Lumley, Brian – Necroscope 2 – Vampirblut

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich und die Konfrontation ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung unheimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. 1981 beendete er seine Militär-Karriere. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine ersten Veröffentlichungen standen ganz unter dem Einfluss von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. 1986 schuf Brian Lumley mit seiner Vampir-Saga „Necroscope“ eine der erfolgreichsten Horror-Serien der Welt. Alleine in den USA haben sich seine Bücher weit über 2 Millionen Mal verkauft. So wie Brian Lumley den Vampir darstellt, hat es noch kein Autor zuvor gewagt. Mittlerweile hat Brian Lumley mehr als 50 Bücher veröffentlicht und schreibt fleißig weiter. Er und seine Frau Barbara Ann leben in Devon, England. (Verlagsinfo)

|Der Autor über sein Buch|

„Ich begann das erste Buch im März 1984. Ich hatte mir schon lange gewünscht, einen eigenen Vampir-Roman zu schreiben, irgendwann nach der Lektüre von Mathesons „Ich bin eine Legende“ (I am legend; verfilmt mit Charlton Heston) – und das ist schon Ewigkeiten her. Ich wollte jedoch Vampire darstellen, die etwas mehr tun, als bloß Blut zu saugen. Sie sollten ihre eigene Historie haben, eine Abstammung, und es musste einen verdammt guten Grund geben, warum sie noch nicht die ganze Welt beherrschen.“ (Verlagsinfo)

_Der Sprecher_

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

_Das Hörbuch_

Auf dem Rücken jeder CD-Hülle sind Informationen zu Autor, Sprecher und Musiker abgedruckt sowie die Tracklist. Alle sieben CD-Hüllen stecken in einem dunkelroten Schuber, der selbstredend ebenfalls Infos trägt, darunter ein Zitat von Hans Ruedi Giger: „Ich liebe Lumleys deftige Fantasie“. Geschenkt.

Regie führte wieder Lars Peter Lueg von LPL records (www.lpl.de). Die Musik und Tontechnik sowie den Schnitt besorgte Andy Matern. Er hat maßgeblich an dem Hörbuch [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=524 mitgearbeitet, das 2003 den |Deutschen Phantastik Preis| erhielt (www.andymatern.de).

Der Buchtext wurde von Frank Festa (www.Festa-Verlag.de) bearbeitet und gekürzt. Dennoch ist das Hörbuch noch neun Stunden lang, inklusive der Pausenfüllermusik.

_Handlung_

Im [ersten Band]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 der Vampirsaga „Necroscope“ haben wir bereits Boris Dragosani als eine der beiden Hauptfiguren kennen gelernt. Er ist im ESP-Dezernat (ESP: übersinnliche Wahrnehmung) von Gregor Borowitz für die Interessen des sowjetischen Geheimdienstes tätig. Seine Tätigkeit ist ebenso speziell wie grausig: Er ist ein Totenhorcher in dem Sinne, dass er frisch getöteten Opfern den Körper öffnet und dann daraus liest – eine perverse Art von Augur. Auf diese Weise zapft er die Erinnerungen der Opfer an. (Wie das im Einzelnen funktionieren soll, ist mir allerdings schleierhaft, wie so vieles in der Serie.) Sein Chef bezeichnet ihn als „Nekromant“, was gar nicht so verkehrt ist. Man denke etwa an Chiromantie, die Kunst des aus der Hand Lesens.

Dragosani hat in Transsylvanien die intime Bekanntschaft eines Wesens gemacht, das er als einen Vampyr und „alten Drachen“ bezeichnet. Durch einen über sechzig Jahre alten Vampirforscher namens Ladislau Gireski erfährt er mehr über Vampyri. Gireski erfuhr während der Bombenangriffe, die während des 2. Weltkriegs auf die Ölstadt Ploesti in Südrumänien geflogen wurden, von der Existenz dieser seltsamen Rasse von Wesen.

Gireski wohnte dem Sterben eines 500 Jahre alten Vampirs namens Fetor Fernczy bei, der unter den Trümmern eines ausgebombten Hauses sein Leben verlor. Interessanterweise sind Vampyri Symbionten: Ein Fremdwesen, der eigentliche Vampir, hat sich in einem normalen Menschen eingenistet, seine Physis ebenso verändert wie sein Leben verlängert. Im Falle des drohenden Todes seines Wirtes versucht der Vampir wieder zu entkommen, während das Fleisch seines Wirtes rapide verfällt. (Ob Vampire vom Titan oder Mars kommen, ist noch nicht ganz klar.)

Wie höchst interessant, findet Dragosani. Das bedeutet, dass jeder Mensch zum Vampyr (gemacht) werden kann. Er erfährt auch, dass Fetor Ferenczy zwei Söhne hatte: Tibor und Janosch, beide haben angeblich das Zeitliche gesegnet. Doch das Wesen, mit dem Boris schon Bekanntschaft gemacht hat, ist offenbar Tibor – man hat bei seiner Bestattung vergessen, ihn zu köpfen.

Boris bringt ihm Blutnahrung, woraufhin das bislang substanzlose Ding einen Tropfen seiner Essenz, ein Ei, auf Dragosanis Nacken fallen lässt. Als er es wegwischen will, ist es bereits in ihn eingedrungen und breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Schon nach kurzer Zeit registrieren Dragosanis Mitarbeiter die typischen Symptome eines Vampirs: lange Zähne, ebenso verlängerter Schädel, bleiche Haut und erhöhte Lichtempfindlichkeit.

All dies geschieht während des Frühjahrs und des Sommers 1976. Im Dezember schickt Borowitz seinen Nekromanten auf einen Killereinsatz nach England: Er und sein Kollege Max Batu sollen den Chef der ESP-Abteilung des britischen Geheimdienstes, Sir Keenan Gormley, töten. Außerdem sollen sie herausfinden, warum britische Atom-U-Boote für sowjetische Überwacher-Telepathen unsichtbar sind.

|Harry Keoghs Fehde und Aufstieg|

Frühjahr/Sommer 1976: Der britische Totenhorcher oder „Nekroskop“ Harry Keogh hat im ersten Band den Mörder seiner Mutter, Viktor Schukschin, ermittelt und nahe Edinburgh gefunden. Er besucht ihn und übergibt ihm eine Warnung in Form des Ringes seiner Mutter, ein Indiz für das Verbrechen. Schukschin, der gerade Borowitz seine Mitarbeit angeboten hat, ist entsprechend erschüttert. Er hasst alle ESP-ler, warum, wird (noch) nicht erklärt.

Harry wiederum erhält in seinen Träumen ernste Warnungen von seiner verstorbenen Mutter – er kann ja mit den Toten kommunizieren, und sie ist ein Medium. Sie warnt ihn vor Schukschins Reaktion und vor weiteren Agenten, die es auf Harrys ungeborenes Kind, das Brenda empfangen hat, abgesehen haben könnten.

Sir Keenan Gormley ist von Harrys ehemaligen Schuldirektor informiert worden. Er besucht Harry und bittet ihn um Mitarbeit in seiner Geheimdienstabteilung. Es herrscht Kalter Krieg und Harrys Beitrag könnte sich als wertvoll erweisen.

Für Harry ist es das erste Mal, dass jemand seine wahren Fähigkeiten ihm gegenüber zur Sprache bringt und nutzen will. Entsprechend verängstigt reagiert er, stellt sich unwissend und abweisend. Als diese Nummer nicht zieht, erbittet er sich Bedenkzeit, bis er seine Fehde gegen Schukschin abgeschlossen hat. Die Warnung seiner Mutter veranlasst ihn im Dezember, Brenda schleunigst zu heiraten und Gormley ebenfalls sein Ja-Wort zu geben.

|Killerwinter in Moskau|

In Moskau spitzen sich die Ereignisse zu. Werden der Vampyr Dragosani, sein Killer Batu, der Vampyr Tibor und der Nekroskop Harry Keogh erstmals in einem Duell der ESP-ler aufeinandertreffen? Eines steht schon mal fest: Die Dimensionen dieses Duells werden übermenschlich sein.

_Mein Eindruck_

Die Handlung dieses zweiten Bandes ist in vielerlei Hinsicht zufrieden stellender als die des ersten. Auf dem Debütroman liegt die Bürde, die Hauptfiguren vorzustellen und aufeinander zuzuführen. Im zweiten Band wird diese Bewegung vollendet, denn hier findet die finale Konfrontation zwischen Harry Keogh und Boris Dragosani statt. Auf einer höheren Ebene geht es in dieser Schlacht um die Vorherrschaft in der Welt des ESP-Einsatzes, und zwar nicht nur im Rahmen des Kalten Krieges.

|Der schwarze Ritter|

Aber die Schlacht wäre ziemlich spannungslos, wenn wir von vornherein wüssten, wie stark die Kontrahenten sind. Beide entwickeln sich aber zum Glück um wesentliche Bestandteile ihres Arsenals von „Talenten“ weiter. Hinsichtlich Dragosanis besteht ja der Sinn seiner häufigen Besuche in Transsylvanien darin, sich die Geheimnisse und Fähigkeiten eines unsterblichen Vampyrs anzueignen, um seinen Chef Gregor Borowitz vom Thron der ESP-Welt zu stürzen und sich an seiner Stelle zum König der sowjetischen ESP-ler-Zentrale auf Schloss Bronizy zu machen. Es ist spannend und mitunter bizarr zu verfolgen, wie dem rücksichtslosen Nekromanten dies gelingt.

|Der weiße Ritter|

Dragosanis Markenzeichen ist der skrupellose Machtmissbrauch, er geht buchstäblich über Leichen – um sie dann zu verhören. Er versagt darin nur ein einziges Mal … Sein genaues Gegenteil ist Harry Keogh, der Nekroskop. Um die geistigen Inhalte Verstorbener zu erhalten, schlitzt er keine Körper auf, sondern bittet ausschließlich die Verstorbenen selbst darum. Diese können bereits mehrere hundert Jahre tot sein, wie der Fall eines Adligen aus dem 17. Jahrhundert belegt. Von diesem veröffentlicht er das „Tagebuch eines Lebemanns“, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Eigeninteresse liegt Harry also nicht fern.

Harry ist darauf eingestellt, die Toten zu seinen Verbündeten zu machen. Dies wird sich bei dem Angriff auf Dragosanis Festung als entscheidender Vorteil erweisen. Doch nachdem ihn Lebende wie Sir Keenan Gormley mit wichtigem Rat versehen haben, wendet er sich der Entwicklung eigener Fähigkeiten zu. Für die Weiterentwicklung von entscheidender Bedeutung ist die Begegnung mit dem 1868 verstorbenen deutschen Mathematiker und Astronomen Möbius.

|Teleportation|

Noch heute ist dessen endlose und in sich verdrehte Möbiusschleife vielfach abgebildet zu sehen. Es geht um Dimensionen und das Durchschreiten von Türen in der Raumzeitdimension. Faktisch kommt dies dem Talent der Teleportation gleich. Grenzen sind für Harry fortan kein Hindernis mehr. In diesem „Möbius-Kontinuum“ begegnet Keogh mehreren Opfern von Dragosanis Spur der Verwüstung. Sie bitten Harry, sie zu rächen und steuern jeder ein Instrument zu Dragosanis Vernichtung bei. Mit diesen Attributen ausgestattet und mit mehreren Helfern an seiner Seite stellt Harry den klassischen weißen Ritter dar, der gegen den schwarzen antritt.

|Ironie|

Wieder einmal rächt sich für seinen Gegner, dass das absolut Böse keine Zweifel kennt oder zulässt. Es darf sich und seine Handlungsweise nicht hinterfragen, denn das würde belegen, dass es über ein Moralbewusstsein verfügt, mit dem es sich infrage stellen könnte. Spätestens der Vampir in Dragosani hat diese Ethikinstanz vernichtet. Das rächt sich bitter. Denn nun schlägt Dragosani auch die Warnung in den Wind, die ihm der bodenständige Mongole Max Batu auf den Weg gegeben hat: „Man kann die Toten nicht mit dem Bösen Blick verfluchen, denn sie sind bereits tot. Der Fluch fällt daher auf seinen Urheber zurück …“

|Für Harry und das liebe Vaterland|

Etwas naiv fand ich Lumleys Darstellung von Brendas Verhalten. Als die frisch angetraute Mutter von Harrys Sohn erfährt, dass ihr Mann Harry gedenkt, sich einer geheimnisvollen Abteilung des britischen Geheimdienstes anzuschließen, mäkelt sie keineswegs zickig herum, dass sie ja von nun an nur noch wenig von ihm haben werde. Und wer diese Finsterlinge denn überhaupt seien, ihr den Mann wegzunehmen? Oh nein, sie findet das voll in Ordnung, wünscht ihm viel Glück und opfert sich fürs liebe Vaterland. Jemand sollte der Lady ein Denkmal errichten und eine Flasche zwölf Jahre alten Glenmorangie schenken!

_Der Sprecher_

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie wohl Joachim Kerzel, der Sprecher von „Necroscope 1: Das Erwachen“ bestimmte Passagen gelesen hätte. Ich denke mal, er hätte bestimmte Figuren wie etwa den uralten Vampyr viel lustvoller dargestellt. „Aaaah! Bluuuut!“ Und der finale Abgang des Vampyrs wäre wesentlich dramatischer ausgefallen: „Du Naaaaarrrr!“ Nun ja, man muss es ja nicht gleich übertreiben.

|Keine Atempause, die Geschichte wird gemacht, es geht voran!|

Helmut Krauss macht relativ kurzen Prozess mit solchen dramatischen Höhepunkten, als gelte es, doch möglichst viel Text in möglichst kurzer Zeit zu sprechen. Von Runterleiern kann zwar nicht die Rede sein, aber die fehlenden Pausen zwischen den Szenenwechseln haben mich mehr als einmal verwirrt und aus dem Konzept gebracht. Nur zwischen den riesigen Kapiteln wurde Füllmusik eingefügt, so dass man ein wenig zum Verschnaufen kam.

|Die CDs|

Die CD-Wechsel sind ebenfalls mitten in einer Szene fällig, was von den anderen Verlagen meistens vermieden wird. Die Wirkung besteht darin, dass der Hörer gezwungen ist, sofort weiterzuhören, um das Ende der Szene noch zu erfahren. Ein raffinierter Trick der Regie oder ungeschickte Aufteilung? Ich neige eher dazu, das Erste anzunehmen. Jedenfalls ist jede CD 78 bis 78,5 Minuten lang, eingeteilt in 16 bis 17 Tracks. Die Aufnahmequalität ist unverändert hoch.

_Unterm Strich_

Nach einem schleppenden ersten Drittel, in dem es vor allem Dragosani um Informationsbeschaffung geht, verknüpfen sich die Handlungsstränge, und es kommt zu ersten Szenen, in denen Interessenskonflikte ausgetragen werden. Ich rede hier von Action, okay? Die Spannung steigt, als sich sowohl Dragosani als auch sein britischer Gegenspieler Harry Keogh neue Fähigkeiten aneignen können, mit völlig gegensätzlichen Methoden. Der Showdown nahe Moskau ist unausweichlich und dürfte alle actionhungrigen Vampirfans zufriedenstellen.

Wie sich aus der Zusammenfassung der Handlung ergibt, setzt dieser Band die Kenntnis der Handlung des ersten voraus. Neueinsteiger dürften hiermit nur wenig anzufangen wissen. Wer nicht in das – gekürzte – Hörbuch von „Necroscope 1“ investieren will (wenn es nicht bereits vergriffen ist), der sollte sich beim |Festa|-Verlag das Buch besorgen.

Der Sprecher Helmut Krauss konnte mich nicht so begeistern wie Joachim Kerzel, wenn er auch die gleiche sonore Stimme voll zur Geltung bringt. Mein Tipp: Bässe aufdrehen! Doch die Tatsache, dass keine Pausen zwischen den Szenen einen Wechsel andeuten, hat mich mehr als einmal verwirrt.

Andere Verlage agieren diesbezüglich rücksichtsvoller. Ein besonders positives Beispiel stellt Jürgen Tarrachs Lesung von Robert Harris‘ Roman „Pompeji“ dar. Obwohl die Szene ständig wechselt und oftmals ebenso die erlebende Hauptfigur, so verliert der Hörer doch nie den Faden. Bei „Vampirblut“ kann das schon mal vorkommen. Die Musik von Matern ist mir nicht in besonderer Erinnerung – ein Beleg, dass sie sich dezent im Hintergrund hält.

Fazit: Ein ausgezeichnetes Horror-Hörbuch für hohe Ansprüche, das zwar hier und da Kanten & Ecken aufweist, aber exzellent ausgestattet ist.

|Umfang: 548 Minuten auf 7 CDs|

Isaac Asimov – Lucky Starr

Mit dem Namen Isaac Asimov (1920-1992) verbindet man in der Science-Fiction vor allem eines: Seine drei Robotergesetze sind mittlerweile legendär und auch heute noch aktuell und heiß diskutiert, wie der auf frühen Kurzgeschichten Asimovs beruhende Film I, Robot zeigt.

Ein wenig untergegangen in dem Rummel um die Robotergesetze und seine Foundation-Trilogie ist eines seiner frühesten Werke überhaupt:

Die Lucky-Starr-Serie

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Armin Rößler (Hrsg.); Dieter Schmitt (Hrsg.) – Walfred Goreng

Anthologien deutscher (oder überhaupt) Science-Fiction sind mittlerweile äußerst seltene Publikationen. Kurzgeschichten scheinen der heutigen Leserschaft immer weniger zu bedeuten. Im Wurdack-Verlag erschien Anfang 2004 die erste SF-Anthologie („Deus ex machina“) des Verlags, der damit schwieriges Terrain betritt. Es ist ein erfreuliches Ereignis, dass mit „Walfred Goreng“ bereits der zweite Band erschienen ist – Kurzgeschichtenanthologien dienen als wichtige Plattform für aufstrebende Autoren und bieten in unterhaltsamer Form einen Querschnitt durch die deutsche Science-Fiction-Landschaft. Vielleicht spielte auch die von Andreas Eschbach jüngst herausgegebene Sammlung von Geschichten bekannter europäischer Schriftsteller eine unterstützende Rolle, um das Interesse an derartigen Publikationen zu erhöhen.

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Ken Grimwood – Replay. Das zweite Spiel

Und täglich grüßt der Herzinfarkt

Jeff Winston erleidet am 18. Oktober 1988 einen Herzanfall und stirbt. Doch er erwacht wieder zum Leben und befindet sich plötzlich im Schlafsaal seines alten Colleges. Es ist der 6. Mai 1963. Langsam begreift er, dass er sein Leben ein zweites Mal leben kann und er die einmalige Chance hat, diesmal alles besser zu machen. Durch geschickt platzierte Wetten und den Kauf von Aktien erlangt er ein Millionenvermögen. Aber seine Versuche, sein Schicksal und das der ganzen Welt positiv zu beeinflussen schlagen fehl. Auch die Liebe zu Pamela, einer anderen „Wiederkehrerin“, befreit ihn nicht aus dem Albtraum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint: Denn das Sterben und Wiedererwachen nimmt für Jeff kein Ende …

Regisseur Harold Ramis ließ sich durch Replay zu seiner 1993 gedrehten Komödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (orig.: Groundhog Day) inspirieren, in dem ein von Bill Murray dargestellter Wettermann denselben Tag immer und immer wieder erleben muss. ((Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Replay_%E2%80%93_Das_zweite_Spiel))

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Ellery Queen – Drachenzähne

Das geschieht:

Den Juli des Jahres 1939 wird Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen sicherlich nicht vergessen. Da ist der geplatzte Blinddarm, der ihn ins Krankenhaus und fast auf den Friedhof bringt. Mit der Verfolgung von Übeltätern ist erst einmal Schluss. Das ist ärgerlich, denn just hat sich Ellery eines ausgesprochen interessanten Falls angenommen. Der schwerreiche, arg verschrobene Cadmus Cole wurde auf einer seiner ausgedehnten Schiffsreisen angeblich vom Schlag getroffen. Kurz zuvor hatte er Queen engagiert, um sein sehr seltsames Testament vollstrecken zu lassen, und ließ dabei durchblicken, dass man ihm womöglich nach dem Leben trachte, wollte Queen aber keine Details verraten. Ellery Queen – Drachenzähne weiterlesen

Chevalier, Tracy – dunkelste Blau, Das

Amis haben für gewöhnlich ein ziemlich seltsames Bild von uns Europäern und wehe sie ziehen dauerhaft hierher, dann kann es eigentlich nur Komplikationen und Verwicklungen geben. Sogar solche, die bis ins 16 Jh. zurückreichen. So ergeht es Tracy Chevaliers Protagonistin, als sie mit ihrem Mann berufsbedingt nach Frankreich übersiedelt. Dem Text auf dem Buchrücken nach bietet es sich an, die Geschichte spontan als einen der derzeit höchst beliebten klerikalen Thriller einzustufen. Ein Irrtum. So viel zur Erwartungshaltung. Ob und inwieweit der Eindruck des Teasers beabsichtigt ist, um auf der Welle mitzuschwimmen, soll einmal dahingestellt sein. Doch worum handelt es sich bei dem Roman „Das dunkelste Blau“ nun eigentlich wirklich?

_Die Autorin_
Tracy Chevalier ist gebürtige Amerikanerin des Jahrgangs 1962, wuchs in Washington D.C. auf und lebt heute in London. Vor ihrem Creative-Writing-Studium an der East Anglia University, das sie 1994 abschloss, arbeitete die Quereinsteigerin als Lektorin für Nachschlagewerke. Weitere von ihr erschienene Romane: „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ (List, TB 06/2001), „Wenn Engel fallen“ (List, TB 10/2003) und „Der Kuss des Einhorns“ (List, HC 02/2004). [Quellen: Verlagsinfo und amazon.de]

_Zur Story_
Ella Turner und ihren Mann Rick zieht es nach Frankreich. Er ist ein gefragter Architekt und arbeitet an einem Projekt in Toulouse, das sicher mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Somit ist der Umzug nach Frankreich in ein verschlafenes Nest in den französischen Chevennen ein recht dauerhaftes Unterfangen. Ausgesucht hat das neue, abseitige Domizil jedoch Ella, deren Familie vor Generationen aus Frankreich nach Amerika übersiedelte und ihren Namen von Tournier in Turner änderte. Seit ihrer Ankunft in Land des Weichkäses und ihrer Ahnen wird sie von immer wieder dem gleichen Albtraum heimgesucht, in welchem die Farbe Blau eine immens wichtige und traurige Rolle spielt. Zugleich üben die beiden, Nachwuchs zu bekommen, doch gerade der Sex macht die Albträume nur noch schlimmer und intensiver. Ihrem Mann offenbart sie sich jedoch nicht.

Da sie als Hebamme im Gastland nicht praktizieren darf, weil ihr dafür die Zulassung fehlt, und Rick sehr mit seinem Job beschäftigt ist, sucht sie sich Ablenkung. Sie fühlt sich als Fremdkörper im Dorf – man schneidet sie gepflegt in der Nachbarschaft, obwohl sie sich redlich Mühe gibt, ihr verschüttetes Französisch stetig aufzubessern und sich anzupassen. Sie fühlt sich hier auch irgendwie „zuhause“. Es hilft nichts. Kurzum, sie hat niemanden, mit dem sie sich austauschen könnte. Keine Freunde, keine Verwandten. Lediglich ein Cousin in der relativ nahen Schweiz, den sie bislang noch nicht persönlich kennen gelernt hat. Getrieben von innerer Unruhe – vorerst als selbst auferlegte Beschäftigungstherapie – fängt sie enthusiastisch an, ihre Familiengeschichte zu recherchieren und herauszufinden, warum sie im Traum in blitzsauberem Französisch Bibelzitate von sich geben kann.

Ella spürt, dass die Geschichte ihrer Ahnen mit dem stets wiederkehrenden Traum in direktem Zusammenhang steht. Ihre Intuition gibt ihr Recht, doch stellen sich Erfolge beim Wühlen nach alten Dokumenten nur schleppend ein. Dafür findet sie im hiesigen Bibliothekaren Jean-Paul einen zunächst widerwilligen und abweisenden Mitstreiter, der ihr dann aber immer tatkräftiger unter die Arme (und später auch unter den Rock) greift. Das Auffinden einer alten Familienbibel aus dem Besitz der Tourniers bringt sie endgültig auf die Spur eines schrecklichen Verbrechens, das Jahrhunderte zurückliegt. Genauer gesagt aus der Zeit, als die Protestanten Frankreichs – die Hugenotten – unter dem immer mehr um sich greifenden Katholizismus zu leiden hatten und vertrieben wurden. Mitten in dieser Welt des (Aber-)Glaubens spielte sich eine Tragödie in der Familie ab, die Ella in der Jetztzeit so viel Kopfzerbrechen bereitet …

_Meinung_
Schon zu Beginn des Romans erhält der Leser einen Einblick in die Vergangenheit. Genauer gesagt in die Familiengeschichte derer von Tournier, von denen Ella abstammt. Zunächst kann man sich auf die recht wirren und in schneller Zeitrafferfolge präsentierten Fetzen aus der Familienhistorie allerdings keinen klaren Reim machen. Das legt den Grundstein für später immer deutlicher zu Tage tretende Analogien und Parallelen zwischen Ella und ihrem Pendant aus dem 16. Jahrhundert: Isabelle de Moulin. Anfänglich sind diese Flashbacks noch sauber durch Kapitel von der Geschichte in der Gegenwart getrennt, später überschneiden sich die Stränge in schnellerer Abfolge und mogeln sich gegen Ende sogar absatzweise in den Plot. Als weitere Unterscheidung erzählt Chevalier Ellas Geschichte in der Ich-Form, Isabelles Part hingegen beobachtend in der dritten Person.

Man hat den Eindruck, dass besonders Isabelle rudimentäre übersinnliche Fähigkeiten besitzt – zumindest was ihre Connection zu Ella angeht, stimmt das auch irgendwo. Chevalier deutet vermeintlich vorhandene Hexenkünste in diesem Zusammenhang allenfalls nur an. Zum Teil auch recht deutlich, wie beim Bild des immer wieder auftauchenden Wolfes, den Isabelle ganz selbstverständlich als Reinkarnation und Sinnbild ihrer toten Mutter versteht, die helfend in ihr Leben eingreifen will. Leider werden einige dieser vielversprechenden Ansätze in letzter Konsequenz nicht genügend genutzt, um dem Plot mehr Substanz zu verleihen. Solche Festlegungen, ob hier nun tatsächlich paranormale Mächte am Werk sind, oder doch alles nur Aberglaube ist, bleiben dem Leser überlassen. Der kleine Schuss Mystery verpufft ziemlich wirkungslos.

Die wichtige (wie ich finde) Frage, warum die beiden Frauen auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind, bleibt auch am Ende der Geschichte nur vage angedeutet. Wie so vieles. Das gilt auch und speziell für die Personenzeichnung. Die Figuren sind bis auf Ella sehr zweidimensional beschrieben und vegetieren als gesichtslos und vorhersehbar agierende Schablonen vor sich hin. Selten lässt sich Chevalier mal zu detaillierteren Beschreibungen ihrer Charaktere und deren Motive hinreißen. Überraschungen in deren Handeln braucht man demzufolge auch nicht zu erwarten, auch von der Protagonistin nicht. Vollkommen linear entwickelt sich die Geschichte genau in die Richtung fort, wie man es sich beim Lesen gedacht hat. Mit Ausnahme der vielen „toten Links“, d. h. Nebenhandlungen, die aus unerfindlichen Gründen einfach nicht weiterverfolgt werden und frei schwebend irgendwo in der Luft enden.

Man ist versucht, „Das dunkelste Blau“ ziemlich schnell als „Frauenroman“ abzustempeln, und tatsächlich bedient der Roman einige der beliebten Klischees, die diesem häufig zu Unrecht negativ konnotierten Begriff andichtet werden. Eine Dreiecksbeziehung gefällig? Geht klar! Die alte In-der-Fremde-doch-noch-ne-beste-Freundin-gefunden-Leier? Biddeschön, kommt sofort! Sex? Verkauft sich immer gut und ist im Doppelpack auch billiger. Okay, wollen wir mal nicht so ungerecht sein und einräumen, dass sich der Schnulzfaktor in erträglichem Rahmen bewegt. Natürlich landet die von ihrem Mann unverstandene und vernachlässigte (Die Klischees bitte nacheinander eintreten – Danke!) Ella mit dem Nebenbuhler – nebst einem ganzen Sack voller Gewissensbisse – in der Kiste. Beinahe zufällig. Vollkommen ungewollt und unerwartet. Hust. Die Beschreibungen der horizontalen Vergnüglichkeiten fallen harmlos aus, da gibt’s Deftigeres – erotisch sind sie aber auch nicht.

Den Leser dürstet es natürlich, das Kuddelmuddel am Ende aufgelöst zu wissen. Wer mit wem und wie und warum überhaupt. Nach den ganzen Sackgassen in der Handlung wähnt man sich im Recht, die Auflösung des Rätsels zu erfahren. Das gelingt Chevalier aber nur zum Teil, die Geschichte und der damit verbundene tragische Mordfall in der Familie Tournier während der Hugenotten-Vertreibung im Jahre Fuffzehnhundertpiependeckel bleibt ungesühnt. Die Schuldigen werden nicht bestraft, de facto erfährt man eigentlich gar nichts weiter. All die kleinen eingearbeiteten Hinweise sind für die Katz bzw. für den Wolf. Den Reißwolf. Dass das letzte Drittel ganz besonders mit der heißen Nadel geklöppelt wurde, bemerkt man an einigen Inkonsistenzen, stellvertretend etwa das plötzliche Auftauchen der Figur Lucien, den Chevalier schlichtweg vergessen hat, zuvor in irgendeiner Form vorzustellen.

Die mühselig aufgebaute und konstruierte Handlung in der Vergangenheit ist historisch ganz gut recherchiert, doch vergeudet Chevalier hier um des lauen Finales in der Gegenwart Willen jede Menge Potenzial, mehr in die Tiefe zu gehen. Die böse Schwiegermutter, der patriarchische Ehemann (Volle Deckung – schon wieder tief fliegende Klischees!), ja, selbst Isabelle, der man so arg und übel mitgespielt hat – immerhin eine wichtige Schlüsselfigur – verschwinden in bester Cliffhanger-Manier schlussendlich im Vakuum der Story. Absolut unbefriedigend. Stattdessen gibt’s ein versöhnliches (aber wenig überraschendes) Schlag-auf-Schlag-Ende für Ellas Albträume, den Beziehungsstress und die Akklimatisierungsprobleme in der neuen Heimat. Und verständnisvolle Verwandte hat sie auf einmal auch gefunden, zusätzlich zur neuen besten Freundin – versteht sich.

_Fazit_
Würde man die ganzen Platitüden streichen, die in losen Enden münden, wär’s eine schöne und übersinnlich angehauchte Novelle geworden. Alternativ dazu wäre eine detailliertere Ausarbeitung der vorhandenen guten Ansätze dazu angetan gewesen, aus dem Roman viel mehr heraus zu kitzeln. So jedoch überwiegt das recht uninteressante Füllwerk, um als recht plattes Transportmedium für die sich anbahnende Romanze zu dienen. Wischiwaschi. Wer aufgrund des Covertextes mit einem sakralen Thriller vom Schlage eines Eco oder Brown rechnet, sei gewarnt.

„Das dunkelste Blau“ ist eine – im wahrsten Sinne des Wortes – triviale Criminal-Love-Story mit einem kleinen Touch von Mystery, den Tracy Chevalier aber leider nur oberflächlich streift. Dank der unscharfen Figurenzeichnung und der vorhersehbaren Handlung sicherlich keine schwere Kost und zwischen Suppe und Kartoffeln schnell durchgelesen. Empfehlenswert höchstens als seichte Bettlektüre für schlaflose Genre-Liebhaber. Wer Gehaltvolleres mag, macht einen Bogen um diese künstlich aufgepumpte und dadurch recht unausgegoren wirkende Kurzgeschichte.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Virgin Blue“
Penguin, London 1996
Deutsche Erstveröffentlichung: dtv München 1999
Übersetzung: Agnes C. Müller
ISBN: 3-423-20702-7 (2. ungekürzte TB Neuauflage 05/2004)

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – H. R. Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts

Der Schweizer Multimediakünstler H.R. Giger ist am besten bekannt für seine Kreation des Alien-Monsters in Ridley Scotts gleichnamigen Science-Fiction-Horror-Film. Sein Museum befindet sich in Gruyères in der Schweiz – und natürlich auch im Internet. Siehe auch den Schluss dieses Artikels.

In der ersten Folge von H.R. Gigers vierteiliger „Vampirric“-Reihe finden sich folgende zwei Vampir-Geschichten: „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts“ von Thomas Ligotti und „Das Federkissen“ von Horacio Quiroga. Beide Storys liest Lutz Riedel. Die Vorworte spricht HR Giger.

Thomas Ligotti / Horacio Quiroga – H. R. Giger’s Vampirric 1 – Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts weiterlesen

Gemmell, David – Im Zeichen des dunklen Mondes

Dies ist ein spannender, wenn auch nicht unbedingt mitreißender Fantasy-Action-Roman. Es geht um Wahrheit, Menschlichkeit, Liebe, Hass und Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Gibt es eine biologische und soziale Notwendigkeit bzw. Rechtfertigung für Gewalt und Krieg?

_Der Autor_

David Gemmell (geb. 1948), früher selbst einmal Soldat, ist der führende britische Autor (wenn nicht sogar weltweit) von Fantasy-Action-Romanen. Besonders bekannt wurde ab 1984 er mit der Drenai-Saga, in der kernige Helden wie „Druss die Legende“ in einem untergehenden mittelalterlichen Reich schier aussichtslose Kämpfe ausfechten.

Seine zweite Romansequenz dreht sich um die magischen Sipstrassi-Steine (1987-94). Dazu gehören auch einige Romane, die in einer Post-Holocaust-Zukunft angesiedelt sind („The Jerusalem Man“). Ein dritter Romankomplex umfasst die historischen Fantasien um Alexander den Großen: „Der Löwe von Makedonien“ und „Der dunkle Prinz“ (1990/91). Die Falkenkönigin-Duologie dreht sich um eine heldenhafte Kriegerin: „Eisenhands Tochter“ und „Die Keltenkriege“. Es handelt sich eindeutig um Heroic Fantasy.

_Handlung_

Der Schwertkämpfer Tarantio begibt sich nach verlorener Schlacht in die große Stadt Corduin, eine der vier Hauptstädte im Land, die, in wechselnden Allianzen, miteinander im Krieg liegen. Seit sieben Jahren kämpft man um den Besitz der kostbaren Perle der Eldarin, eines verschwundenen Volkes friedliebender Elfenwesen. Tarantio macht es sich mit seinem etwas zurückgebliebenen Gefährten Brune gemütlich. Leider ist er eine schizophrene Persönlichkeit: Dace, der wilde und rachsüchtige Teil von ihm, lässt ihn immer wieder in Streit geraten. Schon bald darf er sich auf ein Duell freuen.

Herzog Sirano von Prentuis hat das Geheimnis der Perle in seinem Besitz mittels Magie gelüftet und den Bann, den sie speichert, aufgehoben. Als Folge dessen löst sich das Gefängnis um die Welt der von den Eldarin verbannten fremdartigen, brutalen Daroths auf: Sieben ihrer Städte erscheinen in der Welt der Menschen. Die Daroths, die sich mittels Telepathie verständigen, sind praktisch unsterblich, denn alle zehn Jahre wird ein Daroth durch eine jüngere Version ersetzt. Kein Wunder, dass sie für so kurzlebige Wesen wie die Menschen nur Verachtung übrig haben: Sie essen sie und nehmen ihr Land.

Tarantios friedliche Tage sind gezählt. Als die Feldherrin Karis, deren Truppen ihn besiegten, in Corduis auftaucht und bekannt wird, dass die Daroth die Stadt bedrohen, wird er von Karis und dem Herzog Albreck kurzerhand eingezogen, ebenso wie sein Duellgegner Vint. Corduis erfährt vom Untergang der Stadt Prentuis und dem Verschwinden Herzogs Sirano, macht sich selbst für die Belagerung bereit. Tarantio begegnet dem Harfner und Heiler Duvodas, der eine alte magische Gabe des Oltor-Volkes, das von den Daroth vernichtet worden war, geerbt hat: Seine Musik heilt und bringt Wohlstand. Als Tarantios Freund Brune vom Geist eines Oltor besessen wird, weist dieser den Weg zur Rettung vor den Daroth. Doch diese liegt nicht in Waffen und List, sondern in der Magie und dem Glauben an Frieden und Liebe.

Als die Daroth-Armee vor den Mauern von Corduis auftaucht, haben deren Bewohnern und Soldaten einige Überraschungen bereit, aber auch Duvodas ist nicht untätig. Er reitet direkt in die Hauptstadt der Daroth …

_Mein Eindruck_

Gemmell stellt uns zwei alternative Gesellschaften vor. Am Schluss versucht er eine versöhnliche Antwort zu geben. „Im Zeichen des dunklen Mondes“ ist ein stellenweise fast schon nachdenklich erscheinender Fantasyroman. Doch die Figuren (außer den „Pazifisten“) ergehen sich nicht in langen Monologen, sondern setzen ihre jeweiligen Überzeugungen ohne Zögern in die Tat um. Actionfans kommen hier also voll auf ihre Kosten. So weit so schön, fast wie in der Drenai-Saga.

Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, und das sind bezeichnenderweise jene Figuren, die durch die Liebe verändert werden: Tarantio, Duvodas, Karis. Und hier kommen dann die Erotikfans voll auf ihre Kosten, denn entsprechende Szenen gibt es hier reichlich.

Doch Liebe muss nicht immer Segen bringen: Ihre Kehrseite ist der Hass, und von dem ist Duvodas erfüllt, als seine schwangere Frau Shira von den Daroth getötet wird. Duvodas wird erst wieder menschlich, als er Jahre später seinen tot geglaubten Sohn wiederbekommt – ausgerechnet von den Daroth. Gemmell zeigt hier, dass er nicht auf einem Auge blind ist, wie so viele Autoren von heroischer Fantasy und anderen romantischen Genres. Vielmehr schaut er den Tatsachen ins Gesicht und konfrontiert den Leser mit der ungeschminkten Wirklichkeit des Lebens.

Das Titelbild ist wie fast immer bei dieser Reihe sehr gelungen, obwohl es schon etwas älter ist: Es zeigt eine weibliche japanische Samurai, wie man sie sich in den achtziger Jahren vorstellte. Tatsächlich war dies die Illustration zu „Tomoe, die Samurai“, einem Fantasyroman, der ebenfalls bei |Bastei Lübbe| erschien. Jedem Kapitel ist die kleine Vignette eines Mondes vorangestellt – ein reizvolles optisches Element. Insgesamt hat mich die Lektüre sehr zufriedengestellt.

|Originaltitel: Dark Moon, 1996|

Ildikó von Kürthy – Freizeichen

Einen Namen im Frauenbuchgenre hat sich die Stern-Journalistin Ildiko von Kürthy durch ihr Erstlingswerk „Mondscheintarif“ gemacht, welches bereits wenig schmeichelhaft verfilmt wurde. Mit „Freizeichen“ hat sie ihren dritten Roman veröffentlicht, der ebenfalls im |Wunderlich|-Verlag erschienen ist und nun als Taschenbuch bei |rororo| vorliegt.

Der Leser befindet sich gleich zu Beginn mitten in einem Gedankenmonolog der Hauptperson Annabel wieder, die sogleich berichtet, dass sie nun endlich vor dem Problem steht, sich zwischen zwei Männern entscheiden zu müssen. Eigentlich ist sie bereits seit viereinhalb Jahren mit Ben zusammen, doch im Alltag ist die Leidenschaft flöten gegangen und Annabel fragt sich nun, ob diese Beziehung so noch Sinn ergibt. Kurzentschlossen – eine Fettanalysewaage und Max Frisch haben ihren Teil dazu beigetragen – fährt sie für ein paar Tage zu ihrer reichen Tante nach Mallorca, um dort über ihre Beziehung und ihre Frisur nachzudenken. Auf Mallorca angekommen, muss sie feststellen, dass ihr Koffer nicht mitgeflogen ist und ihre überschüssigen dreieinhalb Kilo sich vielleicht doch nicht so günstig verteilen, wie ihre Freundin Mona ihr das immer wieder versichert.

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Whitley Strieber – Der Kuss des Todes

Das geschieht:

John und Miriam Blaylock töten Menschen, saugen ihnen das Blut aus und leben ewig, denn sie sind Vampire. Miriam weilt bereits einige Jahrtausende auf diesem Planeten und hat sich zur echten Überlebenskünstlerin entwickelt. John, der als englischer Lord mit Miriams bissiger Hilfe sein Schattendasein begann, ist gerade einmal zwei Jahrhunderte alt. Trotzdem fühlt er sich seit einiger Zeit müde und abgeschlagen, was einem Vampir eigentlich nicht passieren dürfte.

Miriam weiß mehr darüber, als sie John eingestehen mag. Ihr Blut verlängert das Leben ihrer Partner, aber irgendwann verliert es seine Kraft. Inzwischen sollte die Wissenschaft endlich in der Lage sein, ein Mittel gegen Johns ‚Krankheit‘ zu entwickeln, findet Miriam und nimmt Kontakt zur Medizinerin Sarah Roberts auf, die sich in ihren Forschungen auf das Phänomen des Alters spezialisiert hat. Whitley Strieber – Der Kuss des Todes weiterlesen

Jules Verne – Von der Erde zum Mond (Hörspiel, 1967)

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte …

Der Autor

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Friedmann, Celia S. – Kathedrale der Dämonen (Kaltfeuer 3)

Als die Menschen vor mehr als eintausend Jahren aus ihrem künstlichen Schlaf erwachten, um den Planeten Arna zu kolonisieren, ahnten sie nicht, wie gefährlich der Planet ist. Einer der Kolonisten vollführte ein Ritual, um Arna gnädig zu stimmen, um die Dämonen und Geister zu bändigen, die dem Unterbewusstsein der Kolonisten entsprangen.

Heute befindet sich Arna auf dem Stand des irdischen Mittelalters. Der Planet ist von einer Kraft umgeben, die sich Fae nennt und manipuliert werden kann. Doch das Fae ist gefährlich. So versagen alle Dinge, die zu viel Technik benötigen. Unter anderem schon simple Dampfkraft oder Schwarzpulverwaffen.

In dieser Welt lebt Pater Damien Kilcannon Vryce, der dem einzig wahren Gott dient. Er ist unterwegs nach Osten, um dort – auf einem unbekannten Kontinent – einen verborgenen Feind zu bekämpfen, der vielleicht die ganze Welt bedroht. Damien steht Gerald Tarrant zur Seite, ehemaliger Neograf von Merentha. Einst war er Begründer von Damiens Glauben – nun ist er der Teufel persönlich. Die beiden Männer werden von der Rakh Hesseth begleitet, die durch Geralds dunkle Macht menschliches Aussehen erhält.

Tatsächlich stoßen sie auf Zivilisation. Die Überlebenden einer vor Jahrhunderten verschollenen Expedition haben ein neues Reich gegründet und leben dort nach den Lehren, die einst vom Neograf von Merentha niedergeschrieben wurden. In diesem Gottesstaat gibt es funktionierende Technik, niemand ängstigt sich vor Dämonen und Monster, alle verehren den einen wahren Gott. Damien glaubt sich im Garten Eden, denn in seiner Heimat versagten die Menschen im Bemühen darin, dem rechten Glauben zu folgen. Doch Gerald Tarrant öffnet Damien rasch die Augen und reißt dem Feind die Maske herunter, hinter der er sich versteckt. Gerald, Damien und Hesseth fliehen …

Die Abenteuer von Damien und Gerald sind einfach faszinierend. Beide Männer sind scheinbar unterschiedlich, doch ihre Seelen weisen tiefe Abgründe auf. So ist Gerald ein skrupelloser Mörder, ein Vampir, der sich an der Angst seiner Opfer weidet. Und obwohl Damien ihn vernichten müsste, vertraut er diesem Mann, nährt ihn und lässt ihn jagen. Ganz nach dem Motto: Der Zweck heiligt die Mittel. Doch Damien ist sich bewusst, dass er auf einem schmalen Grat wandelt und jederzeit abstürzen kann. Hier arbeiten Licht und Schatten zusammen, kämpfen stets gegeneinander an und ergießen sich in Gegensätzen. Die Spannung bleibt am kochen, denn es ist fraglich, ob Gut oder Böse obsiegt – falls eine Seite überhaupt triumphieren wird.

Die emotionale Spannung baut sich also zwischen diesen beiden Männern auf. Die Figur der Hesseth wirkt noch blass, besitzt aber eine exotische Anziehungskraft. Bleibt abzuwarten, ob ihr Part in den nächsten zwei Bänden des Zyklus‘ stärker wird. Immerhin wurde der Originalroman „When True Night Falls“ (DAW Books Inc., New York) in drei Teile gespalten („Kathedrale der Dämonen“, „Tal der Nebel“, „Burg der Illusionen“). Dies geschieht zwar mit dem Einverständnis der Autorin, ist trotzdem unglücklich gemacht, da der Kaltfeuer-Zyklus vor allem im Ganzen besticht und die deutschsprachigen Bände künstlich gebrochene Spannungsbögen besitzen. Vom Preis ganz zu schweigen. Dafür hat sich der Verlag um anständige, zusammenpassende Titelbilder bemüht, die im Manga-Stil daherkommen und zu gefallen wissen.

Nun, trotz der Teilung ist „Kathedrale der Dämonen“ ein guter Roman, der sich flüssig lesen lässt. Friedman besitzt einen packenden Stil, der vom Übersetzer entsprechend eingefangen wurde. Bereits die ersten Seiten fesseln die Aufmerksamkeit, da C. S. Friedman erst einmal in die Vergangenheit reist und eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Arnas beleuchtet. Dann wechselt die Autorin in eine real wirkende Traumsequenz, um anschließend mit ihrer Geschichte zu beginnen. Ein kontroverses Stilmittel, das gefällt.

Neben den ausgeklügelten Helden buhlen auch die Antagonisten um die Gunst der Leser. Auch sie haben ihre dunklen Geheimnisse, die nicht gelüftet werden. Ausgefeilt, mit Ecken und Kanten, herausfordernd und gefährdet – auch die Gegenseite besitzt eine große Anziehungskraft.

Obwohl Celia S. Friedman viel Wert auf Charakterentwicklung und Emotionen legt, weiß sie auch blutige und harte Szenen zu beschreiben. So liest man plötzlich von verwesenden Kreaturen, ausgeweideten Menschen und Kindern, die als Dämonenköder dienen. Das ist nichts für zart besaitete Menschen.

„Kathedrale der Dämonen“ ist ein packendes Buch. Bleibt abzuwarten, wie dem Roman die Dreiteilung bekommt. Der Auftakt ist jedenfalls sehr gelungen.

|Originaltitel: When True Night Falls (1993)
Übersetzung: Ronald M. Hahn|

_Günther Lietz_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Isaac Asimov – Falsch korrigiert

Wer den Film „I, Robot“ mit Will Smith in der Hauptrolle gesehen hat, bemerkte vielleicht an der Seite des Detektivs die Roboterentwicklerin Dr. Susan Calvin. Diese von Isaac Asimov erfundene kluge Wissenschaftlerin spielt in mehreren Robot-Storys eine wichtige Rolle. Ihr fällt die Aufgabe zu, die bekannten drei Gesetze der Robotik in Form positronischer Schaltkreise umzusetzen. So auch im vorliegenden Hörspiel: Dr. Calvin steht vor Gericht.

Der Autor

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Friedmann, Celia S. – Zitadelle der Stürme (Kaltfeuer 2)

Vor 1200 Jahren versuchten die Menschen, den Planeten Arna zu kolonisieren. Doch sie scheiterten, da es auf dem Planeten eine Energieform namens Fae gibt. Das Fae lässt Zauberei zu und manifestiert die Ängste und Albträume der Menschen. Die Kolonie war sich selbst überlassen und fiel in der Entwicklung zurück. Die Menschen leben nun in einer mittelalterlichen Welt voller Magie und Monster.

In dieser Welt lebt die Fae-Adeptin Ciani. Sie wurde von mysteriösen Wesen überfallen und ihrer Erinnerungen und ihrer Macht beraubt. Die Wesen konnten vertrieben werden, doch um Ciani zu heilen, muss der Angreifer vernichtet werden. Aber das Dämonenwesen lebt hinter einer magischen Barriere, dem Baldachin. Er schützt die Ureinwohner – die Rakh – vor den Menschen.

Doch Ciani steht nicht alleine dar. Der Krieger-Priester Damien Vryce liebt die Adeptin und ist bereit für sie zu sterben, um ihre Erinnerungen zurückzuholen. Ein weiterer Freund der beiden ist Senzei, ein Gelehrter, der gerne ein Adept wäre. Doch dieser Weg ist ihm verwehrt. Das Quartett wird von dem Dämonen Gerald Tarrant komplettiert. Er ist ein mächtiges Wesen und wird „der Jäger“ genannt. Doch einst war er der Neograf und Begründer des Glaubens, dem Damien folgt. Doch der Neograf gab sich einst dem Bösen hin und ist nun der Feind von Damiens Glauben.

Die vier durchschreiten den Baldachin. Doch schnell werden sie von Jägern zur Beute. Nur durch die Hilfe der Rakhs, die mehr als ungastlich sind, vermögen sie zu überleben. Die Rakhs schließen mit den Fremden ein Zweckbündnis. Immerhin werden sie ebenfalls von den erinnerungsfressenden Dämonen bedroht, die von einer fremden Macht gesteuert werden. Einer Macht, die sich im Haus der Stürme verschanzt. Zusammen mit einer Rakh macht sich die kleine Gemeinschaft auf, um sich dieser fremden Macht zu stellen. Doch sie unterschätzen den Gegner …

Der Klappentext stellt eine Verbindung zu Stephen King und Dean Koontz her. Allerdings hat „Zitadelle der Stürme“ kaum etwas mit den Büchern der beiden Horror-Autoren gemein. Auch der Buchtitel ist etwas irreführend, ist im Roman doch vom Haus der Stürme die Rede. Dass der Originalroman „Black Sun Rising“ von Knaur geteilt wurde ([„Festung der Nacht“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=800 Knaur TB 70281 und „Zitadelle der Stürme“, Knaur TB 70282), ist ein weiterer Minuspunkt. Trotz der Verlagstorpedos hält sich der Roman jedoch glänzend über Wasser.

Der Umschlag wurde im Stil japanischer Mangas gestaltet und wartet mit gelungenen Motiven auf. Ein kurzer Überblick am Anfang des Buchs vermittelt das nötige Vorwissen aus dem ersten Band des Kaltfeuer-Zyklus.

Obwohl die Magie und die Landschaften im Roman faszinierend sind, machen vor allem die Figuren den Reiz aus. Sie sind wunderbar ausgearbeitet, und ihre Beziehung zueinander sorgt für viel Konfliktpotenzial. An erster Stelle steht hier Gerald Tarrant, der Täter und Opfer zugleich ist. Er ist eine bösartige Kreatur, abstoßend und anziehend zugleich. Sein Wiederpart ist Damien Vryce, dessen Macht jedoch begrenzt ist und der des Öfteren unter Eifersucht leidet. Auch Senzei ist eine packende Figur, der ihre eigene Gier zum Verhängnis wird. Nur Ciani verblasst ein wenig, was aber an der Teilung des Originalromans liegt. Immerhin wurden die Charaktere in „Festung der Nacht“ eingebracht und skizziert. In „Zitadelle der Stürme“ fehlt entsprechend eine Charaktereinführung. Das wird jedoch durch die hervorragende Charakterentwicklung ausgeglichen.

Celia S. Friedman weiß zu schreiben und besitzt einen bildhaften Stil. Ihre Geschichte ist spannend und wartet mit überraschenden Wendungen auf, die Friedmans Leser in Atem halten. Dazu gibt es eine ordentliche Portion Blut, Gewalt und Action. Hier verbindet sich feinsinnige Unterhaltung mit rasanter Dramaturgie. Eine gelungene Sache, die auf der ganzen Linie überzeugt.

„Zitadelle der Stürme“ ist ein gelungener Roman, der flüssig geschrieben und zügig zu lesen ist. Helden mit Ecken und Kanten, faszinierende Kreaturen, lebensfeindliche Landschaften und eine spannende Geschichte – Fantasy vom Feinsten und eine gute Empfehlung.

|Originaltitel: Black Sun Rising (1991)
Übersetzung: Ronald M. Hahn|

_Günther Lietz_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Daschkowa, Polina – Für Nikita

Von den derzeit so erfolgreichen russischen Krimiautoren schreibt Polina Daschkowa wohl am überzeugendsten und spannendsten über das „real existierende“ Verbrechen im postsowjetischen Russland. Mit ihrem neuesten Roman „Für Nikita“ beweist sie zudem, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann und wie schnell man von ihnen getäuscht wird. Der ganze Roman besteht schließlich aus mehr oder minder geschickt geplanten und ausgeführten Täuschungsmanövern, in deren Mittelpunkt der berühmte Kriminalautor Viktor Godunow alias Nikita Rakitin steht.

Dessen ehemaliger Freund, der zukünftige Gouverneur eines sibirischen Bezirks, Grigori Russow, beauftragt ihn mit der Abfassung seiner Biographie. Doch die beiden verbindet nicht nur eine Freund-, sondern auch eine Nebenbuhlerschaft. Russows Frau Nika war nämlich Nikitas erste und einzige große Liebe, die lange Zeit auf Gegenseitigkeit beruhte. Eine belastete Vergangenheit also, unter der jeder der beiden noch immer leidet. Russow, weil seine Ehefrau den Schriftsteller nie ganz vergessen konnte, und Nikita, weil er Nikas Verlust durch sein egomanisches Verhalten verschuldet hatte und dies noch immer bereut.

Das bis aufs Äußerste gespannte Verhältnis reißt in dem Moment, als Nikita bei seinen Recherchen nicht nur auf die Ruhmestaten, sondern auch auf die Schandtaten seines Auftraggebers stößt. Der sibirische Gouverneur ist skrupellos genug, um Nikita dafür „von finsteren Gesichtern“ töten zu lassen. Nikita soll bei einem inszenierten Wohnungsbrand ums Leben kommen und sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. So identifiziert schließlich eine sehr gute Freundin die total verbrannte Leiche Nikitas an einer Halskette. Nun erst treten aus den unterschiedlichsten Winkeln und Gründen die eigentlichen Totengräber aus dem Schatten der Vergangenheit. Doch dieses Mal sind es die Totengräber des Provinzpolitikers, der sich einen ehemaligen Schulkameraden, die organisierte Kriminalität und am Schluss sogar seine Frau zum Feind macht. Und der Schleier über seine menschenverachtenden Geschäfte beginnt sich dank Daschkowas genialer Dramaturgie nur langsam zu lüften.

Fast keiner ihrer Figuren, egal ob Täter oder Opfer, gewinnt sie nur positive oder nur negative Seiten ab. Und genau das macht ihre Figuren so lebensnah und glaubwürdig in ihrem Handeln und Denken, das auf gesellschaftlich desaströsen Verhältnissen beruht. Diese sozialen und psychologischen Mechanismen weiß Polina Daschkowa ebenso eindringlich zu schildern wie Einzelheiten über den Einfluss krimineller Sektenführer auf die Politik und den perfekt ausgeführten Auftragsmord.

Wollen wir hoffen, dass Frau Daschkowa als Journalistin und Kriminalschriftstellerin nicht ähnlich realen Verbrechen auf der Spur ist wie ihr alter ego Viktor Godunow alias Nikita Rakitin. Denn wie eng erzählerische Phantasie und brutale Wirklichkeit miteinander zusammenhängen, hat sie uns mit diesem Roman abermals eindrücklich gezeigt.

|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Baldacci, David – Im Bruchteil der Sekunde

„Sean King ist Agent des Secret Service und soll einen Präsidentschaftskandidaten schützen. Doch im entscheidenden Moment versagt er. Sein Schützling wird vor seinen Augen erschossen. – Acht Jahre später: Die junge Agentin Michelle Maxwell in ihrem ersten großen Einsatz. Auch ihr Auftrag ist der Schutz eines Kandidaten. Auch sie lässt sich täuschen. Doch sie sieht noch eine Chance – Sean King. Denn solche Dinge geschehen nicht zweimal. Nicht aus Zufall!“ (Verlagsinfo)

|Der Autor|

David Baldacci ist der Verfasser u. a. von „Der Präsident“, das Clint Eastwood unter dem Titel „Absolute Power“ verfilmt hat. Der frühere Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist lebt in Virginia, USA, in der Nähe von Washington, D.C. Weitere Baldacci-Hörfassungen bei |Lübbe|: „Das Labyrinth“, „Der Abgrund“, „Die Versuchung“, „Das Versprechen“, „Die Verschwörung“ und „Die Wahrheit“, „Das Geschenk“.

|Die Sprecherin|

Franziska Pigulla, die deutsche Stimme von Akte-X-Star Gillian Anderson („Scully“) und Demi Moore, hat bereits u. a. mit Joachim Kerzel Ken Folletts Hörbuch „Die Leopardin“ und Stephen Kings „Das Mädchen“ gesprochen. Während ihrer Schauspielausbildung in Berlin trat sie als Sprecherin im Hörfunk hervor. Inzwischen ist sie auch bei der Wissenschaftssendung „Galileo“ regelmäßig als Kommentatorin der Berichte zu hören.

Ihre Tonaufnahme ist von erstaunlicher Präsenz und sehr klar. Sie verfügt über ein beeindruckendes Gespür für Dramatik: Ganz gleich, ob sie sanft und weich Liebeserklärungen haucht, mit knurrendem Grollen droht oder mit größter Lautstärke Befehle oder Flüche brüllt – stets kommt sie völlig glaubwürdig und lebendig herüber.

Die Hörbuchfassung wurde von Dr. Arno Hoven gekürzt und redigiert.

_Handlung_

26. September 1996: Sean King, Agent des Secret Service, ist mal wieder für den Personenschutz eingeteilt. Diesmal ist es seine Aufgabe, den Präsidentschaftskandidaten Clyde Ritter vor möglichen Anschlägen zu schützen. Deshalb hält er sich mit seinem Team stets in unmittelbarer Nähe seines Schutzbefohlenen auf.

Dennoch lenkt ihn für wenige Sekunden ein bestimmter Anblick ab. Es muss ein ziemlich bemerkenswerter Anblick sein, vielleicht auch ein Geräusch – in seiner Erinnerung ist das inzwischen alles miteinander verschmolzen. Doch wir erfahren perfiderweise lange Zeit nicht, was es eigentlich ist.

Ein Knall ertönt, sein Mittelfinger wird weggeschossen, Clyde Ritter stürzt, ins Herz getroffen, Panik bricht unter den jubelnden Anhängern im Saal des |Fairmount Hotel| aus. Der Todesschütze steht Sean King hilflos, irgendwie überrascht gegenüber, und King hat keine andere Wahl, als den Mann mit einem gezielten Schuss ins Jenseits zu befördern. In diesem Moment stirbt auch in Sean King etwas. Er hat versagt, im entscheidenden Augenblick.

Acht Jahre später findet in Virginia eine ganz andere Szene statt, die zu einem ähnlichen Ausgang führt. Wieder ist ein Mitglied des Secret Service involviert: Michelle Maxwell, eine attraktive Frau Anfang dreißig, leitet den Einsatz, um den Besuch des Präsidentschaftskandidaten John Bruno bei der Bestattung seines Freundes Bill Martin zu sichern. Der sozialdarwinistisch eingestellte Anwalt und ehemalige Fernsehprediger hat viele Feinde.

Es geht ihr daher mächtig gegen den Strich, dass er die Leichenhalle ganz allein besuchen möchte, um mit der Witwe ein privates Gespräch zu führen. Nach einer gründlichen Durchsuchung der Leichenhalle gibt Michelle widerwillig ihr Okay. Als die Minuten verstreichen, ohne dass Bruno wieder auftaucht, wird Michelle sehr nervös. Als sie den Saal betritt, liegt Bruno tot auf dem Boden, wie es scheint, und von der Witwe findet sich keine Spur. Auch mit dem Sarg scheint etwas nicht zu stimmen …

Wenig später erhält Sean Kings Anwaltskanzlei in Rydesburg, Virginia, ungebetenen Besuch. Doch da sich King auf seinem allwöchentlichen Einsatz als Hilfspolizist befindet, bekommt er nichts davon mit. Erst als King, der morgens im TV von dem Zwischenfall mit John Bruno erfahren hat, seine Kanzlei betritt, bemerkt er den Toten: Howard Jennings arbeitete für ihn. Doch was King nicht hätte wissen sollen, aber ahnte, macht die Sache brisant: Jennings war im Zeugenschutzprogramm des FBI. Wer also hat seinen Aufenthaltsort verraten? For Deputy Marshal Parks ist der Fall klar: King muss darin verwickelt sein.

Wenig später erfährt Michelle von dem Mord an Jennings und findet, dass die Sache sehr merkwürdig ist. Ihr fallen die Parallelen zwischen dem Mord an Clyde Ritter und dem Anschlag auf John Bruno auf. Obwohl sie von ihrem wütenden Chef Bishop beurlaubt worden ist, stellt sie auf eigene Faust Ermittlungen an. Als sie das Überwachungsvideo von dem Mord an Ritter sieht, fällt ihr auf, dass Agent King seinerzeit durch ein seltsames Geräusch abgelenkt worden war: ein PING, wie man es von einer sich öffnenden Fahrstuhltür kennt. Wer kam damals aus dem Fahrstuhl?

Sie beschließt, sich an King zu wenden, um mit ihm die beiden möglicherweise zusammenhängenden Anschläge aufzuklären und ihrer beider Namen reinzuwaschen sowie die Verbrechen aufzuklären. Unterdessen hat King alle Hände voll zu tun, die amourösen Annäherungsversuche seiner füheren Kollegin Joan Dillinger abzuwehren. Sie legt sich doch tatsächlich halb entkleidet auf seinen Frühstückstisch …

_Mein Eindruck_

Wie schon „Der Abgrund“ ist auch „Im Bruchteil der Sekunde“ ein Thriller über die Leute, die sich von Amts wegen um den Schutz von wichtigen Leuten oder um deren Befreiung kümmern. In „Der Abgrund“ war es der Angehörige eines Geiselbefreiungsteams des FBI, in „Sekunde“ sind es zwei Secret-Service-Agenten, die von Unbekannten als unfähig bloßgestellt werden. Und wie Michelle Maxwell richtig erkannt hat, gibt es mehrere Verbindungen zwischen den Fällen Clyde Ritter, Howard Jennings und John Bruno. Wie sich der erfahrene Leser leicht zusammenreimen kann, steckt eine groß angelegte Verschwörung dahinter. Deren Zweck ist ziemlich eindeutig: Vergeltung. Doch wofür?

Eine der Schlüsselfiguren ist der Mann, der Clyde Ritter erschoss. Der College-Professor Arnold Ramsey war Politologe an einem unbedeutenden College in der Provinz, dabei hatte er einen guten Uni-Berkeley-Abschluss. Wie sich nach längeren Nachforschungen zeigt, war Ramsey politisch engagiert und demonstrierte 1974 in Washington, D.C., gegen Nixon (der Vietnamkrieg endete 1973, aber Nixon stürzte über die Watergate-Affäre). Und in dieser Zeit, die 30 Jahre zurückliegt, befindet sich der Schlüssel zu der Verschwörung. Da sind sich Sean King und Michelle Maxwell zunehmend sicher.

|Im Labyrinth der Verschwörer|

Bis aber der Drahtzieher gefunden ist, vergehen schier unendlich lange Kapitel, in denen sich ein rätselhafter Zwischenfall an den nächsten reiht, so dass es den beiden Berufskollegen schwer fällt, zwischenmenschliche Gefühle zueinander aufzubauen. Ständig werden sie schikaniert, eingeschüchtert, verfolgt, überwacht, entführt, wieder befreit, so dass sich der Hörer allmählich fragt, wohin das alles denn führen soll.

Dieser Zickzackkurs dient dazu, zahlreiche Spuren aufzudecken und Zusammenhänge herzustellen. Die Verschwörung ist – allein schon wegen des 30 Jahre umfassenden Zeitraums – derartig gut versteckt, dass erst nach langen Ermittlungen für King feststeht, wer dahinter stecken muss. Und natürlich werden King und Maxwell auf falsche Fährten gelockt und von falschen Identitäten getäuscht – der reinste Informationsdschungel. Wenn man lange genug nachgraben würde, könnte man vermutlich den einen oder anderen Logikfehler zutage fördern. Dieses unterschwellige Gefühl der Unsicherheit, ob das alles so hinhaut, trug ebenfalls zu meinem Frust bei.

|Es ist immer was los|

King wundert sich mehrmals, warum man ihn noch nicht verhaftet hat – wir auch. Schließlich hat er einen Toten in seinem Büro und die vermisste Tatwaffe von Arnold Ramsey seit neuestem in seiner Verwahrung. Nun, wenigstens wird sein Haus abgefackelt und er selbst hurtig von Finsterlingen entführt. Das ist doch schon mal was. Es ist immer was los.

Auch das Finale ist nicht von schlechten Eltern. Der Schurke inszeniert jenen verhängnisvollen 26. September 1996 noch einmal. Nur setzt dieser „begnadete“ Regisseur diesmal eine etwas andere und reichlich bunt zusammengewürfelte Truppe ein, um Sean King sein damaliges Versagen mit absolut tödlicher Konsequenz deutlich zu machen. Es ist eine Exekution von höchster Raffinesse.

|Ein langer Weg zum Ziel|

„It’s a long road to Tipperary“, sangen die irischen Soldaten, wenn sie aus einem der vielen Kolonialkriege ihrer englischen Eroberer nach Hause trotteten. Die irische Stadt liegt auf einem lange sacht ansteigenden Hügel, und man braucht zu Fuß fast eine Ewigkeit, um den Gipfel zu erreichen.

So ähnlich erging es mir mit diesem Hörbuch. Selbst noch in der gekürzten Fassung wollten die undurchsichtigen Verwircklungen, in denen sich Michelle und King gefangen sehen, kaum ein Ende nehmen. (Ich behielt den Überblick für die obige Zusammenfassung nur durch meine Notizen, die ich mir standardmäßig bei einem Hörbuch mache.)

Schließlich war ich froh, dass das Finale mit einer gehörigen Portion Action zu den entsprechenden Entscheidungen führte, wer überlebt und wer nicht. Ich verrate natürlich nicht, ob die Guten davonkommen oder nicht und welcher der Bösewichte ins Gras beißen muss. Aber es ist interessant, wie der Autor seine Entscheidungen verteilt hat, wenn er Schicksal spielt.

_Die Sprecherin_

Franziska Pigulla, die Synchronstimme von Gillian Anderson, verleiht den Figuren eine ziemlich unverwechselbare Charakteristik. Sie lassen sich relativ leicht auseinanderhalten. Das ist bei einer so großen Riege von Figuren auch dringend notwendig. Am besten gelingen ihr Frauen, die ein wenig vom Durchschnitt abweichen, so etwa die alte Gin-Säuferin Millie Martin (hat sie ihren Mann umgebracht oder nicht?) und die scheinbar einfache Putzfrau Loretta Baldwin, die sich nebenberuflich als Erpresserin betätigt. Jedenfalls bis zu ihrem vorzeitigen Ableben.

Pigulla erhält Gelegenheit, ihren gesamten Stimmumfang einzusetzen, und das schließt auch die Lautstärke mit ein. Gerade beim Showdown im Hotelsaal wird ordentlich geschrien, und wenn’s bloß „In Deckung!“ ist. Den Lärm der Schüsse – so eine .357er verursacht in der Realität (im Film nie!) ein irres Getöse – muss man sich dazudenken. Auch das Tempo wird von der Sprecherin feinfühlig reguliert, mal schnell bei Action, mal langsam bei einem intensiven zwischenmenschlichen Kontakt.

Es ist immer schön festzustellen, dass ein Sprecher seinen Vortrag geübt hat. Man kann zwar mit Recht annehmen, dass Versprecher und Patzer an der Tagesordnung sind und sofort rausgeschnitten werden, aber das ist nur die halbe Miete. Wenn die Betonung eines Satzes nicht hinhaut – war das jetzt eine Frage oder eine Feststellung? – oder eine Satzeinheit nicht richtig betont wird, so verunsichert das den Hörer. Und zusätzlich zu der Komplexität der Handlung erhöht dies nur den Frust. Das verhindert Pigulla durch ihren erstklassigen Vortrag.

_Unterm Strich_

Ich fand das erste Drittel recht spannend, das actionreiche Finale steigerte diese Spannung und belohnte das lange Warten. Doch in der Mitte muss der Hörer eine lange Durststrecke überwinden. Es ist zwar, wie gesagt, immer was los, auch Verschnaufpausen verleihen der Handlung einen gewissen Rhythmus. Doch was so viel Mühe bereitet, ist die Vielzahl an Spuren, welche die beiden Hauptfiguren abklappern müssen, um der Verschwörung auf den Grund zu gehen. Gut, wenn man sich Notizen macht, um den Überblick zu behalten.

Humor habe ich meistens vergeblich gesucht, und es ist einigermaßen bemerkenswert, dass vor allem die Frauen dafür zuständig sind. Sean King als gebrochener Charakter ist eh nicht so der Wonneproppen, und die Frauen kümmern sich der Reihe nach liebevoll um den geknickten Kämpen. Man könnte glatt den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen. Sean King zumindest fällt dies äußerst schwer. Offenbar hat die Verschwörung auf ihn abgefärbt und er sieht hinter jeder liebevollen Geste einen versteckten Anschlag. Selbst Joan Dillinger auf dem Präsentierteller kann ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Recht hat der Mann. Vielleicht einmal zu oft.

Franziska Pigulla hat mich wieder einmal von ihren Sprecherfähigkeiten überzeugt. Sie haucht der Handlung und den Figuren Leben ein, kann allerdings nur wenig gegen die strukturellen Schwächen der Story ausrichten. Es bleibt ein Verschwörungsthriller nach Schema F. Der Preis dürfte deshalb auch nicht höher sein.

|Umfang: 468 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Split Second, 2003
Aus dem US-Englischen von Till R. Lohmeyer und Christel Rost.
Autorenhomepage: http://www.david-baldacci.com/ |

Folsom, Allan – Des Teufels Kardinal

Harry Addison, erfolgreicher Anwalt der Hollywood-Stars, kann es kaum fassen, als er auf seinem Anrufbeantworter die Stimme seines Bruders hört. Er hat mit Pater Daniel Addison, der als Geistlicher in Italien Karriere gemacht hat und im Vatikan als Privatsekretär des Kardinals Marsciano in unmittelbarer Nähe des Papstes arbeitet, seit acht Jahren kein Wort mehr gesprochen. Nun fleht ihn Daniel um Hilfe an, ohne jedoch darauf einzugehen, wer oder was ihn bedroht. Kurze Zeit später ist er tot – umgekommen bei einem Anschlag auf den Reisebus, der ihn in den alten Wallfahrtsort Assisi bringen sollte.

Harry reist nach Italien, um die Leiche seines Bruders in die USA zu überführen. Er wird von der Polizei empfangen, die ihn mit der ungeheuerlichen Nachricht konfrontiert, Daniel sei ein Terrorist und Mörder gewesen und verantwortlich für das einige Wochen zuvor verübte Attentat auf den Kardinalvikar von Rom. Diese Anschuldigung weist Harry vehement zurück, auch als man ihm Beweise für die Schuld seines Bruders vorlegt. Als Harry diesen identifizieren will, stellt er fest, dass im Sarg die Leiche eines Fremden liegt. Die versteckte Warnung Kardinal Marscianos, die Sache auf sich beruhen zu lassen, ignoriert er. Kurz darauf wird Harry entführt, gefoltert und nach dem Verbleib Daniels befragt. Als sich sein Unwissen herausstellt, schießen die Kidnapper auf ihn und lassen ihn als tot liegen. Der Polizei werden gefälschte „Beweise“ zugespielt, die Harry wie seinen Bruder als gefährlichen Terroristen bloßstellen.

Hinter dem Komplott steckt ein Vertrauter des Papstes: Der größenwahnsinnige Kardinal Palestrina ist ein Mann mit der Vision, das Heilige Römische Reich neu zu gründen und die Katholische Kirche zum geistigen Führer der gesamten Menschheit zu erheben. Dafür ist ihm jedes Mittel Recht – auch Mord und Terror. Der Kardinalvikar von Rom ist sein erbitterter Gegner gewesen. Ihn hat Palestrina durch seinen fähigsten „Mitarbeiter“, den Terroristen und Killer Thomas Klein, aus dem Weg räumen lassen. Klein ist es auch, der gemäß Palestrinas Weisung Daniel Addison ausschalten soll. Tief im Herzen des Vatikans treffen diese und andere überraschende und überraschte Beteiligte aufeinander, und nicht alle werden dies überleben …

Ein Kirchenfürst, der sich für die Inkarnation Alexanders des Großen hält (!) und das gottlos-kommunistische China missionieren will (!!), um auf diesem Wege ein neues christliches Weltreich zu schaffen (!!!) – bereits dieser kurze Abriss macht deutlich, dass es sich bei „Des Teufels Kardinal“ (ein mattes Wortspielchen; der Originaltitel – „Tag der Beichte“ oder „Tag der Abrechnung“ ist allerdings auch nicht geistreicher) um einen jener Hochgeschwindigkeits-Thriller handelt, die auf der Piste der Glaubwürdigkeit durch geringe Bodenhaftung auffallen.

Dabei muss man Allan Folsom zugute halten, dass er sich dieses Mal deutlich zurückgehalten hat. In „Übermorgen“, seinem Erstling, ging es darum, den tiefgefrorenen Schädel Adolf Hitlers auf einen eigens herangezüchteten „Gastkörper“ zu pflanzen, auf dass der auf diese Weise wiedergeborene „Führer“ anschließend ein „Viertes Reich“ gründe. Allerdings stellt Folsom auch in seinem Vatikan-Thriller die Toleranz seiner Leser auf manche harte Probe. Wie weit könnte es beispielsweise ein Mann auf seinem Weg zum Herrscher der Welt mit dem Plan bringen, Gift in die Trinkwasser-Reservoirs Chinas zu leiten, um sich von der Zentralregierung in Peking als Retter in der Not rufen zu lassen und dann die Staatsgeschäfte zu übernehmen? Folsom selbst bringt die Absurdität dieses Vorhabens (unfreiwillig) auf den Punkt, als er seinen bösen Kardinal Palestrino ausrufen lässt: „Herrsche über Chinas Wasservorräte, dann beherrschst du China.“ (S. 179)

Eine unrealistische Ausgangsidee sagt noch nichts über den Unterhaltungswert eines Romans aus; wäre dem so, gäbe es keine Science-Fiction, keine Fantasy, keinen James Bond, überhaupt keine fantastische Literatur. Als solche muss man Folsoms Räuberpistole letztlich werten: „Des Teufels Kardinal“ ist ein Hightech-Horror-Thriller und darüber hinaus ein typischer „Pageturner“, ein auf Spannung und Tempo getrimmtes Produkt der modernen Unterhaltungs-Industrie, das bereits eine zukünftige Verfilmung berücksichtigt: Die mehr als 160 (!) Kapitel geben die Szenenfolge eines Kinofilms deutlich vor, und die Figuren (der amerikanische Held, auf sich gestellt im fremden = gefährlichen Land; die schöne Nonne, die ihm zu Hilfe eilt; der scheinbar übermächtige Finsterling und sein verrückter Helfershelfer; der bizarre Zwerg aus dem Untergrund etc.) entsprechen exakt jenem Personal, das in einem modernen Mainstream-Hollywood-Thriller der oberen Preisklasse besetzt wird.

Es ist schwer zu entscheiden, wie ernst Autor Folsom seine Geschichte eigentlich nimmt; er erzählt sie ohne jeden Anflug von Ironie. Immerhin nimmt er seine Leser ernst. Die knallige Handlung spielt vor einem gut gewählten und recherchierten Hintergrund. Der Vatikan als Kulisse für einen Thriller ist zwar keine neue, aber eine gute Idee. („Des Teufels Kardinal“ erfährt seine Neuauflage zweifellos, um das Heer der Dan-Brown/“Illuminati“-Fans zu locken) Eine Institution wie die (katholische) Kirche, die seit 2000 Jahren existiert, muss zwangsläufig zahlreiche dunkle Flecken auf der nach außen strahlend weißen Weste tragen. Kirchenleute sind auch nur Menschen – und beileibe nicht automatisch die Besseren!

Darüber hinaus ist der Vatikan ein faszinierendes, weil in der heutigen Zeit exotisches und anachronistisches Gebilde: ein unabhängiger Staat im Staate (Italien), der nicht von einer gewählten Regierung, sondern von der Kirche nach eigenen Gesetzen und Regeln, die sich von Außenstehenden oft schwer nachvollziehen lassen, geführt wird. Das Gelände selbst, ein auf den ersten (und zweiten) Blick unüberschaubares Gewirr von Jahrhunderte alten Kirchen, Palästen, Archiven, Höfen, Gängen etc. (auf dem Vorsatz- bzw. Nachsatzblatt ist freundlicherweise eine Karte abgebildet) bietet sich natürlich als Schlupfwinkel für allerlei zwielichtige Gestalten und ihre üblen Taten geradezu an.

Aber keine Angst – Folsom verliert keine Zeit damit, die (kirchen-)historische Sonderstellung des Vatikans in seinem Roman zu erörtern. Die oft ausführlichen Ortsbeschreibungen dienen immer nur als Treibriemen für den auf Hochtouren laufenden Motor der Geschichte. Die letzten beiden Drittel von „Des Teufels Kardinal“ sind eine reine Verfolgungsjagd (mit einigen Längen übrigens), ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den gejagten Brüdern, ihren zahlreichen Verfolgern und der Polizei, die im obligatorischen explosiven Finale mündet. So ist „Des Teufels Kardinal“ ein höchst konventioneller Thriller und keineswegs ein Füllhorn überraschender Einfälle, wie der Klappentext vollmundig behauptet, aber schwungvoll geschrieben und gut geeignet, ein paar Mußestunden zu füllen.

Friedmann, Celia S. – Festung der Nacht (Kaltfeuer 1)

Als die Menschen im Weltraum eine neue Heimat fanden, ahnten sie nichts von den Schrecken, die dort lauerten. Allein durch Gedanken konnte man seine Umwelt verändern. Durch die im Unterbewusstsein verankerten Ängste schufen die Menschen jedoch Dämonen und Monster, führten ihren eigenen Untergang herbei. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Die einstige Kolonie wurde sich selbst überlassen und fiel auf einen pseudomittelalterlichen Stand zurück. Die Menschen haben gelernt, mit der Macht umzugehen, die sie umgibt. Dämonen und Adepten sind real. Der magieverdammende Klerus einer Erweckerkirche, ein uralter Dämon, Inquisitoren und Gelehrte, sie alle bevölkern diese magische Welt, die so gefährlich ist.

Der hochrangige Priester Damien reist durchs Land, um seiner Kirche neue Wege zu eröffnen. Er selbst vermag das |Fae|, die alles umgebende magische Kraft, zu manipulieren. Obwohl er darin einiges Talent besitzt, übertrifft ihn die hübsche Ciani bei weitem. Ciani mag wohl jung aussehen, doch tatsächlich ist sie viel älter als Damien, der sich in die Adeptin verliebt. Ciani besitzt viel Wissen und arbeitet mit Senzei zusammen, einem alten Gelehrten. Als Cianis Magie von schrecklichen Kreaturen ausgelöscht wird, schließt sich das Trio zusammen, um Cianis Leben zu retten. Denn als man ihr das Fae nahm, nahm der Feind auch ihren Lebenswillen.

Gemeinsam wollen Damien, Ciani und Senzei den Schleier durchdringen. Dabei handelt es sich um eine magische Barriere, die ein Urvolk vor den Menschen schützt. Die Reise ist gefährlich und der Vampir Gerald schließt sich den Freunden an. Der Dämon ist von einem schrecklichen Geheimnis umgeben, das Damien, Ciani und Senzei langsam lüften …

Obwohl das Buch mit 406 Seiten ein wenig schmal wirkt, steckt es voller fantastischer Inhalte, die dem Leser den Atem rauben. Wo andere Autoren leicht das doppelte Volumen mit nichts sagenden Trivialitäten füllen, benötigt Celia S. Friedman weniger Platz für mehr sinnvolle Handlung. Jede Seite überzeugt durch einen angenehmen und flüssigen Stil, der ohne Lückenfüller oder Belanglosigkeiten auskommt. Die Autorin schreibt pointiert und steuert gezielt auf den Höhepunkt des Romans zu.

Eine der Stärken des Romans, der den Fantasy-Zyklus |Kaltfeuer| einläutet, ist die fantastische Welt, in der die Handlung spielt. Detailliert und dennoch verspielt erweckt Friedman Flora und Fauna zum Leben. Zugegeben, die ersten Seiten sind etwas verwirrend. Doch mit jedem Satz enthüllen sich die Feinheiten der Umwelt, begreift der Leser mehr von den Zusammenhängen. Celia S. Friedman setzt auf Subtilität, vermeidet Beschreibungen, die mit dem Holzhammer rausgeprügelt werden. Hier macht das Lesen und Entdecken großen Spaß.

Gleiches gilt für die tiefgründigen Figuren, die sehr authentisch wirken und griffig rüberkommen. Damien ist ein Wegbereiter, der das Fae zu manipulieren vermag und dadurch eigentlich gegen die Anordnungen seiner Kirche verstößt. Doch die Kirche muss neue Wege gehen, will sie den Kampf gegen die Dämonen gewinnen. Große Säuberungen und Kreuzzüge in der Vergangenheit haben dem Klerus mehr geschadet als genutzt. Dadurch wirkt Damien wie die letzte Hoffnung der Menschheit.

Ciani ist ein wenig anders gestrickt. Sie besitzt eine große Lebenserfahrung, kennt die Höhen und Tiefen ihrer Vergangenheit. Sie ist frei und unbeschwert, vermag das Fae mit Leichtigkeit zu manipulieren. Das alles ändert sich erst, als sie überfallen wird. Nur Senzeis Eingreifen retten Cianis Leben. Hier wird deutlich, dass die Figuren untereinander feste Freundschaften pflegen, die selbst über den Tod hinausreichen. Sie alle riskieren ihr Leben, um dem anderen zu helfen. Dieser Zusammenhalt des Trios ist ergreifend und berührt den Leser. Die Sehnsucht nach fester Freundschaft wird hier gestillt und bindet Emotionen.

Doch wo Licht, da auch Schatten. Die Düsternis des Romans beruht zum Teil auf der Welt selbst, doch auch auf dem Vampir Gerald, den ein düsteres Geheimnis umgibt. Damien traut dem Dämonen nicht, doch sie alle sind auf den Mann angewiesen. Im Verlauf der Handlung wird seine wahre Identität immer weiter aufgedeckt. Hier fordert Friedman auch die grauen Zellen ihrer Leserschaft, bedingt durch die gelungene Einleitung des Romans. Der Prolog zeigt bereits die Klarheit, mit der die Autorin vorgeht. Da richten sich schon die Nackenhärchen auf und rieselt uns ein kalter Schauer über den Rücken. Hier werden Erwartungen geschürt, die tatsächlich erfüllt werden.

Der Roman beginnt stark, steigert sich bis zum Höhepunkt und macht dann Lust auf mehr. „Festung der Nacht“ ist ein gelungener Einstieg in den Kaltfeuer-Zyklus und – auch für sich allein gelesen – ein tolles Stück Fantasy.

|Originaltitel: Black Sun Rising (1991)
Übersetzung: Ronald M. Hahn|

_Günther Lietz_ © 2004
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Stanislaw Lem – Die lymphatersche Formel

„Die lymphatersche Formel“ behandelt ein Thema, das seit E. A. Poe und Meyrinks „Der Golem“ zu großen Visionen in Literatur und Film geführt hat: den Wahnsinn eines genialen Wissenschaftlers, der fatale Konsequenzen hat.

Der Autor

Stanislaw Lem, geboren am 12. September 1921 in Lwòw, dem galizischen Lemberg, lebt heute in Krakow. Er studierte Medizin und war nach dem Staatsexamen als Assistent für Probleme der angewandten Psychologie tätig. Privat beschäftigte er sich mit Problemen der Kybernetik, der Mathematik und übersetzte wissenschaftliche Publikationen. 1985 wurde Lem mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und 1987 mit dem Literaturpreis der Alfred Jurzykowski Foundation. Am bekanntesten wurde er für die literarische Vorlage für zwei Filme: „Solaris“, das 1961 veröffentlicht wurde.

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Child, Lee – In letzter Sekunde

Jack Reacher hat es auf seiner unsteten Wanderschaft durch die Vereinigten Staaten ins wüstenheiße Westtexas verschlagen. Dem Streit mit einem rauflustigen, aber im Zweikampf glücklosen Kleinstadt-Cop verdankt der Ex-Militärpolizist die Bekanntschaft der schönen Carmen Greer, die ihn in ihrem Wagen aufliest und aus der Schusslinie bringt.

Dort er gerät wie so oft vom Regen in die Traufe: Die junge Frau ist auf der verzweifelten Suche nach einem Killer, der sie von ihrem gewalttätigen Gatten befreit. Die Greers sind ein Clan texanischer Ölbarone, wie er im schlechten Buche steht. Sloop, der bewusste Gatte, hat genug von seiner geprügelten, gedemütigten Frau, will sie loswerden und ihr die gemeinsame Tochter rauben – dies um so mehr, als Carmen ihn vor anderthalb Jahren ans Finanzamt verpfiff und ins Gefängnis brachte. Über seine degenerierte Familie lässt er Carmen samt Tochter in Echo gefangen halten bis zum Tag seiner Freilassung. Der steht nun bevor und dann wird Sloop sich rächen.

Reacher ist kein Mörder, helfen will er aber trotzdem. So begleitet er Carmen auf die Greer-Ranch und ins einsame Städtchen Echo, das den Greers mit Mann und Maus praktisch gehört. Alle warten auf den Moment, da Sloop erscheinen wird – die in unheiliger Vorfreude schwelgenden Greers, die verängstigte Carmen und ihre Tochter, der abwartende Reacher – und ein Trio mysteriöser Killer, die es offenbar auf den auch sonst im Umgang mit dem Geld seiner Geschäftsfreunde notorisch laxen Sloop abgesehen haben – oder hat Sloop selbst sie angeheuert, um es denen heimzuzahlen, die ihn an das Finanzamt verrieten?

Reacher verliert den Überblick, als sich die Ereignisse zu überstürzen beginnen. Carmen erweist sich als Mörderin und Lügnerin, Sloop womöglich nicht als der Unmensch, als der er hingestellt wurde. Die Killer belagern die Ranch; auf ihrer Todesliste steht inzwischen auch Reacher. Doch der lockt sie in die Wüsteneinsamkeit – und dann beginnt Echo wahrlich zu brennen …

Jack-Reacher-Romane sind Unterhaltungs-Literatur reinsten Wassers – sie werden von ihrem Verfasser fabriziert wie Möbelstücke. Jedes Jahr wird einer pünktlich fertig: solide Ware, ohne Schnickschnack, gern gelesen und treu neu gekauft. Das hat seine Gründe, Reacher-Thriller sind wirklich gut. Kein Wunder, denn Lee Child hat die Gesetze des Genres genau studiert und hält sich nun daran. Geradlinig und schnell müssen seine Geschichten sein, die Handlungsstränge sind arm an Zahl und Verwicklungen, Originalität oder Anspruchsdenken stören nie den Ablauf. Eines Besseren sei dabei belehrt, für den sich das negativ anhört. Wie die vier Vorgängerbände ist „In letzter Sekunde“ ein atemloser Action-Lesespaß.

Ein harter Mann, eine schöne Frau, eine von Schuften bevölkerte Wüstenstadt, die zusätzlich von Verbrechern bedroht wird – eine sehr klassische Konstellation, die schon manchen Western zuverlässig bis zum großen Final-Showdown gebracht hat. Die Story von „In letzter Sekunde“ ist also wohl bekannt, die Figuren sind es auch, Child gibt gar nicht vor, das Rad neu erfinden zu wollen. Stattdessen erzählt er einfach seine Geschichte.

Hier und da vorkommende Übertreibungen und allzu plakative Bilder – die Greer Ranch ist von den Grundmauern bis zum Dachfirst höllenrot gestrichen – verzeiht man dem Verfasser bzw. wertet sie großzügig als Reminiszenz an große Vorbilder; hat nicht schon Clint Eastwood in „High Plains Drifter“ (1973, dt. „Ein Fremder ohne Namen“) eine ganze Stadt rot anstreichen lassen, um deren Verkommenheit zu brandmarken?

Und dass Child Texas als Hort grenzdebiler Rassisten, korrupter Sheriffs, heruntergekommener Cowboys und absolutistischer Wüstenkönige schildert, muss er selbst mit den Einheimischen ausmachen … Als Kulisse funktioniert diese Provinzhölle jedenfalls gut. Sie erfüllt zudem den perfiden Zweck, die Leser in falscher Sicherheit zu wiegen. Als sie schon glauben, die Figuren zu kennen, sorgt Child für Spannung durch Unsicherheit, indem er Gute und Böse die Rollen tauschen lässt bzw. die Trennung zwischen ihnen aufhebt. Trauen können wir nur Reacher, denn der wird Tarnungen und Täuschungen garantiert und rabiat auf- und in die Luft fliegen lassen.

Reacher = Ritter. Auf diese Formel lässt sich die ohnehin karge Persönlichkeit unseres Reisenden reduzieren. Wenn er nicht gerade den Entrechteten und Hilflosen zur Seite springt, vertreibt er sich die Zeit damit, durch sein Heimatland zu treiben. Was ihn dazu bringt, die Sesshaftigkeit so zu fürchten, kann Child trotz diverser Erklärungsversuche nicht recht begreiflich machen. Letztlich ist es wohl so, dass Reacher ist, wie er ist, um als ideale Serienfigur eine schwungvolle Handlung an vielen Orten in Gang zu setzen. Lee Child ist ein ungemein ökonomisch arbeitender Autor, dem solcher Pragmatismus keineswegs fremd ist.

Als Mensch mögen wir Reacher nicht unbedingt, aber wir begleiten ihn gern bei seinen Abenteuern. Er redet nicht so schrecklich viel oder so viel Unsinn wie seine Action-Kollegen, er will uns weder belehren noch überzeugen. Stattdessen ist er einfach da und handelt. Solche Eindimensionalität lässt man sich durchaus gern gefallen, wenn sie so spannend verpackt ist wie hier. Ein dumpfer Schläger ist Reacher darüber hinaus sicher nicht.

Die verfolgte Schöne ist zwar schön und sexy, aber hilflos ist sie auch in übler Lage nicht. Child bemüht hier ein wenig das (politisch korrekte) Bild von der stolzen Latino-Prinzessin, die sich in eine rasende Mutter-Löwin verwandelt, doch auch das ist Täuschung: Carmen Greer ist sogar noch zäher als selbst Reacher es lange ahnt.

In Texas ist alles überlebensgroß – das Land, die Städte, die Hüte und auch die Arschlöcher. Letzteres ist Childs Interpretation, die er jedoch mit Leben zu füllen weiß. Reaktionäre, von sich eingenommene, großmäulig-laute, rassistische, chauvinistische, bigotte etc. Großfamilien hat es in Literatur und Film bereits viele gegeben. Auch hier ist Child nichts Neues eingefallen. Seine Leistung besteht darin, die eigentlich zum Klischee geronnenen Horror-Gestalten mit Leben zu füllen. Die Greers wirken schrecklich lebendig in ihrer angemaßten Selbstherrlichkeit, deren Demontage man deshalb genüsslich verfolgt.

Wieder einmal die Kirsche auf dem Kuchen sind Childs Nebendarsteller. Sofort in den Bann zieht die Darstellung des Killer-Trios; keine sadistischen Irren, die tarantinoesk dekorativ mit großkalibrigen Feuerwaffen umherfuchteln, sondern nüchterne, erfahrene, hart arbeitende Männer und eine Frau, Profis, denen man gern bei der Arbeit zusieht – und deshalb sofort ein politisch korrekt schlechtes Gewissen verspürt.

Lee Child ist ein waschechter Brite, 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thrillerserien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“ betreute) wurde Child 1995 wie sein später Serienheld Reacher „freigestellt“.

Seine Erfahrungen im Thrillergewerbe gedachte er nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt seiner Meinung nach jenseits des großen Teiches. Ausgedehnte USA-Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, so dass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor – zumindest bis 2006, dann hat er einen entsprechenden Vertrag pünktlich erfüllt.

Aber noch ist Reacher auf Reisen – und wie „In letzter Sekunde“ eindrucksvoll belegt, kann die Welt auch noch nicht auf ihn und seine besonderen Fähigkeiten verzichten … Lee Child hat uns jedenfalls wieder im Griff. Tempo, Tote, Terror, dazwischen fast lyrische Szenen und Spitzen gegen das (US-)Establishment: Dies ist ein „Pageturner“ im reinsten Sinn dieses Wortes!

Die Jack-Reacher-Romane:

1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“) – Heyne Taschenbuch Nr. 01/13026
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=905 – Heyne TB Nr. 01/13421
3. Tripwire (1999; dt. „Sein wahres Gesicht“) Blanvalet TB Nr. 35692
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=906 – Blanvalet TB Nr. 35715
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“) Blanvalet Hardcover
7. Persuader (2003, noch kein dt. Titel)
8. The Enemy (2004, noch nicht erschienen)