Alle Beiträge von Michael Matzer

Marklund, Liza – Studio 6

»“Studio 6 spielt fast acht Jahre vor den Ereignissen in meinem vorigen Buch ‚Olympisches Feuer‘ und ist zeitlich gesehen der erste Roman in der Serie um die Kriminaljournalistin Annika Bengtzon. Wir begegnen ihr, als sie gerade als junge Aushilfe bei der Zeitung ‚Abendblatt‘ begonnen hat. Ich wünsche Ihnen spannende Unterhaltung.« Liza Marklund, Hälleforsnäs im Juli 1999.

|Die Autorin|

Liza Marklund, geboren 1962, wuchs in Nordschweden auf, studierte Journalismus und arbeitete bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Mehrere Jahre war sie Nachrichtenchefin des schwedischen Privatsenders „TV 4“. Diesen Traumjob kündigte sie, um Romane zu schreiben. Für ihren Debütroman „Olympisches Feuer“ (dt. 2000) erhielt sie bedeutende Literaturpreise. Auch die Nachfolgeromane „Studio 6“ und „Paradies“ wurden offenbar erfolgreiche Krimis, ebenso wie „Der Rote Wolf“. Marklund lebt in Stockholm, ist verheiratet und hat drei Kinder. (Verlagsinfo)

Homepage der Autorin: http://www.lizamarklund.net

|Die Sprecherin|

Judy Winters Karriere am Theater begann 1962. Die 1944 Geborene wurde von Peter Zadek ans Bremer Theater engagiert und feierte in Musicals wie „My Fair Lady“ oder „Hello Dolly“ große Erfolge. Es folgten zahlreiche TV-Filme, u. a. Simmel-Verfilmungen und der Kult-Tatort „Reifezeugnis“. Mit dem Programm „Marlene“ hat Judy Winter einen Meilenstein ihrer Kunst gesetzt. Damit ging sie im Sommer 2001 auf Japan-Tournee. Sie hat bereits Marklunds Romane „Prime Time“, „Paradies“ und [„Der Rote Wolf“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=573 gelesen.

Winter liest die von Dagmar Ponto gekürzte Fassung. Ponto führte auch Regie.

_Handlung_

Annika Bengtzon, 24, übernimmt eine Sommervertretung in der Stockholmer Lokalredaktion des „Abendblatts“, einem Gegenstück zur deutschen „BILD“. Es erreicht sie ein anonymer Anruf: Jemand hat eine junge Frau ermordet auf dem jüdischen Friedhof mitten in Stockholm gefunden, nicht weit weg von Annikas neu gefundener Altbauwohnung. Sofort rast Annika mit ihrem Fotografen zum Fundort, um noch Bilder zu schießen, bevor die Bullen die Stelle absperren und die Leiche abtransportieren lassen. Was Annika an der nackten jungen Frau auffällt, sind die steil nach oben ragenden Brüste: Sie müssen künstlich sein. War die Unbekannte eine Professionelle?

Die 19-jährige Hannah Josefine Liljeberg arbeitete als Animierdame und Stripperin in einem Sexklub namens „Studio 6“. Die seltsame Parallele: So heißt auch ein stadtbekannter Radiosender. Geführt wird der Sexklub von einem Typen namens Joachim. Josefines Zimmergenossin, die aus Lateinamerika stammende Patrizia, arbeitet ebenfalls dort. Sie erteilt Annika ein paar Auskünfte, die aber allesamt ein positives Licht auf den Klub werfen – Joachim hat sie eingeschüchtert. Der Friedhof liegt auf dem Nachhauseweg vom Klub. Hat Joachim Josefine getötet, weil sie mit ihm Schluss machen wollte?

Während Annikas Redaktion mit Anders Schüman einen neuen Chef erhält – er kommt vom Gesellschafts-TV – , fällt der Tatverdacht jedoch nicht auf den Sexklubchef, sondern auf den Außenhandelsminister Krister Lundgren. Radio „Studio 6“ hechelt begeistert alle Details durch: Im Außenministerium habe man eine Rechnung des Sexklubs gefunden, die mit der Kreditkarte des Ministers bezahlt wurde. Da Wahlkampf herrscht, fallen die Aktien der herrschenden Sozialdemokraten. Es ist leicht abzusehen, wie die Reaktion aussieht: Man wird ein Bauernopfer verlangen, den Rücktritt Lundgrens.

Doch Annika Bengtzon weiß es als einzige besser: Dies ist ein politisches Täuschungsmanover, um die Öffentlichkeit von einer viel größeren Sauerei abzulenken. Warum ist gerade jetzt das Archiv der Sozialdemokraten aufgetaucht, die in den sechziger Jahren die Kommunisten abgehört hatten? Wer hat diese Aktion lanciert? Die Spur führt nach Estland und von dort weiter nach „Kaukasien“, wo ein blutiger Bürgerkrieg geführt wird – mit schwedischen Waffen.

_Mein Eindruck_

Dieser kurze Inhaltsabriss bietet nur einen winzigen Ausschnitt des ersten Drittels. Denn auch Patrizia und der Minister Lundgren haben ihre eigenen Szenen. Hinzukommt, dass Annika sowohl um ihren Job kämpfen muss und verliert, als auch um ihre Freiheit von ihrem Verlobten Sven Matsson, der nunmehr exklusive Rechte auf sie geltend machen will. Sven weist eine hohe Ähnlichkeit mit Josefines Liebhaber Joachim auf. Wird Annikas Beziehung zu Sven ebenso verhängnisvoll enden?

|Martyrium der Liebe|

Was diese private Seite der Journalistin Annika so wichtig macht, ist ein Tagebuch, das eine junge Frau führt und den schrecklichen Verlauf einer Liebesbeziehung schildert. Diese Tagebucheinträge erstrecken sich über fast zwei Jahre: Anfangs ist diese Liebe der Himmel auf Erden, am Ende die reine Hölle, denn der Ausschließlichkeitsanspruch des geliebten Mannes erweist sich als ein erstickendes Gefängnis, das der Frau alle Lebensenergie entzieht.

[SPOILER!]

Am Schluss ist das Erstaunen groß: Die ganze Zeit ist man im Glauben, es handele sich um das Tagebuch der armen, getöteten Josefine, doch nach dem Showdown zwischen Annika und Sven (so viel darf ich wohl verraten) ist ebenfalls von einem Tagebuch die Rede. Annika habe es geführt und vor Gericht habe es einen entlastenden Beitrag geleistet. Nun, es ist durch den Altersunterschied schon klar, dass die zitierten Passagen aus Josefines Tagebuch stammen und nicht aus Annikas, aber sie könnten – und das ist der eigentliche Schock! – genauso gut von Annika stammen. Die ganze Zeit hat uns die Autorin hinters Licht geführt und uns mit Annika eine positive Aufsteigerin vorgegaukelt, doch am Schluss steht sie als Opfer da, das sich aus der Umklammerung befreien konnte. Auf welche Weise, darf hier nicht verraten werden.[SPOILER ENDE]

|Politisches Schattenspiel|

Äußerst spannend ist es zu verfolgen, wie die kleine Redakteursvertretung vom Lande einem politischen Skandal erster Größenordnung auf die Spur kommt, einfach, indem sie hartnäckig nachforscht – und ihr ein klein wenig der Zufall zu Hilfe kommt: Der Minister Lundgren hat einen netten Schwager, der ihn auf einem bestimmten Flughafen zu einer bestimmten Zeit nicht nur gesehen, sondern sogar aufs Urlaubsvideo gebannt hat. Das nennt man entweder Narrenglück oder einen kühnen Eingriff des Autors. Jedenfalls hätte nun der Minister theoretisch ein Alibi für den Mord an Josefine Liljeberg. Doch der Abgrund, der sich dadurch nun auftut, ist furchterregend: Lundgren tätigte illegale und somit streng geheime Waffengeschäfte für die Regierung.

|Die Rolle der Medien – Huren oder Helden?|

Der Minister wird erstmals vom Radio „Studio 6“ in Zusammenhang mit dem Liljeberg-Mord gebracht. Offenbar hat man den Redakteuren die verhängnisvolle Rechnungsquittung zugespielt. Im größeren Zusammenhang des aktuellen Wahlkampfes lässt sich offenbar „Studio 6“ vor den Karren einer bestimmten Partei spannen und vorverurteilt den Minister. Das Radiomedium als Hure der Parteipolitik. Es ist blanker Hohn, wenn im Epilog erwähnt wird, dass der Sender einen Preis „für besondere journalistische Leistungen“ erhält. Bestimmt freuen sich auch die Bankkonten der Redakteure. Zwischen Sender und Sexklub bestehen nicht nur namentlich Übereinstimmungen.

Gleichzeitig verunglimpft sie namentlich (!) die Berichterstattung einer gewissen Aushilfsjournalistin Annika Bengtzon, die nur das Augenmerk vom Minister ablenken will und einem privaten Motiv für das Verbrechen den Vorzug gibt. Man kann sich leicht den Horror ausmalen, den die solchermaßen Angeprangerte nun zu erleiden hat. Zu allem Überfluss nicht nur durch „Studio 6“, sondern auch von den eigenen Kollegen! Der Einzige, der zu ihr hält, ist Schüman, doch auch er kann nicht verhindern, dass sie keinen festen Job erhält.

Wird Anders Schüman den Fels in der Brandung spielen? Wird er der Held sein, der der Bezeichnung „Journalist“ Ehre macht? Die Antwort ist leider niederschmetternd: Sein Chef, Torstenson aus [„Prime Time“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=385 ist die reinste Wetterfahne und so standfest wie ein Schneemann in der Sahara. Das Urteil der Autorin ist somit klar: Huren und Waschlappen, das sind die Medien. Nur hie und da ist ein einsames Häuflein Standhafter zu finden – meist mit schlechten Karten.

_Die Sprecherin_

Judy Winter verfügt über einen unglaublichen Stimmumfang, möglicherweise geschult durch ihre Schauspielausbildung und Musical-Karriere. Die Stimme reicht vom maskulinen Bass bis in die Höhen von Kinderstimmchen und Zickengekreisch. Deswegen fällt es ihr auch nicht schwer, Vertreter beider Geschlechter ebenso glaubwürdig zu sprechen wie etwa ein Kind. Wenn Annika wütend wird, klingt das ebenso glaubwürdig wie die langsam und getragen gesprochenen Zitate aus dem Tagebuch Josefines. Diese Passagen sind sehr bewegend und können durchaus Gänsehaut verursachen.

Die Wirkung von Judy Winters Vortrag ist durchaus fesselnd. An spannenden Stellen liest sie langsam, an actionreichen natürlich schneller. Dennoch gehört die Mehrheit der Stimmen weiblichen Figuren, und da könnte die Charakterisierung durch unterschiedliche Stimm- oder Tonlage größer sein, um die jeweilige Figur besser unterscheidbar zu machen – eines der Hauptprobleme bei einem Hörbuchvortrag. Bei einer Handlung mit über einem Dutzend Figuren ist dies umso notwendiger.

Beeindruckend ist Winters Beherrschung des Englischen und Schwedischen, die sie gleichermaßen korrekt aussprechen kann. Ihre Aussprache des Schwedischen stellt sicher höhere Ansprüche, und wie im Englischen und Deutschen entspricht das geschriebene Wort nicht immer dem gesprochenen. Das kann besonders bei den zahlreichen Namen des Romans Verwirrung stiften, insbesondere dann, wenn die Aussprache schwankt.

Der Vortrag durch Judy Winter habe ich als sehr eindrucksvoll und sehr gelungen empfunden. Fehler waren keine festzustellen.

_Unterm Strich_

Für Liza Marklunds Heldin Annika Bengtzon geht es in „Studio 6“ zweifach ums Überleben: beruflich in der Redaktion des „Abendblatts“ und in privater Hinsicht in ihrer Abnabelung von ihrem herrischen Verlobten Sven. Das Finale lässt denn auch nichts an Dramatik zu wünschen übrig und wird jeden Leser oder Zuhörer an den Nägeln kauen lassen und zu Tränen rühren. Die Überraschung mit dem Tagebuch ist der Autorin ebenfalls gelungen (siehe SPOILER). Das Tagebuch selbst bildet eine Geschichte in der Geschichte und sollte mit größter Aufmerksamkeit verfolgt werden. Wie Annika selbst andeutet, handelt es sich um eine klassische Fallgeschichte mit exemplarischem Charakter für „Gewalt gegen Frauen“.

Dem Engagement der Autorin entspricht die Aufdeckung der illegalen Akitivtäten der Sozialdemokraten. Sie thematisiert nicht nur die Ausspionierung der kommunistischen Anhänger in Schweden während der sechziger Jahre, sondern auch illegale Waffenexporte unter einer aktuelleren Regierung (der Roman erschien 1999). Das sollte genügend Stoff für eine politische Diskussion liefern.

Die direkte Fortsetzung im Anschluss an „Studio 6“ bildet „Paradies“. Auch hier setzt sich die Autorin keinerlei Scheuklappen auf und greift die jugoslawische Mafia an sowie die Asylantenproblematik auf. Unbedingt empfehlenswert.

Feist, Raymond / Wurts, Janny – Tag der Entscheidung (Kelewan-Saga 6)

Lady Mara hat die Machtkämpfe zwischen den kelewanischen Adelshäusern erfolgreich gemeistert. Doch der magische Orden der Schwarzen Roben sieht seine uralte Macht bedroht. Seine Intrigen und Mordanschläge fordern schreckliche Opfer – auch in Maras Familie und der ihres Mannes Hokanu. Als die Gute Dienerin des Reiches Verbündete jenseits der Grenzen findet, rückt der Tag der alles entscheidenden Schlacht näher. Mara kämpft um um ihr Leben, ihre Heimat, um das Schicksal des gesamten Reiches – aber als Mutter vor allem auch um ihre beiden Kinder, die unmittelbar von ihrem Widersacher bedroht sind. (Verlagsinformation, abgewandelt und erweitert)

_Die Autoren_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittelerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

Janny Wurts, geboren 1953, eine amerikanische Autorin und Künstlerin, ist mit dem bekannten Illustrator Don Maitz verheiratet. Nach Verlagsangaben lebt sie in Florida. Ihr erster Roman „Sorcerer’s Legacy“ erschien 1982 und bediente sämtliche Klischees und Gesetze des Fantasygenres. Ihr „Feuer“-Zyklus (1984-88) hingegen mischt bereits Science-Fiction mit Magie. Die Kelewan-Trilogie, die sie 1987-1992 zusammen mit Raymond Feist schrieb, spielt in einem fantastisch überhöhten byzantinischen Kaiserreich. Ihre am besten ausgearbeitete Trilogie ist wohl „The Wars of Light and Shadows“, die 1993 bis 1995 erschien, aber erst vor wenigen Jahren bei Bastei Lübbe veröffentlicht wurde („Der Fluch des Nebelgeistes“, „Die Schiffe von Merior“ usw.).

Die Kelewan-Saga – eigentlich eine Trilogie – besteht aus folgenden Bänden:

Kelewan I = 1+2: Die Auserwählte; Die Stunde der Wahrheit (beide zusammen: Daughter of the Empire);

Kelewan II = 3+4: Der Sklave von Midkemia; Zeit des Aufbruchs (beide zusammen: Servant of the Empire);

Kelewan III = 5+6: Die schwarzen Roben; Tag der Entscheidung (beide zusammen: Mistress of the Empire).

„Die Kelewan-Saga I“ erschien im November 2004, Kelewan II soll im Juni 2005 veröffentlicht werden. Der Schluss liegt nahe, dass Kelewan III im November 2005 auf den Markt kommt.

_Hintergrund_

Kelewan ist eine mit Midkemia durch den „Spalt“ verbundene Parallelwelt, die es zu erobern gilt, um Rohstoffe zu beschaffen, vor allem Metall, das auf Kelewan selten ist. Während Midkemia stark angelsächsisch beeinflusst ist, trägt Kelewan ganz andere Züge. Diese Kultur erinnert in ihrer Stagnation und Starrheit an altchinesische Dynastien, aber auch an das alte Byzanz, erfüllt von Machtkämpfen und Intrigen.

Die kleinen Adelshäuser konkurrieren um den Aufstieg in den Hohen Rat, der von den fünf Großen Häusern gestellt wird. Erst dort können sie Einfluss auf die Politik des Kaiserreiches nehmen, so etwa auf die Partei, die den langjährigen Spaltkrieg befürwortet. Daher wählt der Rat auch den Kriegsherrn. Über allem thront der gottgleiche, jedoch politisch machtlose Kaiser, eine Marionette des Rates. Jedenfalls normalerweise.

Außerhalb dieser Hierarchie, jeglicher Gerichtsbarkeit und Weisungsbefugnis entzogen, stehen die Magier der „Schwarzen Roben“. Mit diesen Gestalten bekommt es unsere Heldin erst im dritten Band zu tun. Im ersten Band tauchen Zauberer als eine Art Theaterattraktion auf, ähnlich wie Gandalf im Auenland für das Feuerwerk zuständig ist. Die Schwarzen Roben sind einzig der unveränderten Erhaltung des Reiches verpflichtet, was sie zu einer Art Kardinalskurie mit Polizeivollmachten macht.

Die Auseinandersetzungen um die Macht im Reich, das so genannte „Spiel des Rates“, folgt strengen, von der Geschichte scheinbar unabänderlich vorgegebenen Regeln. Die mächtigen Adelshäuser tragen ihre Differenzen mittels Intrigen, gedungenen Meuchelmördern und Verrat aus. Das erinnert stark an das Byzanz, das beispielsweise Guy Gavriel Kay in seinem [Sarantium-Zyklus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=242 schildert.

_Vorgeschichte_

Mara ist siebzehn Jahre alt, als ihre Kindheit und Jugend abrupt enden. Jahrelang hat sie als Klosterschülerin gelebt und wurde in der Philosophie der Göttin Lashima ausgebildet. Gegen den Willen ihres Vaters, Lord Sezu Acoma, hat sie sich für ein Leben fern von der Welt entschieden. Doch gerade als sie endgültig das Gelübde als Nonne ablegen soll, unterbrechen sehr männlich klingende Stiefel die feierliche Zeremonie: Es sind die letzten überlebenden Soldaten des vernichteten Heeres ihres Vaters. In einer verheerenden Niederlage auf der Welt Midkemia hat sie neben dem Vater auch ihren geliebten Bruder Lano sowie zweitausend Krieger verloren. Sie ist jetzt die unumschränkte Herrscherin des Hauses Acoma, die Letzte ihres Geschlechts.

Schuld an dem Gemetzel auf Midkemia, so erfährt sie von ihrem Truppenkommandeur Keyoke, ist der Verrat des Hauses Minwanabi. Lord Jingu sollte eigentlich der Acoma-Armee zu Hilfe eilen, um den Feind an der Flanke anzugreifen. Als die Hilfe ausblieb beziehungsweise zu spät gewährt wurde, war von den Acoma nichts mehr übrig außer einem kleinen Häuflein, das sofort zur Heimatwelt zurückkehrte, um die letzte Angehörige der Herrscherfamilie zu ihren Pflichten zu rufen.

Mara ist zunächst von Trauer und Schmerz überwältigt. Sie begehrt als Erstes, die Trauerfeier abzuhalten. Dazu geht sie in den heiligen Hain des Anwesens und ehrt den Heimstein ihres Geschlechts, das auf eine weitaus längere Geschichte als das der Minwanabi zurückblicken kann. Prompt wird sie in diesem unbewachten Augenblick Opfer eines Mordanschlags. Nur die Gesetzesübertretung ihres getreuen Kämpfers Papeweio bewahrt sie vor dem frühzeitigen Tod. Sie schickt den Minwanabi das Zeichen der Blutfehde …

Durch kluge und vor allem unkonventionelle Taktiken gelingt es Mara, ihr Haus vor dem Untergang zu bewahren. Sie gewinnt mächtige Verbündete, baut den Handel aus, ihre Ranch gedeiht, und sie heiratet. Allerdings ist Buntokapi aus dem Hause Anasati ein grobschlächtiger, wenn auch schlauer Mann, der seine Frau prügelt. Sobald Mara ein Kind erwartet, nimmt er sich eine Konkubine, doch diese Teani entpuppt sich als eine Spionin der Minwanabi …

_Handlung von Band 3_

Nach dem rituellen Selbstmord von Lord Jingu, dem Oberhaupt des Hauses Minwanabi, übernimmt dessen Sohn Desio die Geschäfte. Sein Hass auf die „Acoma-Hexe“ Mara, die aus unbegreiflichen Gründen seinen Vater besiegen konnte, ist unermesslich. Sein Kanzler Incomo hat jedoch durch logisches Denken den Grund gefunden: Es müssen Spione der Acoma am Hofe sein. Zu dem gleichen Schluss ist auch schon Desios Cousin Tasaio gekommen, den man hat rufen lassen.

Tasaio ist ein ganz anderes Kaliber als der genusssüchtige, fette Desio – er ist der stellvertretende Kriegsherr Kelewans auf der Welt Midkemia. Sein militärisches Genie steht außer Frage. In kürzester Zeit hat er die Spione der Acoma ausfindig gemacht. Doch er lässt sie entgegen Desios Wunsch keineswegs hinrichten, sondern missbraucht sie für seine eigenen Zwecke. Nachdem er ihnen falsche Informationen untergeschoben hat, lockt er die beiden fähigsten Truppenführer Maras in eine ausgetüftelte Falle. Keyoke und Lujan ahnen ebenso wenig wie Mara, was sie erwartet …

Doch zum Glück für Mara hat sie einen neuen Lover namens Kevin, der in der Welt Midkemia gefangen genommen und versklavt wurde. Sie hat ihn mit seinen Gefährten gekauft, um Weiden zu roden. Mit seinem unkonventionellen Denken vermag er sie ebenso zu verblüffen wie zu brüskieren. Weil Kevin fürchtet, wie alle anderen midkemischen Offiziere getötet zu werden, verheimlicht er ihr, dass er als Baron Truppen gegen Tasaio angeführt hat. Er kennt Tasaios durchtriebene Taktik …

_Handlung von Band 4_

Um ein Haar hätte Tasaio alle seine Ziele erreicht. Wenn Kevin nicht gewesen wäre, würde das Haus Acoma nicht mehr existieren. Während der Fehden und Kriege sind zehn Jahre ins Land gegangen, Maras Sohn Ayaki entwickelt sich zu einem kleinen Krieger, denn er soll eines Tages die Truppen der Acoma anführen. Allerdings muss sie ständig um seine Sicherheit bangen. Werden die Minwanabi einen weiteren Anschlag verüben? Man darf wohl davon ausgehen …

_Handlung von Band 5_

Mara verliert ihren älteren Sohn Ayaki durch ein Attentat, das im Auftrag von Unbekannten begangen wurde. Steckt ihr neuer Widersacher Lord Jiro, das Oberhaupt des Hauses Anasati, dahinter? Oder verüben die Assassinen der Hamoi Tong nun Anschläge auf eigene Rechnung? Jedenfalls untersagen die Magier Mara, Krieg gegen Jiro zu führen. Sie muss die Schande auf sich beruhen lassen. Doch sie ahnt, dass Jiro plant, nach der Macht im Kaiserreich zu greifen. Sie muss dringend etwas unternehmen.

_Handlung von Band 6_

Mara hat sich mit ihrem Truppenkommandeur Lujan und ihrem Ersten Berater Saric auf eine gefahrvolle Reise in den wilden Osten Kelewans begeben. Weil die Magier des Reichs vermuten, dass sie etwas unternimmt, das gegen das Kriegsverbot verstößt, sind sie ihr dicht auf den Fersen. Doch Mara ist ja auch nicht blöd: Sie lässt sich einige Tricks einfallen, um die Magier zu täuschen.

Es gelingt ihr, jenseits der östlichen Grenzen des Kaiserreichs zu den Bergstämmen der Konförderation von Thuril vorzustoßen. Sie kann mit ihrem kleinen Erkundungstrupp, zu dem auch eine weitere Frau namens Kamlio gehört, bis weit auf Thurilgebiet vordringen, bevor sie gestoppt und gefangen genommen wird.

Die Thuril kann man sich gut als schottische Highlander vor der Zivilisierung vorstellen, also reichlich wilde Burschen, wie man sie zuweilen noch in „Braveheart“ sieht. Und sie sind auf Tsuranis wie Mara überhaupt nicht gut zu sprechen. Sie haben zehn Jahre zuvor einen Eroberungsfeldzug des Kaiserreichs erfolgreich abgewehrt, allerdings unter hohen Verlusten. Und für Frauen haben sie nur eine Verwendung: im Bett und am Herd. Als Mara dagegen aufbegehrt, führt dies zu einigen komischen Szenen, denn die Thurilfrauen sind auf ihrer Seite.

|Bei den Thuril-Magiern|

Doch deswegen ist Mara nicht hergekommen. Sie findet, was sie sucht: eine Magierin der Thuril, die Sprecherin des Magierrates. Diese Kalian berichtet ihr, wie Tausende von tsuranischen Mädchen von den Erhabenen ermordet wurden, weil nur Männer das Recht zur Magie haben sollen. Die Thuril haben eine verborgene Stadt voller Wunder hervorgebracht –und eine Magierkultur, die auch Frauen zulässt.

Doch die Thuril wollen Mara nicht helfen, die tsuranischen Magier zu bekämpfen, und so geben sie ihr – nach einer harten Prüfung – den Rat, die Cho-ja aufzusuchen, die noch weiter im Osten, jenseits des Gebirges, leben. Mara ist überrascht zu hören, dass auch die Cho-ja, insektenähnliche Schwarmwesen, über Magier verfügen. Alle Cho-ja-Schwärme im Kaiserreich haben jeweils nur eine Königin, aber keine Magier. Wie erstaunt ist sie, als die Thurilführerin sie zu einem grünen, tropisch blühenden Tal führt, aus dem sich Kristalltürme erheben und über dem riesige Cho-ja-Magier fliegen!

|Bei den Cho-ja-Magiern|

Allerdings haben auch hier vor Jahrtausenden die Tsuranimagier maximalen kulturellen Flurschaden angerichtet. Daher sind Mara und Lujan, die als Einzige das Tal betreten, gar nicht willkommen, sondern werden stante pede gefangen genommen. Als Mara ihre Bitte um eine Allianz sowie um Beistand gegen die Erhabenen vorbringen will, ist ihr das zwar gestattet, doch sie wird ohne Anhörung zum Tode verurteilt.

Zu ihrem Erstaunen und dem der Cho-ja ist es Lujan, der die Wendung herbeiführt …

Unterdessen hat sich im Kaiserreich während der sechs Monate von Maras Abwesenheit der Stand der Dinge rapide verschlechtert.

_Mein Eindruck_

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, hieß es so schön im Volksmund, als der noch nicht durch die Massenmedien ersetzt war. Mara kann nicht nur etwas erzählen, sie wird sogar total verwandelt, was ihre Grundüberzeugungen anbelangt. Schon Kevin, der „barbarische“ Sklave aus Midkemia, hatte ja fast alle ihre Vorstellungen, die ihr die Jahrtausende alte „Tradition“ eingetrichtert hatte, systematisch in Frage gestellt. Das Einzige, was durch ihre Revolution des Staatswesens ausgenommen blieb, waren die Magier der Versammlung der Erhabenen.

Nun ist sie schockiert zu erfahren, dass es nicht nur außerhalb des Reiches Magier gibt, sondern die Reichsmagier systematisch alle weiblichen Wesen mit der Gabe getötet haben. Dies ist ein derart explosives Staatsgeheimnis, dass sie es nur im entscheidenden Augenblick der Konfrontation mit den Magiern preisgeben darf, um die maximale Wirkung zu erzielen. Das klappt dann auch wunderbar.

Nun darf man aber nicht meinen, unter den Magiern der Versammlung herrsche eitel Eintracht und Freundschaft. Ganz im Gegenteil: Auch die Versammlung ist in Reformer, also Mara-Freunde, und Traditionalisten gespalten. Zu den Letzteren gehört der jähzornige junge Tapek, der es ganz besonders auf Mara abgesehen hat. Das kann man gut verstehen, denn bislang sonnten sich die Magier in einer Ausübung absoluter Macht ohne jede Verantwortung. Ausgenommen von ihrem Wirkungskreis sind lediglich die Tempel der Götter. Und nun kommt eine dahergelaufene Herrscherin, die die Machtbefugnis der Magier an sich in Frage stellt. Das begreift Tapek als Hochverrat, wie nicht anders zu erwarten.

Allerdings verrennt sich Tapek derart in seinen Verfolgungswahn, dass er in Maras Falle läuft. Zu spät wird ihm klar, dass er mit seiner Zerstörungswut genau das beseitigt hat, was er retten wollte: die moralische Berechtigung der Magier, über die Geschicke der Menschen zu verfügen. Er hat sich als unverantwortliches Kind gezeigt und somit die Versammlung als eine Art Kindergarten für Zauberer entwürdigt.

Der angerichtete Imageschaden hindert die Gemeinschaft aber keineswegs daran, das letzte Privileg ihrer Macht zu verteidigen: Magie auszuüben. Als es darum geht, Mara für ihren Hochverrat zur Rechenschaft zu ziehen, sehen sich die verdutzten Zauberer jedoch einem enorm starken Verteidigungsbann gegenüber, der um das kaiserliche Viertel errichtet worden ist. Von wem nur? Wer kann so stark sein, dass nicht einmal die andauernde und gebündelte Angriffsmacht der Gemeinschaft in der Lage ist, den Bann zu brechen?

|Die Übersetzung|

Ich habe diesmal nicht mehr darauf geachtet, ob nun Tipp- und Druckfehler auftauchen; mir fielen keine auf. Aber über die stilistischen Schwächen lässt sich trefflich streiten, die die Übersetzerin an den Tag legt. Heißt es nun richtig „Thronbesteigung“ oder „Aufstieg“ des Kaisers? Gerold schreibt „Aufstieg“, was nicht völlig falsch ist, aber doch reichlich allgemein im Vergleich zu „Thronbesteigung“, wie ich geschrieben hätte. Es gäbe noch etliche weitere solche Streitpunkte.

_Unterm Strich_

Der letzte Band der Kelewan-Trilogie, die vom deutschen Verlag in doppelt so vielen Halbbänden veröffentlicht wurde (ist das schon höhere Mathematik?), erfüllt nach dem enttäuschenden Band Nummer 5 wieder alle Erwartungen an ein actiongeladenes, spannendes Abenteuer, das eine ganze Welt erfasst und für alle Zeiten verändert. Zu mehr als zwei Dritteln ist Band 6 also Fantasy-Drama vom Feinsten.

Sicherlich sind all diese schier endlosen Zeremonien um die Inthronisierung des neuen Kaisers nicht der Geschmack jeden Lesers – und gewiss nicht meiner – , aber man wird doch durch Action und Drama dafür entschädigt. So gelingt es der Heldin erst in letzter Sekunde, das Leben ihrer Kinder zu bewahren. Allerdings sieht das schmähliche Ende ihres schärfsten Widersachers, Lord Jiro, doch sehr nach einer Laune der Autoren aus als nach einer plausiblen Begebenheit. Im Namen der dramatischen Wirkung lasse ich das mal gelten.

Auch dass zum Schluss in Maras Privatleben das Prinzip der Achterbahn gilt, ist sicherlich nicht irgendeinem Bemühen um Plausibilität zu verdanken, sondern das Bemühen der Autoren um maximale romantische Wirkung – und um eine mögliche Fortsetzung … Da darf ordentlich geschluchzt und gejuchzt werden – bitte eine Großpackung Taschentücher bereit halten! Ich konnte mir das jedoch verkneifen, denn endlich, nach fast 3000 Seiten, wollte ich endlich mal zum Schluss kommen. Finish, finito, basta! Kelewan, adieu!

|Originaltitel: Mistress of the Empire, Kap. 18-33, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold|

Feist, Raymond / Wurts, Janny – schwarzen Roben, Die (Kelewan-Saga 5)

Da Lady Mara nun quasi die Nummer zwei auf Kelewan ist, hat sie zwar viel Ehr‘, aber auch viel Feind‘. Gleich auf den ersten Seiten muss ihr Sohn Ayaki sterben, als er einem Anschlag zum Opfer fällt, der eigentlich ihr galt. Wieder ist Mara die Letzte ihres Geschlechts.

Der Krieg, den sie gegen die vermeintlichen Auftraggeber, die Anasati, führen will, wird jedoch von den Schwarzen Roben, den allmächtigen Magiern Kelewans, untersagt. Die Auseinandersetzungen verlagern sich deshalb auf eine andere Ebene, und Attentäter und Agenten spielen nun die wichtigste Rolle. Drei Männer sind nun in dieser Schattenwelt von tragender Bedeutung. Doch der nächste Anschlag folgt bestimmt.

_Die Autoren_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittelerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

Janny Wurts, geboren 1953, eine amerikanische Autorin und Künstlerin, ist mit dem bekannten Illustrator Don Maitz verheiratet. Nach Verlagsangaben lebt sie in Florida. Ihr erster Roman „Sorcerer’s Legacy“ erschien 1982 und bediente sämtliche Klischees und Gesetze des Fantasygenres. Ihr „Feuer“-Zyklus (1984-88) hingegen mischt bereits Science-Fiction mit Magie. Die Kelewan-Trilogie, die sie 1987-1992 zusammen mit Raymond Feist schrieb, spielt in einem fantastisch überhöhten byzantinischen Kaiserreich. Ihre am besten ausgearbeitete Trilogie ist wohl „The Wars of Light and Shadows“, die 1993 bis 1995 erschien, aber erst vor wenigen Jahren bei Bastei Lübbe veröffentlicht wurde („Der Fluch des Nebelgeistes“, „Die Schiffe von Merior“ usw.).

Die Kelewan-Saga – eigentlich eine Trilogie – besteht aus folgenden Bänden:

Kelewan I = 1+2: Die Auserwählte; Die Stunde der Wahrheit (beide zusammen: Daughter of the Empire);

Kelewan II = 3+4: Der Sklave von Midkemia; Zeit des Aufbruchs (beide zusammen: Servant of the Empire);

Kelewan III = 5+6: Die schwarzen Roben; Tag der Entscheidung (beide zusammen: Mistress of the Empire).

„Die Kelewan-Saga I“ erschien im November 2004, Kelewan II soll im Juni 2005 veröffentlicht werden. Der Schluss liegt nahe, dass Kelewan III im November 2005 auf den Markt kommt.

_Hintergrund_

Kelewan ist eine mit Midkemia durch den „Spalt“ verbundene Parallelwelt, die es zu erobern gilt, um Rohstoffe zu beschaffen, vor allem Metall, das auf Kelewan selten ist. Während Midkemia stark angelsächsisch beeinflusst ist, trägt Kelewan ganz andere Züge. Diese Kultur erinnert in ihrer Stagnation und Starrheit an altchinesische Dynastien, aber auch an das alte Byzanz, erfüllt von Machtkämpfen und Intrigen.

Die kleinen Adelshäuser konkurrieren um den Aufstieg in den Hohen Rat, der von den fünf Großen Häusern gestellt wird. Erst dort können sie Einfluss auf die Politik des Kaiserreiches nehmen, so etwa auf die Partei, die den langjährigen Spaltkrieg befürwortet. Daher wählt der Rat auch den Kriegsherrn. Über allem thront der gottgleiche, jedoch politisch machtlose Kaiser, eine Marionette des Rates.

Außerhalb dieser Hierarchie, jeglicher Gerichtsbarkeit und Weisungsbefugnis entzogen, stehen die Magier der „Schwarzen Roben“. Mit diesen Gestalten bekommt es unsere Heldin erst im dritten Band zu tun. Im ersten Band tauchen Zauberer als eine Art Theaterattraktion auf, ähnlich wie Gandalf im Auenland für das Feuerwerk zuständig ist. Die Schwarzen Roben sind einzig der unveränderten Erhaltung des Reiches verpflichtet, was sie zu einer Art Kardinalsliga macht, nur wesentlich agiler: Sie tauchen überall auf, wo es ihnen passt.

Die Auseinandersetzungen um die Macht im Reich, das so genannte „Spiel des Rates“, folgt strengen, von der Geschichte scheinbar unabänderlich vorgegebenen Regeln. Die mächtigen Adelshäuser tragen ihre Differenzen mittels Intrigen, gedungenen Meuchelmördern und Verrat aus. Das erinnert stark an das Byzanz, das beispielsweise Guy Gavriel Kay in seinem [Sarantium-Zyklus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=242 schildert.

_Vorgeschichte_

Mara ist siebzehn Jahre alt, als ihre Kindheit und Jugend abrupt enden. Jahrelang hat sie als Klosterschülerin gelebt und wurde in der Philosophie der Göttin Lashima ausgebildet. Gegen den Willen ihres Vaters, Lord Sezu Acoma, hat sie sich für ein Leben fern von der Welt entschieden. Doch gerade als sie endgültig das Gelübde als Nonne ablegen soll, unterbrechen sehr männlich klingende Stiefel die feierliche Zeremonie: Es sind die letzten überlebenden Soldaten des vernichteten Heeres ihres Vaters. In einer verheerenden Niederlage auf der Welt Midkemia hat sie neben dem Vater auch ihren geliebten Bruder Lano sowie zweitausend Krieger verloren. Sie ist jetzt die unumschränkte Herrscherin des Hauses Acoma, die Letzte ihres Geschlechts.

Schuld an dem Gemetzel auf Midkemia, so erfährt sie von ihrem Truppenkommandeur Keyoke, ist der Verrat des Hauses Minwanabi. Lord Jingu sollte eigentlich der Acoma-Armee zu Hilfe eilen, um den Feind an der Flanke anzugreifen. Als die Hilfe ausblieb beziehungsweise zu spät gewährt wurde, war von den Acoma nichts mehr übrig außer einem kleinen Häuflein, das sofort zur Heimatwelt zurückkehrte, um die letzte Angehörige der Herrscherfamilie zu ihren Pflichten zu rufen.

Mara ist zunächst von Trauer und Schmerz überwältigt. Sie begehrt als Erstes, die Trauerfeier abzuhalten. Dazu geht sie in den heiligen Hain des Anwesens und ehrt den Heimstein ihres Geschlechts, das auf eine weitaus längere Geschichte als das der Minwanabi zurückblicken kann. Prompt wird sie in diesem unbewachten Augenblick Opfer eines Mordanschlags. Nur die Gesetzesübertretung ihres getreuen Kämpfers Papeweio bewahrt sie vor dem frühzeitigen Tod. Sie schickt den Minwanabi das Zeichen der Blutfehde …

Durch kluge und vor allem unkonventionelle Taktiken gelingt es Mara, ihr Haus vor dem Untergang zu bewahren. Sie gewinnt mächtige Verbündete, baut den Handel aus, ihre Ranch gedeiht, und sie heiratet. Allerdings ist Buntokapi aus dem Hause Anasati ein grobschlächtiger, wenn auch schlauer Mann, der seine Frau prügelt. Sobald Mara ein Kind erwartet, nimmt er sich eine Konkubine, doch diese Teani entpuppt sich als eine Spionin der Minwanabi …

_Handlung von Band 3_

Nach dem rituellen Selbstmord von Lord Jingu, dem Oberhaupt des Hauses Minwanabi, übernimmt dessen Sohn Desio die Geschäfte. Sein Hass auf die „Acoma-Hexe“ Mara, die aus unbegreiflichen Gründen seinen Vater besiegen konnte, ist unermesslich. Sein Kanzler Incomo hat jedoch durch logisches Denken den Grund gefunden: Es müssen Spione der Acoma am Hofe sein. Zu dem gleichen Schluss ist auch schon Desios Cousin Tasaio gekommen, den man hat rufen lassen.

Tasaio ist ein ganz anderes Kaliber als der genusssüchtige, fette Desio – er ist der stellvertretende Kriegsherr Kelewans auf der Welt Midkemia. Sein militärisches Genie steht außer Frage. In kürzester Zeit hat er die Spione der Acoma ausfindig gemacht. Doch er lässt sie entgegen Desios Wunsch keineswegs hinrichten, sondern missbraucht sie für seine eigenen Zwecke. Nachdem er ihnen falsche Informationen untergeschoben hat, lockt er die beiden fähigsten Truppenführer Maras in eine ausgetüftelte Falle. Keyoke und Lujan ahnen ebenso wenig wie Mara, was sie erwartet …

Doch zum Glück für Mara hat sie einen neuen Lover namens Kevin, der in der Welt Midkemia gefangen genommen und versklavt wurde. Sie hat ihn mit seinen Gefährten gekauft, um Weiden zu roden. Mit seinem unkonventionellen Denken vermag er sie ebenso zu verblüffen wie zu brüskieren. Weil Kevin fürchtet, wie alle anderen midkemischen Offiziere getötet zu werden, verheimlicht er ihr, dass er als Baron Truppen gegen Tasaio angeführt hat. Er kennt Tasaios durchtriebene Taktik …

_Handlung von Band 4_

Um ein Haar hätte Tasaio alle seine Ziele erreicht. Wenn Kevin nicht gewesen wäre, würde das Haus Acoma nicht mehr existieren. Während der Fehden und Kriege sind zehn Jahre ins Land gegangen, Maras Sohn Ayaki entwickelt sich zu einem kleinen Krieger, denn er soll eines Tages die Truppen der Acoma anführen. Allerdings muss sie ständig um seine Sicherheit bangen. Werden die Minwanabi einen weiteren Anschlag verüben? Man darf wohl davon ausgehen …

_Handlung von Band 5_

Die Handlung von Band 5 beginnt mit einem Paukenschlag. Drei Jahre sind seit Maras Triumph am Hofe des Kaisers vergangen, als sie zur Guten Dienerin des Kaiserreichs ernannt und von der Familie des Kaisers adoptiert wurde. Allerdings hat diese Erhebung ihr ebenso viele Feinde eingebracht wie die Neue Ordnung, die sie und der Kaiser eingeführt haben. Der Anführer der reaktionären Traditionalisten ist Lord Jiro von den Anasati, der Onkel ihres älteren Sohnes Ayaki.

An Ayakis zwölftem Geburtstag bekommt er von seinen Eltern ein Lebewesen aus der Welt Midkemia geschenkt. Lord Honaku nennt es ein „Pferd“, und selbst als Wallach ist es weitaus temperamentvoller als das andere Vieh, von Reittieren ganz zu schweigen. Vor den Augen der erstaunten Eltern wird das Tier von einem vergifteten Pfeil getroffen und verfällt in Panik. Weil Ayaki nicht absteigt, wird er unter dem stürzenden Tier zerquetscht. Während Mara vor Entsetzen wie erstarrt ist, ergreift Honaku Maßnahmen, um wenigstens sie vor dem nächsten Angriff zu schützen.

Bei der Feuerbestattung ihres Sohnes kommt es zum Eklat, als die vor Trauer halb wahnsinnige Mara Lord Jiro tätlich angreift und ihn einen Mörder nennt. Weil in den Händen von Ayakis Attentäter ein Zahlungsmittel der Anasati gefunden wurde, hält Mara die Anasati für die Auftraggeber des Anschlags, der eigentlich ihr galt. Voller Genugtuung über ihren Angriff posaunt Jiro hinaus, dass die bisherigen Bande zwischen Acoma und Anasati null und nichtig seien, dass vielmehr eine Ehrenschuld bestehe. Hasserfüllt erklärt Mara Jiro den Krieg.

Beide Seiten haben die beistandspflichtigen Häuser ihres jeweiligen Clans auf einer Ebene versammelt, wo sich die Armeen angriffsbereit gegenüberstehen. Als der Augenblick gekommen ist, den beide Seiten für den Beginn der Schlacht ausgemacht haben, dröhnt jedoch unvermittelt ein Donnerschlag über die Ebene. Drei der Erhabenen aus der Magierkaste verbieten den Krieg zwischen Anasati und Acoma, weil er die Gesellschaft Kelewans zu stark schwächen würde. Schließlich kämpfen die Magier gegen feindliche Kräfte außerhalb Kelewans (vgl. den ersten Midkemia-Zyklus bis „Dunkel über Sethanon“).

Da Kampfhandlungen unmöglich gemacht worden sind – Zuwiderhandlung wäre glatter Selbstmord -, verlegen sich Mara und Jiro auf die Spionage und das gute alte Intrigenspiel. Jiro Meisterspion ist sein Erster Berater Chumaka, ein Experte im Schachspiel. Er hat das Spionagenetzwerk seines Gegners entdeckt und begonnen, es zu unterwandern. Er weiß nur noch nicht, wer dessen Kopf ist.

Es handelt sich um Arakasi, einen Mann, der in tausend Gestalten unterwegs ist. Als Agenten Chumakas ihn um ein Haar bei einem seiner Agenten entdecken und töten, merkt er spätestens jetzt, dass sein Netzwerk in höchster Gefahr schwebt und er es mit einem ebenbürtigen Gegenspieler zu tun hat. Dadurch sieht er seine Herrin Mara, der er treu dient, in Gefahr. Und in der Tat: Der nächste Anschlag wird bereits vorbereitet.

Zu dumm, dass sie Arakasi gerade weit weg, in die Umgebung der Burg der Magier, geschickt hat. Sie will deren unliebsamen Einmischungen ein für alle Mal ein Ende bereiten. Einen schrecklicheren Gegner kann sich selbst Arakasi nicht vorstellen.

_Mein Eindruck_

Rund 130 Seiten nimmt die Vorgeschichte ein, bevor so etwas wie Schwung in die Geschichte kommt. Für einen Einzelband wäre diese lange Anlaufstrecke ziemlich viel, doch ursprünglich bildete dies im Gesamtband nur einen kleinen Prolog. Durch die Aufsplittung in zwei Einzelbände erhält der „Prolog“ jedoch ein höheres Gewicht. Durch die Handlungsarmut in dieser Passage – es wird argumentiert, diskutiert und lamentiert – fand ich den Anfang des Romans sehr ermüdend. Gottseidank geht auch das vorbei.

Die Stimmungslage ändert sich um Seite 130 herum schlagartig. Meisterspion Arakasi befindet sich plötzlich in der Klemme und es geht um sein Leben. Dies ist endlich eine deutlich herausgearbeitete Szene, die geradezu filmische Qualitäten hat, enorme Spannung aufweist und die Probleme, die Agenten haben können, deutlich aufzeigt. Ich weiß nicht, wer diese Kapitel geschrieben hat. Aber obwohl die Lieblingstiere der Pferdenärrin Janny Wurts darin auftreten, würde ich doch eher auf Feist als Autor tippen. Der anschauliche Erzählstil ist ebenso seine Handschrift wie der einfachere Satzbau. Für den Prolog brauchte ich Tage, für die nächsten 200 Seiten nur Stunden.

Wir folgen Arakasis Ermittlungen bei der Burg der Magier und in der heiligen Stadt Kentosani mit Spannung und Neugier, werden auch keineswegs enttäuscht. Dieser Bursche unternimmt nicht nur viele gewagte Aktionen, sondern hat auch mächtig was in der Birne. Die Schlussfolgerungen, zu denen er über seinen Gegenspieler (Chumaka) gelangt, lassen uns ebenso frösteln wie ihn.

Richtig lustig wird es dann, als Arakasi sich mit Lord Hokanu, Maras Göttergatte, auf den Weg macht, die Gassen und Gossen von Kentosani zu durchstreifen. Sie suchen den Apotheker, der das Gift für den neuesten Anschlag auf Mara mischte. Der Lord der Shinzawai lernt dabei erstmals die dunkle Unterseite einer Stadt kennen, und er kann nicht behaupten, dass sie ihm besonders gefällt. Diese dynamische Passage endet in einer furiosen Actionsequenz auf Seite 300. Und Arakasi weiß jetzt, wer der wahre Verantwortliche für den Tod an Ayaki ist. Sein Frösteln will gar nicht mehr aufhören.

Im Schlussdrittel von Band 5 erhält Mara deutliche Hinweise – unter anderem von Pug, dem Magier von Midkemia – darauf, dass die Mittel, die sie gegen die Erhabenen zu finden hofft, nur außerhalb des Kaiserreiches zu finden sind. Allerdings haben die Erhabenen durch Zensur und Urkundenfälschung dafür gesorgt, dass die Menschen im Kaiserreich kaum noch eine Ahnung davon haben, wie es vor Jahrtausenden zu dem gegenwärtigen Zeitalter der Stagnation kam. Und wenn die Versammlung der Erhabenen so konservativ eingestellt ist, dann kann dies nur eines bedeuten: Nur Maras Tod dient ihren Zwecken. Mara macht sich auf eine gefahrvolle Erkundungsreise ins Unbekannte auf.

_Unterm Strich_

Wie so häufig sind die ersten Hälften von Romanen wenig befriedigend für den Leser, fehlt ihnen doch das Finale, in dem alle Fäden zusammenlaufen. In den bisherigen ersten Romanhälften ist es dem Autorengespann stets gelungen, sie mit einem Höhepunkt abzuschließen. Nicht so diesmal, in Band 5. Viele Vorgänge werden nicht abgeschlossen und nur ein einziger zu Ende gebracht. Daher ist der Handlungsstrang um Arakasi wesentlich zufriedenstellender als der, in dessen Mittelpunkt Mara steht.

Maras Leben ist das der langweiligen politischen Handlungsweise, doch Arakasi sorgt für Ermittlungen, Spannung und Action. Tatsächlich ist seine Action an einem Punkt derart verwegen, dass wir um sein Überleben bangen müssen. Dieses Kapitel ist eindeutig der Höhepunkt dieses Bandes. Aber beileibe nicht sein Finale. Vielmehr muss auch Mara noch ein Ziel bekommen. Sobald sie es gefunden hat, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Obwohl also das Ende dieses Bandes offen ist, besteht doch genau dadurch noch eine gewisse Spannung.

Unter allen fünf Bänden, die ich bislang gelesen habe, ist Band 5 der mit Abstand der langweiligste. Ich war um jedes Kapitel froh, in dem Arakasi auftrat. Das sind die allzu seltenen Lichtblicke des Buches. Schnell eile ich daher zum nächsten, abschließenden Band.

Auch, um die Textfehler zu vergessen. Auf Seite 144 heißt es zum Beispiel in einer Zeile: „Arakasi tat wie beholfen …“ Richtig müsste es heißen: „Arakasi tat wie befohlen …“ Die Anzahl der Druckfehler ist doch ganz erheblich. Schwamm drüber!

|Originaltitel: Mistress of the Empire, Kap. 1-17, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold|

Meyer, Kai – Buch von Eden, Das

Im Jahre 1257. In einem französischen Kloster wird die „Lumina“ gehütet – die letzte Pflanze des Gartens Eden. Als Schergen des Erzbischofs von Köln, der die Pflanze haben will, das Kloster überfallen, überlebt nur die Novizin Favola. Als Hüterin der Lumina obliegt ihr deren Schutz. Mit Gefährten macht sie sich auf eine gefährliche Reise gen Arabien. Sie wollen die Lumina an den Ort zurückbringen, an dem der Bibel nach einst der Garten Eden gelegen haben soll. (Verlagsinformation)

|Der Autor|

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte unter anderem ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller [„Die Alchimistin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=73 begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wasserläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus.

|Der Sprecher|

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist nach Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

_Handlung_

Der Novize Elwin lebt in einem Kloster von Zisterziensermöchen in der verschneiten Eifel, als er im Jahr 1257 in das Abenteuer seines Lebens gerät. Er ist reichlich aufmüpfig, denn er verzichtet partout nicht auf die Benutzung des eigenen Gehirns, und deshalb ist das Kloster in der Eifel schon sein zweites. Wieder einmal hat er sich davongeschlichen, um den öden Unterrichtsstunden zu entgehen. Mit seinem robust gebauten, aber dennoch vorsichtigen Freund Odo hat er sich auf eine Waldlichtung geschlichen, auf der sich ein Wunder ereignet.

Die beiden Jungs werden Zeuge, wie das sechzehnjährige Mädchen Libuse die große Eiche auf der Lichtung verehrt, den Schnee schmilzt und ihre Umgebung zum Leuchten bringt. Dies lockt einen riesigen Keiler herbei, mit dem sich das Mädchen offenbar gut versteht. Sie nennt den Eber „Nachtschatten“. Bei so viel Magie ist es kein Wunder, dass sich Elwin in Libuse verliebt hat. Dass sie dunkelrotes Haar und grüne Augen wie eine Hexe hat, stört ihn nicht weiter. Nur seine Tollpatschigkeit vertreibt sie leider.

Libuse lebt zusammen mit ihrem Vater Corax von Wildenburg in einem hölzernen Wohnturm, der sich aus dem Wald erhebt. Corax ist schon 50 Jahre alt, ein ehemaliger Kreuzritter, der Libuses Mutter im Orient kennen lernte, doch sie starb bei der Geburt ihrer Tochter. Er spricht gut Arabisch, doch wird das in den christlichen Landen ringsum ungern gehört. Hier herrscht der Erzbischof von Köln, Friedrich von Hochstaden, mit eiserner Hand, denn er will deutscher König werden. Corax hat die Spuren von zwei Wanderern und drei Reitern gefunden. Etwas ist im Gange.

Die zwei Wanderer treffen wenig später in Elwins Kloster ein. Durch einen Geheimgang gelangen Elwin und Odo in eine Nische, wo sie den Abt und seinen Besucher belauschen können. Elwin ist völlig von den Socken, als er erkennt, dass es sich um den Dominikanermönch Albertus Magnus, den Abt seines ersten Klosters, handelt, ein hochgelehrter Mann, dem man sogar magische Fähigkeiten nachsagt. Und er ist ein erbitterter Gegner des Erzbischofs.

Tatsächlich bittet Albertus den Abt um Schutz und Hilfe gegen seine Verfolger, die im Dienst des Erzbischofs stehen. Es sind Söldner, die von einem grausamen „Wolfsritter“ namens Gabriel von Goldau angeführt werden. Sie sind hinter etwas her, das Albertus‘ Schützling bei sich hat. Die Novizin Favola ist die einzige Überlebende eines französischen Klosters, das Gabriel zerstört hat. Favola ist krank und schwach, aber etwas ganz Besonderes.

Elwin schließt Freundschaft mit Favola, denn er fühlt sich zu ihr ebenso hingezogen wie zu Libuse, nur auf andere Weise. Und außerdem ist er neugierig. Sie verrät ihm ihr Geheimnis: Sie trägt in einem kleinen Schrein die Lumina bei sich, die Leuchtende, die letzte Pflanze aus dem Garten Eden. Und da sie zur Lumina eine empathische Verbindung hat, merkt sie, dass die Pflanze schwächer wird. Sie muss unbedingt zurück in ihren Heimatboden.

Doch wo ist der Garten Eden? Der Legende nach lag er im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, doch wie Elwin auf einer langen Wanderung herausfindet, liegt der Garten Eden erstens in der unwirtlichsten Wüste Arabiens und zweitens nicht eigentlich in dieser Welt.

Zunächst aber müssen sich die Verfolgten Albertus Magnus und Favola vor den Rittern des Erzbischofs in Sicherheit bringen. Elwin und Odo helfen ihnen dabei. Als Albert und seine Gefährten seinen alten Freund Corax besuchen, finden sie ein Bild des Grauens vor – die Ritter waren schon hier …

_Mein Eindruck_

|Die Schurken|

Ja ja, das Böse ist immer und überall. Und in Gabriel von Goldau hat es eine trügerische Gestalt angenommen, die unsere wackeren Gefährten auf ihrer Reise ins Gelobte Land auf Schritt und Tritt verfolgt. Bloß gut, dass Gabriel als Bösewicht leicht zu erkennen ist: Er trägt ein Feuermal im Gesicht. Dass auch sein direkter Boss ein Schurke ist, erschließt sich dem Hörer leicht: Ein Nigromant, also Schwarzkünstler, kann nichts anderes als böse sein. Und beide stehen im Dienst eines bereits vorgestellten Schurken: des Erzbischofs von Köln.

In einem hohem Maße sorgen die Schurken – wohl noch viel mehr als im Buch – für jede Menge Action und Drama. Die Darstellung der Untaten des finsteren Trios ist selbst noch im gekürzten Text des Hörbuchs so drastisch, dass ich sie nur Jugendlichen ab 14 Jahren empfehlen würde. Nicht jedes Kind kann wohl mit einer Vergewaltigungsszene klarkommen.

|Der zweite Erzählstrang|

Nun soll man aber nicht meinen, dass die gesamte Handlung nur aus einem Handlungsstrang besteht, selbst wenn sich die Gefährten mal unterwegs verlieren. Vielmehr verhält es sich so, dass in einem zweiten Handlungsstrang ein zweiter Garten Eden, hier „Der Garten Allahs“ genannt, auftaucht. Die Protagonisten dieses Strangs sind ein Mongolenfürst, der eine Million Untertanen gegen das reiche Bagdad führt; ein Verräter, der eben diesen Garten Allahs zerstört; und eine schöne junge Witwe namens Zinaida, die die Schönheit dieses halb überirdischen Gartens geschaut hat und nun den Verräter Shadan vernichten und Bagdad vor der Mongolengefahr warnen will.

Obwohl der zweite Erzählstrang das Personal und somit die Liste der Namen, die man sich merken muss, erheblich erweitert, trägt er doch stark zur Abwechslung bei, so dass keinerlei Langeweile aufkommt. Vielmehr ist der Zuhörer ständig darum bemüht, den Wendungen der vielsträngigen Handlung zu folgen. Eine Verschnaufpause tut mitunter recht gut.

Wenigstens münden die Wege aller Mitwirkenden in Bagdad zusammen, zum Guten und zum Schlechten. Für so manchen entscheidet sich dort sein Schicksal. Doch die Stadt und ihr historisch überlieferter Untergang im Jahre 1258 ist keineswegs das Ende der Geschichte. Denn dann kommt’s hammerhart mit einem beinahe tödlich endenden Ausflug in die arabische Wüste.

|Finale in der Wüste|

Die Wüste bringt – wie in „Lawrence von Arabien“ – den mystischen Aspekt im Menschen hervor. Und das gilt für alle Beteiligten, insbesondere aber für Favola und Libuse, die ja beide über außergewöhnliche mystische Fähigkeiten verfügen: Favola über Empathie und Libuse über das so genannte „Erdlicht“. In diesem Finale erfahren wir endlich, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben: Was es eigentlich mit den Kräften, die in der Lumina schlummern, auf sich hat.

|Faustischer Schurke|

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist die Mitwirkung des Schurken Shadan in der Herbeiführung dieses Finales. So kommt dem Bösen doch noch – wie in Goethes „Faust“ – eine positiv wirkende Rolle zu. Selbstredend überlebt der Schurke den Showdown nicht, so viel darf ich wohl verraten.

|Teamwork|

Was an der Handlung auffällt, ist das ständige Teamwork der Gefährten. Allerdings gehören sie alle der gleichen Religion oder Glaubensrichtung an. Selbst die Kaukasierin Zinaida ist eine Christin, wenn sie auch umgeben ist von Mongolen, Muslimen usw. Ihr getöteter Gatte ist der letzte Herr der berühmten Assassinen, der so genannte „Alte vom Berge“. Der Autor interpretiert das ansonsten so hässliche Erscheinungsbild dieses Meisters aller Attentäter zu einem positiven Bild um. Und das ist auch nötig, um den „Garten Allahs“, den Kur-Shah sein Eigen nennt, als einen verlorenen Schatz darzustellen, der es mit dem Garten Eden aufnehmen kann. Und dadurch ist unsere Sympathie für Zinaida, Kur-Shahs Witwe und geistige Erbin, absolut gerechtfertigt.

Zinaida steht auf einer Stufe mit den beiden anderen Frauenfiguren Favola und Libuse. So viele Heldinnen auf einem Haufen findet man selten in deutscher Unterhaltungsliteratur, die ein Mann verfasst hat. Noch ein Pluspunkt. Und was wird aus unserem Chronisten Elwin? Er hat die Qual der Wahl bei so viel Weiblichkeit und muss sich zwischen Favola und Libuse entscheiden. Eine haarige Sache, wenn man’s recht bedenkt, aber auch diese Klippe umschifft der Autor mehr oder weniger elegant.

|Was uns der Dichter sagen will|

Und die Moral von der Geschicht‘? Die muss man selbst herausfinden, denn sie leitet sich direkt aus dem ungewöhnliche Finale der Geschichte ab. Und dies darf auf keinen Fall verraten werden. Es ist jedenfalls eine ziemliche moderne Botschaft, die bei vielen Menschen gut ankommen dürfte.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Libuse und Favola erhalten daher eine hohe Stimmlage und eine weiche Aussprache (Favola etwas schwächer, logo), während beispielsweise Corax eine sehr tiefe, männliche Stimme erhält. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie für den Hörer leichter erkennbar zu machen. Das ist sehr gut gelungen.

Ein zweites Hilfsmittel sind natürlich Spezialeffekte. Hall wird eingesetzt, um die Chronik, die Elwin auf der Reise durch den wilden Balkan zu schreiben beginnt, als solche hervorzuheben. Wir lauschen also praktisch seinen Gedanken statt einer Szene.

Insgesamt erweckt der Sprecher die Szenen sehr gut zum Leben, so dass wir fast glauben können, einem Film zuzuhören. Für die Bilder sorgte dann einfach meine Vorstellungskraft, die, wie ich merkte, auf viele andere Bilder aus Ritter- und Mittelalterfilmen, die jetzt so in Mode sind, zurückgreifen konnte. Etwas schwieriger ist es, Bilder zu den Mongolen abzurufen. Dazu rief ich mir den neuen Film über Attila in Erinnerung.

Und Bagdad? Ich stellte mir Bilder aus den romantischen Orient-Epen der fünfziger Jahren vor. Über die arabische Wüste Rub al-khali („das leere Viertel“) gibt es seit kurzem ebenfalls phantastische Bilder. Man findet sie in dem Reiter-Epos „Hidalgo – 3000 Meilen durch die Wüste“ mit Viggo „Aragorn“ Mortensen in der Hauptrolle.

|Musik|

Vor dem Prolog erklingt ein kurzes Musikstück, das den Hörer auf das Kommende einstimmen soll. Es handelt sich um eine flotte Melodie, die auf mittelalterlichen Instrumenten gespielt wird.

_Unterm Strich_

„Das Buch von Eden“ dürfte alle ansprechen, die Abenteuer, Mystik und Drama vor dem Hintergrund des Mitttelalters lieben. Während mich Action und Drama ebenso gut unterhalten haben wie Elwins Humor und Gewitztheit, so haben mich die Mystik und die übersinnlichen Fähigkeiten der Frauen fasziniert. All dies würde ein wenig zu naiv wirken, gäbe es nicht eine ganze Menge Schurken im Stück, die den Guten ständig auf den Fersen sind und ihnen mehrmals schwer zusetzen. Leider sind die Schurken derart eindeutig böse, dass sie bereits nicht mehr interessant sind, sondern nur noch eine Bedrohung, vor der die Guten ständig fliehen müssen – auch eine Methode, die Reise zu beschleunigen. Dennoch dürfte die romantische Seite des Plots vor allem Frauen ansprechen.

Wirklich gut fand ich die Idee, den historisch verbürgten Fall der Festung Bagdad durch die Mongolen einzubauen. So erhält die Story eine gewisse weltgeschichtliche Dimension. Dass auch die Kreuzzüge irgendwie vorkommen müssen, erscheint plausibel, doch sie liefern zum Glück nur die Vergangenheitsdimension der aktuellen Story. Mehr Bedeutung sollte den Kreuzzügen nicht zukommen, denn das Thema ist praktisch bereits ausgelutscht.

Der Sprecher trägt entscheidend zum Vergnügen an diesem Hörbuch bei. Er charakterisiert die zahlreichen Figuren und macht sie leicht unterscheidbar. Schwierigkeiten hatte ich nur bei den Szenen im Kaukasus, wo Mongolen und Assassinen aufeinandertreffen, jedoch in den Badgadszenen nie. Das spricht auch für die klare Dramaturgie, für die der Hörspielbearbeiter verantwortlich zeichnet.

Fazit: Ohne die klischeehaften Darstellungen der Figuren, besonders der Schurken, wäre das Vergnügen an dieser Geschichte noch größer.

|Spieldauer: 474 Minuten auf 6 CDs|

Feist, Raymond / Wurts, Janny – Zeit des Aufbruchs (Kelewan-Saga 4)

„Nur wenige Gongschläge trennen die junge Mara von einem Leben hinter Klostermauern, da erfährt sie, dass ihr Vater und ihr Bruder auf der barbarischen Welt Midkemia im Kampf getötet wurden und dass sie jetzt das neue Oberhaupt des Hauses Acoma ist. Unterstützt von einer Handvoll treuer Soldaten und Bediensteter muss sie sich einer Aufgabe stellen, die schwieriger kaum sein könnte. Doch Mara ist entschlossen, die Acoma zu alter Größe zurückzuführen. Sie fasst einen waghalsigen Plan …“ So weit also der Klappentext; den kann man so stehen lassen.

_Die Autoren_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittelerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

Janny Wurts, geboren 1953, eine amerikanische Autorin und Künstlerin, ist mit dem bekannten Illustrator Don Maitz verheiratet. Nach Verlagsangaben lebt sie in Florida. Ihr erster Roman „Sorcerer’s Legacy“ erschien 1982 und bediente sämtliche Klischees und Gesetze des Fantasygenres. Ihr „Feuer“-Zyklus (1984-88) hingegen mischt bereits Science-Fiction mit Magie. Die Kelewan-Trilogie, die sie 1987-1992 zusammen mit Raymond Feist schrieb, spielt in einem fantastisch überhöhten byzantinischen Kaiserreich. Ihre am besten ausgearbeitete Trilogie ist wohl „The Wars of Light and Shadows“, die 1993 bis 1995 erschien, aber erst vor wenigen Jahren bei Bastei Lübbe veröffentlicht wurde („Der Fluch des Nebelgeistes“, „Die Schiffe von Merior“ usw.).

Die Kelewan-Saga – eigentlich eine Trilogie – besteht aus folgenden Bänden:

Kelewan I = 1+2: Die Auserwählte; Die Stunde der Wahrheit (beide zusammen: Daughter of the Empire);

Kelewan II = 3+4: Der Sklave von Midkemia; Zeit des Aufbruchs (beide zusammen: Servant of the Empire);

Kelewan III = 5+6: Die schwarzen Roben; Tag der Entscheidung (beide zusammen: Mistress of the Empire).

[„Die Kelewan-Saga I“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=861 erschien im November 2004, Kelewan II soll im Juni 2005 veröffentlicht werden. Der Schluss liegt nahe, dass Kelewan III im November 2005 auf den Markt kommt.

_Hintergrund_

Kelewan ist eine mit Midkemia durch den „Spalt“ verbundene Parallelwelt, die es zu erobern gilt, um Rohstoffe zu beschaffen, vor allem Metall, das auf Kelewan selten ist. Während Midkemia stark angelsächsisch beeinflusst ist, trägt Kelewan ganz andere Züge. Diese Kultur erinnert in ihrer Stagnation und Starrheit an altchinesische Dynastien, aber auch an das alte Byzanz, erfüllt von Machtkämpfen und Intrigen.

Die kleinen Adelshäuser konkurrieren um den Aufstieg in den Hohen Rat, der von den fünf Großen Häusern gestellt wird. Erst dort können sie Einfluss auf die Politik des Kaiserreiches nehmen, so etwa auf die Partei, die den langjährigen Spaltkrieg befürwortet. Daher wählt der Rat auch den Kriegsherrn. Über allem thront der gottgleiche, jedoch politisch machtlose Kaiser, eine Marionette des Rates.

Außerhalb dieser Hierarchie, jeglicher Gerichtsbarkeit und Weisungsbefugnis entzogen, stehen die Magier der „Schwarzen Roben“. Mit diesen Gestalten bekommt es unsere Heldin erst im dritten Band zu tun. Im ersten Band tauchen Zauberer als eine Art Theaterattraktion auf, ähnlich wie Gandalf im Auenland für das Feuerwerk zuständig ist. Die Schwarzen Roben sind einzig der unveränderten Erhaltung des Reiches verpflichtet, was sie zu einer Art Kardinalsliga macht.

Die Auseinandersetzungen um die Macht im Reich, das so genannte „Spiel des Rates“, folgt strengen, von der Geschichte scheinbar unabänderlich vorgegebenen Regeln. Die mächtigen Adelshäuser tragen ihre Differenzen mittels Intrigen, gedungenen Meuchelmördern und Verrat aus. Das erinnert stark an das Byzanz, das beispielsweise Guy Gavriel Kay in seinem [Sarantium-Zyklus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=242 schildert.

_Vorgeschichte_

Mara ist siebzehn Jahre alt, als ihre Kindheit und Jugend abrupt enden. Jahrelang hat sie als Klosterschülerin gelebt und wurde in der Philosophie der Göttin Lashima ausgebildet. Gegen den Willen ihres Vaters, Lord Sezu Acoma, hat sie sich für ein Leben fern von der Welt entschieden. Doch gerade als sie endgültig das Gelübde als Nonne ablegen soll, unterbrechen sehr männlich klingende Stiefel die feierliche Zeremonie: Es sind die letzten überlebenden Soldaten des vernichteten Heeres ihres Vaters. In einer verheerenden Niederlage auf der Welt Midkemia hat sie neben dem Vater auch ihren geliebten Bruder Lano sowie zweitausend Krieger verloren. Sie ist jetzt die unumschränkte Herrscherin des Hauses Acoma, die Letzte ihres Geschlechts.

Schuld an dem Gemetzel auf Midkemia, so erfährt sie von ihrem Truppenkommandeur Keyoke, ist der Verrat des Hauses Minwanabi. Lord Jingu sollte eigentlich der Acoma-Armee zu Hilfe eilen, um den Feind an der Flanke anzugreifen. Als die Hilfe ausblieb beziehungsweise zu spät gewährt wurde, war von den Acoma nichts mehr übrig außer einem kleinen Häuflein, das sofort zur Heimatwelt zurückkehrte, um die letzte Angehörige der Herrscherfamilie zu ihren Pflichten zu rufen.

Mara ist zunächst von Trauer und Schmerz überwältigt. Sie begehrt als Erstes, die Trauerfeier abzuhalten. Dazu geht sie in den heiligen Hain des Anwesens und ehrt den Heimstein ihres Geschlechts, das auf eine weitaus längere Geschichte als das der Minwanabi zurückblicken kann. Prompt wird sie in diesem unbewachten Augenblick Opfer eines Mordanschlags. Nur die Gesetzesübertretung ihres getreuen Kämpfers Papeweio bewahrt sie vor dem frühzeitigen Tod. Sie schickt den Minwanabi das Zeichen der Blutfehde …

Durch kluge und vor allem unkonventionelle Taktiken gelingt es Mara, ihr Haus vor dem Untergang zu bewahren. Sie gewinnt mächtige Verbündete, baut den Handel aus, ihre Ranch gedeiht, und sie heiratet. Allerdings ist Buntokapi aus dem Hause Anasati ein grobschlächtiger, wenn auch schlauer Mann, der seine Frau prügelt. Sobald Mara ein Kind erwartet, nimmt er sich eine Konkubine, doch diese Teani entpuppt sich als eine Spionin der Minwanabi …

_Handlung von Band 3_

Nach dem rituellen Selbstmord von Lord Jingu, dem Oberhaupt des Hauses Minwanabi, übernimmt dessen Sohn Desio die Geschäfte. Sein Hass auf die „Acoma-Hexe“ Mara, die aus unbegreiflichen Gründen seinen Vater besiegen konnte, ist unermesslich. Sein Kanzler Incomo hat jedoch durch logisches Denken den Grund gefunden: Es müssen Spione der Acoma am Hofe sein. Zu dem gleichen Schluss ist auch schon Desios Cousin Tasaio gekommen, den man hat rufen lassen.

Tasaio ist ein ganz anderes Kaliber als der genusssüchtige, fette Desio – er ist der stellvertretende Kriegsherr Kelewans auf der Welt Midkemia. Sein militärisches Genie steht außer Frage. In kürzester Zeit hat er die Spione der Acoma ausfindig gemacht. Doch er lässt sie entgegen Desios Wunsch keineswegs hinrichten, sondern missbraucht sie für seine eigenen Zwecke. Nachdem er ihnen falsche Informationen untergeschoben hat, lockt er die beiden fähigsten Truppenführer Maras in eine ausgetüftelte Falle. Keyoke und Lujan ahnen ebenso wenig wie Mara, was sie erwartet …

Doch zum Glück für Mara hat sie einen neuen Lover namens Kevin, der in der Welt Midkemia gefangen genommen und versklavt wurde. Sie hat ihn mit seinen Gefährten gekauft, um Weiden zu roden. Mit seinem unkonventionellen Denken vermag er sie ebenso zu verblüffen wie zu brüskieren. Weil Kevin fürchtet, wie alle anderen midkemischen Offiziere getötet zu werden, verheimlicht er ihr, dass er als Baron Truppen gegen Tasaio angeführt hat. Er kennt Tasaios durchtriebene Taktik …

_Handlung von Band 4_

Um ein Haar hätte Tasaio alle seine Ziele erreicht. Wenn Kevin nicht gewesen wäre, würde das Haus Acoma nicht mehr existieren. Während der Fehden und Kriege sind zehn Jahre ins Land gegangen, Maras Sohn Ayaki entwickelt sich zu einem kleinen Krieger, denn er soll eines Tages die Truppen der Acoma anführen. Allerdings muss sie ständig um seine Sicherheit bangen. Werden die Minwanabi einen weiteren Anschlag verüben?

Maras Blick richtet sich nun auf eine höhere Ebene: auf ihren Clan Hadama. In ihm sind mehrere Häuser, die untereinander blutsverwandt sind, zusammengeschlossen. Sie sind im Hohen Rat repäsentiert, intrigieren aber meist gegeneinander. Mara plant, dies radikal zu ändern, denn manche der ketzerischen Ideen ihres Geliebten leuchten ihr unter dem Eindruck der Geschehnisse durchaus ein.

Mara reist in die kaiserliche Hauptstadt Kentosani, die zum Glück nicht allzu weit entfernt liegt. Hier erlebt sie mehrere böse Überraschungen. Sie lernt zwar ihren Clan näher kennen, gerät aber während einer Kampfdarbietung zu Ehren des kelewanischen Sieges über Midkemia in eine Katastrophe. Der midkemische Magier Milamber – der auf seiner Heimatwelt als Pug bekannt ist – wurde in die Gilde der Erhabenen aufgenommenen. Als midkemische Kriegsgefangene kelewanischen Bestien vorgeworfen werden, rastet er irgendwie aus und entfesselt ein magisches Inferno. Die vier Elemente der Natur setzt er für seine Zwecke ein, doch es ist vor allem ein Erdbeben, das die Zuschauermenge in der riesigen Arena in panischen Schrecken versetzt. Mit knapper Not gelingt es Kevin, Mara in Sicherheit zu bringen.

Dieser Zwischenfall beschämt den amitierenden Kriegsherrn derart, dass er sich durch rituellen Selbstmord töten muss, um die Ehre seines Hauses und seines Kaisers zu rehabilitieren. Sofort wird ein Nachfolger gewählt: Axantucar. Dieser ist bemüht, seine Macht und Stellung durch gezielte Attentate zu festigen und auszubauen. Endlich sieht auch Tasaio die Gelegenheit gekommen, seine Erzfeindin Mara zu vernichten.

In dem labyrinthisch angelegten Kaiserpalast haben sich die wenigen Leibgardisten der Acoma verschanzt. Zwei Lords verstärken mit ihren Männern Maras mickrige Truppe. Nachdem in den benachbarten Gemächern einer der Lords nach dem anderen abgemurkst wird, wartet Mara bang auf den endgültigen Angriff. Er erfolgt erst nach drei Tagen, dann aber in mehreren Wellen so massiv und lang anhaltend, dass ihrem kleinen Häuflein die vollständige Auslöschung droht. Es sind von Tasaio angeheuerte Attentäter, aber auch reguläre Truppen ohne Abzeichen, die von allen Seiten auf ihre Soldaten einstürmen.

Kevin schlägt sich wie ein Tiger für seine geliebte Herrscherin, sobald er ein richtiges Metallschwert in der Hand hält. Weil Metall auf Kelewan sehr selten ist, sind Schwerter normalerweise aus speziell gefertigtem Leder, das durch Harz verstärkt wird. Dem von den Ninjas geklauten Metallschwert (nur Tasaio kann sich so ein Ding leisten) haben die anderen nur wenig entgegenzusetzen. Aber es sind zu viele. Der Moment ist abzusehen, da zwischen Mara und einem Angreifer kein Verteidiger mehr steht. Ihr Gewand ist bereits rot vom vergossenen Blut anderer, als eine überraschende Wendung eintritt …

_Mein Eindruck_

Um das, was sie vorhaben, zu erreichen, jagen die beiden Autoren ihre Heldin Mara durch allerlei überraschende Wendungen und sogar Entscheidungen, die sie fast um den Verstand bringen. Als Herrscherin hat man’s eben nicht leicht. Und wenn es um die Revolution geht, sind Opfer vonnöten.

Die Handlung lässt sich auf zwei Ebenen darstellen, die ich als Inside- und als Outside-Story bezeichne. In der OUTSIDE-Story finden sich äußerliche Aktivitäten wie etwa die oben beschriebene „Nacht der blutigen Schwerter“ wieder. Es gibt noch ein paar weitere Actionszenen, die wirklich lesenswert und spannend sind. Dazu kommen aber auch Nachrichten, die Mara von ihrem Geheimdienstchef Arakasi erhält. So hat etwa ein Ereignis auf der Welt Midkemia erhebliche Konsequenzen für Kelewan und Mara: Bei einem Verrat der Midkemier werden etliche Lords der Tsurani getötet, darunter auch Lord Desio, der amtierende Minwanabi-Lord. Dadurch wird automatisch sein Cousin Tasaio Nachfolger auf dem Minwanabi-Thron und Mara muss sich nun wirklich in Acht nehmen.

Fast noch wichtiger ist die Nachricht, dass sämtliche Dimensionstore nach Midkemia geschlossen wurden, von wem auch immer. Deshalb erscheint Maras Besuch beim kaiserlichen Lordsiegelbewahrer, also dem Chef der Bürokratie, zunächst ziemlich witzlos. Erst im grandiosen Finale stellt sich heraus, dass sie mit ihrem Antrag auf Handelsbeziehungen mit Midkemia ein Monopol erlangt hat, das ihre Stellung im Hohen Rat erheblich stärkt.

Ihr gelingt es dadurch, den eigenen Clan Hadama auf sich einzuschwören, wodurch alle folgenden Auseinandersetzungen zu Clan-Konflikten werden. Kein Einzellord kann mehr ungestraft seinen Nachbarn angreifen, ohne dass es Sanktionen von Seiten dessen Clans gibt. Das trägt einerseits zur Befriedung Kelewans bei, vergrößert aber gleichzeitig die Dimension der Konflikte: Am Ende steht eine Schlacht zwischen Maras Hadama-Clan und Tasaios Shonshoni-Clan kurz bevor, wobei hunderttausende von Kriegern beteiligt sind. Kann Mara das Ruder herumreißen?

Die INSIDE-Story ist wesentlich weniger wichtig, wenn es um Politik geht, doch für Mara und Kevin hat sie die gleiche Bedeutung. Und weibliche Leser dürften sie mit weitaus größerem Interesse verfolgen als irgendwelche Schlachten.

Maras Problem mit Kevin ist folgendes: Sie kann keinen Sklaven heiraten. Ganz einfach deshalb, weil vor dem tsuranischen Gesetz Sklaven keine Personen, sondern lebende Gegenstände wie Haustiere sind. Uns würde es ja auch nicht einfallen, einen Hund zu heiraten, oder? Na also. Nichtsdestotrotz liebt Mara ihren Leibsklaven Kevin, auch wenn andere das anstößig finden. Aber zumindest keiner aus ihrem Hofstaat, der ihn mal kämpfen gesehen hat.

Doch Mara wird ja auch nicht jünger und muss standesgemäß heiraten. Das hat auch politische Gründe, wie alles auf Kelewan. Prinz Hokanu von den Shinzawai ist weder blöd noch hässlich, sondern ziemlich verständig und ansehnlich – und sein Haus ziemlich mächtig. Der ideale Heiratskandidat! Wenn da nur Kevin nicht wäre. Während sie schon vor Gewissensbissen ihm gegenüber schlaflose Nächte hat, kommt ihr der kaiserliche Befehl, alle midkemischen Sklaven auf ihre Heimatwelt zurückzubringen, irgendwie auch zupass. Auch wenn es ihr fast das Herz im Leib zerreißen will, nimmt Mara Abschied von ihrem nichts Böses ahnenden Liebling, der in ihrem Schoß ein Erinnerungsstück zurückgelassen hat …

Diese kaiserlichen Befehle tauchen im vierten Band auffällig häufig auf, um drastische Wendungen einzuleiten, und sie werden häufig nicht erklärt. (Den Autoren liefert das natürlich ein wohlfeiles Instrument, um ihren Plot in die richtige Richtung zu steuern – oder ist es vielmehr andersrum?) Der Kaiser ist nun nicht mehr das geistige Oberhaupt, sondern eine politische Macht, mit der zu rechnen ist. Und Mara kapiert dies früher und klarer als alle anderen …

|Die Übersetzung|

Ich bin an drei Stellen auf merkwürdige Ungereimtheiten gestoßen. Man muss sie nicht unbedingt als Fehler auffassen, aber man könnte darüber streiten.

Auf Seite 164 heißt es: „Man wird dich wegen untsuranischer Ansichten in Bausch und Bogen aus dem Rat jagen.“ Man kann eine Sache „in Bausch und Bogen“ ablehnen, also in ihrer Gesamtheit, aber auf Menschen wird diese Redewendung normalerweise nicht angewandt. Wesentlich logischer erscheint die Redewendung „mit Schimpf und Schande“. Und es alliteriert sich ebenfalls.

Auf Seite 275 wird ebenfalls ein bekanntes Wort falsch verwendet. „Es war ein fassungsloser Vorgang, der mit jeder Tradition, jeder Vorrangstellung brach.“ Weil aber nur Menschen fassungslos sein, also die Fassung verlieren können, ist das Wort „fassungslos“ im Zusammenhang mit einem abstrakten Vorgang fehl am Platze. Korrekt müsste es „unfassbar“ heißen.

„Um das Wohl des Kaiserreiches Willen rufe ich den Lord der Tonmargu“, heißt es auf Seite 446. Der arme Genitiv, das hat er nicht verdient. Wenigstens macht ihm diesmal nicht der Dativ, sondern der Nominativ den Garaus. Weil „Willen“ hier den Genitiv verlangt (wie in „um Gottes Willen“) müsste es richtig heißen: „Um des Wohles des Kaiserreiches Willen …“

_Unterm Strich_

Von der Klosterschülerin zur First Lady – nun ja, beinahe – in nur zehn Jahren. Eine beachtliche Leistung für eine Siebzehnjährige, die schon mit der Welt abgeschlossen hatte. Dieses wahre Wunderkind hat das allerdings nur geschafft, weil sie die bedingungslose Loyalität und Liebe ihres Hofstaates besitzt. Gepriesen sei Lashima, die Göttin der Weisheit, der Mara ihr Leben weihen wollte! Glückliches Kelewan, das von einer solchen Frau von Grund auf umgekrempelt wird!

Der Kelewan-Band Nummer vier wartet mit der bereits gewohnten Mischung aus Actionszenen, Meisterstücken der Diplomatie und herzzerreißenden Szenen menschlichen Dramas auf, so dass eigentlich jeder Leser und jede Leserin zufrieden sein sollte. Nur ich mal wieder nicht. Zu offensichtlich sind die plumpen dramaturgischen Eingriffe der Autoren, so dass es im Getriebe der Handlung mächtig knirscht.

Auch Maras Beziehung zu ihrem lieben Kevin wollte mir gar nicht gefallen – wahrscheinlich kann ich solchen Schoßhündchen wenig abgewinnen. Wenn am Schluss Mara (wie in jedem Band) triumphiert – natürlich in aller Bescheidenheit -, so hat dies doch einen bitteren Beigeschmack angesichts der Opfer, die sie hinter sich zurücklässt. Der erste Gesamtroman gefiel mir besser. Mal sehen, wie der dritte Gesamtroman (die deutschen Bände 5+6) wird.

|Originaltitel: Servant of the Empire, Kap. 15-27, 1990
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold|

Follett, Ken – Brücken der Freiheit, Die

„Vom alten England bis in die Neue Welt spannt sich der große Bogen des abenteuerlichen Lebens zweier Menschen auf der Suche nach der Freiheit. In den schottischen Kohlengruben herrscht das Gesetz der Sklaverei. Doch Mack McAsh, ein junger Bergmann, träumt davon, frei zu sein. Er flieht nach London – und gerät in eine andere Form von Knechtschaft: Als Aufrührer verurteilt, wird er in Ketten nach Virginia verschifft. Dort trifft er auf Lizzie Jamisson, die Frau, die ihm einst in Schottland zur Flucht verholfen hat und dabei ihr eigenes Glück als Preis bezahlt.“ (Verlagsinfo)

|Der Autor|

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt ist bei uns erschienen: [„Mitternachtsfalken“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=147 spielt mal wieder im 2. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein neuester Roman „Whiteout“ erschienen.

Autorenhomepage: http://www.ken-follett.com/de/index.html

|Der Sprecher|

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist nach Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater.

|Das Titelbild|

Die Vorderseite zeigt vier Bildelemente: 1) eine Landkarte der Britischen Inseln (bes. Schottlands), die deren Erzeugnisse wie etwa Weizen oder Fisch aufzeigt – leider ist die Schrift zu klein, um zu erkennen, was in den schottischen Lowlands erzeugt wird, vermutlich Kohle. Links oben ist die Stahlbrücke über den Firth of Forth bei Edinburgh zu sehen. 2) eine alte Dampflokomotive auf einem zeitgenössischen Foto. 3) ein Gemälde von einem schottischen Flusstal, das von einer steinernen Brücke überspannt überspannt wird – eine prä-industrielle Idylle. 4) Allen Bildern sind zwei Goldmünzen überlagert. Diese sehen so alt aus, dass sie nicht recht zu den Bildern passen wollen. Aber sie deuten natürlich das Thema des wirtschaftlichen Erfolgs und des finanziellen Einflusses an.

|Die Rückseite|

… hat mich ziemlich verwirrt. Sie zeigt das Plastikmodell einer mittelalterlichen Palastanlage – inklusive Randmauern, Zinnen, Bogengängen, Erkern und Türmchen. Ein großes romanisches Tor ist darunter angedeutet. Die Epoche, die diese Modell andeutet, liegt leider viel früher als die der Handlung. Vielleicht soll das Modell den Palast der Jamissons symbolisieren.

_Handlung_

Der Roman ist in drei zeitliche Abschnitte aufgeteilt, die an drei verschiedenen Orten spielen. Die erzählte Zeit sind die Jahre 1767 bis 1769. Es ist die Geschichte dreier Familien.

|Teil 1: Schottland|

Die eigentliche Hauptfigur des Romans ist Malachi McAsh, kurz Mack genannt. Wie seine Zwillingsschwester Esther schuftet er weit mehr als zwölf Stunden pro Tag in der neue Kohlegrube, die der adlige Großgrundbesitzer George Jamisson eröffnet hat und ausbeutet. Kohle ist der Treibstoff für das nun angebrochene Zeitalter der Industrialisierung, das die westliche Gesellschaft total umkrempeln wird. Jamisson hofft, auch bald auf dem Grund und Boden der Nachbarin Lady Hallam eine Grube eröffnen zu können. Und mit seinem ersten Sohn Robert arbeitet er auf den Ruin Lady Hallams hin.

Die Arbeitsbedingungen unter Tage sind nach heutigen Begriffen unmenschlich und äußerst gefährlich. Malachi beispielsweise arbeitet als „Feuermann“. Wie Lady Hallams patente Tochter Lizzie bei einer Führung durch Sir Georges zweiten Sohn Jay herausfindet, besteht die Aufgabe des „Feuermanns“ darin, austretendes Grubengas (Methan) aufzuspüren und zu beseitigen. Dies erfolgt dadurch, dass nach der Räumung des Flözes das Gas abgefackelt wird. Bei der Explosion verlässt der „Feuermann“ keineswegs den Flöz oder gar die Grube selbst, sondern legt sich unter eine feuerfeste Plane, während das Gas abbrennt. Wenn er Pech hat, versengt er sich etwas mehr als seine Bartstoppeln …

Auch die Besitzverhältnisse sind ultrabrutal und geradezu mittelalterlich. Das ist schottisches Sonderrecht. Nach einem Jahr und einem Tag in Arbeit beim Grubenbesitzer wird der Arbeiter dessen Eigentum. Kinder werden dem Besitzer bereits bei der Taufe versprochen, für zehn Pfund. Leibeigenschaft ist hier kein Fremdwort. Schon neunjährige Kinder malochen in den Gruben, indem sie schwere Körbe schleppen. Die Jamissons haben ihr Vermögen mit dem Transport straffällig gewordener britischer Untertanen verdient: Für jeden in die amerikanischen Kolonien verschifften „Sklaven“ erhalten sie ein Kopfgeld von der Krone.

Mack hat sich bei einem Londoner Rechtsanwalt namens Gordonson aufgeklärt: Die Verhältnisse in der Grube sind rechtswidrig. Als er in aller Öffentlichkeit rebelliert und anschließend ein Grubenunglück passiert, will ihn Jamisson verhaften lassen. Mit Lizzies Hilfe kann er über die Berge entkommen, doch er muss seine Schwester ebenso zurücklassen wie seine Freundin Annie. Seinen Sklavenhalsring nimmt er als Andenken mit. Er soll ihn daran erinnern, dass er um seine Freiheit kämpfen muss.

|Teil 2: London|

Als er in London sein Auskommen sucht, gerät er ins Box-Business. Von dem verdienten Geld will er Esther und Annie nachkommen lassen. Die Metropole ist gekennzeichnet von sozialem Aufruhr wie etwa wilden Streiks. Die Jamissons haben hier natürlich ihr Stadthaus und ihre politischen Verbindungen. Jay Jamisson ist Captain (Hauptmann) in der Armee. Inzwischen ist Lizzie Hallam seine Frau geworden. Sie freut sich auf eine gedeihliche Ehe, doch sie soll bitter enttäuscht werden. Jay ist ein Bruder Leichtfuß und häuft schon bald hohe Schulden bei einem Gastwirt namens Lennox an. Der weiß ihn in die gewünschte Richtung zu lenken, um seinen Zwecken zu dienen. Jay hofft, dass Lizzies Kohle – im doppelten Sinne – ihn sanieren wird.

Lizzie bekommt schnell mit, dass Mack in der Stadt ist: Sie lässt ihn nach einem Boxkampf verarzten. Nach einer der öffentlichen Hinrichtungen, die stets die Schaulust des Pöbels befriedigen, wird sie um ein Haar von Dieben ausgeraubt und vergewaltigt. Mack ist mal wieder rechtzeitig zur Stelle. Doch Mack lebt mit einem Frauenzimmer zusammen, dessen Stand weit unterhalb von Lizzie liegt: Sie ist eine Straßenhure und arbeitet mit einem dreizehnjährigen Mädchen namens Peg zusammen, die den jeweiligen Freier beklaut. Die Beute kriegt der Hehler.

Cora gibt Mack den Tipp, es mal als Kohlenlöscher im Hafen zu versuchen. Die Männer, die die Kohlensäcke von den Dampfern holen, sind in Gangs organisiert und werden von ihren Vermittlern, den Gastwirten, mit einem Hungerlohn abgespeist. Lennox ist einer dieser betrügerischen Gastwirte am Hafen. Auch hier rebelliert Mack gegen die Verhältnisse und schafft sich in Lennox einen Todfeind.

Durch seine Verbindung zu Jay Jamisson sorgt Lennox dafür, dass die neu organisierten Kohlenlöscher, die zu ordentlichem Lohn ordentliche Leistung erbringen, von den meisten Schiffseignern boykottiert werden, selbst wenn die Kapitäne die Löschergangs nicht ablehnen. Folglich gehen die Löscher in Streik – ein willkommener Anlass für Jamisson und seine Parteigänger, Mack, seinem Rivalen um Lizzie, endgültig eins auszuwischen. Er muss es nur richtig anstellen …

|Teil 3: Virginia|

In der Neuen Welt ist es das gleiche Lied wie im Mutterland der Kolonie: Für mehrere Jahre müssen die Sträflinge sich für einen Hungerlohn an einen der Farmer verkaufen. Mack stellt zu seinem Entsetzen fest, dass er von Jay Jamisson gekauft wurde, damit er auf dessen Tabakpflanzung schuftet. Und Lennox hat den achtwöchigen Schiffstrip über den Atlantik ebenfalls überlebt. Er ist auf der Jamisson-Plantage durch Machenschaften schon bald der Vormann und schikaniert Mack, wo er nur kann. Sein Plan geht dahin, auch hier Jay Jamisson so zu ruinieren, dass diesem nichts anderes übrig bleibt, als ihm die Plantage für’n Appel und ’n Ei zu verkaufen.

Dass sein Plan aufgeht, liegt zum Großteil an Jay selbst. Er engagiert sich lieber in der Politik, wo er aber als königstreuer Tory bald aufläuft und gemieden wird. (Es vergehen nur noch acht Jahre bis zur Unabhängigkeitserklärung.) Jay lebt auf großem Fuß, leiht sich bei einem windigen Makler eine Menge Geld und verjubelt es am Spieltisch. Sein Gottvertrauen, dass die nächste Ernte ihn solvent machen werde, zerschlägt sich dank der Bemühungen eines gewissen Mr. Lennox. Seine Schulden kann er nicht zurückzahlen.

Lizzie sieht sich an allen Fronten enttäuscht, privat wie geschäftlich. Die einzige Perspektive bietet ihr nur noch Mack, der sogar als Geburtshelfer fungiert. Mack hoffte die meiste Zeit, dass Cora ihn aus der Sklaverei befreit, sieht sich aber ebenfalls enttäuscht: Sie hat einen Farmer geheiratet und sich saniert. Zur Krise kommt es, als Peg auf die Jamisson-Plantage kommt. Sie wird steckbrieflich gesucht, nachdem sie ihren Herrn bei einem Vergewaltigungsversuch getötet hat.

Lizzie und Mack verstecken sie vor dem Sheriff, doch sie wissen: Lange werden sie das Spiel nicht mehr mitmachen können. Sie beschließen daher einen riskanten Plan: Mit Peg wollen sie zusammen über einen der Bergpässe im Westen in die unberührte Wildnis dahinter fliehen, wo nur Indianer und Fallensteller leben. Doch sie haben nicht mit dem Hass und der Hartnäckigkeit von Jay und Lennox gerechnet …

_Mein Eindruck_

„Die Brücken der Freiheit“ ist nicht gerade das bekannteste Buch von Follett, und das will bei einem solchen Bestsellerautor schon etwas heißen. „Die Säulen der Erde“ ist neben „Das zweite Gedächtnis“ und „Der dritte Zwilling“ (verfilmt) wohl sein meistverkaufter Roman. Mit „Säulen der Erde“ und „Mitternachtsfalken“ hat „Brücken der Freiheit“ sein Hauptthema gemeinsam: den Kampf um die persönliche Freiheit in Frieden und Selbstbestimmung.

Nicht die Epoche der Industrialisierung im 18. Jahrhundert unterscheidet den Roman von diesen Geschichten, die im Mittelalter beziehungsweise im 2. Weltkrieg angesiedelt sind. Auch die Art der Unterdrückung ist eine andere. Während Dänemark im 2. Weltkrieg unter der deutschen Okkupation und der damit verbundenen Verfolgung von Juden und Widerstandskämpfern leidet, sehen sich die Protagonisten von „Säulen der Erde“ sowohl um ihr Geburtsrecht betrogen als auch einem Leben in Freiheit von adeliger und bischöflicher Gewalt verpflichtet.

Die Unterdrückung, die Mack McAsh am eigenen Leib erfährt, ist zunächst wirtschaftlicher Natur. Seine Arbeitskraft wird ausgebeutet, ja, sogar sein Leben aufs Spiel gesetzt. Für die Adeligen, denen die Kohlegruben gehören, ist er lediglich Verfügungsmasse, nicht so sehr ein Mensch als vielmehr ein Faktor in ihren Kalkulationen. Und wer nicht spurt, wird in Ketten gelegt, also aller Bürgerrechte beraubt. Der Autor schildert an allen drei Schauplätzen das Wirtschaftssystem in genauen und plausiblen Details.

Das Besondere an „Brücken der Freiheit“ scheint mir darin zu liegen, dass es hier keine idyllischen Rückzugsgebiete gibt. Nicht einmal auf der Jagd im Hochland Schottlands herrscht Frieden. Jay Jamisson legt sogar auf seinen eigenen Bruder an, um sich seine Zukunft zu sichern. Auch die einzige Frau auf dieser Jagdpartie, Lizzie Hallam, schaut nicht bewundernd zu, sondern weiß gut mit der Knarre umzugehen. Ohne Vater aufgewachsen, hat sie viele männliche Züge angenommen.

Sowohl die Schilderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ausbeutungssysteme als auch das Fehlen von Rückzugsgebieten für empfindsame, liebende Seelen scheinen das Buch nicht gerade für unterhaltungssüchtige Leser zu prädestinieren. Deshalb ist die jahrelange Romanze zwischen Lizzie und Mack so wichtig. Aber reicht sie aus, um den Leser oder vielmehr die Leserin emotional bei der Stange zu halten?

Um dies zu erreichen, fährt der Autor schweres Geschütz auf. Nicht die Szenen, in denen Mack Sex – mit Cora oder sonstwem – hat, sondern nur die Sexszenen, in denen Lizzie die Hauptperson ist, werden ausführlich und in sinnlichster Form geschildert. Ob nun Jay ihr Bettgefährte ist oder Mack sie auf dem Teppich nimmt, immer stehen ihre Empfindungen im Vordergrund, nicht so sehr die des Partners. Das ist natürlich sowohl angemessen als auch für ein weibliches Publikum interessanter. Liebe und Drama, das ist alles schön und gut, aber die Erfüllung weiblicher Träume darf auch nicht fehlen.

Ganz toll finden es die Leserinnen wahrscheinlich, dass sich beim Finale die beiden Rivalen Mack und Jay bis aufs Blut bekämpfen, um herauszufinden, wer schließlich die Frau, Lizzie, bekommt. Lizzie kann zu ihrer Genugtuung sicher sein, dass der Bessere gewinnt und ihre Nachkommen optimal für den Daseinskampf in der Wildnis gerüstet sein werden.

Wenn der Roman zur Hälfte in Schottland und zur Hälfte im wilden Virginia spielen würde, wäre dies zwar kein Follett mehr, aber die Leserinnen würden ihm das Buch aus den Händen reißen. Eine Ahnung vom realisierbaren Erfolg liefert Diana Gabaldons Highlander-Saga, die weder mit Schottland noch dem Drama in den Neuen Kolonien geizt und so optimale Suchtbefriedigung für frustrierte und/oder gestresste Leserinnen liefert. Mit selbst ist Folletts – auch literarischer – Realismus lieber. Er nimmt auf seine Weise zeitlich Emile Zolas naturalistische Romane vorweg bzw. eifert ihnen literarisch ein wenig nach.

_Der Sprecher_

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Außerdem kommt dem Sprecher die moderne Technik zu Hilfe. Doch die Effekte halten sich auf dieser Aufnahme sehr in Grenzen. Der Sprecher setzt vor allem die Stimmlage ein, um eine Figur zu charakterisieren. Dies sind zum Glück nur sehr wenige, im Schnitt nur drei bis vier.

Was mir als Anglist aber ein wenig Verdruss bereitete, sind die Aussprachefehler, die Schepmann an den Tag legt. Der Name Macks lautet Malachi, ausgesprochen [mäläkai]*, doch Schepmann sagt [mälächi].
*nach: Oxford Advanced Learner’s Dictionary of Current English: Books of the Bible, Old Testament.

Selbst so einfache Wörter wie Chapel Street spricht er nicht korrekt aus (tschejpl statt tschäpl) . Zugegeben, bei dem Adelstitel „Viscount“ [vaikaunt, mit der Betonung auf der ersten Silbe, nicht viskaunt] hätte ich als Laie auch meine Probleme, doch ich bin keiner und Schepmann ebenfalls nicht.

|Musik|

Als Intro und Ausklang ist ein kurzes Musikstück zu hören, das wie eine Mischung aus Tanz und Hymne klingt, jedenfalls ziemlich amerikanisch-patriotisch. Es ist beschwingt und dynamisch, und man könnte glatt meinen, nun werde gleich als erstes die Unabhängigkeit Schottlands ausgerufen. Dem ist dann aber doch nicht so. 😉

_Unterm Strich_

„Brücken der Freiheit“ bietet auch in der gekürzten Hörbuchfassung eine Menge Romantik, Spannung, Drama und Action. Zahlreiche filmische Szenen wurden herausgearbeitet, so dass langweilige Beschreibungen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen oder von Landschaften praktisch völlig fehlen. Diese Dramaturgie hält die Aufmerksamkeit des Hörers wach und macht ihn oder sie gespannt darauf, wie es wohl zwischen Jay, Mack und Lizzie weitergeht. Das Finale lässt an Action und Dramatik nichts zu wünschen übrig. Ob es für Mack und Lizzie ein Happyend gibt, verrate ich nicht.

Der Sprecher Philip Schepmann macht seine seine Sache recht gut, und man kann seinem Vortrag mühelos folgen. Mich als Anglisten haben lediglich ein paar Aussprachefehler (s. o.) gestört. Nette, beschwingte Musik stimmt den Hörer ein und entlässt ihn wieder in die Wirklichkeit. Insgesamt lässt sich diese Produktion als kompetent bezeichnen, aber so richtig vom Hocker haute mich keine Szene.

Das Action-Finale à la „Lederstrumpf“ erforderte meine ganze Aufmerksamkeit, um alles richtig mitzubekommen. Hier würde sich ein zweites Anhören lohnen, um auch etwas von der Spannung und Dramatik der Szene einzufangen, die zweifellos vorhanden ist.

|Umfang: 358 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: A place called freedom, 1995
Aus dem Englischen von Till Lohmeyer und Christel Rost|

Bujold, Lois McMaster – Cetaganda (Barrayar-Zyklus)

„Cetaganda“ ist ein spannender Agentenroman aus Lois McMaster Bujolds SF-Welt, die sich als |Barrayar|-Universum nun schon dem vollen Dutzend Bände nähert.

Ausgewählte Bände aus dem Barrayar-Zyklus (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

– Die Quaddies von Cay Habitat (Vorstufe zum Barrayar-Zyklus)
– Scherben der Ehre (Band 1)
– Barrayar (2) (Band 1 & 2 neu als [„Barrayar – Cordelias Ehre“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=865 bei |Heyne|)
– Der Kadett (3)
– Der Prinz und der Söldner (4)
– Cetaganda (5)
– Ethan von Athos (6)
– Waffenbrüder (7)
– Spiegeltanz (8)
– Viren des Vergessens (9)
– Komarr (10)
– Die Grenzen der Unendlichkeit (Episodenroman mit Miles-Abenteuern)

Mit „Cetaganda“ liefert die erfolgreiche Autorin Lois McMaster Bujold nun netterweise eine kleine Chronologie, die es erlaubt, die Geschehnisse ihrer Romane zeitlich einzuordnen, da die Veröffentlichungen nicht immer dieser Reihenfolge entsprachen. Insbesondere „Grenzen der Unendlichkeit“ verteilt die Abenteuer von Miles Vorkosigan über die gesamte Frühphase seiner Entwicklung. Auch „Cetaganda“ ist der „frühen Miles-Phase“ gewidmet und spielt sechs Jahre vor den Ereignissen in „Spiegeltanz“. Miles ist 22 Jahre alt.

_Hintergrund_

Die |Vor| auf dem Planeten Barrayar sind eine Militärdynastie, die sich ständig mit dem Nachbarreich Cetaganda in den Haaren liegt. Miles Vorkosigan ist zwar Angehöriger dieser Dynastie, hat aber wegen eines Giftanschlags, dem seine Mutter zum Opfer fiel, scheinbar nur geringe Überlebenschancen: Seine Knochen sind spröde wie Glas und er ist kleinwüchsig. Diese Mängel macht er durch Grips, Mut und ein flottes Mundwerk wieder wett.

In einer Periode des Barrayar-Zyklus, der zur Zeit wieder neu aufgelegt wird, führt Miles seine private Söldnerflotte der Dendarii von Gefecht zu Gefecht – unter dem Decknamen Miles Naismith. Diese verdeckten Operationen sind von seinem Kindheitsfreund, dem Kaiser Gregor von Barrayar, abgesegnet. Ansonsten arbeitet er meist für den kaiserlich-barayaranischen Geheimdienst. In Elli Quinn wird er wohl seine Lebensgefährtin finden.

_Handlung_

Nach den immer wieder auftauchenden kleinen Bemerkungen oder Storys (siehe „Grenzen der Unendlichkeit“) war es an der Zeit, Näheres zu erfahren über den schlimmsten Feind der Barrayaner: Cetaganda. Miles Vorkosigan und sein Cousin Ivan Vorpatril stellen die barrayanische Delegation, die zu den Trauerfeierlichkeiten nach dem Tod der Kaiserinwitwe nach Cetaganda reist.

Zunächst wird ihre Fähre, die sie zum Planeten bringen soll, auf ein abgelegenes Terminal umgeleitet. Noch verwirrender erweist sich jedoch das Auftauchen eines Fremden in der Luftschleuse, der eine Nervendisruptor-Waffe bei sich trägt. Der agile Ivan stürzt sich auf den Fremden und entwaffnet ihn. Dabei verliert der Mann auch noch ein weiteres längliches Objekt, das Miles ebenfalls an sich nimmt. Danach verschwindet der Fremde. Von der Attacke gibt es keine Videoaufzeichnung, weil jemand die Monitore zuvor deaktiviert hat.

Danach werden Ivan und Miles mit ihrer Fähre zum korrekten Andockterminal geleitet. Dort hat man keine Ahnung von dem, was soeben passiert ist. Und obwohl Ivan Blut und Wasser schwitzt, macht Miles keine Andeutungen, das etwas Ungewöhnliches passiert sein könnte. Er ahnt, dass derjenige, der den Angriff in Auftrag gegeben hat, genauso gut auch Verbindungen zu den obersten Ebenen im cetagandanischen Sicherheitsdienst haben kann. Wie sich zeigt, liegt er damit völlig richtig.

Am Abend der Ankunft schnuppert Miles mal hinein in die hiesige Gesellschaft. Gastgeber der Party ist ein gewisser Lord Yenaro, der besonders stolz auf eine Multimediaskulptur ist. Da Ivan sie schon betreten hat, sieht auch Miles keine Gefahr für sich und seine zerbrechliche Konstitution. Er ist nur wenige Schritt gegangen, als seine stählernen Beinschienen zu glühen anfangen und ihm die Haut verbrennen. Mit Müh und Not schafft er es in Sicherheit. Offenbar trachtet man ihm nach dem Leben. Oder ist Barrayar das Ziel des Komplotts?

Am nächsten Tag soll der Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen werden. Vorwitzig tritt Miles aus der Reihe der Kondolenten heraus und entdeckt direkt neben dem Katafalk der Toten eine weitere Leiche: Es ist der vermeintliche Attentäter vom Vortag. Er hat sich angeblich selbst die Kehle aufgeschlitzt. Warum aber dann in solcher Öffentlichkeit?

Durch kriminalistische Nachforschungen gewinnt Miles bald ein klareres Bild von der Lage. Der Tote war Ba-Lura, und die Ba sind die Neutren innerhalb des herrschenden Volkes der Haud. Die Haudfrauen sind stets hinter Energieschilden verborgen, so dass kein Barrayaraner weiß, wie sie aussehen. Die Haudmänner – nun, der Kaiser Fletchir Giaja ist von schlankem, elfenhaftem Wuchs. Miles hat keine Hoffnung, ihn jemals aus der Nähe sehen zu dürfen.

Das Siegel auf dem geheimnisvollen Gegenstand, der ihm in die Hände gefallen ist, erweist sich als uralt. Es ist das Siegel der Sternenkrippe der Haud, dem geheimen Genomprojekt, das alle genetischen Daten der cetagandanischen Herrscherrasse beherbergt und zu verbessern sucht. Die Hüterin der Sternenkrippe war bis ihrem Tod die Kaiserinwitwe. Ba-Lura war ihr langjähriger Mitarbeiter und vielleicht auch Freund. Warum hatte ausgerechnet dieser Geheimnisträger zwei Ausländer kontaktiert? Steckt mehr dahinter?

Eines Abends wird Miles an einen geheimen Treffpunkt eingeladen. Er hat das Privileg, eine Haud-Frau von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Haud Rian ist so wunderschön, wie man sich Galadriel vorstellt, allerdings mit schwarzem Haar. Oja, und sie will das geheimnisvolle Objekt zurückhaben. Ob Lord Vorkosigan wohl die Güte hätte? Hat er nicht! Er will Infos.

Und er bekommt sie zur Genüge: Der kurze Einblick in das, was die Sternenkrippe vorhat und welche Rolle der Gegenstand darin spielt, kommt einem Blick in den Abgrund gleich. Und dieser Abgrund droht die Galaxis um Cetaganda zu verschlingen – und natürlich auch Barrayar …

Die schwer durchschaubaren Feinheiten der cetagandischen Gesellschaftsstruktur zwingen Miles, der nun extrem heikles Wissen erworben hat, zu riskanten Gratwanderungen auf dem diplomatischen Parkett und zu waghalsigen Improvisationen, die seinem Botschafter Vorob’yev den Angstschweiß und dem barrayaranischen Sicherheitschef Vorreedi die Zornesröte ins Gesicht treiben. Ob das wohl gut geht?

_Mein Eindruck_

Was mag wohl die Autorin dazu bewogen haben, solch einen Roman zu schreiben? Ich stelle ein paar begründete Vermutungen an. Bujold reizte wohl vor allem das Thema „alternative Methoden der Fortpflanzung in Herrscherhäusern“. Und darum dreht sich ja das Sternenkrippe-Projekt der Haud auf Cetaganda. Allerdings ist es nicht beschränkt auf eine Kaste, sondern betrifft die komplette Rasse der Haud. Kein Haud darf ohne Genehmigung der Sternenkrippe – welch passender Name! – sein Erbgut in eine geplante Verbindung einbringen. Nur so wird die Rasse als Ganzes optimiert.

Dazu muss man natürlich wissen, dass die seit Jahrmillionen bewährte Methode der menschlichen Forpflanzung schon längst abgeschafft worden ist, vor allem aus ästhetischen Gründen (Schwangerschaftsstreifen etc. sind unbekannt) , aber auch aus Gründen der besseren Planbarkeit der Gen-Kombinationen und der Manipulation des Erbguts selbst. Über die Trägerinnen des Haud-Gene, die Frauen, verschafft sich die Herrscherrasse auch Kontrolle über die Rasse der Ghem auf Cetaganda. Die Ghem sind vor allem Militärs und machen die Drecksarbeit für die Haud. Aber sie stellen auch die Gouverneure auf den acht Planeten der Cetagandaner.

Es dauert eine Weile, bis Miles kapiert hat, dass die Haud-Gemahlinnen der acht Gouverneure ihre Loyalität vor allem der Sternenkrippe schulden und sonst niemandem. Wenn also Lord X, der finstere Drahtzieher hinter den Anschlägen und dem Mord an Ba-Lura, etwas mit der Sternenkrippe vorhat, dann dürfte mit einiger Berechtigung angenommen werden, dass auch eine Haud-Gemahlin dieses Gouverneurs X darin verwickelt ist. Und noch jemand hoch oben in der Hierarchie des Sicherheitsdienstes. Miles wird klar: Hier wird hoch gepokert. Wenigstens ist die Haud Rian auf seiner Seite.

Das Thema „Fortpflanzung als Machtmittel“ ist natürlich für jede Frau, sprich: Leserin von gewisser Bedeutung. Das macht wohl zum Teil auch den Erfolg der Barrayar-Romane aus. Bujold hat das Thema daher erneut aufgegriffen, und zwar in Verbindung mit Klonprojekten (in „Waffenbrüder“ und „Spiegeltanz“).

Ein weiterer Grund, warum die Barrayar-Romane regelmäßig mit Leser-Auszeichnungen, den |HUGO Awards|, überschüttet werden, liegt in der bodenständigen Ironie, mit der Miles alle Dinge betrachtet. Das ist echter Yankee-Humor und zuweilen ziemlich schwarz. Kostprobe gefällig?

|Miles: „Ghem-General Estanis hat Selbstmord begangen – es war doch Selbstmord, nicht wahr?“
„Auf eine unfreiwillige Weise“ antwortete Vorb’yev. „Diese cetagandanischen politischen Selbstmorde können schrecklich blutig werden, wenn die Hauptperson nicht kooperieren will.“
„32 Stichwunden im Rücken, der schlimmste Fall von Selbstmord, den man je gesehen hat“, murmelte Ivan, sichtlich fasziniert von entsprechenden Gerüchten.| (Seiten 38/39)

Darüber hinaus macht Miles in Gedanken ständig defätistische Kommentare, die jedes Aufkommen von Pathos im Keim ersticken. Auch tabuisierte Körperzonen sind davon nicht ausgenommen. Ein prächtiges Kerlchen mit einem goldigen Humor, dieser Miles.

_Die Übersetzung_

Michael Morgental gelingt ein geradezu salopper Tonfall, um damit den Text aufzulockern, der doch mit schwierigen Sachverhalten gespickt ist. Aber auch er kann nichts gegen Fehler der Autorin ausrichten. So hat mich auf Seite 34 der Ausdruck „asymptotisch zunehmende Schärfe“ stutzig gemacht. Eine Asymptote ist eine Kurve, die nie ihr Ziel erreicht, sich ihm aber unendlich weit annähert. Das trifft für „Schärfe“ wohl weniger zu. Vielleicht hat die Autorin den Ausdruck „exponentiell“ gemeint, der weitaus passender ist: Wenn es um Geldstrafen, Gebühren usw. geht, erscheint ein exponentielles Wachstum durchaus plausibel. Aber kein asymptotisches.

Auf Seite 92 fehlt ein halber Satz: „(…), wenn seine anderen ehelichen Verbindungen vielleicht schon etwas an Frische.“ Was fehlt? Mögliche Fortsetzung: „… verloren haben.“

Auch auf Seite 192 kommt mir folgender Ausdruck seltsam vor: „(Ivan) verbeugte sich mit ächzender (!) Ironie und ging hinaus.“ Da es nicht Ivan ist, sondern Miles, der krank ist, erscheint „ächzend“ hier deplatziert. Ob es wohl „ätzend“ heißen sollte? Das würde hier einen Sinn ergeben.

Diese Fehler werden hoffentlich in der Neuausgabe im Sommer ausgebügelt oder wenigstens erklärt.

_Unterm Strich_

In bewährter Manier versteht es Lois McMaster Bujold, Kultur und politisches System des cetagandischen Imperiums vor den Lesern auszubreiten, verpackt in eine wie immer spannende Detektiv- und Agentenstory. Wieder einmal münzt Miles seine vermeintlichen Schwächen – dünne Knochen, geringe Körpergröße – bravourös in eine starke Vorstellung um. Seine ironischen Bemerkungen machen jeden Auftritt zu einem Vergnügen. Und der Showdown lässt schließlich auch nicht auf sich warten.

Der Barrayar-süchtige Leser wird die neuen Informationen sicher ebenfalls dankbar aufnehmen, denn damit rundet sich endlich das Bild des Barrayar-Universums ab. Dennoch wäre mir eine bessere oder offensichtlichere Einbindung in den Zyklus lieber gewesen, denn bislang ist nicht ersichtlich, dass Miles das Wissen, das er sich hier aneignet, später irgendwo verwendet hätte (vielleicht in „Viren des Vergessens“, aber das habe ich – noch – nicht gelesen).

|Originaltitel: Cetaganda, 1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Morgental|

Feist, Raymond / Wurts, Janny – Sklave von Midkemia, Der (Kelewan-Saga 3)

Nachdem die Acoma-Herrscherin Mara die ersten Anschläge auf ihr Leben überlebt hat, trachtet die nächste Generation ihres Erzfeindes, des Hauses Minwanabi, nach ihrem Leben. Doch diesmal soll eine zweistufige Strategie den totalen Erfolg bringen.

_Die Autoren_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittelerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei |Goldmann/Blanvalet|.

Janny Wurts, geboren 1953, eine amerikanische Autorin und Künstlerin, ist mit dem bekannten Illustrator Don Maitz verheiratet. Nach Verlagsangaben lebt sie in Florida. Ihr erster Roman „Sorcerer’s Legacy“ erschien 1982 und bediente sämtliche Klischees und Gesetze des Fantasygenres. Ihr „Feuer“-Zyklus (1984-88) hingegen mischt bereits Science-Fiction mit Magie. Die Kelewan-Trilogie, die sie 1987-1992 zusammen mit Raymond Feist schrieb, spielt in einem fantastisch überhöhten byzantinischen Kaiserreich. Ihre am besten ausgearbeitete Trilogie ist wohl „The Wars of Light and Shadows“, die 1993 bis 1995 erschien, aber erst vor wenigen Jahren bei |Bastei Lübbe| veröffentlicht wurde („Der Fluch des Nebelgeistes“, „Die Schiffe von Merior“ usw.).

Die Kelewan-Saga – eigentlich eine Trilogie – besteht aus folgenden Bänden:

Kelewan I = 1+2: Die Auserwählte; Die Stunde der Wahrheit (beide zusammen: Daughter of the Empire);

Kelewan II = 3+4: Der Sklave von Midkemia; Zeit des Aufbruchs (beide zusammen: Servant of the Empire);

Kelewan III = 5+6: Die schwarzen Roben; Tag der Entscheidung (beide zusammen: Mistress of the Empire).

Der Doppelband [„Die Kelewan-Saga I“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=861 erschien im November 2004, Kelewan II soll im Juni 2005 veröffentlicht werden. Der Schluss liegt nahe, dass Kelewan III im November 2005 auf den Markt kommt.

_Hintergrund_

Kelewan ist eine mit Midkemia durch den „Spalt“ verbundene Parallelwelt, die es zu erobern gilt, um Rohstoffe zu beschaffen, vor allem Metall, das auf Kelewan selten ist. Während Midkemia stark angelsächsisch beeinflusst ist, trägt Kelewan ganz andere Züge. Diese Kultur erinnert in ihrer Stagnation und Starrheit an altchinesische Dynastien, aber auch an das alte Byzanz, erfüllt von Machtkämpfen und Intrigen.

Die kleinen Adelshäuser konkurrieren um den Aufstieg in den Hohen Rat, der von den fünf Großen Häusern gestellt wird. Erst dort können sie Einfluss auf die Politik des Kaiserreiches nehmen, so etwa auf die Partei, die den langjährigen Spaltkrieg befürwortet. Daher wählt der Rat auch den Kriegsherrn. Über allem thront der gottgleiche, jedoch politisch machtlose Kaiser, eine Marionette des Rates.

Außerhalb dieser Hierarchie, jeglicher Gerichtsbarkeit und Weisungsbefugnis entzogen, stehen die Magier der „Schwarzen Roben“. Mit diesen Gestalten bekommt es unsere Heldin erst im dritten Band zu tun. Im ersten Band tauchen Zauberer als eine Art Theaterattraktion auf, ähnlich wie Gandalf im Auenland für das Feuerwerk zuständig ist. Die Schwarzen Roben sind einzig der unveränderten Erhaltung des Reiches verpflichtet, was sie zu einer Art Kardinalsliga macht.

Die Auseinandersetzungen um die Macht im Reich, das so genannte „Spiel des Rates“, folgt strengen, von der Geschichte scheinbar unabänderlich vorgegebenen Regeln. Die mächtigen Adelshäuser tragen ihre Differenzen mittels Intrigen, gedungenen Meuchelmördern und Verrat aus. Das erinnert stark an das Byzanz, das beispielsweise Guy Gavriel Kay in seinem [Sarantium-Zyklus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=242 schildert.

_Vorgeschichte_

Mara ist siebzehn Jahre alt, als ihre Kindheit und Jugend abrupt enden. Jahrelang hat sie als Klosterschülerin gelebt und wurde in der Philosophie der Göttin Lashima ausgebildet. Gegen den Willen ihres Vaters, Lord Sezu Acoma, hat sie sich für ein Leben fern von der Welt entschieden. Doch gerade als sie endgültig das Gelübde als Nonne ablegen soll, unterbrechen sehr männlich klingende Stiefel die feierliche Zeremonie: Es sind die letzten überlebenden Soldaten des vernichteten Heeres ihres Vaters. In einer verheerenden Niederlage auf der Welt Midkemia hat sie neben dem Vater auch ihren geliebten Bruder Lano sowie zweitausend Krieger verloren. Sie ist jetzt die unumschränkte Herrscherin des Hauses Acoma, die Letzte ihres Geschlechts.

Schuld an dem Gemetzel auf Midkemia, so erfährt sie von ihrem Truppenkommandeur Keyoke, ist der Verrat des Hauses Minwanabi. Lord Jingu sollte eigentlich der Acoma-Armee zu Hilfe eilen, um den Feind an der Flanke anzugreifen. Als die Hilfe ausblieb beziehungsweise zu spät gewährt wurde, war von den Acoma nichts mehr übrig außer einem kleinen Häuflein, das sofort zur Heimatwelt zurückkehrte, um die letzte Angehörige der Herrscherfamilie zu ihren Pflichten zu rufen.

Mara ist zunächst von Trauer und Schmerz überwältigt. Sie begehrt als Erstes, die Trauerfeier abzuhalten. Dazu geht sie in den heiligen Hain des Anwesens und ehrt den Heimstein ihres Geschlechts, das auf eine weitaus längere Geschichte als das der Minwanabi zurückblicken kann. Prompt wird sie in diesem unbewachten Augenblick Opfer eines Mordanschlags. Nur die Gesetzesübertretung ihres getreuen Kämpfers Papeweio bewahrt sie vor dem frühzeitigen Tod. Sie schickt den Minwanabi das Zeichen der Blutfehde …

_Handlung von Band 3_

Nach dem rituellen Selbstmord von Lord Jingu, dem Oberhaupt des Hauses Minwanabi, übernimmt dessen Sohn Desio die Geschäfte. Sein Hass auf die „Acoma-Hexe“ Mara, die aus unbegreiflichen Gründen seinen Vater besiegen konnte, ist unermesslich. Sein Kanzler Incomo hat jedoch durch logisches Denken den Grund gefunden: Es müssen Spione der Acoma am Hofe sein. Zu dem gleichen Schluss ist auch schon Desios Cousin Tasaio gekommen, den man hat rufen lassen.

Tasaio ist ein ganz anderes Kaliber als der genusssüchtige, fette Desio – er ist der stellvertretende Kriegsherr Kelewans auf der Welt Midkemia. Sein militärisches Genie steht außer Frage. In kürzester Zeit hat er die Spione der Acoma ausfindig gemacht. Doch er lässt sie entgegen Desios Wunsch keineswegs hinrichten, sondern missbraucht sie für seine eigenen Zwecke. Nachdem er ihnen falsche Informationen untergeschoben hat, lockt er die beiden fähigsten Truppenführer Maras in eine ausgetüftelte Falle. Keyoke und Lujan ahnen ebenso wenig wie Mara, was sie erwartet.

Parallel dazu fädelt Tasaio einen langfristigen Plan ein, um Maras Truppen abzuziehen und ihr Land zu entblößen. Dazu versieht er Wüstenkrieger mit Waffen und lässt sie Länder des Hauses Xacateca angreifen. Der Xacateca-Lord Chipino wiederum ruft via kaiserlichen Boten Mara zu Hilfe. Sie kann das Ersuchen nicht ablehnen, ohne an „Ehre“ einzubüßen. Mit drei Kompanien Menschen und einer Kompanie Cho-ja-Soldaten setzt sie auf den Südkontinent über, ein mulmiges Gefühl im Magen. Das haben bestimmt die Minwanabi eingefädelt. Sie soll Recht behalten.

Doch zum Glück für Mara hat sie einen neuen Lover namens Kevin, der in der Welt Midkemia gefangen genommen und versklavt wurde. Sie hat ihn mit seinen Gefährten gekauft, um Weiden zu roden. Mit seinem unkonventionellen Denken vermag er sie ebenso zu verblüffen wie zu brüskieren. Weil Kevin fürchtet, wie alle anderen midkemischen Offiziere getötet zu werden, verheimlicht er ihr, dass er als Baron Truppen gegen Tasaio angeführt hat. Er kennt Tasaios durchtriebene Taktik.

Als die Entscheidungsschlacht – übrigens fachmännisch inszeniert – gekommen ist, sieht sich Kevin in der Klemme: Will er Mara und ihre Truppen vor dem Untergang bewahren, muss er ihr endlich enthüllen, dass er als ein Offizier über militärisches Wissen verfügt. Sein Leben oder ihres, das ist die Frage. Er entscheidet sich aus Liebe.

_Mein Eindruck_

Endlich kommt auch die Liebe in Maras Leben zu ihrem Recht. Doch was ist das für eine Liebe? Sie, die Herrscherin, nimmt sich unter den Sklaven aus der fremden Welt einen Geliebten, den sie jederzeit wieder ersetzen lassen kann, sollte er einmal ungehorsam sein – der Traum einer jeden dominanten Frau.

|Fallstricke der Liebe|

Allerdings hat Mara nicht damit gerechnet, dass der hochgewachsene und adelige Kevin nicht nur ihr Herz umgarnt, sondern auch ihre fest gefügten Auffassungen von kelewanischer Ehre durcheinander wirbelt. Mehr als einmal zahlt sich dies zu Maras Vorteil aus – sie ist in der Lage, flexibel und innovativer zu agieren als ihre konservativen Konkurrenten im Großen Spiel des Rates. Mit seinem militärischen Sachverständnis hilft Kevin auch der Streitmacht Maras und der Xacatecas, als er erkennt, welche ausgeklügelt eingefädelte Falle die Minwanabis aufgestellt haben.

|Widersprüche|

Würde man allerdings die Psychologie dieser Beziehung, die den gesamten zweiten Roman bestimmt, analysieren, stieße man auf einige Brüche und Widersprüche, die nur zugunsten von positivem Zusammenhalt übergangen oder gekittet werden. Warum ist beispielsweise Kevin emotional so abhängig von Mara, dass er bald wieder auf ihren Ruf hin zurückkehrt, nachdem sie ihn monatelang verbannt hat? Er findet bei ihr und ihrem Sohn eine Ersatzfamilie, könnte man sich sagen. Doch er sollte eigentlich wissen, dass er nie Teil der Erbfolge sein kann.

Und warum bestraft sie ihn nicht für seine ständigen Tabubrüche? Weil sie „im Grunde ihres Herzens“, wie man so schön sagt, einen starken Liebhaber braucht? Das ließe sie schwächer erscheinen, als Mara wirklich ist. Dass Kevin auch Qualitäten als Leibwächter und Ratgeber besitzt, beweist er noch stärker im vierten Band der Saga „Zeit des Aufbruchs“. Er selbst zahlt ebenfalls einen hohen Preis: Seine eigenen Leute, die als Sklaven auf dem Land der Lady Mara schuften, entfremden sich zunehmend von ihm. Man fragt sich, ob er überhaupt noch in seine Heimat zurückwill.

|Ein zweiter „Shogun“-Blackthorne?|

Es wäre ein schiefer Vergleich, wenn man Kevin mit Captain Blackthorne aus James Clavells Roman „Shogun“ in eine Reihe stellte. Blackthorne ist zu keinem Zeitpunkt Sklave, und seine Beziehung zu Lady Mariko ist die Liebe zu einer geächteten Außenseiterin (Marikos Vater ist ein Verräter). Außerdem genießt Blackthorne schon früh das Wohlwollen des Fürsten Toranaga, des späteren Shogun, des kaiserlichen Kriegsherrn.

_Unterm Strich_

Der dritte Band ist als Auftakt des zweiten Romans natürlich weniger stark auf Action ausgerichtet als ein Band, der ein Finale enthält. Dennoch finden hier zwei recht ansehnlich ausgebaute Schlachten statt. In ihrer fachmännischen Inszenierung meine ich den Sachverstand eines männlichen Autoren erkennen zu können, nämlich von Raymond Feist.

Ein Fan von Action-Fantasy kann sich kaum befriedigendere Kampfszenen wünschen. Frauen hingegen dürften die oben betrachtete romantische Seite der Handlung anziehender finden. Daher liefert auch Band 3 eine optimale Mischung an Elementen. Alles, was noch fehlt, sind Magier. Es sei nur so viel gesagt, dass Band 4 mit mehr als genug Magiern aufwartet, und zwar gleich im ersten Kapitel. Und da die Minwanabi und ihre Vasallen weiterhin Intrigen spinnen, ist auch für genügend Spannung gesorgt.

|Originaltitel: Servant of the Empire, Kap. 1-14, 1990
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold|

Feist, Raymond – verwaiste Thron, Der (Die Midkemia-Saga 2)

Dies ist der zweite Band in Feists äußerst erfolgreicher Midkemia-Saga, eine direkte Fortsetzung der Geschehnisse im Startband [„Der Lehrling des Magiers“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=864

_Der Autor_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittlerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe, und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

_Handlung_

Zur Erinnerung: Der Planet Midkemia und im besonderen „Das Königreich“ erleidet durch eine Dimensionsbrücke, den „Spalt“, eine Invasion durch die kriegerischen Völker der Tsurani, die in erster Linie an den Erzen aus den Minen Midkemias interessiert sind. Magier beschützen die Tsurani-Truppe, so dass sich das Kriegsglück immer mehr zu Ungunsten der Verteidiger neigt. Es ist abzusehen, dass sie der nächsten Frühjahrsoffensive nicht standhalten können.

Der junge Zauberer Pug ist durch den Spalt auf die Tsurani-Welt Kelewan verschlagen worden. Zunächst als Sklave in den Sümpfen schuftend, wird schließlich seine Klugheit und seine Zauberkraft erkannt. Er erhält eine Ausbildung im magischen Zirkel und steigt gar zum Erhabenen auf, der nicht einmal dem Kaiser gehorchen muss. Leider muss er zuerst seine unterdrückte Erinnerung an seine Heimatwelt wiederfinden, bevor er zurückkehren kann. Auf Kelewan führt er einige Neuerungen ein, überhaupt macht er sich in der auf Bewahrung des Erreichten bedachten Gesellschaft und besonders bei der Kriegspartei unbeliebt.

Am Schluss gerät sein Weltenwechsel zu einer wilden Flucht. Doch gerade zur rechten Zeit, den der Frühjahrsfeldzug steht bevor.

Unterdessen auf Midkemia: Pugs Jugendfreund Tomas hat die Rüstung eines der längst vergangenen Drachenlords gefunden und angelegt. Nun plagen ihn Tag und Nacht Phantasien von Gewalt und Macht, die sogar seine neue Gemahlin, die Elbenkönigin, in Furcht versetzen. Doch als schließlich der mächtige Zauberer Macros auftaucht, erwacht auch Tomas aus seinem Albtraum und erkennt seine Pflicht. In einem schicksalhaften Zusammentreffen von Pug, Tomas, Macros, Midkemia- und Tsurani-Truppen findet schließlich eine Entscheidungsschlacht statt, die eigentlich als Friedensschluss zwischen König und Kaiser geplant war.

Dumm gelaufen oder von Macros arrangiert?

_Kurzes Fazit_

Die Erzählung ist in mehreren Strängen kunstvoll aufgebaut, und der Leser sollte stellenweise ein wenig Geduld aufbringen, bis mal wieder ein entscheidender Punkt in der Handlung erreicht ist. Dieser Szenen sind dann umso effektvoller. Feist versteht es immer wieder, den Leser zu fesseln. Dennoch ragt seine Saga zwar über die Masse der Genreproduktion hinaus, erreicht aber sicherlich nicht Tolkiens Niveau.

|Originaltitel: Magician: Master, 1982
Aus dem US-Englischen übertragen von Dagmar Hartmann|

Feist, Raymond / Wurts, Janny – Kelewan-Saga I, Die

„Nur wenige Gongschläge trennen die junge Mara von einem Leben hinter Klostermauern, da erfährt sie, dass ihr Vater und ihr Bruder auf der barbarischen Welt Midkemia im Kampf getötet wurden und dass sie jetzt das neue Oberhaupt des Hauses Acoma ist. Unterstützt von einer Handvoll treuer Soldaten und Bediensteter muss sie sich einer Aufgabe stellen, die schwieriger kaum sein könnte. Doch Mara ist entschlossen, die Acoma zu alter Größe zurückzuführen. Sie fasst einen waghalsigen Plan …“ So weit also der Klappentext; den kann man so stehen lassen.

_Die Autoren_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittelerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

Janny Wurts, geboren 1953, eine amerikanische Autorin und Künstlerin, ist mit dem bekannten Illustrator Don Maitz verheiratet. Nach Verlagsangaben lebt sie in Florida. Ihr erster Roman „Sorcerer’s Legacy“ erschien 1982 und bediente sämtliche Klischees und Gesetze des Fantasygenres. Ihr „Feuer“-Zyklus (1984-88) hingegen mischt bereits Science-Fiction mit Magie. Die Kelewan-Trilogie, die sie 1987-1992 zusammen mit Raymond Feist schrieb, spielt in einem fantastisch überhöhten byzantinischen Kaiserreich. Ihre am besten ausgearbeitete Trilogie ist wohl „The Wars of Light and Shadows“, die 1993 bis 1995 erschien, aber erst vor wenigen Jahren bei |Bastei Lübbe| veröffentlicht wurde („Der Fluch des Nebelgeistes“, „Die Schiffe von Merior“ usw.).

Die Kelewan-Saga – eigentlich eine Trilogie – besteht aus folgenden Bänden:

Kelewan I = 1+2: Die Auserwählte; Die Stunde der Wahrheit (beide zusammen: Daughter of the Empire);

Kelewan II = 3+4: Der Sklave von Midkemia; Zeit des Aufbruchs (beide zusammen: Servant of the Empire);

Kelewan III = 5+6: Die schwarzen Roben; Tag der Entscheidung (beide zusammen: Mistress of the Empire).

Der Doppelband „Die Kelewan-Saga I“ erschien im November 2004, Kelewan II soll im Juni 2005 veröffentlicht werden. Der Schluss liegt nahe, dass Kelewan III im November 2005 auf den Markt kommt.

_Hintergrund_

Kelewan ist eine mit Midkemia durch den „Spalt“ verbundene Parallelwelt, die es zu erobern gilt, um Rohstoffe zu beschaffen, vor allem Metall, das auf Kelewan selten ist. Während Midkemia stark angelsächsisch beeinflusst ist, trägt Kelewan ganz andere Züge. Diese Kultur erinnert in ihrer Stagnation und Starrheit an altchinesische Dynastien, aber auch an das alte Byzanz, erfüllt von Machtkämpfen und Intrigen.

Die kleinen Adelshäuser konkurrieren um den Aufstieg in den Hohen Rat, der von den fünf Großen Häusern gestellt wird. Erst dort können sie Einfluss auf die Politik des Kaiserreiches nehmen, so etwa auf die Partei, die den langjährigen Spaltkrieg befürwortet. Daher wählt der Rat auch den Kriegsherrn. Über allem thront der gottgleiche, jedoch politisch machtlose Kaiser, eine Marionette des Rates. Zumindest normalerweise …

Außerhalb dieser Hierarchie, jeglicher Gerichtsbarkeit und Weisungsbefugnis entzogen, stehen die Magier der „Schwarzen Roben“. Mit diesen Gestalten bekommt es unsere Heldin erst im dritten Band zu tun. Im ersten Band tauchen Zauberer als eine Art Theaterattraktion auf, ähnlich wie Gandalf im Auenland für das Feuerwerk zuständig ist. Die Schwarzen Roben sind einzig der unveränderten Erhaltung des Reiches verpflichtet, was sie zu einer Art Kardinalsliga macht.

Die Auseinandersetzungen um die Macht im Reich, das so genannte „Spiel des Rates“, folgt strengen, von der Geschichte scheinbar unabänderlich vorgegebenen Regeln. Die mächtigen Adelshäuser tragen ihre Differenzen mittels Intrigen, gedungenen Meuchelmördern und Verrat aus. Das erinnert stark an das Byzanz, das beispielsweise Guy Gavriel Kay in seinem [Sarantium-Zyklus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=242 schildert.

_Handlung_

Mara ist siebzehn Jahre alt, als ihre Kindheit und Jugend abrupt enden. Jahrelang hat sie als Klosterschülerin gelebt und wurde in der Philosophie der Göttin Lashima ausgebildet. Gegen den Willen ihres Vaters, Lord Sezu Acoma, hat sie sich für ein Leben fern von der Welt entschieden. Doch gerade als sie endgültig das Gelübde als Nonne ablegen soll, unterbrechen sehr männlich klingende Stiefel die feierliche Zeremonie: Es sind die letzten überlebenden Soldaten des vernichteten Heeres ihres Vaters. In einer verheerenden Niederlage auf der Welt Midkemia hat sie neben dem Vater auch ihren geliebten Bruder Lano sowie zweitausend Krieger verloren. Sie ist jetzt die unumschränkte Herrscherin des Hauses Acoma, die Letzte ihres Geschlechts.

Schuld an dem Gemetzel auf Midkemia, so erfährt sie von ihrem Truppenkommandeur Keyoke, ist der Verrat des Hauses Minwanabi. Lord Jingu sollte eigentlich der Acoma-Armee zu Hilfe eilen, um den Feind an der Flanke anzugreifen. Als die Hilfe ausblieb beziehungsweise zu spät gewährt wurde, war von den Acoma nichts mehr übrig außer einem kleinen Häuflein, das sofort zur Heimatwelt zurückkehrte, um die letzte Angehörige der Herrscherfamilie zu ihren Pflichten zu rufen.

Mara ist zunächst von Trauer und Schmerz überwältigt. Sie begehrt als Erstes, die Trauerfeier abzuhalten. Dazu geht sie in den heiligen Hain des Anwesens und ehrt den Heimstein ihres Geschlechts, das auf eine weitaus längere Geschichte als das der Minwanabi zurückblicken kann. Prompt wird sie in diesem unbewachten Augenblick Opfer eines Mordanschlags. Nur die Gesetzesübertretung ihres getreuen Kämpfers Papeweio bewahrt sie vor dem frühzeitigen Tod. Sie schickt den Minwanabi das Zeichen der Blutfehde.

Angesichts der geringen Zahl ihrer Soldaten muss sie rasch etwas unternehmen, bevor der Angriff der Feinde – die Minwanabi sind nicht die einzigen – erfolgt. Ihre Amme und Beraterin Nacoya, die sie an Mutter statt aufgezogen hat, drängt sie dazu, möglichst bald zu heiraten. Sie wählt ein mächtiges Haus: die Anasati, eigentlich Feinde der Acoma. Sie hofft, ihren Gemahl kontrollieren zu können, sobald sie ihm einen Erben geschenkt hat. Sie wird bitter enttäuscht.

In den zweiten Hälfte (bisher „Stunde der Wahrheit“ betitelt) führt Mara nach der Geburt des Erben unmerklich, aber stetig den Untergang ihres treulosen und unfähigen Gatten Buntokapi herbei. Er hat in der nahen Stadt Sulan-Qu ein Haus bezogen, um dort mit seiner Mätresse Teani zusammen zu sein, ein Liebesnest. Zu ihrem Schrecken erfährt Mara, dass Teani eine Spionin der Minwanabi ist. Sie muss etwas unternehmen, bevor die Feinde entscheidende Vorteile erlangen …

Doch die richtige Prüfung ihres Könnens folgt erst noch. Das gesamte letzte Drittel des Romans ist dem Besuch der Burg ihrer Todfeinde gewidmet. Dorthin wurde sie zur Geburtstagsfeier des Kriegsherrn Almecho eingeladen (aber die Anasati nicht). Es ist klar, was Lord Jingu von den Minwanabi beabsichtigt: das Haus Acoma ein für alle Mal auszulöschen. Mara nimmt ihren Leibwächter Papewaio mit, doch sie hat nicht mit den Intrigen Teanis gerechnet.

_Mein Eindruck des Gesamtbandes_

In einer Gesellschaft, die Frauen als Menschen zweiter Klasse und Eigentum ihres jeweiligen Ehemanns – der sie verstoßen kann – ansieht, und ohne mächtige Verbündete muss sich Mara durch ihre Intelligenz, ihr Einfühlungsvermögen, ihren Ideenreichtum, aber auch durch ihr Durchsetzungsvermögen behaupten. Viele Ratgeber wollen sie in unterschiedliche Richtungen lenken. Ihre zunächst wichtigste Tat, um das Haus Acoma vor dem Untergang zu bewahren, ist jedoch etwas sehr Unkonventionelles.

Wie im alten Japan verlieren die Soldaten und Samurai ihre Ehre, sobald ihr Herrscher, durch ihr Verschulden oder nicht, getötet worden ist. Sie werden zu Grauen Kriegern (oder Ronin), die von den Herrscherfamilien als umherstreifende Banditen ohne Ehre und Loyalität betrachtet werden. Dies trifft auch für Maras ersten Gatten Buntokapi Anasati zu. Sie benötigt jedoch dringend Soldaten, Bauern, Handwerker als Ersatz für die verlorenen Krieger. Mit einer genial inszenierten Überraschungstaktik gelingt es ihr jedoch, eine Bande von über dreihundert Grauen Kriegern für sich zu gewinnen, vor allem durch Einfühlungsvermögen, Überredungskunst – und ein wenig Glück. Buntokapi hätte diese Ronin einfach abgeschlachtet.

Diese Aufgeschlossenheit und unkonventionelle Verhaltensweise führt dazu, dass sich weitere Ronin bei ihr melden, um durch den Eintritt in ihr „Haus“ wieder Ehre zu erlangen – und natürlich um ein Dach überm Kopf und eine warme Mahlzeit zu erhalten. Unter den Ronin befindet sich zu Maras Erstaunen auch der Geheimdienstchef eines eroberten und untergegangen Adelshauses. Seine Verbindungen erweisen sich als unschätzbar wertvoll. Anakasi ist es auch, der sie mit den Aliens, den Cho-ja, auf Kelewan bekannt macht.

|Starker Anfang|

Ich habe die erste Hälfte des Romans, die unter dem Titel „Die Auserwählte“ veröffentlichten wurde, in nur einem Tag gelesen, und in der gleichen Zeit die restlichen Kapitel, die als „Die Stunde der Wahrheit“ veröffentlicht wurden.

Die Handlung ist ebenso mitreißend wie die interessanten Figuren, mit denen uns das Autorengespann bekannt macht. Allerdings muss ich zugeben, dass ich die ersten zwei Drittel – bis etwa Seite 230 – wesentlich actionreicher und interessanter fand als den ganzen Rest des ersten Bandes. Vor allem die darauffolgende Hochzeit mit dem stiernackigen Kämpfer Buntokapi fand ich ziemlich öde. Diese Dumpfbacke dient hauptsächlich dazu, unserer lieben und tapferen Mara blaue Flecken zu verpassen und ein Kind zu machen. Mara dürfte nicht die Einzige sein, die Mordgedanken hegt.

|Starkes Finale|

Das letzte Drittel des zweiten Bandes ist ein Meisterstück von kalkulierter Handlungsführung, die ein Maximum an Spannung erzeugt. Mara sieht sich dem bevorstehenden sicheren Tod gegenüber, und die listig-verführerische Teani tut das Ihre, um für einen baldigen Tod der „Acoma-Hexe“ zu sorgen. Der Plan hätte auch Erfolg gehabt und der gastgebende Lord Jingu wäre mit einem blauen Auge davongekommen, wenn es nicht einen Joker im Spiel gäbe: zwei Magier, die der Kriegsherr Almecho vom kaiserlichen Hof mitgebracht hat. Dieses Finale ist nicht gut für die Fingernägel, die unweigerlich dran glauben müssen. Ich konnte diesmal auch keine Übersetzungsfehler feststellen, im Gegensatz zum ersten Band.

|Alter Fehler|

In diesem letzten Drittel des ersten Halbromans stieß ich frustiert auf einen alten Fehler, den Autoren machen, um die Handlung zu beschleunigen: Sie berichten statt zu erzählen. Das Buch liest sich dann wie eine langweilige Chronik der laufenden Ereignisse statt wie ein Roman, der aus einer Folge von Szenen gebildet wird. Chroniken sind jedoch sterbenslangweilig, weil im Grunde nichts passiert. Zum Glück hält sich diese Passage in Grenzen und endet mit der Geburt des ersten männlichen Erben der Acoma.

|Die Übersetzung …|

… von Susanne Gerold ist zu 99,9 Prozent gelungen. Doch auf Seite 203 stetht ein dicker Fehler, den man zunächst vielleicht überliest. Hier heißt es: „[…] Ihr seht alle so fremd aus – beängstigend.“ Sie [die Alienkönigin] wandte sich an Mara. „Allerdings seht Ihr weniger beängstigend als auch die Männchen.“ Was gemerkt? Es müsste heißen: „… weniger beängstigend aus als die Männchen.“

Ein weiterer Fehler entging auf Seite 265 der Qualitätskontrolle. Es geht darum, dass die Klosterschülerin Mara bislang keine Erfahrung mit Männern im horizontalen Nahkampf gesammlt hat. Nacoya hatte ihr vorgeschlagen, einen sanften Mann zwecks Unterweisung kommen zu lassen, doch Mara hatte das Angebot abgelehnt. „[…] daß Mara ihren Rat abgeschlagen und sich geweigert hatte, sich durch eine sanfte (Achtung!) Bewegung mit einem Mann aus der Ried-Welt [= Gigolo] Kenntnisse über Männer zu verschaffen.“ Statt „Bewegung“ müsste es eigentlich „Begegnung“ heißen. Das dürfte wohl mehr Sinn ergeben.

_Unterm Strich_

Die Kelewan-Saga ist erstklassiges Fantasyfutter für Leser, die Abenteuer, Action, große gesellschaftliche Szenerien und eine sehr lange Handlung mögen. Das Buch liest sich recht schnell, unter anderem deswegen, weil die Handlung flott voranschreitet, die Spannung nur selten – außer bei Hochzeiten – nachlässt, ständig neue Figuren eingeführt werden und die Leseabschnitte kurz sind. Hier bewährt sich die Erzählkunst des routinierten Raymond Feist. Das Finale des zweiten Bandes – also des ersten Romans – sucht in punkto Komplexität und Spannung seinesgleichen.

Während Feist offensichtlich für die klar und übersichtlich gestalteten Auseinandersetzungen zuständig war, widmete sich seine Ko-Autorin offenbar den weiblicheren Themen in Maras Leben, nämlich Haushalt, Kloster, Wirtschaft und vor allem die Hochzeit sowie alles, was damit verbunden ist.

Insgesamt kommt auch der Humor nicht zu kurz, und zwar vor allem in Form von leiser Ironie. Maras unkonventionelles Verhalten überrascht doch etliche Leutchen in der Hierarchie der Tsurani. Andererseits bringt es ihr ungewöhnliche Freunde wie etwa die neue Königin der Cho-ja-Aliens ein.

Wer farbige Abenteuer mit einem Touch Sozialkritik und einer tapferen, intelligenten Frauenfigur im Mittelpunkt mag, liegt bei der Kelewan-Saga genau richtig. Angeblich ist der letzte Band der beste.

|Originaltitel: Daughter of the Empire, 1987
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Lebendig begraben (POE #8)

„Lebendig begraben“ ist der achte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch an den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: [Die Morde in der Rue Morgue]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=870
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sieben Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach einem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führt. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten. Selbst in der großen Stadt bleibt Poe von Albträumen – über „Die Morde in der Rue Morgue“ – nicht verschont.

_Handlung_

Zehn Tage sind seit der Ankunft in New Orleans vergangen. Leonie Goron und „Edgar Allan Poe“ logieren noch in ihrer kleinen Pension. Leonie wird hier immer noch wegen ihrer Verpflichtung in der Stadt festgehalten, den Sarg ihrer Freundin Lucy Monahan, den sie mitgebracht haben, der Familie zurückzugeben. Das ist schon klar. Aber dies gilt nicht für Mr. Poe. Sein Grund zu bleiben ist Leonie selbst: Er hat sich in sie verliebt.

Wieder einmal sind sie zusammen zum Hafenkontor gegangen, um sich zu erkundigen, ob jemand nach dem Sarg gefragt habe. Wieder einmal haben sie eine negative Auskunft erhalten. Auch der Adressat „Tempelten“ habe sich nicht gemeldet. Möglicherweise habe er noch nicht vom Untergang der „Demeter 2“ erfahren, die den Sarg über den Atlantik transportieren sollte. Es gibt noch keine Transatlantikkabel für Telegramme, geschweige denn fürs Telefon.

Wie erstaunt sind Leonie und Poe, als sie vor dem Hafenkontor auf Poes Psychiater Dr. Templeton stoßen! Poe glaubte ihn noch immer oben an der nördlichen Ostküste – und nun ist er hier im tiefsten Süden, den die Vereinigten Staaten den Franzosen 1805 abgekauft haben (zusammen mit dem ganzen Mittelwesten, ein riesiges Territorium, das die Franzosen „Louisiana“ nannten).

Templeton hat hier in der Nähe ein Landhaus, auf das er sie einlädt. Im Café erkundigt sich der Doktor nach Poes Träumen. Diese betrachtet er als eine Art Schlüssel zu Poes Erinnerung an seine wahre Identität. Poe erwähnt den Sarg als Grund ihres Bleibens, erwähnt aber auch die diversen Mordanschläge, verschweigt aber die letzten Worte des sterbenden Israel Hands von der „Independence“. Leonie erwähnt einen Mr. Tempelten als Adressaten des Sarges – ob es sich wohl um Dr. Templeton handeln könnte? Der Doktor verspricht, in seinem Familienarchiv nachzusehen, ob sein Familienname jemals so geschrieben wurde. Ob sie nicht mitkommen wollten?

Gesagt, getan. Mit Neugier bemerkt Poe, der gegenüber Templeton sowohl misstrauisch als auch eifersüchtig geworden ist, dass auf dessen Kutschenladefläche eine große, längliche Kiste transportiert wird. Ob darin wohl ein Sarg Platz finden könnte? Ohne Zweifel.

Das ausgedehnte Anwesen Dr. Templetons unterscheidet sich drastisch vom französisch-legeren Stil Louisianas. Das Herrenhaus ähnelt eher einer englischen Burg im gotischen Stil à la „Haus Usher“, inklusive Teich, und im Garten steht ein Mausoleum inklusive Familiengruft. Doch das Schloss an dessen Tür ist neu. Das erklärt Templeton bei seiner Führung mit dem Aberglauben des Südens. Was meint er bloß?, fragen sich seine Gäste.

Als die Tür der Gruft von alleine zufällt, erklärt er ihnen, dass er durchaus Angst habe, einmal lebendig begraben zu werden und aus diesem Grund dagegen Vorkehrungen getroffen habe. Erstens gebe es eine Klingel in der Gruft, die im Haupthaus Alarm schlägt. Dort befindet sich dann der Schlüssel zur Gruft. Zweitens habe er einen Geheimgang anlegen lassen, der die Gruft mit dem Haus verbinde. Er befinde sich hinter einer der Steinplatten, die das Mausoleum komplett auskleiden. Es ist kalt wie am Nordpol in den dunklen Mauern.

In den folgenden Tagen fallen den Gästen mehrere Ungereimtheiten auf, die in ihnen das Gefühl drohender Gefahr wecken. Erstens gibt es keinerlei Bedienstete, wohl aber Wache haltende Bluthunde auf dem Gelände. Zweitens entdecken sie in jener Kiste einen Sarg, der aber schon bald wieder verschwunden ist. Sie konnten nicht feststellen, ob es sich um Lucys Sarg handelt. Drittens stellt sich heraus, dass Templeton sie bezüglich verliehener Dokumente des Familienarchivs angelogen hat.

Und viertens stößt Poe zu guter Letzt im Arbeitszimmer seines häufig abwesenden Gastgebers auf einen Umschlag mit Schlüsseln und zwei Fotografien. Das eine Porträt zeigt eine gewisse Lucy Monahan (die mittlerweile sehr tot ist), das andere – ihn selbst! Der Name darunter lautet: „Jimmy Farrell“. Ist dies sein wahrer Name und Lucy seine Schwester?

Der Blitz der Erkenntnis streckt den labilen Poe augenblicklich nieder. Als er erwacht, findet er sich in einer verschlossenen Sargkammer wieder. Es ist stockdunkel, stickig und äußerst kalt. Er ist lebendig begraben und die Luft geht ihm aus …

_Mein Eindruck_

Ich bin etwas geteilter Meinung über diese Episode, die beileibe nicht die letzte der POE-Serie sein kann. Da muss noch einiges nachkommen. Zum Glück gibt es noch einige der besten Poe-Erzählungen zu verarbeiten, so etwa alle, in denen Frauen als Hauptfiguren vorkommen. Ich freue mich schon auf die berühmteste dieser Gestalten, die Lady Ligeia. (Siehe dazu auch meine Rezension über: Poe: [„Faszination des Grauens“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=554 .)

Warum geteilt? Die Rahmenhandlung erfährt in Episode 8 endlich eine entscheidende Wendung: Poe findet heraus, wer er wirklich ist: Jimmy Farrell. Und er hat eine nahe Verwandte, möglicherweise sogar eine Gattin: Lucy Monahan. Doch dieser Gewinn wird bitter bezahlt: Seine neue Liebe Leonie Goron ist verschwunden. Und mit ihr der zwielichtige Dr. Templeton, der wahrscheinliche Drahtzieher aller seltsamen Geschehnisse, die Poe widerfahren sind. Wer weiß, was er mit ihr anstellt?!

Man sieht: Dieser Teil der Episode folgt der klassische Krimistruktur: Es wird ermittelt, was das Zeug hält, bis sich der Gastgeber als Hauptverdächtiger herausstellt. Doch wessen ist er schuldig? Das genau herauszubekommen, ist Poes Aufgabe am Schluss der Episode.

|Die Realität als Albtraum|

Die Träume, die sich bislang regelmäßig als eine Binnenhandlung betrachten ließen, sind diesmal verschwunden. Vielmehr hat sich die Realität in einen Albtraum verwandelt. Doch die Dauer dieser Szene ist ungleich kürzer im Vergleich zum Umfang dessen, was bislang als Rahmenhandlung angesehen werden konnte.

Die Szene in der Gruft wurde wieder einmal inspiriert von einer Erzählung Poes. Sie ist als „Die Scheintoten“ (besonders S. 322) in „Poe: Faszination des Grauens“ abgedruckt. Bei der Vorlage könnte es sich um „The premature burial“ von 1844 handeln. Dieses Original liegt mir nicht vor, so dass ich das nicht genau sagen kann. Auf jeden Fall kann es sich nicht um „Der Fall Valdemar“ (The facts in the case of Valdemar) handeln. Denn dort geht es um die Aufschiebung der Folgen des Todes mittels Magnetismus. (Man sehe sich beispielsweise die Verfilmung von Roger Corman mit dem unvergleichlichen Vincent Price in der Hauptrolle an.)

Die Vorkehrungen, die Templeton gegen den Fall des Lebendigbegrabenwerdens trifft, ähneln jenen, die der Ich-Erzähler in „Die Scheintoten“ vornimmt: die Alarmklingel, der Hebel, der die Türen öffnet und anderes mehr. Und wie diesem Erzähler nützen sie dem, der schließlich wirklich lebendig begraben wird, im Ernstfall herzlich wenig. Eine typische Poe’sche Ironie.

Diese Szene hat dennoch ihre eigentümliche Wirkung auf den Zuhörer. Denn bevor der lebendig begrabene Mr. Poe überhaupt an Wege denken kann, sich zu befreien, muss er erst einmal seine Panikattacken bewältigen, die ihn mit zügelloser Emotion daran hindern, überhaupt einen Gedanken zu fassen und sich an das zu erinnern, was sein Möchtegern-Kerkermeister über Fluchtwege gesagt hat. Die Szene hat mir gefallen, weil sie sowohl gruselig als auch recht spannend ist. Abgebrühte Zeitgenossen werden sie lediglich langweilig finden und sich vermutlich fragen, was das Ganze überhaupt soll.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Jimmy Farrell|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Entdeckung seiner Vergangenheit und Identität eine größere Rolle als irgendwelche Träume. Eine andere Figur kommt daher nicht vor. Aber die stimmliche Darstellung von Poes misslicher Lage in der Sargkammer fordert den Sprecher bis an die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten: Anfängliche Panik wechselt ab mit Beruhigung und anschließendem Denken, nur um um erneut von einer Panikattacke hinweggefegt zu werden.

|Miss Leonie Goron|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Leider sind diese Qualitäten diesmal fast gar nicht gefragt, so dass ihre Figur in dieser Episode unverdient blass erscheint.

_Sound und Musik_

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet. Bis auf die Eingangsszene sind aber diesmal alle Szenen in Interieurs eingerichtet, so dass Sound eine untergeordnete Rolle spielt. Immerhin sind Effekte wie etwa Hall – für eine Art von innerem Monolog – und ein sehr tiefes Bassgrummeln festzustellen, das Gefahr anzeigt. In der Sargkammer erklingt Poes Stimme verzerrt, als dränge sie aus einer Tonne.

Die Musik erhält daher eine umso wichtigere Bedeutung: Sie hat die Aufgabe, die emotionale Lage der zwei Hauptfiguren und ihres jeweiligen Ambientes darzustellen. Diese rein untermalende Aufgabe ist auf den ersten Blick leichter zu bewerkstelligen als die Gestaltung ganzer Szenen, doch wenn es sich um actionarme Szenen wie diesmal handelt, zählt jede Note, jede Tonlage.

Die serientypische Erkennungsmelodie erklingt in zahlreichen Variationen und wird von unterschiedlichsten Instrumenten angestimmt. Als Templeton erwähnt, er spiele – wie einst Roderick Usher – Geige, erklingt das Poe-Motiv erneut, allerdings gespielt auf einer Kirchenorgel. Und genau so eine Orgel spielte Usher in der entsprechenden Hörspiel-Episode. Danach wird das Motiv auf einer Harfe wiederholt, um die Wirkung romantischer zu gestalten.

Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei sowie Solisten auf Violine und Singender Säge (Christhard Zimpel) – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen.

_Unterm Strich_

Der eine oder andere Hörer dürfte wie ich schon einige Zeit – spätestens seit den Anschlägen in Episode 5 – Dr. Templeton im Verdacht gehabt haben, für zwielichtige Machenschaften rund um Mr. Poe verantwortlich zu sein. Doch wer weiß, wie tief seine Verstrickungen mit dem Schicksal von Poes Familie wirklich reichen? Ist er auch für den Selbstmord der armen Lucy Monahan verantwortlich? Vielleicht sogar für den Untergang des Schiffes, auf dem sich Leonie Goron befand. Es bleiben noch viele Rätsel zu lösen …

Und viele weitere Erzählungen von Edgar Allan Poe zu verarbeiten. Schließlich hat der Mann rund 15 Jahre lang Erzählungen publiziert. Und nur die wenigsten davon sind allgemein bekannt. Wir können also darauf hoffen, dass im nächsten Herbst wieder eine Staffel hervorragend gemachter Hörspiele veröffentlicht wird.

Die Episode „Lebendig begraben“ verfügt kaum über Action-Elemente und nur eine gruselige Szene. Für Unterhaltung ist also nur wenig gesorgt. Dennoch ist sie innerhalb der Serie eine der wichtigeren, weil sie innerhalb der bisherigen Rahmenhandlung eine entscheidende Wendung herbeiführt: Poe findet seine – wahrscheinlich – wahre Identität heraus, gleichzeitig verliert er seine neue Seelengefährtin Leonie. Der Zwiespalt dürfte Stoff für weitere Albträume liefern. Wir freuen uns schon darauf.

Wie ich in den Abschnitten über Sprecher, Sprecherin, Sound und Musik ausgeführt habe, kann die Episode zwar künstlerisch voll überzeugen, dramaturgisch jedoch nicht mit den vorhergehenden Hörspielen mithalten. Dennoch bietet sie den Reiz eines Kriminalhörspiels: Leonie und Poe ermitteln gegen ihren Gastgeber, mit durchaus handfesten Ergebnissen und einem drastischen Resultat: Poe wird lebendig begraben.

Fazit: Kann man hören, muss man aber nicht.

|Umfang: 66 Minuten auf 1 CD|

Feist, Raymond – Lehrling des Magiers, Der (Die Midkemia-Saga 1)

Mit diesem Buch eröffnete Feist seinen Zyklus um die Fantasy-Welt Midkemia und schuf sogleich einen Klassiker: ein umfassendes Universum verschiedener Welten.

Allerdings macht sich hier der Einfluss von Tolkien noch sehr stark bemerkbar: Es gibt unterschiedliche Elbenvölker, desweiteren Drachen, Kobolde, Zwerge und natürlich Zauberer und Recken. Immerhin sind die Frauenfiguren weitaus lebensechter und realitätsnaher gezeichnet als beim alten Meister (sogar die Elfenkönigin!).

_Der Autor_

Raymond Feist, geboren 1945 in Los Angeles, studierte an der Universität San Diego und war Fotograf und Spielerfinder, ehe er mit dem Schreiben begann. Fast alle seine Romane spielen auf der erfundenen Welt Midkemia, die zu Anfang ein regelrechter Mittlerde-Klon war, mit Elfen und Zwergen, die sich dann aber rasch weiterentwickelte und auch gewisse Science-Fiction-Elemente enthält. Dazu gehört der „Spalt“, den ich immer als Dimensionstor aufgefasst habe, und der das „magische“ Tor zur Welt Kelewan bildet – in beide Richtungen. Die Midkemia-Romane sowie die Krondor-Saga wurden auch zu Rollenspielen verarbeitet; sie dürften mehr als zwei Dutzend Bände umfassen, speziell in den gesplitteten deutschen Ausgaben bei Goldmann/Blanvalet.

_Handlung_

Pug ist ein Waisenkind und hat kaum Chancen im Leben. Sein einziger Freund ist der Halbelf Tomas. Da nimmt ihn der Magier Kulgan in die Lehre, und es zeigt sich, dass Pug – er rettet damit Carline, der Tochter des Herzogs, das Leben – über eine neuartige Methode verfügt, Magie anzuwenden. Pug ist ein Held, Tomas hingegen lediglich ein unscheinbarer Schwertkämpfer – vorerst.

Beide können zeigen, was in ihnen steckt, als Soldaten von einer anderen Welt in den Westen des Königreichs einfallen. Die Armeen überfallen alles in der Nähe der Berge, deren Minen sie ausbeuten wollen. Pug, nunmehr in den herzoglichen Hofstaat aufgenommen, reist mit Kulgan und Herzog Borric über die Berge nach Osten, um den jungen König Rodric von der Gefahr zu unterrichten. Leider fallen den Angriffen von Dunkelelben viele Begleiter zum Opfer, und Tomas verschwindet in den Minen.

Herog Borric wird zum Befehlshaber der Armeen des Westens ernannt, und auch Pug kann nicht zurück in die Heimat reisen, um Borrics Tochter Carline seine Liebe zu beweisen. Der verschollene Tomas findet in der Höhle eines sterbenden Drachen eine wundersame Rüstung und ein erstklassiges Schwert: Die Rüstung wird nie schmutzig und das Schwert nie schartig. Nachdem er gehört hat, dass Pug bei einem Angriff auf die Eroberer gefangen genommen wurde, kämpft Tomas noch härter gegen die Tsurani. Mit knapper Not entkommen er und seine Zwergenfreunde zu den guten Elben und zu Königin Aglaranna.

Der Rest des Buches ist ausgefüllt mit dem Kampf um die Burg von Herzog Borric, Crydee. Hier beweist sich Prinz Arutha als genialer Soldatenführer. Die Tsurani ziehen sich geschlagen zurück.

_Kurzes Fazit_

„Der Lehrling des Magiers“ ist also nur die erste Hälfte der Geschichten um Pug und Tomas. Die Fortsetzung heißt „Der verwaiste Thron“. Dies ist bunte Fantasy der unterhaltsamsten Art und lässt sich jedem jung gebliebenen Fantasy-Anhänger guten Gewissens empfehlen. Wer jedoch etwas anderes als Tolkien-Imitatoren mag, der suche woanders.

|Originaltitel: Magician: Apprentice, 1982
Aus dem US-Englischen übertragen von Dagmar Hartmann|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Morde in der Rue Morgue, Die (POE #7)

„Die Morde in der Rue Morgue“ ist der siebte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch in den ersten vier Hörbüchern der Serie mitgewirkt:

– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:

#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: [Der Goldkäfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=867
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

Seine Originalstory „The murders in the Rue Morgue“ lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Zwei grausige Morde haben in der Rue Morgue stattgefunden, doch die Polizei ist ziemlich ratlos. Sie können sich nicht vorstellen, wer als Täter in Frage kommt, noch wie es dem Täter überhaupt gelang, zum jeweiligen Tatort zu gelangen. Doch Auguste Dupin hält sich an die Gesetze der Logik, wie etwa an „Occams Rasiermesser“: „Wenn man alles, was nicht in Frage kommt, hat ausschließen können, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch aussehen mag.“ Folglich war der Mörder kein Mensch … – Der Rest ist eine ziemlich spannende Mörderjagd.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und andere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und andere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon sechs Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Nur zu wahr, denn auf der letzten Station vor dem Ziel New Orleans muss sie ihm das Leben retten …

_Handlung_

Endlich an Land! Möwen kreischen und Glocken bimmeln, um Leonie und den Fremden, der sich Edgar Allan Poe nennt, in New Orleans zu begrüßen. Er und seine Lebensretterin haben noch nicht herausgefunden, warum jemand ihn umbringen will, doch er will sich darüber keine Sorgen machen. Er erinnert sich jedoch, dass sein Psychiater Dr. Templeton dagegen war, dass er abreiste. Leonie prophezeit ihm, dass die Vergangenheit ihn einholen werde – wie ein Affe, den man nicht loswird und der einem ständig hinterherläuft.

Etwa so wie der Affe, der bei der Minstrel Show auf einer der Straßen Possen reißt und Passanten anbettelt, während ein Tamburin- und ein Knochenspieler, Mr. Tambo und Brother Bones, Musik machen. Leonie und Poe finden in einer billigen Pension am Hafen Quartier, unweit der Leichenhalle, der Morgue. Sie checken als Ehepaar ein, ihre Zimmer sind durch eine Tür miteinander verbunden. Poe döst in der Hitze ein und sein Geist kreiert wieder mal Phantasmen und einen bemerkenswert zusammenhängenden Traum …

(Übergang zur Binnenhandlung)

Die Szene wechselt nach Paris, wo ein gewisser Auguste Dupin, seines Zeichens Privatdetektiv, lebt. Doch der spielt erst ganz am Schluss eine Rolle. Man muss ihn jedoch kennen, denn er entscheidet mit seinen Erkenntnissen über das grausige Geschehen über das weitere Schicksal der Hauptfigur.

Dabei handelt es sich um einen Malteser Seemann, der auf einer Insel Schiffbruch erlitten hat und sich nun Ben Gunn nennt, nach der berühmten Figur aus Robert Louis Stevensons Roman „Die Schatzinsel“. Ein junger Orang-Utan hat sich ihm auf Borneo angeschlossen, und den nimmt er nach seiner Rettung auf einem Walfänger mit. Der Affe eignet sich Kunststücke an, so etwa ahmt er hervorragend das Bartschneiden mit Hilfe eines scharfen Rasiermessers nach.

Als Ben in Paris eintrifft, ist er kein armer Schlucker, sondern im Grunde ein reicher Mann: Er hat einen Schatz auf seiner Insel gefunden und einen kleinen Teil davon mitgebracht, hauptsächlich Gold in einem Beutel. Ben, der sonst eigentlich ein umgänglicher Bursche ist, sperrt den Affen ein, wenn er ausgeht, und prügelt und peitscht ihn, wenn das Tier unartig war. Dazu wird Ben leider mehrmals Anlass haben …

Eine lebhafte Hafenszene, mit Möwengekreisch, Glockengebimmel, Hufgetrappel, Hundegebell. Ben bemerkt zwei Bürgersfrauen, die ratlos das Hafenbüro suchen. Sie scheinen Mutter und Tochter zu sein. Ein Fass rollt auf sie zu und wirft die Tochter ins Hafenbecken. Wird sie ertrinken?! Ben zögert nicht, ihr nachzuspringen und sie aus dem Wasser zu retten. Doch sie ist bewusstlos, und er bittet einen vorüberhastenden Arzt, ihm zu helfen. Die Wiederbelebung ist erfolgreich, und Ben belohnt den seltsamerweise nur widerwillig Hilfe leistenden Dottore mit einem Geldstück. Die Mutter lädt Ben zum Tee ein.

Bevor sich Ben zur Rue Morgue begibt, wo Madame L’Espanaye und ihre Tochter wohnen, sperrt er seinen Affen ein. Während Ben sich zur jungen Dame sehr hingezogen fühlt, verbietet die sittenstrenge Mutter jeglichen unschicklichen Kontakt, besonders nachdem er zugegeben hat, einen Affen zu haben. Dieser Ausdruck ist insofern komisch, als er auch bedeutet, etwas zu viel über den Durst getrunken zu haben. Ben lässt sich zu einem Wortspiel hinreißen, in dem Muscheln und Perlen vorkommen. Eine vorwitzige Anspielung, die sofort von Madame niedergebügelt wird.

Nach seiner Rückkehr findet Ben sein Zimmer verwüstet vor, der Affe wurde freigelassen. Ständig hat er nun das Gefühl, von einem Schatten verfolgt zu werden. Für den Affenkäfig kauft er sich nun einen schweren Eisenriegel. Ob das hilft?

Am Abend trifft er zufällig Mademoiselle L’Espanaye wieder, die sich beim Hafenmeister nach einem Schiff namens „Dimitri“ erkundigt. Wie sie dem ihr sympathisch gewordenen Ben anvertraut, wartet sie auf einen Sarg, den die „Dimitri“ aus Osteuropa bringen sollte. Er enthalte ihre Verwandte Lucienne L’Espanaye, doch auch einige Erbstücke wie etwa Perlen, die ein kleines, aber dringend benötigtes Vermögen wert seien. Doch der Hafenmeister hat gerade Meldung erhalten, dass die „Dimitri“ in der Biskaya gesunken sei. Mademoiselle (wie erfahren nie ihren Namen) L’Espanaye ist untröstlich, und der hoffnungsvolle Ben darf sie nach Hause bringen und Zukunftspläne schmieden.

Wieder fühlt er sich verfolgt. Wohl mit Recht, denn in ihrer Wohnung sieht auch Mademoiselle ein Gesicht am Fenster, das aber gleich wieder verschwindet. Als er in seine eigene Wohnung zurückkehrt, erfährt er vom Besuch eines Arztes. Das Zimmer ist verwüstet, der Affe übt im Bad das Rasieren. Als Ben es einzufangen versucht, entkommt das Tier mitsamt dem scharfen Rasiermesser. Ihre Verfolgung führt sie zu einem gewissen Haus in der Rue Morgue …

_Mein Eindruck_

Wie ein kurzer Vergleich dieser Handlung mit der Originalstory zeigt, dreht es sich nun keineswegs um spannende Ermittlungen, sondern um eine romantische Liebesgeschichte, die in einer Bluttat grausig endet. Auch die Täter sind etwas anders verteilt, und die Motive sowieso. Insgesamt ist der neue Entwurf nicht ohne Reiz, denn er spricht nicht, wie Dupins rationale Logik, so sehr die Vernunft an, sondern vielmehr auch die Emotionen des Hörers.

Die Wirkung dringt ungleich tiefer als Poes Finale. Ich musste feststellen, dass die Bluttat, unterstrichen von einer enervierenden Musik, mich den Atem anhalten ließ. Soeben hat man sich noch (mit Bens Augen sehend) in die liebevolle und vom Schicksal gebeutelte Mademoiselle L’Espanaye verliebt, da wird ihr auch schon das Schlimmste angetan – von ihrer Mutter, der liebenswerten Schreckschraube, ganz zu schweigen.

Man kann daher durchaus Bens emotionales Chaos, seine Benommenheit nachvollziehen, als nach Hause zurückkehrt und anderntags einem gewissen Auguste Dupin gegenübersteht, der ihm die Leviten liest. Dieser Plot ist ein Meisterstück an subtiler Lenkung der Emotionen des Zuhörers. Dafür wird allerdings die Plausibilität des Geschehens vernachlässigt. Ein gestrengerer Kritiker könnte den gesamten Plot „wegen Irrationalität“ in die Tonne treten.

Nun könnte man sich natürlich – ob der Verlagseinordnung als Horrorhörspiel – zynisch fragen, was denn, bitte schön, an einem simplen Doppelmord so horrormäßig sei. Das Blut an den Wänden, auf der Straße? Na schön, vielleicht könnte es sich dabei um Horror handeln. Auch spannende Ermittlungen gibt es hier nicht zu besichtigen und voyeuristisch zu begleiten, in der Hoffnung, das Böse zur Strecke zu bringen. Ganz im Gegenteil: Diesmal ist es der vermeintlich Gute, der sich unversehens in eine Gräueltat verwickelt sieht. Können wir dem Universum noch trauen? Oder müssen wir hinter diesen Vorgängen – wie Ben Gunn – das Wirken eines finsteren Verfolgers vermuten, quasi eine (Welt-)Verschwörung?

Und schon wieder taucht ein Arzt auf …

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Ben Gunn|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge spielt die Liebe für seine beiden Figuren eine zentrale Rolle: Poe findet größten Gefallen an Leonie, und dass sie als Ehepaar einchecken, gibt ihm Anlass zu schönsten Hoffnungen. Mademoiselle L’Espanaye ist noch ein ganzes Stück jünger, aber dafür noch schnuckeliger, ein wahres Goldstück – oder, besser noch, eine Perle. Ihr schreckliches Ende trifft Ben umso härter. Pleitgen legt größtes Gefühl in seine Stimme, um den chaotischen Gemütszustand Bens auszudrücken. In solchen Szenen stellt er sein ganzes Können unter Beweis.

|Miss Leonie Goron alias Mademoiselle L’Espanaye|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie der grüblerische Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn und eine kluge Feinfühligkeit aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5 („Mahlstrom“). Spätestens ab „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird. Sie kann aber auch im richtigen Moment zuschlagen.

Mademoiselle L’Espanaye ist eine naive, weil streng behütete junge Dame. Wie gesagt: ein schnuckeliges Goldstück, das ein klein wenig an Amélie erinnert. Sie interessiert sich für Affen und – aufgepasst! – sie weiß um das Geheimnis von Muscheln und Perlen. Diese doppelthematische Symbolsprache zieht sich durch das gesamte Hörspiel in Binnen- und Rahmenhandlung. Die Autoren versuchen uns etwas damit zu sagen. Jeder Hörer muss es für sich selbst entschlüsseln.

|Auguste Dupin|

Besonders verblüfft hat mich das Auftreten von Auguste Dupin. Da seine Rolle von Manfred Lehmann gesprochen wird, erklingt auf einmal die (deutsche) Stimme von Gerard Depardieu. Das ist insofern sehr passend, als Depardieu in dem Detektiv-Horror-Fantasy-Thriller „Vidocq“ die titelgebende Rolle eines Meisterdetektivs gespielt hat. Es ist lediglich bedauerlich, dass „Dupin“ nicht die Gelegenheit ergreift, Ben zu erklären, wie er auf die Lösung des Falles gekommen ist. Dafür müssen wir dann wieder das Original von Poe lesen (siehe oben).

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Die Geräuschkulissen sind entsprechend lebensecht und detailliert gestaltet: siehe meine Beschreibung oben. Hier kann sich der Hörer einfühlen. Hier wünsche ich mir die dreidimensionale Empfindung, die Dolby Surround vermittelt. Vielleicht wird es einmal alle acht POE-Hörspiele auf einer DVD in Dolby Surround (DD 5.1) oder DTS geben – das wäre mein bescheidener Traum.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen.

Ganz besonders eindrucksvoll fand ich die Szenen in Paris. Denn hier kommen noch ein charakteristisches Akkordeon (Klaus Staab) und eine Klarinette (Tim Weiland) hinzu. Während das Akkordeon – o là là! – romantische Gefühle weckt, ist die Klarinette für unheilvolle Untertöne zuständig. Auf dem Höhepunkt in der Rue Morgue erklingt eine chaotische Kakophonie, die perfekt zum blutigen Geschehen passt und geeignet ist, den Zuhörer entsprechend zu erschrecken. Das ist ganz schön makaber.

|Der Song|

In der neuen Serie hat Lübbe den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. Passt perfekt zum Perlenmotiv der Binnenhandlung.

_Unterm Strich_

Der Hörer sollte sich diesmal zufrieden geben und nicht die üblichen zwei oder drei Höhepunkte verlangen: Er bekommt nämlich diesmal nur ein Finale. Doch dieses ist so schön und geschickt aufgebaut, dass seine dramatische Wirkung umso nachhaltiger sein dürfte. Ich jedenfalls war ein wenig (ein ganz klein wenig) erschüttert.

Auch den üblichen Wahnsinn sucht man vergebens. Zunächst jedenfalls. Keine spinnerten Schatzsucher trampeln durch die Botanik; kein Mahlstrom lockt mit dem sicheren Tod in den Irrsinn. Allenfalls der Liebe süßer Wahn lockt unseren Helden durch Pariser Gassen. Der Tod offenbart sich in schrecklicher Zufälligkeit und sicher nicht, um irgendjemandes Nerven zu schonen.

Sprecher, Musiker, Toningenieure – ihre Leistung muss ich wieder einmal lobend hervorheben. Wie leicht könnte ein so emotionales Geschehen übertrieben, unecht oder gar abgeschmackt wirken. Hier ist vielmehr Subtilität gefragt, ohne die Lebhaftigkeit der Figuren zu verdecken. Dies gelingt den beiden zentralen Sprechern Pleitgen und Berben hervorragend.

|Ausblick|

Wieder ist ein kleines Puzzlestückchen enthüllt worden, das einen Hinweis auf den Drahtzieher der Anschläge auf Herr „Poe“ liefert. Ärzte allenthalben – sie spielen eine zwielichtige Rolle sowohl in Poes Träumen als auch in seiner Realität. Und sicherlich hat das eine mit dem anderen zu tun. Wir können außerdem nicht hundertprozentig sicher sein, dass nicht auch Leonie Goron etwas im Schilde führt oder in den Plänen eines Arztes eine Rolle spielt.

|Originaltitel: The murders in the Rue Morgue
66 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Goldkäfer, Der (POE #6)

„Der Goldkäfer“ ist der sechste Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hatte auch auf den ersten vier Hörbüchern der Serie die Hauptrolle inne:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: [Sturz in den Mahlstrom]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=860
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

_Der Autor_

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan der Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen, wohin er 1830 zurückkehrte, um diese dann ein Jahr später endgültig zu verlassen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. 1836 heiratete er seine damals dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne ihn sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H. P. Lovecraft, H. G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Der Sprecher_

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Edgar Allan Poe und verschiedene weitere Figuren.

_Die Sprecherin_

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem |Bambi| und der |Goldenen Kamera| ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron und verschiedene weitere Figuren.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und mittlerweile wieder entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon fünf Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise, die ihn zunächst nach New Orleans führen soll. Aus einem Schiffswrack rettet er eine schöne Landsmännin, Leonie Goron. Sie weist ihn darauf hin, dass man ihm möglicherweise nach dem Leben trachtet. Schau an!

_Handlung_

Einen Tag von New Orleans entfernt kreuzt die „Independence“, auf der sich der Mann, der sich Edgar Allan Poe nennt, befindet, in einer Flaute. Schon ist das Wasser knapp und der Ausguck hält nach einer Insel Ausschau, auf der sich vielleicht eine Quelle befindet.

Zu dieser Zeit erfährt Leonie Goron viel über Poes Leben und was er durchgemacht hat. Sie fragt ihn daher: „Glauben Sie an diese Träume?“ Will heißen: Sind seine Albträume Prophezeiungen, Botschaften seines Unterbewussten? Ein ziemlich moderner Gedanke. Wenig später nimmt Poe auch ihren Körper erstmals als attraktiv wahr …

Die Rahmenhandlung kommt etwas voran. Der Sarg, den Leonie von Europa aus begleitet, ist an einen gewissen Tempelten adressiert, abgeschickt vom Bruder der im Sarg Bestatteten, einer gewissen Lucy Monahan. Poe stutzt: Handelt es sich bei diesem Tempelten um seinen Dr. Templeton? Die Schreibweise weicht jedenfalls ab.

Er fragt sich auch: Wenn diese Lucy Monahan die beste Freundin von Leonie war, warum weiß Leonie dann so wenig über Lucys Familie? Lucy lebte nicht in Paris wie Leonie, sondern in einer Landschaft namens Bukowina, nachdem sie sich von ihrer Familie getrennt hatte. Als Lucy ihre Freundin per Brief zu sich rief, hatte sie nicht mehr lange zu leben. Als Leonie bei ihr eintraf, hatte sie Selbstmord begangen. Der Rest ist bekannt: Leonie begleitete ihren Sarg auf dem untergegangenen Schiff, der „Demeter 2“, über den Atlantik – bis Poe auf der „Independence“ beide an Bord nahm.

„Land!“ An Steuerbord wird eine Insel gesichtet. Kapitän Hardy (Jürgen Wolters) meint, es handle sich wohl um die Sullivans-Insel, einem „merkwürdigen Stück Land“, das nach den zahlreichen Myrtensträuchern durftet, die darauf gedeihen. Poe kommt der Name irgendwie vertraut vor. Als er sich ausruht, schläft er ein und träumt.

(Übergang zur Binnenhandlung)

Er schlüpft in die Rolle eines Mr. Simpson, eines schon etwas betagten Herrn mit nicht gerade allerbester Konstitution, der sich als Archäologe betätigt. Gerade wartet er auf Sullivan’s Island, einer Flussinsel (!) auf die Ankunft eines jungen Fräuleins, das ihn zu sich in ihre Hütte bestellt hat.

Diese intelligente junge Frau namens Lucy Legrand (bei Poe ist es ein William) ist ein höchst quirliges Frauenzimmer, auch wenn ihr Alleinleben irgendwie anstößig wirkt – jedenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nachdem sie sich wegen einer missbilligten Liebschaft mit ihrem Vater überworfen hatte, war sie vor zwei Jahren aus dem Elternhaus aus- und auf die Insel gezogen, wo sie sich nun offenbar mit amateurhaften Forschungen in der Pflanzen- und Insektenwelt die Zeit vertreibt.

Mr. Simpson soll ein außergewöhnliches Insekt begutachten: einen Goldkäfer. Er liegt schwer in der Hand und krabbelt noch. Auch einen Papierfetzen hat sie am Fluss gefunden, aber weil nichts draufsteht, wirft sie ihn zum Feuer, um ihn später zu verbrennen. (Bei Poe trägt der Käfer die Zeichnung eines Totenschädels. Der Diener Jupiter, den auch Lucy hat, ist abergläubisch und ahnt Schlimmes.)

Der Arzt des Städtchens, wo Simpson lebt, weiß von Legenden, in denen die Rede vom Geist eines Piraten ist, der einen unermesslichen Schatz an dieser Küste bewache. Als Simpson ihn wegen einer Erkältung konsultiert, erzählt er ihm auch von Lucys Hirngespinsten und dem Goldkäfer. Wenig später ruft sie ihn zum Fluss: Er soll auf eine Expedition mitfahren. Simpson staunt nicht schlecht: Spaten, Fernglas, Sense – und natürlich Jupiter. Was soll das bedeuten?

Aufgeregt erzählt ihm Lucy, dass der Papierfetzen mit einer Geheimschrift bedeckt sei: Es handelt sich um eine Schatzkarte. Dreimal darf er raten, welchen Schatz sie nun heben wolle!

Der brave Mister Simpson ist nun ebenso sicher wie der Diener Jupiter, dass die arme Miss Lucy komplett den Verstand verloren hat. Er soll sich irren. Doch er ahnt nicht, welch grausames Ende sein Abenteuer mit ihr nehmen wird.

_Mein Eindruck_

Ein Sack voll glücklicher Zufälle kommt der guten Lucy also zu Hilfe. Ich bin aber nicht sicher, ob es in Poes Original wesentlich logischer zugeht. Immerhin gelingt es jedes Mal, die kodierte und in unsichtbarer Tinte geschriebene (Zitronensaft?) Schatzkarte zu entschlüsseln. Die Schwierigkeiten beim Aufspüren der richtigen Grabungsstelle sind eine andere Sache, und daran ist vor allem der Diener Jupiter schuld …

Die Hörspielfassung ist selbstverständlich viel romantischer und konfliktreicher aufgezogen, als es Poes Original jemals war. Der Autor bekam seinen Wettbewerbsgewinn vor allem für die trickreiche Entschlüsselung der Schatzkarte, die noch heute als Lehrmaterial für angehende Kryptographen dienen könnte. Dieser Prozess gibt aber in dramaturgischer Hinsicht überhaupt nichts her und wurde deshalb gestrichen. Man erfährt aber, dass Lucy Erkundigungen bei einem alten Einsiedler unweit der Stadt eingezogen hat und so auf die richtige Lösung gekommen ist: Der Teufelssitz über der kleinen, abgeschiedenen Bucht muss der Ort sein, den das X markiert. Und dort wartet der unheilvoll aufragende Baum mit dem Totenschädel – siehe das Titelbild …

Diese Binnenhandlung führt zu einem recht unerwarteten Actionhöhepunkt, der für Mr. Simpson bzw. unseren träumenden Mr. Poe recht unangenehm endet. Aber der Hörer bekommt noch mehr geliefert: Auch die Rahmenhandlung verfügt über einen Höhepunkt, der es an Dramatik und Action durchaus mit der Goldkäfer-Story aufnehmen kann: Poe und Leonie erkunden das Eiland und stoßen auf einen riesigen Baum auf einer Lichtung, der fatal an den Baum auf dem Teufelssitz erinnert. „Glauben Sie an Träume, Miss Goron?“, fragt er daher ahnungsvoll.

Mr. Poe fällt auf, wie stark sich die beiden Handlungen ähneln: Die Lucy im Traum trug nämlich das gleiche Gesicht wie Miss Goron. Und auf beiden Ebenen spielte ein gewisser Doktor eine unheilvolle Rolle. Dies veranlasst mich zu dem Verdacht, dass in Poes Geist alle Ärzte eine sinistre Qualität angenommen haben, seitdem er in Dr. Templetons Behandlung gewesen ist. Und Poe tut vielleicht sogar gut daran, Ärzten zu misstrauen. Jemand will ihm ans Leben, doch wer steckt dahinter?

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

|Mr. Poe alias Simpson|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. In dieser Folge ist von Poes frohgemuter Stimmung nichts mehr übrig geblieben. Die beiden Anschläge haben ihn ebenso ins Grübeln gebracht wie der Traum vom „Sturz in den Mahlstrom“.

Deshalb bildet der joviale Mr. Simpson einen Ausgleich mit seinem menschenfreundlichen, aber leider zu vertrauensseligen Gemüt, durch das er Miss Lucy in schwere Bedrängnis bringt.

|Miss Leonie Goron alias Lucy Legrand|

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem und nachdenklichem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Sie hat erheblichen Anteil an Poes Rettung in der Rahmenhandlung von Episode 5. In „Der Goldkäfer“ wirkt sie wie eine kluge Freundin, die durch ruhige Überlegung und kluge, verständnisvolle Fragen bald zu seiner unverzichtbaren Ratgeberin wird.

Auch in der Rolle der wesentlich jüngeren Lucy Legrand, in der ich sie fast nicht wieder erkannt hätte, verleiht Iris Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie sorgt für Action in der Binnenhandlung und setzt ihre Intelligenz für ein ansonsten wahnwitziges Unternehmen ein: die Hebung eines Piratenschatzes.

|Israel Hands|

Der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Bei dieser Figur, deren Namen in Episode 5 und 6 nicht genannt wird, könnte es sich um den Matrosen handeln, der immer wieder lautstark in „Mahlstrom“ zu hören ist („Ein Sarg an Bord – das bringt Unheil“) und dann in „Der Goldkäfer“ einen recht wirkungsvollen Auftritt hat. Mehr darf nicht verraten werden.

|Jupiter|

Auch die Rolle des Dieners Jupiters darf nicht verschwiegen werden. Jupiter ist wichtig, weil er erstens Unheil ahnt, denn das Ausbuddeln von Skeletten und Schätzen ist seiner Ansicht nach bestimmt kein gottgefälliges Treiben. Und zweitens sorgt er mit seinem Fehler des Verwechselns von links und rechts für eine Erhöhung bzw. Verzögerung der Spannung bei der Schatzsuche.

Thomas B. Hoffmann gestaltet die Stimme und Ausdrucksweise Jupiters auf so lebhafte und glaubwürdige Weise, dass man kaum glauben würde, er sei nicht mit einer dunklen Haut auf die Welt gekommen. Seine Rolle des gottesfürchtigen Dieners, der lieber Reißaus nehmen würde als nach Knochen zu buddeln, trägt so auch stark zum komischen Aspekt der Schatzsuche bei und beleuchtet die verschrobene Natur dieses Unterfangens.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt. Besonders auffällig ist dies während der beiden Höhepunkte: Der soundmäßige Hintergrund stimmt einfach von A bis Z. Und wer genau aufpasst, kann sogar die Schritte von Leonie an Bord der „Independence“ erlauschen.

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Schatzsucher-Szene und dem anschließenden Überfall.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe Orange Blue (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

„Der Goldkäfer“ ist sozusagen Grusel für die ganze Familie – äh, ab 12. Schließlich können Jüngere wohl kaum etwas den Skeletten, Totenschädeln und mysteriösen Käfern abgewinnen, die in der Binnenhandlung das Dekor für eine abenteuerliche Schatzsuche bilden. Auch die Rahmenhandlung geht nicht ohne blutige Action zu Ende, und das sollte man vielleicht nicht unbedingt den Kleinen zumuten. Andererseits bekommen Splatterfreunde, für die nicht genug Lebenssaft spritzen kann, wenn es „guter“ Horror sein soll, hier fast nichts geboten, das ihren Blutdurst stillen könnte.

Wie schon „Sturz in den Mahlstrom“ ist „Der Goldkäfer“ in meinen Ohren eine sehr gute Hörspiel-Produktion, die auch sehr verwöhnte Ansprüche erfüllen kann. Die Sprecher, die Musiker, der Tonmeister – ihre Leistungen wirken hervorragend zusammen, um für eine Stunde ein perfektes Gruselerlebnis zu bescheren. Und das zu einem sehr annehmbaren Preis.

Maupassant, Guy de – HR Giger\’s Vampirric 4 – Der Horla

In der vierten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich die Vampir-Geschichte „Der Horla“ von Guy de Maupassant. Es liest Torsten Michaelis. H. R. Giger spricht persönlich das Vorwort und läutet so auf seine ganz persönliche Art das Grauen ein.

_Der Autor_

Guy de Maupassant lebte von 1850 bis 1893. „Der aus lothringischem Adel stammende, in der Normandie aufgewachsene Maupassant war nach Jurastudium und Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Marine-, dann im Unterrichtsministerium tätig. Nach dem Erfolg der Novelle „Boule de suif“ (1880, dt. „Fettklößchen“, 1900) widmete er sich ganz der Schriftstellerei.

Die Bandbreite seiner fast 300 Novellen reicht von traditionellen schwankhaften Dreiecksgeschichten über die seit der Romantik beliebten Schauernovellen und phantastischen Erzählungen, meist tragisch endende Liebesgeschichten bis hin zu sozialkritischen Novellen. Er veröffentlichte sechs Romane, von denen „Bel Ami“ (1885) verfilmt wurde. In seinem Stilwillen und seiner Freiraum lassenden Erzählhaltung kommt Maupassant seinem literarischen Ziehvater Gustave Flaubert nahe, mit dem er auch die pessimistische Weltsicht teilt.“ (zitiert nach: Harenbergs Lexikon der Weltliteratur, S. 1945/46). Er fürchtete sich vor einem eingebildeten Doppelgänger und schrieb darüber in der Novelle „Lui“. Auch „Der Horla“ weist in diese Richtung.

|Der Sprecher|

Ich kenne Torsten Michaelis als den Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

Neben Wesley Snipes leiht er seine markante Stimme auch Martin Lawrence, Sean Bean, Don Cheadle, Thomas C. Howell, Jason Scott Lee, Salvatore Marino, Sergio Rubini, James Russo, Chris Tucker, Brandon Lee. Kein Scherz – das steht in seiner Selbstbeschreibung.

_Handlung_

Die Geschichte folgt der Form eines Tagebuchs. Der erzählte Zeitraum erstreckt sich über einen Sommer, von Mai bis September. Der Ich-Erzähler erzählt am 8. Mai von seiner ländlichen Heimat in der Nähe von Rouen, von wo er die Glocken der großen Kathedrale läuten hört. Unweit der idyllischen Ufer der Seine befindet sich der elterliche Landsitz. Auf der Seine betrachtet er die schönen Schiffe, darunter welche aus dem fernen Brasilien …

Nur wenige Tage später verspürt er eine seltsame Traurigkeit, Gereiztheit und später Fieber. Ihn beschleicht das Gefühl drohender Gefahr und er macht sich Gedanken um das „Mysterium des Unsichtbaren“: Der Mensch kann weder das unsichtbar Kleine, etwa Mikroben, noch das unendlich weit Entfernte sehen, etwa Galaxien.

Nach einem ergebnislosen Arztbesuch hat er einen Albtraum, dass ihn ein Dämon würgt, der ihm auf der Brust sitzt und den er nicht abzuschütteln vermag. Dies wiederholt sich Nacht für Nacht, bis ihn sogar tagsüber das Gefühl beschleicht, verfolgt zu werden. Wird er wahnsinnig?

Auf einer Kurreise zum Mont St. Michel erzählt ihm ein Mönch von Geisterstimmen. Nach der Rückkehr – es ist Anfang Juli – geht der Albtraum von Neuem los. Als er bemerkt, dass seine Wasserkaraffe am nächsten Morgen leer ist, fragt er sich, ob er nicht selbst ein Schlafwandler ist. Einfache Versuche mit der Karaffe bestätigen ihm jedoch, dass es ein anderes Wesen sein muss, das das Gefäß leert.

Doch welche Art von Wesen vermag zugleich unsichtbar zu sein und ihm die Lebenskraft auszusaugen?

_Mein Eindruck_

Die berühmte Erzählung thematisiert den Horror, der damit verbunden ist, dass eine unsichtbare, fremde Macht parasitär Besitz von einem Menschen ergreift und ihn zu Taten zwingt, die er gar nicht begehen will. Wohlgemerkt, hier geht es nicht nur um den Entzug von Lebenskraft, wie ihn der altbekannte, inzwischen schon heimelig wirkende Vampir praktiziert. Hier geht es vielmehr auch um die Inbesitznahme von Willen und Verstand des Opfers. Der solcherart Besessene wird quasi ferngesteuert, nur mit dem Unterschied, dass der Steuernde im Kopf seines Instrumentes sitzt.

Der Autor zieht die damals bekannten Techniken der psychischen Steuerung heran, nämlich die als Mesmerismus etc. bekannte Hypnose, insbesondere den posthypnotischen Befehl, etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt auszuführen. Der Erzähler wird selbst Zeuge eines solchen Psycho-Experiments an seiner Schwester, als er in Paris weilt, wo man den Dingen des Unsichtbaren normalerweise abgeklärt gegenübersteht. Als er seine eigene Notlage erklären will, um Hilfe zu erlangen, wird er daher ausgelacht.

Auf sich selbst zurückgeworfen, muss er umso angestrengter danach trachten, seinen Meister, den er inzwischen den „Horla“ nennt, zu besiegen. Sein Anstrengungen kann man einfach nur heldenhaft und einfallsreich nennen, wenn sie auch auf tragische Weise Neben-Opfer fordern. Was aber, wenn der Horla unsterblich ist und selbst den letzten Vernichtungsversuch überleben könnte?

Ein Aspekt, der in meinen Augen diese Geschichte aus dem Umfeld der Vampirstorys heraushebt, ist die Überlegung, dass der Horla a) der Nachfolger der Spezies Mensch auf der Erde ist und b) von den Sternen kommt. Beide Vorstellungen sind bislang der Science-Fiction vorbehalten geblieben, doch Maupassant hat sie bereits geäußert, lange bevor H. G. Wells 1898 seinen Invasionsroman „Krieg der Welten“ veröffentlichte, der fortan das Klischee vom Alien-Monster bestimmen sollte.

|Der Sprecher|

Manche Sprecher lesen eine Geschichte nur vor, manche aber spielen sie vor. Torsten Michaelis gehört mit „Der Horla“ zur zweiten Kategorie. Da der Schurke im Stück ja unsichtbar und quasi un(an)greifbar ist, gehört eine Menge Darstellungsvermögen dazu, die Reaktionen auf dieses Un-Wesen herauszustellen, um wenigstens auf diesem indirekten Wege den Horror, den es verbreitet, zu vermitteln. Und Michaelis gelingt dies auf sehr eindringliche Weise.

Man würde auch nicht unbedingt annehmen, dass sich die Form des Tagebuchs für eine dramatische Schilderung von Horror eignet. Doch hier ist eben der Knackpunkt: Der Horror ist rein psychologisch statt äußerlich (außer an einer Stelle). Deshalb ist es umso wirkungsvoller, dass Michaelis bestimmte Passagen im Tempo ebenso moduliert wie in der Tonlage und der Tonstärke. Mal liest er langsam, mal schnell, dann wieder leise oder laut. Auf diese Weise erzielt er nicht nur den gewünschten eindringlichen Effekt, sondern hält auch unsere Aufmerksamkeit wach.

_Unterm Strich_

Die beiden wirkungsvollsten und besten Erzählungen in der Vampirric-Reihe sind zweifellos [„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=583 und „Der Horla“. Welche von den beiden nun die „bessere“ ist, hängt von der individuellen Vorliebe des Hörers ab. „Das Grabmal“ ist anschaulicher, szenischer aufgebaut und bedient weitaus mehr Klischees aus der Vampirliteratur.

Mit Vampiren dieser Art hat „Der Horla“ nichts am Hut. Auch die Bezeichnung „Vampir“ fällt kein einziges Mal. Und doch geht „Der Horla“ weiter als „Das Grabmal“, indem er den Horror, der von der Besessenheit durch ein Fremdwesen von den Sternen ausgeht, nicht nur zu einem globalen, aber weltimmanenten Grauen aufbauscht, sondern es sogar zu einem kosmischen Grauen à la Lovecraft ausbaut. Die Horlas werden Menschen ablösen – gibt es eine größere Horrovision? Und all dies ist mit einer Stilsicherheit erzählt und mit anschaulichen Beispielen gespickt, dass auch der Durchschnittsleser noch etwas damit anfangen kann (sofern er nicht Splatterfan ist).

Der Sprecher Torsten Michaelis macht mit seiner Präsentationskunst „Der Horla“ praktisch schon zu einem Hörspiel, und Geräusche und Musik kann man sich leicht hinzu denken, denn die Erzählung ist dafür anschaulich genug. Schaurig, so vermittelt es der Sprecher, ist auch das Finale der Novelle, wenn der Erzähler die letzte Konsequenz aus dem Erfahrenen erkennt und zieht. Das hat Klasse.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinformation)

|Umfang: 78:32 Minuten auf 1 CD|

Strobl, Karl Hans – HR Giger\’s Vampirric 3 – Das Grabmal auf dem Père Lachaise

In der dritten Folge von HR Giger´s Vampirric findet sich nur eine Vampirgeschichte, aber die hat es in sich: „Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ von Karl Hans Strobl. Es liest David Nathan. Das Vorwort spricht HR Giger. „Es ist eine unvergessliche Horrorgeschichte über Gier, Wahnsinn und Alpträume, die sich jeder selber macht“, behauptet der |Festa|-Verlag.

_Der Autor_

HR GIGER: „Dieses Mal erwartet Sie bei Vampirric eine Geschichte von Karl Hans Strobl, der zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren war. Strobl, ein Österreicher, der zusammen mit Meyrink und Ewers zu den wichtigsten deutschen Phantasten des frühen 20. Jahrhunderts zählt, starb 1946. Es ist eine Geschichte über die teuflische Gier, das menschliche Übermaß und den Wahnsinn. Zu welchen Taten den Mensch ein wenig schnöder Mammon nur treiben kann! … Eine wirklich böse Story! Und ich mag böse Storys – Sie nicht auch?“

Zum Herausgeber schreibe ich am Schluss etwas.

_Handlung_

„Das Grabmal auf dem Père Lachaise“ besteht im Wesentlichen aus den Tagebuchauszügen des Wissenschaftlers Ernest, der sich, da er bettelarm ist, auf einen äußerst merkwürdigen Deal einlässt: Die am 13.3.1913 – also wenige Jahre zuvor – verstorbene Gräfin Anna Feodorowna Wassilska hat in ihrem Testament verfügt, dass demjenigen Mann zweimal hunderttausend Franken aus ihrem Nachlass gegeben werden sollen, der es schafft, ein Jahr in ihrem marmornen Grabmal auf dem bekannten Pariser Friedhof Père Lachaise zu leben. Hier sind ja etliche Künstler begraben, darunter nicht zuletzt auch Jim Morrison.

Wir brauchen aber für Ernest, den Ich-Erzähler, keinerlei Mitleid zu hegen, denn er ist ein von sich selbst sehr überzeugter Jünger der optischen Physik. Im Grabmal schreibt er sein erstes Buch, das unter anderem auf seinen Aufzeichnungen im Grabmal basieren soll. Hier will er eine Theorie des Lichts aufstellen und untermauern. Von dem nicht unbeträchtlichen Lohn plant er eine Vortragsreise sowie einen Urlaub mit seiner Frau Margause zu finanzieren.

Um Verpflegung während des einen Jahres braucht er sich keine Sorgen zu machen. Iwan, ein „borstiger Tatar“, hässlich wie die Nacht und seiner nun toten Herrin noch immer treu ergeben, versorgt Ernest mit den exquisitesten Speisen, doch soll dies gemäß Testamentsbestimmungen der einzige Kontakt sein, den der Wissenschaftler pflegen darf. Schon bald nimmt der Leibesumfang des Grabbewohners erheblich zu. Soll er etwa gemästet werden? Der Tatar gibt keinen Piep von sich. Er erinnert Ernest lieber an die Geschichte vom nekrophilen Sergeanten, der auf dem Friedhof sein Unwesen treiben soll.

Doch auch das in der Gruft bestattete Frauenzimmer verdient unser Mitgefühl nicht. Ein Vamp bleibt eben ein Vamp. Die Madame Wassilska muss nach dem Bild, das Ernest uns zeichnet, nicht nur mannstoll wie Katharina die Große gewesen sein, sondern obendrein reichlich brutal und grausam. Einen Bäckerlehrling biss sie beispielsweise zweimal, so dass er lieber Reißaus nahm. Ihren Bediensteten, etwa wehrlosen Kammerzofen, trieb sie Nadeln ins Fleisch. Auf ihrem Foto fallen Ernst die ungewöhnlich „grausam weißen“ Zähne auf …

In der Gruft ereignen sich unerklärliche Phänomene. Obwohl kein Wind ging, sind Ernests zahlreiche und wohlsortierte Notizzettel durcheinander gewirbelt. Ein grünliches Leuchten geht vom Stein des eigentliches Grabes und der bronzenen Grabplatte aus – sehr interessant, gerade für einen Optophysiker. Handelt es sich etwa um Röntgenstrahlen oder gar um den mysteriösen Äther? Wirken hier intermolekulare Kräfte? Die Steinstruktur selbst scheint sich regelmäßig um Mitternacht in Gallert zu verwandeln. Der Gallert brennt auf der Haut. Das ist für Ernest aber auch nichts Neues, denn polnische Experimente im galizischen Lemberg beschreiben ein ähnliches Phänomen.

Richtig ernst wird’s für Ernest aber erst, als er nicht mehr durch den schmalen Zugang zur Gruft passt: Er ist so gemästet worden, dass er zum Gefangenen der Gruft geworden ist. Nach dem Allerseelentag stellt er fest, dass er gebissen und ausgesaugt wurde. Geradezu elend fühlt er sich, als er einen Zettel findet, auf dem eine Botschaft steht: „Der Atem der Katechana“.

Iwan verrät ihm auf seinen Drängen hin, dass es sich bei der „Katechana“ um die Gräfin handelt: „eine, die nie genug haben kann vom Opfer der Mannheit, bis jenseits des Todes“. Ernest beschleicht ein übler Verdacht: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verflüssigung der Grababdeckung, dem grünen Leuchten und den allnächtlich wiederkehrenden Bissen in seinem Hals?

_Mein Eindruck_

Na, servus! Mit Physik hat dies wohl weniger zu tun als vielmehr mit Metaphysik. Schon solche antiquierten Begriffe wie der noch um 1900 herum postulierte „Äther“ als universelles Trägermedium kennzeichnen den Wissensstand des „Helden“ als einen Physiker, der immer noch auf der Schwelle zur Metaphysik steht. Und wenn es nicht um sehr viel Geld ginge, das ihn korrumpiert, hätte er sich wohl kaum auf eine solch makabre Forschungsstätte eingelassen, die eines echten Physikers schwerlich würdig ist.

Der eng umgrenzte Raum des Grabmals ist ein exzellentes Experimentierfeld: Hier treffen zwei Zeiten und Kulturen aufeinander. An der Nahtstelle zwischen modernem Leben und uralter Totenkultur treffen sich der wissenschaftlich-rational orientierte Westen mit dem weitaus mysteriöseren Osten des europäischen Kontinents, mit den alten legenden Asiens von den Vampyri. Von diesen Wesen hat Ernst offensichtlich noch nichts gehört, denn alle seine Erklärungsversuche und haltlosen Theorien betreffen nur Bildungsbruchstücke, gehen aber an dem eigentlichen Phänomen weit vorbei. Umso genauer treffen sie den Leser bzw. Hörer, der sich allmählich seinen eigenen Reim darauf machen muss. Umso wirkungsvoller ist das Grauen, das sich im Hörer unterschwellig breitmacht.

Bereits die Charakterisierung der Gräfin sollte Ernest einen wichtigen Hinweis liefern: eine männermordende Nymphomanin mit grausamen Zügen; mit „grausam weißen“ Zähnen und „Fingern wie Klauen“. Dazu passen die klassischen Versatzstücke wie etwa die Gruft, Nekrophilie, ewiger Hunger über den Tod hinaus, Bissmale, sich zersetzende Materie, der stumme Diener, ein Todeshauch, unheimliches Leuchten und dergleichen mehr. Doch der Vampir selbst ist, wie sich zeigt, weit mehr als nur ein materielles Phänomen. Er dringt in den Verstand seines Opfers und beschwört allerlei Trugbilder.

Ernst ist jedoch beileibe kein tumbes Opferlamm. Natürlich darf zwar der actionreiche Schluss nicht verraten werden, aber der als Opfer Auserkorene weiß sich durchaus wirkungsvoll seiner lädierten Haut zu wehren. Obwohl die Ereignisse im Grabmal auf eine Krise zutreiben, so verblüfft doch das Ausmaß der nun gebotenen Action den auf sachten Grusel eingestimmten Zuhörer.

|Der Sprecher|

David Nathan ist Regisseur und gilt außerdem als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Im deutschsprachigen Kino erlebt man ihn als Synchronstimme von Johnny Depp, „Spike“ oder Christian Bale. Auch auf den Webseiten zu den „Drei ???“ findet man seinen Namen einschlägig erwähnt. Nathan hat für |LPL records| bereits eine Erzählung auf der Hör-Anthologie „Necrophobia 1“ gesprochen, außerdem tritt er auf „Das Ding auf der Schwelle“ und „Der Schatten über Innsmouth“ in Erscheinung. „Das Grabmal“ wird von ihm souverän und mit einer zunehmenden Eindringlichkeit vorgetragen, der man sich nur sehr schwer entziehen kann.

Ich konnte nur einen Aussprachefehler feststellen: Müsste der Name des bekannten Physikers und Mathematikers Henri Poincaré nicht französisch statt englisch ausgesprochen werden?

_Unterm Strich_

In seinem Aufbau ist „Das Grabmal“ offensichtlich an viele der Frauenerzählungen von Edgar Allan Poe angelehnt. Ob nun die vampireske Lady Ligeia, Morella, Eleonora oder wie sie alle heißen – es ist eine unheimliche Frauengestalt, die durch ihren Bann den ihr psychisch oder emotional ausgelieferten Mann erst um den Verstand und dann um sein armseliges Leben bringen wird. Das psychische Band ist jedoch bei Strobl durch physikalische bzw. metaphysische Phänomene ersetzt, was die Story zwar moderner, aber weitaus weniger romantisch macht.

Die andere Komponente, die Poe entspricht, ist die Bemühung der Hauptfigur, all die seltsamen Phänomene, die er beobachtet oder am eigenen Leib erfährt, wegzurationalisieren (im Sinne von „ratiocination“ à la Auguste Dupin), indem er die Erkenntnisse der Naturwissenschaft anführt. Diese geistigen Waffen gegen Geister einzusetzen, erweist sich selbstverständlich (und ironischerweise) als völlig zwecklos. Die immaterielle Welt obsiegt über die kläglichen Versuche, sie mit Erkenntnissen aus der materiellen Welt zu erklären. Insofern ist diese Erzählung wiederum zutiefst romantisch.

Stellt man Modernität und Romantizismus nebeneinander, so ergibt sich der Eindruck einer Erzählung, die einer Zeit des Übergangs entspricht. Gut möglich, dass sie unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand, als die alte, so wohlgeordnet erscheinende Welt der Monarchien und des Großbürgertums unter den Stiefeltritten faschistischer und kommunistischer Bewegungen verschwand. Es dürfte wohl kein Zufall sein, dass die Gräfin Wassilska als Vertreter eines absolut herrschenden Adels genau im Vorjahr des Kriegsausbruches das Zeitliche segnete und fortan ihre Grabinsassen als Vampir beehrt – böser Schatten einer versunkenen Welt. Adieu, belle epoque!

Das Hörbuchs inszeniert diese reichhaltige Erzählung mit angemessenen Mittels. Besonders der Sprecher David Nathan vermittelt die unterschwellige Botschaft ausgezeichnet mit seinem Vortrag.

Innerhalb der Vampirric-Serie ist „Das Grabmal …“ mit Sicherheit ein Höhepunkt. Noch besser gefiel mir allerdings [„Der Horla“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=584 weil dort die horrible Vision des Autors geradezu kosmische Dimensionen annimmt.

_Der Herausgeber_

HR Giger wurde 1940 in Chur, Schweiz, geboren. Im zweiten Stock des Elternhauses befand sich sein legendäres schwarzes Zimmer. Die fortschreitende Transformation aus einem Jugendzimmer zu einer Werkstätte, in eine Waffenschmiede, bis hin zu einer ägyptischen Grabkammer wurde zur ersten Kostprobe der Kreativität Gigers. 1977 erscheint sein Bildband „Giger´s Necronomicon“. Daraufhin folgt der weltweite Durchbruch. 1980: Oscar für „Alien“. Seit 1981: Arbeit an Projekten wie Poltergeist 2, Species und Alien 3. 1988: Eröffnung der Giger-Bar in Tokio. 1991: Sein Bildband ARh+ erscheint in sieben Sprachen. Seit Mitte der Neunziger Jahre arbeitet HR Giger unermüdlich an seinem Museum. Dies befindet sich im mittelalterlichen Schloss Saint-Germain in Gruyères, Schweiz. Das Museum beherbergt Gigers persönliche Kunst-Sammlung, seine eigenen Bilder und Skulpturen. Das jetzige Museum ist die erste Stufe eines umfassenden Gesamt-Kunstwerkes. HR Giger ist einer der bedeutendsten modernen Künstler weltweit. (Verlagsinfo)

|Umfang: 78:22 Minuten auf 1 CD|

Poe, Edgar Allan / Hala, Melchior / Sieper, Marc / Hank, Dickky / Weigelt, Thomas – Sturz in den Mahlstrom (POE #5)

„Sturz in den Mahlstrom“ ist der fünfte Teil der Edgar-Allan-Poe-Reihe von |LübbeAudio|, die unter Mitwirkung von Ulrich Pleitgen und Iris Berben, eingebettet in eine Rahmenhandlung, Erzählungen des amerikanischen Gruselspezialisten zu Gehör bringt.

Ulrich Pleitgen hat auch die ersten vier Hörbücher der Serie vorgelesen:
– [Die Grube und das Pendel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=744
– [Die schwarze Katze]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=755
– [Der Untergang des Hauses Usher]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=761
– [Die Maske des Roten Todes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=773

Die vier neuen Folgen der POE-Reihe sind:
#5: Sturz in den Mahlstrom
#6: Der Goldkäfer
#7: Die Morde in der Rue Morgue
#8: Lebendig begraben

|Der Autor|

Edgar Allan Poe (gestorben 1849) gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Er gab verschiedene Zeitschriften heraus, veröffentlichte aber nur wenige eigene Werke in Buchform, sondern sah seine Geschichten und Gedichte lieber in Zeitschriften gedruckt. Er starb im Alkoholdelirium. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

|Der Sprecher|

Ulrich Pleitgen, geboren 1946 in Hannover, erhielt seine Schauspielerausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater in seiner Heimatstadt. Pleitgen wurde nach seinen Bühnenjahren auch mit Film- und Fernsehrollen bekannt. Er hat schon mehrere Hörbücher vorgelesen und versteht es, mit seinem Sprechstil Hochspannung zu erzeugen und wichtige Informationen genau herauszuarbeiten, ohne jedoch übertrieben zu wirken. In der POE-Reihe interpretiert er den Fremden, der sich „Edgar Allan Poe“ nennt.

|Die Sprecherin|

Iris Berben gehört zu den bekanntesten und profiliertesten Schauspielerinnen hierzulande. Ihr Repertoire umfasst Krimis („Rosa Roth“) ebenso wie Komödien und klassische Werke. Für ihre Leistungen wurde sie u. a. mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. In der POE-Serie interpretiert sie die weibliche Hauptrolle Leonie Goron.

_Vorgeschichte_

Ein Mensch ohne Namen. Und ohne jeden Hinweis auf seine Identität. Das ist der Fremde, der nach einem schweren Unfall bewusstlos in die Nervenheilanstalt des Dr. Templeton eingeliefert und nach zehn Wochen entlassen wurde. Diagnose: unheilbarer Gedächtnisverlust. Er begibt sich auf eine Reise zu sich selbst. Es wird eine Reise in sein Unterbewusstsein, aus dem schaurige Dinge aus der Vergangenheit aufsteigen. Woher kommen sie? Was ist passiert? Was hat er getan?

Schon vier Stationen hat der Fremde durchwandert, stets begleitet von Albträumen. Nach dem Aufenthalt in einem Gasthaus begibt sich der Fremde ohne Gedächtnis auf eine Seereise.

_Handlung_

Mit dem Segelschiff „Independence“ begibt sich der Fremde, der sich den Namen Edgar Allan Poe zugelegt hat, auf eine Seereise nach New Orleans. Von dort will er weiter in den Fernen Osten. Der Segler und sein Kapitän Hardy scheinen in Ordnung zu sein, doch kurz vor dem Auslaufen sieht Poe, wie ein Fremder einem der Matrosen etwas übergibt.

Das Schiff ist noch nicht lange auf See, als ein schwerer Belegblock auf Poe herabstürzt und ihn nur um Haaresbreite verfehlt. Das Seil daran ist jedoch nicht durchschnitten, und so macht sich Poe keine Sorgen deswegen. Ein Sturm ist im Anzug, sagt Käptn Hardy mit knorriger Stimme (Jürgen Wolters). Und eines der Opfer dieser stürmischen Gegend wird wenig später gesichtet.

Poe rudert zwecks Erkundung des Schiffswracks mit der Mannschaft hinüber. Das Erste, was man entdeckt, ist ein Sarg an Deck. „Das bringt Unglück“, dürfte ja wohl klar sein. Obwohl der Bootsmann sich zum Verlassen des sinkenden Wracks anschickt, sucht Poe noch achtern in den Kajüten – und wird fündig: Eine weibliche Gestalt in langem weißem Gewand erscheint wie ein Gespenst und fragt ihn: „Wo bin ich?“

Das Boot ist weg, das Schiff sinkt. Poe und die Lady springen ins Meer und finden sich später neben dem ominösen Sarg treiben. Nachdem die „Independence“ sie aufgefischt hat, stellt sie sich als Leonie Goron (mit französischer Aussprache) vor. Sie fragt ihn, ob er an Zufälle glaube. In der folgenden Nacht schiebt Poe ebenfalls Wache, weil der Sturm erwartet wird. Nach seiner Ablösung verschwindet der andere Matrose spurlos. Vielleicht sollte er sich spätestens jetzt Sorgen machen.

Der Sturm bricht unvermittelt los, und Poe und Leonie müssen unter Deck. Hier hat Poe wieder mal einen seiner typischen Albträume. (Es ist die Handlung von Poes titelgebender Story.)

An der norwegischen Küste wird der Fisch zwischen den küstennahen Inseln knapp, so dass zweien der der letzten unabhängigen Fischer, den Brüdern Per und Tore, nur noch die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub bleibt: Sie verkaufen entweder ihr Boot und verdingen sich als Matrosen beim reichsten Fischer Lars Hansen – oder sie blicken dem Tod ins Auge und versuchen ihr Glück bei den Äußeren Inseln. Doch dort lauert in der Meerenge ein Verderben bringender Mahlstrom auf Fischer, die nicht rechtzeitig zurückfahren. Ganze Dreimaster habe er schon verschlungen, erzählt das Seemannsgarn in der Hafenkneipe.

Doch Per wettet, er sei ein besserer Fischer als Lars Hansen. Dessen höhnisches Gelächter bringt ihn auf die Palme. Er setzt sein Boot ein, doch Lars muss ihm die Erlaubnis geben, um die Hand seiner Schwester Susanne anhalten zu dürfen, wenn Per gewinnt. (Ist doch immer eine Frau im Spiel, nicht?) Listig gibt Susanne ihm eine Taschenuhr mit, so dass er den Tidenwechsel besser einschätzen kann.

Doch der Chronometer erweist sich als ebenso trügerisch wie das Meer über dem Mahlstrom. Zu spät bemerken Per und Tore, wie es sich verändert und schließlich zu einem riesigen Trichter öffnet. Ihr schlimmster Albtraum scheint in Erfüllung zu gehen, da erkennt Per den Weg zur Rettung. Tore hält ihn für völlig durchgeknallt. Kein Wunder: Wer würde im Angesicht des sicheren Todes schon sein Schiff verlassen?

_Mein Eindruck_

Während die Binnenhandlung, die im Albtraum erzählt wird, ziemlich genau Poes genialer Horror-Story „Descent into the Maelstrom“ folgt, verarbeitet die Rahmenhandlung in freier und kreativer Weise Motive aus Poes Story „The oblong Box“ („Die längliche Kiste“). Darin befindet sich ebenfalls ein Sarg an Bord eines Segelschiffes, das unseren Erzähler von A nach B bringen soll. Jeder Matrose, der einen Schuss Pulver wert ist, weiß natürlich, dass ein Sarg an Bord Unglück magnetisch anzieht. Und denen von der „Independence“ geht es genauso. Recht haben sie, wie die folgenden Geschehnisse belegen. Offenbar zweimal entgeht Mr. Poe einem Anschlag auf sein Leben. Wer steckt dahinter? Die zweite Frage lautet natürlich: Warum besteht Leonie Goron so hartnäckig darauf, den Sarg an Bord zu nehmen, statt ihn der See zu übergeben?

Die zentrale Erzählung, „Der Sturz in den Mahlstrom“, gehört zu den wirkungsvollsten Meisterwerken der Horrorliteratur. Ähnlich wie „Grube und Pendel“ gerät die Hauptfigur durch Furcht und Schrecken in einen seelischen Zustand, der ihm eine „gleichgültige Neugier“ erlaubt. In diesem Zustand quasi außer sich, bemerkt er wie ein vernünftig denkender Mensch ein Phänomen, das er normalerweise nie wahrgenommen hätte: Massereiche Gegenstände erreichen den zerstörerischen Grund des riesigen Strudels schneller als kleine, leichtere. Dieser Beobachtung lässt er sogar die richtige Handlungsweise folgen, so wahnwitzig und selbstmörderisch sie auch erscheinen mag. Kein Wunder, dass ihn sein Bruder für verrückt hält, widerspricht dies doch dem so genannten „gesunden Menschenverstand“. Und wir dürfen annehmen, dass Per nun die Hand der süßen Susanne sicher ist.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

Pleitgen spielt die Hauptfigur, ist also in jeder Szene präsent. Er moduliert seine Stimme ausgezeichnet, um das richtige Maß an Entsetzen, Erstaunen oder Neugier darzustellen. Als das Schiff ausläuft, das ihn zu neuen Ufern bringen soll, klingt er richtig frohgemut – genau wie die Musik, die sich machtvoll zu einem vorwärts drängenden Thema aufschwingt.

Während der Binnenhandlung spricht er auch Per, der den Mahlstrom erforscht. Ihn begleitet als Tore, Pers Bruder, Manfred Lehmann, der verdächtig wie die deutsche Stimme von Nick Nolte klingt. Auch der bekannte Schauspieler Benno Fürmann wird im Booklet als Sprecher eines gewissen „Israel Hands“ aufgeführt. Diese Figur konnte ich aber nicht entdecken. Kommt vielleicht noch.

Iris Berben bietet Pleitgens melancholischem Poe einen lebhaften Widerpart mit ihrer Leonie Goron. Und wie Poe sogar selbst merkt, zeichnet sich Leonie durch ungewöhnlichen Scharfsinn aus. Der wird wohl noch benötigt … Auch in der Rolle als Susanne Hansen, in der ich sie fast nicht wiedererkannt hätte, verleiht Berben der Szene den gewissen Pfiff: Sie ist das listige Frauenzimmer, hinter dem Per her ist, das aber offenbar auch eigene Pläne verfolgt.

|Sound und Musik|

Mindestens ebenso wichtig wie die Sprecher sind bei den POE-Produktionen auch die Geräusche und die Musik. Hut ab vor so viel Professionalität! Die Arbeit des Tonmeisters beim Mischen aller Geräusche ist so effektvoll, dass man sich – wie in einem teuren Spielfilm – mitten im Geschehen wähnt: wenn der Stürm wütet, wenn die Möwen kreischen, wenn Poe und Leonie halbtot im Meer treiben, im Regen, das Knarren der Takelage und vieles mehr. Der Hörer kommt sich vor wie der blinde Passagier auf einer abenteuerreichen Seereise, wie einst [Arthur Gordon Pym.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=781

Die Musik bildet die perfekte Ergänzung: Klassische Streicher eines Quartetts und des Filmorchesters Berlin, die Potsdamer Kantorei, Vokalisen der Sängerin Gaby Bultmann – sie alle wirken zusammen, um eine wirklich gelungene Filmmusik zu den Szenen zu schaffen. Ganz besonders eindrucksvoll gelingt dies auf dem Höhepunkt der Mahlstrom-Sequenz, als die Musik die Katastrophe geradezu beängstigend spürbar macht.

|Der Song|

In der neuen Serie hat |Lübbe| den Abschlusssong, den zunächst Heinz Rudolf Kunze beisteuerte, ausgetauscht durch den englischsprachigen Song „I’ve foreseen this day“ der bekannten Popgruppe |Orange Blue| (Länge: ca. 4:30). Da die Lyrics nicht beigefügt sind, muss man sehr genau hinhören, um etwas zu verstehen. Aber es scheint um „Perlenaugen“ zu gehen. O yeah, baby.

_Unterm Strich_

Mit diesem Hörbuch beginnt eine neue Staffel von POE-Hörspielen bei |Lübbe|. Waren die ersten vier Hörspiele schon ob ihrer hervorragenden Produktionsqualität mit dem |Deutschen Phantastik Preis| 2004 ausgezeichnet worden, so legt |Lübbe| diesmal noch einen drauf. War die erste Staffel vom Charakter eines Kammerspiels gekennzeichnet, so weitet sich nun die Bühne zu Breitwandfilm-Cinemascope-Dimensionen. Sound, „Film“-Musik, Sprecher, Schnitt, Erzählstruktur – alle tragen zu einem hörbaren Kinoerlebnis bei.

Der Ausflug in Phantasieregionen dauert nur rund eine Stunde, aber das ist völlig in Ordnung – die Erzählstruktur trägt nur zwei bis drei Höhepunkte und ist am Ende offen. Will heißen: Hier muss offenbar noch einiges nachfolgen. Bin schon sehr gespannt.

|Umfang: 68 Minuten auf 1 CD|

Brooks, Terry – Ausgestoßene von Shannara, Der

Bestseller-Autor Terry Brooks erzählt die Vorgeschichte seines bekannten Fantasy-Zyklus‘ um das Königreich Shannara. Er verrät, wie es zum ersten König von Shannara kam.

_Handlung_

Während des ersten großen Krieges hatten die Druiden von Paranor in Shannara mitansehen müssen, was geschehen konnte, wenn Magie in die falschen Hände geriet. Seitdem widmeten sie sich nur noch dem Studium der herkömmlichen Wissenschaften. Nur einige wenige von ihnen, darunter der Druide Bremen, befassten sich noch mit Magie und den alten Geheimlehren. Und die Druiden waren sich schnell einig, was mit dem Frevler zu geschehen hatte – sie schlossen Bremen aus ihrer Gemeinschaft aus.

Doch der nunmehr Ausgestoßene macht eine Entdeckung, die nur allzu deutlich darauf hinweist, dass man sich in Paranor in falscher Sicherheit wiegt. Aus den Nordlanden fallen Trolle in die Vier Länder ein, und ihre Späher sind Schädelträger – abtrünnige Druiden, die sich der Schwarzen Magie verschrieben haben. Ihr Anführer ist der Dämonenlord Brona, und sein Ziel ist die endgültige Unterwerfung der Vier Länder mitsamt der Vernichtung ihrer Völker. Doch die Druiden haben längst die Macht verloren, um seinen Armeen zu widerstehen.

Also macht sich Bremen nach Paranor auf, um Hilfe gegen Brona zu holen und die Druiden zu warnen. Er wird nicht ernstgenommen außer von zwei alten Freunden, Risca und Kinson. Wenig später schließt sich ihm eine junge Frau an, die über empathische Kräfte verfügt, sie aber nicht zu kontrollieren versteht. Mit Hilfe eines Orakels vom Geist eines Toten erfährt Bremen mehr über die Zukunft. Es steht nicht zum Besten.

In einer breit angelegten Rettungsaktion begeben sich die Gefährten zu verschiedenen Völkern, um sie vor Bronas Horden zu warnen und zum Widerstand aufzurufen. Doch Bremen begibt sich mit einem magischen Schwert zum Schädelberg, um dort eine weitere Geheimwaffe zu holen. Es gelingt ihm mit knapper Not, denn Bronas Trolle sind bereits überall. In einer über hundert Seiten beschriebenen Schlacht – genauer: eine Reihe davon – wird Brona schließlich von den vereinten Völkern bekämpft. Die Führung haben Bremen und der künftige König von Shannara. Wie’s ausgeht, will ich hier nicht verraten.

_Fazit_

Der Roman ist gut und übersichtlich strukturiert, wird nicht überhastet, sondern wohlverständlich erzählt. So hat der Leser Muße, über die Motivationen der verschiedenen Beteiligten nachzudenken. Die mehreren Höhepunkte werden daher umso intensiver erlebt, bis schließlich der üble Brona verjagt ist. Diese Punkte täuschen allerdings nicht darüber hinweg, dass sich in menschlicher Hinsicht nichts Neues oder Aufregendes ergibt. Man hat den Eindruck, als habe Brooks mit dieserm Vorgeschichte-Roman eine Pflichtübung absolviert – dieser Aufgabe hat er sich mit Anstand entledigt. Seine später folgenden Landover-Romane, die in der Gegenwart spielen, sind weitaus besser und ausgereifter.

|Originaltitel: First King of Shannara, 1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Susanne Gerold.|

Harris, Robert – Pompeji

Im Sommer des Jahres 79 n. Chr. kommen wie eh und je die Reichen und Schönen aus Rom in ihre Villen am Meer, um Urlaub zu machen. Attilius, ein Wasserbaumeister, ist jedoch wegen der Arbeit hier. Er ersetzt in Misenum, Pompeji und Herculaneum den spurlos verschwundenen Vorgänger Exomnius. Diese und andere Unstimmigkeiten an der lebenswichtigen Wasserleitung Aqua Augusta scheinen kriminellen Ursprungs zu sein.

Als der Vesuv ausbricht, der den Anwohnern jahrhundertelang so friedlich erschien, dass sie seine Existenz kaum noch wahrnahmen, muss Attilius um seine neue Freundin Corelia bangen, die von ihrem korrupten Vater Ampliatus eingesperrt wurde. Kann er sie rechtzeitig erreichen und aus der Apokalypse, die sich nun entfaltet, retten?

_Der Autor_

Robert Harris wurde 1957 im britischen Nottingham geboren. Nach seinem Geschichtsstudium in Cambridge war er als BBC-Reporter und politischer Redakteur des „Observer“ tätig. Die historischen Hintergründe seiner Romane recherchiert Harris als Historiker exakt. Trotzdem schreibt er keine Sachbücher: Er will die Leser gleichzeitig unterhalten und informieren, schreibt der Verlag.

Mit seinem Roman „Vaterland“ gelangte er 1992 in die internationalen Bestsellerlisten, danach folgten das ebenfalls verfilmte „Enigma“ sowie „Aurora“ (1998). Harris ist heute ständiger Kolumnist der Tageszeitung „The Times“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in einem alten Pfarrhaus in Kintbury bei London.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erhielt seine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und stand seit Mitte der neunziger Jahre in zahlreichen großen Rollen auf der Bühne. Zu seinen Filmerfolgen zählen „Die Musterknaben“, neben Oliver Korittke, und – zusammen mit Dietmar Bär – „Durch dick und dünn“ sowie diverse Rollen in Film und Fernsehen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Misenum, 22. August 79, noch zwei Tage bis zum Ausbruch des Vesuv. Bereits zwei Stunden vor Sonnenaufgang quält sich ein kleiner Arbeitertrupp die Hänge des Vulkans empor. Der neue Wasserbaumeister Attilius ist erst drei Tage im Amt, nachdem seine Vorgänger Exomnius spurlos verschwunden ist. Daher nehmen ihn seine Arbeiter ob seiner Jugend – er ist erst 27 – nicht für voll und murren. Vor allem Corax, der Aufseher, scheint etwas gegen Attilius, den Römer, zu haben. Was genau das ist, wirst erst später klar, aber dann ziemlich eindeutig. Corax steht nicht nur in Diensten des römischen Staates.

|Die Lebensader Kampaniens|

Attilius hat die Aufgabe übernommen, die Aqua Augusta instand zu halten und mit diesem 60 Kilometer langen Aquädukt die gesamte Region Kampanien rings um den Vulkan mit Wasser zu versorgen. Es ist die längste Wasserleitung der Welt, eine architektonische Meisterleistung. Kein Wunder, dass sich durch die optimale Wasserversorgung zahlreiche Reiche in ihren Villen angesiedelt haben und ihre Gäste mit raffinierten Wasserspielen unterhalten. Nur das Erdbeben, das Pompeji einmal schwer beschädigt hat, erscheint auf ihrer inneren Landkarte als kleine Störung. Die Stadt hat sich nämlich inzwischen davon erholt. Etwas störender ist die Dürre, die seit drei Monaten Kampanien belästigt.

Als Attilius eine Grube ausgehoben hat, um eine neue Quelle anzulegen, ist er nicht wenig erstaunt, als das Wasser sofort wieder versiegt. Doch dies ist nur der Anfang vom Ende. Binnen weniger Stunden versiegt das Wasser der gesamten riesigen Wasserleitung: Acht Gemeinden sind abgeschnitten. Attilius hat so etwas noch nie erlebt und kann es sich nicht erklären. Ist die Wasserleitung gebrochen?

|Ampliatus und Corelia|

Zwei Frauen holen ihn aus dem Wasserreservoir der Stadt zur Villa Hortensia in Misenum. Sie wollen, dass er die Wasserqualität in den Fischzuchtbecken der Villa prüft. Das Wasser kommt aus dem noch vollen Reservoir, nicht aus der versiegten Aqua Augusta. Weil sich diese Qualität eventuell verändert hat, sind vor wenigen Stunden die empfindlichen, aber als Luxusspeise beliebten Meerbarben gestorben. Dafür macht der Besitzer Ampliatus aber nicht das Wasser, sondern den zuständigen Sklaven verantwortlich. Die junge Corelia, Ampliatus‘ Tochter, ist entsetzt über die Rohheit, mit der er den Sklaven gefräßigen Muränen vorgeworfen hat.

Der Sklave ist bereits tot, als Attilius eintrifft und dem Wasser einen hohen Schwefelanteil attestiert. Er kann sich den Grund dafür zwar nicht denken, empfiehlt Ampliatus aber, die Leitung sofort zu sperren. Er selbst werde die Brunnen der Stadt sperren lassen. Schließlich soll kein Bürger Wasser trinken, das nach faulen Eiern stinkt. Als er Ampliatus verlässt, geht ihm Corelia nicht aus dem Kopf. Sie sieht seiner fünf Jahre zuvor im Kindbett gestorbenen Frau Sabina sehr ähnlich.

|Plinius|

Der Naturforscher Gaius Plinius, ein unglaublich korpulenter, aber intelligenter und gebildeter Soldat, ist Befehlshaber der römischen Kriegsflotte, die in Misenum ihren Stützpunkt im westlichen Mittelmeer hat. Bei einem Experiment wundert er sich, dass die Flüssigkeit in einem Weinglas nicht zu zittern aufhört – Erdbeben? (Plinius wird später, während des Ausbruchs, eine zentrale Rolle spielen.)

Attilius muss ihm melden, dass er die Brunnen sperren und das Wasser der Flotte rationieren lässt. Inzwischen haben Boten ein Bild vom Ausmaß der Wasserkatastrophe geliefert: Acht von neun Gemeinden haben kein Wasser mehr. Warum aber hat ausgerechnet Pompeji noch Wasser? (Das hat Attilius von einem Augur erfahren, der von dort gerade in Misenum eingetroffen ist.)

Um dies herauszufinden, erbittet Attlius als Beamter des Kaisers von Plinius ein schnelles Schiff. Es wird ihm gewährt, und Attilius ist am selben Tag noch in der vor 17 Jahren von einem Erdbeben zerstörten Stadt. Er staunt, wie rasch hier der Wiederaufbau vorangegangen ist, so dass sogar das Forum, der Marktplatz, fast wieder fertig ist. Woher kam das Geld dafür? Und warum lässt die Stadt frisches Wasser ins Meer laufen – gibt es hier denn Wasser im Überfluss?

|Pompeji|

23. August, noch ein Tag bis zum Ausbruch. Um die Unterstützung der Stadtverwaltung bei der Untersuchung und eventuellen Reparatur der Wasserleitung zu erhalten, sucht Attilius die zwei zuständigen Magistrate auf. Er findet sie in der Villa eines alten Bekannten: Ampliatus. Die Stadtväter sind keineswegs geneigt, Attilius ihre Unterstützung zu gewähren, denn sie glauben seinen Theorien von drohendem Unheil nicht.

Es ist vielmehr Ampliatus, der ihm zwölf Arbeiter anbietet, gegen einen kleinen Gefallen, versteht sich. Attilius ist jedoch ein wirklich ehrenwerter Mann, der sich rundweg weigert, irgendeine Gegenleistung zu gewähren – er hat das Recht, die zwölf Sklaven zu requirieren. Ampliatus ist nicht amüsiert. Gegen ehrenwerte Männer gibt es für ihn nur ein Mittel: einen Dolch in den Rücken.

Während Attilius allmählich gegen Ampliatus und seinen Vorgänger Exomnius einen schweren Verdacht hegt, begegnet ihm Corelia erneut, die heute noch besser aussieht. Kein Wunder, denn sie trägt nur eine leichte Tunika fürs Schwimmen. Selbst als er noch in der gleichen Nacht mit den Sklaven und einigen Ochsengespannen die Hänge des Vulkans erklimmt, geht sie ihm nicht aus dem Kopf.

Corelia ist wütend darüber, dass ihr Vater sie vor Attilius wegsperren will, schleicht sich in den Garten und belauscht den Mordauftrag, den ihr Vater erteilt. Sie stibitzt wichtige Dokumente und macht sich noch am Abend auf den Weg, Attilius zu warnen. Eine junge Frau, die ganz alleine auf einem Pferd durch die Wildnis am Fuße des Berges reitet – ein gefährliches Vorhaben. Doch sie hat ihr Schicksal an das des jungen Wasserbaumeisters geknüpft. Sie will keinen alten Knacker heiraten, der sie unter Verschluss hält, sondern wünscht sich eine Zukunft als freie Frau eines jungen, aufstrebenden Mannes.

Ihnen beiden bleiben nur noch wenige Stunden bis zum Ausbruch des Vesuv, der zwei volle Tage dauern wird. Werden sie der Apokalypse entgehen? Oder wird man sie zweitausend Jahre später als versteinerte Mumien aus der Asche des Vulkans graben?

_Mein Eindruck_

Insgesamt ist „Pompeji“ eine rundum gelungene Kombination aus Krimi, historischem Drama und Katastrophenthriller. Harris, Autor von historischen Thrillern wie „Enigma“ und „Vaterland“, hat saubere Arbeit geleistet.

|Der Krimi|

Ein Mann ist verschwunden, und zwar nicht bloß irgendein Mann, sondern der Wasserbaumeister der wichtigsten Wasserleitung für Kampanien. Sein eilig herbeigeholter Nachfolger Attilius muss sich daher nicht nur mit den Problemen des Alltags eines Wasserbaumeister beschäftigen, sondern muss dringend dieses Verschwinden aufklären. Schließlich könnte er der Nächste sein. War es ein Verbrechen, so hat jemand Exomnius umgebracht oder entführt. War es ein Unfall, so könnte Attilius die gleiche Gefahr drohen. In beiden Fällen liegt es in seinem ureigensten Interesse, den Fall schnellstens aufzukleren.

Doch so etwas wie eine Wasserpolizei gibt es offenbar ebenso wenig wie eine normale städtische Polizei, die für Attilius ermitteln könnte. Er muss sich selbst darum kümmern und begibt sich in die verrufensten Viertel von Pompeji, dorthin, wo man bis heute die Graffiti für Gladiatoren und einschlägigen Werbesprüche für Bordelle und Huren finden kann.

Und tatsächlich wird er fündig: Doch in Exomnius Zimmer fehlt etwas, ein Kästchen mit Dokumenten. Es sind die Dokumente, die Corelia ihrem Vater stibitzt, um sie Attilius zu bringen. Dadurch stößt er auf ein lange Jahre praktiziertes Verbrechen, das Exomnius zu einem reichen Mann gemacht haben muss. Doch wo befindet sich sein beiseite geschafftes Vermögen? (Banken wurden erst im Mittelalter erfunden.)

Kaum hat Attilius diese Erkenntnisse erhalten, sieht er sich an den Hängen des Vulkans verfolgt. Es ist Ampliatus‘ Auftragskiller.

Obwohl der grundlegende Drama-Plot zwischen Attilius und Corelia recht einfach aufgebaut ist, trifft dies für den Krimiteil nicht zu. Attilus‘ Ermittlungen mögen vielleicht nicht so kompliziert und wendungsreich sein wie die in Romanen von Patricia Cornwell oder Michael Connelly, doch sie müssen mit Sachverstand und einem Gespür für Menschen geführt werden, um erfolgreich zu sein. Wenn es auch nicht Attilius ist, der Exomnius‘ Schatz findet, so deckt er doch das Verbrechen auf.

|Der Katastrophen-Thriller|

Andere Dokumente, die Corelia ihm bringt, beschäftigen sich mit Vulkanismus. Dazu zählen bekanntlich sehr viele Phänomene: Gase, Fumarolen, heiße Tümpel, Krater, Auswurf aller Art. Exomnius war Sizilier und kannte sich mit den Phänomenen an den Hängen des Ätna aus. Wusste er, worauf die verstärkte unteridische Tätigkeit des Berges Vesuv hindeutete? Diese Fragen stellt sich Attilius selbst noch am Morgen direkt vor dem Ausbruch. Dann findet er die traurige Wahrheit heraus …

Der Leser oder Hörer fragt sich natürlich die ganze Zeit, warum erstens die Dokumente des Exomnius so wichtig sind und zweitens, warum niemand sonst in Kampanien die Vorzeichen für den bevorstehenden Ausbruchs des Vulkans richtig zu deuten vermag. Offensichtlich verhält es sich so, dass der Vulkan Vesuv seit Jahrhunderten nicht mehr ausgebrochen ist und das Wissen über Vulkanologie verloren gegangen ist – außer in Gegenden wie Sizilien, wo Vulkanausbrüche praktisch an der Tagesordnung sind.

Wenn Plinius & Co. registrieren, wie der Wein im Glas zittert, so führen sie dies entweder auf Wind, Götter oder ein entferntes Erdbeben zurück. Da 17 Jahre zuvor Pompeji durch ein Beben verwüstet wurde, ist das eine nahe liegende Erklärung. Der Naturforscher Plinius ist daher vom Ausbruch des Vesuv, als er erfolgt, nicht so sehr überrascht, dass er handlungsunfähig wäre. Vielmehr ist er in der Lage, Befehle zum koordinierten Einsatz von Kriegsschiffen zu geben, die den bald zu erwartenden Opfern Hilfe bringen sollen, so etwa zwecks Evakuierung.

Es ist ein erstaunlicher Effekt, wenn Plinius am Vulkan vorbeischippert und dabei seinem Sekretär diktiert, was er beobachtet: Sein geradezu klinischer Blick beschreibt eine aufsteigende Rauch- und Aschewolke, die ungeheuer hoch in den Himmel ragt. Bisher dachten Gelehrte, der von den Göttern bewohnte Himmel begönne ungefähr drei, andere meinten elf Kilometer (in Stadien gemessen) über der Erde. Aber diese ungeheure Wolke scheint diese Theorien zu widerlegen. Plinius‘ detaillierte Beschreibung führt dazu, dass solche Vulkanausbrüche noch heute „plinianisch“ genannt werden.

Richtig bizarr wird es dann, als Plinius‘ Galeere von einem Regen von Bimsstein zuerst zugedeckt und dann gestoppt wird. Da die gesamte Wasseroberfläche von leicht schwimmendem Bimsstein meterhoch bedeckt ist, gibt es kein Vorwärtskommen mehr. Steine regnen tonnenweise und stundenlang aufs Schiffsdeck, unter dem Besatzung und Passagiere Zuflucht gesucht haben. Das Ende der Welt scheint nicht nur nahe zu sein – es ist bereits angebrochen.

Als Attilus von der Küste nach Pompeji marschiert, um Corelia zu suchen, wandert er durch eine Albtraumlandschaft, die es mit jeder jemals ersonnenen Version der Hölle aufnehmen kann. Doch Pompejis Schicksal ist noch nicht besiegelt …

|Das historische Drama|

Ich bin vor etlichen Jahren einmal stundenlang durch die Ruinen von Pompeji gegangen: das gewaltige Forum mit den Säulen des zentralen Tempels, die kleinen Häuser der umliegenden Viertel, die mit bunten, kostbaren Wandfresken ausgemalten Villen (z. B. die „Villa der Mysterien“) – all dies beherbergte einstmals Menschen und viele andere Lebewesen. Die unter der heißen Asche zu Stein erstarrten „Mumien“ stammen nicht nur von Bürgern, sondern auch von Hunden und anderen Haustieren. Es sind tausende solcher „Mumien“ gefunden worden. Und das nur in einer der neun Städte am Fuße des Vulkans.

Dem Autor gelingt es, ein vielschichtiges Bild des damaligen Vesuvgebietes mit Leben zu füllen. Dies ist aber kein statischer Querschnitt, sondern verfügt über eine historische Tiefe. Viele Entwicklungen haben dazu geführt, dass Attilius diese Gegend so blühend vorfindet und vor allem in Pompeji auf einen Überfluss an Wasser stößt. Offenbar blüht hier nicht nur der Oleander, sondern auch das Verbrechen. Vielleicht ein frühe Form der neapolitanischen Camorra? Ampliatus ist der Pate der Stadt, und zwar in mehr als nur einer Hinsicht.

Für die Reichtümer, die die Adeligen in ihren Villa angesammelt haben, steht stellvertretend die Villa Calpurnia des Senators Cascus. Als Plinius seine Schiffe ausschickt, weiß er um die kulturellen Schätze, die hier in Gefahr sind, vernichtet zu werden. Die Villa ist Aufenthaltsort zahlreicher Philosophen, und der Senator hat aus Griechenland sämtliche 120 (!) Dramen des Sophokles herbeigeschafft. Alles verloren. Von den Dramen sind uns heute nur eine Handvoll überliefert.

Der Autor hat jede seiner Hauptfiguren mit Leben gefüllt: mit Zielen, Motiven, Erinnerungen, Wünschen und Ängsten, so dass aus dem historischen Roman durch das Aufeinandertreffen dieser Figuren ein Drama wird. Dies ist der eigentliche Motor der Handlung. Und dadurch stellt uns der Roman auch auf einer menschlichen Ebene zufrieden. Krimi und Katastrophen – das ist schön und gut, würde aber nur für oberflächliche Unterhaltung ohne Bedeutung für uns reichen. Erst das Drama hat Bedeutung, denn es behandelt Themen, mit denen wir uns noch heute identifizieren können: Liebe, Furcht und Schrecken, auch Tragik und möglicherweise sogar Heldentum.

|Humor|

Wie könnte ein Katastrophenthriller auf irgendeine Weise humorvoll sein, mag sich der Leser bzw. Hörer fragen. „Es gibt nichts Lukrativeres als Besitz in Pompeji“, sagt Ampliatus an einer Stelle. Allerdings gibt es bestimmte Einschränkungen, wie er erfahren muss. So etwas nennt man tragische Ironie.

_Der Sprecher_

Jürgen Tarrach erweist sich als überaus kompetenter Sprecher des Textes. Zwischen jedem Kapitel macht er eine deutliche Pause, so dass der Hörer nie im Zweifel ist, wo die eine Szene aufhört und die nächste anfängt. Dies ist umso notwendiger, als die Erzählung im Verlauf der Handlung auf vier Handlungsstränge aufgeteilt wird: Attilius, Corelia, Ampliatus, Plinius. Sie finden erst im letzten Drittel wieder zusammen.

Auch Tarrachs Vortrag selbst lässt nichts an Verständlichkeit zu wünschen übrig. Corelias Stimme ist deutlich wegen ihrer etwas höheren Stimmlage zu identifizieren. Plinius sticht mit seiner kurzatmigen, etwas heiseren Stimme ebenfalls deutlich heraus.

Nur bei Attilius und Ampliatus muss man ein wenig aufpassen. Doch der Letztere verrät sich durch einen etwas hinterlistigen öligen Tonfall als Ganove: der „Pate“ von Pompeji. Attilius hingegen ist stets der dynamische und von seiner Mission voll überzeugte, aufrechte Beamte des Kaisers, der es nie nötig hat, sich zu verstellen. Sein autoritäres Auftreten gegenüber dem reichen Ampliatus lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Es gibt aber eine gespenstische Szene, in der wir an Attilius selbst zu zweifeln wagen. Sie findet auf dem Gipfel des noch nicht ausgebrochenen Vulkans statt, und der Beamte stolpert durch eine Wüstenei von Schlacke und Asche. In einem der kleinen Krater hat sich ein Tümpel giftigen Gases – vermutlich Kohlenmonoxid – gebildet, und Attilius bekommt die Auswirkungen am eigenen Leib zu spüren. Sein Geist wird verwirrt, als das Gift seine Wahrnehmung beeinträchtigt. Noch unheimlicher fühlt er sich, als er über eine Leiche stolpert. Dieser Szenerie der Unterwelt und des Todes wird schließlich die Krone aufgesetzt, als der Mörder auftaucht, den Ampliatus auf Attilius angesetzt hat …

_Unterm Strich_

Der Autor hatte mit „Vaterland“ und „Enigma“ große Erfolge, doch sein dritter Roman „Aurora“ („Archangel“) ging bei uns ein wenig unter. „Pompeji“ hingegen könnte man keinen größeren Erfolg wünschen, als es ohnehin schon hat. Es ist ein auf drei Ebenen hervorragend funktionierender Roman und stellt jeden Leser zufrieden: Krimi, Katastrophenthriller und menschliches Drama.

Das Hörbuch kann eine rundum gelungene Lesung von Jürgen Tarrach vorweisen, die mir sehr gut gefallen hat. Sein Stimmumfang ist zwar begrenzt, doch für die Charakterisierung der vier Hauptfiguren reicht es allemal. Wenn sich |Random House/Bertelsmann| einmal zu einer Senkung seiner Hörbuchpreise entschließen könnte, so wäre dies ein weiterer Grund, das Hörbuch zu kaufen. Andere Verlage wie |Lübbe| können das ja auch.

|Umfang: 430 Minuten auf 6 CDs
Übersetzt von Christel Wiemken|

Basu, Jay – Sterne können warten, Die

Im deutsch besetzten Oberschlesien wächst 1940/41 der vierzehnjährige Gracian auf. Nachts schleicht er sich auf eine Waldlichtung, um die Sterne zu betrachten. Sein Bruder Pawel holt ihn da weg, schenkt ihm dann aber ein Teleskop, mit dem er die Sterne viel besser sehen kann. Gracian beobachtet aber auch seinen Bruder bei dessen nächtlichen Aktivitäten. Und die sind mitunter ziemlich gefährlich. Eines Nachts folgt er ihm …

|Der Autor|

Jay Basu ist der Sohn eines indischen Vaters und einer polnischen Mutter mit russischen und deutschen Vorfahren. Er hat in Cambridge studiert und lebt in London. Sein erster Roman „Die Sterne können warten“ wurde nach Verlagsangaben ein internationaler Bucherfolg.

_Handlung_

Das Kriegsjahr 1940, im ehemals polnischen Teil Oberschlesiens, der nun von deutschen Truppen des „Generalgouvernements Polen“ besetzt ist. Die Lebensmittel sind rationiert, viele junge Männer leben im Untergrund und arbeiten für den Widerstand.

Hier lebt der vierzehnjährige Junge Gracian mit seiner Familie: seiner Mutter und seinem bewunderten Bruder Pawel. Seitdem Pawel ihm ein Buch über Astronomie geschenkt hat, liebt es Gracian, die Sterne zu beobachten. Sie sind das Einzige, wohin sein Geist fliehen kann, um der Not, Gefahr und Bedrückung ringsum zu entgehen.

Doch Gracian belässt es nicht beim Sterngucken aus dem Fenster. Er begibt sich dazu mitten in den nahen Wald, jenseits dessen das Militärlager der Deutschen liegen. Wieder einmal hat er sich in den Wald auf seine Lieblingslichtung geschlichen und ist den Wachen und Patrouillen knapp entgangen, da packt ihn eine Hand am Schlafittchen. Pawel schleift ihn wieder nach Hause, vernagelt das Fenster und verbietet Gracian, jemals wieder in den Wald zu gehen: „Die Sterne können warten. Das haben sie schon immer getan.“

Tagsüber schuftet Gracian in der Kohlenzeche einen Kilometer unter Tage, an bestimmten Tagen jedoch begleitet er seine Mutter auf gefährliche Expeditionen in ihr Heimatdorf. Dort herrscht noch keine große Not, und so kann sie mit Schinken und Würsten unter ihrer dicken Kleidung nach Hause zurückkehren. Doch nicht immer klappt das reibungslos. Zweimal hätten deutsche Wachen Gracian und seine Mutter fast auffliegen lassen.

Das Leben gewinnt wieder an Reiz, als Pawel ihm ein schönes, altes Teleskop schenkt. Damit rücken die Sterne wieder in greifbare Nähe, aber auch andere Dinge. Nun kann er auch den geheimnisvollen Wegen Pawels besser folgen, der mitunter tagelang verschwindet, um dann wieder am Hof von Gracians Familie aufzutauchen. Ist er ein Schmuggler oder gar ein Partisan? Als Gracian hinter Pawels Geheimnis kommt, setzt er, ohne es zu wollen, eine Entwicklung in Gang, in deren Verlauf das Schicksal seiner ganzen Familie, wenn nicht sogar des Dorfes auf dem Spiel steht.

_Mein Eindruck_

Vieles dessen, was der Autor erzählt, steht zwischen den Zeilen. Er braucht uns nicht zu sagen, dass Gracian seinen Bruder ebenso liebt wie seine Mutter. Wer Augen hat zu sehen, der wird an Dingen, die Gracian tut, merken, wie sehr ihn das Schicksal seines Bruders interessiert. Das ist auch gut so, denn den Geschichten, die Gracian von seinem Zechenkumpel Dylong über Pawel erzählt bekommt, darf man nicht hundertprozentig trauen. Taten zählen, Wörte können allzuoft lügen.

|Die Wahrheit des Zeigens|

Und deshalb konzentriert sich die wortkarge Erzählung auf das, was Gracian empfindet und tut. Hier liegt Wahrheit. Die Schwierigkeit liegt darin, sie angemessen zu beschreiben. Wie leicht wäre es, Gefühle zu behaupten statt sie zu beschreiben. Bis zu einem gewissen Grad muss jeder Erzähler diese Dinge behaupten. „ABC fühlte sich, aber XYZ ging es hingegen dreckig.“ Solche Sätze findet man allzu häufig in Unterhaltungsromanen.

Jay Basu tut dies nicht. Und sein Roman will auch nicht unterhalten, sondern erzählt in sehr einfacher Sprache, aber sehr präzise. Er nimmt keine Abkürzungen. Vielmehr stellt er uns Gracians Welt genau vor, in all ihrer Schönheit, mit allen Schrecken. Dies fand ich nicht immer einfach zu ertragen, und deshalb musste ich nach dem ersten Teil, an dessen Ende Pawel ihm das Teleskop schenkt, eine mehrwöchige Pause einlegen.

Das war vielleicht ein Fehler, vielleicht auch nicht. Der Rest des Buches lässt sich ohne Schwierigkeiten weiterlesen, denn nun ergeben sich die Konsequenzen aus dem Geschenk. Wurden im ersten Teil wichtige Figuren vorgestellt, so erleben wir nun, wie es ihnen ergeht, während die Besatzung durch die Deutschen in ihr zweites Jahr (nach dem September 1939) geht. Pawel ist tatsächlich in den Widerstand gegangen. Seine Erfahrungen als Schmuggler, die er schon mit sechzehn und siebzehn gemacht hat, kommen ihm jetzt wie gerufen. Allerdings nimmt er seine Verlobte Anna ebenfalls mit auf die nächtlichen Erkundungen bei den Einrichtungen der Deutschen. Das erweist sich als verhängnisvoll.

|Eine Frage der Wahrnehmung|

Gracian hat ein Problem mit dem Sehen durch das Teleskop. Er kann nahe Dinge noch näher heranholen, so dass er ihre Bewegung genau beobachten kann, wie etwa die einer Spinne. Oder er kann Strukturen entdecken, die ihm mit bloßem Auge noch verborgen gewesen waren, so etwa die Sternbilder, in denen nun auch schwächere Sterne auftauchen. Die Schwierigkeit liegt für ihn in der Überbrückung dieser zwei Extreme, denn das Teleskop bietet ihm nur diese zwei Pole des Sehens.

Die menschliche Wahrnehmung ist jedoch ein Kontinuum, in dem die Einzelheiten stets etwas mit dem Hintergrund zu tun haben und mit anderen Strukturen interagieren. Gracians Bemühen, diese Distanz der Wahrnehmung zu überbrücken, indem er seinen Bruder erst beobachtet und dann auch noch verfolgt, führt zu einer Katastrophe. Zu spät bemerkt der Beobachter, dass er seine Anwesenheit mit seinem Gerät in einer ungewohnten Umgebung verraten hat. Dies ist die reale Umsetzung von Heisenbergs Unschärferelation aus der Quantenphysik.

|Betrachten heißt enscheiden|

Die Folgen seiner Tat bereiten Gracians lange Zeit schreckliche Schuldgefühle, und die Erlösung lässt lange auf sich warten. Dann jedoch zieht er nach der klaren Erkenntnis, dass die wartenden Sterne keinen Trost spenden, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit. |“Leben lag in der Betrachtungsweise. Die Betrachtungsweise war eine Entscheidung, die getroffen werden musste.“| (S. 190)

Am Schluss steht Gracian verändert auf der alten Waldlichtung: |“Und wenn jemand von dort aufgestiegen wäre, fort von dem knienden Jungen mit den erdbedeckten Händen, hätte er nur das dunkle Aufragen der Fichtenstämme im Regen gesehen und darüber die zitternden Wellenkämme eines grünen, schattigen Meeres und darüber, weit darüber noch, den weiten, offenen Himmel, an dem die fernen Wächter ihre Bahnen beschreiben: kreisend, vorbeiziehend und der Unendlichkeit winkend.“| (S.191)

Der lange, harte Winter ist endlich vorüber, denn es fällt Regen statt Schnee. Und der Junge hat Abschied von den Sternen genommen. Seine Hände sind bedeckt mit dem, was menschliche Dimensionen hat und alleine zählt: Erde.

_Unterm Strich_

Die Geschichte, wie Gracian in jenem Winter aufwächst und schließlich erwachsen wird, ist schlicht und doch poetisch erzählt, voller gefühlter Humanität und Würde. Man kann diese Erzählung immer wieder lesen und wird doch Neues dabei entdecken, vor allem all jene Dinge, die zwischen den Zeilen stehen, die Dinge, die wirklich wichtig sind: Liebe, Solidarität, Hass, Schrecken und Schönheit.

Es ereignen sich keine weltbewegenden Dinge wie etwa in „Schindlers Liste“, und doch erklärt diese Geschichte genauso viele Dinge wie jener Roman, den Spielberg verfilmte. Der Mut der Menschen, ihre verrückten Hoffnungen, ihre Liebe zueinander werden ebenso sichtbar gemacht wie die Schrecken der deutschen Besetzung Oberschlesiens. Dabei sind die Menschen um Gracian herum nicht einmal Juden, denen ein viel härteres Los zugedacht worden wäre. Die Schupos der „Sonderpolizei“ verbreiten genügend Schrecken für alle.

Sehr wichtig fand ich, dass sich Gracians Betrachtungsweise ändert. Statt zu den Sternen ist sein Blick nun auf die Erde gerichtet. Kein Teleskop ist mehr nötig, kein Astronomiebuch, um die irdischen Dinge in all ihrer Komplexität zu verstehen. Wir können nur hoffen, dass Gracian in seiner neuen Realität zurechtkommt.

Dem Engländer Jay Basu ist ein unglaublich genaues und sehr schönes Buch gelungen. Er entführt den Leser in eine Welt, die vielleicht schon versunken ist und doch in allen wichtigen Details wieder zum Leben erweckt wird. Ich konnte mich jedenfalls sofort zurechtfinden. Meine eigene Verwandtschaft mütterlicherseits, die mir davon erzählte, kam aus dieser Gegend: Oberschlesien, mährisches Sudentenland, aber nicht Richtung Kattowitz (dem Kohlegebiet), sondern Richtung Olmütz in Mähren, einer sehr ländlich strukturierten Region.

Ich kann mir vorstellen, dass sich auch Frauen für diese Geschichte begeistern könnten. Denn nicht irgendwelche Action zählt hier, sondern die Werte zwischenmenschlicher Beziehungen. Und wer weiß? Vielleicht können Frauen besser zwischen den Zeilen lesen als ich.

|Originaltitel: The stars can wait, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Marie Rahn.|