Audible.de – Die neue Hörbuch-Download-Plattform

|Junge Leute mit dem Köpfhörer im Ohr – man sieht sie heute überall, sie gehören zum Alltagsbild. Aber was hören sie eigentlich mit ihrem MP3-Player oder ihrem Handy? Vielleicht klingen ihnen die Ohren in Zukunft nicht nur vom neuesten R&B-Soul-Hit, sondern von einem aufregenden Hörspiel wie etwa „Otherland“. Eine neue Download-Plattform für Hörbücher macht’s möglich.|

Hat der Weihnachtsmann den MP3-Player erfunden? Wohl nicht ganz, aber es war am Nikolaustag 2004, dass das deutsche Internet-Portal audible.de für den Download von Hörbüchern und Audiomagazinen seine Pforten öffnete. Die amerikanische |Audible Incorporated| hat sich mit zweien der größten Medienhäuser zusammengetan und ein Jointventure mit |Random House| (Bertelsmann) und |Holtzbrinck NetworXs AG| gegründet.

Was hat der Nutzer von Medien davon, fragt man sich unwillkürlich. Reicht es nicht, dass ein Musikportal nach dem anderen dem mehr oder weniger jungen Musik-Junkie das Geld aus der Tasche zieht? Müssen es auch noch Audiobooks sein, nach denen wir gieren sollen?

Diese Bedenken waren den Machern der Plattform wohl nicht ganz unbekannt, denn zunächst gab es etwas völlig kostenfrei: ein frei wählbares Hörbuch – bei einer Auswahl unter 1000 Stück; zeitweilig wurde die Aktion auch auf zwei frei wählbare Hörbücher ausgedehnt. Für das Jahresabo wurde man mit einem kostenlosen MP3-Player (iPod shuffle) belohnt. Entsprechend rege war das Interesse. Innerhalb der ersten Woche luden mehr als 2000 Nutzer über 5000 Hörbücher herunter.

_Wen juckt’s?_

Spricht daraus ein erhöhtes Interesse deutscher Verbraucher an hörbarer Literatur und gesprochenen Texten aus Zeitung, Zeitschrift und Reiseführer? Wie ich selbst immer wieder an mir und anderen festgestellt habe und beobachten kann, besteht in der Tat eine große Nachfrage nach solchen Angeboten – mit Einschränkungen. Arik Meyer, der deutsche Geschäftsführer von audible.de, erläutert: „Es geht vor allem um einen anderen Hörstil, etwa im Auto, unterwegs zur Arbeit (oder dem Studienort) oder beim Sport.“ Die einfache Verfügbarkeit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle: „Einfach im Internet auswählen, herunterladen und sofort am MP3-Player oder PC hören“, das sei |audible|s Devise.

_Zu hohe Preise? Kein Problem_

Doch viele Hörbuch-Freunde werden immer noch von den überdurchschnittlich hohen Preisen der Anbieter abgeschreckt. Sie liegen – mit nur wenigen löblichen Ausnahmen – meist im Bereich für Hardcover-Bücher. Als ob man CDs einen Ehrenplatz im Bücherregal einräumen würde! Arik Meyer sieht sich im Vorteil: „Die Titel aus unserem englisch- oder deutschsprachigen Programm sind rund 30 Prozent günstiger als vergleichbare Hörbücher auf CD.“

Damit liegt audible.de etwa gleichauf mit den Hörbuchpreisen, die Amazon.de, der größte Online-Buchhändler, für preisgesenkte Hörbücher – die zudem portofrei verschickt werden – verlangt. Preisgünstiger sind nur noch Secondhand-Hörbücher, doch das Angebot ist bislang spärlich. Kaum wird ein Hörbuch als gebraucht angeboten, ist es schon wenige Tage später wieder weg. Das belegt einen hohen Bedarf. Will audible.de jedoch Amazon.de und Gebrauchthändler (besonders auf Ebay.de) dauerhaft unterbieten, muss es über kurz oder lang die Preise weiter senken – gut für die Käufer.

_Abonnements_

Dies gilt, wenn man sich die Titel quasi à la carte zusammensucht. Es gibt aber auch zwei Modelle für Abonnements: Classic und Premium. Beim „Classic“-Abo erhält der Kunde monatlich eine Zeitschrift und ein Audiobuch seiner Wahl für einen Monatsbeitrag von 9,95 Euro. Außer dem „Handelsblatt“ und „Die Zeit“ sind jedoch alle Zeitschriften in Englisch. Dadurch ist dieses Abo wenig reizvoll für deutschsprachige Leser.

Das Premium-Abo verpflichtet zur Abnahme von zwei Hörbücher pro Monat und kostet – ja, wie viel denn nun? Nach den Angaben des Audible-Geschäftsführers Arik Meyers handelt es sich um ein Sonderpreisangebot in Höhe von 14,95 Euro. Man spart also im Schnitt fünf Euro. Vorausgesetzt, es bleibt beim permanenten Sonderangebot. Wer ein Hörbuch als Geschenkidee toll findet, kann einen digitalen Geschenkgutschein verschicken.

_Was gibt’s im Angebot?_

Die Käufer bleiben jedoch ebenfalls weg, wenn sie merken, dass es nichts im Angebot gibt, das sie interessiert. Deshalb ist der im Neudeutschen so genannte Content ebenfalls von hoher Bedeutung. Die Titel werden von zurzeit 25 Vertragspartnern – nennen wir sie mal „Content-Provider“ – bereitgestellt. Am Anfang handelte es sich um rund 1000 Stunden deutschsprachiges Programm plus 5000 Stunden Belletristik- und Sachtitel in englischer Sprache. Kein Wunder, wenn der Betreiber aus den USA kommt. Dagegen nehmen sich die 400 deutschen Hörbücher doch recht bescheiden aus. Hinzu kommen rund 7600 englischsprachige Hörbücher. (Natürlich gibt es auch Audiozeitschriften und -Zeitungen.)

Daher ist das Gewinnen von weiteren Content-Providern so wichtig. In den USA verfügt Audible Inc. über 230 Vertragspartner (stand Mai 2005), die mehr als einer halben Million Kunden über 50.000 Stunden Audio-Inhalte anbieten. Dies ist die Marke, auf die das Unternehmen auch hierzulande hinarbeiten muss – wenn auch eine Nummer kleiner als im riesigen US-Markt. Doch bei einem genaueren Blick ins Angebot von Audible.de bekommt der Kunde zunächst vielleicht ein langes Gesicht. Bei einem Sortiment von 80 Klassikern, 28 Offerten im Kinder- und Jugendbuch, 32 Angeboten bei den Krimis und Thrillern, 30 „Märchen und Sagen“ sowie 86 Hörbüchern unter „Romane“ und „Allgemein“ fallen die deutschsprachigen Angebote noch eher spärlich aus. Dafür gibt es bereits 152 deutsche Sachbücher und Ratgebertitel. Diese Angaben spiegeln den Stand Anfang Mai 2005 wider – das Angebot wird sukzessive erweitert, um etwa 40 deutsche Titel pro Woche, sagte mir der Geschäftsführer Arik Meyer.

„Manche Autoren wie etwa Wolfgang Hohlbein oder Brian Lumley sucht man vergebens, Autoren wie Patricia Cornwell oder Dan Brown sind nur mit englischen Ausgaben vertreten. Gerade bei Harry Potter hätte ich mindestens eine deutsche Ausgabe erwartet“, berichtet Audible-Kunde Volker Wende.

Die Schwierigkeit beim Einstellen deutschsprachiger Angebote liegt laut Arik Meyer darin, dass für jeden Titel die Rechte geklärt und freigegeben werden müssen. Dieser Prozess erstreckt sich bis hin zum Autor, Produzenten, Sprecher, Übersetzer oder gar Musiker, der auf einem Hörbuch auftaucht. Audible.de wartet auf eine Urheberrechtsnovelle, die diesen Prozess beschleunigen soll.

_Wie geht das?_

Für das Einkaufen geht der Kunde wie bei Amazon.de vor: Konto anlegen, Modalitäten für Zahlung usw. erledigen, auswählen der Ware und Ablage in einem Warenkorb. Dieser heißt hier allerdings „Bibliothek“ und dient zugleich als Archiv: Man kann die dort gespeicherten Dateien beliebig oft herunterladen, was bei einem Verlust von Player oder CD recht willkommen ist. Eine Download-Seite ist natürlich für Downloads ausgelegt. Doch wie groß sind diese und wie lange? Wo werden die Dateien extern gespeichert?

|Herunterladen|

Jedes Hörbuch liegt in vier Qualitätsstufen bereit. Die geringste Stufe erzeugt die kleinste Datei, die höchste Stufe (128 KBit/s) generiert die größte Datei, liefert aber die beste Tonqualität. Das kennt man ja vom verlustbehafteten JPEG-Bildformat. Die minimale Qualität ist indiskutabel, findet Audible-Nutzer Volker Wende. Audible-Geschäftsführer Arik Meyer weist jedoch darauf hin, dass man eine gekaufte Audio-Datei mehr als einmal herunterladen darf, so natürlich auch in einem besseren Klangformat.

Die maximale Qualität führt zu Dateigrößen zwischen 80 und 120 Mbyte (105 MB = ca. 7,5 Stunden Hördauer). Da ein solcher Download mit einem 56K-Modem eine kleine Ewigkeit dauert, ist ein DSL-Anschluss sehr anzuraten. Dann dauert das Herunterladen nur wenige Minuten.

Die neue Datei wird vom |Audible|-eigenen AudioManager verwaltet, der zugleich als Archiv des Kunden dient. In diesem Manager ist ein eigener Player zum PC-basierten Abspielen der Dateien integriert. Man kann die Dateien aber auch mit dem Windows-Mediaplayer oder mit dem Realplayer nach Installation entsprechender Plugins wiedergeben.

Der AudioManager benötigt selbst rund 25 MB Speicherplatz und handhabt Downloads auf den Audible-kompatiblen MuVo-MP3-Player im Wert von rund 180 Euro, den |Audible.de| im Jahresabo anbietet, oder auf den |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot ist. Der Player ist kostenlos, wenn man ein Jahresabo bestellt, das ja fast genau 180 Euro (14,95 x 12) für 24 Hörbücher kostet.

|Speichern und Nutzen|

Die Bedienung eines MP3-Players brauche ich hier ja wohl kaum zu beschreiben. Sie ist kinderleicht, dennoch liegt sicherheitshalber eine Bedienungsanleitung bei. Der getestete MuVo-Player versah seinen Dienst anstandslos, allerdings suchte ich die Möglichkeit, quasi „zurückzuspulen“. Das wäre bei weniger leicht verständlichen Englischtexten eine sehr erwünschte Funktion. Die Funktion ist aber zu finden, wenn man im Handbuch nachschlägt. Der neue |iPod shuffle|, der zur Zeit im Angebot fürs Jahresabo ist, stand für Testzwecke nicht zur Verfügung. Er kostet im Laden 99 Euro.

Nun könnte der Eindruck entstehen, das heruntergeladene Format sei ein einfach zu handhabendes MP3-Format. Dem ist nicht so! Vielmehr handelt es sich um das .aa-Format, das der MuVo-Player versteht und das höhere Kompressionsraten als MP3 zulässt. Zweitens bietet es den viel größeren Vorteil, dass es nur eine zusammenhängende Datei zu verwalten und zu handhaben gibt statt Dutzende davon. Wenn man mitten in der Datei aufhört, den Text zu hören, kann man später an dieser Stelle fortsetzen, so als hätte man hier ein Lesezeichen gesetzt. Nach Meyers Angaben besteht auch die Möglichkeit, von Kapitel zu Kapitel beziehungsweise – in einer Audio-Zeitschrift – von Artikel zu Artikel zu springen.

|Gerätekunde|

Die folgenden mobilen Geräte werden unterstützt, auf die man die Dateien mit Hilfe dieses Managers übertragen kann: Creative MuVo MP3-Player, Apple iPod, Rio Forge, Rio Carbon, Samsung Napster / YH-920, alle Modelle der HP iPAQ-Serie, Windows Pocket PC anderer Hersteller, wie z. B. Hewlett-Packard (Jornada), Dell, Toshiba, Casio, Audiovox, ViewSonic, und NEC, PalmOne Handhelds wie der Zire 71 und die Tungsten C-, E- und T-Series und Palm One Treo 600 und 650 Smartphone. Man sollte sich auf der Audible-Webseite umsehen. Laut Arik Meyer plant Nokia für seine Smartphones, ebenfalls das .aa-Format zu unterstützen.

|Brennen|

Das .aa-Format lässt sich mit Hilfe eines MP3-Rippers ins MP3-Format konvertieren. Immerhin darf man laut Lizenz (s. u.) das Hörbuch jeweils einmal auf CD brennen. Dazu wird ein Plugin von Roxio automatisch in den Audible-Manager integriert. Auch passende Labels lassen sich einfach ausdrucken. Das Brennprogramm sollte von guter Qualität sein, damit der Brennvorgang erfolgreich verläuft. Für die nötige Konvertierung in MP3 gibt es Ripping-Shareware. Bei einer Qualitätsstufe von 128 KBit/sec entsteht ein Speicherbedarf von rund 400 MByte. Das sollte man beim Einsatz eines entsprechenden MP3-Players hinsichtlich seiner Kapazität (512 MB oder mehr; der MuVo hat 1 GB Speicher) berücksichtigen.

Auf bis zu drei MP3-Player darf man sein Hörbuch übertragen. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen heißt es: „(Es ist erlaubt,) die Audioprogramme für den individuellen privaten Gebrauch einmalig auf CD zu brennen und auf jeweils maximal drei MP3-Spielern und/oder PCs nutzbar zu machen.“ Natürlich gilt es beim Brennen auf CD oder bei der Konvertierung in MP3 den Zeit- und Materialaufwand zu berücksichtigen, der gerade auf schwächeren Systemen beträchtlich sein kann. Zwei Stunden für sechs CDs sind bei meinem 1-GHz-PC mit DVD-Brenner keine Seltenheit. Zieht man diesen Aufwand in Betracht, wird ein Hörbuch-Preis von 10 Euro (oder 20 Euro bei neueren und umfangreicheren Titeln und ohne Abo) schon wesentlich weniger attraktiv. Berücksichtigt man noch, dass es gebrauchte Hörbücher für ähnliche Preise bei |Amazon| und |eBay| gibt, so relativiert sich der Audible-Preis noch einmal.

Andererseits kann man sich diesen ganzen Aufwand sparen, wenn man einen der 1-GB-Player nutzt. Der Download geht mit einer DSL-Leitung schnell, ebenso die Übertragung per USB2-Bus. Anschließend braucht man keine CDs herumzuschleppen und zu wechseln – bei sechs CDs für den neuen Grisham „Die Begnadigung“ kann das lästig werden. Zudem lässt sich leicht zwischen den Medien wechseln: vom Hörbuch zur Zeitschrift, von dort zum Reiseführer – je nach Gusto und Gelegenheit.

|Empfehlungen|

|Audible.de| sollte vielleicht von vornherein das MP3-Format oder das entsprechende .wma-Äquivalent von Microsoft, das ja ebenfalls stärker als MP3 komprimiert, anbieten. Allerdings hat .aa seine oben angeführten Vorteile. Um Missbrauch vorzubeugen, lassen sich die Dateien ja mit einem DRM-Stempel – quasi einem digitalen Wasserzeichen – versehen. DRM steht für Digital Rights Management und wird von Microsoft stark unterstützt. „Sollte nun eine copyrightgeschützte Datei auf Tauschbörsen oder dergleichen auftauchen, lässt sich der verantwortliche Verkäufer und Käufer rasch ermitteln“, erläutert Volker Wende. „Jeder Käufer hat also selbst ein großes Interesse daran, seine Hörbuchdateien gut zu verwahren und nicht weiterzugeben.“ Wer sein Abo kündigen will, wendet sich an: Audible GmbH, Bayerstraße 21, 80335 München; Fax-Nr.: 089-206077-42; E-Mail: info@audible.de.

_Unterm Strich_

Zurzeit erscheint es mir für deutsche Interessenten noch früh, aber nicht verfrüht, ein Abonnement mit |Audible.de| abzuschließen. Den Audio-Player braucht man zwar nicht zu kaufen (im Wert von 180 Euro bzw. 100 Euro beim |iPod shuffle|), aber man sollte damit umgehen können. Für À-la-Carte-Käufe finden sich momentan schon attraktive Angebote in einem breiten Spektrum von Reiseführern über Zeitschriften und Zeitungen bis hin zu Roman-Hörbüchern.

Dass die meisten deutschen Audiobooks von |Random House| (Bertelsmann) stammen, ist auf dessen Beteiligung am Jointventure zurückzuführen. Hier kann man nur hoffen, dass die Klärung der Rechte an diesen Werken möglichst beschleunigt werden kann und so sukzessive ein größerer Anteil an deutschsprachigen Werken verfügbar wird.

Wenn der Otto-Mair-Verlag einsteigen würde, so könnte man bald Reise- und Stadtführer in rauen Mengen (Baedeker, Marco Polo usw.) erstehen. Zur Leipziger Buchmesse gab es bereits einen Stadtrundgang, der auf dem Testgerät zu finden war. Eine interessante Technik jedenfalls. Oder wird man in Zukunft die Städte nicht mehr real besuchen, sondern nur noch virtuell – mit dem Kopfhörer im Ohr?

Kinkel, Tanja – König der Narren, Der (Die Legenden von Phantásien)

Die Weberinnen von Siridom sind berühmt für ihre kunstvollen Teppiche, und das zu Recht, denn diese Teppiche zeigen nicht nur irgendwelche beliebigen Muster, sondern Bilder. Bilder von längst vergangenen und fast vergessenen Geschehnissen aus Phantásien. Auf ihre Weise sind die Weberinnen Bewahrer der Geschichte, Historiker, und zu ihnen zu gehören, ist eine große Ehre.

Eine Ehre, mit der die junge Res nicht viel anfangen kann! Die Aussicht, ihr ganzes Leben in Siridom am Webstuhl zu verbringen, ödet sie an! Sie würde viel lieber mit den Trossen der Handelswagen auf Reisen gehen, um die Welt, die sie in ihre Bilder webt, selbst zu sehen! Völlig überraschend erhält sie die Gelegenheit: Ein Handelstross ist dem Nichts begegnet und kehrt völlig leer und grau zurück, nur die Zugtiere und eine Katze sind noch da. Der Gildenmeister verspricht zwar, eine Gesandtschaft zur Kindlichen Kaiserin zu schicken, macht sich aber stattdessen mit seiner ganzen Familie aus dem Staub! Res beschließt, selbst etwas zur Rettung Phantásiens zu unternehmen. Sie will den Verlorenen Kaiser finden. Ein einziger, uralter Wandteppich erzählt davon, dass dieser Kaiser Phantásien schon einmal gerettet hat, allerdings starb die Weberin vor der Vollendung des Teppichs, sodass niemand weiß, was aus dem Kaiser geworden ist. Bestellt wurde der Teppich von der Fürstin der Stadt Kading, deshalb beschließt Res, ihre Suche dort zu beginnen. Die Katze, die sie in dem leeren Handelstross gefunden hat, nimmt sie mit, denn die Katze hat behauptet, den Weg nach Kading zu kennen. Aber kann Res der Katze trauen?

Tanja Kinkels Phantásien-Geschichte spielt zeitgleich zu den Erlebnissen von Atréju, obwohl dieser namentlich kein einziges Mal erwähnt wird. Die Autorin spricht von einem Gesandten, den die Kindliche Kaiserin ausgesandt hat. Den genauen Zeitpunkt erfährt der Leser jedoch erst gegen Ende, als Res dem Wandernden Berg begegnet.

Res ist ein recht burschikoses Mädchen. Häuslichkeit liegt ihr nicht, sie will Abenteuer erleben. Vor allem aber will sie nicht alles, was es zu wissen gibt, aus zweiter Hand erfahren! Sie will ihre eigenen Erfahrungen machen! Allerdings hat sie sich diese Erfahrungen anders vorgestellt. Ganz allein in die Welt hinauszuziehen, ist eben bei weitem nicht so einfach wie in einer Gruppe, zumal eine der Erfahrungen zeigt, dass gute Absichten nicht unbedingt gute Taten, und gute Taten nicht unbedingt gute Folgen nach sich ziehen! Überhaupt ist das mit dem Gut und Böse gar nicht so einfach. So sind die Federwesen aus Haruspex überhaupt nicht erbaut von Res‘ Lebensrettungsaktion, und Haruspex ist nicht der einzige Ort, wo Res sich Feinde macht.

Die Katze unterstützt sie darin höchst erfolgreich. Nicht, weil sie Res wirklich schaden will! Nur liegt es eben nun mal im Naturell einer Katze, dass sie selbstsüchtig denkt. Die Katze ist meiner Meinung nach der gelungenste Charakter des ganzen Buches: Abgesehen von ihrem Egoismus ist sie auch noch ein bisschen arrogant, unberechenbar und gelegentlich auch hinterlistig. Sie hilft Res immer nur dann, wenn es ihren eigenen Interessen dient. Und sie hält sich immer und überall ein Hintertürchen offen. Dass sie mehr ist als eine Katze, hört Res zum ersten Mal von ihrem zweiten Begleiter Yen Tao-Tzu. Der Katze ist das gar nicht recht, denn er rührt damit unwissentlich an ein Geheimnis, das gerade Res keinesfalls erfahren darf.

Yen Tao-Tzu wird zu diesem Zeitpunkt allerdings von Res nicht ernst genommen, denn er ist geistig verwirrt. Für den Leser ist relativ schnell klar, dass er ein Menschenkind ohne Erinnerungen sein muss, aber Res ist Phantásierin und weiß nichts von Menschenkindern. Und es ist schwer, selbst die einfachsten Lösungen zu entdecken, wenn man nicht wissen kann, dass man die falschen Fragen stellt.

So fliegt Res mit ihren Begleitern einen langen Weg durch Phantásien, um ein Mittel gegen das Nichts zu finden, und kommt dabei zu vielen verschiedenen Orten und Wesen. Fast ein paar zu viele, könnte man meinen. Tanja Kinkels Geschichte beinhaltet fast doppelt so viele Stationen wie [„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1095 von Ralf Isau, aber die Ausarbeitung ist sehr unterschiedlich. Manche werden nur kurz gestreift, manche etwas ausführlicher behandelt. Insgesamt bleibt die Ausarbeitung Kinkels jedoch weit hinter Isaus zurück. Mag sein, dass die gut 350 Seiten nicht genug Platz hergaben für eine detailliertere Beschreibung, andererseits hätte mehr Raum dafür zur Verfügung gestanden, wenn Res ein paar Orte weniger bereist hätte. Stattdessen sind die Ausgestaltungen der verschiedenen Orte ziemlich oberflächlich geblieben und Kinkels Phantásien damit fern und diffus.

Auch die Charaktere der meisten Wesen, denen Res begegnet, haben nur wenig Tiefe. Einzige Ausnahme bilden diejenigen, die Res folgen bzw. verfolgen.
Die Leonesen wollen den Tod eines der Ihren rächen. Dass an diesem Tod nicht allein Res schuld ist, ist ihnen dabei völlig unwichtig. Aber Blutrache hatte ja auch noch nie etwas mit Logik oder Vernunft zu tun. Die Federwesen machen Res für den Untergang ihres Dorfes verantwortlich. Auf den Gedanken, dass das Nichts ihr Dorf auf jeden Fall verschlungen hätte, kommen sie nicht im Traum. Es ist einfacher, einen Schuldigen zu suchen! Die Fürstin von Kading schließlich ist eine Herrscherin, die fast ein wenig an Kaiser Nero erinnert: eitel, gelangweilt, gleichgültig und grausam. Im Laufe ihrer Reise trifft Res diese Wesen immer wieder an den unterschiedlichsten Stellen. Zusammen mit dem Umstand, dass auch in diesen Fällen das erste Zusammentreffen in der jeweiligen Heimat recht knapp ausfällt, vermitteln diese ständigen, vorübergehenden Treffen den Eindruck von Zerissenheit. Der Handlungsverlauf scheint irgendwie zerfasert und zerfleddert, was schade ist. Auch hier gilt: weniger wäre mehr gewesen, und ein Verfolger besser als drei.

Der Handlungsverlauf schwächelt auch noch an anderen Stellen.
So wird zum Beispiel nicht ganz klar, warum die Fürstin Res überhaupt verfolgt. Vielleicht wollte sie einfach nur die Scharte auswetzen, dass Res die Flucht gelungen ist, vielleicht empfand sie tatsächlich so etwas wie Respekt für diese Leistung und wollte Res deshalb als Verbündete, oder vielleicht befürchtete sie Konkurrenz. Wie auch immer, hier verliert sich Kinkel in Andeutungen, die entweder nur für höchst intelligente Leute nachvollziehbar oder generell einfach etwas zu wirr sind, um die Beweggründe und Ziele der Fürstin wirklich zu verstehen.

Ein weiterer Punkt, der ungeklärt bleibt, ist der, wie und warum Yen Tao-Tzu das Betreten von Kading überleben konnte. Die Autorin bietet lediglich einen Erklärungsversuch der Katze, der aber unlogisch ist, denn Yen Tao-Tzu ist ein Menschenkind und sein Leben daher, anders als vielleicht bei Phantásiern, nicht nur Gedanke sondern auch Körper. Yen Tao-Tzu selbst widerspricht der Katze unmittelbar, seine eigene Deutung aber erfährt der Leser nicht, weil die Autorin ihn von einem Federwesen unterbrechen lässt!

Dazu kommen logische Brüche zur Vorlage Michael Endes. Einen davon nimmt die Autorin bewusst in Kauf, nämlich die Tatsache, dass Yen Tao-Tzu auf irgendeine Weise von allein seine Sprache und seine Erinnerungen zurückerhält. Argax, das Äffchen aus der Alten Kaiser Stadt, stellt lapidar fest, dass das eigentlich nicht möglich sein sollte. Die Tatsache, dass Yen Tao-Tzu als einziges Menschenkind bewusst und freiwillig in die Alte Kaiser Stadt kam, kann dafür keine ausreichende Erklärung sein!

Die kategorische Aussage, dass Yen Tao-Tzu der kindlichen Kaiserin keinen neuen Namen geben kann, weil er es bereits einmal getan hat, ist ebenfalls so nicht richtig. Koreander erklärt Bastian am Ende der „Unendlichen Geschichte“, dass er Mondenkind nur so lange nicht wiedersehen könne, wie sie Mondenkind sei, dass er sie aber wiedersehen könne, wenn er ihr einen neuen Namen gäbe. Die Katze, mit der Res über diese Angelegenheit spricht, muss das wissen, denn sie ist ein Wanderer!

Trotz all dieser Mankos ist das Buch nicht wirklich schlecht. Wo sich die Autorin die Mühe gemacht hat, wirklich ins Detail zu gehen, sind die Darstellungen richtig gut gelungen. Das gilt ganz besonders für die Katze und die Federwesen aus Haruspex. Die übrigen Ideen hatten ebenfalls durchaus Potenzial und hätten im Falle einer genaueren Ausarbeitung eine echte Bereicherung für Phantásien darstellen können, was ja das erklärte Ziel dieser Buchreihe ist.

Bemerkenswert ist das Ende von Res‘ Reise, wo die Protagonistin in einem Aufwallen von Überdruss von der Heldin zur Antiheldin mutiert! Eine Wendung, die nicht unbedingt zu erwarten war und zusammen mit dem Charakter der Federwesen einen wirklich großen Wurf hätte bedeuten können, wenn sich Tanja Kinkel nicht in ihrer Fülle von halb Angedachtem verheddert, sondern sich auf diese Punkte konzentriert hätte.

Insgesamt ist „Der König der Narren“ durchaus lesenswert, auch wenn er meiner Meinung nach mit der „geheimen Bibliothek …“ von Ralf Isau nicht mithalten kann. Dafür fehlt ihm das gewisse Etwas, vielleicht das Quentchen mehr Fingerspitzengefühl, mit dem Isau seine Geschichte an die Vorlage angeschlossen hat, vielleicht auch einfach nur die konsequente und liebevolle Ausgestaltung der wenigen Orte und Personen, denen die Protagonisten begegnen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Frau Kinkel bisher eher Historienromane als Fantasy geschrieben hat. Jedenfalls hatte „Die geheime Bibliothek …“ eine Portion mehr Flair. Bleibt abzuwarten, was die übrigen Bände dieser Reihe noch zu bieten haben.

Tanja Kinkel stammt aus Bamberg, studierte in München unter anderem Germanistik und Theaterwissenschaften, hat mehrere Literaturpreise und Stipendien gewonnen. Außer Historienromanen, die größtenteils im Mittelalter spielen, hat sie inzwischen auch einen Roman über die Gründung Roms und einen „neuzeitlichen“ Roman geschrieben. Auch ein Jugendbuch mit dem Titel „Die Prinzen und der Drache“ findet sich in der Liste. „Der König der Narren“ war ihr letztes Buch, mit dem sie sich Anfang des Jahres auf Lesereise befand. Zur Zeit ist sie mit „Götterdämmerung“ unterwegs.

Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19641-0

http://www.droemer-knaur.de/home
http://www.Tanja-Kinkel.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Anderson, Poul – Schwert des Nordens, Das (Das geborstene Schwert / Hrolf Krakis Saga)

Dieser Band enthält zwei klassische Wikinger-Romane: „Das geborstene Schwert“ (auch: „Das zerbrochene Schwert“; 1954/71) und „Hrolf Krakis Saga“ (1973). Obwohl die zwei Romane in Aufbau und Thema sehr unterschiedlich sind, geht es doch stets auch um das Erlangen und den Einsatz von Schwertern. Dadurch kommt der Freund von Heroic Action Fantasy voll auf seine Kosten.

_Der Autor_

Poul Andersons Eltern stammten von eingewanderten Dänen ab. Poul, der vor dem 2. Weltkrieg kurze Zeit in Dänemark lebte, interessierte sich für diese Herkunft so sehr, dass er mehrere Romane an dem Schauplatz Skandinavien zur Zeit der Wikinger spielen ließ, darunter den vorliegenden, aber auch „Krieg der Götter“ und die Trilogie „The Last Viking“ (unübersetzt). Ansonsten ist Anderson für seine zahlreichen Science-Fiction-Romane bekannt, von denen „Brain Wave“ (1954) wohl der innovativste ist.

Der 1926 geborene Physiker, der schon 1947 zu veröffentlichen begann, starb 2001. Er ist Greg Bears Schwiegervater. Seine Werke hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, denn allein in der „Encyclopedia of Science Fiction“ ist sein Eintrag nicht weniger als sechs Spalten lang … Er gewann sieben |Hugo Awards| und drei |Nebula Awards|, viermal den |Prometheus Award|, den |Tolkien Memorial Award|, den |August Derleth Award| und 1978 den |Gandalf Grand Master Award| sowie 1997 den |Grand Master Award| der |Science Fiction and Fantasy Writers of America| und 2000 den |John W. Campbell Memorial Award| – mehr und Höheres kann man in diesen Genres fast nicht gewinnen.

_Handlung von „Das geborstene Schwert“_

Es war zu jener Zeit, als die irischen Mönche noch nicht ganz Europa missioniert hatten. Wer über die Hexensicht verfügte, konnte noch Elfenfürsten und Trolle erspähen, ja vielleicht sogar einen riskanten Blick auf die Jötunen, die Eisriesen, und ihre Gegenspieler, die Asen, werfen. Aber nur die wenigsten tapferen Wanderer und Krieger in den neun Welten schafften es nach Jötunheim und Asgard.

Umgekehrt galt dies natürlich nicht, den Odin, der einäugige Wanderer, besuchte mit der Wilden Jagd häufig die Siedlungen von Menschenwesen, Elfen und Trollen. Und manchmal mischten er und seine Geschwister sich in die Angelegenheiten der Wesen in Midgard, der Mittel-Erde, ein. Dies ist eine solche Geschichte, die Geschichte von Skafloc, Frida und dem verfluchten Götterschwert Tyrfing.

|Orm der Starke Ketilssohn|

Es war ein Mann namens Orm der Starke, der zog von seinem heimatlichen Jütland in jenen Teil von England, den man Danelaw nannte. Orm nahm sich eine schöne, eigenwillige Frau, um mit ihr einen starken Clan zu gründen, der das Land besiedeln und beherrschen sollte. Das wäre ihm auch fast gelungen, doch Elfen und Götter hatten anderes beschlossen.

Orm war wieder auf einer seiner Beutefahrten, vielleicht nach Gardariki, dem alten Byzanz, als seine Frau Älfrida einen gesunden Knaben gebar. Wegen schlechten Wetters konnte das Kind erst in zwei, drei Tagen getauft werden. In der Zwischenzeit war seine Seele schutzlos. Davon erfuhr eine Hexe, die sich für das, was Orms Krieger ihrer Sippe angetan hatten, rächen wollte. Sie berichtete dem mächtigen und listigen Elfenfürsten Imric davon.

Sogleich fasst Imric einen kühnen Plan. Vor neun Jahrhunderten hatte er die Tochter des Trollkönigs entführt und auf seiner Burg Alfheim eingekerkert. Sie musste ihm noch in der gleichen Sturmnacht einen Wechselbalg gebären. Dieses Kind versah Imric mit Hilfe eines Elfenzaubers mit dem Aussehen von Älfridas Neugeborenem. Das Austauschen war danach nur noch ein Klacks. Ölfrida merkte nichts davon, sie wunderte sich höchstens, dass ihr Baby mit einmal so aggressiv beim Stillen war.

|Skafloc und Valgard|

Während Älfrida den Wechselbalg auf den namen Valgard taufen ließ und wie ihren eigenen Sohn aufzog, wuchs das geraubte Kind im Schoße der Elfen auf Alfheim zu einem starken und zaubermächtigen Krieger heran. Imric hatte ihm den Namen Skafloc gegeben und niemals getauft, denn die Elfen müssen die Riten und den Namen des Weißen Christus scheuen.

Zu seinem Namensfeste aber erschien auf Alfheim ein Bote der Asen, der trug ein zerbrochenes Schwert, dessen Name war Tyrfing. Der Bote prophezeite, nach dem Willen der Nornen (Schicksalsgöttinnen) werde Skafloc eines Tages das Schwert brauchen und es schmieden lassen, um es wieder ganz zu machen. Imric beschlich darob ein ungutes Gefühl, denn mit Geschenken der Götter hatte er noch nie gute Erfahrungen gemacht, und er ließ das Schwert in einer Kerkermauer verstecken.

|Der Krieg gegen die Trolle|

Valgard, der Wechselbalg, ist zu einem geächteten Krieger in Orms Sippe herangewachsen. Nach einem Streit, in dem er mehrere Männer aus Orms Sippe tötet, muss er England verlassen. Beraten von der Waldhexe, die ihre Rache vollzieht, schließt er sich dem Trollkönig an. Illrede ist sehr erbaut von den Ruhmestaten Valgards und er lässt ihn erneut Orms Sippe heimsuchen. Bei diesem Raubzug sterben alle außer drei Frauen: Valgards „Mutter“ und ihre zwei schönen Töchter Frida und Asgerd. Er verschleppt sie nach Trollheim, wo sie ein finsteres Schicksal als Sklavinnen erwartet.

Wenn da nicht Skafloc wäre. Er sieht den Zeitpunkt gekommen, sich als Kriegsführer zu beweisen und die übermütigen Trolle unter Valgard in ihre Schranken zu weisen. Bei seinem Feldzug befreit er Frida, doch Asgerd stirbt im Gefecht. Als Valgard ihm gegenübertritt, sind beide natürlich ziemlich verblüfft: Sie tragen das gleiche Gesicht!

|Sklafloc und Frida|

Nachdem Skafloc unter schweren Verlusten heimgekehrt ist, rüsten die Trolle zu einem allumfassenden Eroberungskrieg, der nicht nur ihrer Rache dienen soll, sondern auch die Unterwerfung aller Elfenländer Europas bezweckt. Valgard ist der zweite Mann bei diesem Krieg, doch er weiß schon, wie er sich zum Anführer machen kann.

Unterdessen ahnen Skafloc und Imric nur wenig von dem Unheil, das auf sie zukommt. Skafloc hat sich schwer in Frida verliebt und nimmt sie ohne große christliche Zeremonie zu seiner Frau, sehr zum Missfallen seiner Ziehmutter Lia, Imrics Schwester. Er ahnt nicht, dass Frida seine leibliche Schwester ist. Doch andere wissen dies nur zu gut, so etwa Valgard.

|Das verfluchte Schwert der Asen|

Als Alfheim gefallen und Elfenkönig Imric von den Trollen eingekerkert worden ist, führt Skafloc mit Frida, einer hervorragenden Bogenschützin, einen Guerillakrieg gegen die Besatzer. Doch er sieht das Ende der Elfennationen nahen, und so fasst er einen verzweifelten Plan: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion, in Gestalt von Wolf, Adler und Otter, will er das Götterschwert aus der Burg holen und es von den Eisriesen neu schmieden lassen, um damit Elfenland von den Trollen zu befreien.

Frida, die ihn innig liebt, und alle überlebenden Elfen haben ein ungutes Gefühl dabei. Ihm wird geweissagt, dass er durch dieses Schwert umkommen werde. Das ist ihm einerlei, denn wofür lohnt es sich schon, in einer Trollwelt als Elf-Mensch zu leben? Nachdem die schwangere Frida bitter von ihm Abschied genommen hat, segelt Skafloc mit einem der irischen Elfengötter, Mananaan Mac Lir, gen Jötunheim, das im äußersten Norden liegt und streng bewacht wird. Nur sehr wenige sind von dort zurückgekehrt …

_Mein Eindruck von „Das geborstene Schwert“_

Um es vorweg zu sagen: Das Buch liest sich rasend gut. Es ist schnell und schnörkellos. Der Autor hat keine Skrupel, auch tabuisierte Themen wie den Inzest zu beschreiben und in allen Konsequenzen darzustellen. Geschwisterliebe – natürlich stets unwissenderweise – findet sich übrigens auch in Poul Andersons Roman „Hrolf Krakis Saga“, die nur wenige Jahre vor Skaflocs Abenteuern spielt. Es ist schon seltsam, was die heidnischen Nordvölker da umgetrieben hat. Aber vielleicht fanden ihre Poeten, das Thema Inzest rege die männliche Phantasie ihrer Zuhörer ganz besonders an …

|Historisch verbürgte Wikinger|

Wie auch immer: Bei solchen Themen würde Professor Tolkien als gläubiger Christ im Grabe rotieren. Das heißt aber nicht, dass er die alten Sagas, in denen solche Motive vorkommen, nicht kannte. Im Gegenteil: Sie waren sein Spezialgebiet, als er in Oxford lehrte. Den „Beowulf“ hat er nicht nur kommentiert, sondern, wie man erst vor kurzem herausfand, auch komplett ins moderne Englisch übertragen. Alle genannten Epen spielen um die Zeit des frühen 6. Jahrhunderts n. Chr., wie eine Autorennotiz zu „Hrolf Krakis Saga“ klarmacht. Diese Saga stützt sich auf historische Tatsachen. Beowulfs Gastgeber König Hrothgar gab es wirklich und er taucht in Hrolf Krakis Saga als Hroar auf. Ob es riesige Ungeheuer namens Grendel gab, darf hingegen getrost bezweifelt werden.

|Keine braven Elben|

Ebenso ins Rotieren geriete Tolkien angesichts der Schilderung der Elfen in „Das geborstene Schwert“. Das sind ziemlich machtgierige Typen, die nicht wie die Menschen lieben können, dafür aber ihre Zaubermacht einsetzen, um diverse Siege davonzutragen, so etwa gegen den Erzfeind, die Trolle. Diese Trolle haben mit den Steintrollen im „Hobbit“ ziemlich wenig zu tun. Sie sind zwar auch ganz schön groß, doch Andersons Trolle sind alles andere als Dösköppe, die kleine Hobbits und Zwerge zerquetschen wollen. Diese Trolle sind richtig gefährlich. Und wie die Zwerge leben sie in Höhlen.

|Sexy Hexy|

Wer nun dachte, dies sei eine Fortsetzung des „Herrn der Ringe“, nur von einem anderen Autor, der befindet sich gewaltig auf dem Holzweg. Wenn schon auf den ersten Seiten der Elfenkönig eine Prinzessin der Trolle vergewaltigt und sie ihm ruckzuck einen Wechselbalg gebiert – und so geschieht es seit 900 Jahren -, so befinden wir uns auf ziemlich heidnischem Territorium. Valgard treibt es mit einer als junge sexy Schönheit verkleideten alten verhutzelten Hexe, und Skafloc treibt es, wie gesagt, gar lustig mit seiner Schwester. Am schlimmsten – und da würde Liv Tyler vor Jammer kreischen – sind die Elfenfrauen. Sie treiben es mit den neuen Herren Elfenlands, den Trollen, doch listigerweise bringen sie einen der Besatzer nach dem anderen um, bis der Tag der Befreiung gekommen ist.

|Noch ein Siegfried?|

Deswegen ist Skafloc aber keineswegs ein hirnloser Schlächter. Weder ist er so lieblos und machtgierig wie seine Zieheltern, noch so schwach und täuschbar wie die Menschen, seine wahre Spezies. Auch ist er – zumindest später – kein blonder Haudrauf wie sein berühmterer Vetter Siegfried, der in den alten Sagas noch Sigurd heißt. Als er herausfinden muss, wo er das Dämonenschwert Tyrfing reparieren lassen kann, befragt er die Toten. Das tut man nicht ungestraft.

Prompt erhält er eine Antwort, die er ganz und gar nicht hören wollte: dass Frida von seinem eigenen Fleisch und Blut sei. Kurz darauf ziehen Frida und Skafloc die traurigen Konsequenzen. Doch zuvor ergehen sich beide in langen Beteuerungen der Liebe und erklären einander ihre Stimmung und warum sie sich trennen müssen. Es ist klar, dass Skaflocs Schicksal nicht ein langes Leben, sondern eine nur kurz brennende Supernova sein wird. Die Reparatur des Dämonenschwerts besiegelt sein Schicksal über kurz oder lang, und er weiß es. Doch wie der Obergott Odin Frida kurz vor dem Finale erklärt, kann Skafloc durch Fridas Liebe gerettet werden. Es gibt also Erlösung in diesem düsteren Universum aus neun Welten.

|Es wird gestabreimt|

Es gibt auch Schönheit. Ich habe selten so wunderbare Gedichte gelesen, die in Stabreimen abgefasst sind. Selbst noch in der Übersetzung wirken sie frisch, kraftvoll und zaubermächtig – denn Wörter sind in den Sagas immer Magie, ebenso wie Runen. Mein großes Lob gilt daher der viel zu früh verstorbenen Übersetzerin Rosemarie Hundertmarck. Vergleicht man die Stabreime, so haben sie nichts mit Tolkiens Poesie im „Herr der Ringe“ zu tun, sondern viel mehr mit den alten Epen wie etwa dem berühmten „Beowulf“.

_Handlung von „Hrolf Krakis Saga“_

Ein König von Dänemark hatte im neunten Jahrhundert zwei ungleiche Söhne namens Helgi und Hroar, doch als er starb, mussten diese vor seinem missgünstigen Bruder verborgen werden. Trotz langer und von Magiern unterstützter Suche blieben sie unentdeckt, überlebten und wuchsen bei einem fernen Verwandten auf. Hroar wurde klug und ein guter Verwalter, Helgi jedoch stark, kühn und ein wagemutiger Abenteurer. Als sie sechzehn sind, nimmt ihr Ziehvater sie an den Hof des Königs mit, wo sie sich verstecken. Nachts brennen sie die Halle des Thronräubers nieder, so dass er mitsamt seiner Königin in den Flammen umkommt.

Helgi und Hroar teilen sich die Herrschaft, doch Helgi zieht ins Land der Sachsen beim heutigen Schleswig, um Beute zu machen. Das Einzige, was er verhängnisvollerweise erringt, ist eine widerspenstige Geliebte: Olof ist die unvermählte und höchst eigensinnige Königin von Alsen. Das Ergebnis der Vergewaltigung ist eine Tochter, die sie nach ihrer Hündin Yrsa nennt und an arme Fischer weggibt. Als Yrsa sechzehn oder siebzehn ist, aber keine Ahnung hat, wer ihre richtigen Eltern sind, schaut Helgi mal wieder vorbei, verliebt sich in das schöne Kind und macht sie zu seiner Königin in Odense.

Nach der Geburt eines schönen Knaben namens Hrolf (eben jener des Romantitels) sieht Olof die Zeit für ihre Rache gekommen. Während die beiden Könige von Thing zu Thing unterwegs sind, lädt sie Yrsa zu sich aufs Schiff ein, das im Hafen von Odense liegt und eröffnet ihr, dass sie ihre Tochter und Helgi, ihr Mann, ihr Vater sei. Die am Boden zerstörte Yrsa verlässt Helgi und Hrolf und segelt mit ihrer Mutter nach Hause. Auf Hroars Rat hin greift der wütende Helgi Alsen nicht an. Helgi zeugt in einer Art Eremitenphase die Tochter Skuld mit einer Elfenfrau, die er gerettet hat. Skuld wird das Verhängnis des dänischen Königshauses werden.

Unterdessen hat sich die politische Landschaft in Südschweden und Götarland gewaltig verändert. Auf dem Thron des mächtigen und landreichen Svithjodh (Schweden nördlich von Schonen) sitzt nun ein Magier namens Adhils. Er wird den Dänen noch viel Ungemach bereiten, denn er hat es auf die dänischen Könige abgesehen und demütigt sie, indem er Yrsa heiratet, obwohl er erfährt, dass sie keine Kinder mehr bekommen kann.

Als König Helgi die Provokationen Adhils nicht mehr hinnimmt, begibt er sich auf einen Feldzug gen Uppsala. Doch Adhils Berserker überfallen Helgis Truppe aus dem Hinterhalt. Die Nachricht von Helgis Tod erschüttert sowohl Yrsa, seine Witwe, als auch Hroar, seinen Bruder, doch er lässt sich nicht hinreißen, Adhils anzugreifen. Diese Aufgabe überlässt er vielmehr Hrolf, seinem klugen Sohn, der den Dänen Jahre des Friedens und der Expansion beschert.

Als das Glück des Dänenkönigs vollkommen ist, gibt es nur noch eines zu tun, um die Scharte auszuwetzen, die Adhils ihm bereitet hat: Helgis Tod zu rächen und dessen Goldhort nach Dänemark zurückzuholen. Mit zwölf ruhmreichen Recken, deren Geschichten vereinzelt als Saga erzählt werden, und hundert Soldaten zieht Hrolf im Vorfrühling nach Svithjodh.

Leider ist das erste Wesen, das sie dort antreffen, keineswegs ein Mensch. Es ist der Göttervater Odin, Vater der Siege. Zu dumm, dass sie ihn nicht als Gott erkennen. Noch viele weitere unheimliche Dinge widerfahren ihnen bei ihrem Unterfangen, den ermordeten Helgi zu rächen.

_Mein Eindruck von „Hrolf Krakis Saga“_

Auf den ersten Blick scheint Hrolf Krakis Geschichte keine Verbindung zu der von Skafloc aufzuweisen, aber es kommen durchaus gemeinsame Elemente vor. Auf diese weisen der Autor und die zwei Herausgeber Lin Carter und Helmut W. Pesch in ihren Vorwörtern hin. Hrolf Kraki lebt eine Generation später als Beowulf und Skafloc, nämlich in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Sowohl Beowulf als auch das verfluchte Schwert Tyrfing werden en passant genannt. Im „Beowulf“-Epos spielen die Ereignisse in der Halle Heorot eines gewissen Königs Hrothgar – dieser König ist mit Hrolfs Vater Hroar identisch. Man sieht also, dass sich die in der Saga erzählten Geschehnisse zeitlich recht gut einordnen lassen. Dieser Ansicht ist auch die „Encyclopaedia Britannica“.

Man sollte aber keine direkte Fortsetzung von „Das geborstene Schwert“ erwarten. Die „Saga“ entstand knapp 20 Jahre später und mit einem ganz anderen Ziel. Man würde heute sagen, es handle sich um Doku-Fiction: Die gut recherchierte Chronik des dänischen Königsgeschlechts der Skjöldungen, die ihre Herkunft auf Odins Sohn Skjöld zurückführen, und ihr Schicksal und Untergang. Diese Jahrzehnte umspannende historisierende Darstellung ist verquickt mit recht unterhaltsamen und mitunter eigentümlichen Storys, unter denen vor allem die der wichtigsten Recken Hrolf Krakis herausragen.

Bjarki beispielsweise stammt von einem Krieger ab, den eine Hexe aus Rache in einen Werbären verwandelte, der nur nachts ein Mann – mitsamt Geliebter – sein durfte, tagsüber aber die Herden der Siedler dezimierte. Die Geliebte gebar ihm drei Söhne: Frodhi hat die Hufe eines Elchs, Thori, der zweite, die Beine eines Jagdhundes, nur Bjarki scheint ganz normal zu sein, außer an seinem Lebensende, in der glorreichen Schlacht gegen die Hexenkönigin Skuld, Helgis missratener Elfentochter. Da erblicken seine Kollegen und Mitstreiter die Gestalt eines großen roten Bären, der die Feinde regelrecht auseinander nimmt …

In weit höherem Maß als „Das geborstene Schwert“ vermittelt Anderson mit „Hrolf Krakis Saga“ ein lebendiges Bild von jener Zeit, als die Nordländer in alle Welt fuhren und unter anderem das von den Römern verlassene Britannien für sich eroberten. Es ist daher kein Wunder, dass die gesamte Saga in eine Rahmenhandlung eingebettet ist, die von einem Erzähler an einem christlichen Hofe im England des frühen 10. Jahrhunderts dargeboten wird, um seine edlen Gastgeber zu unterhalten – nach dem Motto: So wild ging’s einstmals zu bei den wilden Heiden von Dänemark. Seid bloß froh, dass ihr zivilisierte Christen seid!

Zur Unterhaltung und/oder Abschreckung seines Publikums schmückt der Erzähler seine Geschichten mit Trollen, Göttern, Berserkern (brutale Krieger, die mehr Tier als Mensch sind), Zauberern und Hexenköniginnen, Elfen und Drachen aus. Ganz wichtig sind natürlich die Schwerter. Ob das Elfenschwert Skofnung, ob Bjarkis Langschwert Lövi oder Hjaltis Goldheft – alle dienen sie in Heldentaten, von denen die Saga berichtet.

Und solche Taten waren offensichtlich nicht bloß um des Ruhmes willen nötig, sondern um allerlei Gesocks zur Räson zu bringen: nicht bloß die oben genannten Wesen, sondern auch Plünderer, Piraten und Marodeure. Sich an ihnen zu rächen und Vergeltung zu üben, hatten die könglichen Herrschaften ebenfalls mehr als einen Grund, wie man den Geschichten von Helgi, Olof, Yrsa und Vögg (der Hrolfs Tod rächte) entnehmen kann. Helden als Polizei, Richter und Vollstrecker – das war ihre Funktion. Und wenn auch nicht alles stimmen mag, was die Sagas erzählen, so sind die Zuhörer doch höchst zufrieden. Denn wer sehnt nicht Gerechtigkeit herbei in einer Welt, die so wenig davon zeigt?

_Unterm Strich_

Der Stoff von Skaflocs Schicksal bietet Gelegenheit zu großem Drama, das ist schon klar, aber die Tragödie wird nicht wie bei den alten Griechen so ausgeschlachtet, dass es aussieht, als handle es sich um ein Gottesurteil, was Skafloc da ereilt. Nein, er ist seines Schicksals Schmied – aber leider nur teilweise. Und das wird sein Verhängnis. Weil er fehlbar und menschlich ist, können wir mit ihm fühlen. Wäre das nicht so, ließe uns sein Drama kalt. So aber erringt er mit seiner größten Tat, der Vertreibung der Trolle, eine Statur, die jedem Helden der Menschen, der jemals in einem Lied verewigt wurde, zukommt: dem Retter des Volkes, dem Verteidiger der Zukunft.

Im Gegensatz dazu ist „Hrolf Krakis Saga“ eine Jahrzehnte übergreifende Saga mit mehreren Hauptfiguren. Allerdings tauchen die Götter und Elfen nur sehr am Rande auf, und das ist vielleicht gut so: Im Mittelpunkt stehen die Taten von Recken und Königen, von Zauberern und schrecklichen (Skuld) bzw. guten (Yrsa) Königinnen. Mag auch die Dramatik etwas leiden und so manche Überleitung sich ein wenig langweilig dahinziehen, so entschädigt doch das letzte Viertel voll und ganz für die Mühe, die der Rest machen könnte: Der glanzvolle Feldzug der Dänen gegen den Zauberer Adhils, ihr Untergang durch das von Zombies und Untiere verstärkte Heer Königin Skulds. Das hat Klasse, das verschlingt man förmlich beim Lesen.

Diese Doppelausgabe des |area|-Verlags macht zwei klassische „Wikinger“-Romane wieder zugänglich. „Das zerbrochene Schwert“ erschien im Mai 2005 in Neuausgabe beim |Piper|-Verlag, doch „Hrolf Krakis Saga“, die einst im |Bastei-Lübbe|-Verlag erschien, dürfte längst vergriffen sein und in nächster Zukunft wohl kaum neu aufgelegt werden.

Daher ist diese Ausgabe durchaus zu begrüßen, zumal sie a) sämtliche Vorwörter enthält und b) mit einem Preis von 9,95 Euro in dieser fest gebundenen Fassung fast so viel kostet wie eine Taschenbuch-Einzelausgabe von „Das zerbrochene Schwert“. Das Schriftbild ist zwar kleiner als üblich und es fehlt auch eine Landkarte – aber wer würde es wagen, die Grenzen des Elfenreichs zu ziehen oder die des Dänenreichs im längst versunkenen 6. Jahrhundert? Ich bin jedenfalls mit dieser Ausgabe zufrieden. Das Titelbild von Luis Royo habe ich übrigens schon mal auf einer Ausgabe eines Romans von David Gemmell gesehen – irgendwie stilecht.

|Originaltitel: The Broken Sword, 1954/1971, Hrolf Kraki’s Saga, 1973
Aus dem US-Englischen übersetzt von Rosemarie Hundertmarck|

Newman, Kim – rote Baron, Der: Anno Dracula 1918

Ende des 19. Jahrhunderts war es Dracula, dem Erz-Vampir aus dem fernen Transsylvanien, gelungen, Königin Victoria von Britannien durch den „dunklen Kuss“ zu seiner untoten Sklavin zu machen und als Prinzgemahl die Kontrolle über das britische Weltreich an sich zu reißen. Unter seiner Herrschaft breitete sich der Vampirismus über alle gesellschaftlichen Schichten aus, nachdem bekannt wurde, dass der „Kuss“ ein praktisch ewiges „Leben“ garantierte. Dracula verwandelte Britannien in eine brutale Diktatur, deren Geschicke er – unterstützt von seinen „Kindern“, die er an den Schaltstellen der Macht strategisch günstig platzierte – mit eisernem Willen lenkte. In den späten Achtzigerjahren formierte sich eine Widerstandsbewegung, der es schließlich gelang, den Tyrannen vom Thron zu stoßen.

Dracula entkam den britischen Revolutionären; er floh auf den Kontinent, wo er umgehend damit begann, die verlorene Macht zurückzugewinnen. Während er von Königshaus zu Königshaus wanderte, verwandelte er die gekrönten Häupter Europas allmählich in Untote. 1905 schlug Draculas große Stunde, als er einen Bundesgenossen fand, der sich als idealer Strohmann erwies: Wilhelm II., deutscher Kaiser, der seinerseits von einem Weltreich träumte und bereit war, Deutschland wenn nötig mit Waffengewalt einen „Platz an der Sonne“ neben Britannien, Frankreich, Österreich-Ungarn und den anderen europäischen Groß- und Kolonialmächten zu verschaffen. Dracula wurde Wilhelms Vertrauter und stieg bis 1914 zum Kanzler des Deutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Streitkräfte auf.

Im Zuge seiner Expansionspläne erklärte Wilhelm II. 1914 dem Balkanstaat Serbien den Krieg. Bündnisverträge und Beistandspakte lösten einen Domino-Effekt aus, der nach und nach sämtliche Staaten Europas in den Konflikt zog, der sich, als die Vereinigten Staaten an die Seite ihrer europäischen Verbündeten traten, schließlich zu einem Weltkrieg auswuchs.

Im Frühjahr des Jahres 1918 tobt der Krieg mit unverminderter Härte. Besonders im Westen sprengt das Morden jede Vorstellungskraft. Die Front zieht sich quer durch Holland, Belgien und Frankreich. Um ihren Verlauf wird von der Entente (Britannien und Frankreich und ihre Verbündeten) und den Mittelmächten (Deutschland und Österreich-Ungarn mit ihren Bundesgenossen) gleichermaßen erbittert wie erfolglos gerungen. Der Krieg hat sich in einen Grabenkampf verwandelt, der warmblütigen wie untoten Soldaten täglich zu Tausenden das Leben kostet.

In dieses Pandämonium wagt sich Charles Beauregard, ein hochrangiges Mitglied des britischen Geheimdienstes. Agenten haben herausgefunden, dass Dracula auf dem Château du Malinbois im deutsch besetzten Teil Frankreichs eine Geheimwaffe entwickeln lässt: Hier ist das berühmte deutsche Jagdgeschwader 1 – der „Fliegende Zirkus“ des Flieger-Asses Manfred von Richthofen – stationiert. Diese Elite ist Objekt eines bizarren Experiments. Unter der Leitung des fanatischen Arztes ten Brincken arbeitet ein Team von Wissenschaftlern daran, in den Fliegern jene gestaltwandlerischen Kräfte zu wecken und zu entwickeln, die sämtliche Untote zumindest latent besitzen. Das Projekt ist erfolgreich; die Angehörigen des JG1 können sich in gigantische, fledermausartige Flugwesen verwandeln, die an Kraft und Wendigkeit jedem Flugzeug weit überlegen sind. Im Frühjahr des Jahres 1918 behaupten sie den Luftraum über dem Château du Malinbois. Dennoch kann Beauregard ein noch größeres Geheimnis lüften: Das Schloss wird Draculas Befehlszentrale sein, von der aus er eine unmittelbar bevorstehende, gigantische deutsche Offensive leiten wird …

Eine ausführliche Inhaltsangabe, die dennoch nur einen Abriss der Handlung darstellt: Schon die Schwierigkeit, den Inhalt des Romans „Der rote Baron“ auch nur annähernd zu beschreiben, belegt eindrucksvoll, welches komplexe und in jeder Hinsicht reiche Werk dem amerikanischen Schriftsteller Kim Newman (geb. 1959) gelungen ist – und dies bereits zum zweiten Mal, stellt „Der rote Baron – Anno Dracula 1918“ doch die (lose) Fortsetzung von „Anno Dracula“ dar, das im Britannien des Jahres 1888 spielte. In diesem ersten Band treffen wir an prominenter Stelle einen noch jungen, energischen Charles Beauregard, der sich der Revolution gegen den Fürsten der Untoten anschließt und bei der Vertreibung Draculas eine entscheidende Rolle spielt. Drei Jahrzehnte später ist es erneut (ein stark gealterter) Beauregard, der sich bemüht, den Grafen zu stoppen, der sein böses Spiel nun mit dem Deutschen Reich treibt und die gesamte Welt in einen Krieg stürzt.

Man sieht: Wir haben es hier nicht mit einem altmodischen, aristokratisch-bleichen Blutsauger zu tun, der ein rotgefüttertes Cape trägt, des Nachts Jungfrauen überfällt und sich darauf beschränkt, seine Allmachts-Fantasien aus den Grüften baufälliger Burgen heraus zu verwirklichen; kein Wunder, dass dieser in einer modernen Welt verlorene Dracula, wie wir ihn aus zahllosen mehr oder minder (meistens minder) gelungenen Filmen kennen, immer recht bald mit einem Pflock im Herzen endet.

Dass Dracula weit mehr sein kann als der simple Buhmann unterhaltsamer Mitternachts-Vorstellungen, hat eindrucksvoll Francis Ford Coppola in den Rückblenden seines „Dracula“-Films von 1992 bewiesen. Der zeitgenössische Vlad Tepes II. (1433-1477) war zu seinen Lebzeiten nicht nur ein grausamer, sondern auch ein sehr erfolgreicher Herrscher, dem es als „Woiwode“ der (später rumänischen) Walachei über Jahrzehnte gelang, die mächtigen und expansionswütigen türkischen und bulgarischen Nachbarn in Schach zu halten. In der Wahl seiner Mittel war er gewiss nicht wählerisch, aber Kriegsherrn wie ihn gab es im Mittelalter viele. Der Erfolg gab ihm jedenfalls Recht und bewies, dass Vlad, der gefürchtete Pfähler, ein entschlossener und auch intelligenter Mann gewesen ist. Diese Eigenschaften sollte er sich eigentlich auch nach seinem Tode und der Wiederauferstehung als Vampir bewahrt haben. Insofern setzt Kim Newman dem „wahren“ Dracula ein literarisches Denkmal.

Newmans Dracula ist im Jahres 1918 noch immer ein rücksichtsloser, zu allem entschlossener Krieger – und ein Überlebenskünstler. Letztes lässt ihn immer wieder aus schier aussichtslosen Situationen entkommen. Ersteres wendet sich in „Der rote Baron“ allerdings zum zweiten Mal gegen Dracula. In der modernen Welt des 20. Jahrhunderts ist ein Kriegsherr nach mittelalterlichem Muster eindeutig ein Anachronismus. Dracula spielt geschickt die Königshäuser Europas gegeneinander aus, und als Oberbefehlshaber der deutschen Armee weiß er die technischen Errungenschaften seiner Zeit einzusetzen. Dennoch ist er in seinem Denken noch immer dem Mittelalter verhaftet, in das er geboren wurde. Der Krieg, den er 1914 entfesselte, wie er es seit Jahrhunderten tut, um sich zu nehmen, was er mehr als alles andere begehrt – die uneingeschränkte Macht nämlich -, entgleitet schließlich seiner Kontrolle, weil nicht einmal er einen Weltkrieg steuern kann. Am Ende steht Dracula einmal mehr vor den Scherben seiner Vision. Freilich wird ihn das nicht abhalten, es aufs Neue zu versuchen.

Mit erstaunlicher Sicherheit weiß Autor Newman die reale Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit seiner erfundenen Historie zu verquicken. Plötzlich scheint es durchaus logisch zu sein, dass die Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo, die 1914 den Weltkrieg auslösten, fielen, weil seine serbischen Untertanen es nach jahrhundertelangem Kampf gegen die „Nosferatu“ nicht ertrugen, von einem Untoten regiert zu werden. Auch die Schrecken des Grabenkrieges werden plastisch geschildert. Dass in Newmans Welt „normale“ Menschen und Vampire mit- und gegeneinander kämpfen, wird beinahe nebensächlich angesichts der mörderischen Eigendynamik, die der Krieg längst entwickelt hat.

Vor dem grimmigen Kriegs-Spektakel muss Newmans eigentliche Geschichte notgedrungen ein wenig verblassen. Der „Fliegende Zirkus“ des Barons von Richthofen und seine Verwandlung in wahre Dämonen der Lüfte ist fast ein enttäuschend „normaler“ Einfall, wie man ihn in jedem x-beliebigen Horror-Roman finden könnte. Aber auch jetzt besticht „Der rote Baron“ durch die sorgfältige, beinahe dokumentarische Schilderung des Kampfes gegen den berüchtigten „Roten Baron“, der sich zwar als blutdürstige, gleichzeitig aber tragische Gestalt entpuppt, die um die Aussichtslosigkeit ihres Tuns durchaus weiß.

Wie der erste Teil der „Anno Dracula“-Serie gewinnt die Fortsetzung einen besonderen Reiz aus der Tatsache, dass Autor Newman nicht nur Personen der Zeitgeschichte auftreten lässt, sondern wie selbstverständlich Charaktere zum Leben erweckt, die völlig fiktiv sind und den Werken anderer Schriftsteller entnommen wurden. So kann es geschehen, dass in einem Feldlazarett der Entente H. G. Wells‘ Dr. Moreau neben H. P. Lovecrafts Herbert West, dem „Wiedererwecker“, am Operationstisch steht, Jules Vernes Ingenieur Robur seine Kampf-Luftschiffe über Paris schweben lässt oder Norbert Jacques‘ Dr. Mabuse das deutsche Kriegspresseamt leitet. Aber auch Personen, die tatsächlich gelebt haben, sieht man in Kim Newmans alternativen Welt des Jahres 1918 in völlig neuen Rollen; da kann es dann geschehen, dass der untote, im Exil lebende Schriftsteller Edgar Allan Poe in den Sälen des Prager Gerichts dem Schreiber Franz Kafka begegnet, bevor er im Auftrag Dr. Mabuses nach Frankreich reist, um dort eine Biographie des Flieger-Helden Manfred von Richthofen zu verfassen, dessen „Burschen“ Fritz Haarmann und Peter Kürten heißen … Solche an sich absurden Paarungen präsentiert Newman in rascher Folge, doch er konstruiert sie so geschickt, dass man ihrer niemals überdrüssig wird.

So ist „Der rote Baron – Anno Dracula 1918“ ein würdiger zweiter Band einer Reihe, die Kim Newman 1998 zu einer Trilogie ausgebaut hat: „Judgement of Tears – Anno Dracula 1959“ (auch unter dem merkwürdigen Titel „Dracula Cha Cha Cha“ veröffentlicht) beschreibt die Abenteuer des Vampirfürsten und seiner Gegner in der Ära des Kalten Krieges und des Rock ’n‘ Roll; allerdings spielt dieser Roman in Italien, ist vom Grundton wesentlich humorvoller angelegt und erinnert an eine Dario-Argento-Version von Fellinis „La Dolce Vita“.

Eddings, David & Leigh – wilde Land, Das (Götterkinder 1)

Um dem aggressiven Vordringen des Bösen Einhalt zu gebieten, müssen sich die vier Götter der Welt zusammentun, um entsprechende Armeen aufzustellen. Sie selbst dürfen nicht töten. Bei dieser Unternehmung erweisen sich ihre jeweiligen „Götterkinder“ oder Träumer von besonderem Wert.

_Die Autoren_

David Eddings, geboren 1931, und seine Frau Leigh gehören zu den erfolgreichsten Autoren von Fantasyserien. 1982 wurde sein erster fünfbändiger Zyklus, Die Belgariad-Saga, zum Bestseller, und eine ganze Reihe weiterer folgten. Schließlich veröffentlichte er mit dem „Riva-Kodex“ sogar eine fiktive Historia seiner erfundenen Welt. Mit „Althalus“ erschien erstmals ein Fantasy-Soloroman. Mit zwei anderen Romanen erkundete er das Terrain des Psychothrillers, bevor er mit „Götterkinder“ doch wieder einen neuen Zyklus begann. Der erste Band liegt jetzt auf Deutsch vor; Teil 2, „Dämonenbrut“, folgte im Februar 2005.

_Handlung_

Vier Götter behüten seit alters her das Land Dhrall. Jedem seiner Quadranten ist ein Gott oder eine Göttin zugewiesen. Im Westen herrscht die Göttin Zelana. Sie ist willensstark, aber an den Angelegenheiten der Evolution wenig interessiert. Daher entgeht ihr auch die Entwicklung des Homo sapiens völlig, bis ihr nördlicher Bruder Dahlain sie darauf aufmerksam macht, dass Ungemach droht und sie gefälligst vielleicht doch etwas unternehmen könnten. Zelana spielt lieber in ihrer Meereshöhle an der Küste ihrer Insel.

So kommt es, dass ein böses Wesen namens Vlagh von der unbewachten Zone in der Mitte des Landes Dhrall aus seinen Einfluss auf die angrenzenden Gebiete ausweiten kann. Wie weiland Tolkiens Morgoth und Sauron erschafft es gefährliche Zerrbilder der vorhandenen Kreaturen, bis sie ihm bedrohlich und unbesiegbar genug sind. Das Vlagh bereitet eine Invasion vor.

Unterdessen hat Dahlain allen seinen drei Geschwistern ein Geschenk gemacht: einen sogenannten Träumer. Zelanas Träumer ist ein zauberhaftes Mädchen, das sie Eleria nennt. Von Mutter Meer bekommt Eleria eine riesengroße Perle geschenkt, die ihr offenbar beim Träumen hilft. Sie warnt Zelana vor dem Vlagh, so dass erst einmal Kriegsrat gehalten wird.

Zelana verspricht, eine Kriegerschar aufzustellen, um der Vlagh-Invasion entgegenzutreten. Leichter gesagt als getan. Erst muss sie mal ein paar Recken finden. Da wäre in den Küstenlanden Dhralls zunächst Langbogen. Nachdem seine Braut kurz vor der Hochzeit von einem Diener Vlaghs getötet wurde, widmet Langbogen sein Leben der Jagd auf die Vlagh-Kreaturen.

Dann beschafft Zelana mit ihrem Gold eine riesige Flotte aus dem Lande Maag, die sie, nach einigen Widerständen, endlich auch nach Dhrall schaffen kann, um mit den Seeleuten ein Heer aufzustellen. Nachdem ihre Geschwister ebenso verfahren sind, kann ja der Krieg nun eigentlich losgehen. Oder?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal gilt es, dem von diversen US-Präsidenten beschworenen „Reich des Bösen“ (oder gar einer „Achse von Schurkenstaaten“) Einhalt zu gebieten und ein streitbares Heer der „Willigen“ aufzustellen. Wie willig diese jedoch sind, hängt ganz von der Menge Gold ab, mit der sie jeweils bezahlt werden. Das gilt besonders für die Maag-Piraten unter Käpt’n Hakenschnabel und die trogitische Söldnerarmee unter Kommandant Narasan. Rühmliche Ausnahmen stammen allesamt aus dem bedrohten Lande Dhrall selbst: Hier geht es nämlich um Heimatschutz. Und dafür lässt man sich schließlich nicht bezahlen, oder?

Was hier nach einer Neuauflage des 3. Golfkrieges und etlicher Midkemia-Romane des Eddings-Kollegen Raymond Feist klingt, wird nur durch zwei Aspekte erträglich. Das eine Element bilden die Götter und ihre Träumer, das andere der Humor.

Die vier genannten Götter stammen von Vater Erde und Mutter Meer ab. Das kehrt die Zuteilung der griechischen Antike um, in der von Vater Okeanos und Mutter Gäa alle Götter abstammen. Das Abkupfern wollten die Eddings wohl nicht so offensichtlich machen. Der nördliche Gott Dahlain hat hingegen starke Ähnlichkeit mit Hephaistos / Vulkan, denn er ist Schmied. Allerdings ist er weder mit der Liebe Blindheit (zu Venus) noch mit Behinderungen geschlagen, sondern ein hervorragender Stratege, der seinen Geschwistern verbal in den Hintern tritt, damit sie endlich was unternehmen.

Dahlain ist es auch, der ihnen und sich je ein Götterkind zur Seite stellt, einen Träumer. Sie erweisen sich als Agenten seines Willens, aber auch als Empfänger für den Willen von Mutter Meer (Eleria) und Vater Erde (Yaltar, Dahlains Träumer). Noch ist nicht klar, ob sie bald die aktuellen Götter ablösen werden, deren Zyklus sich nach Äonen nun seinem Ende zuneigt. Zelana beispielsweise leidet unter Erinnerungslücken: göttlicher Alzheimer? Kein Wunder, dass sie auf Eleria angewiesen ist.

Dieses Schmusekätzchen dürfte wohl eine Erfindung von Leigh Eddings sein, denn nur eine Frau würde vermutlich auf die Idee kommen, dass ein Kind sich die Recken der Heere erobert, indem es sie küsst und Küsschen einfordert, sich ihnen auf den Schoß setzt und dort prompt ein Schläfchen hält. Diese Auserwählten scheinen immerhin zu den Intelligenteren der maßgeblichen Krieger zu zählen, also hat Eleria keinen schlechten Geschmack. Natürlich werden die so „Beglückten“ von den anderen Kämpfern schief angeguckt.

Dies ist nur ein Beispiel für den sympathischen Humor und die durchweg vorhandene Ironie, mit der sich die Eddings seit jeher ihre zu Millionen zählende Lesergemeinde eroberten. Eine weitere Quelle für humoristische Szenen und Dialoge bietet das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Volksvertreter, insbesondere zwischen den Kommandanten Narasan (Trogit) und Hakenschnabel (Maag), aber auch zwischen Langbogen und Rotbart (beide aus Dhrall) sowie Hase (Maag) und Keselo (Trogit).

Ein wenig enttäuscht hat mich das Fehlen von richtiger Action in diesem Band. Nicht, dass man den Helden wünschen würde, dass sie es mit dem Gift von Schlangenwesen aufnehmen sollten. Aber ein wenig Handgemenge und Getümmel hat noch keinem Heroic-Fantasy-Roman geschadet. Daher scheinen die Eddings etwas anderes im Sinn gehabt zu haben. Zwar geht es um den Krieg gegen unmenschliche Gegner – das Vlagh hat viel Ähnlichkeit mit Morgoth und Sauron, und seine Diener entsprechen den Orks. Doch im Vordergrund stehen die Götter und ihre Helfer. Hier scheint die Hauptentwicklung zu liegen. Wie diese verlaufen wird, ist noch nicht abzusehen, aber da der Zyklus der aktuellen Götter um Dahlain abgelaufen ist, dürfte es eine interessante „Wachablösung“ geben. Am Ende könnte das „Reich des Menschen“ stehen, mit allen Vor- und Nachteilen, sozusagen das Vierte Zeitalter (gemäß Tolkien).

_Unterm Strich_

Nach zwei anspruchsvolleren Soloromanen kehren die Erfolgsautoren David & Leigh Eddings wieder in ihre angestammte Domäne der Fantasyserien zurück. Der erste Band der mindestens vierbändigen „Trilogie“ – je einen pro Götterdomäne – ist so leicht verständlich geschrieben, dass selbst Neun- oder Zehnjährige damit kaum Probleme haben dürften. Das ist heute die Generation, die schon ans Spielen auf dem PC denkt.

Insbesondere die Mädels kommen auf ihre Kosten. Die wichtigste Göttin ist die etwas launische und bequeme Zelana, und ihr wichtigster Helfer die kleine Eleria, die zwar unschuldig und honigsüß tut, aber die Schlaueste und Entschlossenste unter allen Götterwesen zu sein scheint (ihre Auserwählten Hase und Keleso haben sie genau beobachtet). Von ihr dürfen sich die Mädels noch einiges erwarten.

Die Jungs werden an den diversen Kriegshandlungen ihre Unterhaltung finden. Denn auch an den Listen des Vlagh herrscht kein Mangel. Das fordert die Recken und Kommandanten heraus, ebenso wie es die Hirnzellen der Leser anspornen dürfte. Dass auch die Recken über weibliche Listen verfügen können, demonstrieren Langbogen und sein Freund Rotbart, als sie ihr Volk zum Umsiedeln überreden müssen. Da werden sogar die gestandenen Frauen (ein wenig) rot.

Kurzum: Der „Götterkinder“-Zyklus hat wieder einmal das Zeug zum Bestseller für die jungen Massen. Mir selbst war es zu leichte Lektüre. Aber lustig war’s schon.

|Originaltitel: The Dreamers, Vol. 1 – The Elder Gods
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Helweg|

Schulte von Drach, Markus Christian – Furor

Michael Crichton und Dan Brown haben Konkurrenz bekommen! Endlich wagt sich ein promovierter Biologe an das Schreiben eines Wissenschaftsthrillers, endlich müssen wir uns nicht mehr die naturwissenschaftlichen Ideen und Phantasien von Medizinern und Englischlehrern durchlesen, die nicht selten ziemlich abstrus und undurchdacht wirkten. Markus Christian Schulte von Drach hat mit „Furor“ einen rasanten Thriller vorgelegt, der reale Wissenschaft mit (noch?) fiktiven Ideen mixt und daraus eine äußerst brisante Mischung erschafft.

_Furiose Wissenschaft_

In den letzten Minuten vor seinem Tod spricht der berühmte Hirnforscher Christian Raabe seinem Sohn Sebastian auf die Mailbox und bittet ihn, bestimmte Daten auf seinem Institutsrechner ungelesen zu löschen. Kurze Zeit später wird Christian Raabe mit zerquetschtem Hirn auf dem Dach des Fahrstuhls im Wilder-Penfield-Institut gefunden. Da sein Herz noch schlägt, wird er zunächst ins Krankenhaus gebracht, wo sein Körper am Leben erhalten wird.

Als Sebastian Raabe die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, ist er geschockt und kann nicht an den angeblichen Selbstmord unter Alkoholeinfluss seines Vaters glauben. Schnell findet Sebastian heraus, dass sein Vater seinen Rechner durch ein Passwort geschützt hat, welches er nicht kennt und auch nicht durch den kryptischen Spruch zu entziffern weiß, den der Computer ihm verrät. Er bittet seinen guten Freund Mato um Hilfe, doch kommt er dem Rätsel nicht auf die Spur. In der Wohnung seines Vaters fällt Sebastian das Tagebuch seines Vaters in die Hände, in welchem dieser zwei seiner engen Kollegen beschimpft. Außerdem findet er dort einen Brief, den sein Vater an seine Frau geschrieben, aber offensichtlich nicht abgeschickt hat. Im Brief berichtet Christian Raabe von einer schrecklichen Katastrophe, von der Sebastian bislang nichts gewusst hatte, sodass der unvollendete Brief an seine verstorbene Mutter ihm Rätsel aufgibt. Als Sebastian den Freund seines Vaters Wallroth auf den Brief anspricht, erzählt dieser ihm eine wenig glaubwürdige Geschichte, die Sebastian nicht zu überzeugen vermag.

Mit der Hilfe seiner Freunde schafft Sebastian es schließlich, das Passwort seines Vaters zu entschlüsseln und findet auf dem Rechner brisante Forschungsergebnisse, an deren Existenz Sebastian kaum glauben mag. Doch allzu schnell muss er realisieren, dass das Wissen um diese Ergebnisse ihn in höchste Gefahr bringt …

_Technik, Spannung, Action – Was will man mehr?_

Im gleichen Stil wie beispielsweise auch Dan Brown stellt Schulte von Drach den mysteriösen Tod des renommierten Wissenschaftlers Christian Raabe an den Anfang seines Buches und lässt damit sogleich die Spurensuche beginnen. Raabes Sohn Sebastian kann nicht an den Selbstmord seines Vaters glauben und sucht nach Motiven und auch nach dem Passwort für den Institutscomputer. Viele Fragen werden aufgeworfen, die nach Antworten verlangen. So kommt von Anfang an kein bisschen Langeweile auf, das Buch beginnt von der ersten Seite an rasant und geheimnisvoll.

In einem zweiten Handlungsstrang lesen wir Ausschnitte aus dem Protokoll der Sitzung des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses „Spezialkräfte“, in der ein Massaker im Sudan, ausgeübt durch deutsche Soldaten, geklärt werden soll. Die Soldaten können sich gar nicht mehr wirklich an das Geschehen erinnern oder an mögliche Gründe für ihr aggressives Verhalten. Verschiedene Gutachter werden um ihre Meinung gebeten und bringen schlussendlich etwas Licht in das Dunkel, sodass im Laufe des Buches ein immer klareres Bild von den Ereignissen im Sudan entsteht. Auch dauert es nicht lange, bis der Leser die Verbindung zwischen beiden Handlungssträngen erahnt.

Der Spannungsbogen ist fast durchweg gut gelungen, nahezu die gesamten 343 Seiten hält der Autor das Tempo seiner Handlung hoch, doch zwischendurch gibt es leider kleine Hänger, die dem Leser unerklärlich bleiben. Beispielsweise schaut sich Sebastian nicht sofort die vom Rechner seines Vaters kopierten Daten an, obwohl er doch vorher so intensiv nach dem Passwort geforscht hatte. Und als Sebastian sich mit seinen Freunden zusammen in zwei fremde Rechner gehackt hat, interessiert er sich anschließend kaum für die gewonnenen Dateien, die doch Aufschluss hätten geben können über die falsch spielende Person und die Hintergründe für den möglichen Mord an seinem Vater. An diesen Stellen lässt die Spannung etwas nach, da man sich beim Lesen über Sebastians Verhalten wundert.

Ganz anders ist dies im letzten Viertel, wenn Schulte von Drach in die Trickkiste greift und ein paar zu viele Actionelemente einbaut, die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Romans aufkommen lassen. Allerdings ist hier die Handlung dermaßen rasant und fesselnd, dass man das Buch auf den letzten hundert Seiten nicht mehr zur Seite legen kann.

_Mustergültiger Wissenschaftsthriller_

Diesem Roman merkt man deutlich an, dass der Autor selbst viel liest, speziell im Thrillergenre, denn er bedient sich sämtlicher typischer Elemente, die für dieses Genre üblich sind. So lässt Schulte von Drach seine Leser kaum verschnaufen, da immer neue Hinweise auf die Zusammenhänge zwischen Christian Raabe und seinem mysteriösen Tod auftauchen. Auch die Wechsel zwischen zwei Handlungssträngen, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben, am Ende allerdings zusammengeführt werden und einen Sinn ergeben, kennt man von anderen Thrillern. Am Ende des Buches steht ein actionreiches Showdown, welches wiederum an zwei unterschiedlichen Schauplätzen stattfindet, sodass hier schnelle Wechsel von einem Ort zum anderen immer mehr Spannung aufkommen lassen.

Natürlich darf auch nicht die übliche Liebesgeschichte zwischen dem männlichen Protagonisten und einer hübschen und intelligenten Frau fehlen, deshalb entwickelt sich zwischen Sebastian und der Journalistin Sareah Anderwald eine leidenschaftliche Affäre, wodurch auch Sareah in das Zentrum der Gefahr gerückt wird. Von außen erhalten die guten Figuren wieder Hilfe, wobei auch hier einer falsch spielt und Böses im Schilde führt. Nebenbei hat Sebastian einige Rätsel zu lösen, die sein Vater und dessen Tagebuch sowie der gefundene Brief ihm aufgegeben haben.

Umrahmt wird diese rasante Geschichte durch interessante wissenschaftliche Details, die zwischendurch immer wieder erörtert und dem unkundigen Leser erklärt werden. Doch erst im Nachwort erfährt der Leser, wo an dieser Stelle die Phantasie des Autors einsetzt und wissenschaftlichen Fortschritt erfindet, den es noch gar nicht gibt. Die Ausführungen über die aktuelle Hirnforschung nehmen dabei nie überhand, als naturwissenschaftlich interessierter Leser hätte man sich durchaus noch mehr Informationen gewünscht, aber Schulte von Drach schafft es, sein Wissen überzeugend und interessant vorzutragen, sodass er auch diejenigen ansprechen dürfte, die sich für Hirnforschung eher weniger begeistern können.

Auch sprachlich orientiert sich Schulte von Drach an seinem offenkundigen Vorbild Michael Crichton, denn seine Sprache ist einfach zu verstehen und flüssig zu lesen, selbst die wissenschaftlichen Erörterungen bleiben stets verständlich. Nirgends tauchen komplizierte Satzkonstrukte auf, über die man beim Lesen stolpern könnte und wenn am Ende das Erzähltempo angezogen wird, werden die Sätze sogar noch übersichtlicher und kürzer. All dies führt dazu, dass „Furor“ zu einem rasanten Leseerlebnis wird.

_Nichts ist unmöglich_

Für seinen Erstlingsroman hat Markus Christian Schulte von Drach sich ein hochbrisantes Thema herausgesucht. In „Furor“ ist es Hirnforschern nämlich gelungen, die Erinnerungen von Toten auf Film-CDs zu speichern, die man sich später ansehen und nachfühlen kann. Die Wissenschaft ist hier nicht mehr weit davon entfernt, das Hirn von Probanden zu manipulieren, Erinnerungen zu beeinflussen und sich diese Kenntnisse für gefährliche Zwecke zu Nutze zu machen. Die Thematik fasziniert von der ersten Seite an, denn auch die aktuelle Forschung hat schon viele Teile des Hirns und seine Aktivitäten entschlüsselt, sodass die Handlung dieses Thrillers gar nicht mehr so weit hergeholt erscheint, wenn es denn den hier erwähnten „Raab’schen Kanal“ wirklich geben würde, durch welchen fast alle Informationen laufen müssen. In seinem Nachwort macht der Autor noch mal deutlich, was heutzutage möglich ist und an welchen Stellen er selbst für seinen Roman hinzugedichtet hat.

Die hierdurch möglichen Konsequenzen werden in einem zweiten Nachwort des Wissenschaftlers Christof Koch vom California Institute of Technology in Pasadena/USA diskutiert. Durch diese Hinweise wirkt das Buch nach und regt den Leser selbst zum kritischem Hinterfragen an, denn die hier vorgestellten Möglichkeiten könnten wahrlich erschreckende Folgen nach sich ziehen. Wieder einmal wird deutlich, dass die immer weiter voranschreitende Wissenschaft nicht nur positive Konsequenzen hat, sondern auch große Gefahren mit sich bringt, wenn das neue Wissen von den falschen Mächten missbraucht wird.

_Figuren und ihre Klischees_

Bei der Charakterzeichnung konzentriert Schulte von Drach sich speziell auf Sebastian Raabe, der von Anfang an alle Sympathien auf sich vereinigt, da er der Idealtypus des netten und erfolgreichen Medizinstudenten ist, der den Tod seines Vaters zu verkraften und dessen Hintergrund zu enträtseln hat. Obwohl Sebastian doch wenige Eigenschaften aufweist, die ihn vom typischen Romanhelden abheben, fühlt man doch stets mit ihm mit und wünscht sich, dass er den bösen Kräften auf die Spur kommen wird. Seelisch-moralische Unterstützung erhält Sebastian von seiner neuen Freundin Sareah, die wirklich alle Klischees auf sich vereinigt. Selbstverständlich ist sie jung, hübsch und intelligent und steht ihrem Freund in allen Gefahren bei.

Erst in Sebastians Freundeskreis taucht eine etwas gescheiterte Figur in Form seines Freundes Hobbes auf, der eine dunkle und undurchsichtige Vergangenheit verlebt hat. Ein wenig hat es den Eindruck, dass die hollywoodtypischen Charaktere verwendet werden, die eine Verfilmung dieses Romans stark erleichtern würden. Dennoch fällt dieser Punkt nicht wirklich negativ ins Gewicht, da die Geschichte an sich zu überzeugen weiß und der Leser angesichts dieser Figuren doch ein Auge zudrücken mag.

_Unter dem Strich_

Mit nur kleinen Schönheitsfehlern ist Markus Christian Schulte von Drach ein fulminanter Wissenschaftsthriller gelungen, der sich nicht hinter Werken von Michael Crichton verstecken muss und auf dem Buchdeckel zurecht Werbung mit diesem Vergleich macht. Die Thematik des Buches ist faszinierend und regt zum Nachdenken über wissenschaftsethische Fragen an, auch schafft der Autor es überzeugend, den tatsächlichen Stand der Forschung mit seinen eigenen Ideen zu vermischen. Einzig die Figurenzeichnung überzeugt nicht wirklich, allerdings mindert das den Gesamteindruck des Buches nicht, da authentische Charaktere in Thrillern meist Mangelware sind. Auch der Spannungsbogen versteht es mitzureißen, nur zum Schluss trägt Schulte von Drach etwas zu dick auf und fügt zu viele Actionelemente ein, sodass „Furor“ zwar nicht durchweg zu überzeugen weiß, aber doch ein unterhaltsames und interessantes Lesevergnügen verspricht, das ich jedem Fan von Wissenschaftsthrillern nur empfehlen kann.

Agatha Christie – Die blaue Geranie

Beim Hörverlag sind in letzter Zeit diverse Lesungen von Agatha-Christie-Romanen als Hörbuch erschienen, und jedes dieser Hörbücher erstreckt sich über die Spielzeit von 3 CDs bzw. ungefähr 170 Minuten. Im Rahmen dieser Serie sind unter anderem Klassiker wie „16 Uhr 50 ab Paddington“, „Mord im Orientexpress“ oder „Die Morde des Herrn ABC“ erschienen, Meisterleistungen und Klassiker der Krimi-Geschichte. Das mir vorliegende Hörbuch zu „Die blaue Geranie“ mit gerade mal knappen vierzig Minuten Spielzeit fällt da in der Konzeption etwas aus dem Rahmen, sowohl, was die Aufmachung, aber auch die Güteklasse der Story an sich und die Umsetzung als Lesung angeht. Die hektische Erzählweise und die über weite Strecken fehlende Spannung, welche man ja sonst aus den Erzählungen der legendären Krimi-Autorin gewohnt ist, überraschen nämlich durchaus unangenehm. Dabei könnten die Rahmenbedingungen kaum besser sein; mit der deutschen Stimme des Gandalf aus den „Herr der Ringe“-Filmen, Achim Höppner, hat man einen sehr guten Sprecher für diese Geschichte finden können und die Story an sich gibt in den Grundzügen auch einiges her; doch das Resultat gehört einerseits sicherlich zu den schwächeren Arbeiten der Krimikönigin und wird zudem durch die Umsetzung der Lesung selbst noch geschmälert.

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Ellroy, James – L.A. Confidential

Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …

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J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums

Das geschieht:

„Nimbus III“ ist ein Wüstenplanet, der die Grenze zwischen der Föderation und den Imperien der Romulaner und Klingonen markiert. Die drei latent verfeindeten Mächte verwalten „Nimbus III“ gemeinsam. Auf einen Notruf von dort schickt die Sternenflotte das Raumschiff „Enterprise“ unter Captain James T. Kirk. Aus dem klingonischen Reich naht das Schlachtschiff „Okrona“. Kapitän Klaa würde sich gar zu gern das Kopfgeld verdienen, das nach dem „Genesis“-Vorfall (vgl. „Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock“) auf den legendären Kirk ausgesetzt wurde.

Auf „Nimbus III“ wartet der vulkanische Messias Sybok. Aus seiner Heimat als Rebell und Ketzer vertrieben, weil er sich der für sein Volk so typischen Gefühlskontrolle nicht unterwarf, jagt er seit Jahrzehnten seinem Traum von Sha-ka-Ree hinterher, dem mythischen Paradies der Vulkanier, wo Gott höchstpersönlich residieren soll. Sybok glaubt, diesen Ort endlich lokalisiert zu haben: im Zentrum der Galaxis und hinter der Barriere aus Staub und glühendem Plasma, das jedem Raumschiff den Einflug verwehrt. Aber Gott hat zu Sybok gesprochen und ihm verraten, wie dieses Hindernis zu überwinden ist. Dazu benötigen er und seine Anhänger ein Schiff, und so locken sie eines nach „Nimbus III“. J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums weiterlesen

Ballard, Robert D. / Archbold, Rick – Entdeckung der Bismarck, Die

Sie galt als der Stolz der Reichsmarine, 260 Meter lang, 32 Meter breit. Ein Ehrfurcht gebietender Stahlkoloss, gepanzert mit dreizehn Zentimeter starken Platten, ausgerüstet mit vier Waffentürmen zu je zweimal 380-mm-Geschützen, auch die „mittlere Artillerie“ entsprach in ihrem Kaliber in etwa dem, was auf anderen Schiffen großteils schon als Hauptbewaffnung galt. Ein Monstrum, gebaut und vom Stapel gelaufen zu nur einem Zweck: Tod und Vernichtung zu speien – vorzugsweise auf den Handelsrouten der Briten, um England im zweiten Weltkrieg auszuhungern. Die Rede ist von Deutschlands damaligem Prestige-Schlachtschiff „Bismarck“. Ihre einzige Fahrt der Operation „Rheinübung“ sollte gleichzeitig ihre letzte sein.

Auch ihr Schwesterschiff „Tirpitz“ stand unter keinem guten Stern und liegt heute – versenkt von Flugzeugen und Kleinst-U-Booten – im skandinavischen Osta-Fjord. Mit dem Verlust der Titanen fror Hitlerdeutschland den Bau weiterer Superschlachtschiffe ein, deren Ära eigentlich schon längst mit Erfindung des trägergestützten Flugzeugs ohnehin obsolet geworden war. Die alliierte Hetzjagd auf die |Bismarck| ist legendär und sie endete mit ihrer Versenkung im Ostatlantik. Der umtriebige Meeresgeologe Robert D. Ballard machte sich in den Achtzigern auf die Suche nach dem berühmtesten deutschen Wrack.

_Historisches_

19. Mai 1941 – Die |Bismarck| und ihr Begleitschiff |Prinz Eugen| versuchen in einer Nacht-und-Nebelaktion, unbemerkt von ihrem Stützpunkt im norwegischen Grimstadfjord zu ihrem Einsatzort im Atlantik zu gelangen. Operation „Rheinübung“ hat begonnen. Kurz zuvor wird das Kommando vom erfahrenen und besonnen Kapitän Lindemann an den bärbeißigen und großkotzigen Admiral Lütjens übertragen. Der wohl erste fatale Fehler in diesem Einsatz überhaupt. Zu ihrem weiteren Unglück bemerkt eine Aufklärungs-Spitfire der britischen Admiralität zufällig und trotz dichter Bewölkung die Kampfgruppe bei Bergen am Nachmittag des 22. Mai. In London schrillen verständlicherweise die Alarmsirenen: Die Hunnen haben ihr Monster tatsächlich von der Kette gelassen und es ist klar, dass es über Scapa Flow und die Dänemark-Straße (bei Grönland) durchzubrechen versucht.

24. Mai 1941 – Die Kreuzer |Suffolk| und |Norfolk| halten Fühlung mit dem Gegner, das gefürchtete Schlachtschiff |Hood| – der Nationalstolz der Briten – und sein Pfadfinder, die neue (und sehr unerprobte) |Prince of Wales|, preschen heran, um die deutsche Kampfgruppe zu stellen, nehmen aber versehentlich zuerst das Führungsschiff – die |Prinz Eugen| – statt des Hauptgegners |Bismarck| am frühen Morgen aufs Korn. Diese bleibt wie durch ein Wunder jedoch fast unbeschädigt. Nach sechs Minuten des Distanzgefechts erzielt eine Salve der |Bismarck| auf der |Hood| einen schweren Treffer, der das Schiff innerhalb von Sekunden auseinanderreißt und versenkt.

Doch auch die |Bismarck| kommt nicht ungeschoren davon. Nachdem die britischen Schiffe ihren Irrtum bemerken, können sie einige Treffer landen, die sie auf etwa 28 Knoten verlangsamen und ihren Treibstoffvorrat drastisch reduzieren. Der Einsatz des britischen Flugzeugträgers |Victorious| verläuft wie das Hornberger Schießen: Weder gelingt es den Briten, einen „Aal“ ins Ziel zu bringen, noch schafft es das frenetische Abwehrfeuer der |Bismarck|, einen der zerbrechlichen Flieger herunterzuholen. Pattsituation einstweilen. Die |Bismarck| ermöglicht durch eine Finte das Entkommen der |Prinz Eugen|.

25. und 26. Mai 1941 – Die britische Admiralität detachiert starke Kampfverbände, um die waidwunde |Bismarck| endgültig zu versenken, auch die britischen Träger |Ark Royal| und |Victorious| sind mit von der Partie, zudem das neue Flaggschiff |King George V| sowie kleinere Einheiten der Homefleet – genannt „Force-H“. Zwischendurch verliert man die Fühlung zu beiden Deutschen, doch Gevatter Zufall schlägt ein weiteres Mal zu: Ein Catalina-Flugboot der Coastal Guards spürt die beiden Schiffe auf, wird vom erbitterten Flak-Feuer zwar erwischt, jedoch nicht abgeschossen.

Die |Ark Royal|, der zweite Flugzeugträger im Operationsgebiet, entsendet ihre Doppeldecker des Typs Swordfish, diese sind je mit einem einzelnen Torpedo ausgerüstet. Die ersten Angriffswellen schlagen fehl, doch ein einziger Aal trifft die |Bismarck| an ihrer empfindlichste Stelle: dem Ruder. Es verkeilt sich und der ohnehin angeschlagene Titan kann nur noch im Kreis fahren – ganz wehrlos ist er deswegen noch nicht. Durch die Biskaya zu kommen und den rettenden Hafen von Brest zu erreichen, scheint immer unwahrscheinlicher.

27. Mai 1941 – Am frühen Morgen sichten das Großkampfschiff |King George V| und sein schwerer Begleit-Kreuzer |Rodney| dank des Fühlungshalters |Norfolk| die |Bismarck| und preschen heran. Das Gefecht startet auf 25 Seemeilen Entfernung und zieht sich über knapp drei Stunden hin, wobei die Distanz der Kontrahenten auf wenige Meilen schrumpft, sodass gegen Ende die Geschossbahnen sogar waagerecht ausfallen statt – wie sonst üblich – ballistisch. Während Treffer an oder unterhalb der Wasserlinie aufgrund des schweren Panzergürtels wirkungslos zu verpuffen scheinen, zeitigen die Einschläge auf dem Deck ihre Wirkung auf der |Bismarck|.

Ihr Abwehrfeuer verstummt nach und nach, je mehr die Aufbauten schweren Granatenbeschuss wegstecken müssen, um irgendwann gänzlich zu schweigen. 10:22 Uhr stellen die Briten das Feuer ein, die |Bismarck| ist ein loderndes, glühendes Wrack – doch sie schwimmt unvermindert. Lütjens erteilte unlängst den Befehl zur Selbstversenkung. Die |Dorsetshire| eilt heran, um aus nächster Nähe drei Torpedos abzufeuern, welche dem Schiff endgültig den Garaus machen sollen. Ob diese für den Untergang maßgeblich waren, erhitzte die Gemüter seither – Fakt: Um 10:39 kentert die |Bismarck| nach Backbord und sinkt Bug voran auf den 4,5 Kilometer tiefen Grund und ins Reich der Legenden.

_Meinung_

Robert D. Ballard – der Entdecker der |Titanic| – überkam es, eine weitere Expedition zu einem berühmten Wrack zu unternehmen, und die Duplizität der Ereignisse ist erstaunlich, denn wieder erweist sich ein verdammt fetter Pott als überaus scheues Reh, das sich den Blicken des Forscherteams zu entziehen vermag, gleichwohl sind auch wieder zwei Anläufe nötig, bis sich der Erfolg einstellt. Die erste Exkursion 1988 war ein Schlag ins Wasser und brachte bis auf das Wrack eines alten Segelschiffes nicht viel mehr als Hohn und Spott. Davon ab ist der Meeresgrund mit seinen Bergen, Tälern, tiefen Schluchten und Schlickfeldern – und das in ewiger Finsternis der Tiefsee in 4700 Metern – auch kein leicht zu erkundendes Terrain. Das Wetter und der Seegang in der Biskaya tun ihr Übriges. Expedition I wird gefrustet gecancelt. 1989 bricht das Team erneut auf – mit weiteren erbettelten Geldern. Natürlich gebraucht Ballard sein Rasenmäher-System, um die vermutete Sinkposition Streifen für Streifen abzufahren, diesmal jedoch mit einem anderen und moderneren Forschungsschiff. Am 8.6.1989 ist Neptun mit ihnen: Das bemerkenswert gut erhaltene Wrack taucht vor den Kameralinsen auf.

Ballards Bücher zeichnen sich vor allem durch eines aus: Das Hohelied auf die US Navy (deren Equipment er benutzt), die nicht enden wollende Litanei technischer Pannen und Erklärung seiner Suchmethode, also in der Summe: Ballard, Ballard und nochmals Ballard. Das kann ganz schön nervig sein auf die Dauer, denn kennt man eines seiner Bücher, kennt man, was das angeht, alle (mit wenigen Ausnahmen) – ein ausgesprochen publicitygeiler Selbstdarsteller und deswegen auch oft in die Kritik geraten. Dennoch: Ein fähiger Experte auf seinem Gebiet, dessen Suchoperationen im Endeffekt immer von Erfolg gekrönt werden. Das muss man ihm lassen. So nimmt leider auch in diesem Band das Drumherum ungebührlich viel Platz in Anspruch. Dabei meine ich jedoch nicht die historische Aufarbeitung seitens Co-Autor Rick Archbold, die gewohnt akkurat und neutral ausfällt. Bis das Wrack endlich auch bildtechnisch untersucht wird, sind gut zwei Drittel des Buches herum. Der Anfang zieht sich wie der sprichwörtliche Kaugummi, sieht man – wie gesagt – von den historischen Fakten zur Schiffsgeschichte einmal ab, die sehr interessant sind.

Ab dem Fund kann der Bildband dann auch endlich richtig punkten, denn auch das ist Ballard: Die Analyse der Schäden, Rekonstruktion der Ereignisse nach dem Untergang sowie die Verpflichtung seines Illustratoren Ken Marschall, ein exaktes Abbild des Ist-Zustandes grafisch festzuhalten, sind superb. Mit dabei sind auch wieder die ausklappbaren, großformatigen Panoramaansichten, welche die |Bismarck| damals und heute gegenüberstellen. Marschall zeichnet ein stimmungsvolles Bild des aufgefundenen Ground-Zero, sowohl auf dem Cover als auch später im Inneren des Buches. Die verwendeten Fotos sind selbst gemessen an heutigen Standards scharf und aussagekräftig, allerdings reichte die restliche Zeit der Expedition nicht ganz dafür aus, alle wichtigen Punkte zu klären, die für den Untergang der |Bismarck| verantwortlich gewesen sein mögen.

Ballard resümiert jedoch aus den gewonnen Daten, dass die Selbstversenkung und nicht die Torpedos letztendlich verantwortlich waren. Dass er damit Recht gehabt hat, beweist James Camerons ausführliche Dokumentation, dessen jüngst auf DVD erschienene Tauchfahrt zum Wrack die Thesen Ballards untermauert. Somit ist klar: Ballard mag ein Brusttrommler sein, ein unfähiger Idiot ist er ganz sicher nicht – im Gegenteil: Seine Analysen treffen trotz der spärlichen Informationen ins Schwarze. Obwohl Ballard diesmal nicht – anders als bei der |Titanic| – selbst in einem bemannten Tauchboot dem Wrack einen Besuch abstattet, sind seine Schlussfolgerungen aufgrund der gelieferten Bilder seines Tauchroboters sehr präzise und gelten heute als Lehrmeinung. Vollkommen zu Recht.

_Fazit_

Die Aufarbeitung des Bildbandes kann nicht an allen Stellen überzeugen, für mich ist da ab und zu ein wenig zu viel Brimborium drin, das nur mäßig interessant ist – zumindest für diejenigen, die den Sermon mit dem ballardschen Suchsystem schon kennen. Hier und da blitzt auch ein wenig unnötiger Pathos auf, darüber kann man aber hinwegsehen. Lichtblick ist Co-Autor Rick Archbold, der in späteren Werken gottlob auch mehr Gewicht bekommt. Klasse sind wie immer die Illustrationen Ken Marschalls und die Fotos von Wrack und Trümmerfeld. Leider ist dieser Tage nur noch die inhaltlich identische Taschenbuchausgabe problemlos erhältlich, der großformatige Bildband ist derzeit leider out of print und rarer. Schade, denn grade die Bilder wirken im Taschenbuch nicht annähernd so gut, dafür ist es wesentlich billiger zu haben. Als Nachschlagewerk sehr empfehlenswert, bekommt es aber leichte Abzüge in der B-Note.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Originaltitel: „The Discovery Of The Bismarck“
Ersterscheinung: 1990 – Madison Publishing Inc. / NY
Deutsche Ersterscheinung: 1990 – Ullstein / Berlin
Übersetzung: Karl-Otto von Czernicki und Ralf Friese
Zugrunde liegende Version: Hardcover / 8. Auflage 1994
Seiten: 236 / durchgängig bebildert + 2 ausklappbare Panoramen
ISBN: 3-550-06443-8 (Hardcover)
ISBN: 3-548-23298-1 (Taschenbuch)

Felten, Monika – Macht des Elfenfeuers, Die

Monika Felten hat wieder abgeräumt: nach dem Deutschen Phantastik-Preis 2002 für [„Elfenfeuer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=349 nun den Deutschen Phantastik-Preis 2003 für die Fortsetzung. Und diesmal scheint mir die Auszeichnung verdienter, das Sequel ist besser als der erste Band: ein flott geschriebenes Fantasy-Abenteuer, konventionell zwar (doch wie viel Fantasy ist schon unkonventionell?), aber actionreich und bisweilen sogar richtig spannend.

Wir erinnern uns: In „Elfenfeuer“ erzählte die Autorin, wie die Auserwählte Sunnivah den finsteren Herrscher An-Rukhbar, Eroberer von Thale, besiegte und in seine Dimension zurücktrieb. Seitdem herrscht wieder Frieden, schon zweihundert Jahre lang. Kaum jemand erinnert sich noch der damaligen Gefahren. Die Nebelelfe Naemy allerdings, Sunnivahs Gefährtin, hat nichts vergessen, auch nicht, dass der Meistermagier des Finsteren Herrschers, Asco-Bahrran, niemals gefunden wurde und dass in der Zwischenwelt, die die Elfen zwecks schnellerer Fortbewegung durchqueren, damals ein Quarlin lauerte, der fürchterlichste Feind ihres Volkes. Ihre Bedenken finden allerdings wenig Gehör. Selbst die Elfen halten sie für zu misstrauisch. Die Menschen aber genießen ihren Wohlstand und sehen die schwachen Garnisonen an der Grenze zur Finstermark im Norden als ausreichend an. Doch dort leben noch immer die Cha-Gurrline, An-Rukhbars mörderische Krieger. Dunkelheit liegt über diesem Land – nicht einmal die Gütige Göttin vermag sie zu durchdringen.

Das kennen wir doch: Ein Dunkler Herrscher ist aus der Welt verbannt, sein etwas niederer Diener macht sich selbst zum Herrscher (denn Asco-Bahrran ist natürlich nicht tot), es gibt ein dunkles Land und dergleichen mehr. Nur dass diesmal kein Ring in einen feurigen Abgrund geworfen werden muss – Asco-Bahrran will seinen alten Herren aus der anderen Dimension zurück nach Thale holen, und dazu benötigt er Sunnivahs Amulett, das er mit Hilfe des Magiers Skynom auch erhält. Die Tage der Freiheit scheinen gezählt. Nun, jeder ahnt: Am Ende geht doch alles gut aus. Zum Glück vermeidet Monika Felten es, sich selbst zu wiederholen. Zwar taucht eine entfernte Verwandte Sunnivahs auf, Kiany, eine Heilerin mit Sehergabe, doch ist sie eher Objekt in den magischen und nichtmagischen Kämpfen als Heldin – es gibt keinen Aufguss der alten Berufungshandlung. Im Zentrum des Romans stehen diesmal die Nebelelfen (Naemy, ihr Sohn Tabor, die Priesterin Lya-Numi) und die Riesenalpe (Naemy und Tabor ist es gelungen, ein Nest der legendären Vögel zu entdecken und drei großzuziehen).

Wie gesagt, ist das Buch gut lesbar und oft spannend. Das lässt einen seine Mängel zum Teil übersehen. Ich finde die Namen von Personen und Orten oft wenig gelungen¹, überhaupt das ganze Bemühen um „fremde“ Atmosphäre nach wie vor etwas unglücklich („Sonnenlauf“ statt „Tag“, „Länge“ statt „Meter“ usw.). Mich plagt auch die Frage, warum Asco-Bahrran so versessen darauf ist, seinen alten Lord zurückzuholen – im ersten Teil kamen die beiden doch nicht sonderlich gut miteinander aus. Der Magier könnte schließlich selbst über Thale herrschen. Auch gibt zu denken, dass er seinen Trumpf, das heimlich gezüchtete Rudel Quarline, beim Angriff auf die Stadt viel zu früh ausspielt (aber das Böse ist eben böse und nicht logisch, deswegen verliert es auch immer). Doch diese Fragen kann man getrost hintanstellen und sich ein solide geschriebenes, handwerklich gut gemachtes Fantasy-Buch gönnen, das immer noch nicht der große Wurf, aber alles in allem durchaus empfehlenswert ist.

¹ Man spürt hier den Unterschied zum großen Meister: Bei Tolkien begann alles mit den Sprachen und Namen, deswegen sind seine Erfindungen auch sprachlich systematisch und dennoch wohlklingend und treffend; ein Name wie „Elrond“ verrät über seinen Träger allein schon durch den Klang der Vokale sehr viel. Felten hätte wenigstens Anklänge an bekannte Wörter (Thale im Harz, Tabor in Tschechien) vermeiden sollen. Auch ihre Doppelnamen-Manie ist strapaziös.

_Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Carver, Caroline – Dead Heat

Nach einem zehnjährigen und recht wilden Aufenthalt in Australien war Caroline Carver 1991 in ihre Heimat London zurückgekehrt, wo sie sich fortan als Schriftstellerin betätigte. Ihr unkonventionelles Leben in den Outbacks hat ihr seither als Inspiration gedient und wurde dementsprechend auch schon in verschiedenen Romanen thematisiert, unter anderem in „Wettlauf im Outback“, einem preisgekrönten Bestseller aus dem Jahre 2001. Mehr über die Autorin – und da gibt es einiges Ungewöhnliches – erfährt man auf ihrer [Homepage.]http://www.carolinecarver.com

„Dead Heat“ ist nun der neueste Abenteuer-Thriller aus der Feder von Caroline Carver, und wiederum ist es der Autorin gelungen, eine äußerst mitreißende Geschichte aus ihrer Wahlheimat zu verfassen, bei der es um den gnadenlosen Wettlauf um Leben und Tod geht.

Georgia Parish ist eine alleinstehende Frau, die im tropischen Norden Australiens in Nulgarra aufgewachsen und von dort aus nach Sydney übergesiedelt ist. Diesen Umzug hat sie auch nie wirklich bereut, weil sie sich in dem kleinen Kaff nie richtig wohlgefühlt hat. Trotzdem muss sie eines Tages gezwungenermaßen nach Nulgarra zurückkehren, um der Beisetzung ihres Großvaters beizuwohnen. Auf der Rückreise von dort ereignen sich allerlei unvorstellbare Dinge. Ihr Flugzeug stürzt mitten im Dschungel ab, und schon bald stellt Georgia fest, dass es sich hierbei um einen Sabotage-Akt handelte.

Die beiden übrigen Insassen des Flugzeugs, Lee Durham und die junge Chinesin Suzie Wilson, kommen bei dem tragischen Absturz des Sportflugzeugs nicht so glimpflich davon. Durham überlebt mit schweren Verletzungen, während für die Asiatin jegliche Hilfe zu spät kommt. Jedoch kann sie Georgia noch einen Beutel anvertrauen, der für ihren Bruder bestimmt ist, aber auf keinen Fall von einer anderen Person geöffnet werden darf.

Wie sich schnell herausstellt, ist gerade dieser Beutel auch die Ursache für den sabotierten Flug. Auf dem Rückweg zum Ursprungsort wird Georgia nämlich verfolgt und schließlich von einer chinesischen Gangsterbande gefangen genommen und gefoltert. Das Ziel der Bande: der mysteriöse Beutel. Langsam durchschaut Georgia die wirren Ereignisse der letzten Tage und sucht Hilfe auf. Daraufhin verschwindet der seltsame Mister Durham plötzlich. Welche Rolle er spielt, warum die Polizei darauf brennt, mit ihm in Kontakt zu kommen und was sich schließlich in dem begehrten Beutel befindet, soll noch nicht verraten werden, da ansonsten wichtige Eckpunkte der Handlung preisgegeben würden. Ist man aber erst einmal beim spannenden Verfolgungsrennen zwischen Georgia, der chinesischen Bande und dem verschwiegenen Flugzeuginsassen angelangt, wird es den Leser ungebremst danach gelüsten, dem Verlauf der Ereignisse zu folgen und die Hintergründe aufzudecken.

Was damit gesagt werden soll, dürfte klar sein: „Dead Heat“ ist ein unheimlich spannender Thriller mit viel Action, tollen Landschaftsbeschreibungen und erstklassig entwickelten Charakteren. Caroline Carver hat dabei ganz besonders die Rolle des Lee Durham stark gestaltet, der bis zuletzt ein unbeschriebenes Blatt bleibt. Dementgegen ist die eigentliche Protagonistin etwas eigentümlich dargestellt. Einerseits wird sie als schüchterne, trottelige und zurückhaltende Frau präsentiert, kurze Zeit später, als die Action in Fahrt kommt, wird sie plötzlich zur konzentriert handelnden, überlegt agierenden Pseudo-Agentin. Sympathisch ist sie uns dennoch, auch wenn so mancher logischer Schluss hier ad absurdum geführt wird. Schlussendlich interessiert den Leser die Logik im Detail am Ende auch nicht mehr so sehr, denn worum es bei diesem Buch geht, ist die Spannung, und die ist wirklich bis zur allerletzten Seite gegeben.

Krimi- und Thriller-Fans sollten also zweifelsohne auf ihre Kosten gekommen, zumal das Buch stilistisch gut und leicht verständlich geraten ist und zu keiner Phase irgendwelche gekünstelten Längen enthält. Ich persönlich habe mich jedenfalls als Begleiter der vierzehntägigen Abenteuerreise durch die australische Wildnis erstklassig unterhalten gefühlt.

Lumley, Brian – Necroscope 1 – Das Erwachen

Mit dieser Geschichte begründet Lumley seine groß angelegte Saga um Harry Keogh, den Nekroskopen, und Boris Dragosani, den Nekromanten. Abwechselnd steht jeweils eine der beiden Zentralgestalten der Saga im Mittelpunkt der Episoden. Ihr Aufeinandertreffen findet allerdings erst in einer späteren Folge statt.

|Vorab-Infos|

Die 7 CDs enthalten die „ungekürzte inszenierte Lesung“, wie der Umschlag besagt: 7 Stunden und 45 Minuten Lumley pur – ein Vergnügen für Fans soliden Grusels.

Der Schuber ist ganz in Schwarz mit orangefarbener Beschriftung gehalten. Auf der Vorderseite ist eine reichlich unheimliche Fratze zu sehen – ebenfalls in Orange- und Brauntönen.

_Der Autor_

Brian Lumley wurde am 2.12.1937 in einem Kohlebergwerksdorf in England geboren. In Englisch hatte er sehr schlechte Noten und sein Wunsch Schriftsteller zu werden, wurde daher lachend von seinen Lehrern als unsinnig abgetan. Seit 1981 seine Militärkarriere endete, lebt er als freier Schriftsteller.

Von Brian Lumley sind inzwischen (Stand 2003) rund 74 Bücher erschienen. Bereits vor etwa 30 Jahren erschienen seine ersten Werke beim Meister der Horror-Herausgeber, August Derleth, im Arkham House Verlag, der alle von Lovecrafts Werken verlegte. Lumley galt lange Zeit als Experte von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos.

Durch den Tod seines Vaters und den Wunsch, auch weiterhin mit ihm reden zu können, entwickelte er seine Hauptfigur Harry Keogh, und es entstand 1986 die Necroscope-Reihe. Damit zog er eine große Leserschaft in seinen Bann. Inzwischen werden Lumleys Bücher bereits in elf Ländern veröffentlicht, und die Zahl ist steigend. Im Zuge der Necroscope-Reihe wurden im Laufe der Jahre auch eigene Comics, ein Rollenspiel und Sammelfiguren dazu herausgebracht.

Aus der Necroscope-Saga sind bisher in der Buch-Reihe des |Festa|-Verlags erschienen:

Band 1 „Das Erwachen“
Band 2 [„Vampirblut“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843
Band 3 „Kreaturen der Nacht“
Band 4 „Untot“
Band 5 „Totenwache“
Band 6 „Das Dämonentor“
Band 7 „Blutlust“
Band 8 „Höllenbrut“
Band 9 „Wechselbalg“
Band 10 „Duell der Vampire“
Band 11 „Totenhorcher“
Band 12 „Blutkuss“
Band 13 „Konzil der Vampire“
Band 14 „Grabgesang“
Band 15 „Blutsbrüder“
band 16 „Vampirwelt“
Band 17 „Nestors Rache“
Band 18 „Metamorphose“

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel ist der Synchronsprecher von Hollywoodstars wie Jack Nicholson und Dustin Hoffman. Durch zahlreiche Bestseller-Lesungen – etwa von Ken Follett und Stephen King – hat er sich einen Namen gemacht.

_Handlung_

Gerade ist der Chef eines geheimen Regierungsdezernates in Großbritannien, das sich mit dem Übernatürlichen beschäftigt, gestorben und Alec Kyle soll nun dessen Posten übernehmen. Als er im Büro seines Vorgängers alte Akten durchsieht, fällt ihm die Akte eines gewissen Harry Keogh in die Hände. Doch er kommt nicht dazu, sie zu lesen, denn plötzlich erhält er Besuch von einer geisterhaften Gestalt, die ihm unbedingt eine Geschichte erzählen will. Und dann verspricht sie, Kyles Dezernat unentbehrlich für die Regierung Ihrer Majestät zu machen …

In der Sowjetunion des Jahres 1971 gibt es unter Breschnew ein ähnliches Dezernat, geleitet von General Gregor Borowitz. Er sitzt mit zwei Begleitern hinter einem Einwegspiegel. Davor spielt sich in einem antiseptischen Saal eine unheimliche Szene ab.

Gerade ist eine sehr bizarre Obduktion im Gange, sofern man es überhaupt als solche bezeichnen kann. Ein gewisser Boris Dragosani, der sich jedes Körperhaar abrasiert hat, ist gerade dabei, seiner Arbeit als „Totenhorcher“ nachzugehen, was seinem Chef vom Dezernat neue Erkenntnisse über seine Feinde liefern soll.

Die Szene findet ein brutales und gewaltsames Ende, als es die zwei Begleiter des Generals nicht mehr aushalten und ausrasten. Einer der beiden schießt die beiden anderen nieder und flüchtet. Doch Borowitz hat überlebt, und Dragosani setzt alles daran, den Verräter auszuschalten. Nachdem sich der Staub gelegt hat, gelingt es Borowitz, sich den KGB vom Hals zu halten und frei und unbehelligt tätig zu werden.

Boris Dragosani ist ein eigenbrötlerischer Typ. Einmal im Jahr nimmt er sich Urlaub, um in Rumänien nach seiner „Vergangenheit“ zu forschen, da er als kleines Kind im Ort Dragosani ausgesetzt wurde. Seiner Vergangenheit kommt er dabei immer näher und die Zeit eilt, denn er hat nur noch vier Jahre zu leben. Seit seinem siebten Lebensjahr steht er in Kontakt mit einem Wesen, das tief in einem finstren Wald in einem Grabmal lebt – und in Boris‘ Bewusstsein spricht – ein Wesen, das an die 1000 Jahre alt ist und von den meisten Menschen Dracul genannt wird. Doch Boris hat keine Angst: Er braucht Dracul, um bestimmte menschliche Erfahrungen zu machen, so etwa die körperliche Liebe …

Harry Keogh, den Nekroskop, lernen wir in einem parallel laufenden Erzählstrang kennen. Harry ist anfangs nur ein verträumter Zwölfjähriger, der sich gegen Schlägertypen kaum durchzusetzen weiß. Eines Tages entdeckt der Mathelehrer Hennand eine neue Qualität geistiger Tätigkeit an Harry. Von einem Tag zum anderen kann er plötzlich mathematische Gleichungen lösen, von denen er noch nie etwas gehört hat. Er kann sich plötzlich gegen die übelsten Schläger schlagkräftig und ohne Waffen zur Wehr setzen. Von der gleichen Art ist wohl auch seine spätere Fähigkeit, Storys und Romane zu schreiben, die aufs Lebhafteste in einer Zeit spielen, die Harry nie kennen gelernt hat, so etwa im 17. Jahrhundert …

Und was seine Freundin Brenda Cowl am sonderbarsten findet: Stets befindet sich Harrys Wohnung in der Nähe eines Friedhofs. Der schönen Aussicht wegen, sagt Harry. Doch selbst ihr verschweigt er sein eigentliches Geheimnis: Er selbst ist der Nekroskop, der mit den Toten sprechen kann. Das ist keine Figur in seinen Geschichten, wie er vorgibt, das ist er selbst.

Und er hat eine Mission. Seine geliebte Mutter Mary wurde, als Harry noch klein war, von grausamen Händen in einen vereisten Fluss bei Edinburgh gestoßen. Durch seinen Kontakt mit der Toten weiß Harry, wer der Mörder ist und wo er wohnt. Doch wie soll die exquisite Rache aussehen, die Harry auszuüben hat? Was ist die angemessene Strafe? Wie soll die Falle aussehen? Und vor allem: Wer soll der Köder sein?

_Mein Eindruck_

Die Handlung ist wie für einen Film geschrieben: in Szenen, die sich aneinanderreihen, dabei Kontraste und Verstärkungen bilden. Wenn also die Rede endlich auf Harry Keogh kommt, sind bereits die lange Einleitung und die dramatische „Totenbehorchung“ durch Dragosani erfolgt, so dass der Hörer dringend eine Ruhepause mit etwas halbwegs Alltäglichem benötigt – die dann ja auch erfolgt: Harry blamiert sich in der Schulstunde.

Anders als bei langatmigeren Autoren der alten englischen Schule vor dem 2. Weltkrieg lässt Lumley unwichtiges Beiwerk weg, das nicht unmittelbar zur Wirkung einer Szene beiträgt. Wenn wir etwas über die ungewöhnliche Kindheit und Jugend Boris Dragosanis, des Nekromanten, erfahren müssen, so wird auch dies in einer Szene realisiert, die an Spannung und (mitunter erotischem) Nervenkitzel nichts zu wünschen übriglässt. Auch Harry Keogh hat seine erotischen Momente, wenn er den Lehrern beim Schulausflug zusieht. Der Tod, die Liebe und die Rache – drei psychologisch wichtige Elementarkräfte, die auf Keogh und Dragosani einwirken.

Wenn das Hörbuch mit Keoghs Beschluss, seine Mutter endlich zu rächen, beendet ist, so möchte man am liebsten gleich das nächste Kapitel hören – das Hörbuch zu [„Necroscope 2“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=843 macht’s auch möglich.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel stellt wieder einmal seine Meisterschaft unter Beweis. Der Sprecher von anspruchsvollen Schauspieler wie Hoffman und Nicholson (s. o.) muss selbst auch schauspielerische Qualitäten einbringen, um seinen Vortrag realistisch wirken zu lassen und den Zuhörer auch emotional zu erreichen. Seine tiefe Stimme ist ihm das wichtigste Instrument, hinzu kommt eine ausgefeilte Handhabung von Pausen und Intonationen. Beides zusammen erzeugt die hohe Spannung, die über dem gesamten Text schwebt.

Ganz besonders gefiel mir, wie er Dracul seine Freude ausdrücken lässt – man hört zugleich die Gier des Blutsaugers: „Aaaaaahhhhh!!!“

_Unterm Strich_

Für Liebhaber von Horrorliteratur oder Gruselfilmen bietet „Necroscope 1“ zwar wenig Splatter, dafür aber umso mehr Spannung und menschliche Psychologie. Was Keogh und Dragosani verbindet, ist noch nicht klar, doch es dürfte auf eine Konfrontation hinauslaufen, denn Dragosani hat sich einer furchtbaren Macht verschrieben.

Leute mit schwachen Nerven könnten in der Szene, in der Dragosani eine Leiche ausnimmt oder vielmehr zerfetzt, vom Hocker fallen. Sie sollten dann doch lieber etwas anderes hören bzw. lesen.

Die grafische Gestaltung, die Musik sowie der fabelhafte Sprecher Joachim Kerzel machen „Necroscope 1“ zu einem sehr gelungenen Hörbuch. Ob es die ganzen 35 Euro (bzw. 29,95 bei |amazon.de|) wert ist, muss jeder selbst entscheiden.

Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4]

Der Umbau eines Landhauses zum Nobel-Restaurant sorgt für Aufruhr unter den wenig begeisterten Nachbarn. Am Tage der Neueröffnung wird eine Frau im Weinkeller erstochen. Inspektor Markby steht vor vielen Mordverdächtigen, die mehrheitlich zwar keine Mörder aber keineswegs unschuldig sind … – Zwar bietet Band 4 der „Markby-&-Mitchell“-Serie bietet kaum Krimi-Spannung, will dies mit englischer Landhaus-Romantik nach Genre-Vorschrift wettmachen und trifft routiniert ins Herz eines entsprechend gepolten Publikums: Lesen oder Schlafen – der Unterschied ist marginal.
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Perry, Anne – Verschwörung von Whitechapel, Die

Herbst 1888, London – Whitechapel. Eine Stadt hält den Atem an. In den dunklen Gassen des |East End| werden innerhalb weniger Wochen fünf Frauen ermordet – alle auf brutale Weise verstümmelt. Die Polizei tappt im Dunkeln und streitet sich um Zuständigkeiten. Der Täter bleibt bis heute ein Phantom: Jack the Ripper.

Anne Perrys Roman reiht sich nicht in die lange Riege der Romane ein, die den Fall Jack the Ripper neu aufrollen und eine neue Tätertheorie bereit halten. Die Handlung ihres Romans „Die Verschwörung von Whitechapel“ setzt erst vier Jahre nach den grauenvollen Ereignissen im East End ein – und hat dennoch im Kern sehr viel mit Jack the Ripper zu tun.

Oberinspektor Pitt steht im Frühjahr 1892 als Zeuge im Fall Adinett vor Gericht. Bei näherer Betrachtung ein etwas sonderbarer Fall – ein Indizienprozess. John Adinett ist angeklagt, den angesehenen Hobby-Historiker Martin Fetters ermordet zu haben. Handfeste Beweise und ein Motiv gibt es nicht, aber die sehr stichhaltige und lückenlose Indizienkette, die Pitt vor Gericht darlegt, lässt keinen Zweifeln daran aufkommen, dass der nicht minder angesehene Ehrenmann Adinett des Mordes schuldig ist. Adinett wird folglich verurteilt und, nachdem auch das Berufungsverfahren scheitert, hingerichtet.

Für Oberinspektor Pitt fängt die Geschichte damit aber erst an. Es gibt offenbar einflussreiche, im Verborgenen agierende Persönlichkeiten, die diesen Prozessausgang gar nicht schätzen und auf Rache sinnen. Keine blutige Rache wohlgemerkt, aber Pitt bekommt die Folgen dennoch schmerzlich zu spüren. Er wird strafversetzt – nach Whitechapel, mitten in den brodelnden Krisenherd Londons. Anarchisten scheinen dort finstere Umsturzpläne zu schmieden, Gewalt und Elend stehen auf der Tagesordnung. Pitt soll dort undercover ermitteln, ist aber letztendlich eigentlich überflüssig, ganz offensichtlich elegant beiseite geschafft, und fristet ein einsames trostloses Dasein fernab seiner geliebten Familie.

Charlotte, Pitts Frau, kann und will sich mit dieser Ungerechtigkeit nicht so leicht abfinden. Da der Schlüssel zu Pitts Strafversetzung im Fall Adinett zu liegen scheint, macht sie sich auf die Suche nach den Gründen. Zusammen mit Fetters Witwe Juno versucht sie, Adinetts Tatmotiv zu ergründen. Auch Gracie, das resolute Hausmädchen der Pitts, bleibt nicht untätig und schaltet den befreundeten Wachtmeister Tellman ein, der zusammen mit Gracie Adinetts Aktivitäten kurz vor der Tat rekonstruiert. Ihre Wege kreuzen sich schon bald mit dem des Journalisten Remus, der offenbar in gleicher Sache ermittelt. Die Spur führt nach Whitechapel und was als Suche nach einem Mordmotiv Adinetts anfängt, gipfelt schon bald im Entblättern einer groß angelegten Verschwörung, die offenbar mit Jack the Ripper zu tun hat – mit kaum abschätzbaren Folgen …

Es gibt unzählige Theorien zum Thema Jack the Ripper, von denen die einen mehr, die anderen weniger plausibel erscheinen. 1976 erregte die Ripper-Theorie von Stephen Knight in England einiges Aufsehen. Er stellte die Taten als eine groß angelegte Verschwörung dar, deren Spur bis ins britische Königshaus reicht. Was auf den ersten Blick geradezu fantastisch erscheint, hat Knight so plausibel dargelegt und begründet, dass seine gut recherchierte Theorie immer noch als eine der stichhaltigsten gelten kann.

Unseriös wurde sie erst, als im Nachhinein plötzlich eine Hauptquelle von Knight ihre Aussagen dementierte (das Dementi wurde später übrigens noch einmal dementiert) und der Autor des Vorwortes einen wundersamen Gesinnungswandel durchmachte. Seine Worte, mit denen er Knights Arbeit zunächst vollmundig lobte, will er im Nachhinein auf einmal gar nicht mehr so gemeint haben. Die Sache stinkt zum Himmel und man bekommt das Gefühl, dass auch über hundert Jahre nach der Tat gewisse Kreise nicht an einer Aufklärung interessiert sind – was letztendlich wieder als Indiz für eine Bestätigung von Knights „königlicher“ Ripper-Theorie angesehen werden kann.

Doch was hat Anne Perrys Roman „Die Verschwörung von Whitechapel“ mit all dem zu tun? Eine ganze Menge. Perry stützt sich nämlich auf die von Knight aufgestellte Theorie. Auch bei ihr gibt es rund um Jack the Ripper eine weitläufige Verschwörung, mit den gleichen Drahtziehern. Diese Verschwörung entblättert sie in ihrem Roman schon fast beiläufig und längst nicht so detailliert und stichhaltig wie Knight. Ihr Hauptaugenmerk liegt auf der rein hypothetischen Frage danach, was wohl hätte passieren können, wenn Knights Theorie (angenommen natürlich, dass sie stimmt) schon damals in den gesellschaftlich und politisch unsicheren Jahren nach den Rippermorden bekannt geworden wäre. Eine Frage, die der Theorie eine weitere interessante Komponente hinzufügt und aus der Anne Perry einen durchweg spannenden Roman geschustert hat.

Der Zusammenhang zu den Ripper-Morden erschließt sich dem Leser, der nicht mit Knights Theorie vertraut ist, erst im späteren Verlauf des Romans. Am Beginn steht einfach nur die Suche nach dem Motiv, das Adinett dazu gebracht hat, Martin Fetters zu töten. Dass dabei vier Frauen die treibende Kraft hinter den Ermittlungen sind, mag in Anbetracht des viktorianischen Zeitalters zunächst etwas unglaubwürdig erscheinen, wird von Perry aber überzeugend gelöst. Alle beteiligten Frauen sind zwar durchaus selbstbewusst, aber bewegen sich dennoch im Rahmen dessen, was für Frauen ihrer Zeit realistisch erscheint. Sie suchen sich Unterstützung, beispielsweise durch den Gracie treu ergebenen Wachtmeister Tellman, und jeder nutzt zur Aufdeckung der Wahrheit die Mittel, die ihm standesgemäß zur Verfügung stehen.

Die Figuren bleiben dabei durchaus realistisch und Perry schafft es, jede einzelne von ihnen nachvollziehbar und mit einer gewissen Tiefe zu beleuchten. Ihre Verhaltensweisen bleiben durchweg glaubwürdig. Sie tun sich nicht als übermäßige Helden hervor und schaffen es dennoch, eine große Verschwörung aufzudecken, die so komplex ist, dass selbst der Leser sich schon konzentrieren muss, um im komplizierten Verschwörungsgewirr, das sich zum Ende hin auftut, nicht verloren zu gehen.

Das komplexe Gebilde der Zusammenhänge stellt auch im Grunde die einzige wirkliche Schwäche dar. Der Aufbau des Romans gelingt Anne Perry durchweg gut. Die Geschichte ist solide konstruiert und steigert in ihrem Verlauf beständig die Spannung. Zum Ende hin allerdings erscheint es so, als hätte sich dieses Konstrukt als fast schon zu komplex für den Romanumfang entpuppt. Die Auflösung erfolgt sehr schnell, nicht alles wird dabei vernünftig erklärt und nicht alle offenen Fragen werden beantwortet. Der Leser bleibt etwas unzufrieden zurück. Wie ich erst nach Beendigung des Buches festgestellt habe, wird die Geschichte im Nachfolgeroman weiterverfolgt („Feinde der Krone“; |Heyne| 2004, Taschenbuchausgabe August 2005). Insofern verwundert es nicht, dass das Ende in der Schwebe bleibt, dennoch wäre ein etwas vollständigerer Abschluss wünschenswert gewesen.

Insgesamt gibt es aus der Feder von Anne Perry mittlerweile 23 Romane um die Figur des Thomas Pitt und seine oftmals mitermittelnde Frau Charlotte. „Die Verschwörung von Whitechapel“ ist der 21. in dieser Reihe. Da er bislang auch der einzige ist, den ich gelesen habe, kann ich das Werk leider nicht in den Gesamtzusammenhang einordnen und vergleichend kritisieren. Offenbar bauen sie aber auch inhaltlich zum Teil aufeinander auf.

Schon allein sprachlich macht „Die Verschwörung von Whitechapel“ einen durchweg soliden und routinierten Eindruck. Perry weiß zu fesseln – und das bei einem Handlungsbogen, der fast ohne Action auskommt. Die Beschattungen des Journalisten Remus werden ebenso packend geschildert wie Pitts Leben im East End oder die Suche von Juno und Charlotte nach Hinweisen in der Bibliothek von Martin Fetters. Auch gesellschaftlich deckt der Roman ein sehr weit gefasstes Spektrum ab, denn im Verlauf des Buches startet auch Pitts angeheiratete Tante Vespasia einige Ermittlungen in der feinen Gesellschaft Londons.

Als eine der großen Stärken des Romans kann man die Beschreibungen festhalten. Perry schafft es nicht nur, ihre Figuren sehr lebendig zu zeichnen, sie skizziert auch einen teils recht tief schürfenden Einblick in das Leben im viktorianischen London. Die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen den Soireen der feinen Gesellschaft und der Schufterei der Arbeiterschicht in den Zuckersiedereien in Spitalfields, die aufkeimende Unruhe im East End, die ärmlichen, erniedrigenden Zustände, unter denen die Bevölkerung dort zu leiden hat, das beschauliche Leben der Pitts in Bloomsbury – all das schildert Perry sehr eindringlich. Das London der Zeit wird vor dem Auge des Leser wieder belebt.

Alles in allem ist „Die Verschwörung von Whitechapel“ ein durchaus gelungener historischer Krimi mit einer komplexen, aber gut konstruierten Story, einem spannenden Handlungsverlauf, lebhaften Schilderungen des viktorianischen London, mitsamt der politischen und gesellschaftlichen Unruhe, die in der Luft liegt und Figuren, die größtenteils glaubwürdig erscheinen. Nur schade, dass das Ende ein wenig plötzlich und etwas schwammig daherkommt. So kommt man wohl nicht umhin, auch den nachfolgenden Roman noch zu lesen.

p.s.: Da Anne Perry auf die Tätertheorie zu Jack the Ripper nicht ganz so ausführlich eingeht, bietet es sich für den interessierten Leser an, einmal die Theorie bei Knight selbst nachzulesen. Es lohnt sich wirklich, man sollte aber des Englischen mächtig sein, weil es keine deutsche Ausgabe gibt: Stephen Knight: [„Jack the Ripper – The Final Solution“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/0586046526/powermetalde-21 Harper Collins, ISBN 0586046526.

Wer aufgeschlossen für Comics ist, findet diese Theorie auch noch einmal auf Deutsch als hervorragende und absolut empfehlenswerte s/w-Comic-Adaption, mit sehr ausführlichen Anhängen aufbereitet: Alan Moore, Eddie Campbell: [„From Hell“,]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3936068291/powermetalde-21 Speed Comics, ISBN 3936068291. Nach diesem Werk entstand auch die Verfilmung von Albert & Allen Hughes mit Johnny Depp und Heather Graham.

Peter Robinson – Das verschwundene Lächeln [Alan Banks 6]

In einer englischen Kleinstadt wird ein Kind entführt. Die ohnehin wenig hoffnungsfrohe Polizei ist erst recht alarmiert, als sich als potenzielle Täter ein gruseliges Pärchen herausschält, das aus Freude mordet, dies bereits getan hat und sicherlich fortsetzen wird, wenn man sie nicht möglichst zeitnahe aus dem Verkehr zieht … – Moderner, sehr mainstreamiger Kriminalroman, was bedeutet, dass Gesellschaftskritik, Gefühlsaufruhr und Privatprobleme der Beteiligten den Fall oft die Handlung dominieren: Gerade deshalb ist die Alan-Banks-Reihe, deren 6. Band dies ist, bei einem entsprechend geeichten Publikum ungemein beliebt. Peter Robinson – Das verschwundene Lächeln [Alan Banks 6] weiterlesen

Grimes, Martha – Mädchen ohne Namen, Das

_Hanni und Nanni auf Männerjagd_

Eine einfühlsame Mischung aus Roadmovie, Hanni und Nanni und „Am wilden Fluss“, doch beileibe kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“. Hier treten keine Serienmörder und FBI-Profiler, sondern lediglich zwei junge, aber überraschend couragierte Frauen auf. Sie haben das Rätsel der Herkunft der einen zu lösen und müssen dazu einen gefährlichen Unbekannten aufstöbern.

|Die Autorin|

Die Amerikanerin Martha Grimes ist eine der bekanntesten Krimiautorinnen der Welt. Zuletzt begeisterte ihr Roman „Die Treppe zum Meer“ und „Was am Meer geschah“ Leser und Kritik gleichermaßen. Sie lebt u.a. in Santa Fé, New Mexico, wo auch der vorliegende Roman beginnt.

_Handlung_

Eine 17-jährige junge Frau wacht eines Morgens in einem Motel in der Nähe von Santa Fé, New Mexico, auf. Über dem Stuhl hängen Kleidungsstücke eines Mannes, doch der ist verschwunden. Und sie kann sich weder an ihn noch ihren eigenen Namen erinnern. Alles ist weg: die letzte Nacht, ihre Herkunft, nur noch Bruchstücke tauchen aus ihrem Gedächtnis auf.

Klar, dass die junge Frau ziemliche Angst verspürt. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierher kam. Als sie von der redseligen Wirtin des Motels, Patsy Orr, die Auskunft erhält, sie sei am Abend zuvor mit ihrem ‚Daddy‘ angereist, steigert sich ihre Angst zu Panik. Was hat dieser unbekannte ‚Daddy‘ mit ihr angestellt? Sie schnappt sich sechshundert Dollar aus der Jacke des Unbekannten, der in die Stadt gefahren ist und bald zurückkehren will. Dann schnappt sie sich ihren Rucksack, auf dem die Initialen ‚A.O.‘ eventuell ihre eigenen sind. Aus dem Wagen ‚Daddys‘ entwendet sie eine halbautomatische Pistole und macht sich auf die Socken.

Auf ihrer Flucht lässt sie sich von einem Mann mit sehr blauen Augen mitnehmen, der sie in die nahen Sandia-Berge bringen kann. Könnte er ihr ‚Daddy‘ sein? Herrje, fast jeder könnte ‚Daddy‘ sein! Offenbar darüber beruhigt, dass sie ihn nicht wiedererkannt hat, verabschiedet er sich wieder. Zum Glück findet sie eine abgelegene Berghütte, in der sie sich einrichten kann. Von den SANDIA-Bergen leitet sie ihren neuen Namen ab: ANDI. Und weil die Initialen auf dem Rucksack ‚A.O.‘ lauten, nennt sie sich fortan Andi Olivier und erfindet eine ganze Familie samt ihrer Geschichte. Nachdem sie merkt, dass jemand während ihrer Abwesenheit in der Hütte war (Daddy?!), beginnt sie mit Schießübungen und kann schon bald passabel mit der Knarre umgehen. Das wird für sie noch wichtig.

Dort in den Bergen rettet sie gefangene und verletzte Wildtiere aus den Schlingen und Fallen der Wilderer. Um die Schmerzen der Tiere zu lindern, braucht sie Morphium und ähnliche Stoffe. Die besorgt sie sich klammheimlich aus der Apotheke des nächsten Dorfes, in der sie sich einschließen lässt. Beim dritten Mal wird sie allerdings erwischt. Die 14-jährige Mary Dark Hope findet heraus, wozu Andi diese Substanzen klaut, und freundet sich sofort mit ihr an. Mary ist Vollwaise, die nicht nur Eltern, sondern auch ihre Schwester verloren hat und nun von ihrer Haushälterin Rosella betreut wird.

Mary ist geschockt, als sie herausbekommt, welches Schicksal Andi widerfahren ist. Sie sieht auch ein, dass sie ‚Daddy‘ finden müssen, der angeblich aus Idaho kommt und kurz in der Spielerstadt Cripple Creek abgestiegen war. Obwohl die beiden keinen Führerschein haben, fahren sie nach Cripple Creek und Idaho. Auf dem Weg tun sie etwas, was am Ende ausschlaggebend wird für das Urteil, das sie über ‚Daddy‘ fällen: Sie befreien Wildtiere und misshandelte Haushunde aus ihrer Not. Das führt mitunter zu komischen Szenen, die sich im menschenleeren Westen schnell herumsprechen. Allerdings verdächtigt niemand die beiden Mädchen.

Erst in Idaho treffen sie auf ‚Daddy‘, eine miese Ratte, der wirklich alles zuzutrauen ist. Vorgeblich ein Führer bei Wildwasserfahrten – sie machen eine davon mit – hat Daddy auch eine Vorliebe für illegale Wildtierjagden, Kinderpornofotos und Frauenmisshandlungen. Zum Glück finden Andi und Mary schnell einen Verbündeten, mit dessen Hilfe sie es mit Daddy und seinen Kumpanen aufnehmen können, bis zum bitteren Ende …

|Zum Klappentext|

Der Klappentext erzählt mal wieder Unsinn. Es geht nicht um einen „mysteriösen Verfolger“, denn der ist bereits über alle Berge und wiegt sich in Sicherheit, als Andis Geschichte beginnt. Außerdem würde ich nicht sagen, dass dies ein „Psychothriller“ ist. Vielmehr musste ich rund 240 Seiten warten, bis die beiden Mädchen in Idaho ankommen, wo sie dann wenigstens herausfinden, um wen es sich bei ‚Daddy‘ handelt. Das Finale ist noch in weiter Ferne. Davor kommen noch jede Menge Roadmovie und Wildwasserabenteuer.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist sehr schnell und flüssig zu lesen – ein Zeichen für gute Erzählkunst. Es bereitet auch keinerlei Mühe, selbst komplexere Zusammenhänge und Andeutungen zu verstehen. Der Leser, der gut kombinieren kann, wird schon das Ende der ‚Daddy‘-Handlung voraussehen können. Es kommen auch nur sehr wenige überraschende Wendungen vor, die einen in die Irre führen könnten. Vielmehr öffnet sich das Geheimnis um Daddy wie eine große Blüte. Andi und Mary setzen auf ihrer Tour nach Idaho alle Indizien zusammen, bis sie recht genau wissen, was sie dort erwartet.

Die beiden Mädchen entwickeln ihre jeweils unterschiedlichen Persönlichkeiten rasch weiter. Mary, die den Großteil der Handlung erzählt, ist als die Jüngere weitaus vorsichtiger und zaghafter. Andi hingegen scheint sich zu einer entschlossenen Frau zu entwickeln, die manchmal mit einem Pokergesicht die härtesten Fragen stellt. Ihr alter Kumpel Reuel vergleicht Andi mit einem vor langer Zeit abgeschossenen Pfeil, der nun bald in sein Ziel einschlagen muss. Andi ist die Faszinierendere von beiden, doch durch ihr entschlossenes Schweigen wirkt sie unnahbar, wenn nicht sogar furchterregend. Sie jagt nicht nur Mary, sondern auch ‚Daddy‘ Angst ein. Und „Janie’s got a gun“!

Nachdem Andi wieder aus ihrem Leben verschwunden ist, sieht sich Mary außerstande, so wie bisher weiterzumachen: die Augen vor dem Bösen, das Menschen tun, zu verschließen. Und so wird sie auf ihre eigene stille Art eine Heldin. Natürlich geht es um Tiere, aber nicht nur.

Mit Marys Tun klagt die Autorin die korrupten Zustände in den Vereinigten Staaten an, wenn es um den Schutz von Tieren und die Beachtung des Washingtoner Artenschutzabkommens geht. Mit dem Schicksal Andis und Daddys Verbrechen prangert sie offen das Verhalten der Bevölkerung gegenüber missbrauchten Mädchen und Frauen an. Man schaut lieber weg, als etwas dagegen zu unternehmen.

|The mystery stranger – der Fremde ohne Namen|

Wie Clint Eastwood in „Pale Rider“ und anderen Filmen tritt Andi als Beschützerin der Bedürftigen auf. Selbst eine Vollwaise und ohne Namen oder Herkunft in diese Welt geworfen, solidarisiert sie sich mit den schutzlosen Wildtieren und mit einer anderen Waise, Mary Dark Hope (‚dunkle Hoffnung‘ – dieser Beiname wird leider nie erklärt). Dass sie dabei zwangsläufig auch der Ursache dieses Zustands auf den Grund gehen muss, ist konsequent. Daddy verrät ihr, dass sie nach einem schrecklichen Busunglück als einzige Überlebende am Straßenrand entlangstolperte, als er sie auflas. Warum sie überlebte, wird im Dunkeln gelassen.

|Hanni & Nanni|

Meine Überschrift bezieht sich auf die bekannte Mädchenbuchserie und nimmt sie ein wenig auf die Schippe. Aber wie schon angedeutet, muss man sich 240 Seiten lang gedulden, bis die beiden endlich in so etwas wie eine brenzlige Situation geraten. Die Autorin ist zunächst auffällig konfliktscheu. Dafür kommen die finalen Auseinandersetzungen umso härter daher.

Wendet sich Martha Grimes also an ein jugendliches Publikum? Durchaus. Doch von diesen gedämpften, geradezu netten Anfängen führt sie die Leser zu immer provozierenderen Szenarien und Enthüllungen. Schließlich ist Mary, ihre Protagonistin, mehrmals so weit, einfach nur noch abhauen zu wollen, um die Augen weiterhin vor der Wahrheit verschließen zu können. Als dies nicht mehr geht, ist sie selbst ein abgeschossener Pfeil.

_Mein Eindruck_

„Das Mädchen ohne Namen“ kommt ohne große Dramatik und Action daher, denn die Opferzahl scheint gering zu sein. Doch das täuscht. Denn für die Autorin zählen auch jene zu den Opfern, die nicht getötet wurden, sondern lediglich permanente Opfer der Gewalt von Männern sind: misshandelte Frauen, missbrauchte Kinder, sinnlos abgeschlachtete Wildtiere.

Immer wieder habe ich mich über den Mut der beiden jungen Frauen gewundert, und dieser Mut ist übertragbar, wie sich zeigt. Insofern ist dies kein Psychothriller à la „Schweigen der Lämmer“, sondern ein Aufruf an die Leser, besonders an die Frauen, sich auf die Hinterbeine zu stellen und etwas zu tun. Denn „es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (E. Kästner).

|Der Originaltitel|

„Biting the moon“ wird zum Glück erklärt. Dieses „Beißen des Mondes“ scheinen die Kojoten zu tun, wenn sie den Erdtrabanten anheulen. Das Bild lässt sich leicht auf Andis psychische Verfassung übertragen. Eine schöne, passende Metapher.

|Originaltitel: Biting the moon, 1999
Aus dem US-Englischen übertragen von Cornelia Walter|

Harris, Robert – Pompeji

Der junge Wasserbaumeister Marcus Attilius Primus wird nach Misenum am Fuß des Berges Vesuv beordert, um neuer Aquarius des römischen Aquädukts Aqua Augusta zu werden, nachdem sein Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist. Die Aqua Augusta versorgt eine Reihe Städte rund um den Vesuv herum mit dem Zeichen der Zivilisation, dem Wasser. Bald nach Attilius‘ Ankunft sterben kostbare Fische im Becken des reichen Ampliatus, das Wasser ist mit Schwefel vergiftet; der Fluss der Augusta versiegt, die Wasservorräte reichen nur noch für zwei Tage. Attilius berechnet den Abschnitt des Aquädukts, in dem der Defekt zu finden sein muss, und lässt sich mit einer Sklavenmannschaft nach Pompeji verschiffen, um von dort aus die Reparatur zu starten.

In Pompeji herrschen merkwürdige Zustände: Der ehemalige Sklave Ampliatus verschaffte sich in der Zeit nach dem großen Erdbeben einen neuen Status, entwickelte einen ausgeprägten Geschäftssinn und fesselte die mächtigen Familien der Stadt an sich. So ist er der eigentliche Herrscher und bewirkt gegen den Willen der Offiziellen, dass Attilius geholfen wird (damit hofft er auch, den neuen Aquarius in seine Schuld zu ziehen).

Attilius gelingt es, den Aquädukt provisorisch zu reparieren, aber zunehmende kleine Erdbeben steigern auch seine Unruhe. Aus verräterischen Schriftstücken, die ihm von Ampliatus‘ Tochter zugespielt werden, kommt er einem großen Betrug auf die Spur, die in Zusammenhang mit Exomnius‘ Verschwinden zu stehen scheinen. Exomnius stammte von Sizilien, kannte den Ätna und seine Vorboten, und bei der Lektüre dieser Schriftstücke erkennt Attilius, was außer Exomnius niemand erkannt hatte. Es gab Verbindungen zwischen Ätna und Vesuv! Attilius erklimmt den Berg und findet Exomnius‘ Leiche, gestorben in giftigen Dämpfen. Die Beben werden stärker, Attilius flieht vom Vesuv, dessen Gefährlichkeit lange verkannt wurde.

_Robert Harris_, geboren 1957 in England, arbeitete als Redakteur, Reporter und Kolumnist; für Letzteres erhielt er eine Auszeichnung. Vor „Pompeji“ schrieb er die Bestseller „Vaterland“, „Enigma“ und „Aurora“.

|Pompeji| ist ein wohl recherchierter historischer Roman, der die ganze Tragik des Vesuvausbruchs, der schließlich zur Einäscherung Pompejis führte, darstellt. Mit Attilius bedient Harris sich eines Protagonisten, der nach dem Ausbruch nicht mehr gesehen wurde. Geschickt verbindet Harris Erzählungen und Fakten, um die persönliche Geschichte des Aquarius zu erzählen und ein mögliches Happy-End für ihn aufzuzeigen.

Den Kapiteln vorangestellt sind jeweils kurze Abschnitte aus Schriften zum Vulkanismus, so dass der Leser eine ungefähre Vorstellung von den Vorgängen bei einem Ausbruch bekommt; außerdem wirken sie wie ein Countdown, je näher der Ausbruch rückt. Alle gesponnenen Fäden werden verknüpft und liefern ein stimmiges Gesamtbild, so dass kein Detail zu erkennen ist, das für die Erzählung unnötig erschiene. Stundenweise schreitet die Zeit voran, manchmal muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass Harris diese Ereignisse an drei Tagen statt finden lässt, denn viel passiert in dieser Zeit. Attilius scheint fast ohne Schlaf auszukommen, aber tatsächlich lässt Harris das nicht unberücksichtigt.

Eine weitere sympathische Figur ist der militärische Befehlshaber Plinius, auf den gleichzeitig viele wichtige Schriften aus dieser Zeit zurückgehen, zum Beispiel die |Historia Naturalis|, aus der Harris auch mehrfach zitiert. Plinius sieht in dem Vulkanausbruch das letzte Geheimnis der Natur, das schriftlich festzuhalten ihm in seinem Leben vergönnt ist. So begibt er sich mit wissenschaftlichem Eifer in höchste Gefahr und liefert eine derart genaue Beschreibung des Hergangs, dass noch heute in der Wissenschaft der Ausdruck „plinianisch“ für einen derartigen Vulkanausbruch steht.

Warum allerdings Oberaufseher Corax einen tödlichen Hass auf Attilius hat, wird nicht ganz deutlich. Erwähnt wird, dass er auf das Amt des Aquarius gehofft hatte, doch diese Erklärung ist etwas unbefriedigend. Wahrscheinlich ist es menschliche Abneigung, die sich über diesen Punkt in Hass entwickelt.

Insgesamt kann gesagt werden, dass „Pompeji“ zu Recht ein Bestseller ist, denn er liest sich flüssig und spannend und bietet hervorragende Unterhaltung bei gleichzeitiger Vermittlung interessanter Fakten zu einer historischen Begebenheit.

Dooling, Richard – Tagebuch der Eleanor Druse, Das

Eleanor Druse, eine 75-jährige Parapsychologin mit heftigen New-Age-Wallungen, betreut ehrenamtlich sterbende und einsame Patienten im altehrwürdigen Kingdom Hospital in Lewiston, US-Staat Maine. Dorthin wird sie auch von ihrem Sohn Bobby gerufen, der im Krankenhaus als Krankenpfleger arbeitet, als Madeline Kruger nach einem Selbstmordversuch eingeliefert wird. Eleanor, die ihre Freundin aus Kindertagen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, eilt zu ihr – und findet sie tot vor: Madeline hat offenbar mit einem eingeschmuggelten Eispickel vollendet, was ihr daheim misslungen war.

Doch warum kriechen Heerscharen von Ameisen aus ihren Wunden? Eleanor wird durch den Schrecken ohnmächtig und schlägt mit dem Schädel auf dem Boden auf. Ein langer Krankenhausaufenthalt schließt sich an, denn Eleanor hört seither Stimmen und hat Visionen: Ein kleines Mädchen geistert weinend durch das Kingdom Hospital, ein gruselig anzuschauender Arzt tut es ihm gleich. Das alte Haus wird von Erdbeben erschüttert. Im Keller fallen Ratten über die Leichen her.

Eleanor beschließt, das Rätsel zu lösen. Sie beschafft sich Informationen über das Kingdom Hospital und kommt einem alten Skandal auf die Spur: Dr. Ebenezer Gottreich, ein fanatischer Anhänger der Gehirnchirurgie, hat hier in den 1930er Jahren verbotene Menschenversuche durchgeführt – und sie sowie Madeline Kruger gehören zu seinen Opfern! Das hatte sie bisher verdrängt, nun kehren die Erinnerungen mit den Visionen zurück. Leider scheint dies auch auf Dr. Gottreich zuzutreffen, dessen mörderischer Geist durch das Krankenhaus irrt und weitere Gräueltaten verübt. Eleanor selbst wird von den Ärzten des Kingdom Hospitals als psychisch derangierte Querulantin abgestempelt und – da ansonsten völlig gesund – vor die Tür gesetzt. Doch Eleanor lässt sich so einfach nicht ausschalten. Sie will dem kleinen Mädchen helfen und verschafft sich heimlich Einlass in das Krankenhaus. Die Ärzteschaft hart auf den Fersen, findet sie das Mädchen – und die böse Macht, die es jagt und das Kingdom Hospital terrorisiert …

Bücher zu Filmen sind seit jeher mit einiger Vorsicht zu betrachten. Sie bilden eine Art Zusatzgeschäft und stehen ungefähr auf dem Niveau von Kunststoffpüppchen der Darsteller, Tradingcards oder ähnlichem überflüssigen Schnickschnack, mit dem den Fans noch ein bisschen Geld mehr aus der Tasche gelockt werden soll. Mit entsprechender „Sorgfalt“ und Werktreue sind sie denn auch geschrieben – für den schnellen Verbrauch bestimmt, flach, langweilig. Weil dies offenbar ein Gesetz ist, heuert man für diesen Job bevorzugt zweit- und drittklassige Schreiberlinge oder richtige Autoren in akuten Geldnöten an.

„Das Tagebuch der Eleanore Druse“ entspricht vollständig dieser ungünstigen Definition. Dies überrascht nicht, stellt doch schon die US-amerikanische TV-Show das Surrogat einer skandinavischen Fernsehserie dar, deren Originalität in keiner Sekunde auch nur annähernd erreicht wurde. „Riget“ (dt. „Geister“) wurde 1994 vom dänischen Regisseur Lars von Trier (mit Niels Vørsel) erfunden, (mit Morton Arnfred) in Szene ge- und 1997 fortgesetzt: Ein modernes Krankenhaus wird mit parapsychologischen bzw. mythischen Phänomenen aus der Vergangenheit konfrontiert. Die filmische Umsetzung geschah durch Meisterhand, die Rollen waren brillant besetzt, die Darsteller lieferten Höchstleistungen. „Geister“ war spannend, gruselig, witzig – eine Sternstunde nicht nur der skandinavischen Fernsehgeschichte.

Was auch in den USA nicht verborgen blieb. Zwar lockte „The Kingdom Hospital“, wie die Serie nun heiß, auch hier die Zuschauer, aber für die durchschnittliche Couchkartoffel war sie doch zu komplex, zu frivol und vor allem zu europäisch. Wie schon so oft wurde deshalb eine „amerikanisierte“ Kopie in Auftrag gegeben. Für das Drehbuch konnte man einen Vollprofi gewinnen: Stephen King ist nicht nur ein berühmter Schriftsteller, sondern auch ein versierter Drehbuchautor. Weil er nicht die gesamte, auf 13 Teile projektierte Serie „Kingdom Hospital“ stemmen konnte, gesellte sich ihm Richard Dooling hinzu. Auf dem Regiestuhl nahm 2004 der auf King-Fernseh-Miniserien spezialisierte Craig R. Baxley („Storm of the Century“, „Rose Red“, „The Diary of Ellen Rimbauer“) Platz. Es entstand das übliche King-TV-Spektakel: aufwändig und routiniert in Szene gesetzt und erfolgreich, aber auch hausbacken, viel zu lang und enttäuschend eindimensional: „Riget“ für Anspruchslose.

„Das Tagebuch der Eleanor Druse“ überträgt dies kongenial, aber leider wohl unfreiwillig in Worte. Weder im Klappentext oder im „Vorwort“ der „Verfasserin“ findet Erwähnung, dass dieses Buch nur den Auftakt einer Serie von „Kingdom“-Romanen darstellt. So erklärt sich das abrupte „Cliffhanger“-Finale, als noch gar nichts aufgeklärt ist. Der Leser schaut in die Röhre und ärgert sich, bis hierher durchgehalten zu haben, nachdem er – oder sie – so unverschämt vernachlässigt wurden.

Was ist von einem Roman zu halten, dessen erste Hälfte gar nicht im Titel gebenden Kingdom Hospital, sondern in einem anderen Krankenhaus in Boston spielt? Nachträglich begreifen wir dies als Einleitung zu einer sehr weit gespannten Geschichte, um die wir indes in diesem Buch geprellt werden. Im Vergleich zum verwünschten „Reichskrankenhaus“ der Originalserie ist das Kingdom Hospital zudem ein langweiliger Ort, an dem ziemlich kindische Geister umhertölpeln. Von Gruselatmosphäre keine Spur, der Stätte entsprechend steril und vordergründig schleppt sich das Geschehen dahin. Der abschweifig-geschwätzige Tonfall des Verfassers, der ebenso mühsam wie zwecklos versucht, Stephen Kings Geschick sowohl in der Darstellung US-amerikanischen Alltags als auch in seinen Schilderungen jenseitiger Heimsuchungen zu imitieren, trägt zum Misslingen des Werkes bei.

Den Gnadenstoß versetzt die Figurenzeichnung. Selten hat man sich über unsympathische Hauptpersonen so offen ärgern müssen. Die Idee an sich, weg von den üblichen TV-Klischeegestalten zu gehen, ist prinzipiell zu begrüßen. „Riget“ zeigt, wie erfrischend dies sein kann. „Kingdom Hospital“ wird indes von Karikaturen bevölkert, die umzubringen Pflicht jedes anständigen Gespenstes sein sollte. Das trifft ausgerechnet auf die Hauptfigur in ganz besonderem Maße zu.

Eleanor Druse war offenkundig geplant als „unwürdige Greisin“, die unkonventionell im Denken und Handeln trotz Alter und Eigensinn dem Grauen die Stirn bieten kann. Tatsächlich ist Eleanor eine Heimsuchung als unsensible, besserwisserische, eingebildete, frömmelnde New-Age-Hexe, deren sinnfreies Geplapper beim Lesen zur Weißglut reizt und das Überspringen ganzer Passagen erforderlich macht. Sohn Bobby, von der übermächtigen Mutter gegängelt und unterdrückt und auch sonst keine Leuchte, dient der Story als Wasserträger, der im rechten Augenblick verstaubte Akten heranschleppt oder seine penetrante Erzeugerin in unzugängliche Krankenhaussektionen einschmuggelt.

Die Ärzteschaft des Kingdom Hospital: eine Horde völlig überzeichneter, arroganter, unfähiger, korrupter, übergeschnappter Nullgestalten, die anscheinend nur von Eleanor Druse durchschaut werden und mit Patienten, Behörden und sonstigen Ordnungsmächten ihr lachhaftes Spiel treiben können. Es fehlt völlig die Mischung aus überzeugender Bosheit und Irrwitz, welche die „Riget“-Mediziner auszeichnete.

„Das Böse“ des Kingdom Hospital kommt sogar noch dümmlicher daher. Dr. Gottreich ist ein „mad scientist“, wie ihn heute höchstens noch Vormittagssendungen für Kinder präsentieren. Die kleine Mary, Gespenst Nr. 2, gehört zu den „Guten“, aber sie spukt ausgesprochen sinnfrei durch die Gänge, heult dabei zum Steinerweichen, und das wohl bereits seit anderthalb Jahrhunderten. Genaues erfährt man (noch) nicht; entsprechende Enthüllungen bleiben der Fortsetzung des „Tagebuches“ vorbehalten, auf die man problemlos verzichten kann.

Geschickt drückt sich der |Heyne|-Verlag um die Beantwortung der Frage, wer „Das Tagebuch der Eleanor Druse“ eigentlich geschrieben hat. Angeblich Eleanor selbst, aber sogar der dümmste Leser wird ahnen, dass es sich hier um eine fiktive Gestalt handelt. Also entspringt das „Tagebuch“ womöglich dem Hirn des großen Stephen King, unter dessen Namen die gleichnamige TV-Serie vermarktet wird? Man findet seinen Namen nicht dort, wo Verfassernamen zu stehen pflegen, sondern auf einem Button, der dem Cover aufgeprägt wurde („Das Buch zur TV-Serie von Stephen King“). Ansonsten lässt man eine Lücke dort, wo ansonsten nicht gerade verkaufsförderlich „Richard Dooling“ stehen müsste.

Dooling, geboren 1954 in Omaha, Nebraska, hat sich hier quasi als Ghostwriter für ein reines Kommerzprodukt verpflichten lassen. Er ist eigentlich Anwalt und hat diesen Job nicht aufgegeben, denn mit seinen eigenen Werken kann der Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist seine Kritiker sowie Leser zwar begeistern, erreicht aber ganz sicher kein Millionenpublikum. Werke wie „Critical Care“, „White Man’s Grave“ und „Brain Storm“ sind auch in Deutschland (als „Bett Fünf“, „Das Grab des weißen Mannes“ und „Watsons Brainstorm“) erschienen. „Critical Care“ nutzt übrigens wie „The Journals of Eleanor Druse“ die Erinnerungen des ehemaligen Beatmungstechnikers Dooling, der einige Jahre in einem Krankenhaus arbeitete und hinter die Kulissen blicken konnte.

Mehr über Autor und Werk verrät die Website http://members.cox.net/dooling.

Mann, Phillip – Auge der Königin, Das

„Das Auge der Königin“ war der erste Roman des Neuseeländers Phillip Mann, der bei uns in deutscher Übersetzung erschien. Es ist wohl einer der besten Romane über die Begegnung mit einer absolut fremdartigen, nichtmenschlichen Rasse, der je geschrieben wurde.

Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass Phillip Mann eine wissenschaftliche Ausbildung in Linguistik und Ethnologie erhalten haben muss. Nicht zufällig nämlich sind zwei Hauptfiguren seines Romans Experten vom „Institut für Kontakt-Linguistik“. Dieses hat sich, hundert Jahre nach Beginn der interstellaren Raumfahrt, die Aufgabe gestellt, außerirdische Kulturen zu erforschen.

_Der Autor_

Der 1942 geborene Engländer Phillip Mann lebt seit 1969 in Neuseeland. Seine Tätigkeiten als Theaterdirektor und Drama-Dozent verhalfen seinen Romanen und Hörspielen zu klarer Struktur und Anschaulichkeit. Neben „Das Auge der Königin“ (1982; dt. bei |Heyne|) ist „Pioniere“ als sein bester Roman anerkannt.

Der Neuseeländer wurde bei uns mit den zwei Paxwax-Romanen, dem Roman „Pioniere“ und mit „Wolfs Garn“ bekannt. Im Mittelpunkt seiner Bücher stehen menschliche Eitelkeit und Überheblichkeit, weshalb selbst die besten Pläne bei ihm stets schief gehen, so auch in diesem Roman über einen Erstkontakt. Die Arroganz besteht diesmal in dem Glauben, unbeteiligter Beobachter sein und bleiben zu können. Wolfgang Jeschke nannte dieses Buch einmal in den achtziger Jahren den besten Science-Fiction-Roman überhaupt – lang ist’s her.

Die Krönung von Manns schmalem Oeuvre bildet bislang der vierbändige Zyklus „Ein Land für Helden“ (A land fit for heroes):

1. Flucht in die Wälder
2. Der Monolith
3. Der Drache erwacht
4. Der brennende Wald

_Handlung_

Sobald die inzwischen galaxisweit Raumfahrt treibende Erde erkennt, dass in gewissen Richtungen Widerstand geleistet wird, geben sich dessen Verursacher zu erkennen. Es sind die Bewohner des Planeten Pe-Ellia (die Ähnlichkeit mit Perelandra bei C. S. Lewis ist wohl nicht ganz zufällig). Die Pe-Ellianer sind eidechsenähnliche, doch menschenförmige Riesengeschöpfe.

Sie laden den pensionierten Kontakt-Linguistiker Marius Thorndyke und seinen Schüler Thomas Mnaba nach Pe-Ellia ein. Sein Tagebuch und dessen Kommentar ergänzen sich später zu einem annähernd runden Bild von der pe-ellianischen Zivilisation.

Da auf Pe-Ellia der Geist die absolute Kontrolle über die Materie errungen hat und der telepathische Kontakt untereinander somit das Zusammenleben bestimmt, finden die zwei Menschen, die über keine telepathischen Kräfte verfügen, nur schwer Zugang zum Kern dieser fremden Kultur. Ja, die beiden stellen für diese sogar eine Bedrohung dar, wenn auch unwissentlich.

Die Pe-Ellianer verfolgen seit Jahrtausenden mit Sorge das Anwachsen der unbewussten, ungezügelten psychischen Potenz der Menschheit. Denn sie selbst beherrschen psychische Kräfte wie Werkzeug – die Unio Mystica (Gefühl der Einheit zwischen Ich und Welt) ist bei ihnen ein Dauerzustand.

Andererseits ist diese Gabe ihre Achillesferse: Ein unbeherrschter Fluch kann sie töten. Sie streben nach Vollkommenheit, die sich im Verlauf ihrer sieben Häutungen zeigt. Wird sie erreicht, werden sie zu „mantissae“ (femininer Plural von griechisch-lateinisch „Mantis“ = Seher, Weissager), die Geist und Materie beherrschen. Die psychischen Einwirkungen der Menschen stören diese Entwicklung.

Entgegen aller wohlerprobten Maximen, die es den Kontakt-Linguisten verbieten, Einfluss auf die Kultur der zu erforschenden Aliens zu nehmen, bringt Thorndyke sich selbst, d.h. seine Persönlichkeit, ins Spiel ein. Thorndyke sieht nur einen gangbaren Weg, um diese Fremdwesen völlig zu verstehen. Er lässt sich zum Pe-Ellianer umwandeln. Er weiß, dass ihm bis zu seinem Tod im „Auge der Königin“, einem Zugang zur Unter- und Totenwelt, nicht mehr viel Zeit bleibt.

[SPOILER]
Durch Verschmelzung mit der „Königin“, einer gewaltigen, den Planeten durchwuchernden Biomasse mit quasigöttlichen Fähigkeiten, wird Thorndyke Bestandteil des pe-ellianischen Genpools und gewährleistet damit, soweit er es vermag, eine denkbare Synthese zwischen Erde und Pe-Ellia.
[Ende des Spoilers]

_Mein Eindruck_

Die Erzählform des kommentierten Tagebuchs beleuchtet das Geschehen von mehreren Seiten, erlaubt es aber auch, die innersten Gedanken des jeweiligen Schreibers auszudrücken – ein genialer Schachzug des Autors. Der einigermaßen lesbare Roman bietet Spannung, Weitblick, Philosophie und Humanismus in einem und gemahnt so an Klassiker von H. G. Wells, Olaf Stapledon („Der Sternenschöpfer“), C. S. Lewis („Perelandra“) und David Lindsay („Reise zum Arcturus“). Manche Strecken gemahnen an Johannes den Täufer, der das Leben und die Verwandlung Jesu erzählt. Ist der Bericht ein Evangelium – oder eine Fälschung?

Man merkt dem Roman an, dass ihn ein gebildeter Mensch geschrieben hat, der mit der literarischen Tradition vertraut ist. Das ist zwar gut und schön, wenn es ums Lesevergnügen geht, doch um einen SF-Roman gut werden zu lassen, gehört noch einiges mehr dazu. Seit 1985 hat dieses Buch nämlich keine einzige Neuauflage erlebt, und das gibt doch zu denken.

Das ganze Buch ist insofern nicht gerade konsumfreundlich, weil es sich einer wissenschaftlichen Betrachtungsweise bedient, die doch in ihrer Nüchternheit nicht gerade einladend wirkt. Fähige Autoren wie Michael Bishop haben dies in Ethnologen-Romanen wie dem fabelhaften „Transfigurationen“ sehr viel unterhaltsamer bewerkstelligt. Die Action hält sich jedenfalls bei Phillip Mann stark in Grenzen. Denn anders als etwa Michael Bishop, Nicola Griffith („Ammonit“) oder Ursula K. Le Guin (die Tochter eines berühmten Anthropologen; Buchbeispiel: „Die linke Hand der Dunkelheit“), ist Manns Erzählstil auch bei großer Anspannung undramatisch. Er zeigt die Probleme bei der Kontaktaufnahme mit einer Fremdkultur geduldig auf.

Je mehr sich der Blickwinkel Thorndykes und Mnabas ausweitet und das Erleben sich intensiviert, desto deutlicher werden sie sich ihrer eigenen Rolle und jener der Menschheit bewusst. Die Wirkung ist die einer immer stärker werdenden kosmischen Ironie. Das ist jedoch nicht komisch, sondern tragisch.

_Unterm Strich_

Ich fand diesen gelehrten Kontakt-Roman einerseits recht faszinierend zu lesen, wenn man etwas für die wissenschaftliche Betrachtungsweise übrig hat. Andererseits fordert die Lektüre aber auch ein Höchstmaß an Geduld vom Leser, so dass Actionfans hier keineswegs auf ihre Kosten kommen. Ein Buch offenbar für ambitionierte Leser.

Das Buch wird vom |Heyne|-Verlag schon lange nicht mehr angeboten. Nicht einmal in die Einsteigerreihe „Warp 7000“ schaffte es der Titel. Bei Amazon.de und Ebay.de sind jedoch noch gebrauchte Exemplare zu bekommen.

|Originaltitel: The Eye of the Queen
Aus dem Englischen übertragen von Hans Maeter|