Archiv der Kategorie: Skurriles & Satirisches

Pelewin, Victor – fünfte Imperium, Das. Ein Vampirroman

_Das geschieht:_

Der 19-jährige Roma gehört zu denen, die vom wirtschaftlichen Aufstieg im neuen Russland definitiv nicht profitieren. Mit seiner Mutter haust er in einer winzigen Wohnung und schlägt sich als Billiglohnsklave einer Supermarktkette durch, als ihm das Glück eines Tages auf denkbar ungewöhnliche Weise hold ist: Roma wird entführt und in einen Vampir verwandelt! Als solcher gehört er nunmehr zu den Herren dieser Erde. Die Menschen, so erfährt er, sind nur genetische Produkte der Vampire, die sich eine möglichst schmackhafte und leicht lenkbare Nahrungsquelle züchten wollten.

Aller Anfang ist auch als Vampir schwer. Roma bekommt einen neuen Namen – Rama – und wird einer aufwändigen Ausbildung durch erfahrene Lehrmeister unterzogen. Er muss lernen, wie ein Vampir zu denken, was nur langsam, mühsam und begleitet von zahlreichen Missverständnissen gelingt, denn die Vampirologie stellt sein bekanntes Weltbild vollständig auf den Kopf: Nichts ist, wie es Rama zu sein schien, weil die Vampire Sorge dafür trugen, dass die Wahrheit nur ihnen vorbehalten bleibt. Die Menschen leben in einer sorgfältig konstruierten Scheinwelt, damit sie ahnungslos und leicht lenkbar bleiben.

Allmählich lebt sich Rama in seine neue Existenz ein. Mit der schönen Vampir-Novizin Hera an seiner Seite dringt er in die faszinierende Welt der Vampire vor, die zu seiner Verblüffung weder untot noch Blutsauger sind. Über interne Zwistigkeiten sind sie allerdings keineswegs erhaben. Dass seine neuen Wohltäter recht finstere Pläne mit ihm schmieden, wird Rama zu spät klar. Mit der für ihn typischen Torheit stolpert er mitten in die Falle …

_Vampire unter & über uns_

In der ‚richtigen‘ Literatur gehört der Bildungsroman zu den altehrwürdigen Erzählformen: Der junge Mensch lernt das Leben in seinen positiven und negativen Fassetten kennen; ein Prozess, der beim Leser die Erinnerung an eigene Erfahrungen in Gang setzt, ihm aber außerdem eine Chance bietet, die scheinbar bekannte Welt durch den Filter eines unverbrauchten und ungeprägten Geistes neu wahrzunehmen.

Dieser Aspekt steht für Viktor Pelewin im Vordergrund. In „Das fünfte Imperium“ bedient er sich zwar vieler Elemente der phantastischen Literatur, legt jedoch nur bedingt einen Roman vor, der sich ins phantastische Genre fügt. Pelewin ist ein Schriftsteller, den man – falls man große Worte nicht scheut – als eine „Stimme des modernen Russlands“ bezeichnen kann. Seine schriftstellerische Karriere begann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und als Verfasser beschäftigt er sich mit den vielfältigen Folgen einer Kapitalisierung oder Globalisierung im Zeitraffer, die in ihrer Schonungslosigkeit bizarre Blüten treibt.

Dies beschreibt Pelewin manchmal durchaus direkt, lieber aber in allegorischer oder metaphorischer Form. Dies war unter dem sowjetkommunistischen Diktat üblich und lebensnotwendig, wird aber auch heute noch geübt; zwar ist Wladimir Putin kein Stalin, aber als Menschenfreund mit offenem Ohr für kritische Stimmen darf man ihn auch nicht betrachten. Deshalb kann es durchaus ratsam sein, Missstände von Vampiren in Worte fassen zu lassen. Die Literaturkritik – vor allem die des Westens – liebt solch kunstvolle Codierung, und wer mit den lokalen Verhältnissen vertraut ist, weiß ohnehin, was der Autor sagen möchte – ein Reiz, auf den der deutsche Leser nur beschränkt reagieren kann, weshalb Pelewin allzu ‚russische‘ Interna eigens für diese Übersetzung entschlüsselt bzw. allgemeinverständlich umformuliert hat.

_Fantasie und Kritik in homogener Mischung_

Dem an literarisch verbrämter Gegenwartsbespiegelung weniger interessierten Leser bleiben die skurrilen Einfälle, mit denen Pelewin den klassischen Vampirroman bereichert. Der Pedant mag einwenden, dass diese nicht unbedingt neu oder besonders originell wirken, sondern bei anderen Autoren bereits anklingen. Allerdings ist fraglich, ob diese in Stil und Ausdruck mit Pelewin mithalten können. Die bereits mehrfach erwähnte Literaturkritik schwankt zwar im Urteil, aber fest steht, dass dieser Mann zu schreiben versteht! Bei Pelewin lohnt es nicht nur, zwischen den Zeilen zu lesen. Dennoch wird man so manche intelligente oder einfach witzige Anspielung übersehen, denn Pelewin feuert sie im Salventakt ab. So statisch und irritierend „Das fünfte Imperium“ als Roman ohne echte Handlung manchmal wirkt: Die reine Lektüre dieser 400 Seiten ist ein Genuss, muss doch die Phantastik allzu oft als Refugium für Schwätzer und Stammler herhalten!

Aus der Absurdität seiner Geistesblitze macht Pelewin ohnehin keinen Hehl. Die Welt, wie er sie schildert, KANN von uns menschlichen Lesern eigentlich gar nicht verstanden werden, da wir einen von Vampiren gestalteten und sorgfältig überwachten Alltag leben. Mit dem jungen Rama einen Vampir-Eleven einzuführen, ist ein kluger Schachzug, denn als ehemaliger Mensch kämpft dieser mit ähnlichen Schwierigkeiten. Trotzdem lässt sich die vampirische Logik nur ansatzweise begreifen (womit sich der manchmal etwas zu schwurbelige Verfasser wunderbar aus der Verantwortung stehlen kann).

_Die Welt schräg durch andere Augen betrachtet_

Vieles von dem, was Pelewin darbietet, ist purer Spaß und genussvolle Destabilisierung klassischer Horror-Elemente. Seine Vampire schlafen tagsüber nicht in Särgen. Sie zerfallen nicht im Sonnenlicht. Ihr Spiegelbild ist deutlich sichtbar. Gipfel des Mythensturms ist der Verzicht auf das Saugen von Menschenblut. Nicht einmal das Wort findet Verwendung, es gilt unter Vampiren als verpönt. Stattdessen schätzen Pelewins Vampire die gutbürgerliche Küche.

Blut ist für sie nur mehr Informationsträger. Diese Idee wird farbenfroh und überzeugend umgesetzt: Vampir-Bibliotheken bestehen nicht aus Büchern oder Dateien, sondern aus Blutproben. Wenn Rama beispielsweise einen Tropfen Musikerblut verkostet, wird er selbst zum verständigen Musikus – zumindest theoretisch bzw. bis die Wirkung nachlässt.

Denn auch oder gerade in der Welt der Vampire ist nichts so, wie es zunächst zu sein scheint. Dynamik gewinnt „Das fünfte Imperium“ aus Ramas ständigen Missverständnissen, Irrtümern und peinlichen Patzern. Seine Torheit rettet ihm freilich das Leben, denn hinter der Geburt und der Erziehung des Vampirs Rama wird nach und nach eine Verschwörung sichtbar. Auch die womöglich außerirdische Herkunft und das unglaubliche Alter hat die Vampire nicht wirklich reifen lassen. Betrug und Intrige werden auf ein exotisches Niveau gehoben, doch an den niederträchtigen Realität ändert dies nichts.

Mit der Aufdeckung dieses Komplotts versucht Pelewin auf den letzten Seiten, seinem geistreich, aber zerfahren mäandrierenden Roman so etwas wie ein logisches Finale zu verschaffen. Es gelingt, wirkt aber etwas pflichtschuldig. Der Weg ist das Ziel dieses Romans. Wer sich darauf einzulassen vermag, wird mit einem phantastischen Vergnügen der etwas anderen Art belohnt.

_Der Autor_

Viktor Olegowitsch Pelewin ist ein Schriftsteller, der äußerst medienwirksam das Licht der Öffentlichkeit scheut. Lesungen, Interviews und Fernsehauftritte verweigert er, sondern teilt sich ausschließlich über das Internet mit. Er begründet das mit der Ablehnung persönlicher Prominenz, wehrt sich aber auch nicht gegen den Ruf der unbestechlichen Unabhängigkeit, dem ihm dieses Verhalten beschert.

Bekannt ist immerhin, dass Pelewin am 22. November 1962 in Moskau geboren wurde und Elektrotechnik studierte, bevor er an das Moskauer Literaturinstitut wechselte. Seit 1990 veröffentlichte er mehrere Romane und zahlreiche Erzählungen, die in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurden.

Als Schriftsteller beschäftigt sich Pelewin mit den politischen und vor allem gesellschaftlichen Umbrüchen, die das moderne Russland nach 1991 erfuhr. Dabei ignoriert er Genregrenzen und arbeitet gern mit – oft ironisch verfremdeten – Elementen der Phantastik.

_Impressum_

Originaltitel: Empire V (Moskau : Eksmo 2006)
Übersetzung: Andreas Tretner
Dt. Erstausgabe: Januar 2009 (Luchterhand Literaturverlag/Sammlung Luchterhand 62138)
400 Seiten
EUR 10,00
ISBN-13: 978-3-630-62138-8
http://www.luchterhand-literaturverlag.de

Robert Louis Stevenson / Lloyd Osbourne – Die falsche Kiste

Das geschieht:

Vor vielen Jahren zahlte der Kaufmann Jacob Finsbury aus London im Namen seiner beiden Söhne Joseph und Masterman je 1000 Pfund in eine Tontine ein: 36 Väter handelten ebenso, das Geld wurde zinsbringend angelegt, und dem letzten noch lebenden Sohn – und nur diesem! – wird es ausbezahlt!

Inzwischen ist es beinahe so weit. Die letzten beiden Kandidaten sind ausgerechnet Joseph und Masterman, die einander keineswegs in brüderlicher Liebe zugetan sind. Der leichtlebige Joseph steckt zudem in finanziellen Schwierigkeiten. Er hat das Erbteil seiner Neffen John und Morris durchgebracht. Vor allem Morris macht ihm deshalb das Leben zur Hölle. Die inzwischen auf stolze 116.000 Pfund angewachsene Tontine soll den Familienfrieden wieder herstellen. Mit Michael, Mastermans Sohn, einem gerissenen Winkeladvokaten, kann man sich einigen, denkt Morris. Als der ablehnt, wittert Morris Betrug: Lebt Masterman überhaupt noch oder will Michael nur diesen Anschein erwecken, um die Tontine an sich zu reißen?

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Welsh, Irvine – Drecksau

_Der Gossenpoet und sein blutiger Vorschlaghammer._

Irvine Welsh, der Alptraum eines jeden Feingeistes, ein Poet mit dreckiger Schnauze, ein Hooligan, ein Chronist der schottischen Arbeiterklasse und ihrer schmutzigsten Winkel. Geboren 1961 (oder 1958, da ist man sich nicht sicher) in der schmuddligen Schönheit von Edinburgh, hat er schon bald damit begonnen, seine Welt zu sezieren, mit spitzer Zunge und giftiger Feder – was ihn nach „Trainspotting“ in den Olymp der Vielgelesenen hievte. Es muss seine rabiate Offenheit sein, der Schock, der den Leser überfällt, wenn er Figuren vorgesetzt bekommt, die alle irgendwo zwischen ‚bemittleidenswert‘ und ‚verabscheuungswürdig‘ dahinvegetieren; Welsh zu lesen, ist so, wie Augenzeuge eines Autounfalls zu werden: Man kann auf keinen Fall hinschauen, aber noch weniger kann man wegsehen; wenn die Buchdeckel aufeinanderknallen, wickelt man sich ganz eng in seine Decke und ist froh, wieder in der eigenen, heilen Welt angekommen zu sein, wo es keine Typen wie Francis Begbie gibt und keine Bullen wie im vorliegenden „Drecksau“.

In diesem Roman nämlich nimmt Welsh die schottische Polizistenzunft aufs Korn, ach was, er richtet sie standrechtlich hin. Laut Klappentext wollte die britische Polizei Schritte gegen diesen Roman einleiten, was vielleicht einen kleinen Vorgeschmack dessen vermittelt, was einen erwartet, wenn man sich auf diesen Trip einlässt.

_Der Bock wird zum Gärtner …_

… und frisst sich satt am Salat, den er eigentlich beschützen sollte. Bruce Robertson ist langjähriger Beamter bei der schottischen Polizei, und wenn man versuchen würde, ihn angemessen zu beschreiben, müsste man sich genau der Gossensprache bedienen, die er selbst so exzessiv gebraucht. Mit milderem Wortschatz könnte man ihn als Zyniker beschreiben, verbittert bis ins Mark, korrupt, opportunistisch, intrigant, machtbesessen, frauenverachtend, mit sexuellen Vorlieben, die man versuchshalber als ‚unangenehm‘ bezeichnen könnte. „Robbo“ Robertson stiehlt sich durch seinen Polizistenalltag, klaut Wertgegenstände von Tatorten, saugt sich konfisziertes Koks selbst in die Nase, verschafft sich sexuelle Erregung, indem er Verdächtige erniedrigt, er droht Minderjährigen mit Verhaftung, es sei denn, sie lutschen ihm seinen verschorften Pimmel.

Mit Gesundheit und Hygiene von D. S. Robertson ist es nämlich ähnlich weit her, wie mit seiner moralischen Integrität: Ihn quält ein Ekzem, dass seinen gesamten, nun ja, unteren Bereich in eine verseuchte, juckende Zone verwandelt, und außerdem hat er sich einen Bandwurm eingefangen, wovon unser Vorbildbulle am Anfang des Romans allerdings noch nichts weiß.

Robertsons Frau Carole hat sich eine Auszeit von ihrem Göttergatten gegönnt, weshalb sich der Strohwitwer alleine durch den Alltag schlagen muss. Fastfood, Bier und Fußball sind an der Tagesordnung, frische Hosen finden sich im ganzen Haus nicht, und der Dreck ist so überwältigend geworden, dass Robertson sich gar nicht erst die Mühe macht, an irgendwelche Reinigungsaktivitäten zu denken. Dementsprechend muss sich Brucy-Boy mit alten Stinkehosen begnügen, in denen sein Ekzem wachsen und gedeihen kann.

Ist ihm egal, ebenso wie der Mordfall, den er aufzuklären hätte. Anstatt sich auf seine Ermittlungsarbeit zu konzentrieren, spinnt Robbo Robertson lieber an seinem Netz aus Intrigen und Lügen, um sich selbst den Weg zu einer Beförderung zu ebnen. Dabei konzentriert er sich ganz auf Wochenend- und Nachtarbeit, weil das die fettesten Zuschläge abwirft; außerdem kann er auf diese Weise ganz ungeniert bei Nutten und verzweifelten Hausfrauen vorbeischneien, um ihnen „ordentlich einen zu verlöten“, wie er sich ausdrückt.

Es ist aber nicht alles so einfach und rosig hinter seiner verkoksten Überheblichkeit; der Bandwurm in seinen Därmen wächst prächtig und drängt sich mit schlauen Kommentaren in sein Leben, Carole bleibt länger fort als erwartet, Robbos Intrigen reißen nicht nur seine Kollegen in den Abgrund, und dann scheint es da noch etwas zu geben in Brucies Vergangenheit, etwas, das er allzu gern verdrängen würde, was aus dem Unbewussten sein ganzes Leben steuert, etwas, das nur sein Bandwurm offen auszusprechen wagt … und was seinem Dasein schließlich eine entscheidende Wendung verpasst …

_Brutale Prosa vom anderen Ende der Political Correctnes._

Welsh ist ein Meister der destruktiven Stimmung. Er beherrscht es perfekt, sich auch in die abscheulichsten Figuren hineinzuversetzen, schreibt so glaubwürdig aus ihrer Perspektive, dass es dem Leser manchmal so vorkommt, als würden ihm die Charaktere ins Gesicht atmen. Die Hintergrundstory ist wichtig, zweifellos, man möchte wissen, was es mit dem Bandwurm auf sich hat und warum Carole so lange verschwunden bleibt, außerdem brennt es einem unter den Nägeln zu erfahren, wie weit Bruce Robertson es mit seinen Intrigen treiben wird. Aber das ist nicht der eigentliche Motor, der uns zum Lesen treibt. Die Figuren sind es, ihre Respektlosigkeit, ihr Zynismus und ihre Radikalität – die abartige Kreativität, die sie antreibt und zu Taten veranlasst, über die man nur geschockt staunen kann.

„Drecksau“ ist ein Ausnahmeroman eines Ausnahmeautors. Hier werden Zäune eingerissen und Gewohnheiten niedergetrampelt; Welsh treibt ganze Herden heiliger Kühe zusammen und streckt sie ohne Wimpernzucken nieder. Dieses Buch ist wie eine Achterbahnfahrt, bei der man sich garantiert vollkotzt, es ist ein extremer Trip, der schockiert und nachhält, der beängstigt und verstört. Vor allem aber ist es spürbar anders: keine Spur von gängigen Klischees, von ausgelutschten Dialogen, oder vorhersehbaren Spannungsbögen, keine Spur von Helden oder von gefälligen Konfliktlösungen.

Was wie ein Warnung klingt, ist auch eine. Für zartbesaitete Gemüter dürfte „Drecksau“ ebenso schwer verdaulich sein wie eine Pornovorführung in einer Klosterschule, aber für jeden, der sich eine ordentliche Ladung Zynismus gönnen möchte, ist „Drecksau“ genau die richtige Medizin: bitter, aber heilsam. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man hasst Welshs Romanwelten und schickt sie mit ihm zum Teufel, oder man hasst seine Romanwelten und lässt sich von ihnen in ihren dunklen Bann ziehen. Ich gehöre zur letzten Kategorie, und kann „Drecksau“ jedem mutigen Hobby-Nihilisten nur wärmstens ans Herz legen. Aber auch wenn sich Welshs Romane einer Gut/schlecht-Kategorisierung entziehen, sei hier noch erwähnt, dass „Drecksau“ eines seiner schwächeren Werke ist. „Trainspotting“, „The Acid House“ oder auch „Porno“ haben deutlich die Nase vorne, vor allem, weil es dort mehrere Figuren gibt, aus deren Perspektive geschrieben wurde, während sich „Drecksau“ auf einen kranken Bullen mit Bandwurm beschränkt.

|Originaltitel: Filth
Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellmann
455 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-20493-4|
http://www.dtv.de
http://www.irvinewelsh.com

Paasilinna, Arto – liebe Gott macht blau, Der

|“Gott ist ein gutaussehender Mann. Er ist 178 Zentimeter groß, ein wenig stämmig, aber wohlproportioniert und von aufrechter Haltung. Seine Gesichtszüge sind ebenmäßig, mit gerader Nase und hoher Stirn, der Blick ist von sanfter Bestimmtheit, wenn auch recht müde.“|

Gott braucht Urlaub, die Menschheit macht ihm zu sehr zu schaffen. Die Schöpfung der Erde hat ihm anfangs viel Freude bereitet, doch inzwischen ist er seiner Aufgabe überdrüssig geworden. Gott braucht eine Auszeit, doch seine beiden rechten Hände – der Erzengel Gabriel und der heilige Petrus – wollen seine Vertretung nicht übernehmen. Es muss also ein Mensch gefunden werden, der für ein Jahr Gottes Aufgaben übernehmen kann. So machen sich alle Engel im Himmel – der sich im Übrigen in einer alten bulgarischen Schlossruine befindet – daran, die Gebete nach einem würdigen Vertreter zu durchforsten.

Nach viel Arbeit wird die Liste der möglichen Kandidaten immer kleiner – der Papst ist allerdings nicht einmal in die Endrunde gelangt, da er nur aus Gewohnheit betet, aber gar nicht an Gott glaubt. Der finnische Kranfahrer Pirjeri Ryynänen dagegen betet ausgerechnet in der entscheidenden Woche besonders inbrünstig – und zwar nicht um sein eigenes Wohl, sondern um das seiner Lebensgefährtin. Sein Gebet kommt von Herzen und so gelangt er schließlich in die Endrunde, wo er von Gott höchstpersönlich, wenn auch durch einen kleinen Zufall (oder gibt es den gar nicht?), ausgewählt wird.

Als der heilige Petrus schließlich in Pirjeris Krankabine vorbeischaut, glaubt der Finne ihm natürlich kein Wort. Er verlangt ein Wunder von Petrus, um sich zu vergewissern, dass er nicht von einem durchgeknallten Alten verschaukelt wird. Und so fordert Pirjeri, dass sein unglücklicher Freund Torsti Rahikainen zu Geld gelangt, damit dieser endlich seine Wünsche und Träume verwirklichen zu können. So beratschlagen Petrus und Gabriel gemeinsam, wie sie auf nicht allzu verwerfliche Weise an viel Geld gelangen, und luchsen es kurzerhand einem unsympathischen Bankdirektor ab.

Als Pirjeri sich davon überzeugt hat, dass sein Freund Torsti tatsächlich reich geworden ist, tritt er pflichtbewusst seinen neuen Job an und begibt sich nach Bulgarien in den Himmel. Dort lernt er Gott kennen, der ihm göttliche Fähigkeiten verleiht, mit denen Pirjeri beispielsweise das Wetter kontrollieren kann. Nachdem Pirjeri seine göttlichen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, widmet Gott sich seiner verdienten Auszeit und lässt Pirjeri schalten und walten. Der hat auch sogleich nicht nur mit dem Wetter zu kämpfen, sondern mit Satan höchstpersönlich. Außerdem findet er die bulgarische Schlossruine als Himmel absolut unpassend, und so will er sich neben dem Weltfrieden auch um die Umsiedlung des Himmels kümmern …

_Urlaubsvertretung_

Wieder einmal hat Arto Paasilinna sich eine vollkommen abstruse Geschichte ausgedacht: Er zeichnet einen Gott, der nicht nur menschlich aussieht, sondern sich auch mit völlig menschlichen Problemen herumschlägt: Er braucht Urlaub, denn er ist müde von seinen eigenen Geschöpfen. Und nun muss ein menschlicher, aber doch würdiger Vertreter für Gott gefunden werden. Das kann natürlich niemand anderer sein als ein liebenswerter Finne.

Der Arbeitsalltag im Himmel raubt Pirjeri so manch eine Illusion, insbesondere die alte Schlossruine kann er nicht hinnehmen als Sitz des Himmels, und so beginnt er mit der Suche nach einer geeigneten Alternative, die am besten in seiner Heimat Finnland liegen sollte. Und genau hier findet er eine riesige verlassene Kirche, die ihm würdig genug erscheint. Nur Petrus und Gabriel reagieren nicht ganz so begeistert auf die vielen Veränderungen und bereuen es bereits, Pirjeri nicht rechtzeitig aussortiert zu haben. Zähneknirschend fügen sie sich in ihr Schicksal und helfen Pirjeri bei seinem Vorhaben. Und so nimmt der Umzug schließlich einen Großteil des göttlichen Arbeitsalltags ein. Ganz nebenbei wendet Pirjeri schlimme Naturkatastrophen ab, er kämpft gegen Satan, besucht zwischendurch seine Lebensgefährtin und sorgt sich um die Krisenregionen auf der Welt.

Ein zweiter Erzählstrang widmet sich Torsti Rahikainen, der zunächst eine Weltreise unternimmt, sich aber zwischendurch immer wieder in Schwierigkeiten bringt. So begleitet ihn stets sein Schutzengel Konko-Hito, der schließlich so oft eingreifen muss, dass Gott ihn gezwungenermaßen zu einem Schutzheiligen befördert.

Inhaltlich gibt die Geschichte leider nicht viel her; der Umzug des Himmels trägt nicht für das ganze Buch und auch die Nebenhandlung mit Torsti störte mich zunehmend, weil Torsti sich einfach zu tollpatschig und unbeholfen benimmt. So gut mir Arto Paasilinnas Idee mit einem Urlaub machenden Gott gefallen hat, so unzufrieden war ich dieses Mal mit der Umsetzung der Story. Mir schien es, als hätte Paasilinna sich zu sehr auf seinem Grundgedanken ausgeruht, doch damit alleine ist es eben nicht getan. Pirjeris „Regierungszeit“ empfand ich als lange literarische Durststrecke, da abgesehen von einigen Wettergeschehnissen, einem nervenden Satan, dem Umzug des Himmels und dem nervigen Torsti wenig passiert. Und immer wieder kommt Paasilinna auf diese Dinge zurück, sodass sich die gesamte Geschichte im Kreis dreht, ohne aber recht voranzukommen.

Nur selten blitzt Arto Paasilinnas einzigartiger Humor auf, nur selten zeigt er seinen gewohnten Ideenreichtum, und auch auf seinen Wortwitz kann er sich dieses Mal nur selten verlassen. Manch einer mag sich zudem daran stören, dass Paasilinna es wagt, einen „menschelnden Gott“ zu zeichnen, der seiner Aufgabe überdrüssig ist und die Herrschaft über die Welt lieber einem Kranfahrer überlässt.

Insgesamt war ich ein wenig enttäuscht von dem vorliegenden Buch, da ich weiß, dass Arto Paasilinna es deutlich besser kann. Verglichen mit seinen anderen Werken fällt „Der liebe Gott macht blau“ etwas ab, auch wenn ich die Grundidee zu diesem Buch wirklich großartig fand.

|Originaltitel: Auta armias
Aus dem Finnischen von Regine Prische
283 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-1621-2|
http://www.edition-luebbe.de

_Arto Paasilinna auf |Buchwurm.info|:_

[„Vorstandssitzung im Paradies“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=637
[„Im Jenseits ist die Hölle los“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=640
[„Nördlich des Weltuntergangs“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1573
[„Der wunderbare Massenselbstmord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3554 (Hörbuch)
[„Adams Pech, die Welt zu retten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4586
[„Adams Pech, die Welt zu retten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4659 (Hörbuch)

David Safier – Jesus liebt mich

„Wenn es einen Gott gibt, warum gibt es dann so Dinge wie Nazis, Kriege oder Modern Talking?“

Jesus lebt! Dank David Safier weiß ich es nun genau, und Jesus wandelt direkt unter uns – als Zimmermann! Dass das zu einigen Komplikationen führen kann, ist klar, zumal Jesus nach jahrhundertelanger Abstinenz Sehnsucht nach einer Frau hat und sich in Marie verliebt – die zwar fast genau den gleichen Namen wie Maria Magdalena hat, aber dennoch herrlich kompliziert ist…

Nein, ich will nicht

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Schweizer, Frank – Grendl

_Inhalt:_

Das Universum endet im Nichts und die Menschheit steht vor den Toren zum Himmel, zur Hölle oder wo auch immer die Seelen nach dem Tod hingehen. Max Merkur, der gerade sein Philosophiestudium erfolgreich abgeschlossen hat, kommt das Ereignis des jüngsten Gerichts denkbar ungelegen. Noch in der Wartehalle für Katholiken trifft Max Merkur auf den Teufel Lutherion, einen Agenten des TSD (Teuflischer Sicherheitsdienst).

Der höllische Geheimdienst ist wenig begeistert vom Ende der Welt und setzt alles daran, das Ereignis rückgängig zu machen. Die sogenannte Weltformel soll das Universum wiederherstellen. Doch noch fehlt eine wichtige Komponente: Der Sinn des Lebens. Max Merkur soll helfen, eben diesen Sinn zu finden, und reist mit Lutherion durch Zeit und Raum, um mit den bemerkenswertesten und berühmtesten Philosophen der Menschheit zu sprechen. Ein wahnwitziges Abenteuer nimmt seinen Lauf …

_Meine Meinung:_

Satiren und humorvolle Phantastik-Geschichten sind spätestens seit den Romanen von Douglas Adams und Terry Pratchett keine Neuheit mehr und zogen bereits zahllose Plagiate nach sich. Auch die Hölle war bereits mehrfach Zielobjekt witziger Erzählungen, wie die Bücher von Robert Asprin und Andrew Harman beweisen. Das hielt Frank Schweizer jedoch nicht davon ab, selbst ein Werk voller Spannung, Witz und Ironie zu schreiben, das sich hinter den Werken dieser berühmten Kollegen nicht zu verstecken braucht.

Dabei hält sich Schweizer nicht mit einem langen und unnötigen Vorgeplänkel auf, sondern wirft Leser und Protagonisten direkt in das Geschehen, das nicht nur hervorragend recherchiert, sondern auch flüssig und humorvoll erzählt wurde. Der verblüffte Max Merkur und sein teuflischer, gerissener Begleiter Lutherion sind das ideale Gespann, um das Ende der Welt rückgängig zu machen und durch flotte Dialoge den Leser zum Lachen zu reizen. Doch Frank Schweizer gelingt es auch mit einer guten Portion Situationskomik zu unterhalten und lässt ganz nebenbei auch interessante Informationen und Ansichten zur Philosophie einfließen. Auf dem Gebiet kennt sich der promovierte Philosoph bestens aus, langweilt die Leser aber nicht mit Unmengen an Fakten und Daten, denn in erster Linie soll dieser Roman ja unterhalten, und das gelingt ihm auf unnachahmliche Art und Weise. Die Tradition des |Otherworld|-Verlags, am Ende der Bücher ein ausführliches Personenregister zu führen, kommt diesem Roman sehr zugute und ermöglicht es dem Leser, auf voller Länge den Überblick zu behalten.

Die Gestaltung des Bandes ist einfach grandios. Der sorgfältig gebundene Band mit Goldprägung steckt in einem Schutzumschlag, den ein kunstvolles Gemälde des Künstlers Jan Balaz ziert.

_Fazit:_

„Grendl“ ist ein urkomisches Weltuntergangsszenario, das die Teufel nicht gar so schlecht dastehen lässt. Viele Autoren versuchen, witzige Bücher zu schreiben – Frank Schweizer ist es auf Anhieb gelungen.

_Der Autor:_

Frank Schweizer (geb. 1969) studierte Philosophie und Germanistik in Stuttgart. Nach seiner Promotion über den österreichischen Autor Adalbert Stifter arbeitete er in einer Comicredaktion. Seit 2003 ist er in Stuttgart freier Autor. Daneben unterrichtet er an verschiedenen Lehranstalten Deutsch als Fremdsprache, Literatur und Philosophie und war auch schon als Lektor tätig. Er hat verschiedene Bücher über Philosophie verfasst („Wie Philosophen sterben“ (2003), „Nur einer hat mich verstanden – Philosophenanekdoten“ (2006), „Das Leben von Descartes“ (Hrsg. und Übersetzung)) und veröffentlichte wissenschaftliche Aufsätze und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften.

|192 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Illustrationen von Jan Balaz
ISBN-13: 978-3-9502185-5-8|
http://www.otherworldverlag.com

_Florian Hilleberg_

Davidson, Mary Janice – Weiblich, ledig, untot (Betsy Taylor 1)

Betsys Tag beginnt bereits mit einer Katastrophe: Sie verliert nicht nur ihren Job, sie wird auch noch von einem Auto überfahren und stirbt. Aber sie ist nicht wirklich tot – sondern untot! Kurz vor ihrer Beerdigung wacht sie in einem Sarg auf und merkt, dass sie zwar nicht mehr am Leben ist, aber auch nicht wirklich tot. Von nun an versucht sie mit allen Mitteln, richtig zu sterben. Dabei muss sie nicht nur erkennen, dass sie nicht in der Lage ist, sich umzubringen, sondern dass sie über viele neue Kräfte verfügt, die sogar für Vampire ungewöhnlich sind: Kirchen, Kruzifixe und Weihwasser können ihr nichts anhaben. So beschließt sie, an dem Punkt weiterzumachen, wo für sie mit dem Autounfall alles aufgehört hat. Doch dies bleibt ihr nicht sehr lange vergönnt …

Als sie auf den geheimnisvollen, attraktiven Vampir Sinclair sowie auf den bösartigen und lächerlichen Vampirkönig Nostro trifft, der Betsy unbedingt auf seine Seite ziehen will, wird sie vor eine Entscheidung gestellt: Entweder sie schließt sich Nostro an, was schon mal gar nicht in Frage kommt, oder sie entscheidet sich für Sinclair, den sie allerdings auch nicht leiden kann. Und als sie auch noch erfährt, dass sie die Vampirkönigin aus einer alten Prophezeiung sein soll, gerät Betsys Un-Leben völlig aus der Bahn.

Mittlerweile gibt es in der Literatur schon beinahe zu jedem Genre Parodien oder Bücher, in denen sämtliche Klischees durch den Kakao gezogen werden. Mit „Weiblich, ledig, untot“ von Mary Janice Davidson liegt eines dieser Werke vor, welche die typischen Vampir-Romantik-Bücher in eine Komödie umwandelt. Der Verlauf der Geschichte ist beinahe derselbe wie bei vielen andern Romanen dieser Art, nur soll die Geschichte durch Betsys Sicht auf verdrehte Weise humorvoll und unterhaltsam präsentiert werden.

Alles schön und gut, nur ist leider der Haken an der Sache, dass auch der Humor in „Weiblich, ledig, untot“ eine Angelegenheit des Geschmacks ist und deshalb auch nicht jedem zusagt. Einige werden mit „Weiblich, ledig, untot“ ein Buch in Händen halten, welches ihnen völlig zusagt und auch ihren Humor anspricht, nur leider zähle ich mich nicht dazu. Ich fand den Humor in „Weiblich, ledig, untot“ sehr flach und aufgesetzt, sodass ich nicht wirklich darüber lachen konnte, geschweige denn, dass die Lektüre mich besonders gut unterhalten hätte. Diese Art von Humor ist absolut nichts Neues und in meinen Augen nicht mehr amüsant, sondern einfach nur überzogen, und kann für keine Lacher mehr sorgen. Die Witze sind oberflächlich, langweilig und großteils einfach schon zu verbraucht. Mich hat das Buch nicht ein einziges Mal zum Lachen oder auch nur zum Grinsen gebracht. Im Gegenteil, Betsys Kommentare sind teilweise einfach nur blöd, gewollt cool und einfach nicht lustig, sodass sie mir zeitweise sogar eher auf die Nerven gingen als mich zu unterhalten.

Und da geht es auch schon mit den Charakteren weiter: Betsy, die Protagonistin, wirkt wegen ihrer blöden Kommentare nicht nur unsympathisch und oberflächlich, sondern auch teilweise sehr unrealistisch. In vielen Situationen wirkt sie viel zu gelassen, sodass man die ganze Geschichte nicht mehr wirklich ernst nehmen kann. Betsys Gefühlsregungen bewegen sich nahe am Nullpunkt, was sie nur noch oberflächlicher und unechter wirken lässt. Und auch die restlichen Charaktere lassen mit ihrer Erscheinung stark zu wünschen übrig. Sämtliche Nebencharaktere werden so überzogen und dümmlich dargestellt, dass man sie nicht wirklich sympathisch finden, geschweige denn ernst nehmen finden kann. So ist Betsys bester Freund viel zu schwächlich und ängstlich dargestellt, ihre Stiefmutter viel zu egoistisch und so weiter und so fort. Mit Abstand am schlimmsten finde ich dabei noch den Bösewicht Nostro, der dermaßen lächerlich dargestellt wird, dass man ihn in der Rolle des Bösen schon gar nicht mehr ansatzweise als ernsten Gegner betrachten kann. Er wird uns ausgesprochen lächerlich präsentiert, was dazu führt, dass schon von Anfang an klar ist, dass Betsy ihn mit Leichtigkeit besiegen wird. Zwar wird ab und an noch einmal ernsthaft versucht, Nostro etwas Bedrohliches und wirklich Böses anzudichten, das kann aber auch nicht mehr allzu viel retten. Der einzige Lichtblick bei den Charakteren ist wohl Sinclair, der zwar auch keine besonders außergewöhnliche Persönlichkeit besitzt, aber dennoch von allen Charakteren noch am besten gelungen ist.

Die Tatsache, dass in „Weiblich, ledig, untot“ nicht einmal ein ernst zu nehmender Gegner vorhanden ist, welcher der Geschichte ein wenig Würze verliehen hätte, wirkt sich letztendlich auch negativ auf die Geschichte und deren Spannungsbogen aus. Sie ist nicht besonders innovativ oder einfallsreich, sondern offenbar wirklich nur dazu da, Betsy irgendetwas erleben zu lassen. Die Geschichte offenbart nichts Neues, keine wirklich guten Ideen und scheint aus sämtlichen anderen Büchern zusammengebastelt zu sein. Mich konnte sie jedenfalls nicht ansatzweise überzeugen und war die meiste Zeit einfach nur langweilig. Die Spannung ist wegen des nicht ernst zu nehmenden Bösewichtes so gut wie dahin, und auch die kleine Romanze, welche sich zwischen Betsy und Sinclair anbahnt, bleibt eher im Hintergrund und kann auch nicht mehr viel retten.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Wären die vorgeblich amüsanten Gedanken der Protagonistin nicht so nervend und zeigte diese auch nur ansatzweise irgendwelche realistischen Gefühle, welche man durch die Ich-Perspektive besser betonen könnte, hätte diese Erzählweise wohl noch einen Sinn ergeben, doch die gewählte Form trägt auch nicht gerade dazu bei, dass das Buch spannender und unterhaltsamer wird. Der Schreibstil beschränkt sich beinahe komplett auf Betsys mehr oder weniger coole und pseudolustige Kommentare, was für diejenigen, die mit dieser Art von Humor etwas anfangen können, sicherlich unterhaltsam ist, mir aber schlicht nicht zugesagt hat.

_Fazit:_

Obwohl zahlreiche Rezensionen und Lesermeinungen suggerieren, dass dieses Buch gut sein soll, hat mir „Weiblich, ledig, untot“ nicht gefallen. Ich fand die Charaktere oberflächlich, unrealistisch und nervend, den Humor und die Witze nicht wirklich lustig und die Geschichte selbst absolut lasch.

_Die Autorin:_

Mary Janice Davidson lebt in Minnesota. Mit „Weiblich, ledig, untot“ gelang ihr der Sprung auf die amerikanischen Bestsellerlisten. Seitdem gewann sie mit ihren „Betsy Taylor“-Romanen, einer Werwolfsaga und einigen anderen Liebesromanen eine große Fangemeinde.

Die Betsy-Taylor-Reihe:

Band 1: Weiblich, ledig, untot
Band 2: Süß wie Blut und teuflisch gut
Band 3: Happy Hour in der Unterwelt
Band 4: Untot lebt sich’s auch ganz gut!
Band 5: Nur über meine Leiche
Band 6: Biss der Tod euch scheidet

|Originaltitel: Undead and Unwed
Originalverlag: Berkley Publishing Group
320 Seiten Klappbroschur
ISBN13: 978-3-8025-8123-6|
http://www.egmont-lyx.com

Koch, Boris / Aster, Christian von / Hoffmann, Markolf – StirnhirnhinterZimmer

_Inhalt:_

Wenn das StirnhirnhinterZimmer seine Pforten öffnet …

… übernehmen Pinguine über Nacht die Weltherrschaft,
tanzen untote Schlagerstars in den Straßen von Berlin,
verdoppeln sich Reliquien auf wundersame Weise,
schrumpfen Nashörner auf Westentaschengröße,
wird ein Pfefferkuchenmann zum Giftmörder,
geht ein Troll auf Frühstückssuche.

Das StirnhirnhinterZimmer – eine Lesereihe von Markolf Hoffmann, Christian von Aster und Boris Koch.

Drei Stirnhirnforscher erkunden die Räume der Phantastik, und Günni wirft hinter ihnen die Tür zu.

_Meine Meinung:_

Einmal die Woche treffen sich drei wortgewaltige Akteure in Berlin zu einer Lesung im „StirnhirnhinterZimmer“. Die Rede ist von den Multitalenten Boris Koch und Christian von Aster nebst ihrem Mitstreiter und Erfolgsautor Markolf Hoffmann, die eigens für diese monatlichen Leseevents Kurzgeschichten verfassen. Eine erste Auswahl findet sich in dem vorliegenden Band – und ich schicke vorweg: „StirnhirnhinterZimmer“ weiß von der ersten bis zur letzten Seite zu überzeugen!

Die Eröffnung bestreitet Christian von Aster mit „Das SirnhirnhinterZimmer“, worin er mit dem ihm eigenen satirischen Humor den Begriff StirnhirnhinterZimmer anhand der Geschichte dreier Männer erläutert. Besonders amüsant ist dabei der Teil über einen toten chinesischen Dichter, der nasal pro Tag mindestens ein bedeutendes Gedicht produziert, sozusagen posthume Poesie in seinem „StirnhirnhinterZimmer“ erzeugt. Hung Do, der „Dichter, der sich nicht darum schert, dass er eigentlich tot ist“ – das ist sprachlich von Aster in Höchstform, und auch seine geniale Ideenschmiede scheint wieder einmal Funken zu sprühen, so dass man schon nach den ersten Seiten an der Nadel dieses Buches hängt, dessen Texte Suchtcharakter erzeugen.

Denn eines sei vorweg verraten: Es bleibt für den Leser zu hoffen, dass er sich mindestens einmal im Jahr an einem solchen Titel erfreuen kann, denn dies sind Texte, die leben, sie sind spritzig, witzig, frech und abgedreht, und das auf einem gleich bleibend hohen Level. Somit heben sich die Texte so wohltuend vom Gros der Einheitsliteratur ab, dass man jedem der Autoren kräftig die Hand schütteln und ihnen entgegenschmettern möchte: Weiter so!

In „Berlin in Angst und Schrecken“ von Markolf Hoffmann geht es aberwitzig und abgedreht zu. Kommissar Broiler hat es mit einem absonderlichen Fall zu tun. Erst werden die Gräber Prominenter geschändet, dann verschwinden sogar ihre Leichen: Harald Juhnke, Heinrich Zille, die Gebrüder Grimm, Marlene Dietrich – um nur einige zu nennen. Und diese proben den Aufstand und wollen sich Berlin untertan machen. Dabei gehen sie nicht gerade zimperlich mit den „Lebenden“ um; so „verschnabulieren“ sie z. B. in den UFA-Studios die gesamte Darstellerriege der Serie „GZSZ“ – köstlich!

Boris Koch, der dritte im Bunde, schafft mit „Das Märchen vom ersten Spielplatz“ eine düster-phantastische Atmosphäre. Sarah wächst in einer Welt auf, die durch ihren schreienden, von Existenzängsten geplagten Vater und ihre immer häufiger weinende Mutter bestimmt ist. So zieht sich das Mädchen zum Spielen in den Wald zurück – und erkrankt an Einhornherpes … Die melancholischste Story dieses Kurzgeschichtenbandes, die darüber hinaus nachdenklich stimmt!

Wundervoll satirisch kommt die nächste Story von Christian von Aster daher. „Vier Füße für ein Halleluja“ spielt 1786 im Bistum zu Trier und zeigt auf schwarzhumorige Weise, wie trügerisch „bedeutsame Reliquien“ sein können.

Weiter geht es mit einer spritzigen, abgehobenen Geschichte aus Markolf Hoffmanns Feder. „Lucy“ spielt am 19. August 1966 und ist eine Geschichte rund um die |Beatles| und darüber, wie es zu ihrem Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ kam. Man sieht sie während des Lesens förmlich vor sich, die sich mehr und mehr gegenseitig nervenden Pilzköpfe, die von der „moralischen Instanz“ entführt werden. Als es böse um sie und ihr Leben aussieht, hat John Lennon einen genialen „Songflash“.

In „Die Herrschaft der Pinguine“ fabuliert Boris Koch ebenso skuril-phantastisch weiter. Hüten Sie sich also, wenn eines Tages ein Pinguin mit rotem Cape auf ihrem Schreibtisch landet und die Weltherrschaft beansprucht.

Plottechnisch wieder mal ein phantastisches Sahnestückchen serviert das nächste Textgefüge von Christian von Aster: „Die Geschichte aus Rhododendron“, die wie ein Märchen anmutet, denn gar Wundersames kann passieren, wenn Sie einem Schneck in einen Rhododendron folgen.

Im „Trollfrühstück“ von Boris Koch holt im Dorf Wolkenfall angeblich ein Troll in mancher Sommernacht ungezogene Kinder, um sie zum Frühstück zu verspeisen. Doch wie immer ist alles ganz anders.

Die für mich beste Geschichte – wenn man überhaupt davon sprechen kann – ist „Bittermandel …“ von Markolf Hoffmann, in der es um einen verliebten Pfefferkuchenmann geht, der sich nicht in sein Schicksal fügen will, verspeist zu werden, und von der Liebe zu einer Magd getäuscht wird. Eine stilistisch wunderschön geschriebene Kurzgeschichte. Man spürt förmlich, „wie dem Pfefferkuchenmann das Dattelherz zerreißt“, sieht, wie er seine „Rosinenaugen rollt“.

In Christian von Asters „Knecht Ruprecht packt aus“ geht es um den Weihnachtsmann, dem das Trollvolk ein gehöriger Dorn im Auge ist – und der Leser kann es verstehen.

„Invasion“ von Markof Hoffmann ist wieder eine der obskureren Storys, in der es um einen besonderen Zirkus und Nashörner aus Liliput geht. Schräg!

In Boris Kochs „Der Keller“ fragt sich ein Zehnjähriger, ob sich dort tatsächlich die Tür in das Totenreich befindet.

Christian von Aster erzählt in seiner makaberen „Plumpaquatsch“-Story von einem abgehalfterten Clown, der die Erfahrung macht, dass es manchmal doch gesünder ist, der billige Abklatsch eines Anderen zu sein.

Eindrucksvoll ist es auch, wie sich in „Advent“ (Markolf Hoffmann) ein kleiner Junge an seinem Vater rächt.

Mein zweiter Favorit in diesem Sammelband ist „Über den Rauswurf aus Eden“ von Boris Koch. Gott erzählt einem Wirt, warum er Adam und Eva wirklich aus dem Paradies geworfen hat. Köstlich! Beispielsweise, wie Gott die „Zigarette danach“ erschaffen hat. Das muss man gelesen haben!

Aber auch die letzten beiden Geschichten überzeugen: „Der große Usambara-Schwindel“ von Christian von Aster, in der es um eine gutmütige Großmutter und ihren Enkel geht, und „Ideensuche“ von Boris Koch über einen ideenlosen Schreiberling und seine Muse.

Und schon ist man am Ende des lebendigen Kurzgeschichtenbandes angelangt und verlässt das „StirnhirnhinterZimmer“ mit großem Bedauern und der Hoffnung, dass es bald mehr von diesem lebendigen Trio zu lesen gibt. Denn die drei wissen zu schreiben – dies sind keine blutleeren seelenlosen Texte, sondern das Material swingt, es groovt und der eher seitenarme Band bietet mehr Inhalt als so mancher Tausendseitenschinken. Jeder, der Kreativität, die einem förmlich aus den Seiten entgegenspringt, erleben will, sollte bei diesem Band unbedingt zugreifen!

Fazit: Frische, freche, humorig lebendige Texte von drei Wortkünstlern, die Spaß am Schreiben haben und ihre Leser daran teilhaben lassen. Mehr davon!

http://www.medusenblut.de
http://www.stirnhirnhinterzimmer.de

|Ergänzend dazu:|

[Lesungsbericht: StirnhirnhinterZimmer oder: Ein ganz besonderer Abend in Berlin]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=57

[Interview mit Chr. von Aster, B. Koch, M. Hoffman: Das StirnhirnhinterZimmer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=73

[Interview mit Markolf Hoffmann: Zeitalter der Wandlung]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=34

Sparks, Kerrelyn – Wie angelt man sich einen Vampir?

Der Vampir Roman Draganesti ist der Erfinder synthetischen Blutes, welches es Vampiren ermöglicht, sich zu ernähren, ohne dabei menschliche Leben zu gefährden. Um seine Erfindung noch zu optimieren, erfindet seine Firma Romatech Industries eine Sexpuppe, durch die das synthetische Blut fließen und die den Vampiren ein möglichst echtes Beißgefühl übermitteln soll. Doch als Roman diese Erfindung testet, bricht ihm bei dem Biss in die Gummipuppe einer seiner Fangzähne ab!

Damit sein Fangzahn nicht für immer verloren ist, muss er noch in derselben Nacht zu einem Zahnarzt, doch da es laut den „Schwarzen Seiten“ keinen Vampir-Zahnarzt zu geben scheint, bleibt Roman nicht anderes übrig, als zu einem normalsterblichen Dentisten zu gehen. Er landet bei der hinreißenden Dr. Shanna Whelan, die aber ganz andere Probleme hat als einen Patienten mit einem abgebrochenen Fangzahn: Sie wird von einem gefährlichen Auftragskiller verfolgt. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Auftragskiller um keinen Geringeren als den Vampir Petrovsky handelt, den Erzfeind Romans, der sich noch immer von menschlichem Blut ernährt, rettet Roman Shanna und bringt sie in sein Haus, das von Vampiren wie auch Menschen bewacht wird.

Dort lässt er sich von Shanna behandeln und stellt sie unter seinen Schutz. Es dauert nicht lange, bis Petrovsky erfährt, wer Shanna unter seine Fuchtel genommen hat, und Rache plant. Zu allem Überfluss merkt Roman, der der Liebe eigentlich schon vor langer Zeit abgeschworen hat, dass seine Gefühle für Shanna von Tag zu Tag wachsen – doch wie soll eine Beziehung zu einer Sterblichen funktionieren, wenn Shanna nicht einmal Blut sehen kann?

Bereits die Inhaltsangabe lässt vermuten, dass es sich bei „Wie angelt man sich einen Vampir?“ von Kerrelyn Sparks um eine Vampir-Komödie handelt, und diese Vorstellung wird auch schon nach den ersten Seiten des Buches nicht enttäuscht. Es hat den Anschein, als hätte sich Kerrelyn Sparks zur Aufgabe gemacht, so viele Vampirklischees wie möglich in ihrem Buch zu vereinen und diese dann gehörig durch den Kakao zu ziehen. Ob nun die oben erwähnte Sache mit der Gummipuppe, welche nicht nur die Natur der Vampire, Menschen zu beißen und ihr Blut zu trinken, sondern auch ihre Erotik veralbert, die Tatsache, dass Vampire weder in Spiegeln zu sehen sind noch auf Fernsehaufnahmen, oder ihre Angewohnheit, tagsüber zu schlafen wie ein Stein – Kerrelyn Sparks bedient sich beinahe jedes Klischees, das über Vampire bekannt ist, und bindet diese so in ihre Geschichte ein, dass sich dadurch nicht nur für die Vampire ein Problem entwickelt, sondern auch bei den Lesern für den ein oder anderen Lacher gesorgt ist.

In der ersten Hälfte des Buches jagt ein Scherz den anderen und unterhält den Leser bestens. Vor allem die ersten paar Kapitel wurden so lustig geschrieben, dass nicht nur die Handlung, sondern auch die Charaktere ins Lächerliche gezogen werden. Der Humor, den Kerrelyn Sparks in „Wie angelt man sich einen Vampir?“ eingebaut hat, ist nicht jedermanns Sache und wird auch nicht jeden begeistern können. Dadurch, dass die lustige Atmosphäre des Buches teilweise sehr aufgesetzt wirkt und nicht jeder Scherz wirklich überzeugen kann, wird nicht jeder etwas mit diesem Roman anfangen können. „Wie angelt man sich einen Vampir?“ ist kein Buch, wegen dem man aus dem Lachen fast nicht mehr herauskommt, sondern eines, das in der ersten Hälfte der Geschichte mit einigen Witzen punkten kann. Wer „Wie angelt man sich einen Vampir?“ lesen möchte, der muss sich auf den Humor, der nicht immer der beste ist, einlassen können und dabei auch mal den einen oder anderen schlechten Witz übersehen.

Nach der ersten Hälfte vollführt die Geschichte eine mehr oder weniger abrupte Wendung. Aus der Komödie, die zu keiner Sekunde ernst genommen werden kann, wird nun bitterer Ernst. Dort finden die veralberten Vampirklischees und die zahlreichen Witze ein Ende und die Geschichte entwickelt sich in eine völlig neue Richtung. Auch wenn mir die lustige Variante und die ernste eigentlich gleich gut gefallen haben, fand ich den Wechsel ein wenig störend, da dadurch auch der ganze Sinn der anfänglichen Geschichte über den Haufen geworfen wird. Während in der ersten Hälfte die Charaktere gnadenlos ins Lächerliche gezogen werden und auch die Geschichte selbst ein einziger Witz ist, so gewinnen die Charaktere in der zweiten Hälfte an Ernsthaftigkeit und die Geschichte verbannt jeden weiteren Witz. Zwar bleibt die Handlung durchgehend spannend, aber dennoch hätte sich Kerrelyn Sparks vorher entscheiden sollen, ob ihr Buch nun eine Vampir-Komödie oder eine ernste Vampir-Geschichte werden soll.

Wie eben schon erwähnt leiden unter den ständigen Witzen in der ersten Hälfte die Charaktere. Ob nun Roman, Shanna oder die Nebencharaktere, kein Charakter ist dort auch nur im Ansatz ernst zu nehmen. Weil möglichst viele lustige Szenen in das Buch eingebaut wurden, wirken dafür die Charaktere sehr oberflächlich und teilweise auch nur wenig realistisch. Weder die Gefühle noch die Reaktionen oder die Dialoge sind manchmal wirklich nachvollziehbar und erscheinen daher sehr aufgesetzt. So, wie die Charaktere in „Wie angelt man sich einen Vampir?“ teilweise reagieren, würde einfach kein normaler Mensch agieren oder fühlen. Wer also viel Wert auf die Charaktere legt, der wird der ersten Hälfte des Buches nicht allzu viel abgewinnen können, da sich die Protagonisten erst in der zweiten Hälfte zu normalisieren scheinen. Die Reaktionen werden realistischer, die Gefühle nachvollziehbarer.

Ein großer Pluspunkt, den Kerrelyn Sparks neben ihrem humorvollen Stil ausspielt, ist die Spannung. Hier spielt es keine Rolle, ob es sich nun um die erste oder die zweite Hälfte des Buches handelt, der Spannungsbogen bleibt während des kompletten Buches gleich straff. Die Geschichte wird zu keiner Zeit langweilig, da der Leser entweder mit humorvollen Szenen, Gefahren oder auch der Liebe, die sich zwischen Roman und Shanna anbahnt, bestens unterhalten wird. Wer einmal angefangen hat zu lesen, der kann dabei schnell einmal die Zeit vergessen, und auch wenn das Buch an sich nicht gerade perfekt ist, liest es sich sehr zügig und man hat seinen Spaß dabei.

Das Ende des Buches ist zwar an sich nicht schlecht, aber selbst mir fast ein wenig zu kitschig und zu viel Happy-End. Auf den letzten paar Seiten lösen sich sämtliche Probleme auf, Wunder geschehen und alles wendet sich zum Guten, sodass jeder glücklich ist. Happy-End hin oder her, man kann es auch ein bisschen übertreiben, und Kerrelyn Sparks hat mit „Wie angelt man sich einen Vampir?“ die Grenze ganz knapp überschritten. Details dazu werde ich keine verraten, aber einiges war einfach zu viel des Guten, sodass das Ende ein wenig ins Lächerliche und vor allem noch stärker ins Kitschige abgedriftet ist.

_Fazit:_

Wer von „Wie angelt man sich einen Vampir?“ von Kerrelyn Sparks erwartet, es handele sich dabei um eine pure Vampir-Komödie, der liegt falsch. Nach der ersten Hälfte des Buches wird die Geschichte ernst und hat nichts mehr von dem Witz in der ersten Hälfte vorzuweisen. Dennoch ist das Buch lesenswert, da der Spannungsbogen konstant bleibt und die Geschichte gut unterhält.

_Die Autorin:_

Kerrelyn Sparks war Französisch- und Geschichtslehrerin an einer High School, bis sich im Jahre 2002 ihr Traum endlich erfüllte: Ihr erstes Buch wurde veröffentlicht. Mittlerweile ist sie Bestsellerautorin und lebt mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern im Großraum Houston, Texas.

|Originaltitel: How to marry a Millionaire Vampire
Aus dem Amerikanischen von Justine Kapeller
460 Seiten
ISBN: 978-3-89941-450-9|
http://www.mira-taschenbuch.de

Mamatas, Nick – Unter meinem Dach

_Das Königreich Weinbergia grüßt die Welt_

In naher Zukunft: Der Krieg der USA gegen den Terror ist eskaliert, und Vater Daniel Weinberg hat die Schnauze voll: Er bastelt zusammen mit seinem Sohn Herbert eine Atombombe, erklärt sein Grundstück auf Long Island zur unabhängigen Nation und bietet den Kriegsgegnern der USA Friedensverträge an. Weinbergia wird fortan zum Mekka der Aussteiger.

Aber kann die junge Nation dem Druck standhalten? Können Pizzalieferungen aus dem angrenzenden imperialistischen Ausland die frischgebackene Atommacht lange genug am Leben erhalten? Reichen die Bierdosen im Kühlschrank, um eine langfristige Blockade durch die amerikanischen Soldaten auszusitzen? Mama Weinberg bezweifelt dies irgendwie und begibt sich ins Exil.

_Der Autor_

Nick Mamatas ist ein junger amerikanischer Autor griechischer Abstammung, der mit seinen Romanen „Abwärts: Move underground“ und „Northern Gothic“ aufhorchen ließ und viel positive Kritik einheimste. „Unter meinem Dach“ ist sein neuester Roman und für den deutschen Kurd-Laßwitz-Preis 2008 nominiert.

_Handlung_

Der junge Herbert Weinberg ist ein Gedankenleser und erzählt uns, seinem Publikum, haarklein, welche haarsträubenden Dinge er auf diesem Wege über seine lieben Mitmenschen erfährt. Dabei bemüht er sich, keine Vorurteile seinen Blick verstellen zu lassen. Auch nicht über die amerikanischen Soldaten, die sein Haus umstellt haben. Und das kam so …

Vater Daniel hat seinen ersten und dann noch den Ersatz-Job verloren, weil mal wieder eine Sparwelle durch die Firma fegte. Nun sammelt er dies und das. Aber weil Daniel ein findiger Bursche ist, weiß er auch, woher man sich spaltbares Material besorgt. Zusammen mit seinem Sohn Herbie durchforstet er die nächste Müllkippe auf Long Island, um nach Rauchmeldern und Barometern zu suchen. Rauchmelder enthalten ein Bauteil aus Americium, und dies lässt sich durch diverse chemische Prozesse in Uran-235 und -238 umwandeln.

Vater hat ein altes Hippie-Handbuch gefunden und mixt nun das spaltbare Material in seinem Keller. Um ein Haar werden er und Sohnemann von Mami Weinberg (Geri) erwischt, doch sie können sie noch einmal beschwindeln. Sobald sie zwei Komponenten sowie den nötigen Sprengstoff und Zünder beisammen haben, stopft Paps die Höllenmaschine in seinen großen Gartenzwerg und stellt diesen harmlos aussehenden Zeitgenossen wieder in seinem weitläufigen Garten auf. Dann erklärt er die Unabhängigkeit seines Königreichs. Es ist nicht ganz zufällig der 11. September, der Patriot Day.

Im Zeitalter der modernen Kommunikationsmittel ist auch das Unterfangen der Verkündung nicht schwierig. Paps muss seine Unabhängigkeitserklärung nur übers Radio verlautbaren und per Fax und Mail an die Regierungen aller existierenden Länder schicken. Den Feinden Amerikas bietet er einen Friedensvertrag an, denn er hat es satt, dass Amerika so viele Feinde hat. Als Erstes tauchen die Nachbarn auf, dann das FBI, das sich dezent nach Weinberg erkundigt. Herbie kann die Gedanken der Agenten lesen. Schließlich stehen eines Morgens die Panzer der Armee am Rande des Grundstücks, und der Befehlshaber fordert Danny auf, sich zu ergeben.

Die befreundete Republik Palau warnt die USA vor einem internationalen Zwischenfall und versichert Weinbergia ihres Beistandes und ihrer Solidarität. Wo ist Palau überhaupt, fragt sich Herbie und wird in der Südsee fündig. Aha, 1992 von den USA in die Unabhängigkeit entlassen, schau an. Der Beinahe-Zwischenfall veranlasst Mama Weinberg, schon immer etwas nervöser, das Haus zu verlassen und sich in die Obhut eines Rechtsanwalts zu begeben. Sie versucht, Herbie da rauszuholen, bevor das Haus zerbombt wird.

Nicht lange, da erfreuen sich Vater und Sohn Weinberg der Solidarität diverser Nachbarn. Bemerkenswert sind zwei Frauen mit Pizza, die einfach hier wohnen bleiben wollen. Die ältere, Adrienne, hat es offenbar darauf abgesehen, den König zum Ehebruch zu verleiten, und die jüngere, Kelly, wirft ein Auge auf den halbwüchsigen Prinzen Herbie, der besser mit Computern als mit Mädchen umgehen kann. Weinbergia bietet mehr und mehr Aussteigern Asyl. Die Paranoia des modernen Amerika schlägt zwar hohe Wellen, doch Papa Weinberg lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Leider schafft es Mama Weinberg, Herbie loszueisen und mit sich zu nehmen. Sie hat sich einer christlichen Erweckungsgruppe angeschlossen und tritt mit ihrer Geschichte im Fernsehen auf. Unterdessen beobachtet Herbie per Gedankenlesen, wie sich die Lage in Weinbergia zuspitzt. Als Papa Weinberg beschließt, eine Expedition ins feindliche Ausland zu wagen, um die unabhängige Exklave des nächsten Supermarktes zu besuchen, glaubt die amerikanische Armee, nun sei die Gelegenheit günstig.

Doch die Dinge entwickeln sich keineswegs so, wie alle erwartet haben …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen kurzweiligen Roman binnen eines Nachmittags und Abends gelesen. Da die Sätze so kurz sind und das Geschehen so einfach zu verstehen ist, braucht man seine Hirnzellen nicht allzu sehr anzustrengen, um den Sinn und die Botschaft zu kapieren. Das meiste liest sich sowieso wie eine Episode aus der Familien-Soap-Parodie „Die Simpsons“. Manchmal allerdings gerät die internationale „Politik“ in den Fokus des Geschehens – wenn man den Solidarpakt mit Palau dazurechnen darf. Denn einer der Gründe, warum das Buch so unterhaltsam ist, liegt darin, dass stets Interessensvertreter nur direkt und persönlich auftauchen (auch per Gedankenlesung), so dass ständig ein lebhafter Dialog besteht.

|Der Austritt|

Natürlich wundert sich der deutsche Leser, wieso überhaupt ein Amerikaner auf die Idee kommen kann, sich und sein Grundstück für unabhängig zu erklären. Das ist in der amerikanischen Verfassung und Unabhängigkeitserklärung begründet. Bekanntlich sind die USA eine Union von Staaten, die dem Bund beigetreten sind. Nach der Eroberung der Indianergebiete mussten sich die Territorien erst den Status des Bundesstaates erwerben. Theoretisch könnten sie ihn auch wieder verlieren (wie es Springfield im [Simpsons-Film]http://www.powermetal.de/video/review-1149.html ergeht) oder gar aus dem Staatenbund austreten. Autarkiebestrebungen hat es offenbar immer wieder gegeben, und Vermont ist bekanntermaßen einer der renitentesten Bundesstaaten. Klar, dass Vermont dem neuen Weinbergia seine Solidarität erklärt.

|Vorbilder|

Die Grundidee des Austrittes aus der Union ist nicht gerade taufrisch. Schon 1985 veröffentlichte Marc Laidlaw, ein Vertreter des Cyberpunk in der SF, seinen satirischen Roman [„Dad’s Nuke“]http://en.wikipedia.org/wiki/Dad’s__Nuke (deutsch bei |Goldmann| 1987 unter dem Titel „Papis Bombe“). Darin errichtet ein Familienvater ein Atomkraftwerk auf seinem Grundstück. Die USA sind zu dem Zeitpunkt allerdings schon in einen Flickenteppich von Kleinstaaten zerfallen. Auch die Idee kleinster unabhängiger Staaten ist weltweit immer wieder umgesetzt worden. Diese Mikrostaaten geben eigene Briefmarken etc. heraus, was den Sammlern nur recht sein kann.

|Warum Autonomie?|

Die Grundfrage finde ich nicht besonders gut beantwortet: Warum erklärt sich Weinberg überhaupt für unabhängig und gründet einen Staat? Nun, die USA haben ja bekanntlich dem „Terror“ an sich den „Krieg“ erklärt und mit dem Patriot Act und dem Heimatschutzministerium das Fundament für ein faschistisches Regierungssystem gelegt. Der Rechtsruck schränkt bürgerliche Freiheiten ein, lässt der Wirtschaft freie Hand und schließt Minderheiten aus – von der Paranoia hinsichtlich feindlicher Ausländer ganz zu schweigen. Weinberg bietet eine Alternative: Sein Friedensangebot an den islamischen Orient und das Asyl, das er sogar misstrauisch beäugten Kanadiern („die weiße Gefahr!“) gewährt, sind ein Beispiel für den guten Amerikaner, wie es ihn irgendwann mal gegeben haben mag.

|Guter oder schlechter Amerikaner?|

Die Nachbarn stellen prompt die kritische Frage, ob Weinberg ein guter oder ein mieser Amerikaner sei. Weinberg sagt, er sei überhaupt kein Amerikaner mehr. Na, wenn das nicht mieser Patriotismus ist! Fortan müssen die Weinbergs und ihre Asylanten Wache schieben. Die Frage nach der Liebe des Vaterlandes ist das immer gleiche Totschlagargument, das sich jeder Kritiker der Regierung in den USA gefallen lassen muss. Man muss offenbar sieben Kinder vorweisen können, um wie die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhaus Nancy Pelosi den Präsidenten kritisieren zu dürfen.

|Panorama der Neurosen|

Herbie kann die Gedanken aller lesen. Seine Fähigkeit wird nie auch nur im Ansatz begründet, aber es ein gutes Mittel des Autors, um Herbie zu einem allwissenden Erzähler zu machen. Auf diese Weise erleben wir nicht nur den recht begrenzten subjektiven Blickwinkel Herbies und seines Vaters, sondern auch die ansonsten verborgenen Meinungen, Ansichten und Gefühle der Menschen um ihn herum.

Ein kleiner Mikrokosmos entsteht, den ich sehr interessant gestaltet fand. Die Widersprüche zwischen Gedanken und Worten lassen jede Menge Ironie entstehen. Hier werden dann die Werte und Verklemmtheiten der amerikanischen Mittelklasse à la „Desperate Housewives“ und anderen Suburbia-Dramen auf die Schippe genommen. Dass auch die Zwangsneurosen der Militärs bloßgestellt werden, versteht sich von selbst. Der Showdown im Supermarkt bietet wieder köstliche satirische Action, mit Ironie vermengt.

|Die Übersetzung|

Ich will die Druckfehler außer Acht lassen und mich auf die Stilfehler und dergleichen beschränken. Auf Seite 29 wird Herbies Dad mit „ihre Lordschaft“ bezeichnet. Richtiger wäre wohl angesichts seines männlichen Geschlechts, von „seiner Lordschaft“ zu sprechen.

Auf Seite 61 steht ganz unten der holprige Satz: „Es fiel schwer, zu denken, geschweige den, die Gedanken anderer Leute aufzuschnappen.“ Statt „den“ sollte es „denn“ heißen, und ob das erste Komma vor „zu denken“ stehen muss, bezweifle ich.

Ansonsten ist Körbers Übersetzung ein Paradebeispiel für lebhaften und anschaulichen Stil, der insbesondere idiomatische Redewendungen ausgezeichnet ins Deutsche überträgt. Die Figuren reden wie Deutsche ihre eigene Umgangssprache und wirken so wesentlich realistischer, als wenn sie gestelztes literarisches Deutsch (im Original natürlich Englisch) reden würden.

Wundervoll passend finde ich das Titelbild. Man muss schon genau hinsehen, um die kleine Bombe zwischen all den Sternen auf der Flagge zu finden.

_Unterm Strich_

„Unter meinem Dach“ ist eine flotte und sehr humorvolle Satire über den heutigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Sie ist zunehmend von Paranoia und dem Verschwinden der Mittelschicht geprägt (was ja bei uns auch nicht anders ist). Die Simpsons lassen schön grüßen, inklusive amerikanisch-christlicher Erweckungsbewegung. (Offenbar darf nie eine Epiphanie fehlen.)

Als Sciencefiction kann man nur zwei Aspekte bezeichnen: den Austritt aus der Union und das Gedankenlesen des Erzählers. Wer also eine kurzweilige Satire auf den American Way of Life lesen möchte, die auf dem aktuellen technischen und kulturellen Stand ist, der ist hier an der richtigen Adresse.

Der relativ hohe Preis von knapp 13 Euro ergibt sich aus der niedrigen Auflage. |Edition Phantasia| ist eben keiner der großen Verlage. Aber dafür werden hier die interessantesten Bücher innerhalb des phantastischen Genres verlegt.

|Originaltitel: Under my Roof, 2007
149 Seiten
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber|
http://www.edition-phantasia.de

Moers, Walter – Rumo & Die Wunder im Dunkeln. Ein Roman in zwei Büchern

_Es gibt Wunder, die müssen im Dunkeln geschehen_

Rumo, den alle für einen kleinen Hund halten, lebt zusammen mit Fhernhachenzwergen auf einem Bauernhof und ist der Liebling der Familie. Doch als er eines Tages, nicht wie üblich, im Haus völlig allein gelassen wird und zusätzlich noch schreckliche Schmerzen in seinem Maul verspürt, beginnt er auf zwei Beinen zu laufen, um nach den Fhernhachen zu suchen. Diese werden jedoch in genau diesem Moment von Teufelszyklopen verschleppt, die schließlich auch noch Rumo einfangen.

Als er dann auf den Teufelsinseln, der Heimat der Teufelszyklopen, in einem Gefängnis mit vielen anderen Insassen wieder erwacht, ahnt er noch nichts Böses. Doch als immer mehr der Mitgefangenen von den Teufelszyklopen rausgeschafft und gefressen werden, merkt er bald, in welcher Gefahr er sich befindet. Er verbündet sich mit einem weiteren Gefangenen, einer Haifischmade namens Smeik, der ihm auch erklärt, wer und was er in Wirklichkeit ist: ein Wolpertinger. Und die Schmerzen, die Rumo im Kiefer spürt, sind wachsende Reißzähne.

Während des Aufenthaltes auf den Teufelsinseln bringt Smeik Rumo das Sprechen bei, er zeigt ihm, was er tun muss, damit er von den Teufelszyklopen nicht als Frühstück verspeist wird, und Rumo wächst und wächst. Nach einiger Zeit, als es für Rumo immer brenzliger wird, weil die Teufelszyklopen in ihm einen Leckerbissen sehen und ihn mästen, unterbreitet Smeik ihm seinen Fluchtplan, der auch bald durchgeführt wird und tatsächlich gelingt.

Als Rumo und Smeik wieder frei sind, folgt Rumo einem silbernen Faden am Himmel, den er stets sieht, wenn er die Augen schließt. Was ist das für ein silberner Faden und wohin führt er? Eine abenteuerliche und gefährliche Reise beginnt.

_Walter Moers_ verfügt über eine sehr humorvolle und unterhaltsame Erzählweise, die mir noch von [„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486 gut in Erinnerung geblieben ist. Er schreibt, als wäre all das, was er in seinen Geschichten erschafft, selbstverständlich und alltäglich, und so natürlich, wie er dem Leser seine Welt vermittelt, nimmt dieser sie auch wahr. So wahnwitzig und absurd die Wendungen der Geschichte oder die Wesen in dem Buch auch erscheinen, man kann einfach alles völlig ernst nehmen und sich fabelhaft in die Geschichte hineinversetzen. Nicht jedem Autor gelingt es, seine fiktive Welt so selbstverständlich rüberzubringen, dass man sich wirklich vollkommen in sie hineinversetzen kann und auch nicht bei dem verrücktesten Wesen die Stirn über die Absonderlichkeit des Ganzen runzelt, sondern derlei einfach als normal akzeptiert.

Dazu schreibt Walter Moers sehr wortgewandt und fesselnd. Auch wenn Rumo mal kein großes Abenteuer bestehen muss, gelingt es Walter Moers, den Leser mit seiner lustigen und unterhaltsamen Art völlig an das Buch zu fesseln, so dass man Rumo stets auf Schritt und Tritt folgt und die Geschichte selbst miterlebt.

Walter Moers‘ Bücher über Zamonien hängen inhaltlich immer leicht zusammen: Natürlich ist es immer dieselbe Welt, man begegnet denselben Kreaturen, und ab und zu trifft man jemanden, den man aus einem anderen Zamonien-Buch bereits kennt. Allerdings handelt es sich trotz allem nicht um zusammenhängende Bücher, sondern jedes ist eigenständig lesbar. Man muss also in keiner besonderen Reihenfolge lesen, damit man auch alles versteht. Walter Moers erklärt wirklich alles sehr genau, ohne jedoch zu langweilen. Ab und zu schweift er auch ein wenig ab und erzählt andere Geschichten aus Zamonien, doch das stört nicht, denn man verliert dennoch nie den roten Faden.

Was wirklich besonders zu beeindrucken weiß, ist der große Ideenreichtum, den man in „Rumo“ finden kann. Die Geschichten, die Kreaturen, die Persönlichkeiten – so viele verrückte und wahnwitzige Ideen wie in „Rumo“ oder anderen Zamonien-Büchern findet man in keinem anderen Gesamtwerk. Walter Moers besitzt eine Fantasie wie kaum ein anderer Autor.

Rumo selbst ist eine Hauptfigur, die man sofort in sein Herz schließt. Voller Spannung habe ich mitgefiebert – von seinem Aufenthalt auf dem Bauernhof, als er noch klein und brav ist und noch nicht einmal sprechen kann, bis zu dem Zeitpunkt, als er zum Helden wird, die größten Gefahren auf sich nimmt und die gefährlichsten Abenteuer besteht. Rumo ist ein mutiges kleines Kerlchen, das lieber tapfer mit seinem Schwert gegen die größten Gefahren kämpft als seiner großen Liebe zu gestehen, was er für sie empfindet. So mutig, wie er im Kampf auch ist, sobald seine Geliebte in der Nähe ist, wird er zum Tollpatsch und traut sich kaum, irgendetwas zu sagen. Niedlich!

Was mir ebenfalls sehr gefallen hat, waren die vielen Bilder. Zwar ist nicht gerade auf jeder Seite eins zu finden, aber immer wieder veranschaulichen kleinere oder größere Bilder das, was Walter Moers beziehungsweise sein fiktiver Chronist erzählt oder erklärt. Bei manchen Kreaturen wäre es ansonsten auch nicht so einfach, sich diese vorstellen zu können, und dabei sind die Bilder oft sehr hilfreich.

Die Geschichte dürfte in ihrer Skurrilität für den ein oder anderen wohl etwas gewöhnungsbedürftig sein. So erging es mir auch mit meinem ersten Walter-Moers-Buch. Anfangs gelang es mir nicht gänzlich, mich völlig mit den Kreaturen und der Erzählung anzufreunden. Bei „Rumo“ war aber bereits alles ganz anders. Das Buch hat mich schon nach den ersten paar Seiten fest im Griff gehabt und ich konnte vollkommen in Walter Moers‘ Zamonien eintauchen.

_Fazit:_ „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ überzeugt vollkommen und ist ist meiner Meinung nach der beste der Zamonien-Romane. Die Geschichte ist skurril und verrückt, genauso wie die Charaktere es sind, und Walter Moers schreibt mit viel Liebe zum Detail.

Wem der Name _Walter Moers_ unwahrscheinlicherweise nichts sagen sollte, der kennt vielleicht eines seiner zahlreichen berühmten Werke: „Das kleine Arschloch“, „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Der Fönig“, „Adolf“ oder „Rumo“. Und das ist noch lange nicht alles, was Walter Moers bisher erschaffen hat. Die meisten seiner Werke stammen allerdings aus seiner selbsterfundenen Welt „Zamonien“, die von Lindwürmern, Wildschweinlingen, Haifischmaden, Schrecksen, Hundlingen und vielen anderen Kreaturen besiedelt wird.

Eigentlich kreiert Walter Moers hauptsächlich Comics (wie z. B. „Das kleine Arschloch“), aber im Jahr 1999 brachte er seinen ersten Roman heraus: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“. Darauf folgten dann zahlreiche weitere Romane aus Zamonien, die allesamt sehr erfolgreich waren.

|Die Zamonien-Reihe:|

„Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ (1999)
„Ensel und Krete – Ein Märchen aus Zamonien“ (2000)
„Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ (2003)
[„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486 (2004)
[„Der Schrecksenmeister“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4678 (2007)

Mehr Infos über Zamonien: http://www.zamonien.de

http://www.piper-verlag.de

Moers, Walter – Schrecksenmeister, Der. Ein kulinarisches Märchen aus Zamonien von Gofid Letterkerl

_Gottfried Keller auf Zamonisch_

Echo ist eine Katze. Nein – um genau zu sein, ist er eine Kratze. Eine Kratze unterscheidet sich von einer Katze nur insofern, als sie zwei Lebern besitzt, sehr viel Wissen in sich aufnehmen und sich mit jeder Daseinsform in Zamonien unterhalten kann.

Echo lebte lange Zeit glücklich mit seinem Frauchen in einem Haus in Sledwaya, einer Stadt, in der alle Bewohner dauerkrank sind. Bis sein Frauchen eines Tages starb und Echo von den neuen Bewohnern auf die Straße geworfen wurde.

Dort versucht er sich durchzuschlagen, ist aber bald vollkommen dürr und dem Tode nahe, wenn er nicht bald wieder etwas zu Fressen bekommt. Genau in diesem Augenblick läuft das Unglück von ganz Sledwaya über die Straße: der Schrecksenmeister Eißpin, der verantwortlich für die Krankheit der Bewohner ist und vor dem alle Angst haben. Als er Echo sieht, schlägt er ihm einen teuflischen Vertrag vor: Eißpin möchte Echo bis zum nächsten Schrecksenmond mit allerlei Köstlichkeiten durchfüttern, wenn er in der Nacht des Schrecksenmonds Echo töten und sein Fett auskochen darf, um es für seine alchimistischen Versuche zu verwenden. Echo bleibt keine andere Wahl und willigt in den Vertrag ein.

Wie versprochen füttert Eißpin Echo mit allerlei Leckereien und zeigt ihm all seine alchimistischen Geheimnisse. Da Echo aber nicht sterben möchte, versucht er mit allen Mitteln, den Kontrakt mit Eißpin zu brechen. Nichts davon scheint zu funktionieren und der Schrecksenmond rückt bedrohlich näher …

Zamonien ist ein weiterer Kontinent unserer normalen Welt, dessen Hauptstadt die Stadt Atlantis ist. In Zamonien leben alle Daseinsformen, die man sich nur vorstellen kann (oder eben auch nicht), wie Schrecksen, die in Zamonien behandelt werden wie im Mittelhalter normale Hexen, Fhernhachenzwergen, die immer optimistisch und lieb sind, Wolpertinger, Haifischmaden, Blutschinken, Lindwürmer, Schuhus, Laubwölfe und viele mehr. Es gibt Orte wie die Süße Wüste, in welcher der Sand aus Zucker besteht, eine Stadt namens Wolperting, in der lediglich Wolpertinger leben dürfen, Buchhaim, wo ein Bücherladen neben dem anderen steht und wohin alle angehenden Schriftsteller gehen, und Städte wie Sledwaya, in der alle Bewohner dauerkrank sind, weil der Schrecksenmeister den lieben langen Tag damit verbringt, sich neue Krankheiten für die Bewohner von Sledwaya auszudenken.

Wie schon bei seinem Märchen „Ensel und Krete“, das eine zamonische Version von „Hänsel und Gretel“ von den Gebrüdern Grimm darstellt, ist auch „Der Schrecksenmeister“ in seiner Grundform nicht von Walter Moers selbst. Bei seinem letzten Buch hat er sich Gottfried Kellers „Spiegel, das Kätzchen“ als Vorlage genommen und daraus ein typisch zamonisches Märchen gezaubert. Nachdem ich „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller gelesen hatte, war ich schon sehr gespannt darauf, was Walter Moers aus dieser Geschichte machen würde und erwartete von der Umsetzung sehr viel. Vielleicht ein wenig zu viel. Das Buch hat mir zwar sehr gut gefallen, allerdings war mir die Geschichte im Großen und Ganzen doch ein wenig zu nah am Original orientiert.

Ich kenne Walter Moers als einen Autor, dem es nie an verrückten und genialen Ideen mangelt. Seine Zamonien-Bücher sind alle zum Bersten gefüllt mit seinen verrückten Ideen, bei denen man nur den Kopf schütteln und sich immer wieder fragen muss: Wie kommt man denn auf |so| eine schräge Idee? Dies aber mitnichten im negativen Sinne, sondern ganz im Gegenteil. Walter Moers hat absolut verrückte Ideen und verpackt diese dermaßen gut und realistisch, als würde er nicht über eine völlig kuriose Welt erzählen, sondern den Inhalt seiner Vorratskammer beschreiben – einfach völlig selbstverständlich, und dem Leser bleibt auch nichts anderes übrig, als Zamonien als naturgegeben zu nehmen.

Genau das habe ich bei „Der Schrecksenmeister“ auch erwartet und war vom Ergebnis schon ein wenig enttäuscht. Zwar findet man in diesem Buch auch wieder die typischen Ideen von Walter Moers, dies aber ziemlich rar gesät und teilweise auch einfach nicht wirklich passend. Als sich zum Beispiel Echo und die Schreckse zusammenraufen, muss Echo der Schreckse zuallererst einen Zungenkuss geben. Normalerweise hat wirklich alles in Walter Moers‘ Büchern einen Sinn, und sei es auch noch so verrückt und durchgeknallt, aber warum Echo eine Schreckse küssen muss, damit sie zusammenarbeiten können, ist in diesem Zusammenhang gänzlich unklar. Und das ist leider nicht die einzige Idee dieser Art, die Walter Moers in seinen Roman unpassend eingebaut hat.

Eigentlich sind die alleinigen Hauptpersonen in diesem Buch Echo, der Schrecksenmeister Eißpin und die Schreckse Izanuela. Zwar gibt es noch einige Nebencharaktere, aber die spielen kaum eine Rolle und kommen auch nicht wirklich oft zum Zuge. Diese Begleifiguren scheinen für die Handlung nicht wirklich wichtig zu sein und wirken teilweise ein wenig Fehl am Platz. Normalerweise ist in den Zamonien-Büchern jeder Charakter wichtig, ob nun Nebencharakter oder nicht. Hier dagegen wirken diverse Figuren zusammenhanglos ins Erzählte hineingeworfen; zum Beispiel ist der Schuhu Fjodor F. Fjodor, der Fremdwörter nicht richtig aussprechen kann und versucht, Echo zu helfen, zwar an sich eine gute Idee, aber innerhalb der Geschichte praktisch völlig unnütz. Ich hätte es besser gefunden, wenn Walter Moers auch mehr auf seine Nebencharaktere eingegangen wäre und sie mehr in die Handlung integriert hätte, statt seine ganze Aufmerksamkeit lediglich Echo, dem Schrecksenmeister und der Schreckse zu widmen.

Was nun nicht wirklich gestört hat, ich aber ein wenig schade fand, ist, dass nicht nur die guten Ideen eher selten in „Der Schrecksenmeister“ zu finden sind, sondern dass diesmal auch sehr wenige Bilder beigefügt sind. Dagegen ist ja an sich auch nichts einzuwenden, aber an einigen Stellen hätte ich mir schon Bilder gewünscht, weil man sich nicht immer alles aus dieser phantastischen Weltenschöpfung so problemlos vorstellen kann. Gerade von der „Weißen Witwe“, einem sehr gefährlichen Wesen, hätte ich mir ein Bild gewünscht.

Was den Schreibstil Walter Moers‘ angeht, hat sich nicht allzu viel verändert, was auch gut so ist. Der Stil ist noch immer außergewöhnlich und unverwechselbar. Er beschreibt alles sehr blumig, detailreich und originell – eben typisch Moers. Die Formulierungen und Vergleiche, die er sehr oft verwendet, sind sehr einfallsreich und machen das Buch umso lebendiger. Wie man es ebenfalls von Moers kennt, ist sein Schreibstil sehr flüssig, sodass man komplett in die Geschichte eintauchen kann und mit der Lektüre auch recht zügig vorankommt.

_Fazit:_ „Der Schrecksenmeister“ ist im Großen und Ganzen zwar schon ein gelungenes Buch, kann aber mit den restlichen Zamonien-Büchern nicht richtig mithalten. Weil ich von den Vorgängern so begeistert bin, habe ich mir von dem hier vorliegenden Band ein wenig zu viel erhofft und wurde dementsprechend etwas enttäuscht. Dennoch ist „Der Schrecksenmeister“ ein Buch, das es wert ist, einen aufmerksamen Blick zu riskieren, und in eine Walter-Moers-Sammlung gehört es sowieso.

Wem der Name _Walter Moers_ unwahrscheinlicherweise nichts sagen sollte, der kennt vielleicht eines seiner zahlreichen berühmten Werke: „Das kleine Arschloch“, „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“, „Der Fönig“, „Adolf“ oder „Rumo“. Und das ist noch lange nicht alles, was Walter Moers bisher erschaffen hat. Die meisten seiner Werke stammen allerdings aus seiner selbsterfundenen Welt „Zamonien“, die von Lindwürmern, Wildschweinlingen, Haifischmaden, Schrecksen, Hundlingen und vielen anderen Kreaturen besiedelt wird.

Eigentlich kreiert Walter Moers hauptsächlich Comics (wie z. B. „Das kleine Arschloch“), aber im Jahr 1999 brachte er seinen ersten Roman heraus: „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“. Darauf folgten dann zahlreiche weitere Romane aus Zamonien, die allesamt sehr erfolgreich waren.

|Die Zamonien-Reihe:|

„Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ (1999)
„Ensel und Krete – Ein Märchen aus Zamonien“ (2000)
„Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ (2003)
[„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486 (2004)
„Der Schrecksenmeister“ (2007)

Mehr Infos über Zamonien: http://www.zamonien.de

http://www.piper-verlag.de

Pratchett, Terry / Jean, Vadim – Schweinsgalopp. Das illustrierte Buch zum großen Film

Die finsteren Revisoren der Wirklichkeit wollen den Glauben der Menschheit vernichten und heuern einen Assassinen namens Kaffeetrinken an, damit dieser den Inbegriff des Glaubens, den Schneevater, beseitigt, der am Silvesterabend den Bewohnern der Scheibenwelt Geschenke bringt.

Doch wenn der Glaube an den Schneevater erlischt, wird am nächsten Morgen die Sonne nicht mehr aufgehen, und so schlüpft der TOD kurzerhand in das rote Gewand und verteilt mit seinem Gehilfen Alfred die Geschenke. Neben dem Schneevater ist TOD nämlich der Einzige, der an mehreren Orten zugleich sein kann. Doch um die Scheibenwelt zu retten, muss man das Übel an der Wurzel packen. So macht sich TODs Enkelin Susanne auf, um Kaffeetrinken zu stellen …

„Schweinsgalopp“ ist der erste Roman der Scheibenwelt, der kürzlich sehr aufwendig fürs Fernsehen verfilmt und in Deutschland als zweiteiliger TV-Film auf PRO 7 am ersten Weihnachtstag ausgestrahlt wurde. Mit diesem Bildband präsentiert der |Manhattan|-Verlag nun das optimale Begleitbuch zu diesem Ereignis. Reich bebildert mit Fotos aus dem dreistündigen Film und vielen Skizzen, ist der Band ein echter Augenschmaus.

Der Text hingegen ist lediglich die letzte Drehbuchfassung des Romans und daher wohl nur für echte Pratchett-Fans interessant oder jene, die von dem Film schlichtweg begeistert waren. Leider ist auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe kein Hinweis darauf zu lesen, dass nicht die komplette Geschichte erzählt wird. Für all jene also, die einfach das vollständige Abenteuer in gedruckter Form nachlesen wollen, ist die Taschenbuchausgabe des Romans empfehlenswerter und vor allem preisgünstiger. Dennoch macht es sehr viel Spaß, den Film anhand der Bilder und der Dialoge noch einmal Revue passieren zu lassen, und die Illustrationen sind von erstaunlich hoher Qualität. Darüber hinaus gibt es ein ausführliches Vorwort von Terry Pratchett selbst sowie von Drehbuchautor und Regisseur Vadim Jean.

Die Geschichte von „Schweinsgalopp“ ist recht originell und vor allem gespickt mit viel schwarzem Humor. Der TOD als Weihnachtsmann macht dabei eine urkomische und mehr als gute Figur und die Gags zünden selbst als rohe Drehbuch-Version glänzend. Ein Manko sind allerdings, wie schon im Film, die häufigen Szenenwechsel, die gerade das Lesen anstrengend gestalten. Auch für Nicht-Pratchett-Kenner ist das Buch aber verständlich und man hat sehr viel Freude an den skurrilen Ideen des Autors und seiner Scheibenwelt.

Die Aufmachung ist dem Verlag bestens gelungen. „Schweinsgalopp“ ist ein großformatiger Bildband, dessen Illustrationen auf dem edlen Hochglanzpapier bestens zur Geltung kommen. Und obwohl der Preis für ein derartiges Buch angemessen ist, dürften wohl nur echte Pratchett-Fans dafür so tief in die Tasche greifen.

Fazit: Ein liebevoll aufgemachter Bildband zum zweiteiligen Fernsehfilm mit vielen Farbfotos und einer Menge kunstvoller Skizzen der agierenden Personen. Leider gibt es als Text nur die letzte Drehbuchfassung, was nicht unbedingt für jedermann interessant ist. Hinzu kommt der stolze Preis, der allerdings für einen derart prunkvollen Band durchaus angemessen ist. Nichtsdestotrotz ist „Schweinsgalopp“ eine hervorragende und sehr humorvolle Parodie mit viel schwarzem Humor.

http://www.manhattan-verlag.de

_Florian Hilleberg_

Arto Paasilinna – Adams Pech, die Welt zu retten

Energiekrise, hinfort mit dir

Die Energiekrise ist in aller Munde, die Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung spätestens seit den IPCC-Berichten ebenfalls, und genau dies will sich der Erfinder Aatami Rymättylä zunutze machen. Für ihn herrscht Saure-Gurken-Zeit. Seine Akku-AG läuft schlecht, die Aufträge und Reparaturen bleiben aus, da wirtschaftliche Flaute herrscht und niemand ihn beschäftigen will. Der Gerichtsvollzieher ist daher ein guter Bekannter Rymättyläs, aber vor allem seine Exfrauen und -freundinnen stehen permanent auf der Matte, da Aatami Rymättylä die Alimente für seine inzwischen sieben Kinder nicht zahlen kann. Doch eines Tages schafft er den Durchbruch, er erfindet einen leichten Akku auf organischer Basis, der viel leichter und handlicher ist als die herkömmlichen Bleiakkus, aber vor allem speichert sein neuer Akku viel mehr Energie. So trifft es Rymättylä nicht allzu schwer, als bei einer Explosion seine gesamte Werkstatt abbrennt und er selbst wegen vermeintlichen Versicherungsbetrugs im Gefängnis landet. Er hätte ohnehin nicht gewusst, wo er hätte unterkommen sollen, außerdem hat er im Gefängnis genügend Zeit, um seine Berechnungen für den neuen Akku zu verfeinern und zu überdenken.

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Tufts, Gayle – Weihnacht at Tiffany\’s

Gayle Tufts schafft es immer wieder, mit ihrem sympathischen Denglisch-Kauderwelsch die kulturellen Unterschiede zwischen ihrer Ex-Heimat Amerika und ihrer Neu-Heimat Deutschland herauszukehren. Dabei kriegen stets beide Seiten ihr Fett weg, Deutsche mit all ihren kulturellen Absonderlichkeiten genauso wie die den Deutschen in nichts nachstehenden Amerikaner. Auch beim Thema Weihnachten scheiden sich zwischen Amerika und Deutschland die Geister: Lebkuchen und Christkindlmarkt diesseits des Atlantiks, Lamettawahn und Kitschalarm auf der anderen Seite.

In „Weihnacht at Tiffany’s“ schildert Gayle Tufts nun also ihre Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest beiderseits des Atlantiks, und wer Gayle Tufts kennt, der weiß, dass das keine trockene Angelegenheit ist, sondern reichlich Stoff zum Schmunzeln birgt. Dabei ist Gayle Tufts ein bekennender Weihnachts-Fan, und so liegt der Humor auch mehr im Kleinen, als dass Tufts sich eines unsentimentalen Brachial-Humors bedienen müsste, der in einem einzigen Rundumschlag alles an Weihnachten durch den Kakao zieht.

Dass Gayle Tufts das ganze Drumherum an Weihnachten sehr schätzt, lässt sie immer wieder deutlich werden. Sie ist mit den großen „Christmas Shows“ des amerikanischen Fernsehens groß geworden, und das hat ihre Weihnachtseinstellung sehr mitgeprägt, ohne dass sie dabei den Bezug zur Realität verloren hätte. Immer wieder streut sie Anekdoten ein, erzählt von ihren diversen Weihnachtserlebnissen in Deutschland und mit ihrer Familie in Amerika. Sie versteht es, die Komik der Situation herauszukehren, und das auf eine verschmitzte, schwarzhumorige Art, die sie sehr sympathisch wirken lässt.

Ein Teil des Buches schildert Gayles Tufts Erlebnisse während ihrer eigenen „Christmas Show“, die unter dem Titel „White Christmas“ vor einiger Zeit in Berlin lief. Sie berichtet von den Vorbereitungen, den Arbeiten vor und hinter der Bühne, und von den unterschiedlichen Dingen, die Weihnachten für die an der Show beteiligten Menschen bedeutet. Das ist für den Leser nicht zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen interessant, vor allem, weil mir bei „Weihnacht at Tiffany’s“ die Gagdichte nicht ganz so hoch zu sein scheint, wie es noch bei [„Miss Amerika“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2557 der Fall war.

Dennoch macht die Lektüre von „Weihnacht at Tiffany’s“ in der Summe wirklich Spaß. Dass nicht jede Seite vor Schenkelklopfern überquillt, sorgt immerhin auch dafür, dass Gayle Tufts mit ihrer Hommage an das Weihnachtsfest auch ein wenig weihnachtliche Stimmung hervorzaubert. Das Buch an einem verregneten Adventssonntag mit der Kuscheldecke auf dem Sofa zu lesen, trägt wirklich dazu bei, dem Leser ein bisschen weihnachtlich ums Herz werden zu lassen.

Zusätzlich serviert Gayle Tufts im Laufe des Buches immer wieder Auszüge aus dem „Holiday Songbook“: Weihnachtslieder, die in ihren Anekdoten eine Rolle spielen. Meistens ist einfach nur der englische Text abgedruckt, teilweise gibt’s eine Übersetzung von Gayle Tufts und in einigen wenigen Fällen hat sie die Texte in ihr ganz eigenes, so sympathisches Denglisch-Kauderwelsch umgedichtet.

Mit das Schönste an „Weihnacht at Tiffany’s“ aber sind „Gayles ultimative Christmas Top Ten“: die zehn besten Weihnachtssongs, die zehn besten Weihnachtsoutfits, zehn Dinge, die man Kindern auf keinen Fall schenken sollte, die zehn besten Weihnachtsfilme oder zehn Dinge, die man unbedingt an Weihnachten tun sollte – alles fundiert begründet und mit einen Augenzwinkern erzählt.

Mit dieser bunten Mischung aus Anekdoten, Songs und Gags schafft Gayle Tufts es in jedem Fall, dem Leser ein bisschen Weihnachtsstimmung zu bereiten – und das auf eine gleichermaßen charmante wie humorvolle Art. „Weihnacht at Tiffany’s“ ist schöne, locker-leichte Unterhaltungslektüre zur Weihnachtszeit.

http://www.aufbau-verlag.de/

Keillor, Garrison – Nichts wie weg!

Garrison Keillor kehrt zurück nach Lake Wobegon, der Kleinstadt irgendwo im US-Staat Minnesota, die es leider aufgrund gewisser historischer Fehlentscheidungen nicht auf die Landkarte geschafft hat. So bleiben die Bürger meist unter sich, was ihnen nur lieb ist, je weiter die Schere zwischen Gegenwart und Fortschritt schließt.

Viel zu rasch schreitet das Leben nämlich nach Ansicht vor allem der älteren Einwohner voran. Das kann nichts Gutes bringen, denn Sicherheit bietet allein das Festhalten am Bewährten. Gibt es darüber hinaus Fragen, so stehen für die Lutheraner Pastor Ingquist und für die Katholiker Pater Emil bereit, denn die Bibel kennt Rat für alle Lebensprobleme, auch wenn die Konfessionen die Kenntnis der eigentlichen Wahrheit für sich beanspruchen; besonders Pater Emil hat viel von einem frühchristlichen Missionar an sich.

Aber so wird es gewünscht in Lake Wobegon: Man unterwirft sich den Autoritäten, die deshalb gefälligst Respektspersonen zu bleiben haben. Der Mensch ist schwach, der Versuchungen gibt es viele. Lebensfreude gilt daher als verdächtig. Spaß ist gestattet, wenn die Arbeit getan ist und er von besagten Autoritäten geprüft und freigegeben wurde. Dem echten Bürger von Lake Wobegon ist er trotzdem unheimlich, zumal er oder sie in dieser Stadt niemals ohne Aufsicht bleibt.

Lake Wobegon ist ein Aquarium, dessen Fische die vertraute Umgebung höchst ungern verlassen. Die Krebsbachs, Thorvaldsons, Lundbergs oder Bunsens sind nicht einfach nur Familien, sondern Dynastien, die auf eine anderthalb Jahrhunderte alte Geschichte zurückblicken – eine Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, was zu endlos verflochtenen Stammbäumen geführt hat, die freilich von den älteren Angehörigen problemlos hinuntergebetet werden können.

So geschieht für Außenstehende quasi rein gar nichts in Lake Wobegon, was von den Bürgern freilich gänzlich anders beurteilt wird. Aus diesem Kontrast entsteht die aus dem ersten „Lake Wobegon“-Band (Goldmann-TB Nr. 42234) bekannte und beliebte Komik, in die sich Wiedersehensfreude mischt, treffen wir doch alle lieb gewonnenen, weil skurrilen und verschrobenen Gestalten wieder und lernen sogar einige neu kennen.

„Es war eine stille Woche in Lake Wobegon“ – So beginnt jede der 36 in diesem Band versammelten Erzählungen. Sie tragen zunächst abschreckende Titel wie „Ein Glas Wendy-Bier“, „Hühner“ oder „Das Hochhaus“, die von Banalitäten künden und rührseligen ‚Auf-dem-Land-ist-alles-besser-‚Kitsch androhen. Einerseits zutreffend, andererseits weit gefehlt. Jawohl, es geht um Kleinigkeiten wie den Genuss eines sehr speziellen Biers, das Problem, ein geköpftes Huhn einzufangen, die Wahl eines neuen Wohnsitzes bzw. die trickreiche Verhinderung derselben. Für die Bürger von Lake Wobegon sind dies aber lebenswichtige Fragen. Verfasser Keillor weiß dies. Er nimmt seine Figuren ernst und stellt sie niemals bloß – eine angenehme Abwechslung in einer Gegenwart, die zunehmend Humor mit Klamauk und Schadenfreude gleichsetzt.

Doch hier haben wir es mit echtem Humor zu tun – leise schleicht er sich heran, um den Leser umso heftiger ins Zwerchfell zu springen. Fast sachlich – als echter Chronist eben – beschreibt der Verfasser sein Städtchen und dessen Bewohner. Der Witz entsteht aus dem Widerspruch, der daraus entsteht, dass die Menschen in Lake Wobegon eine sehr exotische Weltsicht haben. Reizvoll ist dabei, dass sie zwar Hinterwäldler, aber keine Rednecks sind, sondern eigenwillige Querdenker. Sie finden für Probleme, die im Grunde keine sind, Lösungen, mit denen man so nie gerechnet hätte.

Wobei hinter dem scheinbar Banalen immer wieder die Realität durchschimmert. Selbstverständlich kann man sich das Lachen nicht verbeißen, wenn Pater Emil wieder einmal seine sündhaften Schäfchen strammstehen lässt. Doch man erkennt auch die Tricks, derer er sich in Vertretung seiner Kirche dabei bedient: Religion à la Lake Wobegon ist auch ein Produkt taktisch eingesetzter Manipulation – natürlich nur zum Besten der Betroffenen, was freilich das Perfide des Systems um so deutlicher werden lässt.

Solche Regeln, die meist Einschränkungen sind, prägen generell das Leben in Lake Wobegon und machen es erst zu dem seltsamen Ort, über den wir, die wir dort nicht leben (müssen), uns so amüsieren. Da ist es nur gut und gerecht, dass auch jene, die an den Strippen ziehen, von der Lex Lake Wobegon nicht ausgenommen sind. Ob Pater, Polizist oder Schuldirektor – sie fangen sich ebenso häufig in den Fallstricken. Das Dorfleben ist da unerbittlich.

Dieser Humor ist still aber stets gegenwärtig. Man kann den Verfasser nur aus tiefem Herzen bewundern, mit welcher Kunst er Wort an Wort, Satz an Satz setzt, ohne die Lake-Wobegon-Atmosphäre jemals zu zerstreuen. Stattdessen macht er sein Publikum süchtig. Man möchte immer weiter und neue Geschichten lesen. Kein Wunder, dass Garrison Keillor sie – glückliches Amerika! – in seiner schon klassischen Radioshow „A Prairie Home Companion“ (s. u.) immer wieder erzählen muss.

Garrison Keillor wurde 1942 im Städtchen Anoka geboren. Es dauerte lange, bis er seinem geliebten und verhassten Heimatstaat entkam. Zunächst schaffte er es jedenfalls nur bis zur Universität von Minnesota, wo er auch seinen Abschluss im Fach Journalismus machte. Hier war es auch, wo er seine lebenslange Liebe zum Radio entdeckte und erste Features über den Äther schickte.

1969 wurde Keillor Journalist und arbeitete für den „New Yorker“. Fünf Jahre später schrieb er einen Artikel über die dortige Oper. Dies inspirierte ihn dazu, zum Radio zu wechseln, wo er eine Liveshow ins Leben rief: „A Prairie Home Companion“ wurde vor Publikum aus einem Theatersaal ausgestrahlt. 13 Jahre lief die Show, dann wechselte Keillor nach New York und startete „The American Radio Company“. Nach vier höchst erfolgreichen Jahren nannte er das Programm wieder „A Prairie Home Companion“. 2006 setzte Regisseur Robert Altman ihm im gleichnamigen Film – seinem letzten – (dt. „Robert Altman’s Last Radio Show“) ein würdiges Denkmal. Allerdings läuft die Show in Wirklichkeit weiter. (Dazu gibt es eine fabelhafte Website: http://prairiehome.publicradio.org.)

Als Schriftsteller hat Keillor bisher Bücher mit geistreichen und amüsanten Geschichten gefüllt, die längst nicht nur um Lake Wobegan, sondern um die generellen Höhen und Tiefen des Lebens kreisen. Dazu kommen drei Kinderbücher, Gedichte und Hörbücher. Garrison Keillor lebt in New York. Er ist verheiratet mit der Violinistin Jenny Lind Nilsson, mit der er eine Tochter hat.

Garrison Keillor findet man im Internet u. a. unter http://www.mindspring.com/~celestia/keillor.

Wilson, Robert Anton – Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod

Am 11. Januar dieses Jahres starb Robert Anton Wilson, bekannt für seine anarchistische und verquere Literatur. Just ist nun die deutsche Übersetzung von Wilsons \“Cosmic Trigger 3\“ erschienen, und just trägt das Buch den Untertitel \“Mein Leben nach dem Tod\“. Das ist doch mal eine interessante Synchronizität!

\“Cosmic Trigger 3\“ erschien in Originalsprache im Jahr 1995. Das Buch ist anders als die übrigen Werke Wilsons. Es ist – trotz Wilsons unverkennbaren Zynismus\‘ – ein nachdenkliches Buch. 1994 starb Wilsons Freund und Kollege Robert Shea an Krebs. (Zur Erinnerung: Mit Shea schrieb Wilson die \“Illuminatus!\“-Trilogie, mit der beide Schriftsteller bekannt wurden.) Wilson schreibt nun in \“Cosmic Trigger 3\“ über den Tod seines Freundes, und über seinen eigenen. Angeblich, so hieß es in einem der zahlreichen \“Weltverschwörungsforen\“ im Internet, sei Wilson 1995 verstorben. Verblüfft über den eigenen Tod, nimmt sich Wilson dieses Gerücht zum Anlass, über seinen eigenen Tod zu schreiben. Im Sinne seiner eigenen Weltbildentwürfe schließt Wilson letztlich nicht völlig aus, dass er sich über seinen eigenen Tod nicht auch von einem Gerücht eines Besseren belehren lassen könnte. Es folgt die typisch Wilson\’sche Bearbeitung: Generierung und Vermischung von Fakt und Fiktion – Guerilla-Ontologie eben.

Synchronizität oder Zufall? Ganz gleich, wie man diese Verquickung bewertet, sie ist für das Werkverständnis nicht uninteressant, denn sie ermöglicht einen zusätzlichen Zugang zu Wilsons nicht immer einfacher Schreibweise. \“Cosmic Trigger 3\“ thematisiert diesmal die Erzeugung subjektiver Realität und ihre \“Ontologisierung\“ in der objektiven Welt auf eine besondere Art und Weise. Wilsons Bezugssystem, aus dem er seine Anekdoten und Beispiele herleitet, ist die \“Welt des schönen Scheins\“, wie es Schiller nannte, die Kunst.

Nach sechsunddreißig praktischen Kapiteln folgt ein theoretisches: Wilson \“erlöst\“ den Leser von der geballten Fülle seiner konkreten Beispiele und schreibt vom allgemein philosophischen Prinzip besagter Realitätserzeugung durch \“ästhetische Masken\“. Es geht um die künstlerische Inszenierung von Welt, mit der man es schaffen könne, \“echte\“ Realität zu erzeugen. Dieser Ansatz ist nun bei weitem nicht mehr so skurril wie manche Anekdote in \“Cosmic Trigger 3\“ auf den ersten Blick vermitteln mag, dieser Ansatz zeugt von der Möglichkeit eines ernsthaften In-Beziehung-Setzens von kulturell erzeugten Werken und agierendem Subjekt. Die künstlerischen \“Weisen der Welterzeugung\“, von denen Wilson spricht, erinnern stark an eine ästhetische Theorie, die zum Beispiel bei Nelson Goodman ihresgleichen findet.

\“Cosmic Trigger 3\“ ist anders. Es markiert eine besondere Phase in Wilsons Leben und Schreiben. Es bedient sich nicht außerordentlich ungewöhnlicher Sujets, besitzt doch aber innerhalb Wilsons Werk einen besonderen Stellenwert. Die deutsche Ausgabe von \“Cosmic Trigger 3: Mein Leben nach dem Tod\“ ist im |Phänomen|-Verlag erschienen. Das Buch selbst präsentiert sich als \“künstlerische Maske\“: Der Maler Tate Tränensohn hüllte es in eines seiner abstrakten Ölgemälde.

http://www.phaenomen-verlag.de/

Eckenga, Fritz – Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel

Fritz Eckenga, Humorist aus dem Ruhrgebiet, hat wieder zur Feder gegriffen, um einige heitere Gedanken zur Zeit festzuhalten. Und weil die moderne Welt schon so prosaisch ist, hat er sie in Gedichten in klassischen Formen beschrieben. Der Vers „Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel“ aus dem Titel stammt aus dem ersten Gedicht, doch darf man sich nicht täuschen lassen. Eckenga bedient sich nicht nur solcher Knittelverse, sondern er übt sich auch in verschlungeneren Reimschemata und schreckt auch nicht vor großen Formen wie dem Sonett zurück.

Thematisch steigt er zu immer bedeutenderen Gefilden empor. Er beginnt bei Alltagsbeobachtungen, gelangt über die persönliche Lebensführung zum Zusammenleben in Staat und Gesellschaft und erreicht schließlich den Gipfel: Fußball. Ansonsten gibt es keinen roten Faden, Eckenga ist offenkundig mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen, hat das Skurrile im Alltag entdeckt und sich seinen Reim darauf gemacht. Einige der Beobachtungen sind im Bild festgehalten, so der Merchandisingstand der Polizei mit Minihandfesseln für einen Euro, der Schalkefan, der friedlich und besoffen in einem Durchgang schlummert, oder die Ankündigung vom Tag der offenen Tür im Knast (Generationen von Komikern hatten die Vision, nun ist es Wirklichkeit geworden.). Auch große Ereignisse wie die Papstwahl 2005 und die Fußball-WM 2006 erhalten eine Nachbetrachtung. Und nicht zuletzt bekommen einige unangenehme Zeitgenossen ihr Fett weg, etwa jener von jeglicher Fachkompetenz unbelastete Unweltminister, der mit viel heißer Luft zur Erderwärmung beiträgt.

Aber nicht nur durch das Wort, sondern auch mit dem Wort amüsiert Fritz Eckenga seine Leser. Da ist zunächst natürlich das Zusammentreffen teilweise banaler Allerweltsgeschichten mit der feinen Sprache und den klassischen Versen. Immer wieder wechselt der Autor von einer gewählten Ausdrucksweise in Umgangssprache oder vom Hochdeutschen ins Ruhrgebietsplatt und hält auf diese Art Stimmungen und Mentalitäten fest. Höhepunkte dieser Sprachvirtuosität sind u. a. zwei Gedichte, die Aussprüche von Franz Müntefering zwischen autoritärer Berechnung und jovialer Kumpelhaftigkeit auseinandernehmen. Eckenga verschränkt seine Anmerkungen mit Originalzitaten, bis man glaubt, Münteferings schnarrende Stimme mit dem rollenden R tatsächlich zu hören. Oder das Werk ‚Blindverkostung‘, das den Leser mit der leicht überkandidelten Sprache der Weinkenner erst in die Irre führt, bevor es sehr eindrücklich eine ganz andere Geruchskulisse präsentiert. Oder ‚Beim Läuten der Zwiebel‘, die Abrechnung mit dem Doppelmoralisten Günter Grass, wenn ganz nebenbei noch die Phrasen seiner Anhänger karikiert werden.

Natürlich befinden sich nicht alle Gedichte auf gleich hohem Niveau. Neben sehr gelungenen Beispielen intelligenter Unterhaltung stehen auch einige Poeme, mit denen der Autor scheinbar krampfhaft das Papier vollgeschrieben hat, wie er in ‚Alle Farben Frau‘ selbstironisch durchblicken lässt. Aber insgesamt ist „Prima ist der Klimawandel auch für den Gemüsehandel“ ein empfehlenswertes Büchlein für zwischendurch, das den Leser mit seinem Humor und seiner Freude an der Sprache schmunzeln und manchmal laut lachen lässt.

http://www.eckenga.de
http://www.kunstmann.de

Fforde, Jasper – Fall Jane Eyre, Der

Es gibt Romane, die lassen sich in keine Schublade pressen. „Der Fall Jane Eyre“ von Jasper Fforde ist so einer. Ein Roman mit Agenten und Bösewichten, aber dennoch kein Thriller. Ein Roman mit Zeitreisen und verrückten Erfindungen, aber dennoch keine Science-Fiction – „Der Fall Jane Eyre“ scheint in seinem ganz eigenen Kosmos zu schweben – surreal, schräg, spannend und witzig zugleich.

Thursday Next ist Geheimagentin bei den SpecOps, dem Special Operations Network, das sich in viele Einheiten unterteilt. Thursday arbeitet für SO-27, die LiteraturAgenten, auch LitAgs genannt. Die LitAgs befassen sich mit allen Verbrechen auf dem stetig lukrativer werdenden Literaturmarkt und spüren Fälschungen und gestohlene Erstausgaben auf. Eigentlich ist das kein allzu aufregender Beruf, wäre da nicht der geniale Oberschurke Acheron Hades.

Hades erregt einiges Aufsehen durch den spektakulären Raub von Charles Dickens‘ „Martin Chuzzlewit“-Original-Manuskript und die anschließende Entführung eines Protagonisten aus dem Text. Die LitAgs um Thursday Next können nur tatenlos zuschauen.

Doch das ist erst der Anfang. Wenig später entführt Hades Jane Eyre aus dem gleichnamigen [Roman]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2740 von Charlotte Brontë, um ein horrendes Lösegeld von den englischen Behörden zu erpressen. Für die englische Literatur ein absoluter Super-Gau, den Thursday und ihre Kollegen unbedingt verhindern müssen. „Jane Eyre“ ohne Jane Eyre ist schließlich eine Katastrophe sondergleichen, und dabei hat das Vereinigte Königreich mit dem seit 130 Jahren tobenden Krim-Krieg doch schon genug Ärger am Hals. Unerschrocken macht Thursday Next sich daran, Jane Eyre und damit ein Denkmal der englischen Literatur zu retten …

„Der Fall Jane Eyre“ entwirft schon ein für sich genommen interessantes Ausgangsszenario einer parallelen Gegenwart. Einiges ist anders im Großbritannien von Jasper Fforde als in unserer Welt: England kämpft seit 130 Jahren mit den Russen um die Krim und Wales hat sich als autonome Republik von den Briten abgespalten. Für spezielle polizeiliche Aufgaben gibt es mit den SpecOps einen großen Apparat für geheimdienstliche Operationen, bei dem manche Abteilungen dermaßen geheim sind, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte gerade tut.

Als graue Eminenz im Hintergrund zieht der Konzern |Goliath Corporation| viele Fäden. Der Konzern mischt heimlich in politischen Dingen mit und redet auch den SpecOps immer wieder in ihre Arbeit rein. Wirtschaftliche und politische Interessen werden verschmolzen. Vor diesem Hintergrund versucht Thursday Next im beruflichen Alltag dennoch ihren Kopf durchzusetzen und das Richtige zu tun. Sie ist Geheimagentin sowie Krim-Veteranin und dementsprechend hartgesotten. Selbst vor temporalen Anomalien hat sie keine Angst, ist ihr Vater doch ein ausgestoßener Agent der ChronoGarde, der SpecOps-Abteilung, die nicht nur sprichwörtlich dazu in der Lage ist, die Zeit stillstehen zu lassen.

Thurdays Erzrivale Acheron Hades ist ein Superschurke, wie er im Buche steht. Intelligent, gerissen, skrupellos und mit besonderen Fähigkeiten gesegnet, ist Hades die größte Herausforderung, der sich Thursday in ihrer Laufbahn als Geheimagentin stellen muss. Doch Thursday weiß diese Herausforderung anzunehmen. Um Hades‘ Spur zu verfolgen, lässt sie sich von London in ihre alte Heimat Swindon versetzen, wo sie auch ihre alte Liebe Landen wiedertrifft, was sie auch privat auf Trab hält.

Und so muss Thursday sich gleichzeitig mit ihrer Vergangenheit und ihren Erlebnissen im Krim-Krieg auseinandersetzen und Jane Eyre retten, indem sie Hades zur Strecke bringt. Der Weg zu diesem Ziel stellt sich als ziemlich beschwerlich heraus, und Fforde schildert im Verlauf der Handlung so manche verrückte Begebenheit, die Thursday zu meistern hat.

Fforde verknüpft eine ganze Reihe schräger Ideen zu einem spannenden Plot, der gleichzeitig eine liebevolle Hommage an die Literatur ist. Das Leben in Thursday Nexts England zeichnet sich durch eine enorme Liebe der Menschen zur Literatur aus. Sie durchzieht den Alltag der Menschen wie ein roter Faden und ist von hoher gesellschaftlicher Bedeutung. Die Kultur ist nicht bloß Unterhaltung und Zerstreuung am Rande, sondern Teil des täglichen Lebens. Es gibt Automaten, die nach Münzeinwurf literarische Texte rezitieren, und ein Theater, das jeden Abend das gleiche Shakespeare-Stück spielt, dessen Darsteller zuvor aus dem Publikum rekrutiert wurden.

Wer gerne liest, dem wird Ffordes Welt gefallen, und wer darüber hinaus offen für Skurriles ist, der wird an dem Buch eine ganze Meng Spaß haben. Fforde schreibt gleichermaßen gewitzt wie intelligent, erfreut den Leser in jedem Kapitel aufs Neue mit seinen schrägen Einfällen und fügt dabei den Plot zu einem wunderbar stimmigen Ganzen zusammen.

Zwar hat man auch mal den Eindruck, Fforde wäre kurz davor, den Bogen zu überspannen (der Zeitenstrudel, in den Thursday und ihr Kollege geraten, ist dann doch schon eine extrem schräge Angelegenheit), dennoch führt er den Plot gelungen zu Ende und liefert dem Leser obendrein einen spannenden Showdown. Er führt am Schluss die losen Enden logisch zusammen, und jede Komponente des Romans ergibt ihren Sinn und findet ihren Platz.

„Der Fall Jane Eyre“ dürfte ein herrlicher Lesespaß für all diejenigen sein, die offen für schräge Ideen sind und schon Spaß an den Werken von Autoren wie Douglas Adams oder Matt Ruff hatten. Jasper Fforde hat eine lesenswerte und unterhaltsame Mischung aus Thriller, Science-Fiction und Satire geschaffen, die in keine Schublade passt: Gewitzt, intelligent und spannend zugleich, gespickt mit sympathischen Hauptfiguren und herrlich schrägen Einfällen, hat Jasper Fforde eine liebens- und lesenswerte Hommage an die Literatur abgeliefert.

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|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2715 zur Hörbuchfassung von |Patmos|.|

Guillaume, André de – Weltherrschaft für Anfänger

(Keine Angst, weder das Buch noch diese Rezension sind so ganz ernst gemeint.)

„Was will uns der Dichter damit sagen?“ André de Guillaume hat in seinem Büchlein „Weltherrschaft für Anfänger“ eine kleine Anleitung zur Gewinnung der Macht vorgelegt, bei der man sich nie ganz sicher ist, ob es ein Ratgeber, ein ironisches Enthüllungsbuch oder eine Satire sein soll. Angelegt ist das Buch als eine Sammlung kompakter Tipps, Kurzporträts berühmter Machtmenschen und natürlich der beliebten Hitlisten (etwa zur Vorbereitung ‚Zehn Jobs, die Sie zur Weltherrschaft führen können‘). Das und die flüchtigen Karikaturen deuten am ehesten auf eine Satire hin, wenn dieser Eindruck nicht geschickt von dem zwar launigen, aber in der Sache unbeirrt ernsthaften Tonfall der Ratschläge konterkariert würde.

De Guillaume zieht seine Unterweisungen chronologisch für einen Herrschaftsablauf auf. Er beginnt bei den Voraussetzungen, die man schon mitbringen sollte, leitet über die Jugend und die Vorbereitung und Durchführung der Machtübernahme zur Ausübung und Sicherung der Herrschaft und schließlich zur Planung des nicht unbedingt freiwilligen Abgangs. Zynisch lässt er sich über erforderliche Maßnahmen wie Mord, Untreue und natürlich allerlei Lumpereien rund ums Geld aus. Misstrauen gegen jedermann ist selbstverständlich unerlässlich. In einem merkwürdigen Gegensatz dazu stehen die Empfehlungen, den Reichtum und die Ergebenheit der Umgebung genüsslich auszukosten. Das ist zumindest gut beobachtet, denn egal wie arm ein Land ist: Die hohen Herren haben noch nie Not gelitten. In einer Art Nachwort berichtet de Guillaume von einem eigenen misslungenen Putschversuch in einem kleinen Inselstaat namens Cashman (!) Islands. Offenbar ist der Autor hier seinem eigenen Ratschlag gefolgt, sich als angehender Diktator eine interessante Vita zuzulegen.

„Was will uns der Dichter damit sagen?“ Strategien zur tatsächlichen Erlangung der Weltherrschaft verlieren natürlich schlagartig ihren Wert, sobald sie veröffentlicht sind – zumal es ja auch nicht unbegrenzt viele Weltenherrscher geben kann. Als Ratgeber zur Machtgewinnung im kleinen, im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld hilft das Buch höchstens ansatzweise, da es fast nur politische Macht betrachtet. (Nun gut, sehr machtbewusste Menschen, die zwischen den Zeilen lesen können, werden schon den einen oder anderen Hinweis erhalten.) Es hilft auch nicht wirklich, die eigene Regierung besser zu durchschauen, da es sich nur vereinzelt mit den Intrigen demokratischer Regime auseinandersetzt und in Diktaturen ohnehin verboten sein dürfte.

Um noch stärker als humorvolles politisches Aufklärungsbuch zu funktionieren, fokussiert sich „Weltherrschaft für Anfänger“ also zu stark auf typische Diktaturen. Deren Bevölkerungen dürften auch ohne Buch nur zu gut um ihre Situation wissen. Einen subversiven Charme könnte das Buch gewinnen, wenn de Guillaume noch etwas ausführlicher die Aushebelung der Demokratie durch gewählte Regierungen beschrieben hätte, z. B. durch Desinformation via staatlicher Medien, den diskreten Aufbau von Nichtregierungsorganisationen, deren Forderungen man dann als „guter Demokrat“ entgegenkommt, oder die Instrumentalisierung der Wissenschaft (Geschichtsschreibung, Energiefragen) durch Bestechung statt Bedrohung.

Wahrscheinlich muss man „Weltherrschaft für Anfänger“ als Unterhaltungsbuch mit einem gallig-zynischen Humor nehmen, das einem vorführt, was menschenmöglich ist. Wenn das Buch dem Leser hilft, weniger übertriebenen Respekt vor den Mächtigen zu haben sowie Karrieristen und Ehrgeizlinge im Alltag besser einzuschätzen, dann hat es neben der kurzweiligen Lektüre auf jeden Fall seinen Nutzen bewiesen.

http://www.bastei-luebbe.de