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Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Ein neuer Stern leuchtet am Himmel der Cyberpunk-Literatur: Richard Morgan synthetisiert in seinem Debüt-Roman den guten alten Cyberpunk im Stile William Gibsons mit einer Detektivgeschichte, die aus der Feder Raymond Chandlers stammen könnte, zu einem exzellenten Cyberkrimi. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) wurde mit dem |Phillip K. Dick Award| für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet.

Im 26sten Jahrhundert – die Menschheit hat sich über die Galaxien ausgebreitet und ferne Planeten kolonialisiert – hat die Wissenschaft erreicht, was Religionen nur in Aussicht stellen konnten: |das ewige Leben|.

Die Informationstechnik ist an ihrem Höhepunkt angelangt – sie ist in der Lage, das menschliche Bewusstsein in einer Datenbank zu speichern und zu jeder Zeit in einen beliebigen Körper – |Sleeve| genannt – herunterzuladen. Ein |kortikaler Stack|, der im Nacken platziert und an das zentrale Nervensystem angeschlossen ist, fungiert dabei als Speichermedium. Mit dieser Technologie ist der Tod nicht mehr als ein düsterer Schatten vergangener Epochen. Oder doch?
Solange der |kortikale Stack| im Todesfall intakt bleibt, kann jedes Bewusstsein wieder in die Datenbank geladen und zu einem späteren Zeitpunkt |resleevt| werden. Wird der Stack jedoch beschädigt oder gar zerstört, so tritt der |Reale Tod| ein und die Existenz der betreffenden Person ist unwiderruflich beendet. Nur die wenigsten Menschen – jene, welche über das nötige Kleingeld und das entsprechende Maß an Macht verfügen – können sich eine permanente externe Speicherung in einer privaten Datenbank leisten. Sie sind die |Meths| – die Methusalem – deren subjektives Leben Jahrhunderte währt. Je nachdem, in welchen Abständen ein |Meth| sein Bewusstsein extern speichert, verliert er bei einem realen Todesfall nur einige wenige Tage seiner Erinnerungen …

Hier beginnt unsere Geschichte. Laurens Bancroft, ein Meth, dessen subjektives Leben bereits dreieinhalb Jahrhunderte andauert, wird tot in seiner Villa aufgefunden – neben ihm liegt seine eigene Waffe. Sein Kopf und mit diesem der kortikale Stack sind völlig zerstört. Die Abteilung für |organische Defekte| der Polizei von Bay City ermittelt jedoch nur oberflächlich und legt den Fall nach kürzester Zeit zu den Akten – Selbstmord.
Für Bancroft, der umgehend resleevt wird, scheint dieser Tatbestand unvorstellbar, weiß er doch um seine externe Speicherung – doch die einzige Person, die außer ihm Zugang zu seinen Waffen hatte, ist die Frau, mit der er seit hundertfünfzig Jahren verheiratet ist. In der festen Überzeugung, dass weder seine Frau noch er selbst diese Tat begangen haben, heuert er den Privatdetektiv Takeshi Kovacs an, um die Arbeit der Polizei zu einen befriedigenden Ende zu bringen und den wahren Täter zu ermitteln. Genauer gesagt holt Bancroft ihn dank seiner ausgezeichneten Beziehungen aus der Einlagerung in Kanagawa, hundertsechsundachtzig Lichtjahre von der Erde entfernt, wo Kovacs, dessen letzter Auftrag mit seinem Ableben endete, in der Einlagerung verweilt und eine weit über hundertjährige Strafe verbüßt. Der Vertrag läuft zunächst auf wenige Wochen, beinhaltet jedoch bei erfolgreichem Abschluss die Annulierung der restlichen Einlagerungsstrafe, einen Rücktransfer auf seinen Heimatplaneten – Harlans Welt – in einen Sleeve seiner Wahl und eine Gutschrift von 100.000 UN-Dollar. Widerwillig nimmt Takeshi Kovacs die Ermittlungen auf …

Richard Morgan (* 1965 in Norwich, England) studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach lange Zeit als Englischlehrer an der |Strathclyde University| in Glasgow. Sein Erstlingswerk schrieb er neben seiner Lehrtätigkeit, an den Abenden und Wochenenden. Ein Leben als Vollzeit-Autor kam für ihn damals noch nicht in Betracht, war er doch fast 15 Jahre Lehrer und mit seinem Job durchaus zufrieden. Auf die Frage, wann und warum er zu schreiben begann, antwortete Richard Morgan in einem Interview für das „Crowsnest SF e-magazine“: |“Ich denke, ich hatte die gleiche Motivation, wie Asimov – Ich schrieb, weil ich gerne las und ich wollte meine eigenen Geschichten für mich selbst verfassen. Das ist etwas, das bis in meine Kindheit zurückgeht. Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, in der ich nicht irgendwas geschrieben habe. (…)“|
Heute verdient Richard Morgan sein Geld ausschließlich als freier Schriftsteller. Leider liegen von den beiden letzten Romanen noch keine deutschen Übersetzungen vor. 2003 erschien „Broken Angels“, der zweite Roman um Takeshi Kovacs und im Frühjahr dieses Jahres „Market Forces“, ein Globalisierungsthriller, der sich jedoch nicht mit den Abenteuern unseres Protagonisten befasst. In der Enstehung befindet sich derzeit der dritte Takeshi-Kovacs-Roman.

Doch nun zurück zum Debütroman …

Richard Morgan beschreibt diesen Roman in einem Satz als |“eine beeindruckend brutale Tragödie über das Wesen der Macht und wie sich zukünftige Technologie darauf auswirken mag.“|

Die düstere und weitestgehend pessimistische Zukunftsvision, die Richard Morgan in dieser Geschichte zeichnet, reflektiert durchaus seine eigene Weltanschauung. Eine |best-case|-Zukunft zu entwerfen, ergibt für ihn keinen Sinn, da ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass die Menschheit nicht im Stande scheint, aus irgendeiner Situation das Beste zu machen. So gesehen ist die Welt, in der Kovacs lebt, allerdings kein |worst-case|-Szenario, sondern schlicht eine Extrapolation des derzeitigen menschlichen Strebens.

Wenige Jahrhunderte humanitären Denkens stehen gegenüber den Aeonen, in denen unsere Rasse ihren animalischen Trieben freien Lauf gelassen hat. Anstatt jedoch diesen geistigen Wandlungsprozess voranzutreiben und die immer komplexeren sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge zu hinterfragen, flüchten sich viele in die – seit langem obsoleten – Gefilde des |das-geht-mich-doch-nichts-an|-Denkens und laufen mit Scheuklappen durch unsere Welt. Zudem hat uns die Technologie in den letzten hundert Jahren mit ihrer rasanten Entwicklung in die Lage versetzt, unsere Zivilisation mitsamt der menschlichen Rasse zu unterjochen oder gar zu vernichten. In seinem Roman nimmt sich Richard Morgan einer möglichen Entwicklung unserer heutigen Welt an:

Daten sind – wie auch heute – eines der wichtigsten Handelsgüter. Doch die Technologie ist noch einen Schritt weiter; sie ist im Stande, selbst den Menschen (das |Humankapital|) in Bits und Bytes zu speichern und reduziert ihn somit nun auch physisch auf seinen reinen Datengehalt – ein Großteil der Menschheit verkommt ergo zu einer handelbaren Ware von meist minderem Wert. Nur die wenigsten Menschen sind unabhängig und vermögend genug, um diese |technischen Meisterleistungen| nach freiem Willen nutzen zu können.

Diese wenigen Menschen, die Meths, haben beinahe unbeschränkten Zugriff auf die Angebotspalette der Sleeves – selbst die Körper anderer Menschen sind für sie nicht unantastbar. Die Versuchung ist groß, kann doch nun jegliche Handlung – auch ein Verbrechen – in einem Körper verübt werden, dessen registrierter Besitzer vorübergehend in einer privaten Datenbank oder einer Virtuellen Realität verweilt, ohne sich dieses Umstandes unmittelbar bewusst zu sein. Das perfekte Verbrechen?

Wegen der ermöglichten Unsterblichkeit ist ein Wechsel in den Führungspositionen von Politik und Wirtschaft auf natürlichem Wege undenkbar. Daraus folgt, dass sich für die Meths im Laufe der Jahrhunderte die Wahrnehmung der Welt verändert; sie wird zu einem Spielplatz, auf dem mit immer neuen perfiden Manipulationen der Umwelt und der Menschen dem eigenen Degenerationsprozess Einhalt geboten werden soll – das Leben muss doch schließlich noch etwas zu bieten haben. Doch welche Möglichkeiten ergeben sich, um Menschen zu kontrollieren oder zu quälen?

„Ein meisterhaftes Beispiel für einen Cyberkrimi … Der letzte Debütroman, der ähnlich aufregend war, dürfte William Gibsons |“Neuromancer“| gewesen sein.“ (Zeitschrift |Phantastisch|)

Normalerweise halte ich nichts von derartigen Vergleichen, muss in diesem speziellen Falle jedoch zustimmen – beinahe 20 Jahre nach dem „Neuromancer“ erblickt ein Roman das Licht des deutschen Buchhandels, der eine ähnlich düstere Zukunftsvision ausmalt wie Gibsons Erstlingswerk dereinst. Dabei nimmt Morgan den Faden von einer der Informationstechnologie unterworfenen Welt auf und spinnt ihn ein weiteres halbes Jahrtausend in die Zukunft. Während es im „Neuromancer“ noch einzigartig war, dass ein Daten-Cowboy von einer KI digitalisiert und in einem Computerkonstrukt gespeichert wird, ist es fünfhundert Jahre später völlig normal. Dadurch ergeben sich viele neue Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Abstieg der menschlichen Zivilisation weiterzudenken.

Neben dieser thematischen Kohärenz der beiden Romane kommen noch zwei weitere Faktoren hinzu – wie einst |Case| im „Neuromancer“, so nimmt uns auch Takeshi Kovacs mit auf eine atemberaubende Reise in eine Welt der Mächtigen und der Ausgestoßenen. Beide Protagonisten gehörten einmal zum Besten, was der |Abschaum der Menschheit| hervorgebracht hat, bis sie, vom System fallen gelassen, ganz nach unten stürzten. Bevor jedoch ihr Ruf in den Nebeln der Zeit vollends verblasst, werden sie vom Schicksal wieder empor gerissen und bekommen eine zweite Chance. Nun könnte der geneigte Leser ob dieser vielen Parallelen dem Irr-Glauben verfallen, Takeshi Kovacs sei nur eine futuristische Kopie von Case – vielmehr drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass der Archetyp des Anti-Helden prädestiniert dazu ist, die Misere derer zu verdeutlichen, die entweder wegen ihrer niederen Abstammung oder aber durch vermeintliche Fehler im System dazu verdammt sind, täglich um ihre Existenz zu kämpfen. Im Gegensatz dazu verblasst das Geschrei der Mächtigen zum Gezänk kleiner Kinder, die sich im Sandkasten um eine Schaufel streiten.

Als Drittes fesselt und hypnotisiert „Das Unsterblichkeitsprogramm“ seine Leser ebenso wie damals der Urvater des Cyberpunk. Die erstklassig extrapolierte Technik, die düstere und kantige Erzählweise, welche das Leben am Bodensatz der Gesellschaft wunderbar widerspiegelt, wie auch die durch Sex und Gewalt dargestellten animalischen Triebe, die allen Gesellschaftsschichten immanent sind, verleihen dem Roman den betörenden |neuromantischen| Flair.

Wer sich bis heute noch immer der Illusion der Massenmedien hingibt und sich in einer nahezu |heilen Welt| wähnt, für den wird dieser Roman eine rein fiktive Geschichte beherbergen, die jeglicher gesellschaftskritischen Grundlage entbehrt. Jenen unter euch, die ihren Blick vor der Misere des sozialen Wandels und der fortschreitenden Degeneration unserer Gesellschaft jedoch nicht verschließen, mag dieser Roman in überzeichneter Form eine Welt offenbaren, die aus der unseren durchaus hervorgehen könnte.

Viel Spaß beim Lesen.

_Quellen:_
[Interview für Crowsnest SF e-magazine]http://www.computercrowsnest.com/sfnews/newsd0202.htm
[Interview für Infinity+ e-magazine]http://www.infinityplus.co.uk/nonfiction/intrm.htm

Gemmell, David – Rabenherz (Rigante 3)

„Rabenherz“ stellt den dritten Roman des |Rigante|-Zyklus von David Gemmell, einem der führenden Autoren der Heroic Fantasy, dar. Die Geschichte spielt im feudalen Mittelalter, nicht mehr zur Zeit des alten Roms und seiner Kaiser; ein gewaltiger Zeitsprung.

Seit Kelten-Hochkönig Connavar und sein Bastardsohn Bane in den beiden Vorgängern die Armeen von Stone (Rom) besiegten, sind 800 Jahre vergangen.

Nun ist ein Zeitpunkt gekommen, an dem ähnlich der realen Geschichte nicht mehr die Römer, sondern die Engländer, in diesem Falle die „Varlish“, über die Riganten herrschen. Eine Ironie des Schicksals … Die Riganten werden unterdrückt und ihrer eigenen Kultur beraubt, von den Besatzern wird aus ihrem legendären König Connavar „Con of the Vars“ gemacht, ein angeblich varlischer Prinz …

Die Kultur und Geschichte der besiegten Rigante wird systematisch absorbiert, verändert oder verleugnet. Die Keltoi, jetzt Highlander, werden als minderwertig angesehen, benachteiligt und unterdrückt.

Die druidische Religion der naturverbundenen Rigante wird vom Christentum, hier der „Quelle“, nach und nach verdrängt, die Magie des Landes geht zurück und nur wenige Rigante besitzen noch druidische Gaben.

So etwas schreit geradezu nach einem Aufstand à la Braveheart – der Kessel beginnt zu kochen …

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Spätantike
Band 1: [Die Steinerne Armee]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522 (Sword in the Storm)
Band 2: [Die Nacht des Falken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169 (Midnight Falcon)

Mittelalter
Band 3: Rabenherz (Ravenheart)
Band 4: Stormrider – noch nicht übersetzt

_Freiheitsliebende Highlander und gerissene Landlords_

Befreiten sich die Rigante, der führende Stamm der Highlander in Gemmells alternativem Britannien, im Vorgänger von den Römern, ist die Lage 800 Jahre später wesentlich düsterer:

Varlische (britische) Landlords herrschen über die Highlander-Stämme, ihre ruhmreiche Geschichte wird umgeschrieben oder verleugnet, die enge Verbindung der Highlander zu den „Sidhe“ genannten Naturgottheiten und ihrer Magie ist ebenfalls nicht mehr gegeben.

Der gewaltigste Unterschied ist jedoch: Es fehlt der große Nationalheld, es gibt keinen Connavar oder Bane, der die Highlander eint und die Invasoren vertreibt. Denn Lanovar, ein ferner Nachfahre der Linie Connavars, wurde von dem „Moidart“ genannten Landlord von Burg Eldacre verraten und ermordet, als er Frieden schließen wollte. Allerdings hatte dieser einen guten Grund zum Grollen: Lanovar hat den Moidart mit seiner Frau Rayena betrogen, und diese ist nun schwanger – ob vom Moidart oder Lanovar, das weiß keiner …

Lanovar stirbt, ohne seinen illegitimen Sohn jemals gesehen zu haben. Seinem zweiten Sohn, Kaelin, einem reinrassigen Rigante, gibt er den Seelennamen „Rabenherz“ und bittet seinen hünenhaften Freund Jaim Grymauch, für ihn zu sorgen.

Die Reiter des Moidart überfallen die Rigante, es kommt zu Blutvergießen, Kaelins Mutter wird getötet, er selbst von seiner Tante Maev gerettet. Derweil arrangiert der Moidart selbst ein Attentat auf seine eigene treulose Frau und tötet sie, schiebt die Schuld Rigante-Attentätern zu. Seinen Sohn bringt er nicht um – er hat zwar die grün-goldenen Augen Lanovars, jedoch hatte die Großmutter des Moidart ebenfalls solche Augen … ungewiss, ob der kleine Gaise sein Sohn ist, lässt er ihn leben.

Liebe oder Zuneigung wird er jedoch nicht erfahren, der Moidart wird ihn alleine aufwachsen lassen und ihm jegliche Anerkennung verwehren. An und für sich schon ein grausamer und kaltblütiger Mann, wird der Moidart zum Fluch für die Riganten, denen in den Städten das Tragen von Waffen und ihren Clanfarben verboten ist. Einzig die „Schwarzen Riganten“ in den nördlichen Highlands sind stark genug, die Durchsetzung des Gesetzes auf ihrem Gebiet durch die Truppen des Moidart zu verhindern.

Kaelin und Grymauch müssen bald Eldacre verlassen, denn Kaelin hat die Soldaten, die seine Freundin Chara vergewaltigten und ermordeten, getötet und verstümmelt, Jaim bei den Hochlandspielen den varlischen Box-Champion besiegt. So fliehen sie in die Highlands, zu den gesetzlosen Schwarzen Riganten, mit deren Anführer Call Jace Kaelin bald Bekanntschaft machen wird …

_Starke Charaktere, aber keine abgeschlossene Handlung_

Eine klassische Konfliktsituation, die geradezu nach einem Volksaufstand und einem Freiheitshelden schreit – auf diesen wird man jedoch vergeblich warten, denn im Gegensatz zu den in sich abgeschlossenen Vorgängern ist „Rabenherz“ nur in Verbindung mit dem zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht übersetzten „Stormrider“ eine wirklich abgeschlossene Geschichte.

So schafft „Rabenherz“ vielmehr die Grundlagen und führt die wichtigsten Figuren wie den Moidart, Maev und Kaelin sowie Jaim Grymauch ein. Diese Figuren geben dem Buch auch weitgehend seinen Charme und Charakter. Jaim Grymauch zum Beispiel ist ein riesiger Highlander, hat ein Herz wie ein Bär und ist sowohl bei Rigante als auch einigen Varlish sehr beliebt, obwohl er ein Säufer, Viehdieb und Rumtreiber ist. Maev Ring ist Jaims heimliche Liebe, eine Highlander-Geschäftsfrau, die so erfolgreich ist, dass ihr Erfolg sie zum Objekt des Neids und der Willkür der Varlish machen wird – denn keinem Rigante ist viel Besitz erlaubt.

Die wohl faszinierendste Figur ist jedoch der „Moidart“ genannte Herr von Burg Eldacre: Der raffinierte und kaltblütige Landlord ist ein faszinierender Bösewicht. Hart, aber nicht ungerecht, grausam und zugleich ein begnadeter Künstler. Das klingt recht 08/15, nicht wahr? Ist es aber nicht, der Moidart offenbart viele Facetten im Laufe des Buches, und im abschließenden Band der Rigante-Saga legt er noch einmal zu, soviel sei vorab versprochen.

Kaelin Ring wird im Laufe des Romans einen „kleinen“ Aufstand starten. Wie er sich zum neuen Anführer der Rebellen aufschwingt und wie er seit frühester Jugend bereits in der Schule gegen die Varlish rebelliert, stellt den Kern der gerne in den Hintergrund tretenden Rahmenhandlung dar. Denn sein Halbbruder Gaise Macon, der uneheliche Sohn Rayenas und Lanovars, wird erst in „Stormrider“ zusammen mit ihm zum Kampf gegen den Moidart und neue Feinde blasen, die erst gegen Ende dieses Romans auftauchen werden. Die Saga nimmt hier einige überraschende und gelungene Wendungen, die man nach dem sehr linearen und relativ handlungsarmen „Rabenherz“ nicht erwarten würde.

_Nur die erste Hälfte der Geschichte_

Die Figuren und die Geschichte sind mitreißend, Spannung satt wird geboten. Mystische Elemente sind in „Rabenherz“ im Gegensatz zu den Vorgängern weniger vertreten. Interessant auch der erfrischende Zeitsprung, Ähnliches hat Gemmell im |Stones of Power|-Zyklus mit dem unerwarteten Wechsel vom arthurianischen Britannien zu einem postapokalyptischen Wilden Westen schon einmal getan. Mir persönlich gefiel das antike Szenario des Rigante-Zyklus besser, jedoch haben Gemmells mittelalterliche Riganten-Charaktere ihren eigenen Charme und sind, insbesondere der Moidart, differenzierter und interessanter gezeichnet. Der Freiheitskampf-Gedanke wird hier wesentlich deutlicher hervorgehoben, eine gewisse Anlehnung an „Braveheart“ ist gegeben, die jedoch in „Stormrider“ zu einer unerwarteten Wendung und einem völlig anderen Szenario und Finale führt, das mir gut gefiel.

Das große Problem von „Rabenherz“ ist: Der Roman ist nur ein Auftakt, zwar ein furioser, aber ohne „Stormrider“ nur halb so gut. Trotzdem ist der Roman so spannend, dass man ihn in einem Stück verschlingen kann, und mit „Stormrider“ wird noch einmal ein Scheit mehr in das Feuer geworfen. Zum Glück ist die Vater-Sohn-Beziehung zwischen dem Moidart und Gaise Macon keine Neuauflage der Probleme zwischen Connavar und Bane, wie ich befürchtete!

Die Übersetzung ist Irmhild Seeland wieder einmal sehr gut gelungen, einige schwer zu übersetzende Eigennamen, wie die der Landlords (Moidart, Pinance), wirkten jedoch stets ein wenig unpassend auf mich.

Der Roman ist emotional ausgesprochen mitreißend, kann so den Mangel an äußerer Handlung kompensieren und dafür mit hervorragenden Charakterisierungen glänzen und die Grundlage für ein packendes Finale des |Rigante|-Zyklus legen.

_Der Rigante-Zyklus im Überblick_

Band 1: [„Die Steinerne Armee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=522
Band 2: [„Die Nacht des Falken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=169
Band 3: [„Rabenherz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=498
Band 4: [„Sturmreiter“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2961

Spinrad, Norman – Transformation, Die

Eigentlich hat es den Künstleragenten Texas Jimmy Balaban nur in die tiefste Provinz verschlagen, weil er mit seiner neuesten Eroberung auf der Flucht vor dem Privatdetektiv seiner Noch-Ehefrau ist. Während der abgrundtief schlechten Talentshow des ortsansässigen Hotels bemerkt er den Komiker Ralf, der nicht nur durch einen sicheren Auftritt und gutes Timing aus der Masse hervorsticht – Ralf behauptet, er stamme aus der Zukunft, nur habe ihm sein Manager versprochen, ihn im Jahre 1969 in Woodstock aus der Zeitmaschine treten zu lassen.

Balaban nimt den seltsamen Kauz unter Vertrag, der sich bald zum Star mausert und mit „Ralfs Welt“ eine eigene TV-Show zur besten Sendezeit bekommt. Der Science-Fiction-Autor Dexter Lampkin lässt sich überreden, Texte für die Show zu schreiben. Er entwickelt die Details der düsteren Zukunft, aus der Ralf zu stammen behauptet.

Lampkin hat vor Jahren mit dem Roman „Die Transformation“ sein idealistisches Hauptwerk geschrieben, in welchem die Menschen Signale von einer unwesentlich weiter entwickelten extraterrestrischen Spezies empfangen, die ihre Probleme mit der Umweltzerstörung, Atomkraft und Gentechnik nicht in den Griff bekommen hat. Es scheint ein allgemeines Phänomen zu sein, dass Zivilisationen in einem gewissen Entwicklungsstadium sich selbst durch die eigene Unvernunft zerstören. Einige Wissenschaftler fassen da den Plan, der Menschheit dieses Schicksal zu ersparen und entwerfen eine falsche Aliengottheit, die der Allgemeinheit den Weg in die lichte Zukunft weisen soll. Der Roman war ein Verkaufsflop, aber Lampkin ist der Glaube geblieben, Science-Fiction könne die Welt verändern.

Zweite wichtige Person in der Kreativzone der Show ist Amanda Robin, eine New-Age-Anhängerin, die in Ralf eine Manifestation des Zeitgeistes sieht. Beide, Lampkin und Robin, meinen mit „Ralfs Welt“ Einfluss auf die Menschen nehmen zu können. Ralf selbst wirkt fast wie eine leere Leinwand, auf die sie ihre Vorstellungen projizieren können: Ralf ist ebenso sehr Abgesandter einer kaputten Zukunft, der die Menschheit auf den richtigen Weg führen will, wie auch Avatar des Zeitgeistes, ein neuer Messias, der x-te Versuch nach Prometheus, Jesus Christus und JFK – oder vielleicht auch nur ein durchgedrehter Provinzkomiker.

Richtig klar wird dies nie. Eine Zeitlang funktioniert die Sendung gut, erfüllt Ralf die unterschiedlichen in ihn gesetzten Erwartungen – bis er immer mehr über seine Rolle hinauswächst.

Spinrad hat mit „He walked among us“, so der Originaltitel, ein sehr ambitioniertes Werk verfasst, das weit mehr als andere Bücher, die dieses Etikett aufgeklebt bekommen haben, die Bezeichnung „Roman des neuen Jahrtausends“ verdient. Es ist ein großer Rundumschlag, den Stand der modernen Zivilisation betreffend. Die ökologischen und wirtschaftlichen Probleme sind ja schon oft thematisiert worden, Spinrad geht allerdings noch weiter, indem er hinterfragt, was für den Einzelnen überhaupt Realität ist.

Deshalb ist „Die Transformation“ auch wieder ein Medienroman – und ähnlich wie Spinrads letztes Werk dieser Art, „Bilder um 11“, ist er bei allen brillant gestalteten Szenen doch etwas anstrengend. Voraussetzung für das Lesen ist der Glaube, eine solche Einpersonensendung wie „Ralfs Welt“ könne wirklich eine größere Menge von Menschen bewegen. Spinrad packt eine Menge kluger und auch streitbarer Ideen in seinen sehr umfangreichen Roman, den man gern hier und da etwas kürzen dürfte. Gerade in der Phase, bevor sich Ralfs Wandel vom Komiker aus der Zukunft zu einer ernsthafteren und undurchschaubareren Person ganz vollzieht, ist „Die Transformation“ ziemlich zäh. Man kann Spinrad auch eine gewisse Selbstverliebtheit in seinem Roman nicht absprechen. Neben dem Gehalt an Ideen fällt überdies wieder einmal Spinrads Fähigkeit auf, glaubhafte und auch sehr unterschiedliche Charaktere zu schaffen.

Ein zweites großes Thema sind die Science-Fiction und ihr Fandom. Hier ist Spinrad richtiggehend gallig: Lampkin erträgt Cons, wie die meisten Autoren, nur in einer Mischung aus Bekifft- und Betrunkensein. Die meisten Fans sind zwar überdurchschnittlich intelligent, fallen aber sonst durch unglaubliche Körperfülle, eng beieinanderstehende Augen, seltsame Aufmachung und pure soziale Inkompetenz auf. Auf den Conventions kann ein Autor sich kaum vor Groupies retten. Andererseits glaubt auch ein Dexter Lampkin an die Macht der Literatur, glaubt er, mit seinen Büchern, mit Science-Fiction die Menschen nicht nur zum Nachdenken sondern auch zum Handeln zu bringen.

Das Buch ist nichts für Zartbesaitete: Gerade in der Nebenhandlung um Lotter Lotti, die von Crack abhängig wird und am Tiefpunkt ihrer Existenz im Gewirr der New Yorker U-Bahn-Tunnel eine Begegnung der dritten Art mit Ratten hat, geht es sowohl im Inhalt als auch im Stil äußerst heftig zur Sache.

Wer sich auf die Reise in „Ralfs Welt“ einlässt, kann etliche faszinierende Stunden mit Spinrads Roman verbringen. Man muß sich jedoch einige Erholungspausen gönnen; der Wiedereinstieg wird einem durch die etwas redundante Art des Erzählens, bei der etliche Einzelheiten an späterer Stelle noch einmal wiederholt werden, erleichtert. Und man sollte auch als Fan das Fandom nicht nur mit größtem Ernst betrachten können.

Übrigens ist „Die Transformation“ eine Originalausgabe – bis jetzt hat sich kein amerikanischer Verlag für das Manuskript finden lassen. In englischer Sprache wurde der Roman dann zwar 2003 veröffentlicht, aber auch nur im eBook-Format. Sehr lobenswert, dass der |Heyne|-Verlag sich nicht scheut, auch kontroverse und schwierige Romane zu veröffentlichen, denen aber wohl leider (wie Lampkins „Transformation“) ein breites Publikum versagt bleiben wird; bislang gab es auch, wie bei vielen Werken Spinrads, keine weiteren Auflagen des Romans.

_Andreas Hirn_ © 2002
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/ veröffentlicht.|

Reynolds, Alastair – Unendlichkeit

„Unendlichkeit“ – Space-Opera vom Feinsten, dachte ich gleich. Und es geht auch richtig gut und flott los: auf fremden Welten, mit Alien-Artefakten. Aber dann wurde die Welt, in der Handlung spielt, immer komplexer, je mehr Personal hinzukam und je mehr Details ich mir merken musste. Ich dachte, das könne nur besser werden. Aber als schließlich alle Hauptpersonen aufeinander trafen, wurde es richtig schwierig …

Drei Handlungsstränge führen aufeinander zu und bilden einen Knoten. Diese Stränge liegen zunächst jeweils mehrere Jahre auseinander, denn interstellare Reisen erfordern eine Menge Zeit. Bei der Inbezugsetzung der Stränge ist mithin Zeit ein wichtiger Faktor. Glücklicherweise sind alle Kapitel mit Jahreszahlen versehen: Wir schreiben die Mitte des 26. Jahrhunderts.

Dan Sylveste ist ein besessener Archäologe und stößt auf dem kolonisierten Planeten Resurgam (lateinisch für „ich werde wieder auferstehen“) im System Delta Pavonis auf die Hinterlassenschaft einer außerirdischen Zivilisation: zunächst auf einen beschrifteten Obelisken, Jahre später dann auf eine verschüttete Stadt und die Statue eines geflügelten |Amarantin|. Das ist insofern ungewöhnlich, da die Überreste der Amarantin allesamt flügellos waren.

Sylveste will die Wahrheit über das Schicksal der Amarantin herausfinden und koste es sein Leben oder das anderer. Mit einer Gruppe Kyborgs und leistungsfähigen Waffen macht er sich an die Arbeit, wird allerdings bald von einem politischen Umschwung auf Resurgam gestoppt. Er verbringt rund zehn Jahre im Gefängnis, als eine Art Internierter.

Auch sein Vater Calvin, der ein Dasein als Software und Holoprojektion fristet, kann ihm ein paar Hinweise geben, wer Dan am Weitermachen hindert: entweder eine alte menschliche Intelligenz oder eine außerirdische Macht. Hat diese verborgene Macht die blühende Astronomen-Kultur der Amarantin vor einer Million Jahren vernichtet? Gibt es vielleicht doch noch Amarantin?

Ana Khouri ist eine Auftragskillerin in Chasm City im System Epsilon Eridani (Planet: Yellowstone). Ihr Agent K. C. Ng verschafft ihr Aufträge, um reiche Bürger aus dieser Stadt am Abgrund zu töten. Die Opfer haben die Morde selbst in Auftrag gegeben; danach werden sie wiederbelebt – es ist eben ein besonderer Kick, ermordet zu werden.

Doch bei ihrem neuesten Auftrag gerät Ana in eine Art Hinterhalt: Eine hochgestellte Persönlichkeit namens ‚Mademoiselle‘ eröffnet Ana, dass sie hierhergelotst worden war, um in Mademoiselles Dienste zu treten. Aber warum sollte Ana das tun? Weil sonst Anas Mann, der sich in Mademoiselles Obhut im Kälteschlaf befindet, ein abruptes Ende fände – sehr überzeugend. Anas nächstes Opfer befindet sich im System Episilon Eridani und weiß nichts von ihrem Auftrag: ein Mann namens Dan Sylveste. Mademoiselle wird als Implantat in Anas Gehirn mitreisen.

Ilia Volyova ist Mitglied eines Triumvirats von interstellaren Händlern, „Ultras“, die das gigantische Lichtschiff „Sehnsucht nach Unendlichkeit“ kommandieren. Die „Sehnsucht“, die beinahe Lichtgeschwindigkeit erreichen kann, befindet sich auf dem Flug zum Planeten Yellowstone. Kapitän Brannigan liegt als Opfer einer bioelektronischen Seuche im Tiefkühlschlaf und kann Volyova leider nur wenig Auskunft darüber geben, was an Bord schief läuft. Doch der Name „Sylveste“ fällt.

Ilias Problem: Soeben musste sie ihren Waffenoffizier Boris Nagorny in eine lebensgefährliche Lage bringen, in der er auch prompt umkam. Er war durchgedreht, denn er sah sich von einem kybernetischen Virus namens „Sonnendieb“ verfolgt, der Nagornys Implantate infiziert hatte.

Kann Sylveste ihr verraten, was |Sonnendieb| wirklich ist? Nun braucht Volyova einen neuen Waffenoffizier und der ist, wie sich zeigt, Ana Khouri. Die Frage ist: In wessen Auftrag fliegt das offenbar schwer bewaffnete Lichtschiff nach Resurgam? Und was ist der wirkliche Zweck des Flugs?

Aus drei Strängen werden schnell zwei (Khouri + Ultras), und sobald die Ultras Dan Sylveste auf Resurgam geschnappt haben, wird daraus einer.

Um das sich nun daraus entfaltende Drama ein wenig zu verstehen, muss man noch ein paar ‚Querverbindungen‘ beachten. Keine Angst: Ich werde keine genauen Details verraten, wie es weitergeht. Der Autor lässt auf seine kunstvolle Art nur so viele Informationen heraus, dass die Spannung bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Doch in der Personalliste zu Beginn des Buchs macht er paar wichtige Andeutungen.

Hinter ‚Mademoiselle‘ verbirgt sich die Astronautin Carine Lefevre. Sie ist eine alte Bekannte Dan Sylvestes: Zusammen erkundeten die beiden 200 Jahre zuvor den lebensgefährlichen Lascaille-Schleier, in dem sich eine Alien-Intelligenz (Amarantin, Sonnendieb – wer weiß?) verbirgt, die allgemein als „die Schleierweber“ bekannt ist. Doch Carine kam in den Schleiern um, jedenfalls nach Angaben des von Ultras geretteten Dan.

Mit Hilfe von Ana Khouri versucht ‚Mademoiselle‘ Carine, Dan am Betreten des Hades-Systems im Jahr 2566 zu hindern. Hades, ein dunkler Neutronenstern, ist die erloschene Nachbarsonne von Resurgams Sonne Delta Pavonis. Hades wird umkreist von einem Planeten namens Cerberus, der sich jedoch als hohle Welt mit Eigenschaften einer gigantischen Maschine herausstellt. (Zerberus war der Sage nach der dreiköpfige Hund, der das Tor zum Hades, der Unterwelt, bewachte.) Doch der Computervirus |Sonnendieb|, von den Amarantin-Schleierwebern geschickt, lockt Dan genau dorthin.

Hades und Cerberus sind Orte, die auf dem Obelisken der Amarantin eine besondere Bedeutung haben. In welchem Zusammenhang steht Cerberus mit dem Ereignis, das die Amarantin vor rund einer Million Jahren auslöschte?

Der Originaltitel des Buches lautet „Revelation Space“. Das All ist der Schauplatz, und die „revelation“, die Offenbarung, ist das, was die Handlung vorantreibt – und was das Interesse des Lesers wachhält. Der Autor erzählt seine Geschichte beeindruckend geschickt. In praktisch jedem Abschnitt, in jeder Szene gibt er uns eine weitere Information, die uns die Vergangenheit enthüllt und die Motivationen der einzelnen Handelnden. Aber nie so viel, dass wir uns den Rest zusammenreimen könnten. Diese Offenbarung ist unendlich – das rechtfertigt auch den deutschen Titel.

Abgesehen von der Schwierigkeit, den Überblick über das vielfältige Personal zu behalten, so hat mich doch das Verhalten der Menschen und der Aliens fasziniert. Die meisten Leute verhalten sich recht nachvollziehbar, was ihre Motive und Reaktionen anbelangt. Allerdings werden ständig neue Lügen aufgedeckt, so dass man mit neuen Überraschungen zu rechnen hat.

Doch es gibt auch Zwitterwesen aus Mensch und Maschine, Kyborgs, zu denen vor allem die Ultras an Bord der „Sehnsucht“ zählen. Ob nun diese Kyborgs schneller reagieren oder bessere Entscheidungen treffen, ist gleichgültig, denn offensichtlich mangelt es ihnen an moralischen Grundsätzen: Sie folgen nur ihren wirtschaftlichen Interessen. Beruhigend zu wissen, dass auch diese Über-Menschen nicht allwissend sein können.

Und Maschinen, wie etwa die Raumanzüge, können durchaus menschliche Züge aufweisen; das gibt Anlass zu ironischen Aspekten. (Es fehlen nur noch philosophische Bomben, wie sie John Carpenter in „Dark Star“ zeigte.) Und dann gibt’s natürlich noch Aliens, aber leider bleiben sie die meisten Zeit obskur im Hintergrund, bis dann |Sonnendieb| auftritt. So bleibt bis zum überraschenden Schluss stets ein gewisses Geheimnis, das es zu lüften gilt.

Reynolds wird bereits mit Peter F. Hamilton und Stephen Baxter, Briten allesamt, in eine Reihe gestellt. Die Handlung umspannt Jahrhunderte und Lichtjahre, so weit, so gut. Auch die Technik ist so weit fortgeschritten, dass ein gewisser |sense of wonder| aufkommt. Und manchmal entsteht der Verdacht, dass einiges davon lediglich Gimmicks sind.

Doch leider kann Reynolds ebenso verwirrend wie Baxter in dessen „Manifold“-Romanen sein (siehe diese [Rezension.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=389 Die letzten 250 Seiten von „Unendlichkeit“ spielen ja nur noch auf der „Sehnsucht“ und auf Cerberus. Da sollte man meinen, es wäre einfach, der Handlung zu folgen. Leider haben sich die Akteure schon wieder in drei Parteien aufgespalten – es bleibt also spannend, denn die Frauen – also Volyova, Khouri und Sylvestes Frau Pascale – wollen verhindern, dass Sylveste, sein Vater-Hologramm Calvin und Volyovas Ex-Kollege Sajaki in den Planeten eindringen.

Je fremdartiger die Innenwelt von Cerberus wurde, desto anstrengender wurde das Lesen. Es kann also nicht so sehr an Reynolds Darstellung gelegen haben, sondern wohl eher an meiner mangelnden Vorstellungskraft. Ich musste mir jedenfalls öfters eine Pause gönnen. Mehr als 50 Seiten am Stück waren schon ziemlich heftig.

Vorstellungskraft alleine reicht nämlich für das Verständnis nicht aus. Reynolds ist ja Astrophysiker und setzt einiges an astronomischem und physikalischem Wissen voraus. Hinzu kommen aber auch noch Kenntnisse in Informatik und Biotechnik, die sich als nützlich erweisen, um die Kyborgwesen zu verstehen, seien sie nun mehr menschlich oder mehr maschinell.

Auch |Sonnendieb| selbst ist ein fremdartiges Wesen, das sich aber mit Hilfe der Metapher des „Virus“ gut verstehen lässt. Dieses Virus greift allerdings über Gehirnimplantate auch das Bewusstsein des infizierten Menschen an. Das müssen unsere realen Computerviren erst noch zustande bekommen – oder lieber doch nicht.

Action findet sich genug, um das Buch als Space-Opera zu qualifizieren. Nicht nur die Profi-Killerin Ana Khouri kann mit Ballermännern umgehen. Das Schiff der Ultras selbst ist bis zum Stehkragen mit Planetenzerstörern vollgestopft. Wenn sich so ein Teil dann unter |Sonnendiebs| Einfluss selbständig macht, ist das zwar erst einmal witzig (siehe „Dark Star“), aber nicht ganz ungefährlich.

Der Humor ist von der trockenen britischen Art. Wer mit den entsprechenden Redewendungen vertraut ist, wird die Idee dahinter mühelos entdecken. besonders Vater und Sohn Sylveste kabbeln sich ständig miteinander, was beispielsweise ihren zweitausend Kilometer langen Abstieg ins Innere von Cerberus kurzweilig macht.

Reynolds hat den Bogen in Sachen Dramaturgie raus: Tempo entsteht fast von selbst, sobald sich die Handlungsfäden verknüpfen und der Showdown nähert. Dabei verzichtet Reynolds meist auf überflüssigen Ballast an Astrophysik oder Historie. Zum Glück geht dies nicht auf Kosten der Charakterzeichnung – die Akteure stehen jederzeit im Mittelpunkt, anders als bei so manchem anderen Hardcore-Autor wie etwa Bear, Brin oder Benford (die so genannten „Killer-B’s“).

Die Übersetzung von Irene Holicki ist ausgezeichnet, wesentlich flüssiger zu lesen als etwa ihre Übertragung von Iain M. Banks Roman „Die Spur der toten Sonne“ („Excession“).

Banks ist das Stichwort, um den Schotten Reynolds mit seinem Landsmann Banks zu vergleichen: Beide zeigen handelnde Wesen unterschiedlichster Couleur unter den Bedingungen künftiger Raumfahrt. Allerdings tauchen Regierungen kaum bei Reynolds auf, während bei Banks die „Kultur“ eine dominierende Rolle spielt. Aber beide Autoren verleihen ihren Raumschiffen wunderschöne Namen wie etwa „Abschiedsmelancholie“ oder „Sensucht nach Unendlichkeit“.

„Unendlichkeit“ ist ein Roman für eingefleischte Science-Fiction-Leser mit Interessen – und weitreichenden Kenntnissen – in Naturwissenschaften und Informatik. Die Story selbst ist ja bereits recht interessant; sie erinnert zunächst an Jack McDevitts Archäologenroman „Gottes Maschinen“. Doch schon bald zeigt sich, dass das Panorama wesentlich größer ist und zunehmend technischere Dimensionen annimmt.

Spinrad, Norman – tropische Millennium, Das

Nach dem Fortschreiten der globalen Erwärmung herrschen in der Mitte des 21. Jahrhunderts katastrophale Zustände auf der Erde. In Libyen gelingt es Monique Calhoun, für das |Brot & Spiele|-Syndikat, dessen Angestellte und Bürger-Aktionär sie ist, ein weitaus besseres Geschäft mit (vordergründigen) Bewässerungsanlagen abzuschließen, als zu erwarten war. |B&S| schickt sie daraufhin nach Paris, wo sie für die diesjährige UNACOCS den VIP-Service betreuen soll. Diese UN-Konferenz beschäftigt sich mit dem Problem der globalen Erwärmung und den Möglichkeiten, das Klima wieder an das gewohnte Maß anzupassen.

Doch auch hier gibt es zwei Seiten; denn zwar gehören Afrika und Südamerika zu den Verlierern des Klimawandels, und auch die USA haben etwas verloren – Florida und Louisiana nämlich -, doch gibt es auch Gewinner. Paris zum Beispiel hat nun einen ganzjährigen Bilderbuchsommer, und auch den Nordeuropäischen Staaten und Sibirien kommt inzwischen eine ganz andere Bedeutung zu. Eine Bedeutung, die die Gewinner des Klimawandels nicht so einfach wieder hergeben wollen.

So entwickelt sich ein anscheinend undurchschaubares Intrigenspiel um die Möglichkeit eines Venuseffekts, der vielleicht von einem eventuell vorhandenen perfekten Klimamodell vorausgesagt werden könnte …

Mit dem „tropischen Millennium“ (naja, über die Qualität eines deutschen Titels kann man trefflich streiten …) beweist Norman Spinrad wieder einmal, dass er zum Besten gehört, was die internationale SF-Szene zu bieten hat. Dieses Gedankenspiel einer möglichen Zukunftsvariante ist hochinteressant, politisch brisant und teilweise mit einem bösem Sarkasmus behangen, wie ihn wohl nur Spinrad so meisterhaft beherrscht.

Gerade dieser Zynismus ist es, der diesen Roman höchst lesenswert macht. Hier gibt es nirgendwo ein Gut und Böse, kein Schwarz und Weiß. Alles versinkt in einem übergreifenden Grau. Die Syndikate sind internationale Konzerne, Aktiengesellschaften gleich, die je nach Satzung ihre Mitarbeiter zu sogenannten „Bürger-Aktionären“ und somit zu Anteilseignern machen. Soweit ist das ja nichts unbedingt Neues – doch die Syndikate haben es in sich. So gibt es zum Beispiel ein |Böse Buben|-Syndikat, das angeblich aus der Mafia und ähnlichen Vereinigungen heraus entstanden sein soll. Zu Anfang in Libyen plant man dann auch gleich, die angeblichen Bewässerungspläne der Wüste zum Hasch- und Marihuana-Anbau zu nutzen, ganz so, wie man dies von einer solchen Vereinigung erwarten sollte. Ebenso auch die Auftragsmorde. Doch hier trügt der Schein, verwischt das Schwarz zu Grau (dies genauer auszuführen würde bedeuten, einiges vom Lesespaß des Romans vorwegzunehmen).

Auch auf der anderen Seite, bei den Syndikaten, die die Erderwärmung bekämpfen wollen, ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die vermeintlich Guten wandeln sich zu den Bösen – oder vielleicht doch wieder zu den Guten?!? Das allumfassende Grau schlägt auch hier wieder zu. Dabei lässt Spinrad den Leser niemals längere Zeit in dem Gefühl, er wüsste nun, wer denn hier die „Guten“ sind und wer die „Bösen“. Geschickt hält er selbst seine Protagonisten in dieser Grauzone gefangen und entwickelt um sie eine furiose Handlung um Moral und Ethik – und der unterschiedlichen Sichtweisen hierzu.

„Das tropische Millennium“ ist dabei auch ein hochgradig politischer Roman, ohne wirklich Politiker als Charaktere zu schildern oder sie gar als Hauptpersonen anzubieten. Unwillkürlich fühlt sich der Leser an die reale Politik erinnert, wenn er bei dem einen Syndikat mal mit dem einen Aspekt sympathisiert und beim anderen halt mit dem anderen, ohne dass eines der Syndikate wirklich eine allumfassend vertretenswerte Stellung bezöge.

Dies alles verpackt Spinrad ein einen höchst interessanten und atemberaubend spannenden Roman – ohne dass er großartig irgendwelche Action-Elemente einsetzen müsste. Der Autor interessiert sich rein für die gesellschaftlichen Aspekte seiner Handlung – und reißt den Leser damit wesentlich mehr mit, als dies mit einer actionlastigen Handlung überhaupt möglich gewesen wäre. Es ist jedenfalls verdammt schwierig, diesen Roman aus der Hand zu legen, bevor man ihn beendet hat. Und wenn auf dem Klappentext die |San Diego Tribune| mit „Ein Roman, wie er aktueller nicht sein kann. Lesen Sie ihn, bevor der Meeresspiegel ansteigt“ zitiert wird, so habe ich dem eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Dieser Roman gehört eindeutig in das Bücherregal eines jeden Lesers anspruchsvoller SF! Und derjenige, der sich sonst mit gesellschaftspolitischen Schilderungen nicht so anfreunden kann, sollte zumindest einmal einen Blick in „Das tropische Millennium“ werfen.

Fazit: Ein weiteres Meisterwerk Norman Spinrads. Dieser sarkastisch-zynische Blick auf eine Gesellschaft, die innerhalb des nächsten halben Jahrhunderts zu einem Grau-in-Grau mutiert ist, sollte in keinem Bücherregal fehlen. Zumal man sich die Frage stellt, wie weit die jetzige Gesellschaft von dieser Schilderung noch entfernt ist…

_Winfried Brand_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Kerr, Philip – zweite Engel, Der

Ein tödliches, sich global verbreitendes Virus hat die Menschheit in zwei Gruppen gespalten. Infizierte, die mit stark verkürzter Lebensdauer in heruntergekommenen Vorstadtghettos ein von Gewalt und Willkür geprägtes Leben fristen, und Nichtinfizierte, mit Privilegien ausgestattet und von den Aussätzigen weitestgehend isoliert in Luxus schwelgend. Da mit Hilfe eines Blutaustausches Infizierte geheilt werden könnten, ist die einzig wirklich zählende Währung Blut. Daran haben jedoch die elitären Bonzen kein Interesse und horten stattdessen ihr selbst gespendetes oder auch zusätzlich erworbenes Blut in gigantischen Depots.

Dallas, ein Computer- und Sicherheitsexperte, entwickelt komplexe und trickreiche Verteidigungsanlagen, um diese Blutbanken zu schützen. Als klar wird, dass seine Tochter an einer schweren genetischen Erbkrankheit leidet, die nur mit kontinuierlichen Bluttransfusionen gemildert werden kann, erklärt ihn sein Arbeitgeber zum Sicherheitsrisiko. Er würde für die Behandlung seiner Tochter mit der Zeit mehr Blut konsumieren als er sich leisten kann. Die Firma setzt den Killer Rimmer auf ihn an. In einer gnadenlosen Jagd gelingt es Dallas zunächst zu entkommen, doch Rimmer tötet seine Familie. Dallas schwört Rache und schmiedet einen Plan, die größte Blutbank auf dem Mond auszurauben. Dazu muss er den Supercomputer Descartes überlisten und, wie Theseus den Minotaurus, einen Roboter in einem finsteren und voll böser Überraschungen steckenden Labyrinth überwinden.

In großen Teilen erfreulich anspruchsvoll liest sich der Roman des Schotten und hebt sich im Niveau wohltuend von denjenigen seiner amerikanischen Kollegen ab, nicht zuletzt durch die zahlreichen Anspielungen auf klassische Philosophie beziehungsweise auf die griechische Mythologie und die Apokalypse. Den Titel „Der zweite Engel“ hat Kerr vermutlich der Johannes-Offenbarung entlehnt:
|“Und der zweite Engel goß aus seine Schale ins Meer; und es wurde zu Blut wie von einem Toten, …“| (Joh. Offb. 16,3; Luther-Fassung von 1984).

Etwas ermüdend können zwar die zahlreichen Anmerkungen wirken, in denen Kerr die wissenschaftlichen Hintergründe zu erklären versucht, doch die fein durchdachte Geschichte mit der richtigen Dosis Spannung, faszinierenden Spekulationen in Richtung Nanotechnik und Quantenphysik, interessanten technischen Spielereien und einem überraschenden Schluss vertreibt die zähen Passagen zuverlässig und schnell. Dabei kann man auch gelassen über manche biologische Unstimmigkeiten hinwegsehen. Die Vermischung zwischen Fiktion und Realität mag zwar hin und wieder zu einer schwer nachvollziehbaren Logik führen, ist aber sehr unterhaltsam.
Eine Stelle, etwa in der Mitte des Buches, als sich der rachedurstige Dallas mit seiner Crew Richtung Mond aufmacht, um die |First National Blood Bank| auszurauben, erscheint sehr schwach. Der Stil verflacht hier merklich, die Dialoge zwischen den Hauptpersonen sind ziemlich banal und die Spannung kommt erst wieder, als sich der Bösewicht Rimmer eindrucksvoll zurückmeldet.
Hin und wieder mag man starke Ähnlichkeiten zu Dicks „Blade Runner“, „Total Recall“ und Gibsons „Neuromancer“ entdecken, doch auch wenn Kerr hier Vorbilder hatte, gelingt es ihm vortrefflich, sie mit seinen eigenen Ideen zu einem runden Gesamtbild zu verflechten. Ein prächtiges Buch, das in jeder guten SF-Sammlung einen Platz verdient hat:
„Seid guten Blutes“.

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Nachtrag: „Der zweite Engel“ erscheint derzeit zusammen mit „Game Over“ in einem Band bei |Wunderlich| zum Einzelbuchpreis. Zugreifen!

Bandini, Ditte / Bandini, Giovanni – Drachenbuch, Das

Drachenerzählungen finden wir in allen Kulturen der Erde, und sie geben nach wie vor den Märchenforschern und Mythenkundlern Rätsel auf, die nicht eindeutig geklärt sind. In der christlichen Kultur vor allem mit dem Teufel gleichgesetzt, sieht es mit dem Drachen in anderen Kulturen – vor allem in China – ganz anders aus. C. G. Jung sah den Drachen als das Unbewusste und intuitiv Weibliche. Diesem Gesichtspunkt schließen sich viele an, indem sie dem Drachen das Dunkle zurechnen und die zahlreichen Drachentöter, wie den Heiligen Georg oder Siegfried, den Sonnen- und Lichtkräften zuordnen. Seit |Tiamat|, der ältesten Überlieferung einer drachenartigen Urgöttin Babylons, zieht sich die Geschichte der Drachen in verschiedensten Ausprägungen durch die Zeiten bis heute zu uns. Im deutsch-germanischen Sprachschatz ist der Begriff |Drache| dabei gar nicht mal so alt. Wir sprachen vom |Lindwurm|, ein Name, der sich vom althochdeutschen |lint| (= weich, zart, biegsam) und |wurm| (=Wurm, Schlange) ableitet.

Die beiden Autoren des „Drachenbuches“ bieten einen Einblick in die wundersame Welt der Drachen, der sich vor allem an eine jüngere Leserschaft richtet. Für Märchenfreunde, Hobbyritter und Fantasyfans ist es eine wahre Fundgrube.

Natürlich kommt der bekannteste Drachenkämpfer Siegfried auch nicht zu kurz und ist Gegenstand eines eigenen Kapitels. Für Leser in Worms ist dies deswegen interessant, da die verschiedenen Versionen der Sage detailliert dargestellt sind. Hier heißt bekannterweise der Drache |Fafnir|, der den Schatz der Nibelungen hütet. Neben dem Nibelungenlied gibt es mehrere Lieder der älteren |Edda|, den Völsungen, die Thidrekssage, das Lied des Hünen Seyfried, das zwar erst Jahrhunderte später aufgezeichnet wurde, aber in manchen Teilen genauso alt wie die altnordischen Dichtungen ist, sowie das umfangreiche Volksbuch von dem gehörnten Siegfried. Ausgerechnet im Nibelungenlied wird – anders als etwa in Wagners |Ring des Nibelungen| – Siegfrieds Drachenkampf nur am Rande erwähnt.

Neben den Mythen aus allen Kulturbereichen unserer Welt kommen auch die Randgebiete zur Sprache, wie zum Beispiel die Drachenadern, hierzulande eher als „geomantische Leylinien“ bezeichnet, die Dinosaurierforschung, der alchemistische Drache als Symbol des Zustands der unvollkommenen Materie, Drachen in Wappen, Kunst und Literatur. Lohnenswert ist die Aktualität, welche die Autoren in ihrem durchgehend und reichhaltig illustrierten Werk berücksichtigten, wodurch die modernsten Varianten in der Kinderliteratur von Michael Endes „Jim Knopf“, in dessen Gefolge Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ in den siebziger Jahren eine Flut von Kinderbüchern mit Drachen auslöste, bis hin zu den Drachen in der Fantasy ebenso Beachtung finden. Auch durch Filme wie „Dragonheart“ und die zahlreichen Fantasy-Rollenspiele bewirken Drachen noch heutzutage unverändert eine magische Faszination. Es gibt sie noch und sie sind erneut aus ihrem Teufelsloch, in dem sie so lange sitzen mussten, herausgekommen.

Ringo, John – Invasion – Der Aufmarsch (Invasion 1)

Im Jahre 2011 werden drei Jahre lang eine Milliarde Alien-Soldaten der |Posleen| die Erde erobern wollen. So haben es die friedlichen Aliens der „Föderation“ den Oberhäuptern der G8-Staaten und Chinas angekündigt. Die Erdsoldaten sollen zuvor helfen, die Posleen abzuwehren. Doch es gibt einen Haken.

_Der Autor_

Der Amerikaner John Ringo war zunächst Fallschirmjäger in der Armee, bevor er sich der Militär-Science-Fiction zuwandte und mit seinem Invasions-Zyklus Erfolg hatte. Die Autoren der Military Science Fiction wie etwa David Weber oder Jerry Pournelle bilden international eine wachsende Community, die in regem Kontakt zueinander steht. Natürlich kennen sie auch Tom Clancy. Ringo lebt in Commerce, Georgia, mit seiner Familie. Wie ich schon vermutete, siehe unten, hat Ringo auch Fantasyromane verfasst. Mehr Informationen unter: http://www.johnringo.com/.

Der Zyklus |“Legacy of the Aldenata“| besteht aus folgenden Bänden:

– Invasion: Der Aufmarsch (06/6461) (ISBN 3453875397)
– Invasion: Der Angriff (3453879031)
– Invasion: Der Gegenschlag (345352005X)
– Invasion: Die Rettung (3453520173)

_Handlung_

Michael O’Neal, ein rechtschaffener Webdesigner und Autor von Militär-Science-Fiction mit einer Familie, traut seinen Ohren kaum, als ihn eines Morgens General Jack Horner anruft, sein alter Chef von der Army. Horner gibt ihm die Chance, bei einer geheimen Kommandosache mitzumachen und dabei Rang und Geld zu verdienen. Mighty Mike ist alles andere als begeistert.

Die geheime Kommandosache stellt sich als Alien-Invasion heraus, die es abzuwehren gilt. Na Prost, denkt sich Mike, das wird weder Sharon (seiner Frau) gefallen noch sonst jemandem – falls es überhaupt herauskommt. Der US-Präsident hat seine Kommandeure angewiesen, Stoßtrupps (Strikes) aufzustellen, um die |Posleen| auf den Welten der friedlichen Alien-Föderation auszukundschaften, die sich schon über 150 Jahre gegen die Eroberer wehren und Planeten um Planeten verlieren.

Der Präsi ist verständlicherweise besorgt, denn schon in fünf Jahren, also 2011, würden über Jahre verteilt rund eine Milliarde Posleen-Soldaten den Erdraum angreifen – sagen die |Galakter|. Die Eroberer haben bereits 72 Föderationswelten unter ihre Herrschaft gebracht, weil die friedlichen Föderationsspezies keine Agression kennen oder sie zumindest vehement ablehnen.

Die Aliens der |Himmat| sind beispielsweise so eingestellt, dass sie sich wie Chamäleons ihrer jeweiligen Umgebung anpassen, um sich unsichtbar zu machen. Die |Darhel|, |Tchpht| und |Indowy| sind ähnlich defensiv eingestellt und daher richten sie an die Erdlinge die Bitte, ihnen zu helfen. Allerdings haben sie insgeheim selbst Angst, dass sie den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Immerhin geben sie den terranischen Truppen galaktische Technologie (GalTech), mit der sie ihre militärischen Fähigkeiten auf fremden Planeten und im Weltraum erheblich verbessern können.

Und so kommt es, dass ein erstes Kommando auf dem Dschungelplaneten Barwhon landet, der angeblich noch nicht von Posleen erobert wurde. Sie erleben eine böse Überraschung. Und Mike O’Neal wurde dem ersten terranischen Raumschiff mit NATO-Truppen an Bord als ausbildender Berater für GalTech-Kampfanzüge zugewiesen, das zum angegriffenen Planeten Diess fliegt. Merkwürdig sind allerdings zwei Dinge: Die |Darhel|-Vermittler, die die Oberklasse der Aliens stellen und sämtliche GalTech liefern, haben die Terraner im Stich gelassen.

Noch seltsamer findet Mike aber die Tatsache, dass ihm der Befehlshaber der NATO-Truppen, Colonel Youngman, als Erstes einen Maulkorb verpasst: Mike darf nicht das tun, worin er gut ist, wozu man ihn hergeschickt hat und was die ungenügend ausgebildeten Truppen am dringendsten brauchen, wenn sie auf die Posleen treffen. Also entweder ist Oberst Youngman paranoid, superblöd oder hier läuft eine ganz krumme Geschichte. Aber Mike findet immer Mittel und Wege, den im Militärsystem eingebauten Irrsinn zu umgehen und eine katastrophale Niederlage auf Diess abzuwenden.

_Mein Eindruck_

Wie erzählt man eine in galaktischen Entfernungen stattfindende Invasion? An dieser Frage haben sich schon manche Autoren die Zähne ausgebissen. Doch manche haben auch mit ihrer jeweiligen Methode Erfolg gehabt. Die Kunst liegt in der Beschränkung: an Personal, an Blickwinkeln, an Zeit.

|Drei Schauplätze|

Und so hat sich auch John Ringo zu Herzen genommen, dass weniger diesmal mehr ist, wenn der Leser nicht völlig den Überblick verlieren soll. Nach einem ziemlich personalreichen ersten Viertel, in dem es von Obersten, Generälen und vor allem Sergeants nur so wimmelt, verengt sich das Geschehen in den Einsätzen auf drei Schauplätze: auf Diess, wo Michael O’Neal sein Bestes gibt; auf Barwhon, wo die Kundschafter zu Tierfängern umfunktioniert werden; und auf der Erde, wo sich First Sergeant Pappas, ein Vietnamveteran, mehreren Herausforderungen in Gestalt von Rekruten und korrupten Unteroffizieren gegenübersieht.

|Viele Blickwinkel|

An diesen drei Orten kann der Blickwinkel kurzzeitig wechseln, weg von der Hauptfigur hin zu einem Nebenakteur. Zu diesen gehören auch zwei hohe Befehlshaber der feindlichen Posleen. Es ist also nicht so, dass der Feind gesichtslos und sprachlos auftaucht, nur damit man ihn als Objekt auch ohne Skrupel abknallen kann. Dieser Feind hat eine deutlich definierte Befehlshierarchie, eine eigene Sprache und furchteinflößende Waffensysteme, die etlichem Gerät, das die Menschen aufzubieten haben, überlegen sind. Von der besseren Taktik ganz zu schweigen. Der Sieg, sollte er gelingen, wird auf jeden Fall nur unter größten Opfern zu erringen sein.

|Schriftsteller als Experten?|

Was den Leser stutzig macht, ist der Umstand, dass Mike O’Neal zwar der totale Experte für die von den Darhel gelieferten Gepanzerten Kampfanzüge (GAKs) ist, aber im Grunde doch nur ein Science-Fiction-Schriftsteller und Webdesigner mit früherer Militärerfahrung. Deswegen ist er nicht nur in den Augen der regulären Militärs wie Colonel Youngman ein völliger Außenseiter, sondern auch in unseren. An keiner Stelle wird gerechtfertigt, dass O’Neal aufgrund seiner Schriftstellerei eingezogen wird, sondern nur wegen seiner Militärerfahrung. Alles andere wäre auch etwas lächerlich. Warum sollten ausgerechnet Schriftsteller besser mit Aliens fertigwerden als Generäle? Vielleicht, weil sie verrückte Ideen haben? Wohl kaum. Das würde lediglich den Stoff für eine Satire liefern.

|Militärs|

Natürlich ist dies ein Militärroman, was sonst? Von Anfang an reden Soldaten und solche, die es mal waren, miteinander. Von Anfang an bis zum bitteren Ende spielen Ränge eine derart überragende Rolle, das sich der Zivilist wundert, wie sich ein Mann nur in solchen Befehlskettenzwängen einordnen kann. Aber nach ein wenig Murren – auch von Seiten Sharon O’Neals, die, obwohl zweifache Mutter, ebenfalls als Offizierin eingezogen wird – findet sich jeder in seine Rolle beim Barras. Schließlich gilt es, den Untergang der Erde abzuwenden, nicht wahr? Und da müssen wir schließlich alle zusammenstehen, sonst wären wir entweder Defätisten oder, noch schlimmer, bloß Lemminge, die in ihren Untergang rennen.

|Komik|

Es wundert nicht, dass es in diesen Büchern keine Protestmärsche und Demos gibt. Der Einzige, der was auf die Mütze bekommt, ist der Präsident: Der Alien von den Tchpht beleidigt ihn in einem fort als gierigen, tückischen Fleischfresser. Es muss aber wohl an der fehlerhaften Übersetzung liegen, nicht wahr? Und so macht der Präsi gute Miene zum bösen Spiel. Was auf den Leser komisch wirken könnte, mag aber auch einen realen Hintergrund haben: Was, wenn die Übersetzung keineswegs fehlerhaft ist und sich der Alien durchaus vor den Erdlingen fürchtet? Das Übersetzungsgerät stammt von den Darhel, und dass diese Kaufleute mit jedem in der Galaxis Geschäfte machen, ist bekannt. Aber vielleicht tun sie auch alles, um die terranischen Helfer einzuschüchtern, damit diese nicht auf die Idee kommen, den Darhel das sorgfältig verborgen gehaltene Oberkommando über die Föderation zu entreißen.

|Science-Fiction oder Fantasy?|

Das Buch liest sich, wie es einem Actionroman zukommt, zunehmend flotter, je mehr sich die Aktion von der Erde auf die Fremdwelten verlagert, raus aus den Befehlszwängen dahin, wo der Soldat sich als mannhafter Krieger beweisen kann. Und in diesen Kampfsituationen muss der Autor alles aufbieten, um beim Leser den Eindruck zu verhindern, hier könnte es sich um einen Fantasyroman à la Conan oder Alan Burt Akers („Kregen“) handeln. Daher werden technische Geräte wie die GKAs über ganze Abschnitte und Seiten hinweg beschrieben.

Leider ist die „science“ derart exotisch, dass der Erfolg dieser Mühe des Autors mitunter infrage gestellt ist. Mich hat es nicht gestört, denn die Übergänge zwischen Science-Fiction und Fantasy sind, frei nach Arthur C. Clarkes Axiom, fließend: |“Eine genügend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“|

|Led Zeppelin|

Das erweist sich ganz besonders an einer Stelle. Während die Schlacht um Diess tobt, tauchen O’Neal und seine Kompanie Versprengter auf der Flanke des Feindes auf, und zwar aus dem Meer: Durch die von den GKAs projizierten Hologramme glauben die Posleen, ein feuerspeiendes Meeresungeheuer greife sie von links an. Wie Recht sie haben. Noch besser als die visuellen Spezialeffekte ist der passende Soundtrack. Da der Autor offenbar ein Kind und Fan der siebziger Jahre ist, erdröhnt statt des Wagnerschen „Walkürenritts“ (in „Apocalypse Now“) der rockende „Immigrant Song“ der Kultband Led Zeppelin! „Hammer of the gods“, baby!

|Kipling|

Der Autor bemüht noch weitere Kulturjuwelen. Nicht zufällig heißt sein Roman „A hymn before battle“. Dies ist der Titel jenes langen Gedichts von Oberviktorianer Rudyard Kipling, das die kämpfende Truppe in allen Ecken und Enden des British Empire zur Schlacht ermuntert und dafür den Schutz und Segen des Schlachtengottes Jehova erfleht. Strophen dieses Gedichts werden über das ganze Buch verteilt. Pazifisten werden von diesen martialischen Ausrufen wahrscheinlich abgestoßen.

|Die Übersetzung|

Der Übersetzer Heinz Zwack hat zum größten Teil eine gute Arbeit abgeliefert. Nur in den seltensten Fällen sind ihm Formulierungen missglückt. Seine größte Leistung liegt aber wohl in der Zuordnung der amerikanischen Militärdienstgrade zu denen der Bundeswehr. Dazu gibt es eine tabellarische Übersicht am Schluss. Am Beginn des Buches erklärt ein kurzes Glossar die wichtigsten Abkürzungen.

|Ein Fehler?|

Eine merkwürdige Diskrepanz vermochte ich jedoch nicht aufzuklären. Die Handlungsstränge auf Terra, Barwhon und Diess laufen keineswegs gleichzeitig ab, sondern asynchron. Das macht normalerweise nichts, denn es gibt keine Wechselwirkungen. Mit einer Ausnahme. Wie erwähnt (unter „Komik“) mischt sich ein Alien in den Obersten Sicherheitsrat beim US-Präsidenten ein. Als Ergebnis fordert die Militärleitung die Beschaffung von zwei Exemplaren der feindlichen Posleen zu Forschungszwecken an: Wie soll man den Feind vernichten, wenn das eigene Waffenarsenal an ABC-Waffen wirkungslos verpufft?

Jetzt taucht ein Zeitproblem auf. Bis dieser Beschaffungsbefehl von der Erde über die Alienföderation nach Barwhon transferiert werden kann, vergeht ein gewisser Zeitraum. Warum, wird erklärt. Was mich stört, ist die Abfolge. Der Befehl erfolgt am 12. November 2007. Doch bereits am 12. Februar 2007 geht er auf dem Planeten Barwhon ein, damit ihn der Aufklärungstrupp ausführt. Tja, mir fehlt nun eine einleuchtende Erklärung, wie es sein kann, dass eine Botschaft rückwärts in der Zeit reist, und zwar gleich neun Monate. Einstein, hilf!

_Unterm Strich_

Ich habe diesen Roman in drei Tagen gelesen. Nach einem zähen Start verengt sich jedoch die Handlung auf das Geschehen an drei Schauplätzen, und der Leser kann sich voll auf die Action konzentrieren. Da das Personal recht zahlreich ist und es keine Namensliste im Buch gibt, empfiehlt sich auch das schnelle Lesen, sonst vergisst man die Namen vom Anfang und verliert schnell den Überblick. Das könnte relativ frustrierend sein … Zum Glück erweist sich die Action als fesselnd genug, um den an martialischem Geschehen Interessierten bei der Stange zu halten.

Das bedeutet nicht, dass diese Militär-Science Fiction für jeden Leser von Spannungsunterhaltung geeignet sei. Man benötigt im Gegenteil schon ein wenig Verständnis und Interesse an militärischen Dingen. Der Autor ist nämlich völlig ernsthaft bei der Sache, und das Einzige, worüber er sich lustig macht, sind Politiker und Bürokraten – hier hat er die Lacher auf seiner Seite. Ansonsten verrät er ein Faible für die Hierarchie beim Barras, aber vor allem für militärisches Spielzeug, allem voran für den gepanzerten Kampfanzug.

An vielen Stellen habe ich mich daher gefragt, warum diese Trilogie nicht in der Serie „Mechwarrior“ oder „BattleTech“ veröffentlicht wurde. Sie würde dort kaum auffallen. Vielleicht ist genau das der Grund: Separat veröffentlicht, ragt Ringos Trilogie aus der Masse der in Deutschland publizierten Science-Fiction heraus – als Negativbesipiel, wie |moderne| Science-Fiction |nicht| sein sollte.

Robert A. Heinlein – Starship Troopers – Sternenkrieger

„Vorwärts, ihr Affen! Wollt ihr ewig leben?“ Dieses Zitat von Unbekannt, 1918, dürfte mittlerweile unter den Zuschauern des Films „Starship Troopers“ ausreichend in Erinnerung sein. So animiert, stürmten die Gefreiten freudig in die Schlacht, und „Schlacht“ muss man es wirklich nennen, das Gemetzel, das John Rico und seine Mitstreiter unter den „Bugs“, den „Fehlern der Evolution“, anrichten – oder umgekehrt, denn die Arachniden schlagen gnadenlos zurück. Doch nun zum Roman:

Der Autor

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Alexander, Lloyd – Taran – Das Buch der Drei

Dies ist der erste Roman eines fünfbändigen Fantasy-Zyklus, der es vielleicht nicht mit Tolkiens „Herr der Ringe“ aufnehmen kann, der aber ebenso stark auf Mythen und Fantasythemen zurückgreift. Und die Hauptfigur Taran, die im Laufe des Zyklus eindrucksvoll heranreift, lieferte wie Tolkiens „Herr der Ringe“ die Vorlage zu einem Zeichentrickfilm.

_Der Autor_

Lloyd Alexander, geboren 1924, ist der US-amerikanische Autor der „Chroniken von Prydain“ (= Britannien). Ähnlich wie bei Tolkien, der mit „The Hobbit“ (1937) zunächst eine Fantasy-Geschichte für Kinder schrieb, beginnt auch Alexander mit einer leichtfüßigen Kinder-Fantasy, um dann jedoch schnell auf tiefere, dunklere Themen zu sprechen zu kommen. Der erste und Teile des zweiten Bandes fanden Eingang in einen gleichnamigen Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1985: „Taran und der Zauberkessel“.

Der |Taran|-Zyklus:

1. „Taran und das Zauberschwein“ bzw. „Das Buch der Drei“ (engl. The Book of Three) (1964)
2. „Taran und der Zauberkessel“ bzw. „Der schwarze Kessel“ (engl. The Black Cauldron) (1965)
3. „Taran und die Zauberkatze“ bzw. „Die Prinzessin von Llyr“ (engl. The Castle of Llyr) (1966)
4. „Taran und der Zauberspiegel“ bzw. „Der Spiegel von Llunet“ (engl. Taran Wanderer) (1967)
5. „Taran und das Zauberschwert“ bzw. „Der Fürst des Todes“ (engl. The High King) (1968) – Gewinner der Newbery Medal, 1969
6. „Der Findling und andere Geschichten aus Prydain“ (engl. The Foundling) (1973) – Sammlung von Kurzgeschichten, die in Tarans Welt Prydain spielen

_Handlung_

Der Junge Taran lebt als Hilfsschweinehirt beim Schmied Coll und einem Magier namens Dallben. Der Magier hütet das titelgebende „Buch der Drei“, das Taran nicht anfassen darf, selbst wenn der Zauberer, wie so oft, mal wieder schlafend meditiert.

Der Findling Taran kennt seine Eltern nicht, was schon mal ein gutes Zeichen ist: So fangen Heldengeschichten an. Er denkt sich aber nichts dabei. Doch seine Aufgabe als Hirt der Schweine stellt sich plötzlich als ziemlich wichtig heraus, denn Hen Wen, das weiße Hauptschwein, ist ein Orakel, wie er zu seiner größten Verblüffung erfährt. Auf seiner Jagd hinter dem ausgebrochenen Schwein her gerät er tief in den Wald, stößt auf den bösen gehörnten König, wird aber von einem unscheinbaren Waldläufer vor dem Tod bewahrt.

Der Waldläufer entpuppt sich als Fürst Gwydion, der mindestens so berühmt ist wie der Hochkönig und der böse König der Anderswelt Anuvis, Arawn. Und der freundliche Gwydion klärt Taran auf, was es mit dem Orakelschwein Hen Wen auf sich hat und was er selbst, so fern von seiner heimatlichen Burg, im Wald zu suchen hat. Im schönen Prydain (= Britannien) sind die Zeiten rau geworden und es braut sich etwas zusammen.

Ein kleines Waldwesen namens Gurgi, halb Mensch, halb Tier, weist ihnen den weiteren Weg. Sie stoßen zwar nicht auf das Schwein, doch auch der Anblick des Heerlagers des Gehörnten Königs verschlägt ihnen den Atem: Hier sammelt sich eine Armee, um Prydain zu überfallen und alle zu unterjochen. Sogar untote Krieger sind zu sehen, und von denen werden die beiden Neugierigen gefangen genommen.

Wider Erwarten landen sie nicht bei dem beobachteten Heer, sondern im Schloss der Zauberin Achren, deren verführerische Schönheit Taran zunächst betört. Wenig später findet er sich eingesperrt in einer Kerkerzelle wieder. Er hat schon mit dem Leben abgeschlossen, als ihm eine goldene Kugel durchs Fenster vor die Füße fällt und eine Mädchenstimme ihn auffordert, ihr den leuchtenden Ball zurückzugeben. Es ist die geschwätzige und aufgeweckte Eilonwy, die ehrliche Nichte der bösen Zauberin. Sie kennt nicht nur den Weg aus Tarans Gefängnis, sondern auch den zu seinem Herzen.

Aber das ahnen beide noch nicht, doch es wird ihnen rechtzeitig auffallen, dass sie füreinander bestimmt sind. Doch was wird aus Prydain, das von der Bedrohung nichts ahnt?

_Mein Eindruck_

Der erfundene Schauplatz ähnelt jenem mythischen Wales, das dem Fantasykenner aus der Geschichtensammlung des „Mabinogion“ aus dem 14. Jahrhundert bekannt ist. Doch die Legenden beruhen auf mündlich überlieferten Erzählungen, die weit älter sind und noch aus der keltischen Kultur kommen.

Insbesondere der vierte Zweig des Mabinogi mit dem Titel „Math Son of Mathonwy“ bietet zahlreiche Referenzen, die der Autor verwendet. Dazu gehört der gesamte Komplex, der mit dem Recken Gwydion und seinem Onkel Math in Caer Dathyl zu tun hat. Math herrscht über einen Großteil von Wales. Sein Widersacher ist Arawn, der Fürst der Unterwelt Annuvis. Leider macht der Autor aus den vielschichtigen Vorlagen zu den Figuren Gwydion und Arawn nur ein schwarz-weißes Paar aus Gut und Böse. Alexander vereinfacht, vielleicht zu Gunsten der kindlichen Verständnismöglichkeiten.

|Die Freunde|

Die Handlung hat etwas von einer Achterbahnfahrt an sich. Der Held, der zunächst als „hässliches Entlein“ vorgestellt und von zwei mächtigen Gestalten, einem Schmied und einem Merlin-ähnlichen Zauberer, beschützt wird, erwirbt sich diverse Gefährten, die ihm helfen, wenn er sich mal wieder überschätzt hat. Insbesondere Eilonwy ist mit ihrer spitzen Zunge eine ständige Quelle von Freude und Witz, auch wenn sie einen Mann damit schnell in den Wahnsinn treiben könnte.

Auch Fflewdur Fflam, ein ehemaliger König, der jetzt als Barde durch die Lande zieht, ist interessant. Er hat vom Ober-Barden Wales‘, dem berühmten Taliessin, eine magische Harfe erhalten, doch ihre Saiten reißen, sobald ihr Besitzer auch nur die geringste Unwahrheit erzählt – wozu Barden und Dichter von Natur aus neigen. Fflam hat also immer gut zu tun, seine Harfe in Schuss zu halten.

Das Waldwesen Gurgi weiß ebenfalls zu faszinieren. Dieser keltische Charakter, der auch in C. J. Cherryhs Kelten-Fantasien wie etwa „Der Baum der Träume und Juwelen“ sowie „Faery in Shadow“ zu finden ist, erweist sich im Laufe der Zeit als treuer und anhänglicher Gefährte, auch wenn er bisweilen ein wenig aufdringlich und in hygienischer Hinsicht abstoßend erscheint.

|Die Feinde|

Die Feinde sind nicht weniger einfallsreich gezeichnet. So verfügt der gehörnte König über einen schwarzen Kessel (der der Fortsetzung den Titel gibt), aus dem Zombiekrieger erzeugt werden können. Da sich diese nicht töten lassen, bilden sie für jeden einen furchteinflößenden Feind. Zum Glück ist ihr Aktionsradius abhängig von der Entfernung vom Kessel, so dass es eine Chance gibt, ihnen zu entkommen.

Auch die Lüfte sind nicht sicher. Ähnlich wie die schrecklichen Reittiere, die Tolkiens Ringgeister durch die schwarzen Lüfte von Mordor tragen, suchen gefräßige Vögel, die Gwythaint, wehrlose Wanderer wie Taran heim. Doch die Gwythaint sind nicht von Geburt an so, sondern werden von ihrem Herrn Arawn dazu erzogen und ausgebildet, Fleisch zu begehren und für ihn zu spionieren. Als Taran einen jungen Gwythaint aus einer Dornenhecke befreit, revanchiert sich der Gerettete.

Selbst die Zwerge dürfen nicht fehlen. Durch einen Zauber lockt König Eiddileg ahnungslose Wanderer in sein unterirdisches Reich. Doch bei Taran & Co. gerät er an die Falschen. Er muss ihn ziehen lassen und gibt ihm einen Führer, Doli, mit. Denn Doli taugt in Zwergenaugen nicht: Er vermag sich nicht unsichtbar zu machen, zumindest nicht auf Kommando.

Die böse Zauberin, die Taran und den Recken Gwydion gefangen nimmt, heißt Achren und ähnelt eine weiteren Figur aus dem Mabinogion: Arianrhod, was „Silberrad“ (= Mond) bedeutet. Leider setzt sie sich kaum mit dem jungen Taran auseinander, und ihre Konfrontation Gwydions wird nur indirekt berichtet. Daher fehlt dieser Episode etwas der Pfiff. Der Auftritt Eilonwys entschädigt dafür mehr als reichlich.

_Unterm Strich_

Insgesamt bietet dieser erste Band von Tarans Abenteuern ein enorm hohes Maß an kuriosen Einfällen und sehr viel Kurzweil für junge Leser. Die Action ist nicht zu brutal und keiner der Gefährten Tarans muss sterben oder ein größeres Opfer bringen. Das ändert sich in den Folgebänden. Vielmehr scheint Taran hier auf einer Art Einkaufstour für nette Gefährten zu sein, mit denen er sämtliche Fährnisse überwinden und den gehörnten König besiegen kann. Die Übersetzung von „Märchenonkel“ Otfried Preußler („Krabat“) ist sehr gelungen.

Die Taschenbuch-Ausgabe bei |Bastei Lübbe| löst die ältere deutsche Ausgabe ab. Mittlerweile liegt der Zyklus komplett bei |Lübbe| vor. Die Illustrationen von Johann Peterka stimmen am Anfang jedes Kapitels stilecht auf die Geschichte ein. Eine Aussprachehilfe für die walisischen Namen wäre aber hilfreich gewesen. So etwa wird das „w“ als „u“ ausgesprochen und ein Doppel-L als „chl“. Das könnte etwas verwirren. (Auf Mail-Anforderung hin schicke ich euch eine Übersicht.)

Man darf auf die vier weiteren Romane des |Prydain|-Zyklus gespannt sein. Am Schluss folgt dann noch eine Erzählungensammlung, die zum ersten Mal in deutscher Sprache erscheint: „Der Findling und andere Geschichten aus Tarans Welt“. Dort wird dann auch erzählt, wie der Schmied Coll überhaupt zu seinem Orakelschwein Hen Wen kam. (Schweine spielten für die walisische Landwirtschaft eine wichtige Rolle, weil sie leicht zu halten waren – etwa im Wald – und nicht so viel Futter erforderten wie Rinder. Sie sind die Kühe des kleinen Mannes. Dementsprechend tauchen sie häufig in Waliser Legenden auf, wie etwa im „Mabinogion“.)

Fazit daher: eine hundertprozentige Empfehlung für „Das Buch der Drei“.

Vinge, Vernor – Eine Tiefe am Himmel

Obwohl der Autor Vernor Vinge (* 10. Oktober 1944) der modernen Space-Opera entscheidende Impulse geben konnte, ist er doch eher unbekannt, zumindest in Deutschland. Unverdient, aber aus einleuchtendem Grund, ist er doch nicht gerade ein Vielschreiber, seine beiden bekanntesten Werke sind „Ein Feuer auf der Tiefe“ (1992) und „Eine Tiefe am Himmel“ (1999), diese beiden leicht merkwürdig betitelten Romane bürgen jedoch für Qualität: Beide gewannen jeweils einen |Hugo Award| und wurden für den |Nebula| nominiert, hierzulande gewann „Eine Tiefe am Himmel“ zudem den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis.

Der Mathematiker und Computerwissenschaftler Vinge dozierte bis zum Jahr 2002 an der |San Diego State University|, seitdem konzentriert er sich ganz auf seine schriftstellerische Tätigkeit. Man kann also für die Zukunft viel von ihm erwarten.

Seine Konzeptionen eines möglichen Cyberspace, sowie seine Theorien zu technologischer Singularität (d.h. Fortschritt maschineller Intelligenz zu einem Grad, den der erschaffende Mensch geistig nicht mehr erfassen kann), Nanotechnologie und lernfähigen Netzwerken, bis hin zur künstlichen Intelligenz, aber auch menschlicher Evolution und gesellschaftlicher Entwicklung bis hin zur Transzendenz stellen den Kern seines Werkes dar.

Dabei mischt Vinge bekannte Elemente, zum Beispiel die Newsgroups des Usenet, mit phantastischen Elementen seiner Erzählung und schafft so eine oft lehrreiche Verbindung von Bekanntem mit neuen Konzepten.

_Die Entdeckung neuer Welten und Zivilisationen_

„Eine Tiefe am Himmel“ spielt 20.000 Jahre vor dem Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“, den man |nicht| kennen muss, beide Romane sind vollständig unabhängig voneinander lesbar.

Die Menschheit hat noch nicht die notwendigen Voraussetzungen für überlichtschnelles Reisen entwickelt, und so fliegen Raumschiffe und ihre im Kälteschlaf liegenden Besatzungen Jahrhunderte zwischen den Sternen. Zahlreiche menschliche Zivilisationen sind während vieler Jahrtausende entstanden und untergegangen, zurückgefallen in die Barbarei und wieder aufgestiegen zur Raumfahrt. Doch eine Zivilisation ist etwas Besonderes, die Händlerzivilisation der |Dschöng Ho|. Gegründet von einer Händlerin und einem ehemaligen Barbarenprinzen des Mittelalters, dem legendären Pham Nuwen, stellt diese eine Ausnahmeerscheinung dar: Die Flotte der Dschöng Ho, benannt nach einem chinesischen Entdecker, sendet Wissen in einer Art galaktischen Wikipedia aus, überall wo Dschöng-Ho-Schiffe den Weltraum durchkreuzen.

So erreichen Zivilisationen, sobald sie den Funk entwickelt haben, schneller ein raumfahrendes Niveau, raumfahrende Zivilisationen erfahren Nachrichten aus der ganzen Galaxis und gewisse Standardtechnologien werden so weiterverbreitet und bewahrt – gemäß dem Traum Pham Nuwens, dessen Meinung nach eine intergalaktische Zivilisation nur auf lange Frist bestehen kann, wenn sie Hilfe von „außen“ erhält, genauso wie gestrandete Raumfahrer nur mithilfe einer Zivilisation und deren Industrie den Keim der Technik bewahren können.

Bis auf Spuren einer untergegangenen Rasse, und eine in frühen Entwicklungsstadien befindliche, hat die Menschheit aber noch keinen Kontakt mit extraterrestrischer Intelligenz gehabt. So ist es eine Sensation, als man vom fernen „EinAus-Stern“ fremdartige, nichtmenschliche Funksignale empfängt. Ein Familienclan der Dschöng Ho macht sich sofort auf den Flug zum fernen Stern, der schon vorher Beachtung fand, da er regelmäßig für Jahrzehnte hell erstrahlt, um dann für eine fixe Periode zu erlöschen.

Bei der Ankunft erwartet die Dschöng Ho jedoch eine nicht ganz so freudige Überraschung: Eine in Nähe zum EinAus-Stern, zwischenzeitlich in die Barbarei zurückgefallene Zivilisation ist ebenfalls nahezu zeitgleich eingetroffen – auf einem niedrigeren technologischen Stand, aber mit viel mehr Ausrüstung und Personal. Ironischerweise haben die sogenannten „Aufsteiger“ sich das überall im Menschenraum verbreitete Wissen der Dschöng Ho angeeignet, ebenso die menschliche |lingua franca|.

Kommunikation ist somit kein Problem, nur traut man einander kein bisschen: Die Aufsteiger und ihr Anführer Tomas Nau gehören vermutlich, so kann man den bekannten Daten über sie entnehmen, einer faschistisch orientierten Sklavenhaltergesellschaft an. Höchste Vorsicht ist geboten, doch die Aufsteiger haben einen Trumpf in der Hinterhand, mit dem die Dschöng Ho nicht rechnen können …

Der Coup der Aufsteiger gelingt, auch wenn in einer Raumschlacht beide Flotten sich schwersten Schaden zufügen und die überlebenden Dschöng Ho in den Dienst der Aufsteiger gepresst werden müssen. Sie sabotieren die Pläne des „Hülsenmeisters“ Tomas Nau, doch dieser spielt mit ihnen und kann schließlich sogar Nutzen aus den Anschlägen ziehen: Gezielte Fälschung von Tatsachen und Fakten und seine „Geheimwaffe“ machen es möglich.

„Fokus“ ist es, was die Aufsteiger zu einer Sklavenhaltergesellschaft gemacht hat. Eine im Heimatsystem der Aufsteiger wütende Krankheit, Geistesfäule genannt, wurde bezwungen und ihre einzigartigen Möglichkeiten entdeckt: Entsprechend konditionierte Menschen werden auf dem jeweiligen Fachgebiet zu Spezialisten, die ihre ganze Kapazität nur noch auf einen Bereich konzentrieren. Ein normaler Mensch wird zum Spezialisten, ein begabter Mensch oder gar ein Genie wird durch „Fokus“ zu übermenschlichen Leistungen befähigt, bedarf aber der Koordination durch normale Menschen.

So wurde die Gesellschaft der Aufsteiger geboren, die Hülsenmeister wurden Herren und Meister effizienter und stets gehorsamer Sklaven.

Aufsteiger und Dschöng Ho haben sich gegenseitig so schwer geschädigt, dass man auf Hilfe der Spinnenwesen angewiesen ist, die in Kürze erwachen werden: Gemäß den Theorien Pham Nuwens können sie sich ohne die technische Unterstützung einer Zivilisation nicht mehr selbst helfen.

Während überlebende Dschöng Ho in einer Atmosphäre der perfekten Überwachung und nahezu totalen Kontrolle verzweifelt einen Aufstand planen, ist Hülsenmeister Tomas Nau schon am überlegen, wie er die Spinnenwesen täuschen, unterwerfen und seinen Zwecken dienlich machen kann …

_Die Spinnen in ihren Tiefen_

Während sich im Weltraum ein Drama abspielt, erwacht die Spinnheit und macht dank ihres Universalgenies Scherkaner Unterberg gewaltige Fortschritte: Er ist ein Mix aus Armstrong, Oppenheimer, Einstein, Hawking und Hannibal. Als erster Spinn bezwang er das „Dunkel“ und bewegte sich an der Oberfläche der Welt während der „Aus“-Phase der Sonne voran, sabotierte Versorgungsdepots hinter der Front und entschied so einen Krieg.

Die Entdeckung der Kernkraft ermöglicht es zukünftigen Generationen, auch während des Dunkels zu leben und nicht in Winterschlaf verfallen zu müssen, was eine ganze Reihe sozialer und religiöser Probleme auslöst: So kommt es zum Eklat, als Scherkaners zur „Unzeit“ geborene Kinder in seiner populären Radiosendung „Die Kinderstunde der Wissenschaft“ auftreten – diese Kindersendung gibt den Menschen übrigens am meisten Aufschluss über Sprache und Technologie der Spinnen. Kinder während der Ein-Phase des Sterns zu zeugen, ist moralisch nur bei deren Beginn angebracht, damit die Kinder fertig ausgebildet sind und den Kälteschlaf der kommenden Dunkelphase überstehen können. Doch nicht nur Gutes geht mit der Kerntechnik einher: Viele Nationen können Grundlagen erbeuten, aber nicht genug, um ebenfalls Kernreaktoren zu bauen, doch für Atombomben reicht das Wissen bereits aus …

Konflikte zwischen fundamentalistischen Staaten und Unterbergs Nation werden gezielt von den Aufsteigern geschürt. Unterberg ist mittlerweile alt und senil geworden, seine Freunde haben keine Ahnung von der Gefahr, Wissenschaftler und Personen, die außerirdischen Einfluss vermuten, werden für verrückt erklärt …

Derweil tut sich auch bei den Menschen einiges: Tomas Nau würde es wohl nicht glauben, aber sein großes Vorbild, der legendäre Pham Nuwen, ist einer der versklavten Dschöng Ho. Nuwen erkennt den Nutzen des Fokus, würde ihn gerne für seine Zwecke gebrauchen, er hat einige Trümpfe in der Hinterhand, um das perfekte System auszuschalten, die er raffiniert zu nutzen weiß …

_Liebenswerte Spinnen und faszinierende Ideen_

Vinge beweist viel Phantasie – seine Ideen einer kosmischen Zivilisation und sein Held Pham Nuwen konnten mich begeistern. Phams Geschichte ist nur eine von vielen, aber mit Abstand die interessanteste: Als Barbar auf dem mittelalterlichen Planeten Canberra geboren, wurde er Liebhaber der älteren raumreisenden Händlerin Sura Vinh und gründete mit ihr das Handelsimperium der DschöngHo, Familienclans, die von einer gemeinsamen Idee zusammengehalten werden. Diese Ideen werden bestätigt: Ohne die Hilfe einer Zivilisation würden Aufsteiger und Dschöng Ho im EinAus-System nicht überdauern können, geschweige denn jemals wieder starten können.

Aber auch andere Schicksale werden beleuchtet: So das des Anwärters Ezr Vinh; nachdem Nau alle Führungsoffiziere umgebracht hat, ist er der überforderte neue Anführer der zur Kooperation genötigten Dschöng Ho. Seine Freundin Trixia Bonsol ist fokussiert, ihr Talent als Übersetzerin der völlig fremdartigen Spinnensprache unerreicht – Nau wird sie wohl niemals vom „Fokus“ befreien. Die Aufsteigerin Anne Reynolt ist ein besonderer Fall: Sie ist eine der wenigen Personen, die man auf Menschenführung fokussieren konnte. Sie kontrolliert die „Blitzköpfe“ genannten Fokussierten, welche Überwachung und Abwehr von Rebellionen sowie die Automatik der Aufsteigerschiffe koordinieren. Das Besondere, geradezu Zynische an ihrem Schicksal: Sie war eine der erbittertsten Gegnerinnen der Aufsteiger … bis man sie fokussiert hat. Eine weitere tragische Figur ist Qiwi Lisolet, die Tochter der ehemaligen Kommandatin, die von Nau als Geliebte missbraucht wird – sobald sie ahnt, dass er sie über gewisse Fakten der Vergangenheitbelügt und betrügt, wird sie neu „konditioniert“ und einer Gehirnwäsche unterzogen, ihre Erinnerung teilweise gelöscht.

Wenn man „Ein Feuer auf der Tiefe“ und die dort vorgestellten Ideen kennt, weiß man, dass Vinge den Menschen als limitierenden Faktor der Entwicklung ansieht – die Technologie ist ihm weit voraus, der Mensch ist kaum imstande, sie voll auszunützen. „Fokus“ kann das zum Teil beheben – etwas, das auch der geheim eine Revolution planende Pham Nuwen ahnt. „Fokus“ würde seinen Traum einer effizienter operierenden Dschöng Ho ermöglichen, die Welten vor dem Rückfall in die Barbarei rettet, was ihm selbst nur ein einziges Mal gelang, aber zu seinem legendären Ruf beitrug. Aber ist der Preis des „Fokus“ es wirklich wert? Wie wird Nuwen sich entscheiden?

Interessanter als die Probleme der Menschen sind jedoch die Spinnenwesen: Feldwebel Hrunkner Unnerbei, der geniale Scherkaner Unterberg und seine Frau Generalin Viktoria Schmid sowie ihre Familie und die gesamte Spinnenzivilisation wachsen dem Leser ans Herz. Die menschlichen Namen erklärt Vinge auf gerissene Weise: Die wahren kann kein Mensch aussprechen, aber sie entsprechen dem Wesen der Spinnen am ehesten und wurden ihnen von der Übersetzerin Trixia Bonsol verliehen. Diese muss auch für die „Vermenschlichung“ der spinnischen Verhaltensweisen herhalten.

Hier macht es Vinge sich allerdings ziemlich leicht; Spinnen, die sich in ihren Tiefen während des Dunkels durch während dieser Zeit gegrabene Tunnel gegenseitig „vergasen“ und ähnliches, all das erinnert an die Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg, ebenso die Entdeckung und Nutzung der Atomenergie als Waffe. Der technische Stand und die Entwicklung der Spinnen, Fernsehen und Radio zum Beispiel, sind eine exakte Kopie menschlicher Entwicklungsgeschichte. Religiöse Moralvorstellungen, Terroranschläge, revolutionäre soziale Neuerungen – all das ist ein Spiegel der Menschheit, keine wahrhaft fremdartige Rasse/Zivilisation.

Dies ist auch einer der wesentlichen Kritikpunkte an der „Tiefe“: Faszinierende Analogien bei größerer Fremdartigkeit bot bereits der Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“ (wobei hier eine andere „Tiefe“ gemeint ist). Ebenfalls fehlt mir ein wenig der |sense of wonder|, den transzendente Superintelligenzen und überlichtschneller Raumflug sowie Vinges Gliederungen der Galaxis in gewisse Zonen der Entwicklung boten.

Dafür menschelt es wesentlich mehr in der „Tiefe“, auch hat Vinge schriftstellerisch noch einmal deutlich zugelegt, seine Charaktere sind deutlich feiner ausgearbeitet und die Konzepte, die er vorbringt, sind einfacher und werden klarer verständlich, wobei er viel mit Analogien arbeitet, zum Beispiel der Bestätigung von Nuwens Theorien im Fall der gestrandeten Flotte und der der Menschheitsentwicklung analog verlaufenden der Spinnen.

Ob der Nachfolger nun besser oder schlechter ist, ist Geschmackssache. Meine Empfehlung ist, zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ zu lesen, da es leichter verständlich ist und chronologisch 20.000 Jahre vor dem zuerst veröffentlichen „Ein Feuer auf der Tiefe“ liegt – zusätzlich gibt die „Tiefe“ dem Charakter Pham Nuwen auf angenehme Weise die Vorgeschichte, die man im „Feuer“ nur in Bruchstücken erfährt. Zudem versteht man die Probleme von Zivilisationen ohne überlichtschnelle Raumfahrt besser, wenn man dieses Buch davor liest.

Wer beide Romane kennt, ist im Urteil gespalten: Handwerklich ist die „Tiefe“ besser, die faszinierenderen Ideen hat meiner Ansicht nach aber das „Feuer“.

Eines ist jedoch sicher: Beide Romane haben ihre |Hugos| zu Recht erhalten, beide haben mich fasziniert und sind eine Empfehlung wert und behandeln zahlreiche hochinteressante Aspekte, bessere und fundiertere Science-Fiction findet man nur selten. Die anspruchsvolle Übersetzung ist Erik Simon wirklich hervorragend gelungen, getrübt nur durch kleinere Fehlerchen des Korrektorats (Buchstabendreher etc.).

Mein Tipp: Zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ lesen und bei Gefallen „Ein Feuer auf der Tiefe“ sofort nachschieben!

Mehr über Vernor Vinge und sein Werk:
http://en.wikipedia.org/wiki/Vernor_Vinge

Haldeman, Joe – ewige Krieg, Der

Es herrscht Krieg. Aufgrund eines Missverständnisses zwischen den Menschen und den außerirdischen |Tauren| ist ein erbitterter, brutaler Kampf zwischen diesen beiden Rassen ausgebrochen. Geführt wird der Krieg auf hohem technologischem Niveau im Weltraum und auf fremden Planeten – der einfache Soldat Will Mandella ist der Protagonist dieses Romans. Nach einer brutalen Ausbildung befindet er sich auf einem Raumschiff und wird von Gefecht zu Gefecht gebracht. Trotz modernster Ausrüstung und psychischer Konditionierung lässt ihn nur der ausgiebige Konsum von Drogen die Gräuel des Krieges ertragen. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten der Raumschiffe und der damit verbundenen Zeitdilatation vergehen auf der Erde Jahrzehnte und Jahrhunderte, während die Einsätze für die Soldaten von relativ kurzer Dauer sind. Zurück auf der Erde, kann sich Mandella nicht wieder eingliedern. Wichtige Bezugspersonen sind verstorben und die gesellschaftlichen Systeme wirken fremdartig auf ihn. Die Bevölkerung der Erde arbeitet nur noch für den Krieg, der sich verselbständigt hat. Mandella verpflichtet sich erneut und fliegt zum nächsten Kriegsschauplatz dieses ewigen Krieges …

Joe Haldeman wurde 1943 in Oklahoma City geboren und studierte Physik und Astronomie. In den Jahren 1968–1969 kämpfte er als Soldat in Vietnam und wurde schwer verwundet (Auszeichnung |Purple Heart|). Seit 1970 arbeitet Haldeman als Schriftsteller und ist seit 1983 am Massachussets Institute of Technology (MIT) tätig. Er ist verheiratet und lebt heute zeitweise in Florida und in Massachussets.

„Der ewige Krieg“ ist ein Anti-Kriegsroman, wie er schonungsloser kaum sein kann. Das Werk, das sowohl den |Hugo| als auch den |Nebula Award| gewonnen hat, reflektiert Haldemans Kriegserlebnisse in Vietnam. Der Mensch als Werkzeug – brutal instrumentalisiert für einen Krieg, den er nicht verstehen kann. Haldeman benutzt dabei die Mittel der Science-Fiction, um die Sinnlosigkeit des Krieges in aller Härte aufzuzeigen. Kommunikation zwischen Tauren und Menschen ist nicht möglich, Auslöser des Konflikts war ein Missverständnis, auf der Erde vergehen Jahrhunderte und der Krieg dauert an. Es ist eine albtraumhafte Welt und für den Protagonisten gibt es kein Entrinnen aus diesem Hades, wo jeder Tag dein letzter sein kann. Nachdem man überlebt hat, wird man mit einer Welt und Menschen konfrontiert, die man nicht mehr versteht. Eine Integration in diese Systeme ist nicht möglich – die Parallele zu den Vietnamheimkehrern in den USA ist überdeutlich. Der einzig mögliche Ausweg sind die weitere Verpflichtung als Soldat und die Rückkehr in ein hoffnungsloses Inferno. Während der Lektüre des Buches fiebert man förmlich mit dem Protagonisten mit – genau wie er frustriert und resigniert der Leser. Das Thema ist vor den derzeitigen Hintergründen unserer Welt aktueller denn je – immer wieder werden einem die Sinnlosigkeit und vor allem die menschenverachtende Schrecklichkeit eines Krieges vor Augen geführt. Dabei tut Haldeman dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf eine sehr intelligente Art und Weise. Das Buch ernüchtert und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack – es ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Ein Meisterwerk der Science-Fiction, dss das Thema „Krieg“ in einer nachhaltigen Art und Weise variiert – dazu ist es enorm spannend. Dieser Anti-Kriegsroman ist ein Klassiker – indes jedoch nicht nur für Fans des Genres geeignet, da die Botschaft dieses harten und schonungslosen Werks von 1972 gegenwärtiger und wichtiger ist denn je.

Tolkien, J. R. R. – Hobbit, The

J. R. R. Tolkiens drei Hauptwerke sind so unterschiedlich im Ton, im Stil und in ihrer Beschaffenheit, dass man fast nicht glauben mag, dass sie alle aus der Feder eines Autoren stammen. „The Lord of the Rings“ (dt. „Der Herr der Ringe“) ist ein gigantisches, detailverliebtes Epos. [„The Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 (dt. „Das Silmarillion“) ist sowohl Mythos, Epos als auch eine breit angelegte Chronik von Tolkiens imaginärer Welt. „The Hobbit“ (dt. „Der kleine Hobbit“) jedoch, seine erste belletristische Veröffentlichung, ist ein verspieltes und leichtfüßiges Kinderbuch, das auch dem erwachsenen Leser das eine oder andere Lächeln aufs Gesicht zaubern wird. Vergeblich sucht man hier nach dem Faktenreichtum des „Silmarillion“ oder der Handlungsbreite des „Herrn der Ringe“. Stattdessen erzählt Tolkien im „Hobbit“ kurzweilig, gut gelaunt und vor allem mit einem guten Schuss Ironie, der nahelegt, dass der mittlerweile als Genie gefeierte Tolkien seine eigene Geschichte nicht unbedingt bierernst nimmt. Denn der „Hobbit“ soll in erster Linie unterhalten und Spaß machen!

Der Hobbit, das ist Bilbo Baggins, in den besten Jahren, delikatem und reichlichem Essen durchaus zugeneigt und ein Liebhaber guten Tabaks. Abenteuer sind das Letzte, woran er denkt, als Gandalf – seines Zeichens Zauberer – vor seiner Hobbithöhle auftaucht. Gandalf nun, komplett mit spitzem Zaubererhut und dem passenden Stab, sucht für eine Kompanie Zwerge einen vierzehnten Mann und hat sich in den Kopf gesetzt, dass Bilbo die perfekte Wahl wäre. So sieht sich der Arme tags darauf dreizehn hungrigen Zwergen unter der Führung von Thorin gegenüber, die ihn auf eine Reise zum Lonely Mountain mitnehmen wollen, um dem dort ansässigen Drachen Smaug einen ganzen Haufen Gold zu entwenden. Nun hat, wie bereits erwähnt, der sehr respektable Bilbo mit Abenteuern nichts am Hut, doch wäre die Geschichte hier zu Ende, hätte Gandalf es nicht geschafft, Bilbo aus seiner Höhle zu locken. So überstürzt muss er aufbrechen, dass er gar sein Schnupftuch vergisst.

Nun erleben Zwerge, Hobbit und Zauberer allerlei wundersame Abenteuer, bis sie zum Lonely Mountain kommen. So nimmt Bilbo beispielsweise dem geheimnisvollen Gollum einen gewissen Ring ab, der später noch eine prominente Rolle in Tolkiens Schaffen spielen soll. Auf dem Weg nach Rivendell wollen drei hungrige Trolle sie kochen. In den Misty Mountains geraten sie an eine ganze Horde Orks. In Mirkwood müssen sie sich mit Riesenspinnen und scheuen Waldelben rumschlagen. Und schließlich am Lonely Mountain angekommen, gilt es immer noch, einen ziemlich unleidlichen Drachen zu besiegen und einen Krieg zu verhindern, der zwischen Zwergen, Elben und Menschen ob des in greifbare Nähe geratenen Schatzes zu entbrennen droht. Und in all diesen prekären Situationen denkt Bilbo zwar am liebsten an seine gemütliche Hobbithöhle und sein zweites Frühstück; doch alles in allem erweist er sich zumeist als Retter in der Not und durchaus brauchbarer Abenteurer.

Dass „The Hobbit“ als Kinderbuch konzipiert ist, wird ziemlich schnell klar. Ein väterlicher Erzähler nimmt den (jugendlichen) Leser an die Hand, erklärt ihm Hobbits und Zauberer und Mittelerde und hält auch sonst mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Recht amüsant kommentiert er so, was in der Geschichte passiert, spricht den Leser von Zeit zu Zeit auch direkt an. Darüberhinaus ist der Roman in Kapitel eingeteilt, die sich jeweils gemütlich in einer Sitzung lesen lassen und jedes Mal ein abgeschlossenes Abenteuer behandeln. Außerdem ist „The Hobbit“ fast komplett bar aller Hintergrundinformationen, die das „Silmarillion“ und „Lord of the Rings“ zu so reichhaltigen (und schwer verdaulichen) Texten machen. Es wird hier zwar schon auf zukünftige Ereignisse angespielt (die Handlung spielt rund 60 Jahre vor „The Lord of the Rings“) – so begegnet man hier bereits Elrond, Gandalf und auch Sauron wird verschlüsselt erwähnt -, doch im Großen und Ganzen ist der Text viel geradliniger und einfacher als das, was man sonst von Tolkien gewohnt ist. Damit eignet sich „The Hobbit“ auch hervorragend als Einstiegsdroge für jene, die sich Mittelerde langsam und bedächtig nähern wollen.

Die englische Taschenbuchausgabe ist, obwohl preiswert, mit Liebe gestaltet worden. Das elegant schwarze Cover schmücken der Titel in Silber und ein Porträt Smaugs in auffälligem Rot aus der Feder Tolkiens. Und wie es sich gehört, beinhaltet der Roman auch einige Illustrationen, um das Buch für junge Leser ansprechender zu gestalten. Für all jene, die sich in der Geographie Mittelerdes nicht gut auskennen, schmückt die letzte Seite des Romans eine Karte der Route, die Bilbo und die Zwerge genommen haben, sodass man Mirkwood und die Umgebung von Lake Town dort gut nachvollziehen kann.

Zu Recht ist „The Hobbit“ ein Klassiker der modernen Kinderliteratur. Tolkien hat hier mit den Hobbits originäre Kreaturen erschaffen, die Kinder jeden Alters ansprechen dürften. Man erlebt die Geschichte durch Bilbos Augen und mit ihm kann sich der Leser identifizieren. Er ist kein überlebensgroßer Held, sondern ein Persönchen von einem Meter zwanzig, das sein Leben auch gern in der sorglosen Abgeschiedenheit des Auenlandes weitergelebt hätte. Eigentlich vollkommen unneugierig und genügsam, kann er sich doch einer gewissen Begeisterung für die Reise nicht erwehren und dieser Gegensatz des Charakters ist wohl der sympathischste Zug, den Tolkien seinem Bilbo verleihen konnte. Denn ohne es zu wollen, macht das Abenteuer Bilbo zu einem Abenteurer, ohne dass er dadurch ein Held würde. So bleibt er, gerade für Kinder, immer verständlich und begreifbar. Doch auch erwachsene Leser werden sich Bilbos Charme kaum enziehen können!

Hinweis: Unsere Rezension zur deutschen Hörbuchfassung findet ihr [hier.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=130

Herbie Brennan – Das Elfenportal (Faerie Wars 1)

Henry glaubt nicht an Elfen. Er ist schließlich schon vierzehn! Früher, vor unendlich langer Zeit, als er noch ein Kind war – damals glaubte er die Geschichten über kleine, geflügelte Wesen, die guten Menschen drei Wünsche gewährten. Heute glaubt er nicht mehr an sie. Doch was, wenn ihm ein Elf begegnet?

Der Autor

Herbie Brennan hat zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Nebenbei entwickelt er Spiele und Software und arbeitet fürs Radio. Er lebt in County Carlow in Irland.

Der Inhalt

Der Purpurkaiser herrscht gerecht über das Volk der Elfen. Die Lichtelfen sind zufriedene Untertanen, doch die Nachtelfen scheinen Übles zu planen. Das allein bereitet dem Kaiser schon genug Kopfschmerzen, doch zu allem Überfluss ist sein Sohn Pyrgus, der Kronprinz, verschwunden.

Pyrgus ist ein Tiernarr. Er kann es nicht ausstehen, wenn Tiere gequält werden. So entwendete er den Phönix aus dem Haus Lord Hairstreaks, wobei er unglücklicherweise ertappt wurde. Auf seiner Flucht gelangt er in die Leimfabrik Chalkhill & Brimstone, wo er das nächste erschütternde Erlebnis hat: Die Zauber-Klebe-Formel besteht in einem lebenden Kätzchen, das täglich dem Leim geopfert werden muss! Hier ist also wieder eine Rettungsaktion gefragt – doch diesmal wird Pyrgus prompt von den Wächtern der Fabrik festgenommen, fast zu Tode geprügelt und dem Geschäftsführer – Brimstone – vorgeführt, der gerade einen teuflischen Pakt mit Beleth, dem Fürsten der Dämonen, abgeschlossen hat. Zufälligerweise ist es Pyrgus, den der Dämon als Opfer verlangt, und so kommt Brimstone die Gefangennahme sehr gelegen.

Kurz vor dem Opfergang kommt es zu einem Zwischenfall, der Pyrgus aus dem Dämonenkreis befreit. Bevor Brimstone eingreifen kann, erscheint die Palastwache des Purpurkaisers und eskortiert Pyrgus zum Palast.

Politische Verwicklungen zwischen Licht- und Nachtelfen verlangen höchste Sicherheit für den Kronprinzen, und so soll Pyrgus durch das Elfenportal, das sich im Besitz der Kaiserfamilie befindet, in die Gegenwelt transportiert werden, um dort das Ende der Streitigkeiten zu erwarten. Eine einsame Insel in der Karibik ist das Ziel, doch als man nach gelungenem Transfer überprüfen möchte, ob es dem Prinzen gut geht, ist er nicht auffindbar. Offensichtlich wurde er durch Sabotage an einen anderen Ort befördert …

In der Gegenwelt: Henrys Eltern liegen im Streit. Die Mutter hat eine Affäre mit der Sekretärin ihres Mannes (!), und der soll darum aus dem Familienleben treten. Ob all dieser Ungerechtigkeiten bleibt dem vierzehnjährigen Jungen nur die zeitweilige Flucht. Er geht zu Mr. Fogarty, um dem alten Mann beim Aufräumen seines Hauses oder Gartens zu helfen. Kaum steht er vor dem bruchfälligen Schuppen, als Fogartys Kater einen Schmetterling einfängt. Henry, der sehr tierlieb ist, verbietet dem Kater seine Beute und fördert – keinen Schmetterling zu Tage, sondern ein geflügeltes kleines Menschlein, offenbar ein Elf! Henry glaubt nicht an Elfen, aber er weiß, dass Mr. Fogarty an sie wie auch an Außerirdische und dergleichen glaubt. Also bringt er seinen Fund in die Küche, und mit Hilfe des alten Mannes bringen sie ein Verstärkergerät zustande, das die Stimme des kleinen Wesens hörbar macht.

Henrys Weltanschauung ist über den Haufen geworfen. Es ist tatsächlich ein Elf, und zwar Pyrgus, der Sohn vom Purpurkaiser des Elfenreichs! Ärgerlich für Pyrgus ist, dass der Filter des Portals versagt haben muss und er nun in der lächerlichen Gestalt eines kleinen fliegenden Würmchens in der Gegenwelt ist. Auf jeden Fall ist allen klar, dass Pyrgus so schnell wie möglich in seine Welt zurückkehren muss. Dort steht mittlerweile eine große Konfrontation zwischen Nacht- und Lichtelfen bevor, und auch die Dämonen scheinen einen Plan zu haben …

Kritik

„Das Elfenportal“ mutet erstmal wie ein Jugendroman an – Vierzehnjährige, die in Abenteuer verstrickt werden und das Schicksal der Welt in den Händen halten. Doch Brennan verstrickt in dieser Geschichte Abenteuer gekonnt mit Fantasy, Ironie und Humor, zeigt auf diese Art nicht nur Ausschnitte aus dem – unheimlich vertrauten – Elfenreich, sondern auch Aspekte unserer Gesellschaft, des Familienlebens und des Klischees, dass scheinbar immer die Ehemänner Affären mit ihren Sekretärinnen haben, wenn eine Ehe zu Bruch geht.

Interessant ist auch die Verknüpfung der Elfengeschichte – klein, geflügelt, drei Wünsche – mit dem Außerirdischen-Mythos – dürre, graue, großköpfige Wesen mit riesigen Augen, die Unmengen Amerikaner entführen. Nach diesem Buch wissen wir, woher diese Außerirdischen kommen und was es mit unseren kleinen, niedlichen Elfchen auf sich hat. Und wir haben einen spannenden Einblick in das Leben der echten Elfen bekommen, das sich von dem unsrigen gar nicht so sehr zu unterscheiden scheint. Natürlich gibt es im Elfenreich andere Technik – dort als Magie bezeichnet – und andere Mythen, aber die Wesen scheinen zu fühlen wie Menschen, unabhängig davon, dass sie sich Elfen nennen.

Es hat auf jeden Fall nichts mit den Elben aus Tolkiens „Herrn der Ringe“ zu tun und steht also Abseits der Diskussion, ob die weit verbreiteten Fantasy-Elfen mit Tolkiens Elben identisch sind. Hier handelt es sich tatsächlich um diese kleinen, geflügelten Geschöpfe unserer Märchen, die – wie wir nun wissen – eigentlich gar nicht so klein und schon gar nicht geflügelt sind.

Der Konflikt zwischen Lichtelfen und Nachtelfen sowie den Dämonen ist facettenreich geschildert, und ein Lösungsansatz führt genauso in die Irre wie der nächste. Jede Partei ist überzeugt, die anderen zu durchschauen und hintergehen zu können oder ihnen überlegen zu sein, bis es im Finale zu einer überraschenden Wendung kommt, bei der auch der mysteriöse Mr. Fogarty eine Rolle spielt. Die Geheimnisse, die dieser Mann mit sich herumträgt, tragen allerdings nur noch zu Henrys Verwirrung bei. Ist ihm irgendwann aber auch egal, denn er trifft ja auf Holly Blue, die Schwester von Pyrgus.

Wo wir grad bei den Geschwistern sind: Comma, der Dritte im Bunde, steht nach Pyrgus in der Thronfolge. Und hier sieht man wieder einen Aspekt, der – da nicht eindeutig erwähnt – eventuell aus diesem Buch mehr macht als nur ein Jugendbuch. Mit Ironie wird deutlich, dass Comma zwar auch hintergangen wird, aber als einer der wenigen vom Verschwinden Pyrgus‘ profitiert hätte.

Fazit

Ein schnelllesiges Buch, wenn ich diesen Ausdruck mal kreieren darf. Und wirklich kurzweilig. Wie Mr. Colfer auf dem Umschlag bemerkt, ist dieser Plot durchaus der einen oder anderen Erweiterung fähig. Ein schönes Lesevergnügen, bei dem man nicht selten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Empfehlenswert – mal wieder für jedermann!

Ein wenig Kritik am Einband: Es prangt das Symbol „dtv premium“ darauf. Aber bezieht sich das nur auf den Inhalt und nicht auf die Verarbeitung? Die Verklebung der Seiten lässt – zumindest bei meiner Ausgabe – doch sehr zu wünschen übrig.

Carter, Lin – Tolkiens Universum

Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist an sich schon ein Mammutwerk (meine Ausgabe beispielsweise hat nicht weniger als 1300 eng bedruckte Seiten) und auch (literatur)wissenschaftlich hat man sich immer wieder mit dem Roman auseinandergesetzt. Doch seit der Verfilmung durch Peter Jackson ist nochmal ein ganzer Stoß begleitender Bücher auf den Markt geschwemmt worden, die dem alten und neuen Fan Mittelerde, Elben und böse Zauberringe erklären sollen. Was da Wunder, dass sich auch der |List|-Verlag eine Scheibe vom Kuchen abschneiden wollte. Anders lässt es sich kaum erklären, dass der Verlag ein Buch aus dem Jahre 1969 ausgrub, es mit einem Cover versah, das frappant an das Design der Verfilmungen erinnert, und das Ganze kurzerhand 2002 in deutscher Erstfassung auf den Markt warf. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe weist das Buch als „authentisches Dokument der allgemeinen Faszination aus, die Tolkiens mythisches Universum bereits vor Jahrzehnten ausübte.“ Damit ist bereits in blumigen Worten umschrieben, um was es sich bei Lin Carters „Tolkiens Universum“ eigentlich handelt – nämlich ein Buch, das höchstens noch literaturhistorisch von Interesse ist, ansonsten aber komplett veraltet daherkommt. Einsichten in die Grundlagen von Tolkiens Mythologie und die Fundamente seines Weltenentwurfs finden sich höchstens im letzten Teil von Carters Ausführungen.

Lin Carter war selbst Autor von Fantasyromanen; ein Mann vom Fach also. Er editierte für |Ballatine Books| die „Adult Fantasy“-Reihe und interessierte sich augenscheinlich für den Werdegang der Fantasy in der Weltliteratur. Dass ihn Tolkiens Werk, das bei vielen alten Mythen Anleihen nimmt, dabei besonders faszinierte, überrascht kaum. In „Tolkiens Universum“ versucht er nun, anderen Lesern diese Welt nahe zu bringen, schließlich war „Der Herr der Ringe“ zu diesem Zeitpunkt erst gute zehn Jahre auf dem Markt und begann erst langsam, seinen Kultstatus zu entwickeln. Carter betrat zu seiner Zeit also relatives Neuland und tastete sich dementsprechend vorsichtig an sein Studienobjekt heran.

Zunächst bringt er einige biographische Fakten zu Tolkien, seine universitäre Laufbahn als Professor, sein Interesse für alte Mythen und Legenden (hier nennt er besonders den „Beowulf“ und die [„Edda“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=62 und seine Beschäftigung mit der Form des Märchens.
Von da kommt er auf die Entstehungsgeschichte vom „Herrn der Ringe“ und eine erste kleine Rezeptionsgeschichte, die illustriert, dass ein so unhandliches Buch unmöglich einen einfachen Start haben kann. Dieser Teil von „Tolkiens Universum“ ist mäßig interessant, besonders unterhaltsam muten Carters Spekulationen über den Inhalt des [„Silmarillion“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 an, das zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war.

Um seine Studie über den „Herrn der Ringe“ ordentlich vorzubereiten, bietet Carter dann eine Zusammenfassung sowohl des [„Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22 als auch des „Herrn der Ringe“. Auf nicht weniger als 60 Seiten erläuert er, worum es in den Büchern geht und man fragt sich zwangläufig, an welchen Leser diese Zeilen wohl gerichtet sein mögen. Carters Buch werden sicherlich nur zwei Arten Leser in die Hand nehmen: Diejenigen, die den „Herrn der Ringe“ kennen und tiefer in die Materie einsteigen wollen und diejenigen, die noch vorhaben, das Buch zu lesen. Beide Gruppen werden keine 60-seitige Inhaltsangabe benötigen. Für die einen ist sie überflüssig und für die anderen der ultimative Spoiler. Was Carter also mit diesem Teil seines Buches erreichen wollte, bleibt ungeklärt.

Im Anschluss daran nimmt er den Leser mit auf eine Tour durch die Weltliteratur und erklärt ihm, dass die Form des Epos eine Art Urformel der heutigen Fantasy ist und führt als Beweis unzählige bekannte und unbekannte Epen mitsamt Inhaltsangaben auf. Dies mag lesenswert sein, wenn man sich ohnehin für diese Form interessiert und mehr über „Edda“, „Nibelungenlied“, „Beowulf“ etc. erfahren will. Doch auch für diesen Leser ist Carters Buch nicht unbedingt zu empfehlen. Für einen Überblick bringt er einfach zu viel Material auf zu kleinem Raum und büßt dafür die Tiefe seiner Analyse ein. Seine Betrachtungen bleiben oberflächlich und polulärwissenschaftlich, höchstens ein kleiner Appetitmacher auf Texte wie die „Ilias“. Den Hunger muss man jedoch mit anderen Publikationen stillen. Auch bleibt er den Zusammenhang zwischen den genannten Epen und Tolkiens Schaffen schuldig. Vergleiche werden niemals gezogen und somit stehen Carters Betrachtungen zum Epos frei im Raum ohne direkt für die Tolkien-Analyse herangezogen zu werden.

Im letzten Teil kommt Carter dann endlich zur Sache und gräbt einige Primärtexte aus, die Tolkien beeinflusst und inspiriert haben. Der Mehrwert dieser Entdeckungen ist unterschiedlich. So ist es nicht gerade eine Erleuchtung, herauszufinden, dass „theoden“ (bei Tolkien der König Rohans) das angelsächsische Wort für „Fürst einen Stammes“ ist oder dass „myrkwid“ (engl. „Mirkwood“, dt. „Düsterwald“ – Legolas‘ Heimat) 17-mal in der „Alten Edda“ erwähnt wird. Schon erstaunlicher sind die inhaltlichen Zusammenhänge, wenn er beispielsweise den Sternenfahrer Earendil bis zur „Prosa-Edda“ zurückverfolgt und feststellt, dass die Figur (die ebenfalls Earendil bzw. Orvandel heißt) auch dort mit einem Stern in Verbindung gebracht wird. (Bei Tolkien wird Earendil mit seinem Schiff an den Himmel gesetzt und der Silmaril an seiner Stirn leuchtet den Bewohnern Mittelerdes als Stern der Hoffnung – entspricht dem Morgen- und Abendstern.)

Große Erleuchtungen bleiben bei der Lektüre also aus, was sicherlich dem frühen Entstehungsdatum von „Tolkiens Universum“ geschuldet ist. Wer sich für die Rezeptionsgeschichte Tolkiens interessiert, wird hier sicherlich fündig und kann an Carters Ausführungen ablesen, wie „Der Herr der Ringe“ damals aufgenommen wurde. Wer jedoch wirklich etwas über die Hintergründe des Romans erfahren will, der wird in diesem Buch hauptsächlich im Kreis herumgeführt. Eine Publikation neueren Datums ist da empfehlenswerter und materialreicher.

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

Salvatore, R. A. – Invasion der Orks, Die (Die Rückkehr des Dunkelelf 1)

Die von dem in die USA emigrierten Schweizer Gary Gygax erfundene |Dungeons & Dragons|-Reihe („Verliese und Drachen“) – kurz D&D oder AD&D („advanced“) – darf sich rühmen, das populärste Fantasy-Rollenspiel der Welt und Urvater von Systemen wie dem in Deutschland bekannten DSA („Das Schwarze Auge“) oder Midgard zu sein.

Ein Welterfolg, der wie nicht anders zu erwarten auch auf jede erdenkliche Weise vermarktet wird. Vom ursprünglichen „Pen & Paper“-Rollenspiel wurden neben Zinnfiguren (Ral Partha), Kartenspielen und sonstigen Fanartikeln und Spielideen auch etliche Computerspiele („Pool of Radiance“, „Eye of the Beholder“, „Baldur’s Gate“) mehr oder minder inspiriert.

Auch auf dem Buchmarkt ist die Reihe erfolgreich, die der „Forgotten Realms“ oder deutsch „Die Vergessenen Reiche“ dürfte neben „Dragonlance“ die wohl bekannteste AD&D-Fantasywelt sein.

_Sympathieträger mit Burnout-Syndrom_

Maßgeblichen Anteil an der Popularität dieser Welt und eines ihrer schillerndsten Charaktere, dem Dunkelelfen Drizzt Do’Urden, hatte ihr Autor und Schöpfer, der 1959 geborene Amerikaner R. A. Salvatore. Salvatore hatte mit dem ersten Band der Vergessenen Reiche „The Crystal Shard“ / „Der gesprungene Kristall“ so großen Erfolg, dass er der wohl schillerndsten Figur, dem ganz entgegen der sonst bösartigen Natur seines Volkes „guten“ Drow Drizzt, eine eigene Trilogie, die |Saga vom Dunkelelf|, gewidmet hat.

Der krummsäbelschwingende Dunkelelf und seine Freunde, der Zwerg Bruenor, der Barbar Wulfgar, der Halbling Regis und Catti-brie (eine Menschenfrau – der so genannte Quotenmensch) kämpften sich fortan durch unzählige Abenteuer, bis hin zu dem Punkt, an dem Salvatore ein wenig die Ideen ausgingen. Die kurzweilige Action und Faszination einer gewaltigen, langsam auf gigantische Ausmaße gewachsenen Fantasywelt reichte nicht mehr – was nun?

Nach dem Ende des bösen Pendants von Drizzt, Artemis Entreri, und einigen faszinierenden Ausflügen in das legendäre Unterreich der Dunkelelfen, hatte Salvatore einige fatale Ideen: Ein bisschen viel Seifenoper, Wulfgar wurde zum Alkoholiker, von Dämonen gefoltert, er verliebte sich in Catti-brie, behandelte sie schlecht, musste über satte vier Bände von seinen Freunden vor sich und der Welt gerettet werden. Nachdem am Ende Drizzt selbst seine Zuneigung zu Catti-brie entdeckte und Wulfgar mit einer neuen Freundin und Familie versorgt und ein Intermezzo auf den Meeren Faerûns beendet worden war, konnte ich nicht anders als den Niedergang der einstmals so geliebten |Swords & Sorcery|-Reihe zu bedauern. Das war es wohl nicht, was die Fans lesen wollten. An die alten Klassiker kamen diese Romane bei weitem nicht mehr heran.

_Ein Neuanfang?_

Während Salvatore über einer Fortsetzung brütete, erschien mit dem „Krieg der Spinnenkönigin“ eine Reihe von Romanen von Jungautoren, die sich so in den Vergessenen Reichen ihre ersten Sporen verdienen durften, wie Richard Lee Byers mit dem ersten Band [„Zersetzung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=183 in der Dunkelelfen-Metropole Menzoberranzan.

Der Altmeister selbst legt eine neue Trilogie vor, die bezeichnenderweise „Die Rückkehr des Dunkelelf“ (US: „The Hunter’s Blades“) heißt und mit den dank der Verfilmung des |Herrn der Ringe| derzeit sehr populären Orks aufwarten kann… sogar gleich mit tausenden davon:

_“Die Invasion der Orks“ / „The Thousand Orcs“_

Drizzt zieht mit seinen Freunden und Bruenor Heldenhammers Zwergensippe heim, nach Mithrilhalle. Alle sind froh über Wulfgar, der sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hat. König Bruenor plant, auf dem Heimweg die Konkurrenz von Mithrilhalle, die Stadt Mirabar, aufzusuchen und den dort zusammen mit Menschen lebenden Zwergensippen einen Besuch abzustatten, Kontakte zu knüpfen und ein wenig Spionage zu betreiben – denn der Markgraf Elastul ist wegen der wirtschaftlichen Einbußen, die Mirabars Bergwerke und Schmieden wegen der überlegenen Qualität der Waffen und Erze aus Mithrilhalle erleiden, ausgesprochen feindselig gestimmt.

Der Besuch verläuft friedlich, jedoch verursacht er einen Bruch zwischen den seit Jahrhunderten mit den Menschen Mirabars zusammenlebenden Zwergen und dem Markgrafen, der ihnen auf unkluge Weise vorwirft, mehr auf ihre Verwandten aus Mithrilhalle zu achten denn auf die Interessen Mirabars.

Während Drizzt und Bruenor weiterziehen, wird dessen Wunsch, die geheimnisvolle Zwergenfeste Gauntlgrym zu suchen und so der Langweile des Herrschens in Mithrilhalle zu entgehen, auf ihm nicht unliebe Weise von Orks vereitelt:

Eine Schar Orks und Frostriesen hat einen Trupp Zwerge überfallen, und das Menschendorf, in dem die Überlebenden gepflegt wurden, niedergebrannt. Bruenor persönlich zieht mit einer kleinen Truppe Zwerge und seinen kampferprobten Gefährten den Orks entgegen, während er die anderen Zwerge nach Mithrilhalle schickt.

Doch alle haben die Gefahr unterschätzt: Der Ork Obould und die Frostriesin Gerti haben dank der Hilfe abtrünniger Dunkelelfen eine unheilige Allianz gebildet, die ein gewaltiges Heer in Richtung Mirabar entsendet hat. Die Orks überrennen das Dorf, in dem Bruenor sich verschanzt; der alleine hinter den feindlichen Reihen kämpfende Drizzt kommt zu spät und findet nur noch Leichen unter von den Frostriesen geschleuderten Steinen und eingestürzten Gebäuden, hält seine Freunde fälschlicherweise für tot. Während Bruenor verschüttet und abgeschnitten von seinen Zwergen ist und Drizzt ihren Tod betrauert, schickt Markgraf Elastul seine fähige Beraterin Shoudra Sternenglanz zwecks Sabotage nach Mithrilhalle …

_Ein Schritt in die richtige Richtung …_

Besondere Überraschungen und Finessen bietet die Handlung nicht gerade, andererseits zeichnet sich „Die Invasion der Orks“ durch viele der alten Stärken Salvatores aus, die vorhergehenden Bänden leider völlig abgingen.

So hat Salvatore angenehm vielfältige Handlungsebenen miteinander verknüpft, von dem Ork Obould und seinem dümmlichen Sohn Urlgen und ihrem Bündnis mit den Frostriesen bis hin zu den vier Dunkelelfen, die aus verschiedenen Gründen das Unterreich verlassen und Asyl an der Oberfläche suchen mussten, wo es vor allem den in ihrer Heimat von den Drow-Frauen unterdrückten Männern ausgesprochen gut gefällt. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, schon der Prolog, der Überfall auf die kleine Zwergenschar, liest sich sehr angenehm, wie auch spätere Dialoge der Orks recht kurzweilig sind.

|“‚Warum kämpfen wir überhaupt gegen die verdammten Zwerge?‘ wagte ein anderer aus der Gruppe zu fragen. Obould drehte sich um und versetze ihm einen Hieb, der ihn zu Boden warf. So viel zu diesem Diskussionspunkt.“|

Angenehm auch die differenzierte Darstellung des Zusammenlebens der Zwerge und Menschen in Mirabar, bei der mir besonders die gelungene und glaubhafte Darstellung der schönen und klugen Sceptrana Shoudra Sternenglanz, der menschlichen Beraterin Elastuls, gefallen hat. Die Handlung ist kurzweilig, humorvoll und in gewissem Sinne sogar originell, die Dialoge des Markgrafen mit seinem überschätzten Alchemisten, dem Gnom Nanfoodle, sind gut durchdacht und eine gelungene Umsetzung des Klischees des chaotischen Gnomen-Alchemisten, der bei seinen Versuchen, die Qualität des Erzes zu verbessern, vermeintlich große Erfolge erzielt, die sich bei genauerer Betrachtung aber als ganz gewöhnliche Legierungen mit höherwertigen Metallen erweisen …

Salvatore packt aus, was die Vergessenen Reiche an Kulturen, Abenteuern und Rassen zu bieten haben, was mir sehr gut gefallen hat, leider hat sich meine Begeisterung im letzten Drittel merklich gelegt.

Neben zwei Mondelfen und ihren Pegasi konnte er es sich nicht verkneifen, Dick und Doof, pardon, Pikel und Ivan, die lustigen Kameraden des Zwergenklerikers Cadderly, ebenfalls in das Kampfgebiet zu schicken. An beiden scheiden sich die Geister, jedoch hätte ich es begrüßt, wenn stattdessen den bereits vorgestellten neuen Figuren mehr Raum eingeräumt worden wäre, als dieser das Buch unnötig in die Länge ziehende Episode mit den Elfen und den beiden Zwergen. Diesen Platz hätte man auf den Charakter des Markgrafen verwenden können, der nur selten glänzt und oft inkonsistent als dümmlich die Zwerge vergrätzender Tyrann dargestellt wird, was nicht zu der nachvollziehbareren Darstellung seiner klugen Berater wie Agrathan und Shoudra passt, denen Salvatore wohl einen Maulkorb verpassen musste, um ihren Herren unberaten ins Verderben rennen zu lassen.

Unpassend zu dem derben, einfachen Humor ist auch der leidige Versuch, Drizzt und seinen Gefährten tiefere Gefühle verleihen zu wollen. Bei diesem kampflustigen Haufen wirken tiefenpsychologische Erklärungsversuche einfach nur lächerlich, zum Beispiel rettet Wulfgar seine ehemalige Liebe Catti-brie, die nun die Gefährtin von Drizzt ist, wofür Drizzt ihm dankt, was ihn aber beleidigt, weil es unter Gefährten ja selbstverständlich ist und es so wirkt, als wäre das, was er getan hat, mehr, als er von ihm erwarten könne. Inklusive der Befürchtung, Wulfgar könne wieder ein Auge auf Catti-brie werfen … Mit diesen Liebesgeschichten und Wulfgars Alkoholproblemen hat Salvatore einige seiner schlechtesten Romane verbrochen, warum wärmt er diesen alten Käse also noch einmal auf, er stinkt zum Himmel.

_Unterm Strich …_

Nach dem überzeugenden, humorvollen und gelungenen Auftakt enttäuscht das Ende leider sehr, ein Rückfall in bekannte Unarten. So leuchtet es nicht ein, wie fünf Frostriesen Drizzt weit vom Kampfgebiet wegjagen können, hat er doch schon ganz andere Monster mit dem Dönermesser zu Konfetti verarbeitet. Leichtgläubig scheint der Elf auf seine alten Tage auch zu werden – stammt nicht von ihm auch der Spruch, er glaube nicht an den Tod einer Person, solange er nicht ihre Leiche mit eigenen Augen gesehen habe, und selbst dann gäbe es unter Umständen noch Zweifel? Bruenors Helm und ein Haufen Steine überzeugen ihn jedenfalls, dass alle mausetot und erschlagen sind.

Schade, einige hundert Seiten weniger, ein überzeugenderes Ende und der Roman hätte fast wieder an alte Ruhmeszeiten anschließen können. So ist er zwar empfehlenswert, aber auch nur für Fans der Vergessenen Reiche, als Einstieg ist er schon wieder viel zu komplex, trotz der verlockenden „Orks“ im Titel. Auf ganzer Linie überzeugen können jedoch Lektorat und Übersetzung, Regina Winter hat sich bis auf einen kleinen Lapsus (Aegis-fang statt Aegisfang für Wulfgars Hammer) keinerlei Fehler geleistet und den Roman sehr flüssig und gut zu lesen übersetzt, was besonders bei den lebendigen Diskussionen der Orks und des Alchemisten mit Elastul angenehm auffällt.

Trotz der Wermutstropfen ist „Die Invasion der Orks“ ein kurzweiliger, unterhaltsamer Fantasyroman für Rollenspieler. Zwar, wie nicht anders zu erwarten, kein anspruchsvolles Meisterwerk, aber ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beweis dafür, das Salvatore nicht umsonst der Altmeister der Vergessenen Reiche ist.

Hoffmann, Markolf – Nebelriss (Das Zeitalter der Wandlung 1)

Mit seinem Debüt-Werk „Nebelriss“ liefert Markolf Hoffmann den ersten Teil der phantastischen Trilogie |Zeitalter der Wandlung| ab.

Eine ganze Welt steht vor dem Untergang – oder vielleicht doch nur vor dem Aufbruch in ein neues Zeitalter?

|Gharax| heißt diese Welt, sie umfasst vier Königreiche (Arphat, Candacar, Gyr und Kathyga), ein selbsternanntes Kaiserreich (Sithar) und die Ländereien eines zunehmend unberechenbaren Gildenrates (Troublinien).
Nach Jahren des Friedens sehen sich die Völker Gharax mit einer Gefahr konfrontiert, die nur in den fast vergessenen Legenden der magischen Logen und religiösen Orden Erwähnung findet. |Goldéi| heißen die zweibeinigen echsenartigen Eindringlinge, die ein Königreich nach dem anderen im Handstreich erobern. Die Zauberer und Priester schweigen und glauben in ihrer unermesslichen Arroganz, sie könnten dem Feind entgegentreten und ihn in die Schatten der Legenden zurückdrängen. Nachdem Candacar und Gyr von der Übermacht der Angreifer vernichtend geschlagen sind und der Herrscher von Kathyga vor den goldgeschuppten humanoiden Reptilien sein Haupt gebeugt hat, um seinem Volk ein brutales Massaker zu ersparen, marschieren die Goldéi in Richtung der Grenzen der letzten beiden freien Reiche.

Sithar, dessen naiver und ungesitteter Kaiser Akendor seine Macht an |das Gespann|, zwei machthungrige und intrigante Fürsten des Thronrates, abgegeben hat, war einstmals ein Teil des Königreiches Arphat, bevor es sich im Südkrieg vor 348 Jahren von dessen Herrschaft lossagen konnte. Trotz des tief verwurzelten gegenseitigen Hasses dieser beiden Reiche, wagt es Fürst Baniter Geneder, der ewige Gegenspieler |des Gespanns|, eine Gesandtschaft nach Arphat zu führen, um ein Bündnis mit der grausamen Königin Inthara zu schließen …

In der Kirche Tathrils steht ein Machtwechsel kurz bevor und so erreichen auch hier die Intrigen eine kritische Phase, in der es sich entscheiden wird, welchen Kurs die Priesterschaft in der kommenden Zeit einschlägt. Nhordukael, ein junger Priester und der ergebene Diener des Kirchenoberhaupts, trägt inmitten dieses aufkeimenden Tumults einen Glaubenskrieg in seinem Inneren aus …

An einem anderen Ort wird ein junger Eleve, ein Schüler der Magie, aus der Hand der Goldéi befreit. Laghanos weiß um ihre Pläne, die magischen Quellen, die vor über einem Jahrtausend von dem mächtigen Zauberer Durta Slargin gebändigt und unterworfen wurden, zu befreien. Erreichen die Reptilien ihr Ziel, könnten große Teile der Welt im Chaos der Natur vergehen …

Markolf Hoffmann wurde 1975 in Braunschweig geboren und lebt derzeit als Student der Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin. Schon während seiner Schullaufbahn nahm er an einigen Schreibwettbewerben teil und erhielt sogar den ersten Preis im Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg. 1996 absolvierte er sein Abitur und erhielt den Scheffelpreis für hervorragende Leistungen im Fach Deutsch. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Studium engagiert er sich zudem in Kurzfilmprojekten und war 1998 mit dem Film „Schnittfehler“ (Buch und Regie) im Auswahlprogramm des Internationalen Jugendfilmfestivals |up-and-coming| vertreten. 1999 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für ein Jahr nach London. Der Themenschwerpunkt seines Studienaufenthalts war die |Britische Literatur der 90er Jahre|.
Seine ersten Veröffentlichungen erschienen im Jahr 2003 – die Kurzgeschichte „Ein meisterliches Mahl“ in der Anthologie |Tolkiens Geschöpfe| (Heyne) und die Erzählung „In Poseidons Armen“ in der Anthologie |Matrixfeuer| (|Phönix|-Verlag).

Nebelriss – so nennen die Bewohner eine Schlucht am nördlichen Rande des Hochlands, der Grenze zwischen Sithar und Arphat. Alten Legenden zufolge werden in ihr die Wolken geboren, um dann über die Welt zu ziehen und sie mit Regen zu belohnen oder mit Stürmen zu strafen.
Über diese Schlucht führt die alte Brücke von Pryatt Par, die auch Fürst Baniter Geneder beschreiten muss, um seine Gesandtschaft in das verfeindete Königreich Arphat zu führen.

Markolf Hoffmann nimmt den geneigten Leser mit auf eine atemberaubende Reise, in deren Verlauf er mit seiner leidenschaftlich düsteren Erzählweise eine Welt zum Leben erweckt. Viele liebevoll arrangierte Details, die manchmal wie die Requisiten in einer gemütlichen Taverne anmuten, machen den Reiz dieser bis ins Kleinste ausgearbeiteten Welt aus. „Nebelriss“ birgt ein unvergleichliches Erlebnis für alle Freunde phantastischer Literatur. Seine mitreißende Art und die stilistisch eindrucksvolle Sprache bringen ein literarisches Werk zum Vorschein, welches international seinesgleichen sucht.

Dem Autor ist etwas gelungen, was gerade in der phantastischen Literatur leider eine Rarität ist; er hat eine komplexe und vielseitige Geschichte erschaffen, wie sie sonst nur das Leben selbst zu erzählen vermag. Die Protagonisten, wie auch wichtige Nebenfiguren, zeigen auf ihrem Weg neben ihren Stärken ebenso ihre Schattenseiten und der eine oder andere wächst unerwartet über sich selbst hinaus – es gibt keinen schillernden Helden in einer goldenen Rüstung und genauso wenig finden sich schwarze Drachen auf einem Hort aus purem Gold oder menschenfressende Trolle. Hier geht es nicht um den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, vielmehr geht es um eine dem Untergang geweihte Welt, in der die einzelnen Personen ihrer Bestimmung nachgehen, um ihren Platz in der neuen Ordnung zu finden. Bei seinen Figuren hat Markolf Hoffmann großen Wert darauf gelegt, dass sie natürlich erscheinen und eine Konsistenz im Denken und Handeln aufweisen. Aus der Sicht des jeweiligen Charakters erscheint sein Streben gut und richtig, auch wenn es für einen anderen bedeuten mag, dass ihm daraus Unannehmlichkeiten erwachsen oder er gar mit dem Rücken an die Wand gedrückt wird. Selbst die unheilbringenden Goldéi, welche danach trachten, eine längst vergangene Ordnung wieder herzustellen, scheinen ein gerechtes Ziel zu verfolgen – natürlich nur aus ihrer Sicht. Auf Grund dieser menschlichen Züge, der Stärken und Schwächen und der teils eigennützigen Zielen fällt es schwer, einen eindeutigen Sympathieträger auszumachen.

Gestattet mir ein paar Worte zum Buch selbst. Das Cover-Artwork ist wahrlich eine gelungene Arbeit von Christopher Vacher, doch auch wenn es die teils bedrückende Atmosphäre der Geschichte malerisch widerzuspiegeln vermag, so habe ich doch meine Schwierigkeiten, es in einen Kontext zum Roman zu bringen – mag sein, dass es einen Teil des Rochenlandes darstellt oder die |Augen von Talanur| im Yanur-Se-Gebirge in Arphat. Auf jeden Fall macht das Buch allein schon wegen des Einbandes auf sich aufmerksam.
Sollte der geneigte Leser und Liebhaber phantastischer Literatur nun allerdings auf die Idee verfallen, das Buch umzudrehen, um sich mittels des Klappentextes einen Einblick in die Geschichte zu verschaffen, so erfährt er eine herbe Enttäuschung, denn die Art und Weise, wie hier versucht wird, dem potenziellen Leser das Buch schmackhaft zu machen, zielt wohl eher auf die falsche Zielgruppe ab. Ganz oben der unnötige und völlig irreführende Vergleich mit J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, direkt gefolgt von ein paar allgemein gehaltenen Phrasen, die eher zu einer |Sword & Sorcery|-Reihe passen. Warum nur, lieber |Heyne|-Verlag, erachtest du das, und dann in dieser Form, als unbedingt erwähnenswert? Ich möchte noch auf ein weiteres Manko hinweisen; ich finde es ziemlich schade und auch ein wenig irritierend, dass von außen nichts darauf hindeutet, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Auf der Vorderseite finden nur der Verlag, der Autor und der Titel des Romans – nebst einem Verweis darauf, dass es sich eben um einen Roman handelt – Erwähnung und auch auf dem Buchrücken steht nichts von einer Trilogie. In diesem Zuge sei erwähnt, dass wegen des Verkaufs der Fantasy-Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag der zweite Teil dieser Trilogie, „Flammenbucht“, – und hoffentlich auch der abschließende dritte Teil – bei Piper erscheint, und zwar zeitgleich mit der Neuveröffentlichung dieses ersten Bandes im November 2004.

Nun aber wieder zu den erfreulichen Seiten dieses Buches, nämlich den ersten. Dort findet der Leser ein Aufstellung der |dramatis personae|, eine Karte der Welt Gharax und die dazugehörige Legende. Da der Roman ohne ein großartiges Präludium direkt ins Geschehen einsteigt, mag die Erläuterung, wer wohin gehört und welches Amt er dort bekleidet, dem einen oder anderen Leser hilfreich sein; ich persönlich liebe derart komplexe Stories und habe sie, während ich mich von der Welt und den Personen habe entführen lassen, nicht benötigt. Bei der Rezension war sie mir allerdings eine große Hilfe, da ich so ohne größeres Suchen die Schreibweise von Orten und Personen nachschlagen konnte. Meines Erachtens ist diese Idee eine angenehme Bereicherung für das Buch. Die Karte entstammt der Feder von Markolfs Schwester, Hjördis Hoffmann, und erlaubt dem Leser trotz ihrer geringen Größe, den Wegen Baniter Geneders und denen der Goldéi geographisch zu folgen.

Und damit kommen wir auch schon zu einem weiteren, wie ich finde, sehr gelungenen und ungewöhnlichen Leckerbissen, den Markolf Hoffmann seinen Lesern bietet: die [Nebelriss-Homepage,]http://www.nebelriss.de die er eigenhändig pflegt. Neben einem reichhaltigen Angebot an Hintergrundinformationen bietet der Nachwuchsautor seiner Leserschaft eine kostenlose Probe seines Könnens. In der Rubrik „Online-Konzept“ hat er eine kurze Vorgeschichte, „Der Preis des Verrats“, in Form eines Briefwechsels verfasst, mit dem der geneigte Leser einen kleinen Einblick in die Welt Gharax und die Bedrohung durch die Goldéi erlangen kann. Der kathygische König Eshandrom hat seinen Ratgeber Pushindra in das Nachbarreich Candacar entsandt, damit dieser den Gerüchten über eine gesichtete Invasionsflotte goldgeschuppter Echsen auf den Grund gehe. In zehn kurzen Kapiteln, die bereits in den Wochen vor der Veröffentlichung von „Nebelriss“ auf der Homepage präsentiert wurden, wird dieser Briefverkehr wiedergegeben.
Ein ähnliches Konzept ist auch im Vorfeld der Veröffentlichung von „Flammenbucht“ geplant.

Abschließend bleibt mir nur noch, euch einige wunderschöne Leseabende mit „Nebelriss“ bei Kerzenschein und einem guten Glas Wein zu wünschen.

Stephen R. Donaldson – Der Spiegel ihrer Träume (Mordants Not)

Als die ungeliebte und vernachlässigte Tochter reicher Eltern hat Terisa Morgan viel Zeit, sich ausgiebig im Spiegel zu bewundern. Ihre Einsamkeit wird durch einen mittelalterlichen Besucher unterbrochen, der mitten durch einen Spiegel in ihr Zimmer spaziert und sie bittet, ihm doch nach „Mordant“ zu folgen … was Terisa auch tut.

Dort auf Schloss Orison angekommen, traut Terisa ihren Augen nicht: Sie ist im Mittelalter gelandet, Magie gibt es auch – allerdings nur eine einzige Form, die sogenannte Imagomantie. Die Imagomanten Mordants vermögen durch ihre Spiegel fremde Wesen zu erblicken und sie in ihre Welt zu rufen, oder selbst durch den Spiegel an den Ort zu reisen, den sie in ihm sehen.

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Richard Morgan – Das Unsterblichkeitsprogramm

Vermutlich würde es uns geringfügig irritieren, wenn ein mehr als dreihundert Jahre alter Milliardär unsere Dienste als Privatschnüffler in Anspruch nähme, um dessen eigene Ermordung zu untersuchen – jemand hat ihm den Schädel mit einem Energieblaster weggepustet. Dass wir selbst gerade erst erschossen wurden, ließe die Situation dabei nicht gerade unkomplizierter erscheinen.

Was hier auf den ersten Blick ausgesprochen absurd wirkt, ist in einer gut vierhundert Jahre in der Zukunft liegenden Wirklichkeit weit weniger anormal, als man zunächst glauben möchte. In der Welt von Richard Morgans Debütroman „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) hat die Menschheit eine nahezu vollständige Kontrolle über Informationen und benutzt dieses Wissen unter anderem dazu, sämtliche Hirn-Inhalte zu extrahieren, zu speichern und bei Bedarf zurückzukopieren – in den meisten Fällen allerdings in einen anderen Menschenkörper. Diese sterblichen Hüllen sind daher auch zu |Sleeves| degradiert, sie werden getragen und gewechselt wie Anzüge, können gemietet, verkauft und eingelagert werden und haben zumeist höchstens nostalgischen und emotionalen Wert für den jeweiligen Träger.

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