigin“ und „Väterchen Frost“, was ich vor allem angesichts der erwähnten beiden „Fehlgriffe“ äußerst bedauerlich finde.

Positiv aufgefallen ist mir, dass die Texte sprachlich nicht überarbeitet wurden, bzw. dass Uther sie nicht in modernes Deutsch übertragen hat. In vielen modernen Ausgaben haben die Märchen dadurch einen Großteil ihres Zaubers verloren.
Dasselbe gilt für die zwölf Illustrationen, die dezent in Schwarzweiß gehalten sind und teilweise aus alten Quellen wie dem Augsburger Bilderbogen stammen. Auch das Bild des Schutzumschlags ist schön gemacht, ganz unaufdringlich und nicht so schreiend grell, wie es heute auch bei Weihnachtssachen bereits oft der Fall ist.
Außerdem hat das Buch ein Quellenverzeichnis, was für mich vor allem im Hinblick auf die Textausschnitte und gekürzten Texte interessant war. Wer Interesse an den vollständigen Texten hat, weiß also, wo er suchen muss.

Alles in allem ein hübsches Bändchen für ein paar ruhige Minuten vor dem brennenden Kamin oder beim Schein von Adventskerzen. Wer etwas sucht, um in der Hektik des Vorweihnachtsgetriebes seine eigentliche Weihnachtsstimmung wiederzufinden, liegt hier bestimmt nicht falsch. Zum Vorlesen für Kinder ist das Buch allerdings nur bedingt geeignet. Die literarischen Texte sind naturgemäß sprachlich und inhaltlich ein paar Stufen zu hoch, aber auch die Volksmärchen sind nicht alle uneingeschränkt kindergeeignet. Am ehesten lassen sich die Märchen um Frau Holle und das vom Tannenbäumchen vorlesen, die stammen aber auch aus einem Kinderbuch mit Weihnachtsmärchen. Der damaligen Zeit entsprechend klingen sie stellenweise etwas kitschig, Kinder wird das aber wohl nicht stören.

Hans-Jörg Uther ist Professor für Literaturwissenschaft an der Uni Essen und außerdem in der Erzählforschung tätig. Er hat eine ganze Liste von Märchensammlungen veröffentlicht, darunter „Sagenschatz“, „Märchenschatz“, „Märchen vom Glück“ und „Das große Buch der Fabeln“. Außerdem ist er Mitherausgeber der Zeitschrift Fabula.

http://gutenberg.spiegel.de/raabe/sperling/sperling.htm
http://gutenberg.spiegel.de/storm/immensee/immensee.htm
http://gutenberg.spiegel.de/fontane/ellernkl/ellernkl.htm
http://gutenberg.spiegel.de/etahoff/floh/floh01b.htm
http://gutenberg.spiegel.de/arndt/msarndt/avenstak.htm

Eszterhas, Joe – Hollywood Animal

Joe Eszterhas war ein „Hollywood Animal“ – ein Platzhirsch in der Stadt der Filme, deren Einwohner 24 Stunden täglich damit beschäftigt sind, sich gegenseitig übers Ohr zu hauen. Lügen und betrügen, einander mit offenen Armen empfangen, den Dolch für den Stoß in den Rücken stets griffbereit, fixiert auf den Dollar, getrieben von Ruhmsucht, umschwärmt von schönen (und willigen) Frauen, den Medien, von Speichelleckern und falschen Freunden: eine (Alb-)Traumwelt, in der sich Eszterhas ein Vierteljahrhundert pudelwohl fühlte. Kein Wunder, war er doch der wohl erfolgreichste Autor aller Zeiten: Dreißig Drehbücher hat er verfasst, von denen 15 verfilmt wurden. Darunter waren Blockbuster wie „Flashdance“, „Das Messer“ und natürlich „Basic Instinct“, aber auch nicht minder berüchtigte Flops wie „Showgirls“ oder „Jade“.

An die Spitze hat sich Eszterhas durch eine typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Karriere gekämpft, wie sie die US-Amerikaner so lieben, weil es ihnen die Existenz in einem Land der Chancengleichheit suggeriert. Geboren wurde Eszterhas 1943 in Ungarn in den Wirren des II. Weltkriegs. Vertreibung und Flucht, elende Jahre in diversen Lagern folgten, dann die Emigration und nicht minder schwere Anfangsjahre in den Vereinigten Staaten, die sich nicht unbedingt von ihrer freundlichen Seite zeigten. Das Ergebnis: ein junger Mann aus Cleveland, der raucht wie ein Schlot, säuft wie ein Loch, nach Anerkennung giert und gelernt hat sich „durchzubeißen“ – ohne Rücksicht auf Verluste.

Nach einem mehrjährigen Zwischenspiel als Reporter des „Rolling Stone“-Magazins landet Eszterhas 1974 in Hollywood, wo er – noch völlig unbedarft – beim Verfassen des Drehbuchs zum Sylvester-Stallone-Vehikel „F.I.S.T. – Ein Mann geht seinen Weg“ einen Crashkurs in Sachen Hollywood-Falschheit durchläuft. Eszterhas lernt schnell – das Drehbuch-Schreiben und das Intrigieren. Immer höher steigt er auf, der als Autor eigentlich das soziale Schlusslicht der Hollywood-Society bildet, kassiert Millionengagen, wird selbst ein Medienstar, hofiert von den Großen und Mächtigen der Stadt, die sich seiner Dienste versichern wollen.

Parallel zum wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg wird Eszterhas von Hollywood „infiziert“. Er verliert jegliches Maß, jede Rücksicht, legt sich mit Gott & der Welt an, weil er es kann und damit durchkommt. Spektakuläre Misserfolge im Kino läuten seinen Sturz ein; seine langjährige Ehe scheitert, er erkrankt an Kehlkopfkrebs. Das 21. Jahrhundert erlebt einen völlig gewandelten Joe Eszterhas, der aus Hollywood geflohen ist und sich vom Saulus zum Paulus wandelte; eine Genese, die er nur für die Niederschrift dieser Lebenserinnerungen unterbrochen hat …

Ach ja, er war schon ein genialer, beinharter Macho-Kotzbrocken; voll uneingestandener Wehmut und Stolz lässt es uns Joe Eszterhas wissen. Er hat zweifellos ein buntes Leben geführt, viel erlebt, noch mehr erduldet. Das haben andere Menschen zwar auch, aber die waren halt nicht in Hollywood tätig. Die Filmstadt und ihre Bewohner faszinieren noch immer ihr Publikum in der ganzen Welt. Objektiv betrachtet gibt es dafür wenige Gründe, aber in Hollywood werden seit jeher Träume fabriziert, was denjenigen, die diesem Job nachgehen, ein Höchstmaß an kollektiver Aufmerksamkeit garantiert.

Ohne diesen Bonus würde uns „Hollywood Animal“ wohl kaum über eine Distanz von 900 Seiten fesseln. Es gibt interessantere und auch angenehmere Zeitgenossen als Joe Eszterhas. Den wilden Mann markiert er noch immer ein wenig zu offensichtlich, als dass man ihm – „weise“ und sogar „fromm“ geworden – seine „Läuterung“ glauben möchte. Da gibt es augenscheinlich mehr als eine Rechnung, die offen geblieben ist, nachdem Eszterhas Tinseltown verlassen hat.

Autobiografien sind niemals objektiv, denn Objektivität gegenüber dem eigenen Leben liegt nicht in der Natur des Menschen. Eszterhas gibt genau das über weite Strecken vor, geißelt sich als Egoist, Ehebrecher, undankbarer Sohn, Verräter usw. usf. Das führt er sehr richtig auf seine schwierige Kindheit und Jugend zurück und deutet es außerdem als Reaktion auf die fragwürdigen Methoden, die im Hollywood-Business an der Tagesordnung sind.

In diesen Punkten kann „Hollywood Animal“ unbedingt fesseln. Nicht einmal die Tatsache, dass Eszterhas deutlich zu episch in seinen Clevelander Jugendjahren schwelgt, schmälert dies. Der Mann kann schreiben, wenn er denn will bzw. sich selbst diszipliniert: „Hollywood Animal“ ist nämlich als Buch an sich recht gewöhnungsbedürftig für den Leser. Eszterhas scheint es mit der wilden Energie in die Tasten seiner alten mechanischen Schreibmaschine gehauen zu haben wie seine Drehbücher, denen es in weiten Passagen auffällig gleicht. Kontinuierliches oder chronologisches Erzählen ist Eszterhas’ Sache nicht. Er bricht – für ihn selbstverständlich – mit entsprechenden Konventionen. „Hollywood Animal“ bietet ein komplex gedachtes, tatsächlich aber vor allem kompliziertes Nebeneinander von Vergangenheit/en und Gegenwart. Eszterhas springt zwischen Zeiten und Ereignissen, splittert sein Leben auf in die wilde Konfusion, als welche er es verstanden wissen möchte. Manche „Unterkapitel“ umfassen nur wenige Zeilen. Ein roter Faden wird lange nur ansatzweise oder gar nicht sichtbar.

Der Mann hat Ehrgeiz; vielleicht vermisst er das Verfassen von Drehbüchern auch mehr als er sich selbst eingestehen mag. Verstehen wir uns nicht falsch: Eszterhas versteht sein Handwerk. Sein Werk liest sich deutlich flüssiger als manche „Autobiografie“, die ihren Weg in die Buchläden findet statt echten Pferdemist als Blumendünger zu ersetzen. Auch an das „künstlerische“ Durcheinander gewöhnt man sich.

Was hingegen erheblich stört, ist Eszterhas’ Neigung zu scheinbar „saftigem“ Klatsch. Am „Basic Instinct“-Skandal klammert er sich beispielsweise förmlich fest. Nur war der vor allem ein Medienprodukt, dessen Schockwirkung primär auf die prüden USA beschränkt blieb. Vor allem liegt das Geschehen mehr als ein Jahrzehnt zurück. Wer interessiert sich heutzutage noch so exzessiv für „Basic Instinct“ – oder für Sharon Stone (die ihrem Drehbuchautoren eine Liebesnacht gewährte, was dieser allen Ernstes zu einem zentralen Kapitel seiner Biografie aufschäumt), wie Eszterhas dies offensichtlich glaubt?

Wie man es viel besser macht, beweist der Autor mit der präzisen Chronologie seiner Auseinandersetzung mit dem Agenten Michael Ovitz, die in die Hollywood-Geschichte eingegangen ist – und das mit Recht, denn hier wurden dank Eszterhas, der dafür allerhand Federn lassen musste, wahrhaft beängstigende, quasi mafiöse Strukturen offen gelegt. So etwas ist allemal spannender als die pseudo-schockierenden Schmuddel-Histörchen, mit denen Eszterhas das uralte Klischee von Hollywood-Babylon bedient. Ähnlich fesselnd wird der Schock des Verfassers geschildert, der seinen Vater nach und nach als Kriegsverbrecher enthüllt sehen muss.

Wie es sich gehört für ein Hollywood-Drehbuch, schreibt sich Eszterhas einen Neuanfang nach großer Katharsis auf den Leib. Aus dem „Hollywood Animal“ wurde ein treu sorgender Ehemann und Familienvater. Bis es so weit war, erlegte das Schicksal selbst Joe Eszterhas eine Reihe gewaltiger Prüfungen auf. So muss es gewesen sein, denn wie konnte dieser große Mann sonst so tief fallen? Darüber grübelt er selbst anscheinend immer noch nach – und dies ist seine Interpretation der Ereignisse.

Auf Abbildungen verzichtet Eszterhas vollständig. Man vermisst sie auch nicht; was außer den üblichen Starporträts und nichts sagenden Familienschnappschüssen könnten sie auch bieten? Dass Eszterhas noch immer „heiß“ ist, bezeugt die Geschwindigkeit, mit der seine Lebenserinnerungen auch ins Deutsche übertragen wurden: Gleich drei Übersetzungen bemühten sich, „Hollywood Animal“ hierzulande möglichst zeitgleich mit der amerikanischen Ausgabe erscheinen zu lassen. Sie haben ihren Job gut erledigt, wobei ihnen Eszterhas selbst mit seiner Vorliebe für kurze, prägnante Sätze entgegen gekommen sein mag. Auf jeden Fall liest sich dieses wahrlich seitenstarke Buch die meiste Zeit sehr flüssig. Im letzten Viertel nehmen allerdings die Längen zu. Wieso fand Eszterhas es notwendig, Tagebucheintragungen seiner geliebten Neufrau Naomi geradezu exzessiv zu zitieren? Einmal mehr zeigt sich, dass eine Beziehung vor allem bzw. fast ausschließlich für jene lebenswichtig ist, die sie führen – Außenstehende können damit nur wenig anfangen, zumal auch Joe & Naomi nichts wirklich Neues zum uralten Tanz der Gefühle beizutragen haben.

Der durch Krankheit & Lebensweisheit geläuterte Joe Eszterhas ist zudem nicht wirklich ein neuer Mensch. Mit derselben Intensität, mit der er früher „gesündigt“ hat, zieht er jetzt gegen Unmoral & Suchtverhalten zu Felde. Heuchlerisch mokiert er sich über die Unwilligkeit der Welt, sich belehren und bekehren zu lassen – dabei ist dies exakt die Reaktion, die er selbst früher an den Tag gelegt hat. So liest man das letzte Kapitel von „Hollywood Animal“ lieber nicht allzu intensiv, sondern überfliegt es, was den überwiegend positiven Eindruck dieser Rock’n’Roll-Autobiografie nicht mehr allzu stark beeinträchtigen kann.

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Maske des Roten Todes, Die (POE #4)

Vierter und (zunächst) letzter Teil der Hörspielserie zu Geschichten von Edgar Allan Poe. Diesmal ist das Thema „Die Maske des Roten Todes“, eine der bekanntesten (und am meisten kopierten) Geschichten Poes. Statt ins frühe 19. Jahrhundert wird der Zuhörer diesmal in die Epoche des italienischen Barock entführt – das suggeriert zumindest die Hintergrundmusik, die vom Barockorchester Berlin vorgetragen wird. Die Regie führten wie stets Christian Hagitte und Simon Bertling.

Die Reihe wurde mittlerweile weitergeführt mit:
– Sturz in den Mahlstrom
– Der Goldkäfer
– Lebendig begraben
– Die Morde in der Rue Morgue

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. („Allan“ ist übrigens kein Vorname, sondern der Familienname seines Ziehvaters.)

|Die Sprecher|

Ulrich Pleitgen spricht die Figur des „Fremden“, der den Namen E.A. Poe annimmt. Hier interpretiert er den Fürsten Prospero, der sich den Einflüsterungen seines Hofmeisters hilflos offen zeigt.
Dr. Templeton: Till Hagen
Hofmeister: Peter Groeger
Küchenmagd Louisa: Yara Bümel
Gedicht am Anfang/Lied am Schluss: Heinz Rudolf Kunze

_Handlung_

Vorgeschichte: Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und jetzt entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Er ist im Hafen angelangt, von dem sein Schiff in den Fernen Osten abfahren soll. Dr. Templeton drängt ihn zwar, hierzubleiben und seine Identität herauszufinden, doch E. A. Poe lehnt ab. Er besäuft sich im nächstbesten Wirtshaus. Dort hat er eine venezianische Maske an der Wand hängen sehen. Der rote Fleck auf der Maske stamme von Blut, sagt der Wirt. Dann beginnt Poe zu träumen …

Der Erzähler findet sich eingeschlossen in einem großen Palast vor – einem venezianischen Palazzo: Er ist Fürst Prospero. Seine Hoheit freut sich über die fremden Händler und Gaukler, die seine schöne Stadt beehren. Insbesondere den Feuerwerker würde er gerne kennen lernen. Während sich die Küchenmagd Louisa und ein Gaukler näher kennenlernen, beginnt einer der Fremden zu husten – es ist der Feuerwerker. Der Arzt stellt den Roten Tod fest. Fürst Prospero vernimmt die Nacht mit größtem Bedauern, aber da kann man wohl nichts machen.

Schon wenige Tage später fallen der Seuche, die schlimmer wütet als die Pest, dreißig Einwohner und Fremde zum Opfer. Louisa flüchtet sich ebenso wie der Hofstaat in den Palast und wagt sich nicht mehr heraus. Der Hofmeister rät, die Tore zu verriegeln. Vor den zugemauerten Toren stirbt die im Stich gelassene Bevölkerung an der furchtbaren Seuche. Wochenlang.

Der Fürst jedoch hat sich mit all seinem Hofstaat von der Außenwelt abgeschlossen, um dem Roten Tod zu entgehen. Auf Anraten seines schlauen Hofmeisters veranstaltet er einen Maskenball (masque), um den Hofstaat aufzuheitern und auf andere Gedanken als an den Tod zu bringen. Ein prächtiges Spektakel beginnt. Am Vorabend stürzt sich Louisa von den Mauern.

Die Party ist in vollem Gange und man amüsiert sich prächtig, doch unter den Gästen nimmt der Fürst plötzlich eine Maske (masque) wahr, die keiner zu kennen scheint. Und als ob sie dem Ablenkungsmanöver des Fürsten Hohn sprechen wolle, handelt es sich um die Maske des Roten Todes. Der Fürst ist empört und lässt dem todeswürdigen Maskenträger die Fratze abreißen: Doch da ist kein Gesicht …

_Mein Eindruck_

Die Binnenerzählung, der Traum des E. A. Poe, vermittelt durchaus gelungen das Gefühl nahenden Verhängnisses: die steigende Zahl der Erkrankungen, das fehlende Heilmittel, die unterbleibenden Hygienevorkehrungen, schließlich die verstreichenden Wochen des Eingemauertseins. Louisas Abschiedsworte bringen es auf den Punkt: Sie kann dieses Gefühl, lebendig begraben zu sein, nicht mehr ertragen und springt hinaus aus ihrem Gefängnis – in den Tod.

Was hier jedoch fehlt, ist die Stimme eines Erzählers, der dem Zuhörer das drohende Unheil, das über Prospero hereinbricht, näher bringt. Louisa, der Küchenmagd, gelingt dies leider nicht, obwohl es ihre Aufgabe wäre – sie wurde extra dafür erfunden, denn meines Wissens kommt sie in der Originalstory nicht vor. Dennoch: Ihr Tod rührt uns, und das ist wichtig.

Auch der Augenblick höchsten Grauens, als der Rote Tod in aller „Pracht“ hervortritt, ist wenig geglückt umgesetzt. Das Grauen bleibt beim Zuschauer jedenfalls aus. Und der Rückstürz in den Traum des E. A.Poe in seinem Kaffeehaus erfolgt völlig übergangslos, so dass der Zuhörer für einen Moment desorientiert ist.

Am wichtigsten ist jedoch die Fehlinterpretation der Figur des Füsten Prospero durch Ulrich Pleitgen. Seinen Fürsten könnte ein idealistischer Goethe oder Schiller erfunden haben, so freundlich und großzügig gibt er sich zunächst, wird nur durch die Einflüsterungen seines skrupellosen Hofmeisters zu der infamen Abschottung veranlasst. Keine Spur also von schicksalsverachtender Überheblichkeit, die die Götter als frevelhafte Hybris durch das Senden des Roten Todes zu bestrafen trachten. Der Fürst tut uns leid, und das ist das Letzte, was diese Horrorstory vertragen kann.

|Der Song|

Das Stück klingt wieder mit H. R. Kunzes Lied über E. A. Poe, „Der weiße Rabe“, aus. Es ist quasi eine Moritat, die versucht, diesen Dichter als Warner seiner Zeitgenossen in einen soziokulturellen Kontext zu stellen. Der Fünf-Minuten-Song ist zwar textlastig wie jede Moritat, aber stimmungsvoll instrumentiert und vorgetragen: schön schräg intoniert, mit „singender Säge“ unterlegt und wohligen Schauder erzeugend.

|Die szenische Musik|

Im Hintergrund der szenischen Hörspiels erklingt hin und wieder Musik. Es handelt sich um Barockmusik, die das Leben feiert. Aber auch eine Memento mori gibt es: Das Kirchenlied „Dies irae, dies illa“ („Tag des Zornes, jener Tag“, oft übersetzt als „Tag der Rache, Tag der Sünden“) ist dem Leser sicherlich durch die besonders bekannte Vertonung Mozarts in seinem „Requiem“ vertraut. In zahlreichen Abwandlungen wird es eingestreut und unterlegt. Hinzu kommen Punktuationen: ein Klang, der eine Szene von der nächsten abtrennt, beispielsweise eine Glocke.

_Unterm Strich_

Dieser (zunächst) letzte Teil der aufwendig inszenierten Hörspielreihe verpasst die obligatorische Gelegenheit, die Reihe mit einem Paukenschlag abzuschließen. Man hat auch hier wieder auf gepflegten Grusel setzen wollen, aber das Geschehen plätschert so vor sich hin, bis es zum logischen Endpunkt gelangt – und gleitet dann wieder in die Rahmenhandlung zurück, die auch nichts mehr von Bedeutung zu bieten hat.

Dabei gäbe es doch so schöne Storys zu verarbeiten! Man braucht sich nur Alan Parsons Auswahl aus seinem Album „Tales of Mystery and Imagination“ anzusehen: „The System of Dr. Tarr and Professor Feather“, „The Tell-tale Heart“ und ganz besonders „Das Fass Amontillado“ eignen sich ebenso zur Hörspielbearbeitung wie die Frauenstorys „Morella“, „Ligeia“ und „Eleonora“. Geboten werden in der Fortsetzung hingegen die oben angeführten Storys:
– Sturz in den Mahlstrom
– Der Goldkäfer
– Lebendig begraben
– Die Morde in der Rue Morgue

Wer die härtere Horror-Gangart sucht, wird von |Lübbe| aber auch bestens bedient: Lovecrafts Cthulhu-Storys sind ebenso zu haben wie „Necroscope“ von Brian Lumley. Ich bin sicher, wir werden noch mehr Gruseliges von |Lübbe| auf die Ohren bekommen …

|Umfang: 55 Minuten auf 1 CD|

Buchwurminfos V/2004

Mittlerweile hat die Kultusministerkonferenz einen Entwurf für den _“Rat der deutschen Rechtschreibung“_ vorgelegt. Das Gremium wird den Schriftgebrauch der deutschen Sprache beobachten und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Orthografie erarbeiten. Dem Rat gehörten ursprünglich auch Kritiker der Reform an, z. B. hatte die |“Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“| zwei Sitze. Von deutscher Seite sind 16 Institute mit insgesamt 18 Sitzen vertreten, darunter vier aus der Buchbranche: |Börsenverein|, |VdS-Bildungsmedien|, |Duden|-Verlag und |Wissen Media|-Verlag. Österreich und Schweiz entsenden je neun Vertreter. Eine Gruppierung von Gegnern der neuen Schreibung – unter ihnen die |Forschungsgruppe Deutsche Sprache| – hat gegen die ihrer Meinung nach „einseitige“ Besetzung des Gremiums protestiert. Da dieser Rat von der Kultusministerkonferenz mit neunzig Prozent Ja-Sagern zur Reform (während dagegen nur zehn Prozent der Deutschen für die Reform insgesamt sind) besetzt wurde, sagten die zehn Prozent Nein-Sager – die |“Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“| und der |“deutsche PEN-Club“| – aufgrund eines Aufrufs der gegenwärtigen Literaturnobelpreisträgerin _Elfride Jelinek_ ihre Mitarbeit wieder ab.

Die Ergebnisse der Beratungen stünden allesamt schon fest und bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass der Rat wie eine Volksfront nach DDR-Muster fast ausschließlich mit treuen Gefolgsmännern besetzt worden war. Durch die Austritte der wenigen Gegner ist der Rat jetzt eine Farce. Bis in den Dezember hinein ist dieser schon im Sommer gegründete Rat zudem noch nicht einmal zusammengetreten. Ein erstes Treffen ist nun aber für den 17. Dezember in Mannheim geplant. Von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff wird mittlerweile aber selbst die Kultusministerkonferenz als Ganzes kritisiert. Die |“Akademie der Künste Berlin-Brandenburg“| fordert dazu auf, die Verantwortung für die Zukunft der deutschen Rechtschreibung ganz an die |“Akademie für Sprache und Dichtung“| allein zu übertragen. Alle Gegner sind sich eigentlich darin einig, dass die Anpassung der Reform durch eine nichtstaatliche Instanz vollzogen werden müsse. Die Schulbuchverleger und die Schulen selbst sind im Grunde die einzigen, die hinter der Reform stehen (müssen).

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hatten erneut etwa 250 namhafte Schriftsteller und Verleger mit einem _Frankfurter Appell_ zur Rechtschreibreform an die Ministerpräsidenten und Kultusminister gemahnt, das Experiment Rechtschreibreform nach acht Jahren „zunehmender Verwirrung“ zu beenden. Der große Zuspruch beweise, dass die reformierte Rechtschreibung auch über den 1. August 2005 hinaus für das literarische Leben keinesfalls verbindlich wird, heißt es in einer Erklärung. Initiiert wurde der Aufruf vom |Rat für deutsche Rechtschreibung|. Dennoch wurde daraufhin wiederholt im Oktober von den deutschen Länderchefs auf einer Konferenz der Ministerpräsidenten die Einführung der reformierten Rechtschreibung ab 1. August 2005 bestätigt, sofern der neu eingesetzte „Rat für deutsche Rechtschreibung“ zu einer Einigung über Änderungen der reformierten Rechtschreibung kommt. Noch Ende 2004 wird nun allerdings auch der Bundestag über die Reform debattieren, denn mancher Politiker ist der Ansicht, dass diese Debatte nicht von den Ministerpräsidenten und Kultusministern der Länder vorgeschrieben werden kann. Der Jurist Johannes Wachsmuth, Anführer einer Gruppe von Rechtsgelehrten, die sich für die bewährte Rechtschreibung einsetzen, hat in einem Schreiben an die beiden größten Bundestagsfraktionen ebenfalls noch einmal klargestellt, dass für die Rechtschreibung auch der Bund zuständig ist. Die Reform habe beträchtlichen gesamtwirtschaftlichen Schaden angerichtet und die sinnlose Verschwendung von Steuergeldern verschuldet. Daher ist der Deutsche Bundestag jetzt aufgerufen, seiner gesamtstaatlichen Verantwortung gerecht zu werden. In einem vom FDP-Abgeordneten Hans-Joachim Otto fraktionsübergreifenden Antrag, den sofort 50 Bundestagsabgeordnete unterschrieben haben, wird die Bundesregierung aufgefordert, sich für die Rücknahme der Rechtschreibreform einzusetzen. Dieser wird allerdings erst im Frühjahr behandelt.
Derweil ist das Chaos perfekt. Annähernd die Hälfte der Zeitungen erscheint in der alten, die andere Hälfte in der neuen Rechtschreibung. Deutschland blamiert sich im Ausland und dort bringt man das auch mit der PISA-Studie in Zusammenhang. Dabei hatte gerade die komplexe, facettenreiche deutsche Sprache das Land nicht von ungefähr zu dem der „Dichter und Denker“ gemacht.

Nach der |Süddeutschen Zeitung| mit ihrer „Billig“-Buchreihe _“SZ-Bibliothek“_ ist nun auch die |Bild|-Zeitung mit einer „Bestseller-Bibliothek“ ins Buchgeschäft eingestiegen. Obwohl schon die SZ ziemlich gut lief, ist Bild noch viel besser gestartet. Allein die Druckauflage des ersten Bandes „Der Pate“ musste um 75 000 auf 350 000 erhöht werden.

Der Literaturnobelpreis ging in diesem Jahr an _Elfriede Jelenik_. Der |Rowohlt|-Verlag setzt deswegen eine Hardcoverauflage und Neuauflagen für 13 ihrer Taschenbuchtitel um. Andere Titel der Autorin sind im |Berlin|-Verlag, |Buch & Media München|, |Rhombus|-Verlag, |Sonderzahl|-Verlag, |Jung und Jung|, |Edition Text & Kritik| sowie bei |Droeschel| erschienen. Durch den Preis hat das Interesse an der Autorin stark zugenommen. Die Verlage kamen mit den Nachlieferungen an die Buchläden in der ersten Zeit nicht mehr nach. Jelenik hat eine Webseite: www.elfriedejelenik.com.

Die Tondokumente des Lyrikers _Gottfried Benn_ sind von der Kulturwelle |hr 2| des Hessischen Rundfunks als Hörbuch des Jahres 2004 ausgezeichnet worden. Die zehn CDs mit Benns Hörwerk 1928 bis 1956 sind im Frankfurter Verlag |Zweitausendeins| erschienen. Die Preisverleihung findet am 30. Januar 2005 im Rahmen des |hr2-Hörfestes| im Staatstheater Wiesbaden statt.

Die Verlage |Campus, Herbig, Droemer-Knaur| und |Rowohlt| hatten fest mit der _Wahl von Kerry_ zum neuen amerikanischen Präsidenten gerechnet und gehofft, ihre Kerry-Biografien in Nachauflagen nachzuschießen. Jetzt interessiert sich für diese Titel allerdings niemand mehr. Entweder ist der Markt tatsächlich mittlerweile gesättigt, oder die deutschen Leser stehen noch unter dem Schock der Wiederwahl von George W. Bush. Denn bis zur Wahl verkauften sich Titel zur US-Politik sehr gut, aber seit Entscheidung der Wahl bleibt plötzlich alles in den Regalen der Buchhandlungen liegen. Es herrscht irgendwie eine gewisse Amerika-Müdigkeit.

Zur vergangenen Frankfurter Buchmesse hatte ich bereits in einem [„Spezial“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=30 über meine eigenen Eindrücke berichtet. Eine Nachricht erscheint mir dennoch nachtragenswert. Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren wurde die Verleihung des _Friedenspreis_es nicht im Ersten Programm der ARD live übertragen. Börsenvereinsvorsitzender _Dieter Schormann_ kritisierte das entschieden: „Den Ruf, den der Friedenspreis weltweit genießt, wird das nicht schmälern; wohl aber die Glaubwürdigkeit der ARD, die damit zeigt, dass sie ihren Kulturauftrag als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt nicht erfüllt“. Der Friedenspreis sei nach dem Zweiten Weltkrieg als Symbol der Versöhnung entstanden. Seine Wirkung entfalte er daher nicht in erster Linie über das Fernsehen: „Es sollte aber für die ARD selbstverständlich sein, dem bedeutendsten Kulturpreis der Bundesrepublik gebührenden Raum zu geben – und das heißt: im Ersten Programm“, meint Schormann. Auch die Presse kritisierte die Absetzung: Die ARD sei damit dem „puren Zerstreuungsfernsehen“ wieder einen Schritt näher gekommen, schreibt |“Die Welt“|. Preisträger war dieses Mal _Péter Esterházy_ gewesen.

Nachdem dieses Jahr zum ersten Mal Antiquariat auf der Messe vertreten war, sich aber nicht _“Antiquariatsmesse“_ nennen durfte, sieht das nächstes Jahr anders aus. Mit Einverständnis der Frankfurter Buchmesse wird es 2005 eine richtig große Antiquariatsplattform geben.

Im kommenden Jahr findet vom 17. bis 20.März parallel zur |Lit.Cologne| erstmals die _Hörbuchmesse_ |AudioBooks Cologne| statt. Bei der Leipziger Buchmesse, die zur selben Zeit ihre Hallen für Besucher öffnet, ist das Hörbuch ebenso wieder ein Schwerpunktthema. Hoffentlich führt das nicht zu einer Spaltung, denn wenn jeweils nur die eine Hälfte auf einer der Messen erscheinen sollte, wäre die Neueinführung natürlich irgendwie misslungen. Viele kleine Verlage können sich zwei gleichzeitige Messen nicht leisten. Die bisherige Tendenz liegt bislang eher bei der Teilnahme in Leipzig. Es führt bereits jetzt zu erheblichem Ärger, dass sich die Termine überschneiden.

Im _Börsenverein_ des deutschen Buchhandels bewegt sich derzeit sehr viel. In den letzten Jahren hat sich sein Image mehr und mehr zu einem Wirtschaftsverband umgewandelt und die kulturpolitische Aufgabe geriet angesichts der wichtigen Themen wie Preisbindung, Urheberrecht, Verteilungsgefechte und Konzentrationsprozesse am Markt in den Hintergrund. Dabei opferte man zu großen Teilen aber auch die eigentliche Identität. Jetzt beschloss die Mitgliederversammlung, zu dieser zurückzufinden. Die kulturpolitische Dimension der Buchwelt sei „die eigentliche, wenn nicht sogar die einzige Klammer, die unseren Berufsstand zusammenhält – und seine Stärke ausmacht“, betont Dieter Schormann (Vorsteher). Der Verbandsverdrossenheit und dem Imageverlust kann nur mit einer neuen kulturellen Initiative begegnet werden. Ein erster Schritt ist im nächsten Jahr die Erstellung einer Kulturbilanz. Alle kulturellen Aktivitäten des Börsenvereins sollen dokumentiert und geprüft werden.
Neue Akzente will der Börsenverein mit dem Lesewettbewerb „Ohr liest mit“ und mit dem |Deutschen Buchpreis|, der erstmals auf der Frankfurter Buchmesse 2005 vergeben wird, setzen. Für Unruhe sorgte auch, dass der Vertrag des jetzigen Buchmessedirektors Volker Neumann nicht verlängert wurde. Auch am neu geschaffenen |Deutschen Buchpreis| gibt es Kritik. Langfristig ist er finanziell noch nicht gesichert, da die Sponsoren nur für drei Jahre eine Zusage machten. Die Mitglieder des Börsenvereins waren nicht in die Entscheidung eingebunden worden. Dennoch ist die an renommierten internationalen Preisen orientierte Auszeichnung erfolgsversprechend.
Die Verbandsreform, die in den letzten Jahren stattfand, ist noch nicht transparent genug hinsichtlich ihrer neuen Kommunikations- und Entscheidungsprozesse. Der Aufsichtsrat und der Börsenverein sind zur aktiveren Informationspolitik aufgefordert. Der Verband ist zwar kein Konzern, hat aber mittlerweile eine Organisationsform, die sich der in üblichen Unternehmen angenähert hat. Dies hat ein ganz neues Rollenverständnis zur Folge, das noch nicht funktioniert. Natürlich war die Strukturreform mit demokratischer Mehrheit beschlossen worden. Die letzten Jahre waren eben sehr schwierig und so wird es wohl auch noch eine Weile bleiben. Seit vier Jahren sinken auch die Mitgliedszahlen aufgrund von Geschäftsaufgaben.

|Das Börsenblatt, das die hauptsächliche Quelle für diese Essayreihe darstellt, ist selbstverständlich auch im Internet zu finden, mit ausgewählten Artikeln der Printausgabe, täglicher Presseschau, TV-Tipps und vielem mehr: http://www.boersenblatt.net/.|