Hall, Sarah – Elektrische Michelangelo, Der

Sarah Hall ist international noch ein eher unbeschriebenes Blatt, in ihrer britischen Heimat wird sie allerdings schon als die |“vielversprechendste neue Stimme der englischen Literatur“ (The Independent)| gefeiert. Ihr Romandebüt „Haweswater“ wurde mehrfach ausgezeichnet und ihr Zweitwerk „Der Elektrische Michelangelo“ wurde 2004 gar für den Booker-Preis nominiert.

Cyril Parks ist der titelstiftende „Elektrische Michelangelo“. Anfang des letzten Jahrhunderts wächst Cy im Seebad Morecambe Bay an der englischen Nordwestküste auf. Seine Mutter führt direkt an der Bay ein Hotel, das überwiegend von lungenkranken Arbeiter aus den nahe gelegenen Industriestädten frequentiert wird. Cy, der schon immer ein talentierter Zeichner war, tritt in jungen Jahren eine Lehre bei Eliot Riley an. Keine gewöhnliche Lehre, schließlich dürfte Tätowierer kein anerkannter Ausbildungsberuf sein. Riley ist ein begnadeter Künstler, aber auch ein notorischer Trinker und ein draufgängerischer Querulant, der keinen guten Ruf genießt. Nur als Tätowierer ist seine Reputation tadellos.

Als Cys Mutter stirbt, nimmt Riley den Jungen ganz unter seine Fittiche. Cy lernt in dieser Zeit viel über die tiefen Abgründe des Lebens und die hohe Kunst des freihändigen Tätowierens. Als Riley dann in den 30er Jahren stirbt, packt Cy die Koffer und schifft sich nach Amerika ein. Sein neues Zuhause wird Brooklyn, der kunterbunte Schmelztiegel New Yorks. Als Tätowierer kommt Cy schon bald auf Coney Island unter, eine eigene Welt, wo das Können eines guten Tätowierer ein gefragter Dienst ist. Auf Coney Island herrscht der ewige Jahrmarkt vor den Toren New Yorks, mit Karussells und Freakshows, mit Zirkus und Hot Dogs.

Hier geht Cy seiner Arbeit nach, tätowiert Meerjungfrauen und Herzen auf Oberarme und trinkt abends im Varga, der Kneipe mit den siamesischen Kellnerinnen, einen Drink – bis die mysteriöse Zirkusakrobatin Grace mit einem äußerst ungewöhnlichen Auftrag an ihn herantritt und Cy sich in sie verliebt …

Schon inhaltlich erzählt Sarah Hall eine Geschichte, wie man sie nicht alle Tage vorgesetzt bekommt. Die Lebensgeschichte eines Tätowierkünstlers ist schon für sich genommen ein literarisch eher seltenes Vergnügen. Halls Figuren stehen fast allesamt am Rande des Gesellschaft. Menschen, die von der Masse belächelt werden, weil sie auf merkwürdige Art anders sind. Hall führt eine Reihe skurriler Figuren in die Geschichte ein. Der eigenbrötlerische Querulant Eliot Riley ist nur einer von ihnen. Auf Coney Island, im Trubel des ewigen Jahrmarkts, lernt Cy noch einige andere wunderliche Typen, allesamt Randerscheinungen der Gesellschaft, kennen. Da wären beispielsweise die siamesischen Zwillinge hinter dem Tresen des Varga, die an der Hüfte zusammengewachsen sind, da wäre das geradezu riesenhafte Pärchen Arthur und Claudia (er Tätowierer, sie Gewichtheberin) und da wäre die geheimnisvolle Grace, die ihre spärliche Wohnung mit ihren Pferd Maximus teilt.

Sarah Hall versteht es, den Leser größtenteils aufgrund ihrer Figurenbeschreibungen bei der Stange zu halten. Spannung im eigentlichen Sinn baut sie kaum auf. Sie unterhält den Leser einzig mit ihren sprachlichen Mitteln und der Figurenzeichnung. Und das ist absolut nicht langweilig. Cy wächst dem Leser schnell ans Herz und auch die übrigen Figuren gehen einem so schnell nicht aus dem Kopf.

Hall widmet sich einem faszinierenden Ausschnitt vom Rande der menschlichen Gesellschaft und erzählt dabei eine Geschichte, die dennoch mitten aus dem Leben gegriffen scheint. Halls Figuren haben Ecken und Kanten. Sie mögen noch so kurios erscheinen und noch so sonderbar wirken, sie wirken dennoch echt. Jeder trägt seine eigene dunkle Seite in seiner Seele, jeder Charakter hat ausgeprägte helle wie dunkle Züge. Die Figuren, die als ganz wesentlicher Bestandteil die Geschichte tragen, sind einer der unumstößlich positiven Aspekte des Romans.

Coney Island mit seinen merkwürdigen Freakshows, die stets darauf bedacht waren, die Andersartigkeit der Darsteller auf dem Silbertablett zu präsentieren, war zur damaligen Zeit für die Menschen ein Fenster zu weiten Welt. Man sah dort Dinge, die man sonst nirgends zu sehen bekam, von Missgebildeten bis zu Kleinwüchsigen. Man konnte staunen und sich ekeln, so dass von der ganzen Insel auch etwas Faszinierendes ausging. Im Zeitalter des aufkommenden Fernsehens und mit zunehmender Abstumpfung der Betrachter, wurden in den 50ern auch nach und nach die Attraktionen von Coney Island eingemottet. In der Rückschau betrachtet, sind sie ein faszinierendes Phänomen, das ein wunderbares Setting für einen Roman bildet und dessen Sarah Hall sich hier bedient.

Eine ähnliche Faszination geht vom Tätowieren an sich aus. Cy ist zu einer Zeit aufgewachsen, als höchstens Seeleute und zwielichtige Gestalten Tätowierungen trugen. Die Kunst, die Cy erlernt, hat einen verruchten, dunklen Charakter, der eine gewisse Faszination abstrahlt. Hall beobachtet das bunte Treiben im Tätowierstudio von Eliot Riley, erzählt kuriose Geschichten um Tätowierungen und Tätowierte, Geschichten zwischen Schönheit, Schmerz und Leidenschaft.

Doch nicht nur die Geschehnisse auf Coney Island und im Tätowierstudio von Morecambe Bay sind interessant erzählt, auch Cys Kindheit ist erzählerisch eine sehr gute Leistung. Der Grund liegt vor allem in Sarah Halls herausragender sprachlicher Fingerfertigkeit. Virtuos jongliert sie mit Worten und zeichnet im Kopf des Lesers farbenprächtige und plastische Bilder – ähnlich unauslöschlich, wie die Bilder, die Cy seinen Kunden mit der Nadel in die Haut ritzt.

Unumstößlicher Mittelpunkt der Geschichte ist Cy. Weitestgehend geht es um seine Arbeit. Sein Gefühlsleben verläuft eher unspektakulär. Er ist ein Einzelgänger, der nicht viele Kontakte pflegt. Eine solche Hauptfigur mag im ersten Moment etwas langweilig wirken, aber Cy geht seinen Weg und der Leser nimmt daran Anteil. Mit dem ersten Auftauchen von Grace kriegt die Geschichte dann genau das, was ihr bisher fehlte. Cy verliebt sich in sie und sie wird innerhalb der Handlung zu seinem Gegenpol. Sie bleibt stets geheimnisvoll, scheint etwas Magisches an sich zu haben, das nicht nur Cy fasziniert, sondern auch den Leser.

Etwas überraschend entwickelt sich der Roman auf den letzten 70 Seiten. Plötzlich kippt die Handlung, tragische Ereignisse nehmen ihren Lauf und erzeugen eine ganz eigene Spannung, die die Handlung zuvor nicht hatte. Es ist ein sehr deutlicher Bruch und im ersten Moment ist man versucht, ihn als unpassend zu schelten. Je näher dann allerdings das Finale rückt, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass das Buch genau so eine Wendung vielleicht auch braucht. Der Bruch in der Handlung hat einen gewissen Schockeffekt, aber er hat auch auf Figuren und Handlung genau diese Wirkung und es ergeben sich daraus Dinge, die man bei den Figuren anfangs nicht für möglich gehalten hätte.

Am Ende sind es alle großen menschlichen Gefühle, die der Roman in sich vereint, und das hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. In „Der Elektrische Michelangelo“ spiegeln sich viele Facetten von Liebe, Schmerz und Lebensphilosophie, sowie die dunklen und auch die hellen Seiten der menschlichen Seele wider. Der Roman bekommt dabei trotz seiner kuriosen, „unnormalen“ Figuren etwas Universelles und schafft es deswegen auch, den Leser zu berühren. Letztendlich sind die Typen aus den Freakshows auf dem Jahrmarkt und die tätowierten Sonderlinge auch nur Menschen wie du und ich …

Bleibt unter dem Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Sarah Hall zeichnet sich durch einen wunderbaren, geradezu virtuosen Umgang mit Worten aus. Geschickt zeichnet sie mit Worten lebhafte Bilder und lässt die Lektüre zu wahrem Kopfkino werden. Liebevoll entwirft sie skurrile, aber liebenswürdige Figuren mit Ecken und Kanten, die so wirken, als wären sie direkt aus dem Leben gegriffen. Sie spiegelt die Facetten der menschlichen Emotionen wider und gibt ihrem Roman damit trotz der „Randgruppenthematik“ einen universellen Anstrich. Und zu guter Letzt widmet sie sich auch der geheimnisvollen Frage, was an in die Haut gestochenen Bildern so besonders und faszinierend ist.

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Froideval, François Marcela / Pontet, Cyril – Krone des Schattens, Die (Die Chroniken des schwarzen Mondes 6)

Band 1: [Das Zeichen der Schatten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1625
Band 2: [Der Flug des Drachen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1638
Band 3: [Das Zeichen der Dämonen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1697
Band 4: [Die Stunde der Schlange]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1767
Band 5: [Scharlachroter Tanz]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1768

Mit dem sechsten Band von „Die Chroniken des schwarzen Mondes“ tat sich in dieser Serie eine gewichtige Änderung auf. Von nun an war Cyril Pontet für die grafische Gestaltung der Comics zuständig und löste den etatmäßigen Olivier Ledroit ab.

Cyril Pontet wurde 1971 in Marseille geboren und begann nach dem Abitur Psychologie zu studieren. Doch mittendrin brach er das Studium ab, um Comics zu zeichnen. Seine Inspiration holte er sich sowohl von amerikanischen Comics als auch aus der Fantasy-Literatur von Tolkien, Fritz Leiber, Michael Moorcock sowie Lovecraft und Ramsey Campbell. „Die Chroniken des schwarzen Mondes“ ist seine erste Serie.

_Story:_

Der Krieg scheint beendet und der Kaiser wähnt sich nach der offensichtlichen Niederlage und dem Tod von Hazeel Thorn und dem Baron von Moork als sicherer Sieger. Doch mit der Eintracht ist es nicht lange her, denn von Neuem werden Intrigen gesponnen, um dem Landesherren die Macht streitig zu machen. Der eigens von Kaiserhand entmachtete Fratus Sinister schwört ebenso Rache wie der sich verraten gefühlte Parifal, und auch Hazeel Thorn und der Baron von Moork, die ihr Leben irgendwie dennoch haben retten können, schmieden bereits neue Pläne, um den schwarzen Mond an die Macht zu bringen.

Wismerhill kann die beiden dazu ermutigen, erst einmal eine Zeit lang von der Bildfläche zu verschwinden und ihn über Moork herrschen zu lassen. So können sie fernab des Kaiserreichs einen neuen Angriff vorbereiten und den Kaiser schließlich gänzlich in die Knie zwingen. Der jedoch weiß nichts von diesen Machenschaften und entsendet Graf Horkher nach Moork, um ihm die Macht über das Gebiet des ehemaligen Barons zu überlassen. Horkher glaubt zu träumen, als er in Moork von einer netten Bevölkerung begrüßt und herzlich aufgenommen wird.

Doch der Schein trügt; Wismerhill hat dem Grafen einen Hinterhalt gelegt und überfällt sein Gefolge in einem blutigen Attentat. Den Grafen verschont er unter der Bedingung, dass er ihm seine Stadt überlässt und als Graf abdankt. Horkher bleibt keine andere Wahl, und in einem weiteren blutigen Anschlag nimmt Wismerhill seine Stadt ein – aus weiter Ferne wird er allerdings von Hazeel Thorn und dem Baron von Moork beobachtet, die seinem Treiben mit Wohlwollen zuschauen. Auch der Kaiser bekommt von Wismerhills Feldzug Wind, und als der Ritter schließlich vor ihn tritt, um dem Kaiser Treue und Gefolgschaft zu schwören, erahnt der alte Herrscher den erneuten Hinterhalt und schwört sich insgesheim, Wismerhill und seine Helfershelfer teuer bezahlen zu lassen.

In „Die Krone des Schattens“ legt François Froideval ein gehöriges Erzähltempo vor, was leider, wie auch schon im vorangegangenen Band, dazu führt, dass es nicht immer leicht ist, dem wilden Treiben im Kaiserreich Lhynn zu folgen. Dieses Mal ist es sogar noch ein ganzes Stück schwerer, weil zum Beispiel die Rolle des Succubus und der plötzliche Sinneswandel Wismerhills, der hier immer mehr zum brutalen Räuber und machtgierigen Herrscher avanciert, nicht eindeutig dargestellt werden. Er allein weiß von der weiteren Existenz Hazeel Thorns, doch erklärt das noch lange nicht den kompromisslosen Machtmissbrauch und seine kaltherzige Herrschaft, der selbst seine eigenen Leute zum Opfer fallen. Es wird also mal wieder komplex, was gleichzeitig bedeutet, dass der Autor erneut weitere Nebenhandlungen aufbaut, die jedoch hier noch nicht mal ansatzweise gelöst werden. Man muss also weiterhin auf seinen langen Atem vertrauen und sich bis zur Fortsetzung im nächsten Buch vertröstet lassen, ist sich andererseits aber auch irgendwie sicher, dass später wieder alles logisch zusammenfällt, man selber sich aber gleichzeitig ärgert, dass man diverse Hintergründe nicht schon früher durchschaut hat. Aber genau das ist ja auch in gewissem Maße die Stärke von „Die Chroniken des schwarzen Mondes“ und ihrem Schöpfer François Marcela Froideval.

Andererseits gehen die Zeichnungen des neuen Grafikers Cyril Pontet genau die umgekehrte Richtung und sind ein wenig runder und simpler dargestelt, als dies bei seinem Vorgänger der Fall war. Andererseits hat er aber ganz klar den Schriftzug von Olivier Ledroit übernommen, nur dass Pontet nicht ganz so viele Details in seinen Zeichnungen unterbringt. Aber ich muss zugeben, dass es auch sehr schwer fällt, die einzelnen Unterschiede, die sich wirklich auf Feinheiten beschränken lassen, festzustellen und der Leser dies wahrscheinlich auch nicht sehen würde, wenn er nicht wüsste, dass hier ein neuer Zeichner am Werk ist. Der Wechsel der Zeichner hat also nur minimale Änderungen hervorgerufen, die aber für die weiterhin geniale, dieses Mal wieder weniger brutale Serie quasi gewichtslos sind. Als Fan kann und muss man die Geschichte mit „Die Krone des Schattens“ in aller Ruhe weiterlesen.

Gene Hackman/David Lenihan – Jacks Rache. Eine abenteuerliche Reise nach Havanna

Jüngling Jack muss als gemeiner Matrose vor dem Mörder seiner Eltern flüchten. Auf hoher See reift er zum Mann, erlebt unzählige Abenteuer und kehrt schließlich heim, um den Strolch zur Rechenschaft zu ziehen und seine wahre Liebe zu befreien … – Was klingt wie eine Sammlung einschlägiger Klischees, ist auch eine, wobei die unbekümmerte Fabulierkunst des Autorenpaares trotzdem für Unterhaltung sorgt: kunterbuntes, nur bedingt die historischen Tatsachen streifendes Seemannsgarn.
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Connelly, Michael – Rückkehr des Poeten, Die

Acht Jahre konnte er seine Verfolger narren und galt als tot: Mehr als genug Zeit für den Ex-FBI-Agenten und Serienmörder Jim Backus, genannt „der Poet“, um ein neues Mordkomplott anzuzetteln. Bei seinem ersten Auftritt hatten ihn ein Journalist und seine Schülerin, die FBI-Agentin Rachel Walling, daran gehindert, sein sadistisches Spiel zum geplanten Ende zu bringen. Das will Backus nun wieder aufnehmen und sich gleichzeitig an Walling rächen.

Ebenfalls in sein Visier gerät der Ex-Polizist Terry McCaleb, der nach einer Herztransplantation „ehrenamtlich“ als Profiler arbeitet und dem Poeten dabei bedrohlich nahe gekommen ist. Als McCaleb nach einem Herzanfall stirbt, glaubt seine Witwe nicht an einen natürlichen Tod. Sie bittet den Privatdetektiv Hieronymus „Harry“ Bosch, einen Freund ihres Gatten, um Hilfe und Aufklärung.

Unabhängig voneinander beginnen Walling und Bosch nach Backus zu fahnden. Die Agentin ist beim FBI in Ungnade gefallen, seit ihr der Poet entkam. Bosch trauert seiner Polizeimarke hinterher, da ohne die damit verbundenen Privilegien seine Nachforschungen nur zögerlich vorankommen. Doch recht zeitig kreuzen sich die Spuren der beiden Ermittler: Backus hat dafür gesorgt, wie er überhaupt im Hintergrund lauert und seine nur ihm logischen Intrigen spinnt. In der Wüste von Nevada hat er ein Leichenfeld angelegt, das Entsetzen auslösen soll und ein weiteres Rätsel einleitet, dessen Lösung auch die Lösung des Falls bedeutet. Bosch und Walling lassen sich auf den bizarren Wettstreit ein, obwohl sie nur zu genau wissen, dass der Einsatz in diesem „Spiel“ ihr eigenes Leben ist …

Wieder einmal kehrt Harry Bosch dorthin zurück, wo die ganz bösen Schurken ihr Unwesen treiben. Wenn es dieses Mal ein bisschen länger als sonst dauert, sich in der Bosch-Chronik zurecht zu finden, so liegt dies nicht am Verfasser, sondern am Heyne-Verlag, der – aus welchen Gründen auch immer – diesen zehnten vor dem neunten Teil („Lost Light“, 2003; dt. „Letzte Warnung“) erscheinen lässt. So verwirrt es zunächst, dass Harry Vater geworden ist und nicht mehr für das Los Angeles Police Department arbeitet, sondern als Privatdetektiv Schurken jagt.

Hat man dies verinnerlicht, zieht einen die Handlung umgehend in ihren Bann. Sie ist einerseits recht komplex als Schnitzeljagd über ganze US-Bundesstaaten angelegt, die ein irrer aber genialer Serienkiller (Gibt es eigentlich auch andere?) inszeniert, um sein Ego zu befriedigen. Temporeich und unter eingehender Schilderung traditioneller sowie moderner Fahndungsmethoden wird das an sich wenig originelle Geschehen vorangetrieben. Parallel verläuft es zunächst, bis Harry Bosch und Rachel Walling einander treffen, danach geht es gemeinsam weiter.

Der Unterhaltungsfaktor ist enorm, weil Michael Connelly sein Handwerk versteht. Man darf sich allerdings nicht dazu verleiten lassen, die Handlung zu überdenken. Dann kommen allerlei unschöne Fragen auf, welche die Logik des Ganzen in Frage stellen. Was hat es beispielsweise mit Backus’ grandiosem Plan eigentlich auf sich? Der Aufwand ist enorm, die Vorbereitung gewaltig, aber die Umsetzung eher kümmerlich. Auch wenn der Wahnsinn Backus beutelt, so gäbe es sicherlich einfachere Methoden, mit seinen Gegnern zu „spielen“.

Zudem muss immer wieder der Zufall einspringen, damit sich Bosch & Walling im gewaltigen Spinnennetz des Poeten nicht heillos verirren. Auf diese Lösung greift Connelly ein wenig zu oft zurück, was auf eine allgemeine Schwäche des Plots hinweist. Einen echten Schnitzer leistet sich der Autor, als er für eine „überraschende“ Coda, die dem eigentlichen Finale folgt, einen ganzen Handlungsstrang neu deutet; dies ist weder nötig noch nachvollziehbar.

Viel Zeit investiert der Verfasser in die Schaffung eines „Connellyversums“. „Die Rückkehr des Poeten“ ist das reinste Gipfeltreffen bekannter Connelly-Figuren. Das Buch ist nicht nur die Fortsetzung von „Der Poet“ („The Poet“, 1996) mit Jim Backus und Rachel Walling in ihren ersten Auftritten, sondern gleichzeitig der zehnte Harry-Bosch-Roman seit 1992, der wiederum Bezug nimmt auf das gemeinsame Agieren von Bosch und Terry McCaleb in „Dunkler als die Nacht“ („A Darkness More Than Night“, 2001). Es kommt sogar zu einem „Gastauftritt“ von Cassie Black, der Meisterdiebin aus „Im Schatten des Mondes“ („Void Moon“, 2000).

Darüber hinaus spielt Connelly mit Fiktion und Gegenwart. Terry McCalebs erstes Abenteuer „Das zweite Herz“ („Bloodwork“, 1997) wurde 2002 von und mit Clint Eastwood in der Titelrolle verfilmt. Dies lässt Connelly in die Handlung einfließen und nutzt die Gelegenheit, einige Seitenhiebe auf Hollywoods Drang zur Veränderung von Filmvorlagen zu landen. Rachel Walling liest während eines Fluges im Buch „Der Poet“, das aber nicht Connelly, sondern dessen Romanfigur Jack McEvoy geschrieben hat. So etwas ist witzig dort, wo es gelingt, weil es sich elegant in die Handlung integriert. Weniger amüsant findet man es, wenn es aufgesetzt wirkt: Die Cassie-Black-Episode hat mit der eigentlichen Handlung nicht das Geringste zu tun und das merkt der Leser auch.

Quo vadis, Harry Bosch? Jeder Schriftsteller kennt das Problem, einen altgedienten Helden lang laufender Serien „frisch“ zu halten. Nach neun Romanen kennt man als Leser Bosch im Grunde in- und auswendig. Gestartet ist er einst als vietnamkriegsgeschädigter Kriminalist mit durchaus pathologischen Zügen. Der „alte“ Bosch eckte prinzipiell überall dort an, wo es gilt, diplomatisch und kompromissbereit aufzutreten: bei den Vorgesetzten, dem Establishment, der Politik, den Medien. Doch geradezu masochistisch legte sich Bosch immer wieder mit denen an, die ihm bei seinem Kreuzzug gegen das Böse – Connelly hat ihn nicht ohne Grund nach dem flämischen Maler apokalyptischer Höllenspektakel benannt – in die Quere kamen.

Diesen Aspekt des Bosch-Charakters hat der Verfasser längst gedämpft – das musste er, denn der Harry Bosch aus „The Black Echo“ (1992; dt. „Schwarzes Echo“) hätte sicherlich nicht bis zum zehnten Fall durchgehalten. Aber inzwischen fehlt etwas; der kantige Harry ist milde geworden. Seinen Attacken gegen arrogante FBI-Beamte fehlt der Biss, weil diese nie wirklich gefährlich wirken. Auch Rachel Walling hat Bosch eigentlich sogleich auf seine Seite gezogen. Der Verlust seiner Dienstmarke behindert ihn nicht wirklich, wie Connelly es mehrfach behauptet.

Dem bisher einsamen Helden eine Familie anzudichten, ist ein bekannter Trick serieller Unterhaltung. Die daraus resultierenden Konflikte ergeben reichlich Stoff für viele, viele Seiten, die sich wie auf Seifenschaum quasi von selbst schreiben. Harry Bosch will ein guter Vater sein aber seine Ex-Gefährtin lässt ihn nicht – so what? Connelly gelingt es, einen neuen Aspekt der Bosch-Figur zu kreieren, aber wollen wir diesen wirklich kennen lernen? Nun, in [„The Closers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1561 (2005) kehrt Bosch zu seinen Wurzeln und zum LAPD zurück. Gleichzeitig verzichtet Connelly auf die Ich-Perspektive und schildert Bosch wieder in der dritten Person; eine gute Entscheidung, da unserem Harry allzu große Nähe einfach nicht bekommt.

Rachel Walling gibt das Yin zu Harry Bosch’ Yang. So ist das halt im Mainstream-Thriller, wo sich zum männlichen Helden eine weibliche Figur gesellen muss (sowie mindestens ein „Buddy“, der für komische Einlagen zuständig ist). Schließlich braucht es (offenbar) eine Lovestory, um möglichst viele Leser/innen zufrieden zu stellen. Also fallen auch Harry und Rachel irgendwann übereinander her – eine Szene, die ebenso zu erwarten war wie augenscheinlich so fehl am Platze ist, dass sie Connelly womöglich nachträglich auf Anraten seines Verlags eingebaut hat. Ansonsten müht sich Rachel wacker an Harrys Seite. Sie wurde vom Schicksal ebenfalls tüchtig durch die Mangel gedreht, ohne dass dies den Leser allerdings für sie einnimmt. Im Finale versagt sie natürlich im entscheidenden Moment und muss sich von Bosch vor dem Poeten retten lassen.

Jim Backus, der Poet, wirkt wie schon gesagt niemals wie die düstere Bedrohung, die Connelly in ihm sah und die ihn veranlasste, diese Figur ein zweites Mal aufzugreifen. Doch er übertreibt es mit einem Serienkiller, der sich durch die ganze Welt metzelt und dabei einem absurden „Plan“ folgt, der womöglich nicht einmal in seinem kranken Hirn aufgeht. Der Poet ist nur überzeugend, solange uns nur die Folgen seiner Untaten präsentiert werden und er sich auf kurze Auftritte beschränkt. Je mehr wir dann über Backus erfahren, desto nachhaltiger verflüchtigt sich die Faszination. Schließlich bleibt nur der irre Bösewicht, der mit dem Helden raufen und dabei möglichst malerisch zu Tode kommen muss.

Nein, ein Höhepunkt der Harry-Bosch-Serie ist Michael Connelly mit „Die Rückkehr des Poeten“ nicht gelungen. Wenn man auch diese Episode empfehlen kann, so liegt es daran, dass auch ein mittelmäßiger Connelly noch weit über den meisten seiner schreibenden Kollegen steht. Was vor allem fehlt, das ist die Intensität, mit der Harry Bosch auf die beruflichen und privaten Schrecken dieser Welt reagiert. Er ist ein bisschen zu sehr mit sich im Reinen; bleibt zu hoffen, dass sich dies zukünftig wieder ändert.

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Der „Entdeckung“ der Bücher von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf; nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eines der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell die Website http://www.michaelconnelly.com.

Die Harry Bosch-Serie …

… erscheint gebunden bzw. als Taschenbuch im Wilhelm-Heyne-Verlag:

01. [Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958 („The Black Echo“, 1992)
02. Schwarzes Eis („The Black Ice“, 1993)
03. Die Frau im Beton („The Concrete Blonde“, 1994)
04. Der letzte Coyote („The Last Coyote“, 1995)
05. Das Comeback („Trunk Music“, 1997)
06. [Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192 („Angel’s Flight“, 1999)
07. [Dunkler als die Nacht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1193 („A Darkness More Than Light“, 2001)
08. [Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334 („City of Bones“, 2002)
09. Letzte Warnung („Lost Light“, 2003)
10. Die Rückkehr des Poeten („The Narrows“, 2004)
11. [The Closers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1561 (2005, noch kein dt. Titel)

Sussman, Ellen – Affäre, Die

_Am Abgrund der Leidenschaft_

Kann der Supermarkt Ihr Leben verändern? Sie mögen es nicht glauben, aber er kann’s (Aldi würd’s freuen). Sie müssen nur den richtigen Menschen treffen. Amour fou – Sie sind wie vom Blitz getroffen. Und ohne dass Sie sich’s versehen, ändert Ihr Leben seine Richtung um 180 Grad. Mal seh’n, was Ihre Lieben davon halten …

Ellen Sussman ist eine amerikanische Autorin von Drehbüchern und Kurzgeschichten. „Die Affäre“ ist ihr erster Roman. Kein Wunder, dass er sich ebenfalls wie ein Drehbuch liest – nur die Regieanweisungen fehlen. Das ist aber kein Nachteil, sondern trägt zu einer flüssigen Lektüre bei – ich habe das Buch in zwei Tagen verschlungen.

_Handlung_

In diesem Roman geht es um eine übersichtliche Schar von acht bis zehn Akteuren, deren Leben bislang in geordneten Bahnen verlaufen ist. Jessa, die weibliche Hauptfigur, und ihr Mann Roger sind schon 15 Jahre miteinander verheiratet, leben in einem sehr ruhigen Bezirk von San Francisco und sind stolz auf ihre beiden Töchter: Rosie ist ein süßer Fratz von sechs Jahren, während Lee mit 14 Jahren schon ernsthaft ein beunruhigendes Interesse an Jungs zeigt, besonders an Zack (der sich als genauso unschuldig herausstellt).

Jessa und Roger sind mit Matt und Grace befreundet, die stolz auf ihre zwei Söhne Jake und Peter sind. Grace ist Jessas beste Freundin, und die beiden erzählen einander alles. Sie fantasieren vom Ausbrechen aus ihren eingefahrenen Ehegleisen. Die beiden Familien fahren traditionell einmal im Jahr in die kalifornischen Berge. Bislang ist immer alles gut verlaufen …

Eines Abends, als beide Familien gemeinsam bei Jessa dinieren, fehlt ihr das Dessert. Sie hüpft kurz mal rüber in den Supermarkt. Bei den gesuchten Erdbeeren lernt sie den attraktiven Simon kennen. Mit einem Schlag fühlt sie, wie ihr der Boden unter den Füßen schwindet. Lange verdrängte Sehnsüchte und Begierden steigen mit einer Kraft empor, die es Jessa unmöglich macht, sich der erotischen Ausstrahlung Simons zu entziehen.

Er ruft sie an. Bei ihrer nächsten Begegnung gibt sie sich dem Unbekannten widerstandslos hin. Er sagt, er will sie. Das hatte ihr Roger zuletzt vor hundert Jahren gesagt. Ihre Rendezvous werden immer häufiger und gewagter. Aus dem harmlosen Seitensprung entwickelt sich eine leidenschaftliche, unkontrollierbare und alle Worte der vernünftigen Grace in den Wind schlagende Affäre. Jessa schläft nicht mehr mit Roger. Die strahlende Erotik in Jessas Leben beeinflusst ihren Ausflug in den Bergen auf verhängnisvolle Weise – die Jungs, die Männer wagen mehr und schließlich zu viel: Jake, Graces Sohn, verletzt sich schwer bei einem Sprung von einem Felsen.

Jessa weiß nicht, wie sie nach diesem Omen ihrer Obsession mit Simon entrinnen kann, denn schon steht alles, was ihr in ihrem Leben teuer war, auf dem Spiel: Ihre Ehe existiert nur noch auf dem Papier, ihre Tochter Lee ertappt Jessa beim Lügen und mit Simon, Grace schüttelt nur noch den Kopf vor lauter Lügen und Jessa droht ihren Job als Zeichnerin zu verlieren. Sie steht am Rande des Abgrunds.

Eines Tages verfolgt Jessa eine Frau, die aus Simons Haus kommt. Es ist Ruby, eine 1,90 m große Amazone, die in einer nahen Kunstschule als Aktmodell ein wenig dazuverdient. Ihr Mann Simon weiß nichts davon. Ruby und Jessa lernen sich näher kennen, eine extrem delikate Situation. Denn schließlich kennt sich Jessa mit Rubys Sachen und Verhältnissen sehr intim aus, darf dies aber nicht verraten.

Als Simon auf einem letzten gemeinsamen Wochenende besteht, kommt es zur erlösenden Katastrophe. In einem Strip-Club sieht Jessa, der jedes Gefühl für ihre eigene Identität bereits abhanden gekommen ist, ihre eigene mögliche Zukunft vor sich: als Stripperin, Prostituierte, Treibholz im Sexmarkt. In einem finalen Showdown, bei dem Simon sie nicht gehen lassen will, spielt sie die befreiende Ruby-Karte – jede Affäre verlangt ein Opfer …

_Fazit_

Man sollte erwarten, dass diese dramatische Handlung mit einem warnend erhobenen moralischen Zeigefinger der Autorin verbunden sei. Weit gefehlt. Sussman versteht zu erzählen, indem sie zeigt. Sie erklärt und deutelt nicht wie so viele schlechte Schriftsteller. Die Szenen folgen aufeinander, zusammengefasst zu thematischen Komplexen, und bauen aufeinander auf. Dementsprechend baut sich auch die erotische Spannung auf, die im Wochenende mit Simon in Santa Barbara gipfelt.

Jessa ist ein lebenshungriger Wildfang, kein Hausmütterchen, und daher erscheint es keineswegs unplausibel, dass sie aus ihrem Ehetrott ausbricht, als sich eine Gelegenheit bietet, die sie umhaut. Sie könnte mit Simon wie ein Komet zu anderen Welten des Lebens abschwenken, doch die Liebe zu ihren Töchtern bindet sie, bringt sie wieder auf die Erde zurück.

Und das ist gut so, denn auch Lee sieht – bereits mit ihren zarten 14 Jahren – eine mögliche Existenz im Sexmarkt vor sich liegen: Jeden Tag gehen sie und Zack zur Straßenecke, wo sich die Huren und Transen feilbieten. Jessa spürt die Verpflichtung, Lee verstehen zu lassen, was das Leben ausmacht, das es wert ist, gelebt zu werden. Insofern geht es in „Die Affäre“ um die Erkundung der Optionen, die modernen Frauen – nicht nur in den USA – offen stehen, um ihr Leben zu gestalten.

|Originaltitel: The Affair, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Caroline Einhäupl|

Mary Higgins Clark – Hab Acht auf meine Schritte

Mary Higgins Clark hat sich schon seit langem einen Namen als Grand Dame der Spannungsliteratur gemacht, ihre erfolgreichen Romane zeichnen sich meist durch ausgeklügelte Plots mit psychologischem Hintergrund aus, die sich vom oft anzutreffenden Mittelmaß erfreulich abheben. Auch in ihrem aktuellen Thriller „Hab Acht auf meine Schritte“ versetzt Mary Higgins Clark sich und ihre Leser in die Rolle eines unschuldigen Opfers, mit dem es mitzufühlen gilt. In den letzten 25 Jahren hat die berühmte Autorin über 20 Kriminalromane veröffentlicht, die überwiegend zu internationalen Bestsellern avancierten.

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Feldhoff, Robert / Schulz, Dirk – Berlin 2323

In einer fernen Zukunft. Berlin ist am Boden. DJs heizen der Menge auf den Straßen ein. 24 Stunden täglich Dauerberieselung. Der Rest besteht aus Hinterhöfen, Müll und Hundekacke. Über allem schwebt ein Tyrann, der den Stadtstaat an außerirdische Eroberer verschachern will. Autor Robert Feldhoff will in seinem Comic „Berlin 2323“ richtig loslegen und ausflippen. Leider kommt er nicht einmal vom Start weg.

In Berlin ist die Hölle los. Die Zukunft hat der Hauptstadt übel mitgespielt. Im Jahre 2323 ist die Metropole zu einem überdimensionalen Karnevalsverein verkommen. Die halbe Galaxis feiert hier ein munteres Stelldichein. Nach der Party wird unter der Siegessäule gebumst, wenn sich kein anderes Plätzchen findet. Und der amtierende Bürgermeister – ein fetter Despot namens Quentin – schwebt in einer Sänfte über den Dingen. Er trägt zum allgemeinen Unwohlsein bei, indem er die Invasion der gefürchteten Schwarzen Magier vorbereitet. Von den Feiernden kümmert das allerdings niemanden so richtig.

Zum Glück gibt es Scilla und ihre Freunde. Die Blondine mit der großen Oberweite gehört zu einer Untergrundorganisation, die das fiese Stadtoberhaupt ausschalten will. Mit dabei sind Ratte, ein tätowierter Revolverheld, und Indigo, ein Pavian-Alien, der verflucht große Ähnlichkeit mit Klaus Meine von den |Scorpions| hat. Angeführt wird die Möchtegern-Guerilla-Truppe von dem rechtmäßigen Bürgermeister, der in den Untergrund fliehen musste und sein Amt zurückhaben will.

Die Fronten sind so weit geklärt. Was folgt, ist eine Hetzjagd vorbei an den Touristenmagneten der Stadt. Vom Brandenburger Tor geht es nach Schloss Sanssouci und weiter in den japanischen Garten. Weil wir aber einen Comic und keinen Reiseführer lesen wollen, wurden die Sehenswürdigkeiten für das Jahr 2323 billig aufgepeppt. Der Plenarsaal des Reichstages hat sich in ein Pornokino verwandelt, im Funkturm befindet sich ein Bordell, und das Stadion des Hertha BSC schwebt – getragen von mehreren Ballons – über dem Erdboden.

|Carlsen|s neues Produkt macht optisch einiges her. Wie schon zuvor der französische Comic-Roman „Jenseits der Zeit“ erscheint auch Berlin 2323 in einem neuartigen Format. Hardcover, dickes Papier, einhundert Prozent Farbe und eine handliche Größe (17,5 cm x 24,5 cm) lenken den Blick im Laden auf sich. Der Zeichner Dirk Schulz – Designer, Grafiker und Schöpfer von „Indigo“, „Chiq und Chloe“ und „Parasiten“ – beschert dem Leser abwechslungsreiche Seitenaufteilungen. Volle, runde Bildwelten und eine tolle Kolorierung zeichnen den Band aus.

Die optischen Qualitäten alleine machen Berlin 2323 leider noch zu keinem Lesevergnügen. Autor Robert Feldhoff, hauptberuflich Chef der SF-Romanreihe |Perry Rhodan|, hätte sich ein bisschen mehr ins Zeug legen sollen. Zusammenhanglos stehen die Elemente der Geschichte nebeneinander, nur verbunden durch einen harmlosen Plot, der nicht gerade vor Einfallsreichtum sprüht. Wie der Welt, so fehlt auch den Figuren ein ausgearbeiteter Hintergrund, der ihren Charakter formen und der Geschichte mehr Tiefe verleihen könnte. Stattdessen werden sie zu Stichwortgebern und Handlungstreibern degradiert. Eine Identifizierung seitens des Lesers bleib da selbstverständlich aus.

Offensichtlich sind auch Feldhoff diese Mängel aufgefallen. Statt einer gründlichen Überholung hat er jedoch einen schnellen Anstrich vorgezogen. Damit der Leser nicht ins Grübeln gerät und seiner eigenen Langeweile gewahr wird, wechseln sich die schnöden Themen des Bandes kontinuierlich miteinander ab: Sehenswürdigkeiten, Sex, Gewalt und Party. Herausgekommen ist ein geistloses Hochglanzprodukt von der Stange. Wem das reicht, der kann bei „Berlin 2323“ guten Gewissens zugreifen. Allen anderen sei geraten: Finger weg!

http://www.berlin2323.de

Steven Hillenburg u. a. – SpongeBob Schwammkopf – Krosse Krabbe-Abenteuer

Im ersten Teil der Cinemanga-Reihe zum Thema „SpongeBob Schwammkopf“ beschäftigen sich alle Mini-Comics mit dem Arbeitsplatz des kleinen gelben Schwamms, der so genannten „Krossen Krabbe“. Hier treibt er unter der Leitung des geldgierigen Mr. Krabs von morgens früh bis abends spät sein Unwesen und bringt seinen Kollegen Thaddäus Tentakel dabei jedes Mal wieder zur Verzweiflung.
„Krosse Krabbe-Abenteuer“ enthält wiederum vier Hochglanz-Comics, bei denen erneut alle Freunde und Widersacher von SpongeBob mit von der Partie sind.

Chef werden ist nicht schwer

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Bradley, Marion Zimmer / Waters, Elisabeth – Erbin von Ruwenda, Die

_Auch Zaubern will gelernt sein_

Dieser farbige Fantasyroman schließt den fünfbändigen Ruwenda-Zyklus befriedigend ab. Es wieder ein Märchen für Erwachsene, vor allem für weibliche: voller Liebe und Magie, in einer exotischen Welt.

Im amerikanischen Original hieß der Zyklus „Trillium“ und wurde zunächst von drei bekannten Autorinnen verfasst: MZB herself, dann noch Julian May, der Verfasserin der erstklassigen Pliozän-Saga, und schließlich Altmeisterin André Norton, die den anderen wahrscheinlich zeigen konnte, was eine Harke ist. Initiiert wurde der ganze Zyklus inklusive Kooperation vom deutschen (!) Literaturagenten Uwe Luserke.

Auch diesen Band hat MZB wieder mit einer nicht im Titel genannten Koautorin verfasst, der sie jedoch im Buch dankt: Elisabeth Waters.

_Handlung_

Das Reich der Drillingslilie – daher ‚Trillium‘ – droht unterzugehen. Die Seherin Haramis, die das Erbe der Zauberin von Ruwenda angetreten hat und nun bereits zwei Jahrhunderte über das Schicksal des Landes wacht, fühlt, dass ihre Zeit zu sterben naht. Ihre beiden Schwestern Kadiya und Anigel weilen bereits längere Zeit nicht mehr unter den Lebenden. Einsam hockt sie im Turm, der einst ihrem Erzrivalen Orogastus gehörte.

Mit Hilfe ihrer seherischen Gabe, dem Zweiten Gesicht, sucht sie nach einer Nachfolgerin für ihr Amt. Diese will sie in die Aufgaben der Erzzauberin von Ruwenda einführen. Schließlich wählt sie die widerspenstige Prinzessin Mikayla aus, doch diese hält nichts vom Zölibat einer Zauberin, sondern entscheidet sich für ihren Jugendfreund, den Königssohn Fiolon. Wer könnte es ihr verdenken?

Doch Haramis holt die beiden Turteltäubchen zu sich in den Weißen Turm. Dort beginnt sie, Mikayla in die Grundregeln der Magie einzuführen. Mikayla kommt sich vor wie Harry Potter und scheint sich nach außen hin in ihr Schicksal zu fügen, das eine Art Eremiten- und Mönchsdasein erfordert. Doch nachdem man Fiolon wieder in die Zitadelle von Ruwenda zurückgeschickt hat, findet sie einen Weg, ihn wiederzutreffen. Aber Fiolon entwickelt ohne Wissen der Zauberin ebenfalls große magische Fähigkeiten.

Haramis versucht vergeblich, die Verbindung der Liebenden zu zerbrechen, vielmehr erleidet sie einen Schlaganfall. Mikayla nutzt die Gelgeneheit, um den nunmehr ungeschützten Turm näher in Augenschein zu nehmen. Dabei ist ihr Uzun eine gute Hilfe, der frühere Begleiterin der Erzzauberin, der von dieser in eine schnöde Harfe verwandelt worden war. Mikayla sucht einen neuen Körper für ihn, doch dies führt zu neuen Abenteuern, die aber belohnt werden. (Ich will hier nicht verraten, welche neue Gestalt Uzun nun bekommt.)

Haramis ist mittlerweile kurz davor, den Löffel abzugeben. Als Folge ihrer schwindenden Zaubermacht kommt es zu etlichen Naturkatastrophen wie etwa Erdbeben. Doch Mikayla und Fiolon doktern lieber an den Symptomen herum, indem sie die Schäden beseitigen, statt sich um die Ursache zu kümmern: Mikayla sollte Haramis‘ Stelle einnehmen. Ist sie bereit, den Preis zu bezahlen? Oder gibt es eine Chance, dass beide ein gemeinsames Leben führen?

_Mein Eindruck_

Dies ist klassische Fantasy: Durch dick und dünn muss die Hauptfigur Mikayla erst gehen, bevor sie die Entscheidung zwischen Pflicht (Zauberin zu werden) und Neigung (Fiolon zu heiraten) treffen kann. Doch vielleicht kann sie den Kuchen essen und ihn zugleich behalten? Dann könnte sie an Fiolons Seite Zauberin werden und die Welt retten.

Wie man sieht, werden auch in diesem Roman die schönsten Mädchenträume wahr und am Schluss wird (doch, sicher, ganz bestimmt) alles gut. Leider ist dies vom literarischen Standpunkt nicht weiter von Bedeutung. Und wer solche Geschichten mag, wird auch hier das finden, was er oder vielmehr sie erwartet: Unterhaltung im schönsten Sinne des Wortes.

|Originaltitel: Lady of the Trillium, 1995
Aus dem US-Englischen übertragen von Marion Balkenhol|

Hoffmann, Bernd – Katharer Schriften, Die

_Der Autor:_

Bernd Hoffmann, geboren 1962 in Horn, untermauert seine Theorie der geheimnisvollen Katharer Schriften und des heiligen Grals mit vielen historisch verbürgten Gegebenheiten, etwa der politischen Situation in Italien und Deutschland, dem Jesuiten-Orden und schließlich der Reise der Italia, die am 25. Mai 1928 vor Grönland abstürzte und von der weder Gepäck noch Überlebende geborgen werden konnten. Der Autor erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, in der sich Abenteuer und historischer Mystizismus mischen. Er lässt seinen Ermittler tief in die Welt der Geheimbünde eintauchen und zeigt faszinierende Aspekte der frühen Christenheit auf. Ein spannender Roman, der seine Leser in die Vergangenheit entführt und die Zeit vergessen lässt.

Von Bernd Hoffmann erschien 2003 „Das Gemälde“, ein historischer Krimi um ein verschollenes Kandinsky-Bild.

_Das Buch:_

Im Berlin des Jahres 1928 arbeitet der Archäologe Dr. Julius Weymann an der Übersetzung und Restauration einiger mysteriöser und anscheinend sehr wichtiger Schriftrollen. Kurz darauf begeht er Selbstmord.

Adalbert von Grolitz, ein junger Geschäftsmann und ein Bekannter Weymanns, misstraut der Zeitungsmeldung über dessen Tod und vermutet Mord hinter Weymanns plötzlichem Ableben. Bei seinen Recherchen stößt er auf eine Verbindung zur Prieuré de Sion, eines tausend Jahre alten Geheimbundes, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Dokumente des von der katholischen Kirche vernichteten Katharer-Ordens zu schützen und zu bewahren. Diese Schriftrollen sind seit Weymanns Tod verschwunden und es wird bald deutlich, dass sie in den falschen Händen einen großen politischen und gesellschaftlichen Schaden anrichten können.
Adalbert von Grolitz wird auf Wunsch seines Berliner Verbindungsmannes Kessler in die Schweiz geschickt, wo man die geheimen Dokumente vermutet.

Sein Weg führt ihn nach Grindelwald in die Gegen des Eiger-Bergmassivs. Dort trifft er auf seinen neuen Verbindungsmann Max Strickler, der ihm nach und nach mehr über den Inhalt der mysteriösen Schriften erzählt. Gemeinsam kommen sie der Spur einer geheimnisvollen Seilschaft unter der Führung eines Ordensbruders auf die Spur und entdecken so den Aufenthaltsort der gestohlenen Dokumente.

Dieser verbirgt sich mitten in einem Höhlensystem und ist von einer mit Sprengzündern ausgestatteten Wand geschützt. Von Grolitz und Strickler bleibt nichts anderes übrig, als weitere Leute für ihre Mission zu gewinnen, die aber gleichzeitig nicht zu viel von der wahren Begebenheit wissen dürfen. Mit einem kleinen Team erfahrener Alpinisten planen sie den Abtransport der Schriften, was jedoch nicht unbeobachtet gelingt, denn die Ordensbrüder sind ihnen immer einen Schritt voraus und schrecken mittlerweile auch vor keiner Methode mehr zurück …

_Meine Meinung:_

Es ist schon fast unheimlich, mit welchem Erzähltempo Bernd Hoffmann in diesem Roman loslegt, und wie viele verschiedene Aspekte er schon auf den ersten fünfzig Seiten berücksichtigt. Der Autor schildert so zum einen die Brisanz der nationalen Zeitgeschichte und das Aufkeimen der Nationalsozialisten, die es unter anderem auch auf den linksgerichteten Großunternehmer von Grolitz abgesehen haben, andererseits aber natürlich auch die unheimlichen Enthüllungen, die sich hinter den Katharer Schriften verbergen, wobei er die Geschichte schon noch eine ganze Weile lang unter einem Schleier des Geheimnisvollen verhüllt und erst nach und nach Details freigibt.

Hoffmann hat sich wirklich sehr intensiv mit der Theorie der Katharer auseinandergesetzt und deren Vermutung, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat und nach Frankreich fliehen konnte, um dort ein abgeschiedenes aber friedliches Leben mit Familie zu führen, bis ins letzte Detail in den Roman einfließen lassen. Selbst der größte Zweifler wird hier nach und nach erkennen, dass diese Theorie zwar einerseits ziemlich weit hergeholt scheint, andererseits aber so logisch und schlüssig dargestellt wird, dass man auch gut glauben könnte, dass es tatsächlich so gewesen ist und die vielen Mysterien um den Tod Jesu an den Haaren herbeigezogen wurde. Und was dabei herumkommt, ist wirklich sehr interessant und spannt den Bogen um die Entstehung der Kirche über die Tempelritter und den heiligen Gral bis hin zur politisch sehr brisanten Situation des dritten Jahrzehnts in Italien und Deutschland, alles vergepackt in eine unglaublich spannende Abenteuergeschichte, deren Reiz vor allem auf dem historischen Mystizismus beruht.

Ich muss zugeben, dass ich lange überlegt habe, aus welcher Richtung ich diese Rezension angehen sollte, und bin dabei in Versuchung gekommen, das tatsächliche Mysterium dieses Romans genauer zu beschreiben und Kernpunkte der Story nachzuerzählen. Doch genau damit würde man dem Buch einen erheblichen Teil der Spannung nehmen und schon zu weit vorgreifen. „Die Katharer Schriften“ ist jedoch ein Werk, das man erleben muss, in dessen faszinierende Theorien man eintauchen muss, denn nur so wird man auch erkennen können, welche Auswirkungen die Geschichte für den Verlauf der Weltgeschichte gehabt hätte, hätte sie tatsächlich den hier als wahrhaftig dargestellten Verlauf genommen. Das mag dem rational denkenden Menschen möglicherweise schwerer fallen als dem träumerischen Charakter, aber darin liegt ja zu einem gewissen Teil auch das Verlockende hinter den Katharer Schriften. Man muss sich auf einen Prozess einlassen, der einem mit wachsender Dauer immer suspekter, vielleicht als gläubigem Christen auch unangenehmer erscheinen mag, weil man ja schließlich keine Zweifel an seinem Glauben duldet.

Und all das ist ja letztlich auch nur ein Nebeneffekt dieser mitreißend geschriebenen und in Hinsicht auf das stetig hohe Spannungslevel intelligent strukturierten Abenteuergeschichte. „Die Katharer Schriften“ zählt jedenfalls, das steht für mich bereits jetzt fest, zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe, nicht zuletzt, weil es einfach Spekulationen und Gedankengänge in mir geweckt hat, die zwar vom Verstand abgelehnt werden mögen, aber trotzdem nicht abgelegt werden können – auch jetzt nicht, wo das Buch längst beiseite gelegt wurde. Daher möchte ich diesen Bericht mit einem lautstarken Applaus für Bernd Hoffmann beschließen, der es geschafft hat, mich stunden- und tagelang in eine ganz andere Welt abtauchen zu lassen. „Die Katharer Schriften“ ist definiv ein Buch, das man so schnell nicht mehr vergessen wird.

Leroux, Gaston / Gruppe, Marc – Phantom der Oper, Das (Gruselkabinett 4)

„Das Phantom der Oper“ ist das vierte Hörspiel aus der kultigen „Guselkabinett“-Reihe mit den miesen Coverbildern und den höchst unterhaltsamen Inhalten. Beim „Phantom der Oper“ denkt jeder zwangsläufig an Andrew Lloyd Webber, Kahnfahrten in unterirdischen Gewölben und schmachtende Opernduette. Dagegen anzukämpfen, ist nicht leicht, doch in gewohnt überzeugender Manier liefern |Titania Medien| unter der Leitung von Marc Gruppe ein schauerliches Hörspiel in Starbesetzung.

Die Handlung ist wohl in den groben Zügen bekannt: Die junge Christine Daaé (gesprochen von Marie Bierstedt) fristet ihr Dasein als Chormädchen an der Pariser Oper, bis das geheimnisvolle Phantom (Torsten Michaelis) sie unter seine Fittiche nimmt und unterrichtet. Selbiges Phantom ist von Geburt an entstellt und lebt, zynisch und Menschen verachtend, unter der Oper, um zur abendlichen Vorstellung heraufzuklettern und in Loge 5 die Musik zu genießen (denn zufällig ist er auch noch ein sehr guter Sänger UND Architekt). Die neue Leitung der Oper sieht dieses Arrangement gar nicht gern, schließlich ist Loge 5 eine der teuersten des Hauses und könnte auch anderweitig verkauft werden. So entbrennt ein Machtkampf zwischen dem Opernmanagement und dem Phantom, während dieser Christine fördert und die Operndiva La Carlotta (Ursula Heyer) zum Gespött des Publikums macht. Dann betritt auch noch Christines Jugendfreund Raoul (Patrick Winczewski) die Bühne und Christine findet sich plötzlich zwischen zwei Männern wieder, von denen einer nicht davor zurückschrecken wird, den Rivalen zu töten …

Das Hörspiel kann wie immer mit wunderbaren Soundeffekten garantieren, sodass der geneigte Zuhörer prompt in die richtige Stimmung gebracht wird. Im Hintergrund breiten sich orchestrale Klangteppiche aus und erschaffen überzeugend die Illusion, sich in einer Oper zu befinden. Doch das Hörspiel steht und fällt mit der Darstellung des Phantoms, und Torsten Michaelis (Stimme von Wesley Snipes und Sean Bean) macht seine Sache ausgesprochen gut. Sein Phantom pendelt zwischen dem Bedürfnis nach Zuneigung und Freundschaft und dem Wunsch, die Menschen, die ihm das Leben so schwer machen, möglichst genussvoll zu zerstören. Er kann liebenswert und hilfsbereit, aber auch rachsüchtig und gnadenlos sein. Ob man nun Mitleid mit dem Phantom hat oder ihm dem Tod wünscht, bleibt also dem Zuhörer überlassen – eine leichte moralische Entscheidung ist es auf keinen Fall.

Hinter Torsten Michaelis‘ brillanter Darstellung müssen die anderen Sprecher zwangsläufig zurückstehen. Gerade des Phantoms Gegenspieler Raoul, gesprochen von Patrick Winczewski (wohl eher bekannt als Synchronstimme von Tom Cruise und Hugh Grant), bleibt im direkten Vergleich blass, naiv und uninteressant. Einzig die zickige Diva La Carlotta kann mit dem Phantom mithalten, da Ursula Heyer sich schwer ins Zeug legt und wohl über vier Oktaven schreit, zickt, meckert und generell ziemlich unerträglich ist.

Gaston Leroux’s „Das Phantom der Oper“, das 1910 erstmals erschien, hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt. Angelehnt an die Geschichte von der Schönen und dem Biest, spricht die romantische Handlung immer noch Menschen aller Couleur an. Wohl auch darum wird der Stoff immer wieder neu verarbeitet. Schon 1925 gab es die erste Verfilmung des Romans und erst 2004 kam die vorerst letzte in die Kinos. Am bekanntesten ist sicherlich die Musical-Adaption von Andrew Lloyd Webber. Und Marc Gruppes Hörspielversion reiht sich nahtlos in die lange Geschichte des Stoffes ein.

Der versprochene Grusel ist hier allerdings eher ein angenehmer Schauer, der sich ausbreitet, wenn man mit Christine die unterirdischen Gewölbe der Oper erkundet und die Gegenspieler des Phantoms in meisterlichen Spiegelkabinetten gefangen sind. Im Vordergrund steht die dem Untergang geweihte unglückliche Liebesgeschichte zwischen Christine und dem Phantom. Es lässt sich also ausgesprochen gut schmachten bei diesem Hörspiel aus dem |Titania|-Programm und romantische Gemüter werden am Ende sicherlich die eine oder andere Träne wegwischen müssen.

[Titania Medien]http://www.titania-medien.de hat sich innerhalb kürzester Zeit mit seiner Gruselkabinett-Reihe bei Hörern und Kritikern nach vorn gebracht. Bereits im Frühjahr dieses Jahres konnte |Titania| den Kritikerpreis der Hörspiel-Awards abstauben und auch dieses Jahr ist das Label gleich bei zwei Awards nominiert. Zu einem echten Kauf-mich-Preis bringt Marc Gruppe klassische Texte der Horrorliteratur auf den Silberling, jedes Mal mit bekannten Sprechern und tollen Klangeffekten. Da macht das Reinhören immer wieder aufs Neue Spaß.

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5166 (Gruselkabinett 27)

O’Neal, Tatum – Und mein Leben beginnt jetzt

1973 wird die Schauspielerin Tatum O’Neal mit einem „Oscar“ für den Film „Paper Moon“ ausgezeichnet. Niemals hat es eine jüngere Gewinnerin dieses wichtigen Preises gegeben. Doch der frühe Ruhm bringt dem Kind kein Glück. Ohnehin wächst es in desolaten Familienverhältnissen auf, wird von der süchtigen Mutter vernachlässigt und vom cholerischen Vater Ryan O’Neal – selbst ein bekannter Darsteller – nicht nur geschlagen, sondern auch mit Drogen versorgt.

So ist ein Lebensweg quasi vorgezeichnet, der zwischen strahlenden Auftritten als prominentes Mitglied der Hollywood-High-Society und einem zunehmend desaströsen Privatleben schlingert. Frühe Drogen- und Alkoholsucht, sexuelle Übergriffe, Kämpfe mit den gleichzeitig schwachen und herrschsüchtigen Eltern, Depressionen, die Flucht in eine Ehe, die sich als neuer Lebenskampfschauplatz erweist, und ein schmutziger Scheidungskrieg sind nur einige Stationen eines langen Absturzes ins persönliche und gesellschaftliche Nichts.

Erst spät kann sich Tatum O’Neal fangen. Der Rückweg in ein geordnetes Leben ist schwierig und schmerzhaft, aber er gelingt. Mit den meisten Dämonen der Vergangenheit vermag sich O’Neal zu arrangieren. Für die zweite Lebenshälfte sieht die Prognose deutlich besser aus als für die ersten vier Jahrzehnte eines verpfuschten doch gleichzeitig ungewöhnlich ereignisreichen und interessanten Lebens. Beide Aspekte finden Erwähnung in der Autobiografie, die Tatum O’Neal selbst verfasst hat und die hier in deutscher Übersetzung vorgelegt wird.

Reiches Kind, armes Kind … Wie oft haben wir diese Melodei eigentlich schon gehört? Besonders Hollywood scheint prädestiniert für Schicksale wie das der Tatum O’Neal. Filmreif klingt, was faktisch durchaus glaubwürdig erscheint. Das nährt gleichzeitig Misstrauen, zumal sich die O’Neal-Biografie ebenso eng wie letztlich zweifelhaft an jenen Spannungsbogen hält, den die US-Amerikaner so lieben: Da gerät jemand bis auf die Spitze der gesellschaftlichen Pyramide, ist reich, berühmt, beliebt, um anschließend genauso tief zu fallen. Grausiges reiht sich an Trauriges, und wenn man als bangender und leidender Leser schon glaubt, es geht nicht mehr und die arme Tatum endgültig verloren glaubt, kommt irgendwo doch ein Lichtlein her: Kraft fährt aus Wolke Sieben in das geplagte Menschenkind. Es besinnt sich uramerikanischer Tugenden, streift ab die Fesseln der Sucht und der Erniedrigung, findet zu sich, erschafft sich neu. Aus der Gosse erhebt sich gleich Phoenix die neue Tatum O’Neal, clean und schön, selbstsicher und erfolgreich, bereit und willens, sich dem Leben zu stellen.

Solche Storys lieben Amerikaner bzw. Zeitgenoss/inn/en mit einfach gestrickten Gemütern, denn sie projizieren selbstverständlich das eigene, zur Zeit womöglich nicht gerade günstige Geschick in die Lektüre und schöpfen Hoffung: Siehe, es geht doch; da steckt ein Mensch viel tiefer im Dreck als ich und hat es geschafft, sich zu befreien. Dass dieses Lehrstück womöglich nach dem Handbuch „Wie konstruiere ich einen Bestseller?“ inszeniert ist – als Genre fällt es in die Kategorie „Frauenschicksal“ -, scheint kaum eine Rolle zu spielen. Wie im Märchen geht die Geschichte gut aus; das ist es, was primär den Erfolg solcher Bücher ausmacht. Recht perfide ist, dass „Und mein Leben beginnt jetzt“ ganz und gar nicht als Rührspiel beginnt. Die Selbstreflexion bewegt sich auf einem niedrigen Niveau, aber als einfach gehaltener, lesbar geschriebener Bericht (keine Selbstverständlichkeit bei Autobiografien) über vier schauerlicher Jahrzehnte überzeugt O’Neals Autobiografie in der ersten Hälfte durchaus.

Dann aber wird’s wüst & wohlig schmutzig. Tatum schreibt schonungslos. Sex sells, doch solches profane Denken spielt hier selbstverständlich keine Rolle: Der gefallene Engel will beichten, um anschließend seine Absolution zu erfahren. Es fällt schwer nachzuvollziehen, welchen Aufklärungswert die einschlägigen Skandal-Anekdoten besitzen, mit denen die Leserschaft konfrontiert wird. In den US-Medien wurden aufgeregt gewisse „Stellen“ zitiert, die Tatum und einen schon damals offensichtlich psychisch derangierten Michael Jackson beim Techtelmechtel zeigen. Rabenvater Ryan prügelt neidisch die talentierte Tochter und macht sie mit diversen Drogen vertraut. Die junge Melanie Griffith soll die 12-jährige Tatum in Rom unter Drogen gesetzt und zu einer Orgie verführt haben. (Dieses Ereignis wird den deutschen Lesern indes unterschlagen – offenbar konnten Griffith’ Anwälte wenigstens für die Auslandsausgaben der O’Neal-Biografie eine Tilgung erstreiten …)

So geht das weiter, während der Tonfall der Erzählerin falsch zu klingen beginnt. Den Entbehrungen der Jugend, welche sie objektiv erleiden musste, folgen die erwachsenen Jahre. Hier ist es nun nicht mehr möglich, Alleinschuld auf die feindliche Umwelt abzuschieben. Tatum O’Neal, ohne Zweifel seelisch schwer geschädigt, begibt sich auf einen Höllentrip, bei dem sie selbst am Steuer sitzt. Das passt nur bedingt zum Bild der von Gott, der Welt & der Familie gebeutelten Frau. O’Neal versucht einen Spagat: Sie leugnet ihre Exzesse nicht, Schuld sind jedoch weiterhin die Anderen. Die arme Tatum möchte doch weiter nichts als mit ihren vergötterten Kindern in Ruhe gelassen werden und hier und da einen Film drehen, weil Geld nun einmal zu den Konstanten eines stabilen Lebens gehört. Sie selbst benötigt natürlich nichts außer Liebe und Anerkennung und was der positiven Folgen einer Wiedergeburt mehr sind.

Für Tatum O’Neal mag die Niederschrift ihrer Autobiografie ein Akt der Befreiung und eine Form der Selbsttherapie gewesen sein. Da sie nach eigener Auskunft seit vielen Jahren Tagebuch führt, dürfte ihre Rückschau der Wahrheit entsprechen; sie ergibt ein Leben, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Doch Wahrheit ist etwas Subjektives. Sie besitzt zwei Seiten, von denen man hier nur die eine hört. So ungeheuerlich sind die Erinnerungen der Tatum O’Neil, dass diejenigen, die Erwähnung finden, praktisch chancenlos bleiben, sollten sie widersprechen. Ex-Ehemann John McEnroe hat es mit dem zu erwartenden negativen Ergebnis versucht. Zur Zeit gilt als „wahrer“ McEnroe primär O’Neals McEnroe, ein labiler, selbstsüchtiger, brutaler usw. Zeitgenosse. So gefällt es den Medien und jenen Tugendbolden, die es empörend finden, dass ein cholerischer Widerling gleichzeitig ein Sportass sein kann.

Noch komplizierter wird es, wenn der Drang, die „Wahrheit“ zu berichten mit sehr menschlichen Irrtümern kollidiert. „Und das Leben beginnt jetzt“ ist vor allem ein Dampfablassen der Verfasserin. (So interpretiert es übrigens auch der bloßgestellte Vater Ryan.) Die historischen Fakten sollte man hingegen lieber nicht auf die Goldwaage legen. So behauptet O’Neal u. a., der sich weiterhin in unerwiderte Liebe zu ihr verzehrende Michael Jackson habe nach ihrer Trennung den Klagesong „She’s out of my Life“ geschrieben. Das fügt sich wunderschön zur Story, ist aber falsch: Das Lied stammt aus der Feder des Komponisten und Musikers Tom Bahler.

So ist „Und das Leben beginnt jetzt“ nur eine hoffentlich heilsame Abrechnung im Gewand einer weiteren Skandalbiografie geworden. Die deutsche Ausgabe setzt dem durch den schwachsinnig „übersetzten“ Titel ein trübes Glanzlicht auf. „A Paper Life“ nennt Tatum O’Neal ihre Lebensgeschichte im Original. Sie spielt damit auf ihren ersten und größten Filmerfolg „Paper Moon“ von 1973 an, der ihr Leben in jeder Hinsicht veränderte.

Tatum Beatrice O’Neal wurde 1963 als Tochter der Schauspieler Ryan O’Neal und Joanna Cook Moore geboren. Die Eltern lassen sich wenige Jahre später scheiden. Tatum wächst bei der Mutter auf, deren Alkoholismus und Drogensucht eine kindgerechte Erziehung praktisch unmöglich machen. Vater Ryan nimmt die verwilderte Tochter später auf, erweist sich jedoch als – gelinde ausgedrückt – unkonventioneller Vater.

1973 ist er einverstanden, als Regisseur Peter Bogdanovich für sein Filmprojekt „Paper Moon“, die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung im Amerika der Depressionszeit, Tatum und ihn als Schauspieler verpflichten möchte. Der Film wird ein Riesenerfolg und Tatum O’Neal erhält mit zehn Jahren den „Oscar“ als beste Darstellerin des Jahres – die jüngste Gewinnerin dieses Preises überhaupt.

Weitere Filmerfolge: „The Bad New Bears“ (1976; dt. „Die Bären sind los“), eine Baseball-Komödie mit Walter Matthau, für die Tatum O’Neal die bisher höchste Gage für eine Kinderdarstellerin erhält, sowie „Nickelodeon“ (1976), eine zwar gefloppte aber von der Kritik hoch gelobte Komödie über die Anfänge der amerikanischen Filmindustrie.

Das schwierige Privatleben beeinträchtigt die Karriere der Schauspielerin, die sich nach der Geburt dreier Kinder während ihrer Ehe mit dem Tennisspieler John McEnroe (1986-1994) weitgehend ins Privatleben zurückzieht. Persönliche Probleme lassen O’Neal, die schon früh Erfahrungen mit Rauschgift gemacht hatte, erneut der Sucht verfallen. Erst nach mehrfachen Klinikaufenthalten gelingt es der Schauspielerin, von den Drogen freizukommen. Das Auf und Ab ihres Lebens hält Tatum O’Neal 2004 in ihrer Autobiografie „A Paper Life“ fest, die als Skandalchronik große Aufmerksamkeit erfährt, die Bestsellerlisten erklimmt und Tatum O’Neal den Weg zurück ins Rampenlicht ebnet.

Clemens, James – Schattenritter (Die Chroniken von Myrillia 1)

Eigentlich wollte Tylar nur mit sich selbst einen heben gehen. Immerhin hatte er an diesem Tag Geburtstag. Leider war die Wahl des Lokals etwas ungünstig für ihn ausgefallen. Der heruntergekommene und gebrochene Mann ist in den feineren Schänken der Stadt nicht willkommen, die Türsteher werfen ihn raus. Und nicht nur das! Nur das Eingreifen eines Schattenritters verhindert, dass Tylar totgeschlagen wird. Trotz dieser Rettung hat die ganze Sache verheerende Auswirkungen. Auf dem Heimweg wird Tylar Zeuge eines Mordanschlags. Nicht an irgendjemandem, sondern an Meeryn, der Göttin der Sommerinseln! Als der unheimliche Angreifer wieder verschwunden ist, eilt Tylar der verletzten Göttin zu Hilfe. Zu seinem Entsetzen stirbt sie in seinen Armen, und nicht, ohne ein geheimnisvolles und höchst unwillkommenes Geschenk in ihm zurückzulassen, das ihn auf kürzestem Wege in den Kerker und auf den Richtplatz bringt. Doch gemeinsam mit seinem Mithäftling Rogger kann Tylar fliehen. Jetzt machen alle neun Länder Myrillias Jagd auf den „Gottesmörder“ …

Dart lebt im Konklave von Chrysmafähr. Hier werden die adligsten und vielversprechendsten Jungen und Mädchen der neun Länder dazu ausgebildet, den Göttern als Leibdiener zu fronen, und als „Hand“ eines Gottes erwählt zu werden, gilt als große Ehre. Dart allerdings ist eine Außenseiterin. Ihre Eltern kennt sie nicht, die ehemalige Rektorin der Schule hatte sie als Säugling ins Konklave gebracht und dort aufgezogen. Doch vor drei Jahren starb ihre Gönnerin, und Dart fühlt sich nur noch geduldet. Sie hat keine Familie, keine Abstammung, ist nicht einmal hübsch, und die anderen Mädchen treiben ihren derben Spott mit ihr. Ihr einziger Freund ist ein kleiner Hund, den außer ihr niemand sehen kann. Trotz all dem fühlt Dart sich im Konklave zu Hause, es ist der einzige Ort, den sie kennt.

Dann allerdings geschehen Dinge, die innerhalb weniger kurzer Tage ihre gesamte Welt völlig auf den Kopf stellen! Zutiefst gedemütigt und kurz darauf aufs Höchste geehrt, entkommt sie nur knapp einem Mordanschlag und macht schließlich eine Entdeckung, die sie und ihre Freundin Laurelle schlagartig zu Flüchtlingen macht! Und das ist noch gar nicht alles …

James Clemens verschwendet keine Zeit damit, erst eine heile Welt zu entwerfen, um sie dann zu zertrümmern, sondern er fängt gleich mit dem ersten Steinwurf an! Die Welt, die vor dem Auge des Lesers entsteht, hat von Anfang an Risse, und am Ende des Buches ist dem Leser klar, dass es eine heile Welt eigentlich nie gegeben hat.

Tylar ist dafür ein deutliches Zeichen. Einst war er ein Schattenritter und Protegé des Ordensvorstehers in Tashijan, verlobt mit seiner klugen und hübschen Kollegin Kathryn. Doch er machte den Fehler, sich mit den Grauhändlern anzulegen. Plötzlich fand er sich auf der Anklagebank wieder, als Mörder! Ihm drohte der Strick. Nur durch das Eingreifen seines Gönners Ser Henri blieb er am Leben, kam allerdings auf ein Sklavenschiff und landete in einer Kampfarena. – Kein strahlender Held also, sondern einer mit Dreck am Stecken. Kein unfehlbarer Übermensch, sondern einer, der seine üble Lage zumindest teilweise sich selbst zuzuschreiben hat. Natürlich besitzt er im Übrigen alle Eigenschaften, die ein Held haben muss, damit er mit den Gefahren eines Fantasy-Romans fertig werden kann: Er ist zäh, entschlossen und im Grunde von rechtschaffener Gesinnung.

Darts Charakter liegt mehr auf der typischen Schiene: ein junges Mädchen, das trotz seiner Außenseiterrolle im Grunde behütet aufgewachsen ist und von der Welt im Grunde nicht viel weiß. Ihr ganzer Horizont besteht aus seiner künftigen Aufgabe als göttliche „Hand“, bis das Unheil über sie hereinbricht, zunächst in Gestalt eines Lehrers, dann plötzlich auch noch in Gestalt eines Gottes. Zu guter Letzt wird ihr Leben auch noch von der Lösung des Rätsels um ihre Herkunft überschwemmt. Wie auch für Tylar gilt für Dart natürlich das ungeschriebene Gesetz, dass sie zwar Angst haben darf, sich aufgrund ihrer Rolle als Heldin aber tapfer und mutig verhalten und natürlich im entscheidenden Moment die rettende Idee haben muss!

Die bisher geheimnisvollste Persönlichkeit ist Rogger. Er nennt sich einen Dieb, aber abgesehen von einer gewissen Schlitzohrigkeit und großem Geschick beim Öffnen von Schlössern wirkt er dafür eigentlich zu gebildet. Nur eines ist sicher: Er ist weit herumgekommen und kennt die neun Königreiche offenbar wie seine Westentasche. Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn sich irgendwann rausstellen sollte, dass der Dieb nur eine Tarnung für einen adligen Spion ist! Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich gelegentlich an Silk aus Eddings |Belgariad|-Saga erinnert. Beide sind mehr, als sie scheinen …

Der obligatorische Bösewicht ist wie so oft ein Vertreter der machthungrigen Sorte, allerdings kein stumpfsinniger Brutalo, sondern intelligent und weltmännisch. Um an die Macht zu kommen, hat er seine Fäden im Hintergrund gezogen, bis er in einem dichten Netz aus Unterstützung saß, wie eine Spinne. Nur an einer Stelle scheint sein Verstand ein wenig vernebelt, und zwar in Bezug auf die Frau, die er unbedingt für sich haben will, die aber überhaupt nichts für ihn übrig hat. Das ist ausgerechnet Tylars frühere Verlobte.

Was der Sache den letzten Schliff verleiht, ist, dass dieser Mann nicht den einzigen Bösewicht der Geschichte darstellt!

Die Gruppe um Elena in Clemens‘ erstem Zyklus |Banned and the Bannished| hatte noch recht deutlich etwas von einer Rollenspielgruppe an sich. In den |Chroniken von Myrillia| spürt man davon nicht mehr so viel. Auch hier haben wir Vertreter verschiedener Bereiche: Schwertkämpfer, einen Dieb, eine Art Priesterin der Götter. Jedoch ist die Gruppe insgesamt so klein, dass die Sache eher im Hintergrund bleibt.

Der Weltentwurf ist diesmal frei von Zauberei, dafür bevölkert von einer ganzen Heerschar von Göttern. Die Magie hat Clemens in das Gewand der Alchemie gekleidet. Basis für die Wirkung der alchemistischen Mittel sind die Körperausscheidungen der Götter. Nicht unbedingt in jeder Hinsicht lecker, aber die unangenehmeren Körpersäfte blieben zumindest bisher eher am Rande, der Ekelfaktor hält sich stark in Grenzen. Blut fließt allerdings in Strömen, obwohl weder Schlachten geschlagen noch anderweitige Gemetzel veranstaltet werden. Denn das Blut der Götter enthält die mächtigste der „Gaben“ …

Die Monster, die im Hexenzyklus noch so zahlreich und detailliert beschrieben wurden, sind hier weit weniger vertreten. Ganz ohne Grausamkeit kommt allerdings auch „Schattenritter“ nicht aus. Clemens versteht es wieder einmal, den Leser gegen Ende, als er eigentlich schon aufatmen will, mit der Aussicht auf völlige Finsternis zurückzulassen. Auch der Verlauf des Buches steht unter Dauerspannung. Es dauert eine Weile, bis erkennbar wird, wer Freund und wer Feind ist. Das gilt vor allem für den Handlungsstrang um Dart, deren Verwirrung und Angst hinter jeder Ecke eine Bedrohung sehen. Aber auch sonst ist kaum etwas so, wie es scheint. Und die hartnäckige Verfolgung des Gottesmörders sorgt für ein hohes Erzähltempo.

Was sich da bisher so abzeichnet, scheinen die |Chroniken von Myrillia| durchaus mit Clemens‘ Erstlingswerk mithalten zu können. Die Charaktere sind interessant und machen neugierig auf mehr, das Schwert der Götter dürfte auch noch einige Geheimnisse bergen, und die Intrigen innerhalb des Ordens der Schattenritter bieten sicherlich noch genug Stoff, an dem man weiterweben kann. Clemens hat seine Geschichte gekonnt aus Politik, Religion, Magie, Wissenschaft und zwischenmenschlichen Beziehungen zusammengesetzt, die in viele Richtungen verzweigen und eng miteinander verwoben sind. Jede Menge Platz für die Entwicklung der Charaktere sowie unvorhergesehene Wendungen und sonstige Überraschungen.

James Clemens ist gebürtiger Amerikaner, wuchs aber in Kanada auf. Er studierte Veterinärmedizin und eröffnete schließlich eine Praxis in Kalifornien. Von 1998 bis 2003 erschien der Fünfteiler |Banned and the Banished|. Danach gönnte sich der Autor eine Pause und brachte im Juli dieses Jahres den ersten Band seiner |Chroniken von Myrillia| unter dem Titel „Schadowfall“ heraus. Schon zwei Monate später erschien das Buch auch auf Deutsch. Der Autor arbeitet unterdessen an der Fortsetzung „Hinterland“, die nächstes Jahr erscheinen soll.

http://www.jamesclemens.com/

Holmberg, Bo R. – Schneegrab

_Der Autor:_

Bo R. Holmberg wurde 1945 in Ådalen geboren. Er ist heute als Lehrer in Bredbyn im Ångermanland tätig, dort lebt er auch mit seiner Frau Dorotea und seinen drei Kindern. Bo R. Holmberg ist mit seinen Kinderbüchern auch in Deutschland sehr erfolgreich.
Sein erster Kriminalroman „Rabenseelen“ wurde von der Presse mit Begeisterung aufgenommen und mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet.
Mehr Infos zum Autor findet man [hier.]http://www.schwedenkrimi.de/bo__holmberg__biografie.htm

_Story:_

Die kleine Pfarrei Anundsjö im Jahre 1849: Im selbst für die frostigen Witterungsverhältnisse ungewöhnlich tiefen Schnee wird eine Leiche entdeckt, deren Arm aus dem Schnee herausragt. Schon tagelang muss der erstochene, ziemlich große Mann unter der Schneedecke versteckt gewesen sein, bis er schließlich nach leichtem Abtauen gefunden wird.

Polizeiamtmann Harald Morell macht sich gemeinsam mit seinem jungen Helfer Johan Anundsson auf die Suche nach dem Mörder. Dabei stoßen sie nur auf wenige hilfreiche Informationen, weil die Spur des Täters ganz aus Anundsjö herauszuführen scheint. Dann verschwindet eines Tages die Altenpflegerin Greta Sigurdsdotter, und die Beamten vermuten das Schlimmste. Tatsächlich wird auch sie gefunden, nachdem die erneut heftigen Schneefälle nach acht Tagen endlich beendet sind. Die Art und Weise der schrecklichen Tat scheint ähnlich; auch Gretas Arm ragt aus dem Schnee empor, und auch sie hat Wunden, die auf Messerstiche schließen lassen.

Für Länsmann Morell, der sich gleichzeitig auch um seine zutiefst depressive Frau und seinen neugeborenen Sohn kümmern muss, steht fest, dass es zwischen den beiden Mordfällen einen Zusammenhang gibt, und als sie schließlich den Hauptverdächtigen Grels Persson gefangen nehmen, ist der Fall für Morell eigentlich schon abgeschlossen. Persson gesteht schließlich den ersten Mord und bezeichnet sein Handeln als Notwehr. Jedoch bestreitet er, auch Greta umgebracht zu haben, doch da Morell dem Verbrecher, der auch wegen verschiedener Raubdelikte angeklagt wird, nicht glaubt, bleibt dieser bis zur Verhandlung in Haft. Dann jedoch taucht die neue Altenpflegerin Lisbet im Hause Morells auf und erzählt ihm von ihren Beobachtungen und Vermutungen. Auf einmal zieht auch Morell die Unschuld Perssons in Erwägung, auch wenn die neue Wahrheit sehr seltsam klingt …

_Bewertung:_

„Schneegrab“ ist ein Krimi, der sich einfach liest, durch seine chronologische Abfolge stets nachvollziehbar bleibt und diesbezüglich auch wenig Tiefgang beinhaltet. Aber das ist auch nicht die Intention des Autors. Bo R. Holmberg hat nämlich eine Geschichte über ganz einfache Menschen geschrieben; Bauern, Mägde, Knechte und das arme Volk stehen im Mittelpunkt seines neuen Romans „Schneegrab“, und alleine aus der Stellung und der oftmals damit verbundenen Armut lassen sich für dieses Buch auch schon diverse Tatmotive ableiten, die man während der 350 Seiten immer wieder im Hinterkopf behalten sollte.

Doch „Schneegrab“ ist nicht ausschließlich Krimi, dieses Werk ist auch in gewissem Maße eine Beschreibung der bürgerlichen Gesellschaft Schwedens zur Mitte des 19. Jahrhunderts, und genau hierbei setzt Holmberg schließlich auch die Glanzpunkte. Holmberg beschreibt das simple Gefühl der Geborgenheit, erörtert die Schlichtheit der Liebe zweier ganz einfacher Menschen, er philosophiert über die Dunkelheit und den Winter in seiner Heimat und schlussendlich zeichnet er auch noch ein authentisches Bild der damaligen Umgangsformen nach, das einerseits erschreckend, andererseits aber auch erstrebenswert klingt. Die Charaktere in Holmbergs Roman geben sich mit dem wenigsten zufrieden, werden aber zu reißenden Tieren, wenn man ihnen ausgerechnet dies noch nimmt. Das Leben als Ein und Alles, so erfährt man es im Alten- und Armenhaus von Anundsjö, so verkörpern es einfache Mägde wie Lisbet, die Tochter des plötzlich verstorbenen Herrn Olofsson, die ermordete Greta Sigurdsdotter, der Polizeigehilfe Johan Anundsson samt seiner Verlobten Annika, aber auch der lediglich aus Überlebenstrieb stehlende Gauner Grels Persson.

Es gibt einige Momente im Buch, da vergisst man die grausamen Morde und taucht selber in diese Zeit ein, denkt dabei über sein eigenes Umfeld nach und beginnt zu hinterfragen, warum der Mensch eigentlich nie zufrieden ist. Dies ist ein Thema, das Holmberg unterschwellig (vielleicht sogar unbewusst) in den Kapiteln von „Schneegrab“ versteckt hat, das sich aber auch irgendwie als roter Faden durch das Werk zieht.

Davon einmal abgesehen, ist das Buch aber natürlich auch ein spannender Krimi, bei dem es um die Schicksale der Betroffenen geht. Da wäre der Komissar Harald Morell, dessen Frau nach drei Fehlgeburten endlich einen Sohn gebar, seitdem aber fast geistesabwesend in ihrem Bett liegt. Sie kann ihr Kind nicht stillen, so dass Harald eine Magd für diese Aufgabe hinzuziehen muss. Das Dilemma, eigentlich glücklich über das Kind, andererseits aber auch traurig über das geistige Ableben der eigenen Gattin zu sein, trägt Morell schließlich auch in sich, als er nach dem Mörder von Greta sucht. Als er glaubt, ihn gefunden zu haben, wird Harald aus Wut und Bosheit richtig aggressiv und brutal und schlägt wohl teilweise auch aus einer Verzweiflung heraus auf ihn ein.

Es sind diese Momente, die aus diesem Krimi eine ganz besondere Geschichte machen und mich schließlich doch zu der Aussage führen, dass Holmberg eine sehr tiefgreifende Story kreiert hat, zu der die simple Stilistik und das umgangssprachliche Schriftbild fast schon konträr sind. Dies hat jedoch auch eine ganz spezielle Wirkung, denn so findet man sich schnell in die Handlung ein, begreift aber dennoch, dass hinter „Schneegrab“ mehr als nur ein Kriminalroman steckt. Was soll ich sagen, mich hat das Buch auf eine ganz eigene, schwer zu beschreibende Art und Weise berührt. Ich liebe diese Geschichten, in denen ganz einfache Leute die Hauptrollen übernehmen, und in dieser Hinsicht ist „Schneegrab“ wirklich eine Ausnahmeerscheinung.

Der schwedische Krimi hat ja aufgrund der ureigenen Mentalität der dort lebenden Menschen ohnehin eine Sonderstellung inne, und mit diesem Buch hat er diese noch weiter ausbauen können.

Brecht, Berthold / Reich-Ranicki, Marcel – Texte von und über Bertolt Brecht

_“Ungeheuer oben“: Wolken, Liebe, Gedichte_

Der einflussreichste Literaturkritiker Deutschlands spricht über einen seiner Lieblingsautoren und trägt dessen Lieder und Gedichte vor. Ein Booklet-Text von Hans Sarkowicz erhellt die Beziehung zwischen Kritiker und Autor auf anschauliche und informative Weise.

„Auf seine unverwechselbare Art und Weise liest Marcel Reich-Ranicki verschiedene Texte von und über den großen Dramatiker Bertolt Brecht. Der Hörer bekommt einen kleinen, aber lebendigen literaturhistorischen Überblick. Marcel Reich-Ranicki schenkt dem Lyriker Bertolt Brecht besondere Beachtung. Er rezitiert und interpretiert ausgewählte Gedichte.“ (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Bertolt Brecht, am 2. Februar 1898 in Augsburg geboren, war Dramatiker, Lyriker, Erzähler und Essayist. Schon mit seinem Debüt „Trommeln in der Nacht“ sorgte er 1922 (dem „Ulysses“-Jahr) für Aufsehen. In dem von ihm so genannten „epischen Theater“ setzte er gegen das möglichst realistische Spiel die kritische Befragung des Bühnengeschehens mit Kommentar, szenischer Montage und Verfremdung (der berühmte „V-Effekt“). Die mit dem Komponisten Kurt Weill geschriebene „Dreigroschenoper“ wurde in Berlin zum Sensationserfolg, und noch heute gibt es Theaterrestaurants, die das Stück oder Ausschnitte daraus regelmäßig aufführen (z. B. im Münchner Stadtteil Au).

1933 blieb dem bekennenden Marxisten nur die Flucht ins Exil, u. a. nach Finnland, in die Sowjetunion und die USA. Erst 1949 kehrte er zurück, nach Ost-Berlin. Weil er sich im Osten niederließ und den Aufbau der DDR mit kritischer Sympathie verfolgte, blieb er nach Angaben des Booklet-Autoren Hans Sarkowicz im Westen geächtet, auch noch lange nach dem 14.8.1956, an dem BB starb. Regelrechte Anti-Brecht-Kampagnen sollen bis in die 60er Jahre hinein die Aufführung seiner Stücke ver- und behindert haben.

_Der Leser_

Marcel Reich-Ranicki, geboren 1920, ist schlicht und ergreifend der einflussreichste Literaturkritiker Deutschlands. Ob er auch der beste usw. ist, sei dahingestellt. Er ist Bertolt Brecht persönlich begegnet, wie uns das Booklet aufklärt: 1952 in Warschau. „MRR, der Sohn polnisch-deutschjüdischer Eltern, hatte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt und arbeitete im kommunistischen Polen als Kritiker, Übersetzer und Journalist. BB war aus seinem Exil nach Ost-Berlin zurückgekehrt und besuchte als kultureller Repräsentant den sozialistischen Bruderstaat. MRR hatte Glück. Er wurde in das Hotelzimmer des Dichters geführt und durfte mit ihm ein Interview führen. (…) Nicht erst seit dieser Begegnung, schon lange vorher war MRR ein leidenschaftlicher Verehrer BBs.“ 1958 siedelte MRR nach Westdeutschland über, wurde allmächtiger Literaturchef der FAZ und Gastgeber des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. (Alle Abkürzungen stammen von mir, der Text stammt teilweise von Hans Sarkowicz.)

Die Hörbuchaufnahme stamme von 1998, schreibt Sarkowicz. Hier spreche MRR als „bekennender Brecht-Verehrer“ v. a. über den Dramatiker und Lyriker, dessen schönste Gedichte er auch selbst vortrage. 2001 hat MRR im Aufbau-Verlag ein Buch über BB veröffentlicht.

Wer mehr über MRR erfahren möchte, dem sei sein Buch „Mein Leben“ wärmstens empfohlen. Ein Auszug daraus ist in „Das Buch der Deutschen“ abgedruckt, das 2005 von Johannes Thiele bei |Lübbe| herausgegeben wurde.

_Inhalte_

Schon mit 22 oder 23 Jahren, noch vor dem Erfolg von „Trommeln in der Nacht“ (s. o.), will BB sich als „Klassiker“ wahrgenommen haben. Koketterie? Oder zu Recht? Woran ist der „Klassiker“ zu messen – an seiner Wirkung auf die Nachwelt oder auf seine Zeitgenossen? Wie nehmen wir ihn heute wahr: als politischen Dichter oder doch mehr als Dramatiker, als Lehrer oder als Mensch? MRR meint, zuvorderst sei BB doch auch Verführer gewesen. Ganz einfach auch deshalb, weil es die Aufgabe eines Dramatikers und des Theaters sei, den Zuschauer a) zu verführen und b) zu unterhalten, bevor es c) anfangen könne, eine Botschaft zu verbreiten. Pädagogik wirke abschreckend (und langweilig obendrein).

Den Löwenanteil an MRRs Vortrag nimmt sympathischerweise das Thema Liebe und Erotik in BBs Lyrik ein. Dieser Aspekt kommt in vielen kritischen Würdigungen BBs zu kurz, wenn er überhaupt beachtet wird. Aber BB befasste sich schon mit 18 schreibenderweise mit der ersten Liebe, erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt, dann zynisch. Das hat ihm die Rosa Marie angetan. In seinen Liebesgedichten verbindet BB den Wahnsinn der Liebe und das Mysterium der Sexualität mit dem, was dieser Wahn am stärksten bedroht: mit dem Intellekt. Das ist eine höchst interessante Verbindung. In seinem Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“, das auf Rosa Marie anspielt, durchläuft das lyrische Ich im dialektischen Dreisprung These, Antithese und Synthese, um schließlich festzustellen, dass jene weiße Wolke, die so „ungeheuer oben“ erblickt wurde, immer noch in der Erinnerung herumspukt und ihn an die Marie A. gemahnt.

MRR zeigt, wie die Liebe von BB in verschiedenen Aspekten reflektiert wurde, und zieht eine interessante Parallele zu Franz Kafka. Kafka liebte „Milena“, die er um ein Haar geheiratet hätte. Er gesteht, dass sich der Liebende in dem durch die Geliebte geschenkten Leben wiederfinde, ja, selbst liebe. Liebe kann durchaus egozentrisch sein. Und BB nutzte seine Frauen (Ruth Bärlau, Helene Weigel, etc.) durchaus aus, wobei sie sich das offenbar gefallen ließen.

|Lieder|

In der „Dreigroschenoper“ tragen Mackie Messer und seine Geliebte ein klassisches Sonett vor, das aber solches kaum erkennbar ist: Die ironisierende Parodie verdeckt die altehrwürdige Form und verbirgt so auch Pathos und Poesie der Liebe, um sie zu schützen. In der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ findet sich ebenfalls ein Liebeslied, das darin allerdings wie ein Fremdkörper wirkt: Es bedient sich ebenfalls eine uralten Form, nämlich der Terzine. Literaturkenner wissen natürlich, dass das berühmteste Gedicht, das jemals in Terzinen verfasst wurde, die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri ist. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

In „Mahagonny“ singen die Hure „Seeräuber-Jenny“ (die später vom Schwarzen Frachter singen wird) und der Holzfäller Ackermann das Lied „Die Liebenden“. Sie tun dies ohne jede Ironie, sind jedoch von einer von Gewalt geprägten Welt umgeben. Daher erscheint das Lied so unpassend und anachronistisch. Seltsamerweise bildet es ein poetisches Gegengewicht zu dem schwermütigen Rest der Oper. Nicht zuletzt deshalb, weil Seeräuber-Jenny und Ackermann auf Dantes Vorlage verweisen. In der „Göttlichen Komödie“ schmort ein Liebespaar im Inferno (= Hölle), weil seine Liebe nicht sein darf. (Wer die genauen Details wissen will, der höre MRR genau zu oder schlage bei Dante nach.)

|Klassisch|

Mit größter Begeisterung, ja, geradezu hingerissen trägt MRR eines von BBs bekanntesten Gedichten vor, das dieser in dem Stück „Schweijk im Zweiten Weltkrieg“ veröffentlichte: „Das Lied von der Moldau“. „Es rollen die Steine am Grunde der Moldau, es liegen drei Kaiser begraben in Prag …“ Obwohl es um die Vergänglichkeit alles Irdischen gehe (die Kaiser, die Steine), so lasse uns Brecht doch Hoffnung: „denn der Tag kommt schon noch.“ Eine Bitte um Nachsicht in „An die Nachgeborenen“ und ein – natürlich lobendes – Fazit beschließen den Vortrag.

_Mein Eindruck_

Nun bin ja als Germanist einschlägig vorbelastet, was Lyrik im Allgemeinen und Brecht im Besonderen anbelangt, doch Reich-Ranicki gelang es in seinem Vortrag, meine Aufmerksamkeit über weite Strecken zu fesseln. Denn MRR hat keineswegs die Brechtianischen Schlager wie „Mackie Messer“ ausgewählt, sondern a) weitgehend weniger beachtete Texte ausgewählt („Erinnerung an Marie A.“ ist relativ bekannt, wird aber selten zitiert) und b) vor allem Liebeslyrik.

Das ist bei einem derart politisch und auch das Tagesgeschehen (17. Juni 1953!) kommentierenden Autor recht verwunderlich. Andererseits eignet sich das Thema Liebeslyrik für eine kompakte Darstellung weitaus besser als etwa eine weitgehend theoretische Erörterung dessen, was man sich unter „epischem Theater“ vorstellen kann bzw. soll. Zudem spricht es auch weibliche Hörer in gleichem Maße an wie männliche. Drittens ist es ein Thema, das politisch unverfänglich ist und an dem sich der Kritiker weder als rechtskonservativ noch als linksliberal zu erkennen geben muss.

Als Literaturfreund, der seit über 50 Jahren nichts anderes tut, als sich mit Literatur zu beschäftigen, ist MRR in der Lage, eine Argumentationskette ebenso geschickt aufzubauen wie seine Thesen mit entsprechenden Werkbeispielen zu belegen. Da Brecht zu seinen Lieblingsautoren gehört, weiß er ganz genau, welche Werke in welchen Ausgaben zu finden sind. Er teilt uns ohne Umschweife mit, welche aktuelle Werkausgabe die maßgebliche ist und dass man darin auch Gedichte aus dem Nachlass finden kann. Eines davon trägt er vor …

|Der Sprecher MRR|

MRR ist ja in manchen Kreisen berüchtigt für seine Dampfwalzenrhetorik, die das Gegenüber, das vielleicht ein paar Einwände anbringen möchte, einfach durch eine vehement vorgetragene Meinung einfach niederbügelt. Als ich die CD einlegte, befürchtete ich einen ebensolchen Vortrag, der auf apodiktische Weise keine andere Interpretation gelten lässt.

Ich wurde angenehm überrascht. Liegt es an der Vorliebe für den Dichter, liegt es am Sujet der Liebeslyrik? Jedenfalls lässt es MRR sachte angehen, und es ist einfach, seinem Vortrag zu lauschen sowie seiner Argumentation zu folgen. Wenn er Liebesgedichte vorträgt – es ist jeweils eine Pause vorgeschaltet -, so tut er dies mit sehr deutlicher Aussprache, langsam vortragend und klar betonend. Diese Vortragsweise eignet sich meines Erachtens für jede Schulklasse, die sich mit dem Thema befasst. Dabei lässt MRR keineswegs den Oberlehrer heraushängen, der ihm früher so viel Ablehnung eingetragen hat.

Die meisten Textzitate sind vollständig, es handelt sich also in der Regel nicht um Auszüge, sondern um das vollständige Gedicht. Das ist bei Lyrik natürlich besonders wichtig, weil ja die letzte Zeile oft eine Pointe bereithält. Wenn also „Erinnerung an die Marie A.“ in allen drei Strophen zitiert wird, so ist dies nicht ein ätzender Versuch des Kritikers, uns zu nerven, sondern pure Notwendigkeit, um den Text zu begreifen. Sicherlich erfordert dies von der MTV-Generation etwas Geduld, aber tut dies nicht alle Literatur, die diese Bezeichnung verdient?

_Unterm Strich_

Das Hörbuch erlaubt es dem Hörer, den berühmten Dichter Brecht von seiner allgemein zugänglichsten und doch unbekanntesten Seite kennen zu lernen: durch seine Liebeslyrik und die entsprechenden Lieder aus Opern und Stücken. Dadurch besteht keine Notwendigkeit, sich mit dem Marxisten Brecht oder dem Theatertheoretiker Brecht auseinander zu setzen. Das Thema ist allgemein verständlich und jedem erwachsenen Menschen zugänglich.

Dass dabei Brechts ganz besonderer und persönlicher Ansatz zum Tragen kommt, ist dem Kritiker Reich-Ranicki zu verdanken. Dass wir diese Gedichte zu mögen lernen, ist dem Sprecher Reich-Ranicki zu danken. Dass die Gedichte einen Platz finden in Brechts Werk und ein Beleg sind für die These „Brecht ist ein Klassiker“, können wir ebenfalls MRR danken, müssen wir aber nicht.

|Die Reihe|

Die |LübbeAudio|-Reihe „X liest Texte von und über Y“ ist eine Gelegenheit, auf schnelle und doch kompetente Weise wichtige Autoren der deutschen Literatur kennen zu lernen. In Zeiten der PISA-Misere eine willkommene Unterstützung im Bemühen vieler Pädagogen und Vermittler, den nachfolgenden Generationen etwas vom mühsam Errungenen – wie vieles wurde verbannt, zensiert, sogar verbrannt! – weiterzugeben, und zwar auf eine Weise, dass es ohne Weiteres zu begreifen ist.

|61 Minuten auf 1 CD|

Peter F. Hamilton – Die Nano-Blume (Mindstar 3)

Spannender SF-Krimi mit Schreckensvisionen
„Die Nano-Blume“ ist der Abschlussband der furiosen Mindstar-Trilogie, mit der sich der Brite Peter F. Hamilton seinen Platz auf den vordersten Ränge im Science Fiction-Genre erobert hat: eine gekonnte, rasante Mischung aus Detektivkrimi und Science Fiction, ein Actionreißer aus der nahen Zukunft, in dem auch Aliens ein Wörtchen mitreden.
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Mo Hayder – Die Behandlung

Nichts für schwache Mägen oder Nerven

Spannung, Horror und Action verbindet Mo Hayder erneut in ihrem zweiten Thriller, der quasi die Geschichte von „Der Vogelmann“ fortsetzt. Angesichts der Detailkenntnisse, die sie über die Polizeiarbeit und die Verbrecherszene im Londoner Stadtteil Brixton an den Tag legt, kann man ihr unbedenklich vertrauen, wenn sie uns hier eine Geschichte erzählt, in der es um Kindesmissbrauch in allen Spielarten geht.

Handlung

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Azzarello, Brian / Risso, Eduardo – 100 Bullets Bd. 8 – Der unsichtbare Detektiv

Als Milo Garret in den Spiegel blickt, muss er zugeben, dass er schon besser ausgesehen hat: Bandagen verdecken sein Gesicht, er gleicht einem überdimensionalen Pflaster mit Augen, Ohren und Mund. „Solch eine Visage würde nicht einmal eine blinde Mutter lieben“, stöhnt er. Die Hauptfigur in Brian Azzarellos „Der unsichtbare Detektiv“ hat einen schweren Autounfall hinter sich. Als ein mysteriöser Agent ihm offenbart, dass er das Opfer eines Anschlags geworden ist, macht Garret sich auf die Suche nach den Tätern. Bald wird er seine Entscheidung bereuen. Denn er findet mehr heraus, als ihm lieb ist.

Frustriert setzt sich Milo auf den Klodeckel und zündet sich eine Zigarette an. Nebenan auf dem Bürotisch liegt ein Stapel Akten. Bis vor wenigen Tagen war Milos Leben noch in Ordnung. Bis zu dem Unfall. Ein Schlagloch und ein Augenblick der Unaufmerksamkeit entpuppten sich als ein zu starker Cocktail für den Privatdetektiv. Die Motorhaube ging hoch und verdeckte die Sicht. Als Letztes erinnert sich Milo an berstendes Metall und Glassplitter. Dann erwachte er im Krankenhaus.

Autounfälle passieren. Milo hatte Glück im Unglück. Abgesehen von seinem Gesicht ist er in bester Verfassung. Man kann versuchen, die Sache so zu betrachten. Akzeptieren, was geschehen ist. Zurück zum alten Leben, weitermachen wie bisher. Als ein Mann das Krankenzimmer betritt, dessen Antlitz aussieht wie eine Luftaufnahme der Wüste von Nevada, erfährt Milo jedoch, dass die Sache nicht so einfach ist. Agent Graves stellt sich kurz vor und legt einen Aktenkoffer auf den Tisch. In dem Koffer befinden sich Beweise, die belegen, dass der Unfall kein Unfall war, sondern ein abgekartetes Spiel.

Milo war an einem heißen Job dran, heißer, als er ursprünglich angenommen hatte. Der Kunsthändler Karl Reynolds wurde von einem seiner Handlanger gelinkt, der Privatdetektiv sollte ihn suchen. In Graves Koffer liegen nicht nur Beweise dafür, dass Reynolds für Milos Autounfall verantwortlich ist, sondern auch eine nicht registrierte 9mm-Pistole, inklusive einhundert Kugeln Munition. Alles ist clean. Nichts kann zurückverfolgt werden. Das perfekte Werkzeug für einen Mord.

So schnell, wie Agent Graves kam, verschwindet er wieder. Die Sache bleibt nebulös. Milo ist kein Killer, sondern Privatdetektiv, also von Beruf aus neugierig. Bevor er schießt, will er die Wahrheit wissen. Er legt die Pistole beiseite und geht zu Reynolds, um ihm ein paar Fragen zu stellen. Der wird jedoch nicht mehr viel beantworten können. Als Milo ihn findet, ist seine Leiche noch warm. Der Kunsthändler hat ein Loch mitten in der Stirn. Worin auch immer er verwickelt war – es hat ihn zur Strecke gebracht.

Milo Garret wird in ein Katz-und-Maus-Spiel verstrickt, in dem jeder mit verdeckten Karten spielt. Und mit einer Kanone unter dem Tisch. Aber wer spielt mit? Was ist der Einsatz, was der Gewinn? Wer spielt mit wem? Milo selber ist ein gnadenloser Hund, ein Schläger, Säufer und schlauer Kopf. Die Antworten, die er sucht, muss er sich erkämpfen. Oberflächlich betrachtet, geht es in „Der unsichtbare Detektiv“ um eine klassische Detektivgeschichte, sozusagen Humphrey Bogart in den 90ern mit einem Schuss Brutalität. Der Bissen, um den sich die Figuren prügeln, ist ein altes Gemälde aus Frankreich. Mit von der Partie sind der erbarmungslose Schläger Lono, der schmierige Kunstdieb Monroe Tannenbaum und die arrogante Managerin Megan Dietrich.

Obwohl sich der Weg des gestohlenen Gemäldes bis zum Ende des Bandes entschlüsselt und die Motive der Beteiligten größtenteils klar werden, bleiben für den Leser viele Fragen offen. Es lohnt sich, „Der unsichtbare Detektiv“ zweimal zu lesen. Zwischen den Zeilen, hinter der vordergründigen Story, finden sich Hinweise, dass Milo Garret unter einem Trauma leidet. Er hat keine genaue Erinnerung an seine Vergangenheit. In seinem Kopf herrscht ein Tohuwabohu. Ist er der, der er zu sein glaubt?

Die Personen um ihn herum wissen mehr über seine wahre Identität, hüllen sich jedoch in Schweigen. Nicht zuletzt wegen dieser persönlichen Misere begibt sich Milo auf die Suche nach den Hintermännern seines Unfalls. Wie immer ist dabei am interessantesten, was nicht gesagt wird. Anspielungen deuten darauf hin, dass Milo einst zu einem Killerkommando namens »Minuteman« gehörte – was seine beachtliche Kondition und seine Nahkampf-Fähigkeiten erklären würden. Was Agent Graves und das Schlüsselwort »Croatoa« damit zu tun haben, bleibt ein Geheimnis.

Der Zeichner von „100 Bullets“, Eduardo Risso, setzt den Band über Milo Garret und seine Widersacher mit harten Linien und viel Schatten in Szene. Häufige Perspektivwechsel und eine dynamische Anordnung der Panels machen „Der unsichtbare Detektiv“ zu einer Augenfreude. Eigenartig, wie es Risso gelingt, Stimmungen einzufangen, die für das Verstehen der Geschichte essenziell sind. Als Milo und die Diebin Echo Memoria durch ein Fenster gestoßen werden, ist in seinem Gesicht nicht ein Hauch von Misstrauen zu erkennen? Als würde er ihr falsches Spiel ahnen? Bild und Text verschmelzen hier wie nur selten zu einer Einheit.

Brian Azzarello und Eduardo Risso verstehen ihr Handwerk. Der unsichtbare Detektiv macht Lust darauf, mehr von 100 Bullets zu lesen. Nicht grundlos gewannen Autor und Zeichner 2002 den |Harvey and Eisner Award| für die beste fortlaufende Serie. Wer auf eine rundum abgeschlossene Geschichte warten kann und Lust an Handlungen voller Gewalt, Sex und doppelten Böden hat, dem ist „Der unsichtbare Detektiv“ nur zu empfehlen. Wann das Geheimnis um die Minuteman und Agent Graves gelüftet wird, steht noch aus. Ungeduldigen sei die Recherche im Internet empfohlen, denn während man in Deutschland noch bei Ausgabe 36 der Originalserie steht, wartet man in den USA bereits auf Ausgabe 63.

Froideval, François Marcela / Ledroit, Olivier – Scharlachroter Tanz (Die Chroniken des schwarzen Mondes 5)

Band 1: [Das Zeichen der Schatten]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1625
Band 2: [Der Flug des Drachen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1638
Band 3: [Das Zeichen der Dämonen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1697
Band 4: [Die Stunde der Schlange]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1767

Nach der einstimmigen Kriegserklärung sämtlicher Parteien werden nun im fünften Band, leider dem letzten unter der Mitwirkung von Olivier Ledroit, das Zusammentreffen der unterschiedlichen Armeen und der Verlauf der blutigen Schlacht beschrieben. Die Geschichte befindet sich auf ihrem vorläufigen Höhepunkt, doch François Marcela Froideval, der Ideengeber dieser Serie, hat auch hier wieder einige Überraschungen aus dem Ärmel gezaubert, welche die Geschichte zum Ende hin erneut in eine unerwartete Richtung lenken …

_Story:_

Lange hing der Krieg wie ein Diamoklesschwert in der Luft, nun ist das Urteil ausgesprochen und der Ort der Schlacht besiegelt. Wismerhill, der seinem neuen Herren Hazeel Thorn einen Lehnseid geleistet hat, richtet derweil in den Ländereien der kaiserlichen Vasallen weitere Blutbäder an und plündert Stadt für Stadt und Dorf für Dorf. In Tsaroth versammeln sich schließlich die gesamten Streitkräfte zum vereinigten Kräftmessen und zur Entscheidung über die Neuverteilung der Macht im Kaiserreich. Obwohl die Truppen des Kaisers zahlenmäßig überlegen sind, gelingt es Hazeel Thorn in dieser Schlacht durch Einsatz seiner Magie einen entscheidenden Vorteil herauszuschlagen, indem er die Armee der Untoten herbeiruft.

Und dies ist nicht der einzige kluge Schachzug des Meisters, denn schließlich verwandelt er sich selber in einen monströsen Riesen und schickt eine tödliche Feuersbrunst über das Schlachtfeld. Die Armeen des Kaisers können dem Angriff dennoch standhalten und zerstören den Titanen, wähnen sich am Ende sogar als sichere Sieger nach diesem blutigen Massaker. Wismerhill und seine Gesellen haben die Schlacht aber ebenfalls unbeschadet überstanden, da sie sich ebenso wie Fratus Sinisters Armee der weißen Ritter aus dem Geschehen herausgehalten haben.

Ansonsten scheinen die Führer aber allesamt die Kämpfe mit dem Tod bezahlt zu haben, selbst Großmeister Parzival und der von Thorn beauftragte Baron Greldinard von Moork. Wismerhill wähnt sich im Nachhinein als einziger wahrer Eroberer dieser Stadt und wandert nach Moork, um dort den Stuhl des verstorbenen Barons einzunehmen. Doch da macht er erneut eine unglauebliche Begegnung …

Der Höhepunkt ist schließlich erreicht, das gilt für den Inhalt der gesamten Serie als auch für die Kombination aus Wort und Bild, die hier einmal mehr wahrhaft fabelhaft geworden ist. Olivier Ledroit hat in seinem letzten Band für „Die Chroniken des schwarzen Mondes“ noch einmal die ganze Palatte seines zeichnerischen Könnens bereitgestellt und mit einer weiteren Darstellung des Schnitters in Verbindung mit dem Tanz der Toten erneut eine doppelseitige Illustration kreiert, die uns minutenlang völlig verblüfft auf das Bild starren lässt. Gleiches gilt für die verschiedenen Darstellungen der Schlachtsequenzen und der darin wütenden Monster. Selbst wenn Ledroit hier sehr offenherzig und auch ziemlich brutal zeichnet – was er zu Wege bringt, ist einfach beeindruckend. Dieser Mann versteht sein Handwerk, und ich bin jetzt schon sehr gespannt, ob ihm sein Nachfolger bei diesem Projekt das Wasser reichen kann.

Aber auch Froideval ist über sich hinausgewachsen und hat sich auch für den weiteren Verlauf der Geschichte alle Trümpfe zurückbehalten. Die Schlacht scheint entschieden, der schwarze Mond gefallen und Hazeel Thorn besiegt, und auch die Rollenverteilung scheint klarer nie gewesen zu sein. Doch da verblüfft uns der Autor am Ende wieder mit einer vollkommen überraschenden Wendung, und es kommen dem Betrachter tausend mögliche Gedanken in den Kopf, wie es denn nun weitergehen mag. Die Antwort darauf kann nur der sechste Band, „Die Krone des Schattens“, geben, und auch wenn ich das wohl irgendwie in jeder Rezension zur Serie geschrieben habe, so möchte ich meiner vorzeitigen Spannung darauf durch eine erneute Begeisterungsbekundung Luft machen. Diese farbenfrohe und zunehmend verzwicktere Serie ist schlichtweg genial!

Blier, Bertrand – Dessousverkäufer, Der – Bekenntnisse eines Mörders

Tödliche Büstenhalter

„Büstenhalter haben mich schon immer fasziniert. Besonders das Modell Gossard mit seinen aus Elastan und Lycra geformten Körbchen.“ Monsieur Treuttel ist besessen von einer ungewöhnlichen Leidenschaft. Gipfel der Schönheit ist für ihn ein kunstvoll verpackter Busen. Wenn unter seinen Augen Frauen ihren BH ablegen, hat das allerdings verhängnisvolle Folgen …(Verlagsinfo)

Der Autor

Bertrand Blier (* 14. März 1939 in Boulogne-Billancourt, Hauts-de-Seine) ist ein französischer Filmregisseur und Drehbuchautor. Er ist der Sohn des Schauspielers Bernard Blier. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen Die Ausgebufften und Den Mörder trifft man am Buffet. Sein Film Frau zu verschenken wurde 1979 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.

Blier arbeitete in späteren Jahren auch als Schriftsteller. So schrieb er z. B. den erotischen Roman „Der Dessousverkäufer. Bekenntnisse eines Mörders“ (Existe en blanc, Paris 1998), der 1999 als erstes seiner Bücher auch auf Deutsch erschien. (Wikipedia) Seine Filmografie: https://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Blier.

Handlung

Mitten zwischen Betonwohnblocks wächst ein Junge auf, der auf den trotteligen Namen Baudouin Treuttel hört, dabei ist er gar kein Belgier, auch wenn er derart belgisch redet, dass sich seine Schulkameraden ständig über ihn lustig machen. Das aufgeweckte und frühreife Bürschchen wird allseits frustriert. Sein Vater redet nicht mit ihm, sondern liest im Büro Zeitung. Er ist arbeitsloser Fabrikbesitzer und lebt angeblich von den Erträgen. Die Dame des Hauses, die Baudouin als seine Mutter kennt, schläft schon seit Jahren nicht mit seinem Vater. Cora ist schmal, eine Maus, aber elegant, denn sie spielt Chopin.

Mathilde

Verständnis findet der Junge nur beim Hausmädchen, der fetten und hässlichen Mathilde. Sie war ja auch seine Amme und zog ihn an Mutter statt auf. Schade, dass sie an seinem Geburtstag, als er sie vögelt, an einem Herzanfall stirbt. So gesehen, ist sie Baudouins erstes Opfer. Und nur eine von zahlreichen Absurditäten, mit denen die Erzählung – denn von einer geradlinigen Handlung findet sich weit und breit keine Spur – zu verblüffen vermag.

Entdeckung

Baudouin hat nach Mathildes Tod und dem Schulfrust allen Grund, den Kopf hängen zu lassen – er könnte schon ein paar Jahre weiter sein: Da heitert sich seine Miene auf, als sein Blick an der Auslage eines Dessousgeschäfts kleben bleibt. Dort zeigt sich ihm die Faszination des Verbergenden: Büstenhalter. Stützende, hebende, halb enthüllende, schmeichelnde Büstenhalter. Sofort betritt er das Geschäft, wenig später macht ihn die Inhaberin zu ihrem Liebhaber.

Verkaufe

In kurzer Zeit, mit Hilfe seiner Damenbekanntschaften – er ist nicht wählerisch – wird Baudouin Experte und Verkäufer in Sachen Dessous. „Ich präsentierte den Händlern meine Waren: Cavatine! Passacaille! Sarabande! Das Neueste vom Neuen, und natürlich auch die großen Klassiker: das Bustier da Capo, dem aktuellen Zeitgeschmack angepasst, das Miederhöschen Chaconne, das einen die Augen niederschlagen lässt, den Body Mélomane, der einem Lust macht, Arpeggio zu spielen …“

Gossard G7

Erst später begegnet ihm der kriminelle Inbegriff des Büstenhalters: der Gossard G7. „Im Übrigen sind die Mädchen, die einen Gossard kaufen, alle ziemlich geil und lieben die Gefahr. Besonders diejenigen mit dem Modell G7. Transparenter geht’s nicht mehr. Er ist unter dem Pulli unsichtbar, gibt einem das Gefühl, nackt zu sein, zieht man aber den Pulli aus, so entblößt man das Höchstmaß an Schamlosigkeit; ein Büstenhalter, wie für den Polizeibericht gemacht.“

Zwang

Kein Wunder, dass er solche Frauen umbringt. Es ist wie ein Zwang. Immer müssen sie im letzten Schritt den BH ausziehen – ein verhängnisvoller Fehler bei einem Mann, für den Schönheit im Anblick eines perfekt verhüllten Busens kulminiert. Sie müssen mit ihrem Leben für ihre Frechheit zahlen.

Gericht

Schließlich wird er doch noch erwischt und verknackt. Das Buch besteht in der Hauptsache aus den Zeugenberichten des Angeklagten und seines Vaters vor Gericht. Beide bestreiten zur Hälfte die meisten Einlassungen. Aber auch der weibliche Judas der Polizei, Sandrine, eine Gelegenheitsdiebin und -nutte, weiß einiges über Baudouin, ihr Opfer, zu berichten. Etwa von einem „Unbekannten von undefinierbarer Eleganz“, der unverkennbar die Züge eines Mephisto trägt. Ist unser Held also ein verführter Faust? Und somit quasi unschuldig? Jedenfalls nicht schuldiger als der Gerichtspräsident …

Umkehrung

Nur so viel ist sicher: Es hagelt Überraschungen. Natürlich war Baudouins Mutter nicht seine Mutter – das war Mathilde. Und die „Mutter“ (Cora) war auch keine Frau, sondern ein Kerl. Und dass Porträtgemälde lebendige, gut verkäufliche Inhalte haben und dass zum Schluss der Romancier, der dieses Buch verbrochen hat, umgebracht wird, verwundert auch nicht mehr.

Mein Eindruck

Dies ist kein Buch, das man sich im Freibad zwischen zwei Hechtsprüngen reinziehen kann. In der ersten Hälfte ist es noch relativ durchschaubar: Als der Angeklagte vor Gericht steht, hebt er zu einer wortgewaltigen Rede an und schildert eine Welt, in der sich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zunehmend auflösen. Baudouin berichtet selbst mit zynischem Humor von der Herausbildung seiner kriminellen Obsession. Das ist spannend und amüsant.

Doch die zweite Hälfte, die sich auf die Geschichte des Umfelds des Jungen konzentriert, zerfasert, wirkt dekonstruiert. Im Vordergrund stehen die Eskapaden des naiven, pathetisch-romantischen Vaters, dann wieder Sandrine, dann das absurde Gericht, dann nur noch verstreute Notizen – ein Fade-out. Zum Glück gibt der Erzähler keine seiner Figuren der absoluten Lächerlichkeit preis, sondern weckt Sympathie und Interesse – so fällt das Weiterlesen nicht schwer. Und auf der nächste Seite wartet stets eine weitere provokante Überraschung.

Mit seinem rabenschwarzen Humor und der Lust an der Provokation steht Bliers Roman im Genre der erotischen Literatur (bislang) ziemlich allein da. Natürlich versuchten schon viele AutorInnen, Erotik zur Brechstange der Moral zu machen und die Zensoren mit freizügigen Schilderungen zu provozieren.

Doch Blier geht noch viel weiter. Nicht nur die Zensoren selbst sind korrupt. Auch die Erotik selbst endet hier meist tödlich, und wenn es mal eine seltene, romantische Beziehung gibt, so hat sie garantiert mit Geld zu tun, jener omnipotenten Währung, mit der selbst der romantischste Schein herstellbar ist. Blier konfrontiert uns mit der Frage, wo eigentlich Normalität endet und Perversion beginnt.

Der Autor vergibt: (3.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Michael Matzer (c) 2018ff

Taschenbuch: 268 Seiten
Originaltitel: Existe en blanc, 1998
Aus dem Französischen übertragen von Marianne Schönbach
ISBN-13: 978-3499227363

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