Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

McDevitt, Jack – Sanduhr Gottes, Die

Der Verlag hat dem Beginn der Geschichte eine Eloge anglo-amerikanischer Rezensionen vorangestellt, welche belegen sollen, dass das vorliegende Buch ein Meisterwerk ist. Wie immer sind die Lobeshymnen mehr oder weniger zutreffend. Vor allem Stephen King liegt wieder einmal völlig daneben, wenn er McDevitt als „wahren Erben von Isaac Asimov und Arthur C. Clarke“ anpreist, denn die von McDevitt erschaffenen Charaktere sind weder holzschnittartig noch flach wie Briefmarken, wie man dies von Asimov und (vor allem) von Clarke kennt. Richtig ist aber zweifellos, dass McDevitts neues Buch ein Meisterwerk ist, welches trotz der erschreckenden Länge von fast 700 Seiten auf nahezu allen Gebieten überzeugt.

So ist die Geschichte im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hervorragend erdacht und wird vom Autor souverän und glaubwürdig umgesetzt. Bezüglich Spannungsgehalt, kreativer Ideen und packender Momente lässt sich „Deepsix“ wohl kaum noch übertreffen. Hinzu kommt die hinreißend abenteuerliche Atmosphäre, jener besondere |sense of wonder|, der manchmal und nur im günstigsten Fall der phantastischen Literatur innewohnt. |Last but not least| sind zudem die Protagonisten glaubwürdig, lebendig und überzeugend geraten, sodass der Leser keinerlei Mühe hat, sich mit ihnen zu identifizieren oder zumindest ihre Emotionen und Beweggründe nachzuvollziehen. Vor allem Letzteres versteht der Autor blendend. Die Schilderung des Charakters des berühmten Essayisten und Besserwissers Gregory MacAllister ist einfach superb. Schon nach wenigen sehr prägnanten Zeilen erschließt sich dem Leser ein kohärentes Bild eines zwar intelligenten, aber wenig mitfühlenden oder gar sozial engagierten Karrieristen, der sich durch freche (und teilweise ungerechte) Angriffe auf andere Menschen seine Berühmtheit erschrieben hat. Polarisieren gehört zu seinem Handwerk, welches er meisterhaft beherrscht. Doch dann findet sich dieser Mann unvermittelt und teilweise durch eigenes Verschulden auf einem dem Tode geweihten Planeten wieder und muss um sein eigenes und das Leben seiner Kameraden kämpfen, von denen einer ausgerechnet eines seiner ehemaligen Opfer ist.

Hier vielleicht kurz zur Handlung: Im Jahre 2204 besucht eine wissenschaftliche Expedition den erdähnlichen, allerdings zur Zeit unter einer Eiszeit leidenden Planeten Maleiva III. Die Mission scheitert und endet im Desaster. Nachdem einige Expeditionsmitglieder gestorben sind, flüchtet man, ohne die Welt näher erforscht zu haben und gibt dem ehemaligen Expeditionsleiter die Schuld am Scheitern. Erst knapp zwanzig Jahre später kehrt eine weitere Expedition zurück, denn Maleiva III wird in Kürze mit einem planetaren Gasriesen kollidieren und völlig zerstört werden. Fast zu spät wird man darauf aufmerksam, dass auf Maleiva einst eine intelligente Rasse gelebt haben muss, die aber durch die derzeitige Eiszeit wohl untergegangen zu sein scheint. Eilig fordert man eine Landefähre an, um noch einige Artefakte bergen zu können.

Ausgerechnet Priscilla Hutchins, genannt Hutch, ereilt der eilige Ruf, ist sie doch eigentlich Shuttlepilotin mit archäologischer Erfahrung und dem aufmerksamen Leser aus McDevitts tollem Roman „The Engines of God“ (dt. „Gottes Maschinen“, 1996) noch bestens in Erinnerung.

So landen Hutch und einige Helfer auf Maleiva III und merken bald, dass der Planet eine wahre Fundgrube ist. Kurz nach ihrer Ankunft erscheint noch eine zweite Landefähre, die zu einem großen Luxusraumschiff gehört, welches reiche Passagiere an Bord hat, die sich den Untergang des Planeten anschauen wollen. An Bord der Fähre befindet sich auch Gregory MacAllister, während an Bord von Hutchs Fähre der ehemalige Expeditionsleiter Randall Nightingale ist, der nun nach Jahren ausgerechnet und völlig zufällig auf jenen Planeten zurückkehrt, der dereinst seinen beruflichen und persönlichen Ruin verursachte.

Als bei einem Erdbeben beide Landefähren zerstört werden, sind Hutch, MacAllister, Nightingale und die anderen Überlebenden auf Maleiva III gefangen. Der Versuch, eine andere Landefähre zu organisieren, scheitert und so bleibt den Menschen nur eine letzte Chance: Eine Wanderung im Angesicht des Todes über den fremden und gefährlichen Planeten zu einer Landefähre, welche die erste Expedition vor 20 Jahren zurücklassen musste, und von der keiner weiß, ob sie überhaupt noch funktionsfähig ist…

So weit die überaus prickelnde Ausgangssituation von „Die Sanduhr Gottes“. Dem Autor gelingt es bis zum Ende hin fast mühelos, die Spannung aufrecht zu erhalten. Lediglich der letzte Rettungsversuch zieht sich gegen Ende der Geschichte etwas hin.

Neben den faszinierend lebendigen und glaubwürdigen Charakteren besticht vor allem die abenteuerliche Atmosphäre des Romans. Die vielfältigen Überraschungen, die Maleiva III zu bieten hat, machen dem Buch alle Ehre. Es spricht für den Autor, dass der Leser bis zum Ende daran zweifelt, ob die Rettung gelingt, denn ein Happy End scheint alles andere als selbstverständlich.

Während die Havarierten auf Maleiva III weilen, entdeckt man im Orbit ein künstliches Objekt, welches bald deutlich macht, dass es auf dem erdähnlichen Planeten eine Art Fahrstuhl in den Weltraum gegeben haben muss. Doch wie passt dies zu den ersten Funden Hutchs und ihrer Kollegen, die anzudeuten schienen, dass die einstigen intelligenten Bewohner des Planeten eine Kultur auf mittelalterlichem Niveau gehabt haben dürften?

Während die vielfältige und bunte Natur des Planeten rund um den nicht vereisten Äquator den Havarierten die Reise zur zurückgelassenen Landefähre zu einem gefährlichen Spießrutenlauf macht, werden immer neue Mysterien auf und rund um Maleiva II entdeckt.

Viel zu spät wird den Menschen klar, wie tragisch die Zerstörung des Planeten wirklich ist, welches Wissen verloren gehen wird. Dies ist die eigentliche Tragödie der vorliegenden Erzählung.

Während die Havarierten um ihr Überleben und um die Rückkehr in den Orbit kämpfen, gibt glücklicherweise das eine oder andere Mysterium sein Geheimnis preis. Dies hält den Leser nicht nur bei Laune, sondern macht das Buch definitiv zu einem wahrlich unvergleichlichen Lesegenuss.

Bezüglich Spannung und schmissigem Stil ist Jack McDevitt sowieso ein absoluter Meister seines Fachs, wie seine anderen, bisher alle bei Bastei Lübbe erschienenen Romane unter Beweis gestellt haben, auch wenn manchmal die Themenwahl des Autors eher unglücklich bzw. überraschungsarm erscheint. Nach drei ganz hervorragenden Romanen („Erstkontakt“, „Die Legende von Christopher Sim“ und „Gottes Maschinen“) schienen sich erste kreative Ermüdungserscheinungen beim Autor breit zu machen, war jedes folgende Buch etwas schlechter als das vorangegangene. Tiefpunkt war hier sicherlich „Mondsplitter“, ein eher langweiliger „Ziegelstein“ von Buch über den drohenden Aufschlag eines großen Kometen auf dem Mond. Erst mit „Spuren im Nichts“ zeigte die Niveaukurve des Autors wieder eindeutig nach oben.

Deshalb ist es um so erfreulicher, dass „Die Sanduhr Gottes“ diesen Trend fortsetzt und bestätigt, dass der Autor einer der genialsten zeitgenössischen SF-Abenteuer-Schriftsteller ist.

Betrachtet man die aktuellen Veröffentlichungen deutscher Verlage der letzten Jahre, so ist dieses Buch für alle Liebhaber abenteuerlicher Science-Fiction sogar so etwas wie eine wunderbare Oase in einer riesigen Wüste, denn seit dem Erscheinen von Mary Doria Russells hervorragenden (zusammengehörigen) Romanen „Sperling“ und „Gottes Kinder“ ist sicherlich kein dermaßen spannendes, abenteuerliches und rundum gelungenes Buch mehr im deutschen Sprachraum auf dem Gebiet der SF erschienen.

Dabei ist besonders bemerkenswert, dass der Autor keine Schwächen zu haben scheint (nimmt man einmal die eine oder andere Seite zu viel aus).

Stilistisch ist McDevitt nahezu perfekt, was sicherlich dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Frauke Meier und einem guten Lektorat voll zur Geltung kommt, welches sich diesmal bemüht zu haben scheint, gravierende grammatische Fehler auszumerzen, nicht so wie dies z.B. im kürzlich erschienen „Die Narbe“ von China Miéville der Fall war.

Die Protagonisten des Autors sind ausgefeilt und es gelingt ihm, diese sich psychisch weiterentwickeln zu lassen. Selbst die geschilderten Nebenfiguren sind bestechend. Bestes Beispiel dafür ist der Kotzbrocken von Wissenschaftler, nach dem man den Gasriesen benannt hat und der vom Autor kurz eingeführt wird, obwohl dieser Protagonist zu Beginn der Haupthandlung bereits verstorben ist. Trotzdem nimmt sich McDevitt knapp eine Seite Zeit, um den Namenspatron des gewaltigen Planeten vorzustellen, und schüttelt dabei ein erschreckendes Psychoprofil aus dem Ärmel, welches über alle Maßen beeindruckend gerät. Wäre das vorliegende Buch ein Film, so könnte man mit Fug und Recht behaupten, es sei „bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt“.

Dies ist jedoch nur eine von unzähligen Stärken des Autors, die hier gar nicht alle detailliert gewürdigt werden können.

Egal ob die abenteuerliche Atmosphäre, die feine Idee des letzten Rettungsversuchs (hierfür wird sich der naturwissenschaftlich interessierte Leser begeistern können), die spannende Handlung, die eine Unmenge Höhepunkte hervorbringt (egal ob es eine Flutwelle, ein Erdbeben, angreifende Tiere oder ein abstürzender Fahrstuhl ist) oder die faszinierenden Entdeckungen über die Zivilisation auf Maleiva III, für jeden Leser hält der Autor etwas bereit, was ihn ansprechen könnte. McDevitt beherrscht jedes dieser Gebiete souverän und ist damit sicherlich eine absolute Ausnahmeerscheinung.

Dies wird auch deutlich, wenn man die positiven Rezensionen des Buches im anglo-amerikanischen Sprachraum betrachtet, die zu Beginn der Taschenbuchausgabe angeführt werden. Die Ausführungen des talentierten SF-Autor Robert J. Sawyer sprechen hier für sich.

„Deepsix“ / „Die Sanduhr Gottes“ darf sicherlich als Meilenstein der Unterhaltungs-SF angesehen werden und ist vielleicht der bisher in dieser Hinsicht beste SF-Roman des neuen Jahrtausends.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Autor dieses Niveau konservieren kann.

Für Juli 2004 hat der Bastei-Lübbe-Verlag einen neuen Roman des Autors unter dem Titel „Chindi“ angekündigt, in dem erneut Priscilla „Hutch“ Hutchins die Protagonistin sein soll.

_Gunther Barnewald_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de

Wolfgang Hohlbein – Das Druidentor

Wolfgang Hohlbein ist einer der erfolgreichsten deutschen Phantastikautoren überhaupt. Seine Werke werden von vielen Lesern mit Begeisterung verschlungen, während die Kritiker ob des dürftigen Niveaus der meisten Bücher, ihrer endlosen Klischees und der unsäglichen Aneinanderreihung von Cliffhangern meistens schmerzvoll aufheulen oder zumindest vor Wut schäumen. Hohlbeins Ausstoß von Prosa ist mittlerweile dermaßen hoch, dass böse Zungen bereits vom „wöchentlichen“ oder „täglichen“ Hohlbein sprechen, andere wiederum zweifeln daran, ob der Autor überhaupt noch selbst schreibt und nur noch seinen Namen diversen Zuarbeitern leiht.

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Brennan, Herbie – Elfenportal, Das (Faerie Wars 1)

Man sieht es Pyrgus Malvae zwar nicht an, aber er ist ein Prinz, ein Elfenprinz. Der Kronprinz sogar. Das kümmert ihn allerdings wenig. Seine Tätigkeit als Tierschützer ist ihm wichtiger. Bis jemand versucht, ihn zu ermorden. Sein Vater schickt ihn zu seinem Schutz durch ein magisches Portal in die Gegenwelt, wo er unerreichbar für Attentäter sein sollte. Leider geht etwas schief, und Pyrgus hat Glück, dass Henry Atherton ihn davor bewahrt, von einem Kater gefressen zu werden. Gemeinsam mit Mr. Fagerty, einem etwas verrückten alten Mann, bei dem Henry sich sein Taschengeld verdient, versuchen sie, einen Weg zu finden, wie Pyrgus in seine Welt zurückkehren kann. Tatsächlich gelingt es Mr. Fagerty, ein künstliches Portal zu basteln, das Pyrgus benutzen kann. Doch damit fangen seine Schwierigkeiten erst richtig an. Henry und Mr. Fagerty folgen Pyrgus. Nur um unmittelbar darauf selbst in Schwierigkeiten zu geraten.

In „Das Elfenportal“ kontrastieren Welten. Die eine ist die von Henry: Er lebt irgendwo in einer x-beliebigen englischen Stadt. Sein Vater ist leitender Angestellter, ein überaus pünktlicher und korrekter Mensch in Anzug und Krawatte, seine Mutter ist Schuldirektorin. Außerdem hat er noch eine pferdenärrische kleine Schwester. Henry liebt es, Pappmodelle zu bauen und bessert sein Taschengeld auf, indem er Mr. Fagerty beim Aufräumen seines Gerümpels hilft oder sich einfach nur dessen leicht paranoide Geschichten anhört. Eine graue und leicht langweilige Welt – irgendwo muss sein Interesse für Mr. Fagertys abstruse Geschichten ja seinen Ursprung haben. Diese Welt gerät etwas aus den Fugen, als die Ehe seiner Eltern einen ziemlichen Knacks bekommt. Dass dieser Knacks gleichzeitig mit der Entdeckung einer Elfe auftritt, macht es nicht einfacher.

Die andere ist die der Elfen: Diese Welt ist wesentlich bunter. Hier gibt es Händler und Gaukler, Gauner und gerissene Geschäftsleute, mächtige Adlige und Spione. Und es gibt den Purpurkaiser und seine Familie, die seit mehreren Generationen das Elfenreich regieren. Sie gehören zu den Lichtelfen, und die Nachtelfen sind gar nicht davon begeistert, von Lichtelfen regiert zu werden. Kein Wunder, dass ein mächtiger Nachtelfenfürst Pyrgus‘ Vater das Leben schwer macht. Und dann gibt es noch eine dritte Welt:
die der Dämonen. Eigentlich können diese ihre Welt nicht verlassen, doch es gibt genug Nachtelfen, die einigen von ihnen gelegentlich den Wechsel durch Beschwörungen ermöglichen. Selbstredend ist dies dem Dämonenprinzen bei weitem zu wenig.

Brennan hat diese Welten mit recht originellen Charakteren bevölkert: Henry ist eigentlich ein ganz normaler Teenager, er hat gelegentlich Stress mit seinen Eltern, ist genervt von seiner kleinen Schwester. So wirklich ganz normal ist er aber auch wieder nicht, denn einer Katze einen Schmetterling abzujagen, weil man den Eindruck hat, er sei eine Elfe, setzt schon ein gewisses Maß an Verrücktheit voraus. Mr. Fagerty stellt dieses gewisse Maß an Verrücktheit jedoch mit Leichtigkeit in den Schatten. Nicht nur, dass er immer eine geladene Kanone unter dem Bett hat und generell nicht ans Telephon geht, er ist sich auch absolut sicher, dass SIE ihn irgendwann kriegen werden, wobei nicht ganz klar ist, ob er mit SIE das FBI, die CIA oder die Außerirdischen meint, die nach seiner Überzeugung bereits an die sechs Millionen Amerikaner verschleppt haben. Keine Frage, dass Mr. Fagerty auch an Elfen glaubt. Vor allem aber ist Mr. Fagerty jemand, der nahezu alles bauen kann.

Auch im Elfenreich gibt es ein paar irre Typen. Während der Kaiser und sein Torhüter ernste und vernünftige Männer sind, scheint das auf seine Kinder nicht zuzutreffen. Dass Pyrgus die meiste Zeit damit beschäftigt ist, Tierquälern ihre Tiere zu stehlen und sie freizulassen, anstatt sich um Politik zu kümmern, erwähnte ich bereits. Seine Schwester Holly Blue ist auch nicht gerade pflegeleicht. Die selbstbewusste junge Prinzessin hat ein eigenes Spionagenetz, das dem ihres Vaters beinahe ernstzunehmende Konkurrenz macht, und wenn es sein muss, spielt sie auch selbst mal die Agentin. Comma, der Jüngste, ist etwas seltsam, aber nichts Genaues erfährt man nicht. Ein besonders schräger Vogel ist Jasper Chalkhill, ein Nachtelf. Er ist Teilhaber einer Leimfabrik, aber weder sein Compagnon noch irgendwer sonst nimmt ihn ernst. Stinkreich ist er, ohne Sinn für Stil und Geschmack, aber nicht nur sein Haus und seine Kleidung sind schrill, er benimmt sich auch albern. Wie ein aufgeregt kläffender Terrier. Total abgedreht, fast schon ein bisschen zu sehr …

Sein Compagnon Silas Brimstone, logischerweise ebenfalls ein Nachtelf, ist ein verschlagener, gieriger Betrüger. Er empfindet Chalkhill gelegentlich als sehr lästig, aber er braucht ihn wegen des Geldes für die Firma. Das stört ihn ganz gewaltig, deshalb ist es sein größter Traum, den Fürst der Dämonen persönlich zu beschwören. Von ihm erhofft er sich unendlich viel Gold. Zumindest fürs Erste. Übung in der Dämonenbeschwörung hat er jede Menge, doch ein Fürst ist nicht ganz so einfach zu beherrschen, und natürlich geht prompt etwas schief. Sein Opfer an den Fürsten läuft ihm nämlich davon: Pyrgus! Und abgesehen davon wäre der Fürst der Dämonen nicht der Fürst der Dämonen, wenn er nicht bei allem mitmischen und dabei seine eigenen Ziele verfolgen würde.

So kommt es, dass mehrere Leute das gleiche Ziel haben, nämlich Pergus umzubringen. Allerdings ist es nicht unbedingt ein gemeinsames Ziel, was zu ziemlichen Verwicklungen führt. Dass das Portal Pyrgus nicht dorthin bringt, wohin es sollte, macht die Verwirrung komplett. Jeder will ihn haben, keiner weiß wo er ist, und als sein Vater ihn endlich findet, ist er schon wieder weg, allerdings wieder mal nicht dorthin, wo er hingewollt und hingesollt hätte. Wer letztendlich für welche Sabotage und welchen Hinterhalt verantwortlich ist, erfährt man nicht so schnell, und als Holly Blue und Henry die Fäden endlich entwirrt haben, ist das Komplott eigentlich schon so gut wie am Ziel. Aber nur so gut wie, und natürlich geben die beiden trotzdem nicht auf. Das macht das Buch zum Ende hin zunehmend spannend.

Auch die Kleinigkeiten am Rande zeichnen sich durch Ideenreichtum aus. So sind alle Namen der Elfen Schmetterlingsnamen, und Holly Blue wird auf einem ihrer persönlichen Agenteneinsätze von einem orangen Zwerg begleitet, der einen Kartenleserschlitz am Kopf hat, wo seine Herrin ihre Spionagedaten abrufen kann, dessen Biss giftig ist und der irrsinnig laut pfeifen kann. Brennan beschreibt die Magie der Elfen mit technischen Begriffen, während Mr. Fagertys Bastelergebnissen manchmal ein ziemlicher Hauch von Zauberei anhaftet. Und das Buch Beleth birgt ebenfalls eine Überraschung.

Es gibt also genug zu entdecken. Am Ende des Buches bleibt noch genug Potenzial, das in einer Fortsetzung weiter ausgebaut werden kann, wie zum Beispiel der Nachtelfenfürst Hairstreak, der Gegner des Kaisers, der bisher noch nicht persönlich aufgetaucht ist, oder Comma, an dem einiges sehr, sehr seltsam ist. Und der Krieg ist ja auch noch nicht aus.

Das Buch liest sich flüssig und leicht und ist trotz mehrerer Handlungsstränge mit seinen rund 350 Seiten für einen geübten Leser an einem Tag problemlos zu schaffen. Brennans Zielgruppe sind eigentlich junge Erwachsene, das merkt man natürlich, zum Beispiel an der Ausdrucksweise der Jugendlichen untereinander, vor allem aber an dem Zoff, den die beiden jungen Helden mit ihren Eltern haben, an den Szenen, in denen Henrys Schwester vorkommt und daran, wie er auf Holly Blue reagiert. Das muss aber nicht unbedingt ein Manko sein, wie man an „Harry Potter“ deutlich sieht. Und tatsächlich hat auch Brennans Buch das Potenzial, sich unter den Erwachsenen seine Leser zu sichern, selbst wenn es nicht ganz frei von kleinen Logikfehlern ist. Es ist einfallsreich, humorvoll und auch spannend, und damit wert, gelesen zu werden.

Herbie Brennan lebt und arbeitet in Irland, und das sehr fleißig. Er hat Unmengen von Büchern geschrieben, von Historik über Psychologie und Esoterik bis Fantasy, von Romanen über Kurzgeschichten bis zu Software, für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche. Außerdem arbeitet er fürs Radio. Die Fortsetzung zu „Das Elfenportal“ ist bisher noch in Arbeit. Voraussichtlicher Erscheinungstermin für „The Purple Emperor“ ist der Oktober dieses Jahres.

http://www.herbiebrennan.com
http://www.faeriewars.com
http://www.dtv.de/special__brennan/elfen__index.htm

Wood, Natalie Lee – Erbin des Lichts, Die

Mit „Die Erbin des Lichts“ hat Natalie Lee Wood ihren dritten Roman vorgelegt. Nachdem sie mit „In Erwartung des Mahdi“ und „Faradays Waisen“ zwei Science-Fiction-Romane herausgebracht hat, hat sie sich diesmal der Fantasy zugewandt.

Antonya ist eine Überlebenskünstlerin. Obwohl eine Frau, ist sie allein unterwegs, man könnte sie auch als Vagabundin bezeichnen. Eigentlich will sie nach Norden, ändert aber kurzfristig ihre Route, als sie Kerrick trifft, einen Krieger ohne Dienstherrn. Kerrick ist gerade dabei, diesen brotlosen Zustand zu ändern, als Antonya ihm dazwischen funkt, und findet sich zu seinem eigenen Erstaunen in ihrem Dienst wieder. Gemeinsam ziehen sie nach Süden, in Kerricks Heimat, um dort Unterstützung zu suchen. Denn Antonya hat einen ehrgeizigen Plan: sie will die reiche Grafschaft Adalon zurück, die ihrem Vater gehörte.

Allerdings macht sie sich damit nicht nur den Usurpator der besagten Ländereien Petre Terhune, der gleichzeitig Oberhaupt der Kriegerpriester des heiligen Orakels ist, zum Feind, sondern ganz nebenbei auch noch die gesamte Macht des religiösen Zentrums. Kein Wunder, dass nach den ersten kleinen Erfolgen der große Rückschlag kommt. Antonya kriegt die Kurve nochmal, droht aber kurz darauf, sich in eine noch größere Katastrophe zu verrennen.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

Der erste Teil widmet sich zunächst hauptsächlich Antonya, ihren Bemühungen, Bundesgenossen zu gewinnen, und ihrem ersten Feldzug. Erst gegen Ende des ersten Teils, als sich das erste Treffen zwischen ihren Leuten und Terhunes Armee anbahnt, werden die eingestreuten Absätze, die sich mit der Stadt des Orakels und den dortigen Personen befassen, häufiger.

Antonya ist nicht nur eine Überlebenskünstlerin. Zu ihrer Gewandheit und Zähigkeit gesellt sich auch noch ein gewisses Maß an Charisma und Überzeugungskraft. Nichts von all dem, was sie über ihre Abstammung behauptet, kann sie beweisen, und doch bringt sie die Leute dazu, ihr zu glauben. Sie hat genug Menschenkenntnis, um die Fürsten, mit denen sie zu tun hat, auf die richtige Art zu packen. In gewisser Weise eine geborene Politikerin.

Eine ganz andere Art von Politiker allerdings zeigt sich in den eingestreuten Kapiteln aus der Stadt des Orakels. K’ferrin ist der Hüter des Orakels, also sozusagen der Alleroberste aller Priester, und er ist dem obersten Kriegerpriester Terhune spinnefeind. Terhune hat im Grunde nur einen einzigen Freund in der Stadt, und das ist D’arim, sein Feldmeister, der mit ihm aufgewachsen ist. Alle fürchten den rücksichtslosen und mächtigen Mann. Alle, außer D’nyel, eine Heilerpriesterin, die im ersten Teil aber nur kurz auftaucht, genau wie B’nach, K’ferris Enkel, der ebenfalls später noch eine Rolle spielen wird.

Im zweiten Teil hält sich Antonya, getrennt von ihren Freunden und Bundesgenossen, in der Stadt des Orakels auf. Von der Außenwelt erfährt man in dieser Zeit nichts, doch Handlungsstränge gibt es genug, die allmählich herauskristallisieren, dass so ziemlich jeder hier sein eigenes Süppchen kocht. Antonya ist in dieser Zeit fast vollständig zur Untätigkeit verurteilt, und doch schafft sie es, selbst hier auf ihre eigene Weise Verbündete zu gewinnen. Ihr Mut und ihre Zähigkeit beeindrucken sowohl einen hohen Offizier von Terhunes Garde als auch B’nach, das willenlose Werkzeug seines Großvaters. So kommt es, dass es ihr trotz ihrer erzwungenen Passivität und Hilflosigkeit gelingt, das Ruder herumzureißen, und als sie die Stadt verlässt, hat sie nicht nur neue Verbündete gewonnen, sondern auch wertvolle Unterlagen mitgehen lassen.

Der dritte Teil ähnelt in gewisser Weise dem ersten. Auch hier ist Antonya wieder auf der Suche nach Bundesgenossen und zieht letztendlich erneut in den Krieg, zunächst gegen die Festung Kaesyn, die sie belagert, um dann gegen Terhune und die Stadt des Orakels zu ziehen.

Verstreut über die Handlung des gesamten Buches sind immer wieder Szenen aus Antonyas Erinnerungen an ihre Kindheit bei den Mönchen. Anfangs erscheinen diese kurzen Sequenzen wenig bedeutend, liefern aber allmählich immer mehr Erklärungen, die zusätzlich zu den Geschehnissen in der Stadt des Orakels die Ursachen für Antonyas Hass auf Terhune im Besonderen und die Praktiken des Glaubens im Allgemeinen beleuchten.

Das Buch hat etwas von einem Flussdelta: Es wird gegen Ende immer breiter. Der erste Krieg, den Antonya führt, ist nur gegen einen kleinen Landgrafen gerichtet, und doch verrückt angesichts der Tatsache, dass dessen Armee der ihres Verbündeten weit überlegen ist. Entgegen aller Erwartung gewinnt Antonya trotzdem und zieht als nächstes mit den vereinten Armeen beider Grafen gegen einen Teil von Terhunes Armee ins Feld. Ein mindestens ebenso aussichtsloser Kampf, doch sie verliert ihn, bevor er begonnen hat, durch Verrat. Ihr dritter Feldzug ist der größte von allen, ausgerüstet mit Kanonen und einem schlagkräftigen Heer, für Terhune direkt unangreifbar, und doch bricht gerade dieser Feldzug ihr fast das Genick. Mit dem Anwachsen der kriegerischen Unternehmungen wachsen auch Antonyas Ziele. Zunächst will sie nur Adalon zurück, dann will sie Terhunes Kopf, und schließlich die gesamte Stadt des Orakels.

All die kriegerischen Auseinandersetzungen und auch die Zeit im Orakel hinterlassen ihre Spuren bei Antonya. Sie verachtet die Methoden der Priester, sowohl die militärischen als auch die politischen, und ist krampfhaft bemüht, nicht genauso zu werden, muss aber im Laufe der Zeit erkennen, dass es unmöglich ist, Krieg zu führen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. So wird jede Entscheidung, die sie trifft, zu einer Gradwanderung zwischen notwendiger Härte und ungewollter Grausamkeit. Ihre Überzeugung verbietet ihr, Plünderungen und Vergewaltigungen in der eroberten Stadt zu erlauben, zwingt sie aber gleichzeitig dazu, härter bei ihren eigenen Soldaten durchzugreifen, als sie eigentlich vorhat. Die Lichtgestalt bekommt Flecken. Auch sonst ist Antonya kein Übermensch. Sie verkalkuliert sich, sie macht Fehler, auch solche, die ihre Verbündeten nicht ausmerzen können, und gewinnt oft nur, weil sie im richtigen Moment die nötige Portion Glück hat.

Aus dem direkten Umfeld Antonyas sind nur ihre beiden engsten Vertrauten, Kerrick und später Morgan, der Assassine, etwas genauer dargestellt, ihre Art zu kämpfen, und in begrenztem Rahmen auch ihre Gedanken und Vergangenheit. Die übrigen sind nur grob skizziert.

Sehr scharf dagegen sind die Charaktere in der Stadt des Orakels gezeichnet: K’ferrin ist ein alter, hinterhältiger, intriganter Bock mit ziemlich widerlichen Gelüsten, der seinen Enkel B’nach rücksichtslos benutzt, und nicht nur ihn. B’nach lebt nur, weil er seinem Großvater nützlich ist, das lässt ihn kuschen, obwohl er seinen Großvater verabscheut. Gleichzeitig ist er aber auch noch D’nyel der Heilerin hörig, die ihn einst verführte, um seinen Gang auf dem Feuer zu verhindern. D’nyel ist nicht weniger intrigant als K’ferrin, man weiß lange nicht genau, auf wessen Seite sie steht, und sie ist genauso grausam wie Terhune, wenn auch auf eine weniger direkte Art. Terhune ist vor allem gewaltätig, jähzornig und arrogant, dabei genauso machtgierig wie K’ferrin. Eine Ansammlung von charakterlichem Abschaum, zumindest großteils.

Was die Ausnahmen davon betrifft, ist positiv anzumerken, dass genau wie bei Antonya auch bei diesen auf eine Idealisierung verzichtet wurde. Sie sind, was sie sind, und das bleiben sie auch. Die Autorin versucht nicht, sie gegen Ende zu besseren Menschen zu machen. Besonders deutlich wird das bei B’nach, der sich trotz der Abscheu gegenüber seinem Großvater nicht ganz von dessen Methoden lösen kann, aber auch bei Morgan, als er Kerrick bittet, ihn im Fall von Antonyas Tod zu eliminieren.

Zwangsläufig spielt Religion in der Geschichte eine wichtige Rolle. Manches kommt uns bekannt vor, zum Beispiel der Begriff der Mutter Gottes, das Gebet „Mutter unser“ oder das Warten auf den Einen, der, im Licht Gottes gekrönt, die Menschheit erlösen soll. Dass die Gebete in den Gotteshäuser auf Latein gebetet werden, tut ein Übriges. Man mag darüber spekulieren, ob diese Ähnlichkeiten gewollt sind. Ihren ersten beiden Romanen zumindest sagt man nach, dass sie gegen Menschenverachtung und Unterdrückung in der Politik gerichtet seien. Die Aggression gegen die Machenschaften der Politik kommt auch hier, in Antonyas Person, deutlich zum Ausdruck, ob sie sich jedoch gegen die Politik der Kirche wendet, sei dahingestellt.

Im Übrigen enthält Woods Religionsentwurf genug andere Elemente, um trotz der Ähnlichkeiten als eigenständig betrachtet zu werden, wobei Szenen wie die der fliegenden Tauben die Grausamkeit des Systems ebenso deutlich zum Ausdruck bringen wie die Folterung der Spionin Tannah durch Terhune, die Praktiken D’nyels, dich mich stark an einen KZ-Arzt erinnerten, oder K’ferris sexuelle Praktiken. Manche dieser Szenen waren wirklich starker Tobak, und wie immer in solchen Fällen stellt sich mir auch hier die Frage, wie genau eine Beschreibung sein muss, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. In diesem Fall denke ich, es wäre auch weniger deutlich gegangen, wenngleich man der Autorin nicht nachsagen kann, sie hätte die besagten Szenen übermäßig ausgedehnt.

_Alles in allem_ kann man sagen, das Buch war nicht schlecht. Die Schilderung des Orakels als eine Schlangengrube voller Verräter und Intriganten war gelungen, die Charaktere gut gezeichnet und glaubhaft. Doch abgesehen von dem oben genannten Manko der Grausamkeit fehlt es durch die vielen Feldzüge an Abwechslung, und ich vermisste echte Spannung. Die Handlung hoppelt von einem Höhepünktchen zum nächsten. Zwar ist es der Autorin gelungen, die diversen Handlungsfäden am Ende zusammenzuführen, eine Zuspitzung zum Ende hin, die einen mitfiebern ließe, gibt es aber nicht. Irgendwie ist schon vorher klar, ob Antonya Erfolg hat oder nicht, und was letztendlich mit den einzelnen Beteiligten geschieht. Allein das letzte Kapitel ist noch einmal ein kleiner Kontrapunkt, der zwar nett zu lesen ist, den fehlenden großen Spannungsbogen aber nicht ausgleichen kann. So war das Buch zwar eine nette Lektüre, aber kein echter Renner.

_Natalie Lee Wood_ hat einen bunten Werdegang hinter sich: ein Studium in Graphic Arts und eines in Chirurgietechnik, außerdem Tätigkeiten als Fabrikarbeiterin, Truck- und Busfahrerin. Seit 1990 lebt sie in Paris als Schriftstellerin. Außer den genannten Romanen hat sie auch einige Kurzgeschichten geschrieben. Im Augenblick arbeitet sie an ihrem vierten Roman „Master of none“, der im September dieses Jahres erscheinen soll.

Gentle, Mary – blaue Löwe, Der (Die Legende von Ash 1)

Die Söldnerin Ash verteidigt Burgund vor einer karthagischen Invasion Europas durch die Westgoten. Golems und eine tagelange Sonnenfinsternis über Deutschland inklusive. Mittelalter paradox – Dr. Pierce Ratcliff kann es kaum fassen, sein Manuskript, eine Biographie des Lebens von Ash, widerspricht allem, was bisher über diese Zeit bekannt war. Für ihn noch unverständlicher: Was vor wenigen Monaten als wissenschaftlich gesicherte Historie angesehen wurde, findet sich plötzlich als Heldenepos unter Fiktion einsortiert… und vor Tunis werden Reste seiner Golems bei einer Ausgrabung entdeckt.

Mary Gentle’s DIE LEGENDE VON ASH („Ash: A Secret History“) ist im englischen Original ein Buch von 1120 Seiten – die deutsche und amerikanische Ausgabe wurden jeweils auf vier Bände verteilt. Das britische Original muss sehr kleingedruckt sein, denn auch die amerikanische Fassung kommt auf 1728 Seiten – die deutsche Übersetzung hat 2326 Seiten zu bieten, insofern ist die Entscheidung des Lübbe-Verlags, den Roman aufzuteilen, durchaus nachvollziehbar.

Die Autorin hat einen ungewöhnlichen und vielseitigen Werdegang aufzuweisen; die 1956 in Sussex geborene Mary Gentle arbeite unter anderem in Kinos, für Essen-auf-Rädern und begann erst 1981 mit ihren Studien (kombinierter Bachelor-Studiengang Politik/Englisch/Geographie) – zweifellos gekrönt mit ihren Master-Abschlüssen in Kriegsgeschichte und Geschichte des 17. Jahrhunderts im Jahr 1995. Ihren ersten Roman, „A Hawk in Silver“, schrieb sie schon im Alter von fünfzehn Jahren. Gentle’s Lebensgefährte ist passenderweise Lehrer mittelalterlicher Schwertkampftechniken.

Beste Voraussetzungen für einen Roman über diese Zeit, „Ash“ war ungewöhnlicherweise sogar der Grund für ihr Studium der Kriegsgeschichte, nicht umgekehrt. Mary Gentle hat jedoch weit mehr geschaffen als einen historischen oder Fantasy-Roman: Ash ist ein ungewöhnlicher Mix aus beidem, mit einer Prise Science-Fiction und schwerlich einem bestimmten Genre zuzuordnen – ein perfekter Kandidat für Lübbe’s „Bibliothek der Phantastischen Literatur“. Die Legende von Ash ist in Stil und Inhalt innovativ und nahezu einzigartig.

BAND 1: DER BLAUE LÖWE

Das düstere Mittelalter hatte seine Lichtgestalten: Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orleans, ist noch heute eine französische Nationalheldin.

Umso erfreulicher für Dr. Pierce Ratcliff, dass er einen alten Text über einen der seltenen weiblichen Condottiere (Anführer von Söldnerarmeen) entdeckt hat, der im späten 15. Jahrhundert nur unwesentliche Zeit nach der heiligen Johanna seine Schlachten schlug. Ash oder Esche ist jedoch keinesfalls eine Heilige oder Jungfrau: Schon im zarten Alter von acht Jahren ihrer Unschuld beraubt, schlug sie sich in einem Söldnerhaufen durch, bis sie mit Vierzehn selbst das Kommando über eine eigene Truppe übernahm. Dabei war ihr außerordentlich behilflich, dass sie wie Johanna eine „Stimme“ hört, wobei sich Ash’s Heiligenstimme allerdings auf sehr konkrete taktische Ratschläge im Kampf beschränkt. In Kombination mit ihren Führungsqualitäten ist Ash’s Truppe mit der Standarte eines azurblauen Löwen eine der begehrtesten Söldnereinheiten Europas.

Kaiser Friedrich sieht eine hervorragende Gelegenheit, sich die Dienste der nach Land statt Gold dürstenden Hauptfrau zu versichern: Er vermählt sie mit Fernando del Guiz, natürlich mit dem Hintergedanken, dass ihre Kompanie damit in seinen Besitz übergeht – Guiz ist ein Vasall des Kaisers, und damit auch dessen Ehefrau…

Ratcliff will ein Buch darüber veröffentlichen – doch während der Korrespondenz mit seiner Lektorin Anna Longman wird ihm erst das ganze Ausmaß seines Fundes bewusst: Erst hält er es für Dichtung und Übertreibung, als von einem westgotischen Reich in Karthago, einem „Leeren“ statt „Heiligen“ Stuhl in Rom, einer tagelangen Sonnenfinsternis über Deutschland und lebendigen Golems, Maschinen aus Stein, die Kurierdienste zwischen den karthagischen Truppenverbänden übernehmen, die Rede ist.

Spätestens nachdem er von einer karthagischen Invasion Westeuropas liest, zweifelt auch er: Mailand und Venedig wurden niedergebrannt, während westgotische Truppen unaufhaltsam auf ihr Endziel vormarschieren: Burgund, dem reichsten Herzogtum mit dem größten Ritterheer der Christenheit. Aber warum gerade Burgund? Was interessiert die Karthager so sehr in Burgund, dass sie die reichen Handelsstädte Venedig und Mailand ignorant niederbrennen? Reichtum und Macht scheiden aus – das ist kein gewöhnlicher Krieg, eher ein Kreuzzug, dessen Motivation nach wie vor schleierhaft ist.

Mit dichterischer Freiheit, Übertreibung und ungenauen Zeitangaben kann Ratcliff sich solche Diskrepanzen nicht mehr erklären, auch seine Lektorin Anna meint, so etwas kann man nicht veröffentlichen. Bis Dr. Napier-Grant, eine alte Bekannte von Ratcliff, in Tunesien etwas ausgräbt, das exakt seiner Beschreibung der karthagischen Golems entspricht – mehr noch, Abnutzungsspuren an den Metallgelenken und den steinernen Fußsohlen zeigen, dass diese Maschine sich bewegt haben muss.

Ratcliff bricht sofort nach Afrika auf und übersetzt so schnell er kann weiter seine lateinischen Quelltexte. In diesen ist von Ash’s Widerstand gegen die Heirat mit Fernando die Rede, den sie allerdings sehr attraktiv findet. Ihre Flitterwochen sind jedoch kurz – beide werden getrennt, als sie mitten in den Aufmarsch der Westgoten geraten. Der feige Fernando wird gefangengenommen und schwört seinen neuen Herren Treue, während Ash sich in das deutsche Reich zurückziehen kann, das seit Tagen unter einer an das ewige Zwielicht Karthagos erinnernden Dunkelheit leidet, die für Entsetzen unter der Bevölkerung sorgt. Sie nimmt Kontakt zu der „Faris“, dem kommandierenden General der Westgoten, auf, um eine „Condotta“ (Söldnerkontrakt) auszuhandeln. Die Gerüchte über die karthagische Heerführerin sind befremdend, angeblich hört sie die Stimme einer „machina rei militaris“ aus Karthago, die von ihren Soldaten als der „Steingolem“ bezeichnet wird. Das Aufeinandertreffen der beiden Frauen ist für beide ein Schock: Die Faris ist äußerlich eine vollkommene Kopie von Ash, sie könnte ihre Zwillingsschwester sein, und Ash beginnt zu ahnen, dass sie nicht die Stimme eines Heiligen, sondern die des Steingolems hört… und das wird für Ash zum Problem: Die Faris glaubt ihr nicht, dass sie eine Stimme hört – sie selbst ist das Ergebnis jahrhunderterlanger „Zucht“, eine Sklavin des Hauses Leofric, einem der mächtigsten karthagischen Emire, und nur sie sollte den Steingolem hören können.

Man will Ash in Karthago sehen, aber diese ist nicht gewillt – es kommt zum offenen Bruch und zum Gefecht, der azurblaue Löwe schlägt sich nach Burgund durch und erhält von John de Vere, dem Earl of Oxford, einen neuen Kontrakt. Doch anstatt Ash in England im Konflikt zwischen den Häusern Lancaster und York (Rosenkrieg!) einzusetzen, sieht er sich gezwungen, seine europäischen Besitzungen in Flandern, die dem bedrohten Burgund anhängig sind, zu verteidigen. Herzog Karl (der Kühne) von Burgund zögert nicht, Ash für die geplante Feldschlacht bei Auxonne aufzustellen – erst danach soll sie mit de Vere ihren Plan, Karthago anzugreifen und den Steingolem zu vernichten, durchführen.

Ein echter Knüller – aber zu Ratcliffs Entsetzen teilt ihm Anna mit, dass alle seine Quelltexte unter mittelalterlicher Dichtung eingeordnet sind, ähnlich dem Nibelungenlied – Ratcliff kann das nicht verstehen, vor wenigen Wochen waren sie noch unter realer Geschichte katalogisiert. Nur die Golemfunde in Tunesien stützen noch seine These über eine westgotische Siedlung auf dem Gebiet des alten Karthago…

Die Geschichte als phantastisch zu bezeichnen, wäre schmeichelhaft – absurd, schlicht und ergreifend falsch bringt es auf den Punkt. Karthago wurde schon vor knapp tausend Jahren vollständig zerstört, ebenso gab es zwar kurze Zeit ein Reich der Wandalen in Nordafrika, aber keine Westgoten unter einem König-Kalifen Theoderich, ebenso fehlen Hinweise auf Rom und bemerkenswerterweise existiert ein deutsches Reich, das sich weder heilig noch römisch noch reich nennt, auch der Papst glänzt mit Abwesenheit – man kann Dr. Ratcliffs Unglauben nachvollziehen.

Die Geschichte von Ash wird auf zwei Ebenen erzählt: E-Mail-Dialoge zwischen Dr. Ratcliff und seiner Lektorin Anna Longman sind meist Dispute über die in der Übersetzung von „Fraxinus me fecit“ („Esche/Ash hat mich gemacht“, ihre vermutliche Autobiographie) auftauchenden historischen Ungereimtheiten. Der Leser wird in diesen Dialogen auch auf neue Entwicklungen wie den Golem-Fund und die plötzlich anders klassifizierten Texte hingewiesen.

Die eigentliche Geschichte ist das jeweils anhängende Kapitel, das über die Erlebnisse von Ash berichtet. Interessanterweise nicht aus der Ich-Perspektive, obwohl es sich um eine Autobiographie handeln soll – ein kleiner Lapsus, andererseits liest sich meiner Meinung nach der historische Part so wesentlich besser. Da der Text das Mittelalter wie es war vermittelt, hat Mary Gentle einen gelungenen Kunstgriff angewendet: Begriffe und Zusammenhänge werden von Dr. Ratcliff sehr häufig als Fußnote kommentiert, was auch notwendig ist, denn wer kann schon von sich behaupten, einen Gesamtüberblick über das Europa des späten 15. Jahrhunderts zu besitzen? Die zahlreichen Kommentare Ratcliffs sind nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch interessant. Sie vermitteln ein wenig den wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Texten des Mittelalters.

Die Welt des Mittelalters wird ungeschminkt und humorvoll betrachtet: Lustige Zitate wie „Der Herr schickte uns Fleisch, und der Teufel einen englischen Koch“ sowie der derbe Humor der Söldner sorgen für Unterhaltung. Von Bewaffnung bis hin zu Sitten und Gebräuchen schöpft Mary Gentle aus ihrem großen Fundus des Wissens über diese Zeit. Einen gefallenen Ritter rammte man einen Panzerstecher durch die Lücken der Panzerung, oder einen Dolch durchs Visier in das Auge, einen hollywoodtypischen Ritter, der sich trotz Plattenharnisch von einem Schwertstreich sofort niederstrecken lässt, wird man hier nicht finden. In der Tat kann Mary Gentle für sich beanspruchen, Expertin auf diesem Gebiet zu sein – welch anderer Autor kann das schon in diesem Umfang von sich behaupten?

Da „Der Blaue Löwe“ nur das erste Viertel der Geschichte darstellt, kommt einiges leider zu kurz: Die Fülle an Daten und Handlungen sorgt dafür, dass die Nebencharaktere wie Ash’s Stellvertreter Robert Anselm, Kanonier Angelotti, ihr begabter Schützling Rickard, sowie ihr Kompaniepriester Godfrey oder ihre lesbische Ärztin Floria(n), die zudem auch noch mit ihrem feigen Möchtegern-Ehemann Fernando verwandt ist und mit ihren „Coming Out“ in einer von Intoleranz geprägten Welt erhebliche Probleme hat, einfach zu kurz kommen. Ash selbst wird sich erst im Folgeband profilieren können, dafür fällt unangenehm auf, wie oft sie zu insbesondere zwei Kraftausdrücken greift: Egal ob Stimmungs-, Situations- oder Zustandsbeschreibung, ein dutzendmal „Scheiße“, „ficken“ oder „gefickte Scheiße“ oder als Ausdruck höchster Wut „Scheiße, Scheiße, Scheiße“ sind für ihr lästerliches Mundwerk Standardrepertoire. Zum Glück legt sich das in den Folgebänden auf ein erträgliches Maß, ich empfand es im „Blauen Löwen“ übertrieben, unnötig und störend.

Die Übersetzung von Rainer Schumacher ist tadellos gelungen, die Gestaltung ist im gehobenen Stil der Bände von Lübbe’s Bibliothek der Phantastischen Literatur. Alle vier Bände haben inhaltlich perfekt passende Titelbilder, die zudem noch sehr schön anzusehen sind. Einzig bei Ash’s Abbildung auf Band 1 hat sich der Künstler Arndt Drechsler eine kleine Freiheit herausgenommen und ihr silberfarbenes Haar in der Farbe ihres Wappentieres, dem azurblauen Löwen, gehalten. Ebenso gelungen ist die Entscheidung, den Einband in einem dazu passenden marmorierten dunklen Blau zu halten – Band 3 „Der steinere Golem“ hat treffenderweise einen steingrauen Einband. Bis auf wenige kleinere Fehler und ein völlig verdrehtes und entstelltes lateinisches Zitat sind Übersetzung und Lektorat von hoher Qualität und nur zu loben.

Die Geschichte ist komplex und durchaus anspruchsvoll, trotzdem für nahezu jedermann geeignet, dank der häufig eingestreuten Kommentare Ratcliffs. Der Beginn ist jedoch relativ holprig und verwirrend, bis man wirklich mit der fantastischen Handlung vertraut ist und diese sich entwickelt. Denn so richtig los geht es trotz aller Schlachten, Belagerungen und Ashs kurioser Hochzeit erst im Folgeband „DER AUFSTIEG KARTHAGOS“. Neben Erkenntnissen über den Schöpfer der Golems, den Rabbi von Prag, und dem heiligen Gundobad wird man mehr über das Zwielicht über Karthago, das sich über Europa ausbreitet, und über die Ziele des karthagischen Kreuzzuges erfahren, ebenso über die Frage, warum „Burgundia est delenda!“ („Burgund muss zerstört werden!“ in Anlehnung an den berühmten Satz des Römers Cato „Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago müsse zerstört werden!“) für den Steingolem in Karthago von so großer Bedeutung ist – und wie es mit der Glaubwürdigkeit von Dr. Ratcliffs Entdeckungen weitergehen wird.

„Der Blaue Löwe“ macht Lust auf mehr – wer ein Faible für das Mittelalter und nichts gegen den ungewöhnlichen Genremix einzuwenden hat, wird mit einem wirklich herausragenden Romanzyklus belohnt. Wer seine Bücher bevorzugt im englischen Original liest, kann übrigens sehr viel sparen: Einmal 16,63 EUR anstelle von viermal 14,90 EUR für die deutschen Bände.

DIE LEGENDE VON ASH

Band 1: DER BLAUE LÖWE (ISBN 3404283384)
Band 2: Der Aufstieg Karthagos (ISBN 3404283406)
Band 3: Der steinerne Golem (ISBN 3404283430)
Band 4: Der Untergang Burgunds (ISBN 3404283457)

Das englische Original:
Ash – A Secret History (ISBN 1857987446)

Ein Interview mit Mary Gentle:
http://www.sfsite.com/10b/mg91.htm

Ihre (Mai 2004) noch nicht vollendete Homepage:
http://www.marygentle.org/

Stephen Baxter – Vakuum-Diagramme (Xeelee-Zyklus)

Wenn man Baxters Buch verstehen will, muss man die Quantenmechanik verstanden haben – so möchte ich einmal einen Satz aus dem Buch selbst abwandeln (s.S. 316). Ich glaube, die wenigsten Leser verfügen jedoch über das nötige Hintergrundwissen, um wirklich zu verstehen, wovon der Autor hier fast ununterbrochen schreibt: Esoterische (real existierende) Physik und höhere Mathematik, durchmischt von offenbar spekulativen Abwandlungen und Extrapolationen oder gar völlig erdachten Weiterungen unserer heutigen Kenntnisse von der Natur des Universums. Da zu meinem Studium die theoretische Physik gehörte, konnte ich zumindest mit dem Begriffsapparat etwas anfangen. Andere dürfte Baxter aber schnell weit hinter sich lassen auf seinen Höhenflügen. Ob ihm das eine dankbare Leserschaft einbringt?

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Forrest, Katherine V. – Töchter der Morgenröte

In einer recht nahen Zukunft bringt – entgegen eines Verbots – ein Raumfahrer eine Außerirdische mit auf die Erde. Die außerirdische Frau sieht umwerfend gut aus, gebärt viele Kinder und setzt ihren eigenen Kopf durch.

Viele Jahre später gibt es fast siebentausend weibliche Abkömmlinge, die mit den Genen ihrer Ahnin – liebevoll „Mutter“ genannt – versehen sind. Alle Frauen sehen gut aus, sind gebärfreudig und sehr intelligent. Die Mischung Mensch und Vernaerin führt auch dazu, dass nur Mädchen geboren werden und sämtliche Nachfahren einen starken lesbischen Trieb besitzen. Dazu kommt eine ungewöhnliche Langlebigkeit.

Die Welt ist nun im Wandel und kein Ort für solch eine Menschengruppe, die gleichzeitig auch das wertvollste Gut der Menschheit darstellt. Noch ahnt niemand etwas von dem intellektuellen Potenzial, doch handelt es sich dabei nur um eine Frage der Zeit. Mutter schart nun ihre Familie um sich und kann die meisten dazu bewegen, ihr zu folgen. Sie benennt die junge Megan zur Führerin und schon bald fliehen die meisten Frauen in den Weltraum.

Die Flüchtlinge haben eine neue Welt auserkoren, die es zu bewohnen gilt. Glücklicherweise gibt es nur wenige Gefahren. Schon bald entsteht ein weibliches Utopia in der Weite des Alls. Nur Megan ist unglücklich, da sie ein Mutter gegebenes Versprechen bindet. Doch als plötzlich ein irdisches Raumschiff mit vier Besatzungsmitgliedern erscheint, dreht sich auch für Megan das Liebeskarussell. Leider stellt die Besatzung auch eine große Gefahr für die Frauenkolonie dar…

Katherine V. Forrest ist vielen ihrer Leser – vor allem – als Krimiautorin bekannt. Doch auch mit ihrem 1984 erschienenem Werk „Töchter der Morgenröte“ leistet sie Beachtliches. Bevor man sich jedoch dem Lesegenuss hingibt, sollte die Leserschaft den Klappentext missachten. Der ist leider etwas vom Weg abgekommen und führt mehr in die Irre, als dass er eine Richtung vorgibt.

Auf den ersten Blick scheinen viele Klischees bedient zu werden und kommt einem der Roman langweilig vor. Das liegt jedoch daran, dass der Roman Ansprüche an die Leser stellt. Ein Actionfeuerwerk sucht man vergebens. Hier zeigt sich besinnliche Science-Fiction {nach Harlan Ellison: Speculative Fiction}, die viel Wert auf Charaktere und Beziehungsproblematik legt.

Bereits der Anfang ist packend. Mutter wird von einem Erdenmann als sexuelles Spielzeug mitgebracht und ist damit mit den neuzeitlichen Kataloghochzeiten zu vergleichen, die wir aus Osteuropa und Asien kennen. Mutter ist jedoch clever und lässt sich nicht lange von einem Mann Befehle erteilen. Sie setzt sich durch. Und so avanciert der Vater einer neuen Spezies zum Statisten. Im Grunde genommen haben wir hier eine Vorbildfunktion für die moderne Frau, die noch immer einem männlichen Diktat folgt, und der die Autorin entgegenruft: „Gehe deinen eigenen Weg.“ Im Laufe der letzten zwanzig Jahre hat die Emanzipation Fortschritte gemacht, aber dennoch bleibt diese Aussage oft genug aktuell.

Mutter erkennt nun eine weitere Problematik: Ihre Nachkommen werden immer mehr und können ihre Fähigkeiten immer schwerer verbergen. Die Weltregierung wird sich vielleicht nicht durch die Frauen, sondern durch deren Intelligenz bedroht sehen. Also beschließt Mutter, ihre Töchter bei der Hand zu nehmen und zu neuen Ufern zu führen. Trotz aller Klugheit und Selbstständigkeit handelt es sich um Kinder, die von ihrer Mutter beschützt werden müssen und auch wollen. Dadurch wird erkennbar, dass es sich hier um eine große, harmonische Familie handelt. Oft genug werden intellektuelle Personen durch ein starkes Elternteil geprägt. Diesem Umstand zollt die Autorin hier subtil Tribut. Eine Feinheit, die nicht jeder erkennt, die aber sehr wichtig ist.

Mit zarter Hand fördert Mutter die Eigenverantwortung ihrer Nachkommen. Doch sie weiß, dass bei solch einem Projekt eine starke Führungspersönlichkeit gebraucht wird. Hier kommt Megan ins Spiel, die absichtlich jung an Jahren ist. Dadurch bringt sie glaubhaft die nötige Energie auf, um solch ein Projekt zu leiten. Der Preis, den Megan zahlen muss, ist sehr hoch. Und daran geht sie fast zugrunde.

Forrests Utopia mag auf den ersten Blick fragwürdig aussehen. Doch verdient es einen tieferen Blick. Auf der neuen Heimat angekommen, gibt es erst herbe Rückschläge, die ihre Opfer fordern. Aber dann leben sich die Frauen ein und genießen die neue Freiheit, die sich vor allem in der freien Körperkultur zeigt, die von den Frauen praktiziert wird. Und damit stellt die Autorin die absolute Freiheit heraus, die einst nur im Garten Eden herrschte. Eine wunderbare Metapher, die tief ins Herz blickt und Emotionen weckt.

In einer solch eng verbundenen Gemeinschaft kann eine Bedrohung nur von Außen kommen. Und genau das ist der Fall. Erneut bedient sich die Autorin einer indirekten Sprache, um die Charaktere ihrer Protagonisten zu skizzieren. Die Eindringlinge werden herumgeführt und bekommen Freiheiten zugestanden. Nur das weibliche Besatzungsmitglied versteht die Gesetze Utopias und löst sich vom Patriarch der Erde. Die Männer kommen mit der neuen Welt kaum zurecht. Sie sehen ihre eigenen Spielregeln und Maßstäbe bedroht, haben Angst davor, ihren Einfluss zu verlieren. Sie begegnen der Freundlichkeit mit Verrat und müssen später den Preis zahlen. Dabei zeigt sich die Menschlichkeit der Frauen, die bis zum letzten Augenblick zögern, den Feind zu vernichten. Klasse geschrieben.

Katherine V. Forrest schreibt in einem schnörkellosen Stil, der die Leser fordert. Sie bedient sich subtiler Elemente, überlässt anderen die Schlussfolgerungen, um das Charakterspiel aufzuzeigen. Sie beschreibt keine großen Emotionen, verzichtet auf Action. Feinfühlig und sensibel beschreibt Forrest die Szenerie, lädt zum Träumen ein. Obwohl es sich um lesbische Literatur handelt, spricht der Roman auch das andere Geschlecht an. Ein empfehlenswertes Buch.

_Günther Lietz_ © 2004
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Asher, Neal – Skinner – Der blaue Tod

In der Zukunft – auf dem Wasserplaneten Spatterjay: Das Leben ist hart, teuer und gefährlich. Die Bewohner verdienen ihr Geld mit dem Fang merkwürdiger Meeresbewohner, die alle sehr tödlich sind. Die Fauna hat sich vollständig dem Lebenszyklus angepasst – und so kann man gefressen werden und trotzdem überleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Menschen, die hier leben. Sie sind unsterblich, flicken sich bei schweren Verletzungen einfach zusammen und müssen massiv verletzt werden, um überhaupt ausgeschaltet zu werden. Der Preis: Der Körper eines Unsterblichen mutiert, falls man nicht höllisch aufpasst.

Dieser merkwürdige Planet ist Ziel dreier Personen. Janer, Erlin und Keech. Obwohl sie alle verschiedene Motivationen vorantreiben, haben sie ein gemeinsames Ziel: den Skinner. Ehemals Sklaventreiber, Mörder und an einem Stück. Scheinbar war er tot, doch nun ist er wohl zurück – oder nicht?

Anlässlich von Filmen wie „Fluch der Karibik“ und „Master and Commander“ erfreuen sich Piratenstücke derzeit großer Beliebtheit. Wie passend, dass es sich bei „Skinner – Der blaue Tod“ um ein Piratenstück handelt. Zwar ist es in der Zukunft und auf einem fremden Planeten angesiedelt, aber dennoch spannend zu lesen und voller Überraschungen.

Moderne Technologie ist für Spatterjay kaum erschwinglich und so fahren hölzerne Kutter über das Meer. An Bord die unsterblichen Einheimischen, ausgestattet mit einem großen Waffenarsenal. Damit erwehren sie sich der bedrohlichen Tierwelt. Fortwährend gibt es kleine Einschübe des Autoren, die sich mit genau dieser Tierwelt beschäftigen und den Kreislauf des „Fressen und Gefressen werden“ behandeln. Recht anschaulich und faszinierend geschrieben. Neal Asher zeigt hier sein kreatives Talent und entwickelt eine einzigartige Umgebung für seine Geschichte.

In dieser Umgebung agieren dann künstliche Intelligenzen, semiintelligente Segel, Drohnen, Schnecken, die sich Menschen als Nahrungsmittel halten, ein seit siebenhundert Jahren toter Keech und andere Wesen.

Das Protagonisten-Trio ist Asher besonders gut gelungen. Am normalsten erscheint vielleicht Erlin. Die jugendliche Wissenschaftlerin hat bereits einige Jahrhunderte auf dem Buckel und entpuppt sich als knallharter Brocken. Auch Janer erscheint Anfangs normal, allerdings gehörte er zu einem Schwarmbewusstsein. Die Hornissen stellten sich im Laufe der Geschichte als intelligent heraus und wurden ziemlich mächtig. Durch Janer versuchen sie ihre Macht nun zu stärken. Am auffälligsten scheint jedoch Keech. Er ist seit Jahrhunderten ein wandelnder Leichnam, wird durch Elektronik eines Kults am Leben gehalten und von Rachegelüsten geleitet. Damit ergibt sich eine Sammlung verschiedener Charaktere, die alle gut zusammenpassen und miteinander harmonieren.

Das Charakterspiel der Hauptcharaktere, ihre Entwicklung und ihre Motivation, reizen den Leser, zwingen ihn zum Weiterlesen. Man wird vom Schicksal der Personen berührt, nimmt Anteil an ihrem Leben. Neal Ashers Roman ist im sozialen Bereich erstklassig geschrieben und auch die Übersetzung von Thomas Schichtel steht dem in nichts nach.

„Skinner – Der blaue Tod“ ist ein spannender Roman, flüssig zu lesen und gut aufgebaut. Zwar wechseln häufig Schauplätze, Personen und auch mal die Zeit, aber man behält stets den Überblick. Eine gelungene Piratengeschichte, tolles Seemansgarn und faszinierende Science-Fiction.

_Günther Lietz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Robin Hobb – Der Ring der Händler (Die Zauberschiffe 1)

Schon einmal im Hafen mit der Galionsfigur eines Handelsschiffes gesprochen? Schlimmer noch, hat sie sich bewegt und geantwortet? Wird es Zeit, geistigen Getränken völlig zu entsagen?

Keine Panik, alles ganz normal. Zumindest in Bingtown.

Solche Dinge, die man gewöhnlicherweise als unter Alkoholeinfluss enstandenes Seemannsgarn abtun würde, sind dort Realität: Die aus Hexenholz gebauten Lebensschiffe der alteingesessenen Händlersippen sind im wahrsten Sinne des Wortes lebendig. Sie haben ihren eigenen Charakter, können sprechen und sich bewegen – sobald sie erwacht sind. Mindestens drei Angehörige einer Familie müssen auf den Planken eines Hexenholz-Schiffes versterben, um es mit Leben zu erfüllen. Hexenholzschiffe sind schneller, widerstandsfähiger und in nahezu jeder Beziehung gewöhnlichen Schiffen überlegen – welches normale Schiff könnte selbständig einer Sandbank ausweichen, wenn der Steuermann unachtsam ist?

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Engmann, Charlotte – Myranor – Den Göttern versprochen

„Myranor“ ist der neueste Ableger des Rollenspiele-Klassikers DAS SCHWARZE AUGE: ein weiterer Fantasy-Kontinent, in dem es vor Völkern, Abenteuern und Magie wimmelt, und Charlotte Engniann hat in ihrem Roman einerseits das Vergnügen, andererseits aber auch die nicht sonderlich beneidenswerte Aufgabe, die Grundlagen vorzustellen. Sehr viel Verantwortung also, die auf ihren Schultern lastete, eigentlich konnte es nur schief gehen, sollte man meinen.

Um es vorweg zu nehmen: Das Gegenteil ist der Fall!

Erzählt wird die Geschichte von Lycadia, deren Vergangenheit im Dunkeln liegt. Sie wächst bei Dha’veru, einer Heilzauberin auf, die ihre Ziehtochter in die Künste des Heilens einweist. Doch Lycadia hat eine ganz besondere Beziehung zur Magie: Sobald sie einen Patienten berührt, erkennt sie, wodurch er seine Verletzungen erlitten hat, sei es durch einen Schwertstreich bei einem verbotenen Gladiatorenkampf oder durch die Berührung eines Albschmeichlers, der niedlich aussieht, jedoch über ein hochwirksames Kontaktgift verfügt. Plötzlich erleidet Lycadia die Vision eines schrecklichen Wesens, das sie zutiefst erschüttert. Ein Wesen, das sich als Erijschu herausstellt, einst ein legendäres Tiefseewesen, heute nur noch ein Kinderschreck aus Märchen.

Regiert werden das Imperium und der Moloch Stadt von den Optimaten, einigen Familien, in denen die Magie besonders stark wirkt; sie zeichnen sich durch ihr drittes Auge auf der Stirn aus. Die Metropolitin aus einer der Familien herrscht mit religiös-diktatorischen Befugnissen.

Zusammen mit einigen Freunden und deren Freunden versucht Lycadia die Herkunft ihrer Vision zu ergründen und stellt dabei fest: Sie ist eng mit ihrer eigenen verknüpft. Zur Seite stehen ihr unter anderem Valorian, ein desertierter Myrmidone (Soldat), der einen Shingwa (Chamäleonid) aus den Händen seiner Truppe befreit hatte. Dann RaoRi, Lycadias katzenhafte Freundin vom Volk der Amaunir; sie ist Schamanin, Geistwesen können sich in ihr manifestierten. Rishuran hingegen ist Dha-verus dunkelhäutiger, väterlicher Freund und Leibwächter eines Optimatenhauses, sowie Shiniope, eine Kriegerin, und Groarhach, ein junger Löwe-Mensch-Hybrid vom Stamin der Leonir.

Mehr und mehr versinken Lycania und ihre Gefährten in einem Netz aus Lügen und Intrigen, und bei verlustreichen Ermittlungen stellt die junge Heilerin fest: Ihr Leben ist viel enger mit den Optimaten, Erijschu und nicht zuletzt auch einem verbotenen, archaischen Blutkult verknüpft, als sie anfangs annahm: Sie wurde nur geboren, um der Göttin des kalten Lichts, Madharya, geopfert zu werden, wurde als Baby jedoch in letzter Sekunde gerettet. Jetzt fordert Madharya ihr Recht…

Charlotte Engmanns Myranor-Debütroman besticht durch eine babylonisch zu nennende Völkervielfalt. Besonders Hybrid-Rassen aus Menschen und verschiedenen Tierarten herrschen vor, andererseits gibt es aber auch beispielsweise die vierarmigen, nachtaktiven Neristu und die Loualil, Meereswesen, die mit nichts zu vergleichen sind. Sehr farbenprächtig und facettenreich geschildert, dekoriert mit einigen amüsanten Details (z.B. werden kleine Hunde zwecks Nahrung gezüchtet, und es gibt – man höre und staune! – sogar eine Schwulen-Bar).

Dabei legt die Autorin einen ausgesprochen flüssigen Erzählstil zutage, der routiniert wirkt und sich dennoch extrem positiv von dem mancher Akkordschreiber unterscheidet. „Holperer“ beim Lesen habe ich beim besten Willen nicht finden können, was für sehr viel Sorgfalt spricht. Eine Investition, die sich gelohnt hat.

Einziger Kritikpunkt: Zu Beginn des Romans wirken die zahlreichen verschiedenen Völker und Protagonisten ein wenig verwirrend, man braucht einige Seiten, um sich einzulesen. Nicht jedem Volk wird der Platz zugestanden, den es eigentlich bräuchte, um Profil zu gewinnen. Doch dies ist entschuldbar und wohl eines der zwangsläufig auftretenden Probleme, wenn eine Welt „eingeführt“ wird, auf der spätere Romane basieren sollen. Dennoch: Diese Aufgabe wurde hervorragend gemeistert. Denn hat man sich erst eingelesen, springt der sogenannte „magische Funke“ mühelos über, sofort versinkt man in dem faszinierenden Ambiente. Und da die Handlung ausgesprochen spannend ist, möchte man das Buch am liebsten gar nicht aus der Hand legen.

Einige Rezensenten sollen behauptet haben, einen Schwarze-Auge-Roman könne im Prinzip ja jeder schreiben… Nun, bei einigen Werken der Reihe mag das möglicherweise zutreffen, nicht jedoch bei „Den Göttern versprochen“.

Ein mehr als empfehlenswerter Roman, nicht nur für eingefleischte Rollenspiel- und Fantasy-Fans!

_Markus Kastenholz_ © 2004
mit freundlicher Unterstützung von [Buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de/

Hohlbein, Wolfgang – u.a. – Vermächtnis der Feuervögel, Das

Einen Hohlbein kann man eigentlich (fast) immer lesen, ohne enttäuscht zu werden; und einige Bücher sind richtig spannend („Drachenfeuer“ oder „Spiegelzeit“ z.B.). Nicht dass wir besonders raffinierte oder gar innovative Genre-Stückchen vor uns hätten, aber der „deutsche Stephen King“ kann routiniert und flüssig schreiben, so wie halt King oder Koontz auch. Seine schlechtesten Bücher sind nicht schlechter als deren schlechteste Bücher, seine besten können manchmal gar (fast) mithalten und toppen die Durchschnittsware der Amerikaner, auch die gehobene. Wenn ich für diesen Band dennoch keinen Tipp ausspreche, so hat das drei Gründe, der erste ist bereits genannt: Routine, Handwerk, vom Hocker reißt nichts wirklich, vieles ist vorhersehbar. Der zweite und dritte haben zu tun mit der Verlagspolitik (kaum vorstellbar allerdings, dass Hohlbein keinen Einfluss darauf hat, er ist immerhin Hohlbein).

Hier wird nämlich – zweiter Grund – Irreführung betrieben. Das beginnt beim Untertitel „Fantasy-Stories“; davon enthält der Band eigentlich nur eine waschechte. Der Rest entstammt SF, Horror und dem, was man mitunter „Phantastik“ nennt (weil es weder Horror noch SF usw. ist). Ausschließlich auf Fantasy fixierte Leser (die gibt es!) dürften hier also weitgehend enttäuscht werden. Doch die Täuschung geht noch weiter; man ist gut beraten, sich vor Kauf das Inhaltsverzeichnis anzusehen: Drei der Geschichten, ein knappes Drittel des Textes, stammen gar nicht von Hohlbein, er hat nur die Vorworte geschrieben – und dann ist es vermessen zu titeln „Wohlgang Hohlbein und andere“, „Wolfgang Hohlbein und Dieter Winkler“ etc.

Dritter Grund: Piper recycelt kräftig. Ja, Hohlbein soll künftig stärker in den Verlag eingebunden werden – mindestens mit einer neuen Staffel ENWOR-Romane, die ab 2004 erscheinen wird. Und es ist nur verständlich, dass man möglichst viele Bücher eines unbestrittenen Erfolgsautors herausbringen will. Doch der potenzielle Käufer sollte seine WH-Sammlung durchsehen – falls diese Hohlbeins Fantasy-Selections der Jahre 1999 bis 2001 enthält (erschienen bei Weitbrecht Verlag in K. Thienemanns Verlag), dann besitzt er knapp 180 der 270 Seiten schon. Und von den restlichen 90 Seiten stammen nur 25 von Hohlbein. Anders gesagt: Der Band enthält nur eine (!) bisher nicht veröffentlichte Geschichte des Meisters … und diese, „Das Relief“, ist eine zugegeben schnell und sicher erzählte Horrorstory, aber nichts wirklich Neues. Harvard-Studenten suchen sich für einen Schabernack einen Friedhof aus, aber am Ende sind nicht die anvisierten Kommilitonen die Leidtragenden. Durchschnitt – lieber wieder einmal „Pickman’s Modell“ von Lovecraft lesen (dessen Grundidee hier variiert wird, doch auf nicht unbedingt überzeugende Art und Weise).

Alles Wesentliche zum Band wäre hiermit eigentlich gesagt; für Neugierigere folgt nun die Besprechung der Einzeltexte im Schnelldurchlauf:

„Das Vermächtnis der Feuervögel“, die Titel- und längste Geschichte, bringt einen Drehbuchautor, dessen Agenten und ihre beiden Freundinnen in das übliche alte, fast ruinierte Herrenhaus, dessen letzter Besitzer ein Vogelnarr war. Er vermachte die Immobilie denn auch seinen gefiederten Freunden, und man darf weder das Haus renovieren, noch die Vögel vertreiben, noch die Zimmer bewohnen, in denen sie nisten. Durchschaubar spätestens ab Seite 28, Ende inklusive. Horror Kingscher Machart, Dutzende Male gelesen.

„In Namen der Menschlichkeit“ gehört in die Rubrik „SF“, Unterabteilung „Alternative Geschichte“, Regal „häufig gebrauchte Grundideen“: Das Römische Imperium ist 1500 n. Chr. eine Weltmacht, die im Kampf mit dem Toltekenreich liegt – weltkriegsartige Zustände, Millionen Tote usw. Die Römer schicken eine Zeitkapsel mit 4 Mann und 2 Bomben in die Vergangenheit, um das Problem zu lösen, bevor es entsteht. Die Tolteken torpedieren das Unternehmen (im wahrsten Wortsinn); die Legionäre stranden irgendwo, irgendwann. Auf der ersten Seite fällt der Familienname der Hauptfigur: Cyrene, was beim leidlich bibelfesten Leser einen Verdacht weckt; drei Seiten später verdichtet der volle Name Simon Cyrene diesen zur Gewissheit (na? wer hat die passende Bibelstelle parat oder wenigstens die entsprechende Szene aus „Leben des Brian“??). Zum Glück gibt es immer weniger bibelfeste Leser, der immer größere Rest wird daher etwas später (vielleicht) überrascht. – Nee, ich muss hier mal die Katze aus dem Sack lassen: Natürlich ist der Ort der Handlung Jerusalem, die Zeit kurz vor dem Passahfest 33 n. Chr., und gewiss haben wir hier wieder einmal eine Jesus-Geschichte zu lesen. Originell daran sind Hohlbeins Entwurf der Ideologie des Römischen Imperiums – die Symbole Christi: Schwert und Lasergewehr -, die Idee der Gegner – Tolteken unter dem Banner Quetzalcoatls – und sein alternativer Geschichtsverlauf: Das Volk widersetzt sich der Kreuzigung, rebelliert, metzelt Römer, das Imperium wandelt sich, die Apostel werden Kaiser und Könige … Klar kommt es am Ende zu unserer Geschichte, doch wie, ist wieder schwach: Cyrene überlegt sich, wie viele Kriege im Namen Christi geführt werden und wie viele Menschen sterben – und gibt Judas Ischarioth dreißig Silberlinge. Eine fragwürdige Entscheidung, denn Cyrene macht einen ganz intelligenten Eindruck und müsste sich auch fragen, ob es ohne den Namen Christi wirklich weniger Kriege und weniger Tote wären. Ich behaupte mal: Nein. Wir hätten auch ohne die Religion einen Grund gefunden, das fortschrittliche Arabien zu überfallen oder die Indianer niederzumetzeln. Außerdem: Warum sollten die Leute nicht auch gegen die Kreuzigung rebellieren? – Schade, aus der Geschichte hätte sich mehr machen lassen; so jedoch weckt sie die meisten Erwartungen und enttäuscht daher am meisten.

„Das zweite Gesicht“ ist SF, verbunden mit Horror-Elementen, soll vor dem Missbrauch der Medizin warnen und die Frage stellen, ob wir alles dürfen, was wir können. Aber abgesehen davon, dass die Geschichte am Ende eigentümlich unentschieden bleibt, was diese Frage betrifft – sie geht auch unentschieden aus, ist in Teilen vorhersehbar und hat kein überzeugendes Ende.

„Im Schatten der Sonne“ wurde im Internet als Fortsetzungsgeschichte von 14 AutorInnen geschrieben. Macht pro Frau/Mann gut 1 Seite. Das merkt man. Nicht einmal C. L. Moore, Abraham Merritt, Robert E. Howard, Frank Belknap Long und Howard Phillips Lovecraft bekamen 1935 unter dem Titel „The Challenge from Beyond“ eine mehr als nur durchschnittliche Story zusammen (wobei Howards Schluss mit seiner ironischen Howard-Parodie wenigstens ein echter Brüller ist). Doch dieser 14-Mensch-Eintopf hier bleibt fade, verdorben im Sinne des Sprichworts von den vielen Köchen und enthält alles Mögliche, nur nix Nahrhaftes.

„Malicia“ aus der Feder Dieter Winklers, die allererste und bisher nicht veröffentlichte ENWOR-Geschichte, ist dann endlich einmal richtige Fantasy, gewürzt mit Horror-Elementen. Sie kann Howards „Conan“-Geschichten durchaus das Wasser reichen. In den Augen mancher Leser mag das freilich kein Kompliment sein, doch ich habe eine leise Schwäche für den Cymmerier, sofern er von Howard selbst zum Leben erweckt wird, bekenne mich fröhlich dazu und zu dieser Geschichte und empfehle den Puristen, es doch besser zu machen, wenn es so einfach ist, „Trivialliteratur“ zu schreiben. Eine akzeptable, spannende Story, die beste des Bandes – nur eben nicht von Hohlbein.

Esmee Weisleders „Engel laufen nicht!“ beschließt das Buch und ist laut WH die Siegergeschichte eines Schreibwettbewerbs des Hohlbein-Internet-Fanclubs. „Die Anzahl der Storys … war überwältigend, und die Qualität übertraf meine kühnsten Erwartungen (in jeder Hinsicht)“ schreibt der Meister doppelbödig. Je nun. Die Geschichte ist nicht schlecht, dennoch: Wenn sie die beste war, überbietet die Qualität der anderen die Erwartungen nur in einer Hinsicht, nach unten nämlich. Immerhin: konsequent komponiert, straff erzählt, die Hauptfigur lebendig gezeichnet, der Schluss in seinen Grundzügen erahnbar, aber gut ausgestaltet – eine Story auf besserem Fanzine-Niveau. Nicht mehr, nicht weniger.

Fazit dieser langen Rezension? Ein Buch mit wenigen Höhen und etlichen Tiefen, das mehr verspricht, als es hält; für Hohlbein- und/oder ENWOR-Freaks ein Muss, für alle anderen Leser eher fraglich. Nicht allzu enttäuschend freilich, aber das nimmt nicht Wunder – man erwartete ja auch nicht allzu viel …

© 2004 by _Peter Schünemann_
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Gibson, William – Neuromancer

William Gibson ist einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der letzten zwanzig Jahre. Er hat, wie kein anderer SF-Autor, in kürzester Zeit Kultstatus erlangt. Sein Erstlingswerk „Neuromancer“ wurde mit dem |Nebula Award|, dem |Hugo Award|, dem |Locus Award| und dem |Philip K. Dick Memorial|-Preis ausgezeichnet.

William Gibson entführt seine Leser in eine Welt immanenter, teils futuristischer Technik, die sich aber von ihrem sozialen und politischen Gefüge her kaum von unserer wirklichen Welt unterscheidet – multinationale Megakonzerne beherrschen die Wirtschaft und die Politik; die Ballungsräume haben sich zu immer größeren, geschwürartigen Gebilden entwickelt, bis sie irgendwann zusammengewachsen sind; ein sehr großer Teil der Bevölkerung lebt in den Randgebieten des Sprawl – in den Slums – und kämpft ums Überleben. Einige von ihnen haben sich die Technik zu Nutze gemacht und verdienen ihr Geld mit Datendiebstahl und Industriespionage.

|“Cyberpunks nennen sich die Computerfreaks mit implantierter Elektronik im Schädel, allesamt verrückt und süchtig nach irren Abenteuern jenseits der Realität. Die Direktschaltung von Gehirn und Computer verheißt Allgegenwart und nie dagewesene Sensationen. Eine neue Welt tut sich auf, intensiv wie ein elektrischer Schock.“| (Bruce Sterling)

Case war ein solcher Cyberpunk. Mit 22 Jahren war er einer der besten Deckjockeys im Sprawl – ein |Cowboy|, wie er es nannte. Er war ein Dieb, der für die großen, reicheren Diebe arbeitete. Seine Auftraggeber beschafften ihm die Software, die er benötigte, um in die riesigen Industrie-Komplexe mit ihren geheimen Forschungslaboratorien einzubrechen und dort all jene Daten zu stehlen, an denen sie interessiert waren.
Dann machte er den klassischen Fehler. Case behielt etwas von dem zurück, was ihm nicht gehörte. Er wollte das große Geld machen – und zwar schnell. Sie kamen ihm auf die Schliche, fanden ihn und bestraften ihn auf eine Art, die für Case schlimmer war als der Tod. |“Sie schädigten sein Nervensystem mit einem russischen Mykotoxin aus Kriegszeiten. In einem Hotel von Memphis ans Bett gefesselt, halluzinierte er dreißig Stunden lang. Mikron für Mikron brannte sein Talent aus. Der Schaden war gering, unauffällig, aber äußerst wirksam.“ (S. 14/15)| Seit dieser Nacht war der Cyberspace nur noch eine Erinnerung, ein Traum. Die Ärzte in den schwarzen Kliniken hatten seine Verstümmelung bestaunt, doch sie konnten ihn nicht heilen.
Darauf folgte der soziale und gesellschaftliche Abstieg. Er begann Drogen zu nehmen, Speed und Alkohol, und steigerte sich in eine akute Suizidgefahr hinein. Case stand mit einem Mal am Rande der Gesellschaft und agierte hart an der Grenze zur Unterwelt. Er war nur ein kleiner Gauner unter vielen.
|Heute| ist Case 24 Jahre alt. Er ist ein Punk, der orientierungslos einen Leitfaden durch sein Leben sucht. Case versucht den Eindruck zu erwecken, er habe mit seinem |früheren| Leben abgeschlossen, doch Drogen und mehr oder weniger unmotivierter Sex vermögen ihm nicht zu geben, was er außerhalb des Cyberspace entbehren muss.. |“(…) Der Körper war nur Fleisch. Case wurde ein Gefangener des Fleisches.“ (S. 15)|
Er ist einer der unzähligen Straßendealer in Ninsei, den Slums von Chiba City. Er schläft in den billigsten Absteigen und schlägt sich mit illegalen Geschäften für das organisierte Verbrechen und manchmal auch mit Mord durchs Leben. Die neuen Yen, die ihm seine Deals einbringen, investiert er direkt in den nächsten Auftrag und in Drogen.
Eines Abends tritt Molly in sein Leben. Molly ist eine kybernetisch aufgewertete Straßenkämpferin mit implantierten Linsen und Nagelmessern. Ihr Job ist es, Case zu ihrem Auftraggeber Armitage zu bringen – nur um zu reden, wie sie ihm versichert. Armitage unterbreitet ihm einen interessanten Deal. Er will Case’s Nervenschäden in einer illegalen Klinik heilen lassen, wenn dieser dafür einen Auftrag im Cyberspace übernimmt. Anfänglich zögert Case, da er zu oft enttäuscht wurde. Sein altes Leben wieder zum Greifen nah, willigt er dann aber doch ein, da er der Verlockung, endlich wieder den Cyberspace betreten zu können, nicht widerstehen kann …

William Gibson wurde am 17. März 1948 in Convay, South Carolina (USA), geboren. Nachdem 1966 seine Mutter starb, verließ er im Alter von 19 Jahren die USA und zog, um sich der Einberufung in den Vietnamkrieg zu entziehen, nach Toronto (Kanada). Seit 1971 wohnt er in Vancouver, British Columbia (Kanada).
Auf der |University of British Columbia| begann William Gibson zu schreiben. 1977 verkaufte er, zu Beginn der Punkbewegung, seine Kurzgeschichte „Fragments of a Hologram Rose“ (später im Heyne-Verlag veröffentlicht in der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“) an die wenig verbreitete Zeitschrift UnEarth.

Er begründete den Begriff |Cyberspace| und beschrieb die |Virtuelle Realität| (VR) und das |Internet|, bevor die meisten Menschen deren Existenz auch nur erahnten.

Der Cyberspace ähnelt im Großen und Ganzen unserem heutigen Internet. Während man, um das Internet zu benutzen, vor einem Bildschirm sitzt und seine Daten via Tastatur und Maus eingibt, |’steckt’| der User in Gibsons Vorstellung jedoch nur noch |’ein’|, worauf sein Geist in den Cyberspace eintaucht und dort agiert. Die Visualisierung basiert auf der Technologie der virtuellen Realität, die auf eine abstrakte Art und Weise an die reale Welt angelehnt ist.
Der Cyberspace wird z.B. genutzt, um Geschäftsprozesse von jedem Ort auf der Welt für die berechtigten Benutzer zugänglich zu machen. Aus den Mauern der realen Industriekomplexe und Banken werden im Cyberspace unsichtbare Mauern aus EIS (Elektronisches Invasionsabwehr-System). Auch hier gibt es, wie in der Realität, technische Möglichkeiten, diese Abwehrmechanismen zu umgehen. Genau wie in der realen Welt, treiben auch im Cyberspace Gauner, Diebe und Industriespione ihr Unwesen. Ihre Werkzeuge sind nur nicht mehr Dietrich und Schneidbrenner, sondern eigens zum Durchbrechen der Mauern aus EIS geschriebene Computerviren.
In Gibsons Vorstellung kann ein Deckjockey im Cyberspace auch sterben. Die Idee, welche dahintersteht, ist, dass, wenn der Geist im Cyberspace angegriffen und |getötet| wird, eine Rückkopplung erfolgt, die das Gehirn im wahrsten Sinne des Wortes grillt. Es besteht also ein gravierender Unterschied zwischen unseren heutigen Computerspielen, z.B. in Virtual-Reality-Cafés, und Gibsons Cyberspace. Wenn ein Deckjockey im Cyberspace einen schwerwiegenden Fehler begeht, dann wird kein virtuelles Leben abgezogen und es gibt auch keinen Schriftzug |Game Over|, der in roter Schrift im Blickfeld aufblinkt, der Deckjockey stirbt einfach – sowohl in der virtuellen als auch in der realen Welt.

Als Hommage an Gibsons „Neuromancer“ entstand das Pen&Paper-Rollenspiel „Cyberpunk“, welches in der düsteren Welt von „Neuromancer“ spielt.

William Gibson gilt auch als Begründer einer neuen literarischen Strömung in der Science-Fiction, dem |Cyberpunk| oder – in Anlehnung an „Neuromancer“ – der |Neuromantik|.

Der Titel „Neuromancer“ ist ein Wortspiel zu |Necromancer| (dt.: Nekromant), was soviel wie Geisterbeschwörer bedeutet, und |neuro|, also Nervensystem. Case, der Protagonist der Geschichte, ist ein zeitgenössischer, in naher Zukunft angesiedelter Zauberer. Seine Hexerei besteht darin, das menschliche Nervensystem mit dem elektronischen neuronalen Netzwerk der Computerwelt zu |interfacen| und diese zu manipulieren bzw. von ihr manipuliert zu werden. Dieser Gedanke folgt analog dem wechselwirkenden Eintritt eines Schamanen in traditionelle mystische Bereiche (die Geisterwelt) mittels Drogen und/oder Trance.

Das Genre ist geprägt vom Lebensgefühl der Punkkultur, die sich in einer modernen, von Elektronik geprägten Welt wiederfindet. Im Mittelpunkt steht ein Computernetzwerk ähnlich unserem Internet, der Cyberspace oder auch die Matrix, welches dem Menschen mittels Interfaces ein völlig neues Terrain eröffnet.

William Gibson verbindet in seinen Romanen zwei Strömungen der Science-Fiction, die |Hard SF| und die |New Wave| der siebziger Jahre. Seine wissenschaftlich-technische Extrapolation entstammt der Hard SF, während seine stilistische Ausführung New Wave pur ist, das heißt, er schreibt gesellschaftskritisch mit einem romantischen Impuls und er bedient sich des in der New Wave verwendeten Archetypus der Protagonisten.

Die Hard SF zeichnet sich durch einen logischen Positivismus, traditionelle moralische Werte und ein wissenschaftliches Weltbild aus. Streng wissenschaftlich orientiert, werden in simpler, transparenter Erzählkunst die Geschichten gestählter Könnertypen und gefühlloser Technikmenschen dem Leser nahe gebracht. Die Archetypen dieser Stilrichtung sind beispielsweise Computerhacker oder Weltraumkommandanten, die meist aus mittelständischen oder aristokratischen Gesellschaftsschichten stammen.
Aus der Sicht der Hard-SF-Autoren vertreten die Autoren des New Wave eine nihilistische, gegen Wirtschaft und Technik gerichtete Einstellung.

Die New Wave hingegen begründet sich auf ein |gesundes| Volksempfinden, welches sich in der Rebellion gegen Establishment und Krieg manifestiert. Sie steht für sexuelle Befreiung und einen kulturellen Pluralismus, aus dem sich ein charakterologischer Realismus ergibt, der sich auch in den Archetypen, wie z. B. Hippies oder Punks widerspiegelt. Stilistische Experimente, wie z. B. Slang oder mehrere Erzählstränge und ein starker romantischer Impuls, der sich in der Einbeziehung und Beschreibung des Banden- und Straßenmilieus offen zeigt, runden das Bild der New Wave ab.
Die New-Wave-Autoren werfen den Autoren der Hard SF vor, sie seien naiv, da sie zu glauben scheinen, ein Aufschwung in Wirtschaft und Technik müsse eo ipso zur Verbesserung der menschlichen Bedingungen beitragen.

Die Merkmale dieser beiden Strömungen galten lange Zeit als unvereinbar. Doch Gibsons Werke scheinen genau den Nerv der Zeit zu treffen. Er vereinigt in seinen Romanen eine komplexe Synthese der Popkultur mit High-Tech und einem fortgeschrittenen Schreibstil. Seine Werke beheimaten dichte und bizarre Storys, eine kantige und düstere Leidenschaft und intensive Detailfreude. Hervorzuheben sind dabei neben der Neuromancer-Trilogie, welche durch „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ komplettiert wird, die |Sprawl-Serie|, zu der die Kurzgeschichten „Johnny Mnemonic“, „New Rose Hotel“ und das fabelhafte „Burning Chrome“ gehören. Die Charaktere sind ein Sammelsurium aus Verlierern, Gangstern, Abtrünnigen, Ausgestoßenen und Irren, mit denen man sich durchaus zu identifizieren vermag. Gibson schreibt von |normalen| Menschen, die sich in unserer technisierten Welt zurecht finden müssen und nicht von den unfehlbaren |Super|-Helden aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten, wie es die Hard SF bevorzugt.

Im Vorwort von „Cyberspace“ schreibt Bruce Sterling über Gibsons Erzählungen:
|“(…) In seiner Welt ist die Wissenschaft kein Wunderbrunnen schrulliger Genies, sondern eine allgegenwärtige, alles durchdringende, greifbare Kraft.
Die Geschichten zeichnen ein Bild der modernen Misere, das ein jeder auf den ersten Blick erkennt. Gibsons Extrapolationen führen uns mit überspitzter Klarheit den verborgenen Teil eines Eisbergs sozialen Wandels vor. Dieser Eisberg treibt mit finsterer Majestät durchs späte zwanzigste Jahrhundert, aber seine Proportionen sind gewaltig und düster.“|

Gibsons Schreibstil, die kantige und düstere Leidenschaft seiner Geschichten, spiegelt sich in der Passage auf der ersten Seite des Buches wider. Er nutzt nicht nur in der wörtlichen Rede, sondern auch bei seinem Erzählstil eine Syntax, die dem Straßenslang sehr nahe kommt. Hier zeigt sich der Impuls des New Wave, der in Gibsons Geschichten eine große Rolle spielt.
|Case schloss die Augen.
Fand den geriffelten EIN-Schalter.
Und in der blutgeschwängerten Dunkelheit hinter den Augen wallten silberne Phosphene aus den Grenzen des Raumes auf, hypnagoge Bilder, die wie ein wahllos zusammengeschnittener Film ruckend vorüberzogen. Symbole, Ziffern, Gesichter, ein verschwommenes, fragmentarisches Mandala visueller Information.
Bitte, betete er, jetzt …
Eine graue Scheibe, Himmelsfarbe von Chiba.
Jetzt …
Die Scheibe begann zu rotieren, immer schneller, wurde zur hellgrauen Sphäre. Weitete sich.
Und floß, entfaltete sich für ihn. Wie ein Origami-Trick in flüssigem Neon entfaltete sich seine distanzlose Heimat, sein Land, ein transparentes Schachbrett in 3-D, unendlich ausgedehnt. Das innere Auge öffnete sich zur abgestuften, knallroten Pyramide der Eastern Seabord Fission Authority, die leuchtend hinter den grünen Würfeln der Mitsubishi Bank of America aufragte. Hoch oben und sehr weit entfernt sah er die Spiralarme militärischer Systeme, für immer unerreichbar für ihn.
Und irgendwo er, lachend, in einer weiß getünchten Dachkammer, die fernen Finger zärtlich auf dem Deck, das Gesicht mit Freudentränen überströmt.
in Liebe für Deb,
die es möglich gemacht hat|

Mir liegen noch ein paar Worte zur deutschen Übersetzung auf der Seele.

Zum Einen wirkt es ein wenig befremdlich, wenn man anstelle des weit verbreiteten Begriffes |Cyberspace| immer wieder |Kyberspace| lesen muss. Noch schlimmer kann man ein englisches Wort wohl kaum verunstalten – das erste Teilwort auf Deutsch und das zweite weiterhin auf Englisch. Nun gut, diese Übersetzung ist in der Mitte der achtziger Jahre entstanden und so mag man es dem guten Reinhard Heinz nachsehen, aber ehrlich gesagt, habe ich mich da im gesamten Buch nicht dran gewöhnen können.
Dieser Hirnverdreher ist zwar in der neuen Auflage behoben, dafür ist aber der gesamte Sprachstil |geglättet| worden. Meiner Meinung nach verliert der Roman dadurch viel an Atmosphäre. Da „Count Zero“ (Biochips) und „Mona Lisa Overdrive“ nicht mehr einzeln erhältlich sind, wird sich der geneigte Leser ein Bild davon machen können, wenn er die neue Fassung mit der alten vergleicht. Ich empfehle wirklich, den ersten Roman in der älteren Übersetzung zu lesen.
Leider tritt das gleiche Phänomen auch bei der Kurzgeschichtensammlung „Cyberspace“ auf und auch hier verlieren die Geschichten an Atmosphäre.

Alles in allem ist dieses Buch in jedem Falle ein Leckerbissen für alle „Cyberpunk“- und „Shadowrun“-Rollenspieler, aber auch alle Nicht-Rollenspieler, die sich an diesem Genre erfreuen, werden ihre helle Freude daran haben.

|Siehe ergänzend dazu Michael Matzers [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=521 zum Hörspiel.|

Stephen Baxter – Evolution

Über mehr als eine halbe Milliarde Jahre spannt sich der Bogen dieses Romans, der den langen Weg der Menschwerdung beschreibt, um schließlich mit dem Ende der Menschheit und sogar allen Lebens zu schließen; in seinen ersten beiden Dritteln ein Quasi-Sachbuch mit erzählerischen Elementen, das mit dem Sprung in die nahe und besonders in die ferne Zukunft den Charakter einer Vision gewinnt. Ob 1000 Seiten erforderlich sind, eine im Grunde aus Episoden montierte Geschichte zu erzählen, ist ein diskussionswürdiger Punkt. Zwar nicht „das große Meisterwerk der Science Fiction“ (Klappentext), aber definitiv ein lesenswertes Buch! Stephen Baxter – Evolution weiterlesen

Bionda, Alisha (Hg.) / Borlik, Michael (Hg.) – Wellensang

Mit der Anthologie „Wellensang“ haben Alisha Bionda und Michael Borlik eine Sammlung von Kurzgeschichten zusammengetragen, die „nicht im Einheitsbrei der Masse untergehen sollte“.

Die Anthologie umfasst achtzehn Geschichten mit einem breit gefächerten Spektrum in der Thematik, es reicht von alten Kulturen über Märchen und Futuristisches bis zu typischen Fantasy-Motiven wie Zwergen und Drachen.
So erzählt „Das Lied der Krähe“ von einer geraubten und zur Ehe gezwungenen keltischen Fürstentochter, die grausame Rache an ihrem Entführer nimmt, die „Welt zwischen den Zeilen“ von einem Mädchen, das einen Weg aus seiner kalten und technisierten Welt sucht, „Wenn die Eiswölfe singen“ vom Kampf einer unvollständig ausgebildeten Hexe gegen die Eroberer ihrer Heimat, und „Dämonenbrut“ von einem Drachen, dessen Brut sich vom Angstschweiß der Menschen ernährt.
Einige Geschichten verknüpfen unsere alltägliche Welt mit einer Fantasiewelt, wie zum Beispiel „Mohnblumenkönigin“, andere spielen ganz in unserer, wie „Haus ohne Schlüssel“, oder ganz in einer Fantasy-Welt, wie „Heimkehr nach Kalipay“. Manche lassen uns schmunzeln, wie „La Belle et la Bête“, oder gruseln, wie „Zwischen 9 und 9“.

Zu den Schmunzel-Geschichten gehört „Die Tränen des blauen Gottes“. Zwei Gauner versuchen den Coup ihres Lebens: Sie wollen den Tempel des blauen Gottes berauben. Gläubige bringen dem Gott kostbare Opfer dar, Gold und Silberschmuck, mit Perlen und Juwelen verziert, um dafür mit seinen Tränen beschenkt zu werden, faustgroßen blauen Edelsteinen. Der kleinere der beiden Gauner hat ausgekundschaftet, dass diese Edelsteine keine echten Tränen sind, sondern von den Priestern durch die löchrigen Augenhöhlen der Götterstatue hindurchgereicht werden. Tatsächlich gelingt es den beiden, sich Edelsteine aus dem Tempel zu beschaffen….
Die Geschichte ist leicht und amüsant erzählt, trotz der Erzählkürze sind die beiden Gauner gut getroffen, auch wenn das Duo „klein und schlau“ gemeinsam mit „groß und eher langsam“ nicht ganz neu ist. Leider geht die eigentliche Ironie der Erzählung etwas verloren, weil das Ende zu früh absehbar ist, deshalb gehört diese Geschichte auch nicht zu den besten des Buches.

„Zolineks Geschichte“ ist eigentlich Erikas Geschichte, aber Zolinek ist derjenige, der sie erzählt. Zolinek ist ein Zwerg, der mit seiner Frau, einer Koboldin, als Kräuterverkäufer durchs Land zieht. Die beiden fanden Erika im Wald und päppelten das arme Wesen wieder auf. Erika fängt an, ihnen zu vertrauen, und erzählt ihnen, dass der für seine Grausamkeit berüchtigte Graf Sulak ihre ganze Familie ermorden ließ. Jetzt ist er hinter Erika her. Erika aber will nicht davonlaufen, sondern sich rächen, und macht sich auf die Suche nach jemandem, der ihr den Weg zu einem besonderen Berg zeigen kann. Dort wohnt ein Geist, den sie um Hilfe bitten will. Doch die Suche zieht sich in die Länge, und die Häscher kommen näher….
Was diese Erzählung auszeichnet, ist weniger die Handlung an sich als die liebevolle Erzählweise, in der die Geschichte vorgetragen wird. Zolinek erzählt mal drollig, mal ernst, und man kann beinahe die Kummerfalten auf seiner Stirn sehen, wenn er zum Ende kommt. Der Zwerg wird durch seine Worte richtig lebendig, was unter anderem daran liegt, dass er ebenso viel von sich und seiner Frau wie von Erika erzählt. Dieser Teil der Geschichte ist der interessantere, denn im Gegensatz zu der Handlung um Erika, die im Grunde nicht viel hergibt, sind die Beschreibungen des kuriosen Paares und seines Planwagens samt Mitbewohner einfallsreich und gelungen.

Zu meinen eindeutigen Favoriten gehört „Das Orakel“. Die junge Priesterin der Pinks, vogelähnlicher Wesen, sucht in jeder Vollmondnacht die Höhle ihres Gottes auf. In diesen Nächten öffnet sich die Tür zum Orakel, das vorhersagt, was in dieser Nacht geschehen wird. Denn in den Vollmondnächten passieren seit mehreren Mondzyklen jedes Mal irgendwelche Katastrophen…
Edgar Halverfeld wird seit mehreren Monaten von Albträumen geplagt, immer in den Vollmondnächten, und die ganze Nacht hindurch immer wieder. Alle Versuche wachzubleiben, sind gescheitert, schlag Zwölf schläft er ein und träumt jedesmal von entsetzlichen Katastrophen….
Hier lebt die ganze Geschichte voll von den beiden parallelen Handlungen, wobei der Teil um Edgar der kleinere ist. Die fremde Welt der Pinks ist nur knapp skizziert, gerade ausreichend, damit der Leser versteht, worum es geht, und doch fließen hier und da ein paar im Grunde völlig nebensächliche Details ein, mit der frappierenden Wirkung, dass man plötzlich das Gefühl hat, es ganz genau zu wissen. Tatsächliche Antworten erhält man aber kaum. Nur eine kurze Erklärung wird geliefert, warum die Welt der Pinks und die Edgars auf einmal durch eine Tür miteinander verbunden sind. Andere Fragen wie die nach dem Grund für Edgars Albträume und Ahnliches bleiben unbeantwortet. Die Geschichte erhält dadurch etwas Rätselhaftes. Gute Idee gut umgesetzt.

„Von Zähnen, Sternen und Feen“ hat zunächst überhaupt nichts Fantastisches an sich. Jeff verschluckt sich beim Frühstück an einem ausgebissenen Zahn. Sein letzter Milchzahn. Aber die Bemerkung seines Vaters über die Zahnfee bringt ein Fass zum überlaufen und es gibt Zoff. Was das Fass gefüllt hat, erfährt man allmählich, während Jeff die Schule schwänzt. Als er endlich abends im Bett liegt, erlebt er eine Überraschung.
Jeff hat offenbar nicht unbedingt das beste Zuhause, aber im Großen und Ganzen klingt das alles eigentlich ziemlich banal und alltäglich. Wenn da nicht das seltsame Verhalten von Jeffs Mutter wäre. Jeff grübelt darüber nach, ob sie wirklich trinkt, wie ein Klassenkamerad behauptet hat. Richtig gruselig wird es erst, als die Zahnfee auftaucht, und der Leser grübelt hinterher über etwas ganz Anderes nach: „War sie’s oder war sie’s nicht?“

Auch die Hauptfigur in „Die gläserne Stadt“ ist ein amerikanischer Durchschnittsjunge, und er läuft vor etwas davon, stürzt aber im Nebel und landet an einem unbekannten Ort. Er befindet sich an einem stillen, dunklen Fluss, und jenseits schimmert Licht. Dann taucht eine Gestalt auf, die eine Maske trägt. Sie ist gekommen, um Martin etwas zu zeigen, etwas jenseits des Flusses…
Die Geschichte hat große Ähnlichkeit mit einer Traumsequenz, ist aber nicht wirr und auch nicht beängstigend. Sie spiegelt eine Art Suche wieder, ein Verarbeiten von Verlust, eine Auseinandersetzung mit dem Tod. Auch hier bleiben Fragen offen, zum Beispiel, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Maskierten handelt, aber die Botschaft ist eindeutig tröstlich.

Eine wirklich traurige Geschichte dagegen ist ein weiterer meiner Favoriten: „Heimkehr nach Kalipay“. Kalipay ist ein wunderbarer Ort, fast ein Paradies. Doch die Jungen werden mit zwölf Jahren aus Kalipay fortgeschickt, um in einer wüsten Ödnis nach seltenen Steinen zu graben. Für die Steine erhalten sie Punkte, und nur mit genügend Punkten dürfen sie nach Hause zurückkehren. Siebenundzwanzig Jahre schuftet Gashiah schon, und ist trotzdem noch unendlich weit vom Ziel entfernt. Nur weil er bereit ist, sich in tödliche Gefahr zu begeben, kann er schließlich seine Heimat wieder betreten. Doch das Paradies währt nur kurz…
Das Erstaunlichste an der Geschichte ist, dass Gashiah am Ende zufrieden ist so wie es ist, und das trotz all der Jahre des Schuftens und der Sehnsucht. Dieses Akzeptieren ohne jede Bitterkeit verleiht der Geschichte einen Hauch wehmütiger Melancholie und ihrem Helden innere Größe.

Auch wenn die angesprochenen Erzählungen nur ein Drittel des Buches ausmachen, dürfte die Vielfalt und Besonderheit der Sammlung deutlich geworden sein, und man darf den Herausgebern bescheinigen, dass sich diese Anthologie in der Tat von der Masse abhebt: Keine Abenteuerfahrten, kein Held, der als einziger die Welt retten kann, keine Schlachten, keine großen Zauberer. Alle Geschichten zeichnen sich durch ein begrenztes Umfeld aus, das sich mehr oder weniger stark auf die Hauptperson konzentriert. Es sind kleine Welten, die hier dargestellt sind, und kleine Geschehnisse, auch wenn sie große Folgen nach sich ziehen.
Der Grund dafür liegt sicher auch in der Erzählform der Kurzgeschichte. Im Vordergrund steht das Geschehen an sich, Landschaftsbeschreibungen oder detaillierte Charakterdarstellungen fehlen. Für epische Breite ist kein Platz. Kurzgeschichten sind Momentaufnahmen, sie neigen zur Unvollständigkeit, fangen mittendrin an und hören auch mehr oder weniger mittendrin auf. Im Gegensatz zum Roman, wo man ungeklärte Fragen als Manko empfindet, gehört dies hier durchaus dazu. Eine Kurzgeschichte macht sich nicht die Mühe zu erklären, sondern verlangt, dass der Leser selbst nach einer Erklärung sucht, Lücken ausfüllt, sich vielleicht ein eigenes Ende oder eine eigene Vorgeschichte ersinnt.
Das unterscheidet diese Anthologie auch von anderen wie zum Beispiel der Diebeswelt, die Robert Asprin ins Leben rief. Dort wurde eine gemeinsame Welt erschaffen, in der die Geschichten aller Autoren spielen, und die Geschichten wurden mehrfach fortgesetzt, wodurch die Diebeswelt schon wieder epische Ausmaße annimmt. In „Wellensang“ steht jede Geschichte und jede Welt für sich allein, und es gibt auch zu keiner eine Fortsetzung, sodass der Charakter der Kurzgeschichte erhalten geblieben ist. Dadurch kann man das Buch nicht einfach von vorne nach hinten durchlesen. Es empfiehlt sich, zwischen den einzelnen Geschichten Pausen einzulegen und das Gelesene nachwirken zu lassen.

Ich fand die Sammlung äußerst bemerkenswert. Im Allgemeinen liegen mir Kurzgeschichten nicht so sehr, ich ziehe Geschichten, die sich über längere Zeit entwickeln, den Anthologien vor. Diese war jedoch eine angenehme Abwechslung, sowohl in sich selbst als auch im Vergleich zu anderen Werken. Auch wenn ich vereinzelt Assoziationen zu bekannten Werken hatte, wie in „Das Lied der Krähe“ und „Zwischen 9 und 9“, ist der Großteil der Geschichten erfrischend unverbraucht und außergewöhnlich.
Bemerkenswert finde ich aber nicht nur die Geschichten, sondern auch die Illustrationen jeweils am Beginn der einzelnen Geschichten. Mal romantisch, mal als Karrikatur, geben sie wesentliche Teile der Geschichte wieder und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild der Anthologie ein. Sehr gelungen.
Ebenfalls lobend erwähnen möchte ich das ausgezeichnete Lektorat des Buches, was leider immer weniger selbstverständlich wird.

„Wellensang“ trägt den Untertitel „Fantasy-Welten“.
Zu meiner Schulzeit unterschied man noch zwischen Fantastischer Literatur und Fantasy, wobei Fantasy als trivial galt und deshalb das Schmuddelkind war, das man bestenfalls nachsichtig belächelte. Literatur dagegen war, grob vereinfacht gesagt, interpretierbar.
„Wellensang“ zeigt, dass diese strenge Grenze offenbar durchlässig geworden ist. Viele der darin enthaltenen Geschichten zeigen deutliche Spuren fantastischer Literatur. Im Gegenzug hat der Begriff „Fantasy“ seinen abwertenden Beigeschmack verloren.
Stephanie Bense hat sich im letzten Kapitel des Buches die Mühe gemacht und versucht, den Bergen von Genres und Subgenres ein gewisses Maß an Ordnung und Erklärung zu geben. Es ist ihr gut gelungen, ich gestehe aber, dass es für mich persönlich nicht so wichtig ist, zu welchem Genre oder Subgenre eine Geschichte gehört. Wichtig ist, dass das Thema mich anspricht und die Geschichte gut erzählt ist. Von „Wellensang“ kann ich das fast ausnahmslos behaupten. Die Erzählungen kommen aus vielen verschiedenen Ecken, sodass für jede Vorliebe etwas Passendes dabei sein dürfte, und sie sind flüssig und gut erzählt. Was man jedoch vergeblich sucht, ist Action. Auch wer es gern monumental mag, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

Sowohl Alisha Bionda als auch Michael Borlik haben bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und auch bei diversen Anthologien mitgewirkt. Von Alisha Bionda ist der Fantasyroman „Regenbogen-Welt“ in Vorbereitung. Michael Borlik schreibt außerdem an seinem zweiten Roman. Zu beiden sowie auch zu den Autoren der einzelnen Geschichten und dem Illustrator findet man im Anhang des Buches eine Art Ministeckbrief.

http://www.alisha-bionda.de
http://www.borlik.de

Irwin, Valerie M. – Legende von Atlantis, Die

Der beliebteste Stoff für Fantasy neben der Artussage dürfte eine Erzählung sein, die bis in die Zeit der ersten Geschichtsschreibung überhaupt zurückreicht. Solon soll die Geschichte in einem ägyptischen Tempel auf einer Steinsäule entdeckt und abgeschrieben haben. Jahrhunderte später nahm Platon sich der Geschichte an. Sein „Kritias“ machte die Geschichte zum sagenhaften Mythos, um dessen Wahrheitsgehalt sich bis heute die Gelehrten streiten: Atlantis.
Neben vielen anderen Autoren, darunter Marion Zimmer-Bradley, hat sich auch Valerie M. Irwin des Themas angenommen. Ihre Version von Atlantis unterscheidet sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Sie wirkt wie ein Historienroman.

Ashinn ist ein junger Mann Mitte Zwanzig, der als Koch bei einem reichen Schiffbauer arbeitet. Er lebt ein ziemlich sorgenfreies Leben, genießt gutes Essen und Pferderennen, besucht gelegentlich seine Eltern und Freunde und liebt seinen Beruf. Doch eines Tages fällt ein Schatten auf diese zufriedene Welt: Das Gerücht kommt auf, dass der Meeresspiegel steigt, und bald ist es mehr als ein Gerücht. Ashinn, dessen Ziehvater Mitglied im Hohen Rat ist, gerät dadurch unversehens mitten in den Brennpunkt des Geschehens, denn Atlan soll an einem anderen Ort neu errichtet und die gesamte Bevölkerung umgesiedelt werden. Ein Mammutprojekt! Und Ashinn wird in den Rat des Neuen Atlan berufen, der dieses Projekt durchführen soll.
Allerdings hat das Projekt viele Gegner: eine Sekte, die sich „Die Diener“ nennt, hält die steigenden Fluten für eine Strafe des Sonnengottes En und die Umsiedlung von Atlan für Gotteslästerung. Ihr Einfluss wächst und macht die Arbeit für den Rat des Neuen Atlan zu einem Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen sein eigenes Volk.

Valerie M. Irwin hat sich in vielem dicht an Platon gehalten, so in ihren Beschreibungen der Stadt und der Insel insgesamt, der Wasserversorgung u.a. Was allerdings bei Platon hauptsächlicher, ja alleiniger Grund für den Untergang Atlantis‘ war, nämlich der Zorn des obersten Gottes über die Gottlosigkeit der Atlanter, ist hier nur eine von zwei sich unversönlich gegenüberstehenden Überzeugungen, verkörpert vor allem in dem hohen Priester Diarr. Die Gegenposition wird vertreten von Narr, Ashinns Ziehvater, der nicht an Götter, sondern an die Vernunft glaubt. Der Streit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Weltanschauungen wird zum größten Hemmnis bei dem Versuch der Atlanter, sich und ihre Kultur zu retten.
Den entscheidenden Ausschlag für das Misslingen des Versuchs jedoch gab schlicht menschliches Versagen.
Die Religion ist hier also nicht zum reinen Buhmann und alleinigen Bösen verkommen, wie es in vielen Romanen allzu oft der Fall ist. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten und Hierarchiestufen, sodass ein Schwarz-Weiß-Effekt vermieden wird.
In diese religiösen, politischen und ideologischen Konflikte ist die Geschichte von Ashinns Familie eingebunden und ergänzt sie durch die gesellschaftlichen Aspekte der atlantischen Kultur:
Sklaverei, Tafelrunden, die an mittelalterliche Gilden und Zünfte erinnern, Ehe und Konkubinat, gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen und Festessen geben zusammen mit Ashinns persönlichen Erlebnissen dem Gesamtbild Leben und Farbe. In Ashinns Familie spielen sich ähnliche Konflikte ab wie im Hohen Rat: Diener gegen Vertreter der Wissenschaft, Religion gegen Vernunft, nur dass es hierbei nicht so sehr um Macht als um Gefühle geht, um Liebe, Eifersucht und verletzten Stolz.
Allein der Teil der Geschichte, in der sich herausstellt, dass Ashinn und Oriole verwandt sind, wirkt, wenn auch nicht wirklich unrealistisch, so doch zumindest leicht konstruiert.

Abgesehen vom Verlauf der Handlung sind auch die statischen Elemente gut gelungen. Der Entwurf der religiösen Weltsicht und die dazugehörigen Riten sind stimmig und außerdem in die allerdings nur knapp umrissene Vergangenheit eingepasst. Ähnlichkeiten mit dem, was wir von den alten Hochkulturen im Zweistromland und Mittelmeerraum kennen, sind gewollt.
Ashinns Arbeit und seine gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Viertel Atlans, sowie aufs Land und zur Nachbarinsel Xetlan, wo er Oriole abholt, beleuchten alle Gesellschaftsschichten, sodass man ein lebhaftes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern erhält.
Die Charaktere sind ebenfalls überzeugend gezeichnet. Gekonnt hat die Autorin Aktion und Reaktion ineinander verzahnt und dadurch ein glaubwürdiges Geflecht von Beziehungen geschaffen, so zum Beispiel zwischen König Rastinn, der nichts mehr fürchtet als einen Putschversuch seines Halbbruders, und Prinz Ivorr, der daran überhaupt nicht denkt, sondern einfach nur Atlans Bevölkerung retten will; zwischen Ashinns Ziehvater Narr, dem Atheisten und Forscher, der gerade einen Dampfwagen erfunden hat, und seiner Frau Ocean, die früher zur Dienersekte gehörte und sich für so gut wie nichts interessiert, am allerwenigsten für Technik; zwischen Oriole und ihren Eltern, von denen sie sich rigoros abgrenzt, weil sie sich von beiden ständig in entgegengesetzte Richtungen gedrängt fühlt; und Diarr, der Hohepriester, der zwar fast außerhalb aller Beziehungen zu stehen scheint, aber dessen eindimensionale Denkweise, Dogmatik und Gnadenlosigkeit trotzdem klar herausgearbeitet sind.

So hat die Autorin es verstanden, ein Szenario zu entwerfen, das nicht nur realistisch, sondern in manchen Dingen, wie z. B. Elendsviertel und Überbevölkerung, geradezu modern wirkt. Und wenn, wie ein Teil der Wissenschaft glaubt, Platon sein Kritias nicht als Historienbericht sondern als Utopie, als Belehrung, geschrieben hat, dann ist Valerie Irwins Atlantis ein Exempel dafür, wie eine äußere Gefahr zur Krise und zum Untergang einer ganzen Kultur führen kann, wenn die Verantwortlichen nicht die Kraft und innere Größe haben, die Dinge sachlich und frei von persönlichen Gefühlen und Ideologien zu betrachten, sondern sich statt dessen in kleinlichen Rivalitäten und Machtkämpfen verzetteln.

Die gesamte Geschichte ist eingebettet in einen wissenschaftlichen Bericht über die Entdeckung von beschriebenen Tontafeln in Cornwall, und läßt den Verfasser dieser Tafeln, Ashinn, seine Geschichte selbst aus seinen Erinnerungen erzählen. Anfangs holpert der Erzählfluss ein wenig, da Ashinn sich immer wieder selbst unterbricht, um allgemeine Erklärungen und Beschreibungen über das Leben in seiner Stadt einfließen zu lassen, die für das Verständnis der Ereignisse wichtig sind, doch diese Unterbrechungen hören irgendwann auf, und Ashinn entwickelt sich zu einem guten Erzähler. Alle Erzählstränge sind gekonnt miteinander und ineinander verwoben und ergeben das detailliert ausgearbeitete Bild einer Natur- und menschlichen Katastrophe, eine Geschichte von religiösem Fanatismus, von Machtmissbrauch und politischem und menschlichem Versagen.

Alles in Allem kann man das Buch getrost als gelungen bezeichnen. Das Holpern am Anfang und die konstruierte Verwandtschaft zwischen Oriole und Ashinn stören nur wenig, und der realistische Entwurf, der ohne übliche Fantasy-Elemente wie Magie und mythische Wesen auskommt, hebt es aus der Masse heraus und macht es zu einer interessanten Abwechslung. Die Autorin schreibt flüssig und eher schlicht, aber durchaus lebendig, und auch wenn der Spannungsbogen sich nur allmählich aufbaut, wird es nie zäh oder flach. Durchaus empfehlenswert.

Valerie M. Irwin ist ein Pseudonym und „Die Legende von Atlantis“ scheint das einzige Buch zu sein, das sie unter diesem Pseudonym veröffentlicht hat. Informationen über die Autorin, wie eine Homepage o.ä., waren nicht zu finden.

http://home.pages.at/yoman/atlantis/platon.htm

Pratchett, Terry – Rincewind, der Zauberer

Rincewind ist der berühmteste Zauberer der Scheibenwelt: ein lächerlicher Charakter, feige und völlig inkompetent, er flieht meist vor Magie, denn seine Zaubersprüche bewegen meist nur heiße Luft. Er wird begleitet von dem geheimnisvollen Gepäckstück Truhe und einem unbedarften Touristen namens Zweiblume.

_Die Farben der Magie_

„Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) ist Pratchetts erster Scheibenwelt-Roman. Widerwillig begleitet hier der junge Unterzauberer Rincewind Zweiblum, den ersten Touristen auf der Scheibenwelt, und dessen ebenso vielbeiniges wie psychopathisches Gepäckstück Truhe. Im letzten Drittel werden alle von Drachenkriegern auf einen umgedrehten Berg entführt, was zu unsäglich komischen Verwicklungen führt. Außerdem wechselt Rincewind kurzzeitig in unsere Dimension, wo er mit seinem Dusel eine Flugzeugentführung beendet. Dass die Truhe am Schluss wieder einschreitet, ist auch klar.

Die Parodie in „Farben der Magie“ dient Pratchett dazu, die Fantasy durch den Kakao zu ziehen, vom Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber, über H.P. Lovecraft bis hin zu den Drachenepen von Anne Caffrey.

_Das Licht der Phantasie_

Im zweiten Scheibenwelt-Roman, der direkten Fortsetzung von Band 1, treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übelriechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität. Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind: Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.

Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

_Der Zauberhut_

In diesem Band ist die Kraft der Zauberei derartig gesteigert, dass die Magier der Scheibenwelt zu Überheblichkeit verführt werden – und zum Krieg: Als Folge dräuen gar bald die Apokalypse und ihre vier Reiter (Pest, Krieg usw.). Ein widerwillig unternommener Akt unzureichender Zauberei rettet zwar die Welt, versetzt aber zugleich Rincewind in eine Anderswelt, die den Kenner doch schwer an H.P. Lovecraft erinnert („Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath“ und andere Werke). Für jede Magie gibt’s einen Verlust, um die Dinge im Gleichgewicht zu halten. (Magic and Loss – so heißt auch eine gute Platte von Lou Reed.)

_Eric_

Der etwa 14-jährige Eric ist so eine Art Möchtegernzauberer und macht Sachen, von denen seine Eltern nichts erfahren dürfen. Er beschwört einen Dämon und erhält statt dessen Rincewind. Er soll ihm drei Wünsche erfüllen: Eric möchte Herrscher der Welt sein, die schönste Frau besuchen und ewig leben. Na, denn prost, denkt sich Rincewind unwillig. Und ich meine: Das ist ja wie bei Dr. Faust.

Herrscher der Welt wird Eric im Urwald von Klatsch, wo auf Pyramiden Menschen den Göttern geopfert werden. Genau wie ihre Kulturgenossen, die Azteken, schneiden auch die Tezumaner ihren Opfern gern mit einem Obsidianmesser das Herz raus…

Nun hat aber der neue Herrscher der Hölle, Dämonenkönig Astfgl, neue Leitlinien für die Führung von dämonischen und höllischen Aktivitäten erlassen. Der Dämon, der für die Tezumaner zuständig ist, wird bei seiner Materialisierung auf der Steinpyramide leider das unerwartete Opfer einer vorbeikommende Truhe mit tausend Beinen. Eric und Rincewind sind gerettet.

Sogleich erfüllt sich der nächste Wunsch. Was bei „faust“ die schöne Helena in Troja, das ist für Eric die achtfache Mutter Elenor von Tsota, das nun von den Ephebianern umzingelt ist. Doch der schlaue Held Lavaeolus (= Odysseus) verschafft ihnen Einlass bei Elenor. Eric winkt dankend ab.

Das ewige Leben jedoch beginnt nirgendwo, das heißt im Nichts – denn eine Ewigkeit dauert von Anfang bis Ende einer Welt (Letzteres taucht ebenfalls auf, im Stil von H.G. Wells). Erst als ein (der?) Schöpfer auch die Scheibenwelt kreiert hat, dürfen Eric und Rincewind auf ihr landen. Wenig später stellt sich auch eine Truhe ein. Das ist auch nötig, denn den Dämonenkönig holt das Duo in die Hölle, wo dann der Showdown inklusive Revolution stattfindet.

_Fazit_

Viel Buch fürs Geld, wenn auch die vornehmlich ältesten Kamellen unter Pratchetts Büchern. Für den Einstieg ins Pratchett-Universum der Scheibenwelt eignet sich der Sammelband aber sehr gut. Ein fünfter Rincewind-Roman, „Interesting Times“, erwähnt auch wieder Cohen den Barbaren, wurde aber nicht in diesen Sammelband aufgenommen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Lustbader, Eric Van – Ring der Drachen, Der

Ein Klassiker der Science-Fiction lieferte Eric Van Lustbader die Inspiration zu seinem neuesten Fantasyepos, dessen ersten Band „Der Ring der Drachen“ darstellt: Frank Herbert’s „Dune – Der Wüstenplanet“.

War es in der Vorlage Paul Atreides, der den Fremen den Weg aus der Wüste in eine bessere Zukunft ebnete und die Harkonnen samt Imperator und Raumfahrergilde zum Teufel jagte, heißt bei Lustbader der ersehnte Messias Annon und gehört zu der raumfahrenden und kriegerischen Rasse der V’ornn, die vor 101 Jahren den Planeten Kundala wie ein kosmischer Heuschreckenschwarm überfallen hat, in der Absicht ihn wie unzählige Planeten zuvor seiner Ressourcen zu berauben, verödet zurückzulassen und dann weiterzuziehen.

Für die weit unterlegenen Kundalan eine Katastrophe – sie konnten den V’ornn nicht Widerstand leisten, selbst ihre Religion wird in den Grundfesten erschüttert: Die oberste Priesterin der Göttin Miina, genannt Mutter, wurde angeblich von (männlichen) Ramahan und den Rappas, den auserwählten Tieren Miinas, getötet. Die Perle und der Ring der Drachen, mystische Artefakte der Kundalan, gingen in den Kriegswirren verloren.

Nur der prophezeite Dar Sala-at kann die Kundalan in eine bessere Zukunft führen, indem er die Perle und den Ring der Drachen rettet und die Knechtschaft durch die V’ornn beendet. Deren Herrscherkaste, die genetisch und technologisch in eine Art Cyborgs transformierten Gyrgonen, sind von Kundala fasziniert: Sie können nicht das Geheimnis des verschlossenen Tempels der Kundalan lösen, ihre Magie stellt selbst ihre selbst fast ans magische grenzenden technologischen Fertigkeiten auf die Probe. Nur deshalb wurde der Planet noch nicht verlassen. Zudem hat die Mythologie der Kundalan einige Übereinstimmungen mit der der V’ornn: Za Hara-at, bei den Invasoren die „Stadt der Millionen Edelsteine“ genannt. Die Gyrgonen versprechen sich von der Perle, dem Ring und der mythischen Stadt, die auf Geheiß des V’ornn-Königs Eleusis Ashera gemeinsam von V’ornn und Kundalan gebaut wird, einen Quantensprung in ihrer Entwicklung, die zur Stagnation gekommen ist.

Dessen Konkubine Giyan ist eine Kundalan – die kahlköpfigen V’ornn lieben langes Haar. Aber während die Kundalan ansonsten schlechter als Tiere behandelt werden, verliebt sich Eleusis in Giyan – eine der letzten mit der Gabe gesegneten Anhängerinnen der Göttin Miina. Ihr Sohn Annon ist einer der wenigen lebensfähigen Bastarde, normalerweise sterben sie jung oder werden von den Gyrgonen vermutlich für Experimente eingesammelt. Offiziell gilt Annon als Sohn einer von Eleusis verstoßenen Gemahlin.

Annon wächst auf und freundet sich mit Kurgan an, dem Sohn eines Erzfeindes seines Vaters: Wennn Stogggul. Dieser plant schon lange im Geheimen den Untergang der Asheras, zusammen mit Sternadmiral Kinnnus Morcha, der den weichen und auf Verständigung angelegten Kurs des Königs gegenüber den Kundalan nicht gutheißt.

König Eleusis wird gemeuchelt, nur Giyan und Annon können vorerst entkommen. Da Stogggul den Ring der Drachen gefunden hat und ihnen zur Verfügung stellt, akzeptieren sie ihn vorerst als neuen Herrscher.

Sein Sohn Kurgan erweist sich wiederholt als schlechter Freund: Er gibt Kinnnus Morcha den entscheidenden Tipp, wohin Giyan und Annon geflohen sind. Als Test der Loyalität soll der Eleusis treue Truppkommandeur Rekkk Hacilar Annon exekutieren. Doch Annon wird ihm bereits tot von der in die Enge getriebenen Giyan ausgeliefert, die er insgeheim begehrt und als Kriegsbeute und Mätresse zu sich nimmt.

Dennoch wird er seines Kommandos enthoben und durch einen linientreuen Khagggun (Soldatenkaste) ersetzt. Dank der Hilfe des Gyrgonen Nith Sahor, der wie Rekkk, Eleusis und Giyan an ein friedvolleres Zusammenleben von V’ornn und Kundalan glaubt, kann er mit Giyan in die Berge entkommen – sie machen sich auf den Weg zu der Weißheim-Abtei, wo der in einen weiblichen Kundalan-Körper transferierte Annon von Giyan’s verbitterter Schwester Bartta auf seine Rolle als Dar Sala-at vorbereitet wird, was für Annon zur Gefahr wird: Zwar glauben beide an die Prophezeihung, doch Bartta ist von der Göttin Miina abgefallen und hat sich der schwarzen Kunst, Gyofu, zugewandt, die von jedermann erlernt werden kann. Sie verdirbt jedoch ihre Anwender – und das seit langer Zeit, alle mit der Gabe geborenen Kundalan wurden nicht in „Osoru“ unterrichtet, die Synthese beider Magien ist mit dem Tod der Hohepriesterin verlorengegangen – ebenso wie das Todesurteil über alle (männlichen) Ramahan dafür sorgte, dass nur noch die Kundalan-Frauen Magie wirken können. Miinas heilige Rappas, eine Art sechsbeiniger Raupen mit großem Maul, die ebenfalls über besondere Fähigkeiten verfügen, gelten ebenso als ausgerottet, ihnen wurde ebenfalls die Schuld am Tod von Mutter gegeben.

Viel Zeit bleibt Annon in seiner Rolle als Dar Sala-at nicht mehr: Die Gyrgonen haben den Ring der Drachen in das Tor des Tempels gesetzt, das aber leider verschlossen blieb – wenn der Dar Sala-at ihn nicht entfernt oder einsetzt, wie die Prophezeiung es gebietet, wird Kundala vernichtet.

Das Buch umfasst 816 Seiten und bietet genügend lose Enden und Konfliktstoff für etliche weitere. Wie das Vorbild Dune hat das Buch ein Glossar, das allerdings winzig und nicht von wirklichem Nutzen ist.

Lustbader wandelt auf einem schmalen Grat – ständig wird man an bekannte Vorbilder erinnert: Eleusis Ashera teilt das Schicksal von Leto Atreides, auch er wird von seinem Erzfeind übertölpelt – während Giyan und Annon ähnlich Lady Jessica und Paul entkommen können. Sogar bei Truppkommandeur Rekkk Hacilar kommt man nicht umhin, sofort an einen Mix aus Duncan Idaho und Gurney Halleck zu denken. Über das Thema „Ionenschwert“ und den zwei Seiten der Magie, einer „Guten“ und einer „Bösen“, muss man auch nicht lange nachrätseln. Aber nicht nur aus Star Wars flossen Elemente ein, die rein weibliche Priesterschaft erinnerte mich an Robert Jordans „Aes Sedai“ aus dem „Rad der Zeit“-Zyklus.

Wer so hemmungslos Ideen klaut, muss sich zwangsläufig auch den Vergleich mit den großen Vorbildern stellen. Die Frage ist, ob nicht die Gefahr besteht, dabei literarischen Schiffbruch zu erleiden: Wer will schon eine lauen Aufguss von „Dune“ lesen?

Zum Glück hat Lustbader aber kein Plagiat geschaffen, sondern ist in einigen wesentlichen Punkten von Herbert’s ausgetretenen Wüstenpfaden abgewichen, mit zwei Pärchen, die sinnbildlich für zwei der großen Thematiken des Buches stehen könnten:

Die offene, liebevolle Giyan und ihre verbitterte, engstirnige Schwester Bartta sowie ihr Sohn Annon und sein egoistischer und rücksichtsloser Freund Kurgan.

In den Augen Barttas hat die Göttin Miina ihr Volk in der Not verlassen, sie neidet ihrer Schwester ihre Gabe, hasst alle V’ornn, weil sie V’ornn sind, zieht Vergebung gegenüber den Peinigern der Kundalan nicht in Betracht und ist in ihrem Hass gefangen, der sich ironischerweise letzten Endes gegen ihr eigenes Volk wenden wird: Immer mehr Kundalan schwören der Göttin Miina ab und werden in ihren Methoden radikaler, der Widerstand geht hart gegenüber liberaleren Kundalan vor, die weiterhin die Göttin verehren, und ist auf seine Weise nicht weniger brutal als die V’ornn. Giyan hingegen hat zwar nicht viel für die V’ornn übrig, aber sie hat in der Gefangenschaft auch gelernt, einige zu achten und später gar zu lieben. Sie lehnt Barttas unbeugsame Härte und ihre dogmatischen Schemata von Gut und Böse ab, und sie wird Recht haben, wie sich herausstellen wird. Barttas und ihre Schülerinnen richten mit fanatischem Eifer für die „gerechte Sache“ viel Unheil an, zumal ihre Abtei damit den Feinden des Dar Sala-at, die nicht nur V’ornn sind, in die Hände spielt.

Kurgan ist in gewisser Hinsicht Bartta ähnlich: Alle Kundalan sind für ihn kaum besser als Tiere, und wenn eine hübsch ist, so vergewaltigt man sie ohne Gewissensbisse. Er ist ein intelligenter, selbstbewußter V’ornn, besitzt aber wie der Großteil seines Volkes eine gewisse Herrenrassenmentalität. Er ist trotz seines Egoismus ein guter Freund von Annon, den er schätzt, aber für zu weich und sonderbar hält. Dass sein Vater und der Annons Todfeinde sind, kümmert ihn wenig – er selbst kann seinen Vater nicht ausstehen. Auch er wird seit frühester Jugend manipuliert, ohne dass es ihm klar ist: Seine egoistische und machthungrige Ader ist ein Ergebnis dieses Einflusses. Er verrät seinen Freund Annon, um Adjutant des Sternenadmirals Kinnnus Morcha zu werden, später spielt er sogar diesen gegen seinen eigenen Vater aus. Als er erkennt, wer der mysteriöse „Alte V’ornn“, sein Freund und Lehrmeister der Jugend, in Wahrheit ist, hat dieser sich einen mächtigen Feind geschaffen: Wie er es ihn gelehrt hat, steht Kurgan nur auf einer Seite: Auf der seines eigenen Vorteils.

Annon ist zwar nicht so gerissen wie Kurgan, dafür wie sein Vater eine Ausnahme unter den V’ornn: Er wurde von Giyan großgezogen, sie lehrte ihn viele Geheimnisse der Kundalan und Lebensweisheiten, er fühlt sich zwar jedem Kundalan überlegen, aber es gefällt ihm nicht, wie andere V’ornn mit ihnen umgehen. Er ist ein Zweifler und erkennt, wie ungerecht die V’ornn gegenüber den Kundalan sind. Seine Rolle als Dar Sala-at überfordert ihn, er hat seinen Vater verloren und sein eigener Körper ist tot, jetzt muss er im Körper eines halbwüchsigen Kundalan-Mädchens leben, ein weiterer Schock – dazu bleibt nur wenig Zeit, den Ring der Drachen an sich zu nehmen, um den drohenden Weltuntergang zu verhindern, wobei es sicher ist, dass ihn am Tempel eine Falle erwarten wird.

Lustbader schreibt indirekt gegen Intoleranz und pauschalen Fremdenhass. In den USA ein weit heißeres Eisen als bei uns ist die Beziehung zwischen zwei verschiedenen Rassen, es wird eigentlich nur in der Tatsache, dass Eleusis und Giyan ein Kind haben, angesprochen, wurde aber in amerikanischen Kritiken interessanterweise oft besonders hervorgehoben. Im Gegensatz zu „Dune“ spielt Religion hier trotz allem eine eher untergeordnete Rolle: Dogmen liegen hier sehr menschliche und primitive Gefühle zugrunde, was mir etwas besser lag als Herbert’s besonders in den Folgebänden von Dune wahrlich ausufernde Religionswut.

Seine Charaktere müssen sich nicht verstecken: Wie die Hure Dalma, deren ehrgeiziges Spiel als Doppelagentin vieler Herren sie in Lebensgefahr bringt, oder die geheimnisvollen Gyrgonen Nith Sahor und Nith Batoxxx, die sich erst durch ihre Helfer bekriegen, bis es zur direkten Konfrontation kommt. Einige Charaktere bleiben relativ eindimensional, Wennn Stogggul ist stets ein simpler, lüsterner und machthungriger Emporkömmling, während sein Sohn Kurgan hinter seinem Rücken die Fäden in die Hand nimmt und sich auf interessante Weise weiterentwickelt. Bemerkenswert ist auch die von Kurgan vergewaltigte Eleana, eine Kundalan, die sich in Annon verliebt hat – der nun im Körper einer Kundalan-Frau steckt und sich ihr nicht offenbaren kann.

Es wimmelt nur so von gelungenen Nebenfiguren, viele werden das Ende dieses Buchs nicht erleben. Natürlich wird es Annon gelingen, den Ring an sich zu nehmen. Aber man kann gespannt sein, wie es weitergehen wird: Kundala ist keine reine Wüstenwelt, es gibt neben der großen Wüste und den Druugen, zu denen es Annon am Ende des Buchs ziehen wird, noch große Ozeane und mit den Sarakkon einen wettsüchtigen und seefahrenden Stamm der Kundalan, der von den V’ornn nicht unterworfen wurde – sie handeln mit seltenen radioaktiven Elementen; Versuche sie zu unterwerfen endeten mit Heerscharen verstrahlter V’ornn-Soldaten. Gyrgonen lieben es, an sich selbst zu experimentieren, um sich zu vervollkommen – und so handelt man mit den Sarakkon, zum beiderseitigen Nutzen. Neben den Interessen der Kundalan, der V’ornn und ihrer herrschenden Kaste drängen auch noch Dämonen in die Welt, während die Gyrgonen in den Kundalan-V’ornn-Bastarden eine Chance sehen, sich zu „vervollkommnen“. Genetik und Dämonen werden in den kommenden Bänden noch eine große Rolle spielen. Dabei kann ich selbst nach Vorausblicken auf den noch nicht übersetzten dritten Band der Reihe (der angeblich der beste sein soll!) keinerlei Vermutung abgeben, wie die Saga enden wird – geschweige denn, wieviele Bücher sie umfassen wird. Lobenswert ist, dass Heyne die deutsche Übersetzung, die mir gut gelungen scheint, nicht wie so oft üblich auf zwei Bände verteilt, sondern in einem Stück belassen hat. Normalerweise rate ich bei so dicken (816 Seiten!) Büchern immer zum Hardcover, aber das Paperback ist optisch genauso schön gestaltet und überdurchschnittlich gut gebunden, vor allem auch knickfrei umzublättern, ohne dass ein, wie er so oft üblich ist, nervender Druck des Fingers nötig ist, um die Seiten daran zu hindern, das Buch zuzuschlagen. Für 9,95 EUR bzw. 14,00 EUR sind die Bücher auch relativ preiswert. Die deutsche Version zeigt einen stilisierten goldenen Drachen auf rot marmorierten Hintergrund, der zweite Band einen Löwen auf identisch blau marmorierten Hintergrund und gefällt mir ausnahmsweise sogar besser als das Original.

Nach allem Lob darf auch die Kritik nicht fehlen: Wie Giyan und Eleusis die Geburt von Annon vor den Gyrgonen geheim halten und seine Herkunft verschleiern konnten, wo diese doch sonst allwissend erscheinen, das weiß wohl nicht einmal Lustbader selbst. Ebenso erstaunlich ist, wie Eleana sich in Annon verlieben kann, während dieser Kurgan nicht davon abhalten kann, sie zu vergewaltigen. Es gibt noch einige weniger gravierende Mängel dieser Art, die jedoch von dem hohen Erzähltempo der Geschichte kompensiert werden können. Nach und nach werden neue Geheimnisse enthüllt, es existiert keinerlei Leerlauf. Etwas mehr Sorgfalt hätte Lustbader auch auf die Technik der Gyrgonen verwenden können: Er weiß besser zu beschreiben, wie Zauber gesprochen werden oder diverse dunkle Rituale ablaufen, als auch nur ein Wort an die „Okummmon“ der V’ornn, eine Kombination aus Handy, PDA und Waffe, zu verschwenden. Dafür brennen überall Fusionslampen – hat man etwa Atombirnen in der Lampe, nur weil der Strom mit Kernkraft erzeugt wird? Nun, darüber hat Lustbader wohl nicht nachgedacht, es klingt eben recht gut – als Hexenmeister macht Lustbader eine bessere Figur denn als Technokrat.

Die Namensgebung ist auch zwiespältig: V’ornn-Namen haben oft eine Verdreifachung von Buchstaben, wie Kinnnus Morcha, Rekkk Hacilar, Okummmon, Looorm, oder mein Favorit, Wennn Stogggul. Der obligatorische Apostroph im Rassennamen fehlt auch nicht. Teilweise klingen diese Namen wirklich gut, einige sind jedoch, wie man sieht, grausam auszusprechen. Wenn der Held Eric Van Lustbader’s dann auch noch fast „Der Salat“ heißt, muss man ihm ein Talent für missdeutbare Namen zuschreiben. Er selbst wird oft für einen Holländer gehalten, ist aber ein Amerikaner, und „Van“ ist ein zweiter Vorname, ähnlich wie in George Walker Bush.

Ein Tribut an das positiv hohe Erzählempo ist ein gewisser Mangel an Beschreibung der verschiedenen Szenerien; Räume und Umgebung der Personen werden bestenfalls skizziert, das Augenmerk liegt auf den Personen, ihrer individuellen Perspektive und der Geschichte selbst, was ich persönlich nicht als negativ empfinde.

„Der Ring der Drachen“ ist ein gefällig präsentiertes Epos, welches ich jedem Fantasy-Fan nur empfehlen kann. Wer glaubt, Lustbader zu kennen, sollte bemerkt haben, wie wenig dieser Roman mit seinen bekannten Romanen „Der Ninja“, „French Kiss“ oder „Weißer Engel“ zu tun hat. Das Szenario ist einfach vollkommen anders. Vielleicht ein wenig zu sehr von anderen Romanzyklen beeinflusst, um selbst jemals Kultstatus zu erreichen, wird man nicht enttäuscht, wenn man einen überdurchschnittlich guten, komplexen und breit angelegten Fantasyzyklus der etwas anderen Art sucht. Der zweite Band, „Das Tor der Tränen“, ist bereits in Übersetzung erschienen.

Homepage des Autors:
http://www.ericvanlustbaderbooks.com/

Paxson, Diana L. – Zauber von Erin, Der

Nachdem ich Diana Paxsons [Zyklus]http://www.powermetal.de/book/anzeigen.php?id__book=213 über König Artus gelesen hatte, lag es nahe, auch ihre Version von Tristan und Isolde zu lesen, die oft mit der Artussage in Zusammenhang gebracht wird. Auch hier beginnt die Geschichte sehr früh, weit vor dem Zeitpunkt, zu dem Esseilte nach Britannien reist, um dort König March von Kernow zu heiraten.

Der Anfang der Erzählung liegt dort, wo auch der Anstoß zur Entwicklung der ganzen Geschichte liegt: an jenem Samhain, als der Bruder der irischen Königin Mairenn und Recke des Hochkönigs Diarmait Irland verlässt, um einen Beutezug an Britanniens Küste zu unternehmen. Dort fällt er im Zweikampf mit Drustan, dem Recken des Königs von Kernow. Doch auch der Brite wurde verwundet und sucht inkognito Heilung in der Heimat seines Widersachers. Dort begegnet er zum ersten Mal Esseilte und ihrer Ziehschwester und Cousine Branwen.

Als Drustan den irischen Königshof zum zweiten Mal aufsucht, ist er in einer offiziellen Mission unterwegs: als Brautwerber für König March. Diesmal erfährt Esseilte, wen sie vor sich hat, und ist kurz davor, ihren Onkel zu rächen, indem sie den Kerl einfach mit seinem eigenen Schwert umbringt. Aber sie tut es nicht.

Das zweite Mal versucht sie es auf dem Schiff, das sie nach Britannien bringen soll. Sie will Drustan vergiften. Doch ihre Cousine Branwen hat in ihrem Kräuterkasten nicht nur Medizin und Gift, sondern auch einen besonderen Trank, den sie ebenfalls mit Gift beschriftet hat, um andere fernzuhalten. Und eben diese Flasche erwischt Esseilte bei ihrem Mordversuch. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf …

Wie bei der Artussage legte die Autorin ihrer Erzählung gründliche Recherchen über die damalige Zeit und die dazugehörigen Geschehnisse zugrunde. So spielt ihre Version von Tristan und Isolde nicht zu Artus‘ Zeiten, sondern eine Generation später. Und wie bei ihrer Artussage pflegt sie auch hier wieder ihren knappen, spartanischen Schreibstil.

Was allerdings bei der Artus-Sage nur mäßig störte, ist in diesem Fall ein Stolperstrick! Der Grund liegt in dem völlig verschiedenen Erzählstoff. Die Artussage hat viele Facetten: Die Vorgeschichte von Merlin, Uther und Igraine, die Sachsenkriege, Artus‘ Schwester, sein Sohn, Gwendivar … genügend Stoff, den man auch in sachliche, präzise Worte kleiden kann, ohne dass er dadurch viel verliert. Tristan und Isolde jedoch ist vor allen Dingen eine romantische Liebesgeschichte. Ein solcher Stoff leidet unter einem solchen Stil erheblich!

Diana Paxson hat ihre Geschichte aus der Sicht von Branwen erzählt, und zwar in der Ich-Form. Naturgemäß erfährt der Leser von der Gefühlswelt der eigentlichen Protagonisten Esseilte und Drustan also nur aus Beobachtung und deren Worten. Aber auch die wirken eher trocken. Schon die Angelegenheit mit dem Trank, der die beiden zu Liebenden macht, ist sehr verschwommen. Zunächst hört es sich so an, als sei die Wirkung lediglich vorrübergehend, um Esseilte den Anfang einer widerstrebenden Ehe und die erste Nacht mit einem ungewollten Mann zu erleichtern. Warum sich die Wirkung dann plötzlich so ausweitet, wird nicht erklärt, auch keine anderen Erklärungen für die unzerreißbare Bindung zwischen den beiden wird geboten, zumal Esseilte Drustan ja zunächst hasst!

Aber davon abgesehen: eine Liebesbeziehung, die so leidenschaftlich ist, wie die Sage es in diesem Fall erzählt, muss sich wesentlich deutlicher ausdrücken, als das hier der Fall ist! Obwohl die Liebe der eigentliche Gegenstand der Erzählung ist, kommen Zorn und kalte Ablehnung stärker zum Ausdruck als die Liebe, um die es geht! Das Benehmen und die Entscheidungen der beiden Liebenden verlieren dadurch an Nachvollziehbarkeit, erscheinen kindisch und unreif. Der Leser versteht nicht ganz, was das alles eigentlich soll, und warum die beiden sich so anstellen.

Auch die Personen als solche wirken manchmal wie fehlbesetzte Schauspielrollen. Wenn Esseilte mit ihrem Schicksal hadert, weil sie als Frau nur so wenig Möglichkeiten hat, in einem Heldenlied verewigt zu werden, wirkt sie wie ein verwöhntes, unzufriedenes Gör, später dagegen kommt sie mir manchmal vor wie ein albernes Gänschen, das zu nicht mehr fähig ist, als Drustan anzuschmachten. Dadurch erscheint ihr Zornausbruch, als sie von Drustans Vermählung erfährt, geradezu aufgesetzt und unecht, zumal sie sich, kaum dass sie ihn wiedersieht, mit ihm versöhnt. Dieser Esseilte fehlt es ganz entschieden an Charakterstärke! Nur fordern, das kann sie gut.

Mit Drustan ist es nicht viel besser. Die Selbstironie, die ihm am Anfang einen sympathischen Zug verleiht, bleibt im Laufe der Erzählung ziemlich auf der Strecke. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Esseilte und seinem König, zumindest sollte er das sein. Da aber der Liebesgeschichte an sich schon das Feuer fehlt, fehlt sie auch Drustans innerer Zerrissenheit, sodass von der Tragik seiner Situation nicht viel mehr übrig bleibt als bestenfalls Selbstmitleid. Ich würde ihn nicht direkt als Schwächling bezeichnen, denn stellenweise zeigt er durchaus Charakter, allerdings entsteht dadurch eine Diskrepanz zwischen dem Liebhaber Esseiltes und dem übrigen Drustan, eine Unstimmigkeit, die die Darstellung dieser Person stört wie … wie ein blauer Löwenzahn oder ein schwimmendes Huhn.

Selbst Branwen, die ja als Erzählerin fungiert, ist blass und leblos. Das kann im Grunde nicht anders sein, denn da die Autorin ihr ihre kühlen, distanzierten Worte in den Mund legt, wirkt Branwen eben auch so kühl und distanziert. Bei Branwen driften Sprachstil und Wortbedeutung am weitesten auseinander. Sie erzählt von ihrer unerfüllten Liebe zu König March, von ihrem Hass auf ihren Peiniger Keihirdyn und von ihrer steten Furcht, dass Esseilte und Drustan entdeckt werden könnten, und das alles oft so unbeteiligt, als ginge es sie gar nichts an. Immerhin verleihen ihr die Mühen, die sie damit hat, ihren Eid zu halten und die beiden Liebenden zu decken, eine gewisse Würde und zeigen ihre innere Stärke. Zumal die beiden diese Unterstützung durch Branwen ziemlich selbstverständlich zu finden scheinen!

Dass die Hauptpersonen der Geschichte so schwächeln, ist ein schwerwiegendes Manko des Buches, denn an äußerer Handlung gibt es nicht allzu viel zu erzählen. Nur ein einziger Kampf wird beschrieben, der im Hof von Marchs Burg in Armorica stattfindet und sehr kurz ist. Zwar führt König March immer wieder Kriege, doch da die Geschichte von Branwen erzählt ist, erfährt man darüber fast nichts, und was man erfährt, ist manchmal eher verwirrend. Karten und Stammbäume sind hier nicht nur ein nettes Feature. Ansonsten kommen noch eine Ernteszene und zwei Jagdszenen vor, das war’s.

So kommt es, dass die Geschichte zu dem Zeitpunkt, wo sich die Geschehnisse quasi zu einem gordischen Knoten verheddern und es eigentlich spannend oder zumindest mitreißend werden sollte, anfängt langweilig zu werden! So interessant es war, die Entstehung all der Verwicklungen nachzuvollziehen, so uninteressant ist es später, die immer neuen Varianten geheimer Treffen zu erfahren. Da hilft es auch nichts, dass Esseilte und Drustan zweimal haarscharf an der Entdeckung vorbeischrammen, eh man sie tatsächlich erwischt. Bei einer so blutleeren Geschichte kann man einfach nicht mitfiebern.

Das Einzige, was wirklich gut rübergebracht wird, sind die Teile der Geschichte, die mit der keltischen Kultur und Religion zusammenhängen: das Drachenritual, die Beltanenacht, in der Branwen die Stelle Esseiltes einnimmt und andere, die mit Visionen oder Zauberei zu tun haben. Hier bewegt sich die Autorin auf sicherem Boden, und das spürt man.

Bleibt zu sagen, dass das Buch eher hinter meinen Erwartungen zurückblieb, ich fand es bei weitem nicht so gelungen. Um meinen Vergleich vom letzten Mal (Artussage) nochmal zu bemühen: Dieses Buch ist eine vage Bleistiftskizze in einem faden Rahmen. So sehr ich Diana Paxsons Bemühen um Echtheit und Autentizität schätze, glaube ich doch, auf Dauer ist mir ihr Schreibstil zu herb und zu trocken. Ein bisschen lebendig sollten die Geschichten schon sein, sonst kann ich auch gleich ein Sachbuch lesen. Aber zu einem solchen Thema gehört auch so etwas wie Poesie, und zwar nicht nur in den Liedern, die Drustan zum Besten gibt. Die Sprache einer Juliet Marillier hätte zu diesem Stoff wesentlich besser gepasst.

_Diana Paxson_ lebt in den USA, wo sie die populäre Mittelalterbewegung mitgegründet hat. Unter anderem ist sie eine führende Vertreterin der dortigen neuheidnischen Religionsbewegung. Die damit verbundenen Kenntnisse werden in ihren Büchern deutlich spürbar. Außer der Reihe der Herrinnen hat sie den Romanzyklus „Die Töchter der Nibelungen“, „Die Keltenkönigin“ und weitere Romane veröffentlicht. Desweiteren schrieb sie viele Kurzgeschichten, sowie Theaterstücke und Gedichte.

Pratchett, Terry / Kidby, Paul – Wahre Helden

Mit Cohen dem Barbaren begegnet der Pratchett-Fan einem alten Bekannten aus den frühen Rincewind-Romanen. Unser verehrter Unfähiger taucht natürlich ebenfalls auf, dito seine Truhe und einige Mentoren von der Unsichtbaren Uni. Diesmal betätigt sich Rincewind als „Space Cowboy“! Houston, bitte… – pardon: Ankh-Morpork, bitte kommen!

_Handlung_

Als einer der letzten wahren Helden ist Cohen der Barbar mit seinen Kollegen von der Grauen Horde – allesamt bis an die Zähne bewaffnete Tattergreise – aufgebrochen, um den Göttern zurückzugeben, was ihnen einst von einem gewissen Prometheus gestohlen wurde: ihr Feuer. Und zwar in einem kleinen Fass, das eine höchst explosive Substanz enthält. Sollte diese Bombe hochgehen, so wäre dies das Ende. Für alle, für immer.

Aber nicht jeder ist wirklich dafür – wen wundert das auf der Scheibenwelt schon. Und kein Geringerer als Lord Vetinari, der verdienstvolle Herrscher von Ankh-Morpork, erhält von „höherer Stelle“ (ich sage nur: T.P.) den Auftrag, die Scheibenwelt vor ihrem Ende zu bewahren.

So brechen schließlich drei kühne Männer gen Mittelpunkt der Weltenscheibe auf, zum Götterberg Cori Celesti. Darunter der ruhmbekleckerte Zauberer Rincewind, der erfinderische Leonardo Da Quirm – der u.a. grinsende Mona Lisas malt – und Hauptmann Karotte, der aufrechte Wächter von der Stadtwache, mitsamt seinem Ikonographen.

200 feuerspeiende Sumpfdrachen ziehen das erste flugtaugliche Raumschiff, das über den Rand der Welt hinausfliegt, um die selbige zu retten. Doch vor die Rettung haben die Götter, allen voran Lady Luck und das blinde Schicksal, noch haufenweise Hindernisse gelegt. Unterdessen versucht Cohen einem romantischen Barden „behutsam“ beizubringen, wie man eine Heldensaga komponiert…

_Mein Eindruck_

„Wahre Helden“ liest sich flüssig wie aus einem Guss in einem Stück weg. Die Geschichte ist spannend, besonders durch den fortwährenden Szenenwechsel, und komisch: wir kennen die Figuren und ihre Eigenheiten. Außerdem lassen sich reihenweise Anspielungen und Zitate finden, die natürlich parodiert und ironisch gebrochen werden. Eine wahre Fundgrube für den Kenner der Popkultur: Filme (Clint Eastwood und Xena lassen grüßen), Bücher (Clarke’s „2001“), Musik (Barden), natürlich auch gestaltende Kunst (Leonardo!).

Zweitens gibt es hier wirklich etwas zu sehen. Von der Scheibenwelt betrachten wir nun nicht nur die Ober- und Unterseite, sondern auch ihren Rand, die Säulen der Elefantenbeine („Mein Gott! Es ist voller Elefanten!“, eine Anspielung auf Kubricks „2001“) und ihren Mond. Der Wunder ist kaum ein Ende, denn auch die verschiedenen Lebensformen werden haarklein beschrieben – schließlich ist dies eine außerirdische Expedition, nicht wahr? Anspielungen auf Science-Fiction-Film-Versatzstücke wie etwa ein Missionskontrollzentrum, ein blinder Passagier („Ugh!“), eine Mondlandung und vieles mehr bereiten höchstes Vergnügen.

Der Preis dieses Werkes mag vielleicht hoch erscheinen, aber ich finde ihn sogar noch niedrig angesetzt. Denn die vierfarbigen Reproduktionen der Gemälde Paul Kidbys (siehe unten) sind sehr aufwändig, ebenso wie der Satz des daran angepassten Textes. Es wäre ein Jammer, müsste man diesen Text alleine in einem mickrigen Taschenbuch lesen – so mager wie die Unterschrift Leonardos auf einer leeren Leinwand statt auf der „Mona Lisa“.

Da es also einerseits wenige Käufer dieses Werks geben dürfte, dürfte es andererseits in wenigen Jahren bereits ein begehrtes Sammlerstück geworden sein.

_Über die Künstler_

Über Pratchett braucht man keine Worte mehr zu verlieren, denke ich: Jeder kennt ihn. Das Buch wurde aber illustriert von Paul Kidby, dessen Beitrag mindestens ebenso wichtig ist. Seine meisterhaften Gemälde und Zeichnungen sind bis in jede Einzelheit ausgefeilt und machen diesen Band so zu einem Schaustück wie auch zu einem Kabinett der skurrilen Entdeckungen.

So findet der genaue Beobachter stets ein weiteres witziges Detail in den Konstruktionszeichnungen sowie in den biologischen Beschreibungen erfundener Wesen wie etwa der Drachen auf dem Scheibenweltmond, die so ziemlich das Gegenteil ihrer triefäugigen Vettern aus den Sümpfen der Scheibenwelt selbst darstellen.

Leider hat man die Beschriftungen nicht aus dem gekünstelten Akademiker-Englisch des Originals übertragen. Deren Schrift entstammt einer merkwürdigen Type, die man so woanders kaum finden dürfte. Das A beispielsweise hat keinen Querstrich. Das deutsche Gegenstück wären wohl gotische Lettern gewesen, und auf die verzichte ich dankend.

Nicht zuletzt sollte man dem deutschen Übersetzer A. Brandhorst danken, der so viele Anspielungen verstehen und übertragen musste. Er hat einen ausgezeichneten Job gemacht.

_Michael Matzer_ © 2001ff

Pratchett, Terry – Schweinsgalopp

Father Christmas ist auf der Scheibenwelt verschwunden. Als Ersatz springt Gevatter Tod ein. Rotgewandet fährt er mit seinen vier fliegenden Schweinen durch die Lande und bringt den Menschenkindern alles, was sie sich wünschen (auch wenn sie es selber nicht genau wissen). Die Bräuche zu befolgen, fällt Tod manchmal etwas schwer, doch das mit dem fröhlichen (?) „Ho-ho-ho“ hat er schon raus. Vielleicht übertreibt er es damit ein bisschen.

Father Christmas ist einem Anschlag der Assassinengilde zum Opfer gefallen. Einer ihrer übelsten Vertreter ist in Fathers Schlossturm eingebrochen und versucht nun mit Hilfe eines angeheuerten Magiers, dem zwölften mit dieser Aufgabe, den Tresorraum von Father Christmas zu öffnen. (Das klingt sehr nach „Stirb langsam 1“.)

Unterdessen in der Unsichtbaren Universität: Die Abwesenheit des echten Father Christmas hat ein (wissenschaftlich natürlich begründbares) Glaubens-Vakuum entstehen lassen. Dadurch glauben die Menschen nun an alles Mögliche, zum Beispiel an die Zahnfee. Selbst die Professores der Uni brauchen es nur laut auszusprechen, an was sie glauben könnten, und schon – ist es da: Gnome, Wichte, Aufmunterungsfeen. Der Erzkanzler Ridcull rauft sich die Haare. Auch die neue Rechenmaschine, die von Ameisen (= Bits & Bytes) und Käse (= Speicher) angetrieben wird, hilft da nicht viel weiter.

Susanne, die Tochter TODs, wollte eigentlich ein ganz normales Leben führen. Doch seit er verschwunden ist, macht sie sich Sorgen. Auf der Suche nach ihm begegnet sie nicht nur dem Gott des Katzenjammers. Sie trifft auch auf die Assassinen im Turm von Father Christmas. Es wird spannend, doch das Ende soll hier nicht verraten werden.

In einer kompliziert verflochtenen Handlung führt uns der „Douglas Adams der Fantasy“ vor Augen, was es mit dem Kinderglauben an den Nikolaus und die Zahnfee so alles auf sich hat – und das ist eine ganze Menge. In todernstem Ton bringt Pratchett wie so oft die unglaublichsten Sätze und Szenen (p.s.: … und Fußnoten), so etwa die Sache mit dem Ameisencomputer. (Das erinnert mich an den Termitencomputer von Jeff Noon in „Automated Alice“, mit seinem „beanary system“. Beide Bücher entstanden 1996…)

Pratchetts Humor und Erzählstil mag nicht jedermanns Sache sein, aber „Schweinsgalopp“ könnte selbst solche Skeptiker von den Qualitäten dieses Autors überzeugen: Es ist einer seiner gelungensten Romane!

_Michael Matzer_ © 1998ff