Pratchett, Terry – Schweinsgalopp

Father Christmas ist auf der Scheibenwelt verschwunden. Als Ersatz springt Gevatter Tod ein. Rotgewandet fährt er mit seinen vier fliegenden Schweinen durch die Lande und bringt den Menschenkindern alles, was sie sich wünschen (auch wenn sie es selber nicht genau wissen). Die Bräuche zu befolgen, fällt Tod manchmal etwas schwer, doch das mit dem fröhlichen (?) „Ho-ho-ho“ hat er schon raus. Vielleicht übertreibt er es damit ein bisschen.

Father Christmas ist einem Anschlag der Assassinengilde zum Opfer gefallen. Einer ihrer übelsten Vertreter ist in Fathers Schlossturm eingebrochen und versucht nun mit Hilfe eines angeheuerten Magiers, dem zwölften mit dieser Aufgabe, den Tresorraum von Father Christmas zu öffnen. (Das klingt sehr nach „Stirb langsam 1“.)

Unterdessen in der Unsichtbaren Universität: Die Abwesenheit des echten Father Christmas hat ein (wissenschaftlich natürlich begründbares) Glaubens-Vakuum entstehen lassen. Dadurch glauben die Menschen nun an alles Mögliche, zum Beispiel an die Zahnfee. Selbst die Professores der Uni brauchen es nur laut auszusprechen, an was sie glauben könnten, und schon – ist es da: Gnome, Wichte, Aufmunterungsfeen. Der Erzkanzler Ridcull rauft sich die Haare. Auch die neue Rechenmaschine, die von Ameisen (= Bits & Bytes) und Käse (= Speicher) angetrieben wird, hilft da nicht viel weiter.

Susanne, die Tochter TODs, wollte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Doch seit er verschwunden ist, macht sie sich Sorgen. Auf der Suche nach ihm begegnet sie nicht nur dem Gott des Katzenjammers. Sie trifft auch auf die Assassinen im Turm von Father Christmas. Es wird spannend, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.

In einer kompliziert verflochtenen Handlung führt uns der „Douglas Adams der Fantasy“ vor Augen, was es mit dem Kinderglauben an den Nikolaus und die Zahnfee so alles auf sich hat – und das ist eine ganze Menge. In todernstem Ton bringt Pratchett wie so oft die unglaublichsten Sätze und Szenen (p.s.: … und Fußnoten), so etwa die Sache mit dem Ameisencomputer. (Das erinnert mich an den Termitencomputer von Jeff Noon in „Automated Alice“, mit seinem „beanary system“. Beide Bücher entstanden 1996…)

Pratchetts Humor und Erzählstil mag nicht jedermanns Sache sein, aber „Schweinsgalopp“ könnte selbst solche Skeptiker von den Qualitäten dieses Autors überzeugen: Es ist einer seiner gelungensten Romane!

_Michael Matzer_ © 1998ff

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

James Turner: Iä! Iä! Cthulhu fhtagn! (Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!) – Vorwort zu dieser Sammlung

H. P. Lovecraft: Cthulhus Ruf (The Call of Cthulhu, 1928) – Ein junger Mann, der eigentlich nur das seltsame Erbe eines Onkels ordnen wollte, muss entsetzt erkennen, dass die Menschheit diese Erde mit urzeitlichen Unwesen aus kosmischen Tiefen teilt …

Clark Ashton Smith: Des Magiers Wiederkehr (The Return of the Sorcerer, 1931) – Böse sind beide Zaubermeister, aber der eine ist auch noch rachsüchtig und lässt sich sogar durch seine Ermordung nicht von einer spektakulären Rückkehr abhalten …

James Turner (Hg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos weiterlesen

Hakl, Hans Thomas – verborgene Geist von Eranos, Der

„Scientia Nova – Verlag Neue Wissenschaft“ ist ein neuer akademischer Kleinverlag, dessen wesentliche Zielrichtung durch den Untertitel „Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik“ des mir vorliegenden Werkes „Der verborgene Geist von Eranos“ ganz treffend beschrieben wird. Der Begriff „scientia nova“ dürfte dabei passenderweise auf eine wissenschaftliche Strömung der Spätrenaissance verweisen.
In dieser Veröffentlichung nimmt der Jurist Dr. Hans Thomas Hakl (Mitherausgeber der „Gnostika“ und Korrespondent der „Politica Hermetica“) sich eines gern übersehenen Themas der Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts an, das bis heute fortwirkt: Eranos.

Eranos – was genau ist das nun? Das Wort selbst ist dem Altgriechischen entlehnt und verweist auf ein Gastmahl unter Freunden, in einer Gemeinschaft; der Wortteil „Eros“ in seiner bekannten Bedeutung schwingt dabei ganz unbefangen mit. Ein Fest der Sinne also vielleicht in mehrerlei Hinsicht, genauer ein Fest geistiger Art, zu dem Geladene etwas mitbringen, wie eine Rede, ein Lied, einen Trunk und den Willen, sich dem offenen, gemeinsamen Gespräch hinzugeben.

Im hier gemeinten Sinne ist Eranos die Bezeichnung einer Begegnung zwischen Orient und Okzident, Wissenschaft und Esoterik, Kunst und Religion. Initiiert wurden diese bedeutsamen Zusammenkünfte 1933 von der theosophisch vorgeprägten Holländerin Olga Froebe-Kapteyn; den Namen schlug ihr der Religionswissenschaftler Rudolf Otto vor. Zunächst sollte der Schwerpunkt auf Themen der Religion und des rein Geistigen liegen, doch der „genius loci“ hatte wohl seinen eigenen Willen, als sich aus den – von C. G. Jung maßgeblich mitgeprägten – einwöchigen Tagungen viel mehr entwickeln sollte.

Natur- und Religionswissenschaften, Psychologie, Philosophie, Islamistik, Ägyptologie und Indologie gehörten bald ebenso zu den Themen wie Buddhismus, Mystik und Mythen, Kabbala und Gnosis. Das Zusammenspiel zwischen strikter Wissenschaftlichkeit und kreativ-intuitiver Herangehensweise gehörte damit ebenso zu den zentralen Merkmalen der Tagungen selbst wie zu den Wesenszügen ihrer Redner und Gäste. Und so mancher der bedeutendsten Vertreter seines jeweiligen Faches folgte den Einladungen der Eranosrunde, wo sich viele Akademiker zum ersten Male und für spätere Zusammenarbeit in fruchtbarer Weise kennen lernen konnten. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten und Projekte konnte auch erst durch die Verbindungen zu Eranos und der Bollingen-Stiftung Form gewinnen.

Das schweizerisch-italienische Ascona im Tessin bot sich eigentlich als Ort der Zusammenkunft geradezu an. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Dorf Ascona am Monte Verità (wie bildhaft stimmig) zu einem Schmelztiegel diverser geisteswissenschaftlicher, religiöser und esoterischer Bestrebungen; speziell dem Bemühen zugetan, der Entzauberung und Profanisierung der modernen Welt entgegenzuwirken (ohne dabei weltfremd zu agieren). Die „Associazione Amici di Eranos“ dazu: „Aus heutiger Sicht war unser Dorf im Tessin ein Versuchsfeld, auf dem die Verwirklichung einer kulturellen Vision vorbereitet wurde, die die unsere geworden ist: die Ökologiebewegung; die Versöhnung des menschlichen Lebens mit der Natur; die vergleichende Erforschung der Symbole, der Religionen, der imaginierten Welten; der Dialog der Kulturen zwischen Okzident und Orient, zwischen Europa und Amerika, zwischen Moderne und dem Altertum; die Emanzipation der Frauen, deren eigene kulturelle Kreativität und schöpferische Weisen; die elementare Rolle der Geschlechterdifferenz in der Konstruktion der menschlichen Welt; die Wiederentdeckung des Körpers im modernen Tanz, des Umgangs mit dem Körper überhaupt, in Ess- und Kleidungsgewohnheiten; die Kultur der Toleranz, des Friedens, die Ablehnung jeglichen Dogmatismus; das ganzheitliche Studium der menschlichen Person: die Träume, die Seele, die Phantasie, Leben und Tod, Wissen und Unwissen, Vernunft und Gefühle, das Eine oder Andere, das Fremde, die Freiheit und die Regeln, das Individuum und die Gemeinschaft, die Riten in Dauer, in Wandlungen, das Schweigen, das Wort.“

Ein gewichtiger Eindruck der Bedeutung von Eranos lässt sich durch eine – von mir rein selektiv getroffene – Auswahl der hier seit nunmehr siebzig Jahren (mit einer Unterbrechung 1988/89 und veränderter Fortführung in zwei Eranos-Linien) Aktiven gewinnen:

Jan Assmann
Leo Baeck
Ernst Benz
Rudolf Bernoulli
Martin Buber
Henry Corbin
Mircea Eliade
Antoine Faivre
J. Wilhelm Hauer
Friedrich Heiler
Gustav Richard Heyer
Toshihiko Izutsu
Carl Gustav Jung
Erik Hornung
Hans Kayser
Karl Kerényi
David L. Miller
Erich Neumann
Adolf Portmann
Paul Radin
Erwin Rouselle
Annemarie Schimmel
Gershom Scholem
Erwin Schrödinger
Daisetz Teitaro Suzuki
Swami Yatiswarananda
Heinrich Zimmer

Das soll als Überblickvorstellung der Eranos-Thematik genügen. Weitere Information gibt es beispielsweise unter [Eranos.org]http://www.eranos.org/ zu finden.

Wie nimmt sich nun Herr Hakl dieser Thematik an; zumal es sich um eine der wenigen Veröffentlichungen handelt, die sich überhaupt eingehender und gezielt mit Eranos befassen?

Kurzum: Das große Werk ist trefflich gelungen. Nicht nur ging er mit ausgesuchter Sorgfalt an die Niederschrift heran (wovon ein erschlagendes Literaturverzeichnis ebenso zeugt wie zahlreiche vertiefende Anmerkungen und die Einbindung persönlicher Gespräche und Briefwechsel mit Eranosteilnehmern) und lässt seinen persönlichen Enthusiasmus für sein Forschungsobjekt in die Lesbarkeit gut förderlicher Weise aus seinen Zeilen sprechen. Es gelingt ihm dabei trotz aller Begeisterung und persönlichen Handhabung des Subjekts kritisch distanziert zu bleiben und sich auch weniger erfreulichen Kommentaren, Vorfällen und Anwürfen zu widmen. Als Beispiel sei hier die Problematik der Entstehungszeit genannt sowie der Tatsache, dass einige mehr oder minder dem Nationalsozialismus zugetane Personen unter den Teilnehmern zu finden sind; und auch die Debatte um C.G. Jungs Einstellung zu Antisemitismus und Nationalsozialismus ist noch lange nicht beendet (und wird es meiner Ansicht nach auch niemals sein, da sich keine eindeutige Stellungnahme finden lassen wird, wie die Etikettenwissenschaft sie gern hätte, die dem Prozesshaften noch immer nicht recht zugetan ist).

Der Autor geht in seinen Betrachtungen im Wesentlichen chronologisch vor, vor allem in der Anfangsphase der Eranostagungen. Dabei widmet er sich wichtigen Rednern und Persönlichkeiten eingehender mit Ausführungen zu Biografie und Lebenswerk sowie den Querverbindungen untereinander.

Hakl gelingt es mit seiner ausgezeichneten Arbeit, verschiedene Interessengruppen zugleich anzusprechen. Der größtenteils angenehm lockere und verständlich formulierte Wortfluss kommt dem Laien sehr entgegen, die Tiefgründigkeit und Sorgfalt dem akademischen Forscher. Der Eranosfreund wird ebenso fündig wie der Skeptiker. Alle Anmerkungen sind erfreulicherweise direkt unterhalb des Fließtextes zu finden, was vielleicht nicht üblich ist, aber lästige Blätterei und damit Überblicksverlust erspart. 47 Glanzfotos im Mittelteil erfüllen die Beschreibungen mit nostalgischem Leben. Und letztlich gibt es keine vergleichbare Arbeit über Eranos auf dem Buchmarkt.

Insgesamt ist „Der verborgene Geist von Eranos“ ein kulturhistorisch bedeutsames, rundum gelungenes, geradezu unverzichtbares Werk, das sicherlich zum rechten Zeitpunkt kommt. Nicht nur, um die Neugierde des historisch Interessierten zu befriedigen, sondern auch, um auf eine wesentliche und wichtige Entwicklung hinzuweisen, denn letztlich ist es an uns, was wir aus den Errungenschaften des Eranos weiterhin zu formen trachten und ob die Bestrebungen der Eranosteilnehmer lediglich als Fußnote der Geschichte auftauchen werden. Gerade Akademiker sollten aus diesem Werke lernen und den Austausch zwischen Traditionen, Kulturen und Fachgebieten für eine Gewinn bringende, zukunftsorientierte und ganzheitliche Zusammenarbeit suchen. Die Großen und Respektierten des vergangenen Jahrhunderts haben dies offenkundig getan; und auch wenn das vielen sicherlich unerwünschte Eranosthema allzu gern verdrängt wird, so zeigt die Geschichte doch, dass es nicht verkehrt sein kann, ihrem Beispiel zu folgen und das Werk fortzuführen.

Abschließend sollen zu diesem Buch, den Gesamteindruck vervollständigend, einige Eranospersönlichkeiten zu Worte kommen:

_Annemarie Schimmel_ (Islamistin, Prof. Dr. Drs. h.c. mult., u. a. Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und weltweit anerkannte Islamexpertin):
„H.T. Hakls Buch über die Entwicklung von ERANOS ist überaus spannend. Als jüngere Zeitgenossin vieler, wenn nicht der meisten dort vorgestellten Persönlichkeiten, hat mich die treffende Analyse fasziniert, und ich hoffe sehr, dass viele an der europäischen Geistesgeschichte Interessierte dieses grundlegende Werk lesen und dadurch einen neuen Zugang nicht nur zu dem bisher weitgehend von der Wissenschaft vernachlässigten Thema ERANOS finden, sondern auch zu wichtigen Fragen der neueren Geschichte. Jeder an geistesgeschichtlichen Problemen der Neuzeit Interessierte sollte das Buch aufmerksam lesen.“

_Erik Hornung_ (Ägyptologe an der Universität Basel und ehemaliger Präsident der „Amici di Eranos“):
„Eranos, die jährliche Zusammenkunft prominenter Gelehrter in Ascona seit 1933, ist längst zu einem Bestandteil der neueren Geistesgeschichte geworden. Hans Thomas Hakl gelingt es, dieses bisher unerforschte Kapitel in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erhellen und die geistige Mitte dieser Begegnungen, dazu ihre Ausstrahlung in alle Welt, sichtbar zu machen. Ein spannendes und zugleich höchst aktuelles Lesevergnügen!“

_Antoine Faivre_ (Lehrstuhlinhaber für die Geschichte der esoterischen und mystischen Strömungen im Europa der frühen und modernen Neuzeit am Religionswissenschaftlichen Institut der E.P.H.E. (Sorbonne), und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Diese, dem Phänomen Eranos gewidmete erste Gesamtdarstellung wissenschaftlichen Wertes, kommt gerade recht und dürfte wohl auf lange Zeit das Standardwerk bleiben. Auf fein gesponnene Weise werden nicht nur hochinteressante Details und Aussagen aus erster Hand sowie gediegene Einzeluntersuchungen zusammengetragen. Ebenso gelingt es dem Autor aufzuzeigen, wie die verschiedenen Beziehungsfäden innerhalb der Eranos-Tagungen zusammenlaufen und darüber hinaus, die Bezüge zur neueren Geistesgeschichte herzustellen.“

_David Miller_ (Watson-Ledden Professor Emeritus der Religionswissenschaften an der Syracuse Universität (USA) und Mitglied des Eranoskreises von 1969–1988):
„Dieses faszinierende Buch liefert einen äußerst gründlichen und ausgewogenen Bericht von einer verborgenen Dimension des geistigen Lebens im letzten Jahrhundert. Diese Dimension wird hier in einer überaus sorgfältigen und wissenschaftlichen aber auch interessanten Weise der Öffentlichkeit enthüllt. Dabei zeigt der Autor auf, dass die Eranos-Konferenzen von 1933 bis 1988 ein – wie man das in einer postmodernen Computersprache ausdrücken könnte – im Hintergrund des 20. Jahrhunderts ablaufendes Programm darstellen und dass diese bis jetzt unbekannte Kraft ein spirituelles Vermächtnis in sich birgt und zwar genau inmitten eines modernistischen Scheiterns von Seele und Geist.“

_Giovanni Casadio_ (Professor für Religionsgeschichte an der Universität Salerno und ehemaliger Redner beim Eranos):
„Die Geschichte eines Jahrhunderts bleibt so lange unverständlich, bis man den Geist erkennt, der sie von innen her gelenkt hat. Der Geist des 20. Jahrhunderts ist im Guten wie im Schlechten oft mit dem Genius Loci identifiziert worden, der den Eranos-Tagungen von Ascona voranstand. Dieses Buch ist nun der einzige brillante und kompetente Führer, um sich in diesem Labyrinth geistiger Verwicklungen zurechtzufinden.“

Pratchett, Terry / Kirby, Josh – Eric

Diese Ausgabe eines klassischen Rincewind-Romans wurde knallbunt illustriert von Josh Kirby, im gewohnten Stil. Genau genommen, ist sogar das ganze Buch nur geschrieben worden, um Kirby Gelegenheit zur Darbietung seiner Kunst zu geben. Denn diese Reiseerzählung hat relativ wenig mit der Scheibenwelt der übrigen Romane zu tun.

_Handlung_

Der 13-jährige Eric ist so eine Art Möchtegernzauberer und macht Sachen, von denen seine Eltern nichts erfahren dürfen. Er beschwört einen Dämon und erhält statt dessen Rincewind. Er soll ihm drei Wünsche erfüllen: Eric möchte Herrscher der Welt sein, die schönste Frau besuchen und ewig leben: kurzum höchstes Glück! Na, denn prost, denkt sich Rincewind unwillig. Und ich meine: Das ist ja wie bei Dr. Faust. (In der Tat ist auf der Originalausgabe das Wort „Faust“ durchgestrichen und durch „ERIC“ ersetzt. Aber als Engländer bezieht sich Pratchett eher auf den „Faust“ von Christopher Marlowe, nicht auf Goethe.)

Herrscher der Welt wird Eric im Urwald von Klatsch, wo auf Pyramiden Menschen den Göttern geopfert werden. Genau wie ihre Kulturgenossen, die Azteken, schneiden auch die Tezumaner ihren Opfern gern mit einem Obsidianmesser das Herz raus…

Nun hat aber der neue Herrscher der Hölle, Dämonenkönig Astfgl, neue Leitlinien für die Führung von dämonischen und höllischen Aktivitäten erlassen. Der Dämon, der für die Tezumaner zuständig ist, wird bei seiner Materialisierung auf der Steinpyramide leider das unerwartete Opfer einer vorbei kommenden Truhe mit tausend Beinen. Eric und Rincewind sind gerettet.

Sogleich erfüllt sich der nächste Wunsch. Was bei „Faust“ die schöne Helena in Troja, das ist für Eric die achtfache Mutter Elenor von Tsota, das nun von den Ephebianern umzingelt ist. Doch der schlaue Held Lavaeolus (= Odysseus) verschafft ihnen Einlass bei Elenor. Eric winkt angesichts der fülligen Dame und ihrer Kinderschar dankend ab.

Auf geht’s zum nächsten Wunsch. Das ewige Leben jedoch beginnt nirgendwo, das heißt im Nichts – denn eine Ewigkeit dauert von Anfang bis Ende einer Welt (Letzteres taucht ebenfalls auf, im Stil von H.G. Wells). Erst als ein (der?) Schöpfer auch die Scheibenwelt kreiert hat, dürfen Eric und Rincewind auf ihr landen. Wenig später stellt sich auch eine Truhe ein. Das ist auch nötig, denn der Dämonenkönig holt das Duo in die Hölle, wo dann der Showdown inklusive Revolution stattfindet.

_Fazit_

Die Hölle als Traum eines Bürokraten darzustellen und die Götter als verkappte Dämonen, gehört mit zur Parodie der Religionsgeschichte und ihrer seltsamen Vorstellungen. Aber auch die hinterlistige Kritik an dem, was sich die (jungen) Leute so landläufig unter „erfüllten Wünschen“ vorstellen, kommt nicht zu kurz. Man nehme sich vor seinen Wünschen in acht!

Dieser kleine Band ist ein Schmuckstück für jede Pratchett-Sammlung. Seit der deutschen Neuauflage der Pratchettwerke ist er auch wieder offiziell erhältlich.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Hornung, Erik – geheime Wissen der Ägypter und sein Einfluß auf das Abendland, Das

Mit diesem Buch liegt eine weitere faszinierende religions- und kulturwissenschaftliche Studie aus dem dtv-Verlag vor, die gleichzeitig akademischen wie an einem weiteren Publikum orientierten Ansprüchen gerecht wird. Der neben Jan Assmann wohl bekannteste deutsche Ägyptologe Erik Hornung (u.a. „Der Eine und die Vielen. Ägyptische Göttervorstellungen“) wendet sich hier sozusagen der europäischen Seite Ägyptens zu – also der Frage, welches Bild von Ägypten sich die Abendländer über die Jahrhunderte hinweg vom Land der Pharaonen und Pyramiden machten. Es geht ihm dabei nicht in erster Linie um die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft zur ägyptischen Kultur, sondern um das esoterische Bild von Ägypten: Hornung nennt es Ägyptosophie. Es ist die Vorstellung von Ägypten als dem Ursprungsland der Einweihungen, des Geheimwissens und des Gottes Thoth, der im alten Griechenland zum Gott der Magie wurde und unter dem Namen Hermes Trismegestos eine Rolle in der europäischen Geistesgeschichte spielte.

Beim Lesen wird einem schlagartig bewusst, wie sehr ägyptische Überlieferungen und Legenden auf Europa gewirkt haben. Auch wenn natürlich die anderen alten Hochkulturen wie z.B. Babylonien oder China hier genauso rezipiert wurden, hat keine von ihnen die Popularität Ägyptens erreicht – außer vielleicht Indien, das interessanterweise schon bei den Griechen in einem Atemzug mit Ägypten genannt wurde, wenn es um den Ursprung göttlicher Weisheit ging. Ägypten ist demzufolge nicht nur ein exotisches, weit entferntes Land, sondern ein Symbol, das durch eine lange Tradition in Europa heimisch geworden ist.

Für einen renommierten modernen Wissenschaftler wie Hornung ist es ungewöhnlich, dass er dieses esoterische Ägyptenbild nicht etwa verdammt und als bestenfalls kulturgeschichtlich interessante Kuriosität belächelt. Nein – mit Erstaunen liest man Sätze wie den folgenden: „Trotzdem sollte es viel mehr Brücken und weniger Berührungsängste zwischen den Fachwissenschaften und der Esoterik geben, das wäre für beide Seiten fruchtbar.“ (S. 10) Weiterhin wendet sich Hornung deutlich gegen den Elfenbeinturm einer abgeschlossenen Fachwissenschaft. Er sieht es als ein beflügelndes Ziel für den Ägyptologen, an der Verwirklichung einer neuen geistigen Renaissance mitzuschaffen – ein Traum, wie er zugibt, aber kein unmöglicher. Er fordert von der Ägyptologie, dass sie den Kontakt mit der Öffentlichkeit suchen sollte, da Ägypten schließlich anregend auf Kunst, Musik und Alltagskultur gewirkt habe. Der hermetischen Weltsicht, also den sich u.a. auf Ägypten berufenden Weisheitssystemen, spricht er einen wichtigen Beitrag für die Sinngebung in unserer modernen Welt zu.

Den Leser erwartet also ein Buch, das weitgehend vorurteilsfrei mit seinem Thema umgeht. In dieser Hinsicht dürfte es bislang einmalig sein. Hornung kritisiert nur dort, wo sich das esoterische Bild zu sehr von den rekonstruierbaren Fakten entfernt. Ansonsten versucht er in allererster Linie zu verstehen und nachzufühlen. Für den Leser wird das Buch dadurch umso spannender.

Das Werk ist chronologisch aufgebaut, und so beginnt Hornung mit den altägyptischen Wurzeln für das esoterische Ägyptenbild. Dabei erfahren der schon erwähnte Gott Thot und der Mythos vom Weg der Sonnenbarke eine besondere Beachtung, welche ein bestimmendes Element in den Vorstellungen der Ägypter über das Jenseits darstellten. Initiationen in ein geheimes Wissen hat es nach allen bislang gewonnenen Erkenntnissen dort nicht gegeben. Ganz im Gegenteil – der Kult in Ägypten war ein Staatskult und von öffentlichen kollektiven Ritualen geprägt, die auf eine Regeneration der Menschen, auf eine Rückkehr in die Zeit der Mythen und der Schöpfung abzielten. So wurden z.B. der Mythos von Tod und Auferstehung des Gottes Osiris oder das Wiederfinden des Horuskinds durch die Gottesmutter Isis in riesigen Prozessionen dargestellt. Das war kein Theater, sondern wurde als ganz unmittelbare Wirklichkeit empfunden. Eine Einweihung in Mysterien (wie in dem Mysterienkult, der sich auf Isis bezog) hat es erst in griechischer Zeit, während des Hellenismus, gegeben. Die Vorstellung, dass die Menschen aus einem harmonischen paradiesischen Ursprungszustand in den unvollkommenen Zustand der Welt abfielen, gab es allerdings schon im alten Ägypten. Das „Buch von der Himmelskuh“ um 1350 v.Chr. spricht von einem Zusammenleben der Menschen mit den Göttern, das durch eine Empörung der Menschen gegen den Sonnengott beendet wurde. Die Menschen verfielen damit dem Alterungsprozess und dem Tod. In Ägypten liegt also eine der Wurzeln für die späteren gnostischen Vorstellungen.

Im hellenistischen Griechenland brachte man ägyptischer Priesterweisheit sehr viel Ehrfurcht entgegen. Von berühmten Gelehrten wie beispielsweise Pythagoras behauptete man, dass sie bei diesen Priestern in die Lehre gegangen wären. Obwohl die Astrologie nachweislich aus Babylonien stammt, wurde auch ihr ein ägyptischer Ursprung zugewiesen. In Griechenland liegt der Beginn alchemistischer Lehren, in deren Mittelpunkt allerdings der um 300 n. Chr. wirkende Ägypter Zosimos steht.

Hornung beschäftigt sich im folgenden eingehend mit der Gnosis und dem Corpus Hermeticum, einer Schrift, die sich als direkte Offenbarung des Gottes Hermes darstellte. In diesem Zusammenhang taucht auch der Name Imhotep auf, der im populären Bewusstsein heute durch einige Filme mit dem Bild der rachelüsternen lebenden Mumie verbunden wird, in Ägypten und Griechenland aber als Sinnbild des Weisen galt und mit dem griechischen Heilgott Asklepios identifiziert wurde.

Es folgen Kapitel über den Eingang ägyptischer Motive in das Christentum (Jesus wird in koptischen Überlieferungen beispielsweise als Magier betrachtet, der von einem Ägypter diese Kunst erlernt hat), über die Hieroglyphenmystik in der Renaissance und über die ersten Versuche frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit, Ägypten zu deuten. Danach lenkt Hornung den Blick auf die geheimen Bruderschaften, die vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein entstanden und sich dabei auch von ägyptischer Symbolik bzw. deren Abwandlungen inspirieren ließen. Geradezu als Erben ägyptischer Weisheit traten die ersten Theosophen auf. Helena Blavatsky, Begründerin der Theosophie, sah in den Pyramiden Einweihungsstätten.

Auch für Rudolf Steiner und die Anthroposophie wurde Ägypten wichtig. Steiner schrieb mehrere Mysteriendramen, von denen „Der Seele Erwachen“ Einweihungszenen in einem ägyptischen Tempel vorführt. In Vorträgen lehrte Steiner, dass sich die Ägypter der Mumifizierung bedienten, um die Verstorbenen daran zu hindern, aus der geistigen Welt wieder auf die Erde hinabzusteigen. Bei ihm findet sich auch ein Anklang an den modernen „Fluch der Pharaonen“, da er den Mumien eine Art „Giftatmosphäre“ und magische Drohung zuschrieb, die ihnen eingepflanzt wurde und auch heute noch tödlich wirken könne. Der modische „Mumienkult“ wird ebenfalls in einem eigenen Kapitel beschrieben. Hornung gibt eine Überschau ägyptischer Motive in der modernen Esoterik (z.B. das Tarot, Aleister Crowley, Reinkarnationsvorstellungen) und wirft einen Blick auf die afrozentrische Bewegung, die uralte ägyptische Kultur als Vorläufer einer schwarzafrikanischen Identität instrumentalisieren will.

Das Buch endet mit der Frage, inwieweit Ägypten uns Europäern mit seiner andersartigen Jenseitsvorstellung, seiner auf der Göttin Maat beruhenden pragmatischen Ethik und einem ganzheitlichen Denken, das in der Naturwissenschaft heute ja wieder auftaucht, eine Alternative vor Augen stellen und Impulse für eine neue Kultur geben kann. Man kann nur hoffen, dass Hornungs offener Ansatz in diesem Buch Nachahmer bei seinen Fachkollegen finden wird.

Robin Hobb – Der goldene Narr (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II)

„Der goldene Narr“ ist der Mittelband der zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher; Robin Hobbs Nachfolgezyklus der „Weitseher“-Trilogie verbindet diese mit der Handlung im „Zauberschiffe“-Zyklus.

Es ist nicht nötig, diese Zyklen zu kennen, es empfiehlt sich jedoch, mit dem ersten Band der Trilogie, „Der lohfarbene Mann“ zu beginnen, da dieser einige für Neueinsteiger wichtige Informationen enthält.

Nach langen Jahren im selbstgewählten Exil ist Fitz an den Hof von Bocksburg zurückgekehrt und hat Prinz Pflichtgetreu aus den Fängen der „Gescheckten“ gerettet. Der Verlobung Pflichtgetreus mit Narcheska Elliana, einer Prinzessin der Outislander, dem ehemals größten Feind der Sechs Provinzen, steht nichts mehr im Wege. Chade und Fitz sind unterdessen besorgt, denn mindestens ein Spion der Gescheckten befindet sich in der Burg. Chade drängt Fitz, Pflichtgetreu, ihn selbst und den geistig etwas zurückgebliebenen Dick in der Gabe der Weitseher zu unterweisen, was sich als problematisch erweist, da Dick sich gegenüber Fitz feindselig verhält und Chade so versessen darauf ist, auch die Gabe zu erlernen, was ihm lange verwehrt war, dass er unvorsichtig vorgeht und so alle in Gefahr bringt.

Robin Hobb – Der goldene Narr (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II) weiterlesen

Pratchett, Terry – Gevatter Tod

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

„Mort“ ist der erste der TOD-Romane: Danach folgten „Reaper Man“ (1991, „Alles Sense!“), „Soul Music“ (1994, „Rollende Steine“) und „Hogfather“ (1997, „Schweinsgalopp“).

Dies ist die Geschichte von der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird. Der junge Mort findet keine Lehrstelle. Bis ihn Gevatter Tod als Azubi in seine Dienste nimmt. Fortan begleitet Mort die Seelen Verstorbener ins Jenseits. Als Prinzessin Keli hinterrücks gemeuchelt werden soll, fällt Mort dem Attentäter in den Arm und tötet ihn sogar – völlig gegen alle Vorschriften.

Das Universum reagiert höchst ungnädig auf die Geschichtsverfälschung: Es ignoriert Kelis Existenz und quetscht sie an den Rand der Realität. Im verzweifelten Kampf um das Leben der Angebeteten wird Mort seinem Meister immer ähnlicher, bis er eines Tages sogar IN GROSSBUCHSTABEN REDET…

Der TOD ist wunderbar. Humorlos, stets grimmig, mit einem Pokergesicht und doch mit einer gewissen Sympathie für das Menschengeschlecht. Sein Pathos rührt von seiner Unfähigkeit her, solche Launen wie menschliche Gefühle zu begreifen. In „Gevatter Tod“, dem ersten Scheibenwelt-Roman mit einer vollständig in sich geschlossenen Handlung, geht er auf Urlaub. Doch während die Katze fort ist, tanzen bekanntlich die Mäuse auf dem Tisch – bis die Katastrophe nicht mehr ausbleibt.

_Michael Matzer_ © 1999ff

Diana Souhami – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Die Geschichte von Alexander Selkirk, der 1704 auf einer einsamen Pazifikinsel ausgesetzt wird und sich mehr als vier Jahre völlig allein durchschlagen muss, bis er gerettet wird, wurde zur Vorlage der Geschichte von Robinson Crusoe. Diana Souhami löst die Fiktion von der historischen Wahrheit, der sie indes selbst wieder literarische Qualitäten verleiht, indem sie Selkirks Geschichte als Gelegenheit nutzt, einen Blick auf die Welt des frühen 18. Jahrhunderts zu werfen. Dies geschieht in kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln und stilistisch auf beachtlichem Niveau. Das Ergebnis ist ein ‚Geschichtsbuch‘ mit Romanqualität. Diana Souhami – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe weiterlesen

Pratchett, Terry – MacBest

Shakespeare auf der Scheibenwelt – da ist natürlich so einiges anders als beim alten englischen Barden. Die Hauptpersonen, wie kann es auch anders sein: drei Hexen, ein Dolch, ein gemeuchelter König (siehe Dolch), ein Thronräuber (siehe König), ein schüchterner Monolith, ein ernster Narr, ein dichtender Zwerg und ein Kronprinz im Schauspielerexil – kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? Lachen oder nicht lachen, das ist hier die Frage.

König Verence wird hinterrücks erdolcht, der kronprinzliche Säugling zusammen mit der Reichskrone von Getreuen gerettet und den drei Hexen (den „Wyrd Sisters“ des Originaltitels) anvertraut. Die bereits aus [„Equal Rites“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=218 (ein Wortspiel mit „equal rights“ – Gleichberechtigung, das hier aber „gleiche Riten“ bedeutet) bekannte Oma Wetterwachs, die alte, allem Weltlichen aufgeschlossene Nanny Ogg (die mit dem berühmt-berüchtigten Kochbuch) und die junge, etwas flippige Magrat Garlick wissen zunächst nicht, wohin mit dem Wickelkind.

Ihnen fällt nichts Besseres ein, als den Kronprinzen einer fahrenden Schauspielertruppe inkognito anzuvertrauen – schließlich mischen sich Hexen grundsätzlich nicht in weltliche Angelegenheiten ein. Doch auch sie müssen feststellen, dass erstens alles meist anders kommt, und zweitens, als man es sich vorgestellt hat. Vorhang auf also für den großen Dornröschenschlafzauber der Hexen für das gesamte Reich. Zumindest so lange, bis Kleinprinzlein erwachsen geworden ist und als Held den Thronräuber verjagt – allerdings ist Prinz Tomjon mit Leib und Seele Schauspieler und denkt überhaupt nicht daran, das verantwortungsvolle Amt eines hochoffiziellen Helden außerhalb der Bühne anzustreben. Guter Rat ist da selbst für so gewiefte Hexen wie unser infernalisches Trio teuer…

In der sechsten deutschen Auflage der Scheibenwelt beweist Pratchett seinen enormen Einfallsreichtum und hintergründigen Humor. Wie kaum ein anderer – vielleicht mit Ausnahme von Tom Holt – versteht es Pratchetts Fantasyvariante, Anspruch und intelligenten Humor miteinander zu verknüpfen.

Im Gegensatz zu seinen Autorenkollegen klebt er nicht an einer Hauptperson (etwa in Aprins „Myth“-Serie oder in Gordons „Drachenritter“-Zyklus) oder einem längst ausgelutschten Schauplatz (etwa Anthonys „Xanth“), sondern sucht sich immer wieder neue Freiräume, neue für ihn und seine Leser interessante Figuren und Konstellationen und sorgt auf diese Weise für scheinbar immerwährende Frische und Pepp in seinen Scheibenweltromanen.

Nicht etwa, dass er hierbei darauf verzichtet, altbekannte Figuren (u.a. der Literatur) bei Gelegenheit wieder auftreten zu lassen: Der Primaten-Bibliothekar der Unsichtbaren Universität erscheint in fast jedem der ersten Bände, und das Hexentrio mischt sogar noch den zwölften Band („Witches abroad“) auf. Aber dabei kommt nie Langeweile auf, wirken die Protagonisten nie abgegriffen und und altbekannt. Wieder einmal ist für prächtige Unterhaltung gesorgt.

_Michael Matzer_ © 2002ff

Hobb, Robin – lohfarbene Mann, Der (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)

„Der lohfarbene Mann“ ist kein anderer als der Narr aus Robin Hobb’s [„Weitseher“-Trilogie]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=229 und der erste Band einer neuen Trilogie, die knapp 15 Jahre nach dem Ende des Krieges gegen die Roten Korsaren spielt.

Fitz, der ehemalige Assassinen-Lehrling und Bastard königlichen Blutes, gilt für die meisten seiner Freunde und den Rest der Welt als tot – und das ist ihm auch sehr recht. Körperlich und geistig geschunden, hat er sich in ein einsames Waldhaus zurückgezogen und möchte mit der Welt nichts mehr zu tun haben, zu viel hat man ihm abverlangt. Nur sein Wolf Nachtauge und sein Ziehsohn Harm, ein Findelkind, das er bei sich aufgenommen hat, leisten ihm Gesellschaft, wenn nicht seine alte Freundin, die Menestrelle Merle, auf einen Sprung vorbeischaut.

Doch die Welt dreht sich weiter, und Harm benötigt eine Lehrstelle, soll er nicht auf ewig im Wald versauern. Auch wenn die Schäden des Krieges gegen die Roten Korsaren behoben sind, Ruhe ist in den sechs Provinzen nicht eingekehrt. Der Thron Königin Kettrickens steht auf wackeligen Beinen, und ihr Sohn, Prinz Pflichtgetreu, soll als Geste der Versöhnung und um einen starken Verbündeten zu gewinnen, eine Narcheska (Prinzessin) der Outislander heiraten, was nicht von allen Herzögen der Königin begrüßt wird. Aber auch sonst rumort es im Lande: Die der Tiermagie mächtigen Menschen vom „Alten Blut“ werden nun noch weit mehr als zu Zeiten einer äußeren Bedrohung verfolgt und grausam misshandelt. Ein idealer Sündenbock für Missernte und sonstige Unbill – stirbt eine Kuh, hatte garantiert ein missgünstiger Zwiehafter seine Hände im Spiel, keine Frage. Doch nicht alle vom „Alten Blut“ laufen davon, sie schlagen zurück: Mit Terror gegenüber nicht nur allen „Normalen“, sondern auch gegen die eigenen Leute – man zwingt gemäßigte Zwiehafte zur Mitarbeit, andernfalls werden sie denunziert und verraten oder auf sonstige Weise genötigt. Diese „Gescheckten“ werden zu einer echten Bedrohung für die Krone, und Chade, Fitz‘ alter Lehrmeister, bittet ihn zurück nach Bocksburg zu kommen, auch um die Ausbildung Pflichtgetreus in der „Gabe“ der Weitseher zu übernehmen.

Da Fitz, selbst ein Zwiehafter, mit dem Wolf Nachtauge verschwistert und als Bastard eines Weitsehers auch der Gabe zuteil ist, wäre sein Wert für Chade in beiderlei Hinsicht immens. Doch Fitz will seine Hütte nicht verlassen und sich der Welt wieder stellen – bis Prinz Pflichtgetreu davonläuft oder entführt wird, Chade vermutet, dass auch er der „Alten Macht“ mächtig ist und sich mit einer Katze verschwistert hat – die anscheinend zu den „Gescheckten“ gehört und einen schlechten Einfluss auf den Prinzen ausübt.

Fitz bringt seinen Ziehsohn in der Stadt unter und macht sich unter dem Decknamen Tom Dachsenbless als Diener des Narren, der jetzt als Fürst Leuenfarb an den Hof in Bocksburg zurückgekehrt ist, und der königlichen Jagdmeisterin Laurel auf die Suche nach Prinz Pflichtgetreu.

Die lange erwartete Fortsetzung der Weitseher-Trilogie beginnt recht verhalten. Für Kenner etwas ermüdend, für Neuleser jedoch absolut notwendig sind die anfänglichen Erklärungen der „Alten Macht“ und der „Gabe“, da diese im weiteren Handlungsverlauf eine wichtige Rolle spielen werden: „Zwiehafte“ mit der „Alten Macht“ können mit Tieren reden, und Tiere mit ihnen – ihre Geschwistertiere können sogar intellektuell auf das Niveau eines Menschen steigen, die Gefahr ist jedoch, dass der Mensch nicht nur von den meist sensorischen Vorteilen der Tiere wie gesteigerten Geruchssinn profitiert, sondern mehr und mehr tierische Verhaltensweisen annimmt und selbst zum Tier wird. Deshalb wird die Tiermagie so geschmäht, auch das Verhalten der Zwiehaften macht dem einfachen Volk große Angst, die oft in Gewalt umschlägt. Einige schwarze Schafe unter den Zwiehaften missbrauchen ihre Brudertiere auch bewusst und nehmen Rache an den Bürgern, die ein immer schlechteres Bild von den Zwiehaften gewinnen. Die Gabe ist eine Fähigkeit, die dem Geschlecht der Weitseher den Namen gab und auf den Thron verhalf: Telepathie, Suggestion und andere Fähigkeiten, die jedoch weitgehend verloren gingen, als die letzte wahre Gabenmeisterin ohne echten Nachfolger starb, gaben den Weitsehern große Macht. Die Gefahr der Gabe ist, dass man sich in ihrer Macht verliert und den Körper vernachlässigt und vergisst, der dann stirbt. Die Verlockungen der Gabe sind für viele zu stark, so dass sie ohne Ausbildung oft sterben. Fitz sind beide Fähigkeiten zueigen – aber in keiner wurde er erzogen oder ausgebildet. Und nun scheint der schlimmstmögliche Fall eingetreten: Die Gescheckten scheinen Prinz Pflichtgetreu zu beeinflussen, könnten seine zwiehafte Veranlagung publik machen, und er scheint zu allen Überfluss auch noch unter ihren Einfluss geraten zu sein.

Diese notwendigen Rückblenden und Erklärungen lesen sich wie gewohnt sehr gut, erzählerisch ist Robin Hobb wie immer in Bestform. Leider, ähnlich der Weitseher-Trilogie, beginnt die eigentliche Handlung erst knapp in der Mitte des Buches. Dann allerdings in einem zügigen Tempo, welches man beim Vorgänger oft vermisst hat.

Starke Charaktere zeichneten die Weitseher-Trilogie aus – viele der alten und zahlreiche neue werden in diesem Buch vorgestellt. In der Fantasy werden oft Archetypen verwendet, die eine Rolle zu spielen haben. Bei Robin Hobb agieren Menschen, sie versteht es ihren Figuren Leben einzuhauchen. Sei es der listige und ständig Intrigen spinnende Chade oder Kettricken, die sich zu einer großartigen Königin entwickelt hat – Robin Hobb’s Figuren leben und gedeihen, entwickeln sich und wachsen einem so ans Herz, in einem unerreichten Maße. Nicht einmal George R.R. Martin kann solche Charaktere erschaffen, auch nicht David Eddings, der bei seinen liebenswerten Charakteren stets Klischees bis zur Neige erschöpft.

Der erste Band bringt Prinz Pflichtgetreu und Fitz zum ersten Mal zusammen, er muss diesen gegen seinen Willen nach Hause zurückbringen, was jedoch für Fitz mit einem sehr tragischen Verlust einhergeht, und auch Pflichtgetreu muss leiden – keine gute Grundlage für gegenseitiges Vertrauen.

Die Handlung um die „Gescheckten“ ist in sich abgeschlossen, man kann diesen Roman einzeln und ohne Kenntnis der Weitseher-Trilogie lesen. Die Übersetzung ist wieder von Eva Bauche-Eppers und genauso hervorragend wie die der Weitseher-Trilogie gelungen. Einzig die „Telling Names“ blieben erhalten, Prince Dutiful ist in deutscher Übersetzung als Prinz Pflichtgetreu zwar gewöhnungsbedürftig, aber das englische Original ist kaum besser. Das Lektorat allerdings hätte besser sein müssen, man stolpert über viel zu viele Buchstabendreher, Trennungszeichen mitten Satz, Anführungszeichen ohne Sinn und Ende und sonstige Nachlässigkeiten, wo man beim Vorgänger maximal ein Fehlerchen pro Buch finden konnte, und das bei bis zu 1200 (!) Seiten Umfang, schade (Anmerkung: Dieses Buch hat „nur“ 916 Seiten Umfang, die Seitenzahlangabe bei Amazon ist falsch). Dafür ist diese Trilogie gebunden und erscheint im edlen Stil der Reihe „Bibliothek der Phantastischen Literatur“.

Wenn man sich durch den etwas zähen Beginn gekämpft hat, wird man mit einer deutlich temporeicheren Handlung als in der Weitseher-Trilogie belohnt. Die Charaktere begeistern nach wie vor – und der zweite Band der neuen Trilogie – [„Der goldene Narr“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=232 – verbindet Teile der fantasievolleren „Zauberschiffe“-Trilogie Robin Hobb’s, die im Süden derselben Welt spielt, mit dem Geheimnis um den Narren und die Narcheska der Outislander. „Der lohfarbene Mann“ ist ein gutes Buch, die beiden Folgebände (Band Drei ist noch nicht übersetzt) sind aber besser und warten mit einer komplexeren und fantastischeren Handlung auf, verbinden somit die Vorzüge der „Zauberschiffe“ mit denen der „Weitseher“-Trilogie – man sollte unbedingt weiterlesen, der „goldene Narr“ schließt nahtlos an dieses Buch an und bietet von Beginn an eine spannendere, komplexere und vor allem fantastischere Handlung mit faszinierenden Geheimnissen. Robin Hobb hat sich gesteigert – diese Trilogie hat all das, was man bei der Weitseher-Trilogie vermisst hat – und hat sich ihre Stärken bewahrt. Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle Fantasyfreunde, der Umfang (jedes Buch der Trilogie hat knapp 900 Seiten) dürfte Gelegenheitsleser jedoch abschrecken.

Pratchett, Terry – Erbe des Zauberers, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

„Equal Rites“ ist Pratchetts dritter Scheibenwelt-Roman, insgesamt sein sechster nach „Die Teppichvölker“ (1971/1992), „Die dunkle Seite der Sonne“ und „Strata“ (1981).

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird. Ein alter Magier fühlt das Ende nahen und übergibt seinen machtvollen Zauberstab dem ungeborenen achten Sohn eines achten Sohnes (Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt). Doch als das Kind das Licht der Welt erblickt, stellt man erschrocken fest, dass es ein Mädchen ist – und Mädchen dürfen die Zauberkunst nicht ausüben.

Als die magischen Talente der kleinen Eskarina bedrohliche Ausmaße annehmen, reist die resolute Dorfhexe mit ihr zur Unsichtbaren Universität, um der Kleinen mit allen Mitteln einen Studienplatz zu verschaffen und sie zur ersten staatlich geprüften Zauberin der Scheibenwelt zu machen.

Als sie sich mit dem Erzmagier und seinem ebenso genialen wie pickligen Zauberlehrling zusammentut, ahnt keiner, dass die Kräfte der jungen Leute eine hochbrisante Mischung ergeben, die die Scheibenwelt zum Einsturz bringen könnte.

Granny Wetterwachs, die resolute Hexe mit dem eisernen Willen, fürchtet nichts – nicht einmal die Aufnahmestelle der Unsichtbaren Universität. Hier bekämpft und überwindet sie die geschlechtsspezifischen Vorurteile ihrer männlichen, organisierten Zunftkollegen. Granny ist unwiderstehlich, auch für den Leser!

_Michael Matzer_ © 2000ff

George A. Romero/Susanna Sparrow – Dawn of the Dead. Der Roman zum Film

Romero Zombie Cover kleinDie Toten erwachen zu neuem ‚Leben‘, um ihre geschockten Hinterbliebenen zu jagen und zu fressen. Die Zivilisation droht zusammenzubrechen. In allgemeinen Chaos verbarrikadieren sich vier Überlebende in einem Großsupermarkt, doch die wahre Gefahr droht von den lebendigen Mitmenschen … – Roman zum verstörenden Filmklassiker von 1978: eine simple aber gesellschaftskritische, düstere und auch ohne Unterstützung durch bewegte Bilder wirkungsvolle Geschichte.
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Robin Hobb – Der Adept des Assassinen (Die Legende vom Weitseher 1)

Fitz ist KEIN gewöhnlicher kleiner Junge. Er ist der Bastard von Prinz Chivalric, dem Thronerben des Königshauses der Weitseher, und dieser Fehltritt war es, der denselben zumindest vordergründig zum Rücktritt bewegt hat. Wenig später stürzt der Prinz unglücklich vom Pferd…

Chivalric gab zuvor seinem treuesten Gefolgsmann, dem Stallmeister Burrich, die Aufgabe Fitz großzuziehen. Doch nicht nur dieser hat Interesse an Fitz: Er ist einfach ein Politikum. Um der Gefahr eines von Fürsten für ihre Zwecke als Thronerben aufgebauten Bastards zu entgehen, beschließt König Listenreich, ihn in seine Dienste zu nehmen. So wie er es schon mit seinem eigenen Bastard-Halbbruder tat… Chade.

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Thorne, Tony – Kinder der Nacht

Vampirliteratur wird ja gern in die Schublade der „Unterhaltungsliteratur“ gesteckt und ruft hierzulande bei seriösen Wissenschaftlern nur ein Naserümpfen hervor. Im Land von Goethe und Schiller will man mit dem großen „U“ nichts zu tun haben. Dabei wird dann die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem uralten und weltumspannenden Mythos des Vampirs gleich mit wegrationalisiert, will man doch die mögliche Stigmatisierung vermeiden. Der angloamerikanische Raum ist da nicht so pingelig. Dort widmet man sich nicht nur mit Hingabe der Untersuchung von Kriminalliteratur, sondern eben auch dem Horror. Deswegen wird es auch nicht verwundern, dass der Autor des vorliegenden Bandes, Tony Thorne, Professor am Londoner King’s College ist. Sein Buch mit dem recht populärwissenschaftlichen Titel „Kinder der Nacht. Die Vampire sind unter uns“ erschien erstmals 1999 und wagt einen fundierten, wenn auch unterhaltsamen Rundumschlag in das Land der Vampire.

Dabei ist Thornes Ansatz ganz klar ein kulturhistorischer. Er widmet sich nur am Rande den literarischen oder filmischen Inszenierungen des Vampirs. Natürlich werden Meilensteine wie Polidoris „Der Vampyr“ oder Stokers [„Dracula“]http://www.power-metal.de/book/anzeigen.php?id_book=210 vorgestellt. Auch filmische Highlights finden neben der humoristischen Betrachtung absoluter Tiefpunkte der Filmkunst Eingang in das Buch. Doch Thornes eigenliche Prämisse ist es, den sich wandelnden Mythos des Blutsaugers in verschiedenen Kulturen und über die Zeiten hinweg zu verfolgen.

So stellt er zunächst fest, dass der (mythische) Urvampir weiblich gewesen ist. Ausgehend von weiblichen Blutsaugern wie den lamia oder styx kommt er zur Königin der frühen weiblichen Vampire: Lilith, die nach dem jüdischen Glauben die erste Frau Adams war. Allerdings war sie nicht gefügig, wollte sie doch beim Geschlechtsverkehr nicht unter Adam liegen, mit der Begründung, sie seien beide ebenbürtig. Die beiden kommen zu keiner Einigung und Lilith flieht. Von da an wird sie zu einer Ausgestoßenen, die kleinen Kindern die Lebensenergie aussaugt.

Von diesen mythischen Ursprüngen kommt Thorne dann bald zu „realen“ Vampiren und Vampirplagen. Personen, die immer wieder in die Nähe des Vampirismus gestellt wurden, sind zum Beispiel Vlad Tepes (ein grausamer mittelalterlicher Feldherr), die Blutgräfin Elisabeth Bathory (die im Blut von Jungfrauen badete, um ihre Jugend zu erhalten) oder der Serienmörder Peter Kürten (der im Köln der 1930er Jahre unzählige Morde beging). Natürlich sind all diese Personen in diesem Buch vertreten. Doch auch die Vampirplagen des 18. Jahrhunderts werden näher untersucht. So wurden in südosteuropäischen Gegenden Leichen ohne zu fackeln exhumiert, wenn man annahm, sie wären Wiedergänger. Da zu diesem Zeitpunkt kaum Kenntnisse darüber bestanden, was mit einer Leiche geschieht, nachdem sie beerdigt ist, wurden Merkmale (z.B. rosige Haut, das vermeintliche Weiterwachsen von Haaren und Nägeln, die spitzer gewordenen Zähne) falsch interpretiert. Doch auch in der Neuen Welt gab es „Vampirplagen“. In Neuengland schien man die Tuberkulose mit Vampirismus zu verwechseln und exhumierte ganze Familien, um sie zu pfählen und zu köpfen.

Vom nordamerikanischen Kontinent bewegt sich Thorne abwärts nach Lateinamerika, wo es noch in den 1990er Jahren einen kuriosen Fall von Vampirismus gab, der hier erstmals in Buchform dokumentiert ist. Der Fall des Chupacabras, einer Mischung aus Roswell-Alien und blutsaugendem Tier, zeigt deutlich, wie alte Mythen und Ängste (die Angst vorm Vampir) mithilfe von Massenmedien auch eine Massenhysterie auslösen können. Und wenn diese eigentlich lächerliche Geschichte eines beweist, dann ist es die Tatsache, dass das wohlige Gruseln vorm Vampir in unserer aufgeklärten Zeit keineswegs anachronistisch ist. Der Mythos des Vampirs ist so langlebig und wandelbar, weil er Urängste verkörpert, die uns auch in unserer modernen Zeit noch nicht in Ruhe lassen. Er verkörpert die Angst vor den Toten, die Ungewissheit dessen, was nach dem Sterben kommen mag und er verkörpert auch die Angst vor dem Verlust der eigenen Lebensenergie (des Blutes).

Ebenfalls hochaktuell ist Thornes Betrachtung der nordamerikanischen Real Vampires, die gerade durch neue Technologien wie das Internet einen Aufschwung erlebt haben. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich selbst als Vampire bezeichnen. Entweder sie trinken tatsächlich Blut – was meist im Zusammenhang mit sadomasochistischen Sexpraktiken passiert. Oder sie bezeichnen sich als Psychovampire und ernähren sich von der Lebensenergie ihrer Mitmenschen. Katherine Ramsland hat sich in ihrem Buch „Vampire unter uns“ ebenfalls in die Szene der Real Vampires begeben, doch Thorne liefert die weniger blumige Betrachtung, die dadurch aber kaum weniger schauerlich ist. Er bietet einen Einblick in eine Subkultur, die von schwarzgekleideten Gothics bis zu gewaltbereiten Psychopathen reicht.

Man merkt Tony Thorne seinen wissenschaftlichen Hintergrund an. Er betrachtet sein Thema sachlich, führt souverän durch Geschichte und historische Quellen und gleitet kaum ins Triviale ab. Trotzdem ist sein Buch eine unterhaltsame Lektüre, die an einigen Stellen von beschreibenden Szenen aufgelockert wird, in denen Thorne eine Vampir-Convention besucht oder im heutigen Slowenien ein „Vampirgrab“ auszumachen versucht. Der Erkenntnisgewinn an diesen Stellen tendiert natürlich gegen Null, Thorne schafft es aber hier, eine Atmosphäre zu evozieren, die den Leser gleichsam in die Vampirszene mit hineinzieht und neugierig darauf macht, was dieser Mythos wohl für den Einzelnen parat hält.

Davon abgesehen ist Thorne aktuell und ausführlich. Das sieht man nicht nur an seiner Rekonstruktion der „Chupacabras“-Geschichte, sondern auch an seiner ausführlichen Anaylse des Lilith-Mythos, der bisher in der Vampirliteratur seinesgleichen an Genauigkeit sucht. Was seinem Anspruch an Wissenschaftlichkeit und Seriösität allerdings Abbruch tut, ist das totale Fehlen von Fußnoten, die der interessierte Leser an vielen Stellen schmerzlich vermisst. Auch ein Literaturverzeichnis, in dem zitierte und benutzte Werke zumindest aufgeführt wären, fehlt komplett. So passiert es dann, dass Zitate entweder nur einem Autor (nicht aber einem Werk) zugeordnet werden oder komplett ohne Angabe frei im Text stehen. Das wirft ein schlechtes Licht auf Thorne und macht das Buch ungeeignet für eine wissenschaftliche Weiterverwendung.

Wen das allerdings nicht stört, der hat mit „Kinder der Nacht“ einen hervorragenden Einstieg in den Vampirmythos, der umfassend über die verschiedenen Aspekte (Literatur, Geschichte, Film, Subkultur) des Vampirs informiert.

Pratchett, Terry – Licht der Phantasie, Das

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.
„Das Licht der Phantasie“ ist Pratchetts zweiter Scheibenwelt-Roman. Der erste war „Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) und erschien auf Deutsch zuerst bei Goldmann.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.
Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

Rincewind ist ein lächerlicher Charakter, der Pratchett dazu dient, das Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber über H.P. Lovecraft bis zu Anne Caffrey auf die Schippe zu nehmen. Rincewind, feige und völlig inkompetent, flieht vor der Zauberei. Widerwillig begleitet er den ersten Touristen auf der Scheibenwelt und dessen psychopathisches Gepäckstück. In diesem Band treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übel riechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität.
Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

_Michael Matzer_ © 1999ff

Russell Martin – Beethovens Locke

1827 wurde Ludvig van Beethoven auf dem Totenbett eine Locke vom Haupt geschnitten. 1995 tauchten diese Haare wieder auf und wurden zum Mittelpunkt einer spektakulären, von den Medien ausgeschlachteten Untersuchung, welche die wahre Ursache von Beethovens Ende klären sollte. Parallel dazu recherchierte man aufwändig den historischen Weg der berühmten Locke in die Gegenwart … – Autor Russell Martin folgt beiden Untersuchen, die rasch den Charakter kriminalistischer Nachforschungen annehmen. Trotz lückenhafter Quellen können die meisten Rätsel gelöst werden. Wie das gelang – oder manchmal nicht -, schildert Martin in dieser spannenden, manchmal etwas pathetischen Mischung aus Sachbuch und Thriller. Russell Martin – Beethovens Locke weiterlesen

King, Stephen – L.T.s Theorie der Kuscheltiere

Diese wunderschöne Geschichte gibt es auch als Story in dem Erzählband [„Das Kabinett des Todes“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=85.

_Der Autor_

Stephen King – was kann man noch sagen, was nicht schon allgemein bekannt ist? Er ist einer der erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Und nicht ohne Grund. Das sollte eigentlich genügen.

_Der Sprecher _

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken.

_Die Handlung_

Seit fast einem Jahr erzählt L.T. deWitt seine Leidensgeschichte, wenn er in der Kantine der Fleischkonservenfabrik, in der er arbeitet, einen hebt. Er ist ein schlichtes Gemüt, leidet aber dennoch an der Tatsache, dass ihn seine anfangs so innig geliebte Frau Lulubelle Simms vor fast einem Jahr verlassen hat. Und schuld daran war offenbar ihre Unverträglichkeit mit einem Kuscheltierchen, das L.T. ihr geschenkt hatte: Sie nannte das Kätzchen schon bald nur noch „Ballaballa-Lucy“, weil Lulu es offenbar nicht ausstehen konnte und sich ihr gegenüber „verrückt“ benahm.

Doch L.T. hatte ein Jahr zuvor von Lulu ebenfalls ein Haustier geschenkt bekommen: einen Jack-Russell-Terrier namens Frank (nicht wie der in MIB2), der leider in L.T.s Schuhe kotzte und pisste, was diesen natürlich auf die Palme brachte. L.T.s Theorie über die Kuscheltiere geht also dahin, dass sie die betroffenen Ehepartner unweigerlich auseinander bringen. Insbesondere dann, wenn es sich dabei um Katzen- und Hundefreunde handelt.

Was aber L.T. in seinem Kummer nicht ahnt, ist, dass es wahrscheinlich der von der Polizei gesuchte „Axtmann“ war, dem die ausgezogene Lulu zum Opfer gefallen ist. Das vermutet jedenfalls L.T.s Freund, der Erzähler, der auch einiges über seine eigene Ehe berichtet.

_Mein Eindruck_

Die ganze Story ist sprachlich so realistisch wie möglich und zugleich so wunderbar schräg erzählt, dass man sich in manche Szenen direkt hineinversetzt fühlt. Wie King in seiner Anmerkung in „Das Kabinett des Todes“ berichtet, hatte er selbst zwei Haustierchen bekommen: einen Corgi-Hund namens Marlowe und eine „durchgeknallte“ Siamkatze namens Pearl. Sie kamen ebenso gut miteinander aus wie Frank, der Terrier, und Lucy, die Katze, in der Geschichte.

Dass das geschenkte Tier in der Story seinen neuen Besitzer nicht ausstehen kann, wohl aber dessen Partner, ist ein weiterer amüsanter Kunstgriff des Autors. Die Tiere sind der stellvertretende Kriegsschauplatz für die Auseinandersetzungen zwischen ihren Besitzern: Sie müssen es ausbaden. Doch am Schluss erwischt King den Leser dann eiskalt, wenn er den Axtmann erwähnt und verrät, wie es L.T. in Wirklichkeit geht.

_Der Sprecher _

Ulrich Pleitgen spricht, nein: deklamiert die verschiedenen Sprechrollen, die dieses erzählerische Kabinettstückchen bietet, mit Verve und hörbarem Gusto. Er legt sich so richtig ins Zeug, wenn er das Leiden unter Franks Untaten schildert oder über Lulubelles Fortgang lamentieren darf.

Das bedeutet aber auch, dass Pleitgen ziemlich schnell vorliest. Und so muss der Zuhörer entweder eine Pause machen (es gibt zwei oder mehr „Akte“) oder fortwährend die Ohren spitzen, um alles mitzubekommen. Am besten hört man sich die kurze Novelle, die nur knapp eine Stunde lang ist, mehrmals an.

_Unterm Strich_

Zunächst klingt die Story wie eine ganz gewöhnliche Ehekrach-und Trennung-Geschichte. Doch schon der erste Satz über den „Axtmann“ eröffnet einen Spannungsbogen, der im letzten Drittel wieder aufgenommen und stark ausgebaut wird. Nur dadurch qualifiziert sich die Geschichte als Thriller King’scher Prägung.

Das mag für manchen Zuhörer zu wenig sein, und Äkschn gibt es sowieso nicht. Aber wie in so vielen Storys des späten King spielt sich der Horror eher im Kopf ab, und das ist auch hier der Fall. Es geht um Gewalt und Groteske. Und wenn der Axtmann Lulu nicht geholt hätte, wer weiß? Vielleicht hätte eines Tages L.T. selbst nicht mehr an sich halten können…

Dieses Hörbuch ist eindeutig eine der besten Lesungen, die ich von Ulrich Pleitgen kenne – und das sind schon ein paar. Ich vergebe daher gerne die volle Wertung.

Spieldauer von 55 Minuten auf einer CD

_Michael Matzer_ © 2003ff

King, Stephen – Musterschüler, Der

Diese Geschichte erzählt nicht nur von der seltsamen „Hassfreundschaft“ zwischen einem alten Nazi und einem jungen Amerikaner. Sie beschreibt, wie sich der Geist des Rassenwahns und der Unmenschlichkeit aufgrund der Faszination, die er auf unvorbereitete Menschen ausübt, fortpflanzen kann. Der Autor warnt davor, wozu die entsprechende Indoktrination führt: Zuerst müssen die Hilf- und Wehrlosen dran glauben – und dann?

_Der Autor_

Stephen King, geboren 1947 in Portland/Maine, begann schon in jungen Jahren mit dem Schreiben. Inzwischen ist sein Name gleichbedeutend mit guter, wirkungsvoller Horrorliteratur. Fast jedes seiner Bücher ist verfilmt worden, angefangen bei „Carrie“ bis hin zu „Der Sturm des Jahrhunderts“ und „Dreamcatcher/Duddits“. Die Novelle „Der Musterschüler“ {– die ebenfalls verfilmt wurde, und das als recht eindrucksvolles Kammerspiel mit einigen inhaltlichen Abwandlungen, Anm. d. Lektors –} wird hier ungekürzt gelesen.

_Die Sprecher_

Oliver Rohrbeck ist als Theaterschauspieler und Synchronsprecher bekannt geworden. Er machte sich v.a. in der Hörspielreihe „Die drei ???“ einen Namen. Er leiht dem Musterschüler Todd Bowden seine Stimme.

Till Schult, ein erfolgreicher Schauspieler und Sprecher, interpretiert hintergründig und flexibel den Lagerkommandanten Kurt Dussander: Man brüllt er demütigend, mal flüstert er einschmeichelnd. Er ist der ideale Gegenspieler, der den Hörer in seinen Bann zieht. Seine Stimme ist weitaus tiefer als die für „Todd Bowden“.

_Handlung_

Das Böse übt auf Todd Bowden eine gewisse unheilvolle Faszination aus. Der nette, aufgeweckte Junge von 13 Jahren sucht den Kontakt zu einem ehemaligen Lagerkommandanten der Nationalsozialisten, den er nach dem Durchstöbern von Zeitungsberichten zufällig auf der Straße erkennt. Er erpresst den alten Mann: Wenn er ihm nicht zu Willen sei, werde er ihn an die Nazijäger aus Israel und Wien verraten. Der Alte muss zähneknirschend einwilligen, doch er wartet auf seine Chance.

Von Kurt Dussander alias Arthur Denker lässt sich Todd die Verbrechen im Konzentrationslager des ehemaligen Kommandanten haargenau schildern. Er bekommt davon Alpträume, die auch erotischer Natur sind. Seine Schulzensuren gehen in den Keller. Immer mehr gerät er in den Strudel der Sucht nach Macht und in die Gedankenwelt des Dritten Reiches. Bis er selbst zu morden beginnt.

Inzwischen hat Dussander eine Handhabe gegen Todd gefunden. Er werde ihn nach seinem Tod verraten, weil er der Polizei nichts von dem gesuchten Kriegsverbrecher Kurt Dussander erzählt habe, wie es Todds Pflicht gewesen wäre. Und Dussander geht noch weiter: Er rettet Todds Zensuren durch strenge Anleitung zum Lernen und durch ein Gespräch mit dem zuständigen Rektor, Ed French. Hier tritt Dussander sogar als Todds Großvater auf.

Die Jahre vergehen. Todds Bekanntschaft mit Dussander begann im Jahr 1974. Mehrere Jahre später hat er nun einen guten Schulabschluss hingelegt und soll in die Footballmannschaft von Santo Donato, seinem Heimatort, aufgenommen werden, eine besondere Ehre. Doch sein Foto in der Zeitung bringt gewisse Leute auf seine Fährte.

Denn was soll man von der anhaltende Mordserie an Pennern und Landstreichern in der Gegend um Santo Donato halten? Als Dussander einen Herzinfarkt erleidet, bricht das unsichtbare Geflecht aus Erpressung und Schutz, das Todd und Dussander aneinander band, zusammen. Todd, der eine glänzende Karriere nach einem Collegeabschluss vor sich gesehen hatte, sieht seine Zukunft gefährdet. Als auch noch Polizei, Nazijäger und Ed French bei ihm auftauchen, brennen bei ihm die Sicherungen durch.

_Mein Eindruck_

Mit 511 Minuten Länge ist diese Erzählung schon keine Story mehr, sondern ein ausgewachsener Roman. Dafür spricht auch, dass hier nicht nur die Perspektive von einer oder zwei Figuren im Mittelpunkt steht, sondern auch Nebenfiguren wie Todds Eltern oder Ed French mit langen Szenen bedacht werden. Das kommt in Kurzgeschichten recht selten vor und ist eher das Vorrecht eines Romans.

Gespannt verfolgt der Zuhörer, wie sich die beiden Hauptfiguren kennen lernen, sich eine psychische Bindung entwickelt und wie sie sich schließlich gegenseitig erpressen: ein klassischer „double-bind“, der eine stabile kriminelle Partnerschaft gewährleistet. Doch als eine der beiden Seiten (Dussander) geschwächt wird und ausfällt, beginnt das auf dieser Konstruktion errichtete Leben von Todd Bowden auseinander zu fallen.

Es ist dies das Leben eines Serienkillers. Todd hat seine Opfer, die Landstreicher und Obdachlosen, das Äquivalent zum „lebensunwerten Leben“ der Nazis, systematisch umgebracht, um ein Ventil für seine Gewaltfantasien und seinen Hass auf den alten Lagerkommandanten zu finden. Dass der alte Knacker schlauer und skrupelloser ist als er, der amerikanische, wohlausgebildete Junge, wurmt Todd ganz besonders.

Obwohl er sich selbst für clever genug hält, um die am Ende bei ihm aufkreuzende Polizei zu überlisten, macht er doch kleine Fehler, die den Polizisten stutzig machen. Sein Selbstbewusstsein, das ihm erlaubt, Hilflose abzustechen, ist zu übersteigert, um ihn daran zu hindern, vorsichtig zu sein. Seine Überheblichkeit, die er wie ein echter Nationalsozialist oder Lagerkommandant entwickelt und kultiviert hatte, wird ihm doch noch zum Verhängnis.

Denn Todd ist ein Nazi geworden. Nicht dem Namen nach natürlich, aber im Geiste. Und das bedeutet, dass die Ideologie der Nazis, ihr Rassenwahn und ihre Überheblichkeit, prinzipiell überall in den Vereinigten Staaten Wurzeln schlagen können. Sie haben dies in der Tat bereits getan: Die meisten „arischen“ Publikationen im Internet stammen laut Dokumentationen aus den USA. In Oregon und Idaho existieren rechtsgerichtete Gruppierungen und sogar bewaffnete Milizen, die vom FBI (angeblich) scharf beobachtet werden. (Der Roman „Ausgeliefert“ von Lee Child beschreibt ein solches Milizenlager ausführlich als Schauplatz der actionreichen Handlung.)

_Die Sprecher_

Till Schulte spricht die Szenen, in denen die Perspektive des Alten, Kurt Dussanders, bestimmend ist. Es kommen also auch andere Figuren zu Wort, besonders Todd. Seine tiefe Stimme ist beeindruckend, fein moduliert und der jeweiligen Figur angemessen. Das, was er ruhigen Tones schildert, lässt einem manchmal die Haare zu Berge stehen.

Oliver Rohrbeck, der die Perspektive Todds spricht, ist ein ganz anderes Kaliber. Nicht nur ist seine Stimme angemessen höher, aber es fehlt ihm auch hörbar an Erfahrung (oder ausreichend Übung), um jeden Satz optimal zu betonen. Außerdem hat er Mühe, französische und spanische Wörter korrekt auszusprechen (aber das ist bei vielen Sprechern so, selbst noch bei englischen Wörtern).

_Unterm Strich_

„Der Musterschüler“ ist ein Hörbuch für die Geduldigen. Wie eingangs gesagt, beinhaltet die romanartige Erzählung eine Warnung des Autors an den Leser/Hörer, gewissen Ereignisse der jüngsten Geschichte nicht zu vergessen. Sonst werden sie unweigerlich wiederholt.

Die Qualität der Sprecher erscheint mir höchst unterschiedlich. Während Till Schulte eine erfahrener Profi ist, so muss Oliver Rohrbeck noch hart an seinem zweifellos vorhandenen Können arbeiten, um die gleiche Meisterschaft zu erlangen.

Hinweis: Die Beschreibungen von gewalttätigen und sexuellen Szenen machen die King-Hörbücher „Der Musterschüler“ und „Die Verurteilten“ {ebenfalls herausragend gut verfilmt – Anm. d. Lektors} in diesem Doppelpack „Frühling und Sommer“ nicht für Jugendliche unter 16 Jahren geeignet.

Laufzeit von 511 Minuten auf 7 CDs

_Michael Matzer_ © 2002ff

Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin

Das geschieht:

Jacob „Jake“ Geismar hat als US Auslandskorrespondent ab 1936 erfolgreiche Jahre in Deutschland verbracht, bis Propagandaminister Josef Goebbels ihm wegen offen nazifeindlicher Äußerungen die Abreise dringend nahelegte. Zurück ließ Geismar Lena, die Liebe seines Lebens, deren Gatte, der Mathematiker Emil Brandt, ein guter Freund des Amerikaners war, ohne vom Ehebruch zu wissen. Lenas wegen kehrt Geismar im Juli 1945 zurück. Außerdem soll er über den Alltag in der von den vier Siegermächten besetzten Hauptstadt berichten.

Berlin ist eine gigantische Geister und Totenstadt. In der endlosen Ruinenwüste fristen die Überlebenden ein von Not geprägtes Leben. Die Amerikaner sehen die Besatzung pragmatisch. Geismar erlebt, wie hier Kriegsverbrecher gestellt und verurteilt werden, während dort andere heimlich aus dem Land geschmuggelt werden, weil sie über wissenschaftliches oder technisches Wissen verfügen, das den Siegern wichtiger ist als Gerechtigkeit. Zudem beteiligen sich Besatzungssoldaten an Schwarzmarktgeschäften, verschieben gestohlene Kunstschätze, handeln mit Entnazifizierungs Papieren eine Unterwelt, in die es Geismar durch den Mordfall Patrick Tully verschlägt. Der US- Lieutenant hatte Emil Brandt zur Flucht aus einem Internierungslager verholfen. Brandt wird es zu Lena ziehen, die Geismar inzwischen ausfindig machen konnte. Sie haben ihr Verhältnis wieder aufgenommen. Joseph Kanon – „The Good German“ – In den Ruinen von Berlin weiterlesen

Autorenkollektiv – Aufklärungsarbeit Nr. 15

Einige einleitende Worte zur Zeitschrift „Aufklärungsarbeit“ schrieb ich an [dieser Stelle]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=124.
In Ausgabe 15 geht es nicht um ein zentrales Thema wie in Nummer 14 (Ägypten und die Pyramiden), Diplomingenieur Axel Klitzke führt seine rechnerischen Betrachtungen und Vermessungsergebnisse aber auch diesmal weiter. Weitere aktuelle Themen drehen sich um die US-Politik, die fürsorgliche EU-Gesundheitsaktion gegen das Rauchen und die ominösen und etwas sparsam wegerklärten Stromausfälle der letzten Zeit. Dazu gibt es wieder eine interessante Mischung allgemeiner Betrachtungen sowie historischer und mythologischer Artikel.

Im Einzelnen findet der geneigte Leser diesmal folgendes Lesefutter für die grauen Zellen:

_Der Feind im Inneren_
Barbara Thielmann über Matrix, Harry Potter, Märchen, Mythen, Al-Qaida-Verschwörungsmythen, Realität und das selbstständige Denken gegen die Manipulation.

_Der fürsorgliche EU-Gesundheitsminister und andere Krankheiten_
Um Manipulationen dreht sich auch der zweite Kurzartikel. Maria Rossmanith fragt sich, was wohl mit den netten Hinweisaufklebern auf Zigarettenpackungen bewirkt werden soll und welche Risiken und Nebenwirkungen dazu nicht auf der Packung stehen.

_Skull & Bones: Jagd auf Saddam_
Bestsellerautor Andreas von Rétyi erzählt ein wenig zur Saddamjagd und zum Irakkonflikt und gibt einen Abriss über die Geschichte des Yale-Ordens „Skull & Bones“, der durch seine prominenten Mitglieder (die Bush-Familie u.a.) seit einiger Zeit in das Blickfeld des Interesses rückt. Einige interessante Verbindungen zu den „Bilderbergern“ und den Weishaupt-Illuminaten kommen auch zur Sprache.

_Das Geheimnis der Blackouts_
Ein weiterer Buchautor bemüht sich im nachfolgenden Artikel um Aufklärungsarbeit und Hintergrundinformationen. „Morpheus“ agiert hier unter Pseudonym, da er auch anderweitig erfolgreicher Autor ist und sich unter dem Ersatznamen brisanteren Grenzthemen widmet. Von ihm stammt auch das grenzwissenschaftliche Werk „Matrix-Code“. Morpheus gibt einen Rückblick auf die Stromausfälle der letzten Zeit und verweist dabei auf die parallelen ungewöhnlichen Sonnenaktivitäten sowie die atmosphärischen Vorgänge. Bezüge zwischen diesen wurden auch bereits von akademischer Seite beleuchtet. Soweit beginnt der Artikel interessant, aber noch harmlos, doch dann geht es ins Detail und das wird dann wirklich faszinierend. Mehr will ich nicht verraten, aber davon liest man gerne mehr. Als Ergänzungslektüre seien zu diesem Artikel von meiner Seite empfohlen:
[„Fehler in der Matrix“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=138 (Fosar / Bludorf)
[„Vernetzte Intelligenz“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=56 (Fosar / Bludorf)
[„Der kreative Kosmos“]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=99 (Görnitz / Görnitz)
„Das Geheimnis des Vakuums“ (Davidson)
…sowie diverse Schriften von und über Burkhard Heim (genialer, aber angefeindeter Quantenphysiker, bereits verstorben)

_Britisches Maßsystem in Grabanlage des ersten Königs der 1. Dynastie Ägyptens entdeckt!_
Hier liefert Axel Klitzke (Autor von „Die kosmische 6“ sowie wesentlicher Forschungsartikel der vorhergehenden Ausgabe) weitere Detailarbeit zu den neueren Vermessungen und Berechnungen in Ägypten. Wohl besonders für Numerologen und Kabbalisten interessant, und hier insbesondere aufgrund der Altersdatierungen der Anlage von allgemeinem Interesse.

_Das Geschenk der Weisen_
Eine Weihnachtsgeschichte von O. Henry.

_Von der Herkunft des Menschen_
Isabella Iorga (Rumänien) über die mythischen Überlieferungen aus dem babylonischen Zweistromland.

_Die Sintflut_
Weitere Betrachtungen von Isabella Iorga zum Wahrheitsgehalt mythischer Überlieferungen. Beides sehr faszinierend, aber eigenwillig. Umso besser.

_Lebens-Schulen für Kinder entstehen_
Ein bemerkenswerter Artikel von Marco Leonardo zu Sinn und Unsinn von Schulen. Ein Ausschnitt aus der „Kent-Depesche“.

Insgesamt gibt es also wieder jede Menge Denkanreize und Aufmunterungen zum Weiterforschen, außerdem noch Amüsantes, Horoskopisches und Kurzgemeldetes. Zugreifen, solange noch Exemplare parat sind, es lohnt sich wie immer!

Homepage der Zeitschrift: http://www.aufklaerungsarbeit.de